Für unlösbare Fälle

15. Juli 2018 von redaktionguh  
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Für viele Katholiken ist es selbstverständlich, ihre Anliegen der Fürsprache eines spezialisierten Heiligen anzuvertrauen. Der »Schlamperltoni« Antonius von Padua hilft oft aus, wenn die Karten kurz vorm Theaterbesuch unauffindbar sind. Der heilige Christopherus wurde zu Ferienbeginn von manch einem gebeten, die Reise zu beschirmen. Und dass die heilige Anna eine wirkmächtige Fürsprecherin ist, wenn ein Gewitter hereinbricht, na, das hat schon Martin Luther gewusst.

Auch meinem Mann riet ich einst, als er sich Sorgen um das Gelingen des Staatsexamens machte, ein solches Stoßgebet. Ich empfahl den Heiligen Judas Thaddäus. Nicht zu verwechseln mit dem »Verräter-Jünger« Judas Ischariot, soll gerade er in schweren, schier aussichtslosen Anliegen helfen. Das Examen gelang und auch mein eher rational veranlagter Mann musste zugeben: »Der Thaddäus, der kann was.«

Warum also hat Bundesinnenminister Horst Seehofer nicht auch diesen Weg gewählt, um sein Anliegen einer veränderten Asylpolitik auf den Weg zu bringen? Als Katholik hätte ihm diese Möglichkeit doch vor Augen stehen müssen. Stattdessen legte der Asylstreit mit der Pfarrerstochter Angela Merkel und das Theater um Rücktritt und doch nicht Rücktritt, um Europa- und Nationallösungen das Land fast drei Wochen innenpolitisch lahm.

Heraus kam ein fader Kompromiss der Schwesterparteien und schließlich auch mit dem Koalitionspartner SPD. Da wurden alte Ideen aufgewärmt, die schon einmal ad acta gelegt worden waren. Und ob das alles wirklich so umsetzbar ist, hängt immer noch vom Einverständnis der europäischen Partner ab. Ausgang weiterhin unklar. Das hätte der Heilige Judas Thaddäus nun wirklich weitaus besser gekonnt.

Diana Steinbauer

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Unvollkommen vollkommen

13. Juli 2018 von redaktionguh  
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Heilig: Martin Luther hat die Heiligen vom Himmel auf die Erde heruntergeholt. Wie für das Neue Testament sind auch für ihn alle Christen heilig.

Es gibt deshalb nicht mehr Christen erster – eben die Heiligen – und solche zweiter Klasse. Nicht mehr die vollendeten, sondern die lebenden Heiligen stehen für ihn im Zielpunkt des Interesses.

An die Stelle der Heiligenverehrung ist im Protestantismus die Nächstenliebe getreten – mit einschneidenden Folgen für Glauben und Leben. Denn das Heiligsein jedes Christen muss sich im Alltag bewähren. Evangelischsein heißt: Den Glauben ins Leben ziehen. Diese Aufgabe kann fortan auch nicht länger an eine religiöse Elite wie eben die Heiligen delegiert werden.

Pantomime unter dem Heiligenschein. Die Installation vor dem Brandenburger Tor war einer der Heiligenscheine, die vor 15 Jahren über den Besuchern des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin, unter dem Motto »Ihr sollt ein Segen sein«, schwebten. Foto: epd-bild

Pantomime unter dem Heiligenschein. Die Installation vor dem Brandenburger Tor war einer der Heiligenscheine, die vor 15 Jahren über den Besuchern des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin, unter dem Motto »Ihr sollt ein Segen sein«, schwebten. Foto: epd-bild

Dabei war sich Luther bewusst, dass jeder Heilige trotzdem bis an sein Lebensende versagt und an seinem Nächsten schuldig wird. Drastisch schrieb er im Kleinen Katechismus, dass der alte Adam täglich durch Reue und Umkehr ersäuft werden muss – denn das Biest kann schwimmen. Diese Einsicht in das menschliche Herz wäre zum Verzweifeln, wenn der Reformator nicht gleichzeitig erkannt hätte, dass Gott bereit ist, dem Menschen immer wieder zu vergeben und ihm einen Neuanfang zu schenken. Christen sind also nicht besser als andere Menschen – aber sie sind besser dran, weil sie im Antlitz Jesu Christi die Liebe Gottes erblickt haben.

Mit zunehmender Säkularisierung ist das Angebot des Evangeliums, dass Gott bereit ist, Menschen Schuld und Versagen zu vergeben, entweder für unzeitgemäß erklärt worden oder schlicht mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Nach Überzeugung des Philosophen Odo Marquard hat das den neuzeitlichen Menschen – und das gilt meiner Beobachtung nach längst für Nichtchristen und Christen gleichermaßen – in eine prekäre Lage gebracht.

Er muss mit seiner Schuld und Schuldverflochtenheit selber fertig werden und findet sich als Konsequenz in einer »Übertribunalisierung« seiner Lebenswirklichkeit vor. Weil er die Entlastung durch die göttliche Vergebung nicht mehr kennt, ist er selbstverantwortlich für alles, was im persönlichen und gesellschaftlichen Leben misslingt.

In der Konsequenz kommt es zu einer Tyrannei des gelingenden Lebens mit einer häufig zu beobachtenden Überanstrengung des Subjekts, geprägt von Leistungszwang von außen und dem Drang zur Selbstoptimierung von innen. Unsere Gesellschaft produziert das Gefühl, nie am Ende sein zu dürfen.

Angesichts dieser Situation lohnt es sich, den christlichen Glauben neu ins Spiel zu bringen. Er hat das Potenzial, Menschen zur Selbstvergewisserung durch Selbstbegrenzung und Selbstverendlichung zu verhelfen: »Du darfst am Ende sein! Du musst dir deine Lebensberechtigung nicht selbst verdienen. Gott sieht dich in Jesus Christus ohne Vorleistungen gnädig an.« Dass mir meine Lebensberechtigung von außen, als Geschenk, zugesprochen wird, ist nicht Ausdruck einer entmündigenden, kleinmachenden Erfahrung, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung. Ich muss nicht mehr sein als ein vor Gott und Menschen heilsam begrenzter Mensch. In einem Brief hielt Martin Luther fest: »Wir sollen Mensch und nicht Gott sein. Das ist die Summa.«

Genau an dieser Stelle könnte die Wiedergewinnung einer evangelischen Heiligenverehrung hilfreich sein. Die lutherische Reformation hat diese ja nicht an sich abgelehnt. Sie wollte sie nur nach reformatorischen Grundsätzen umgestalten. Nach Artikel 21 des Bekenntnisses von Augsburg ist der Christ ein besonders zu ehrender Heiliger, wenn dessen Vorbild hilft, das eigene Vertrauen auf die Rechtfertigung allein aus Gnaden zu stärken und zur Nachfolge Jesu Christi im Beruf entsprechend der eigenen Begabung zu ermuntern.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

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Christusfest mit Auftrag

25. Mai 2018 von redaktionguh  
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Was bleibt vom Reformationsjubiläum? An erster Stelle ein Satz der Bibel. Einer, der schon vor 2017 da war und der auch zukünftig bleiben und gelten wird: »Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.«

Was bleibt noch? Es bleibt eine revidierte Übersetzung der Lutherbibel. In unserer säkular geprägten Gesellschaft haben Menschen sie gekauft und so die Heilige Schrift zu sich nach Hause geholt. Sollte es Wichtigeres geben als das? Und weil wir gerade bei Büchern sind: Neue historische Bücher machten deutlich, dass wir es im Blick auf die Reformation mit einer vielfältigen reformatorischen Bewegung zu tun haben. Dass Martin Luthers Welt eine uns heute fremde Welt ist. Dass wir Erkenntnisse der Reformation deshalb für heute neu verstehen müssen. Und dass wir manches, was Martin Luther vertreten hat, heute klar zurückweisen müssen. Wie seinen Antijudaismus. Der historische Blick auf die Reformation hat heilsamen Abstand hergestellt, neues Verstehen und neue Fragen geweckt, das eigene Denken herausgefordert. Und das schadet ja nie.

Vor einem Jahr: Die Kirchentage auf dem Weg und die Abschlussveranstaltung auf den Elbwiesen bei Wittenberg. Der begehbare Bibelturm (Foto) am Bahnhof der Lutherstadt war weithin sichtbar. Wie so vieles andere ist er längst wieder abgebaut. Foto: epd-bild

Vor einem Jahr: Die Kirchentage auf dem Weg und die Abschlussveranstaltung auf den Elbwiesen bei Wittenberg. Der begehbare Bibelturm (Foto) am Bahnhof der Lutherstadt war weithin sichtbar. Wie so vieles andere ist er längst wieder abgebaut. Foto: epd-bild

Als ökumenisches Christusfest hat das Reformationsgedenken zu einem vertieften Verständnis der Konfessionen beigetragen. Es tat gut, in ökumenischer Verbundenheit Gottesdienste zu feiern. Es war wichtig, Verletzungen und Fragen auszusprechen, die das Miteinander belasten. Und es war wohltuend, gegenseitig Wertschätzung und Respekt zu erfahren. Manches, was dabei ausgesprochen und gefeiert wurde, hat öffentlich nachvollzogen, was im alltäglichen ökumenischen Miteinander schon länger gewachsen ist. Aus dem gemeinsamen Christusfest folgt der Auftrag, jetzt nicht genügsam stehenzubleiben, sondern weiter miteinander unterwegs und dabei über Trennendes wie Gemeinsames im Gespräch zu sein. Zwischen katholischer und evangelischer Kirche sind das vor allem Fragen des Kirchen- und des Amtsverständnisses und daraus resultierend des Abendmahles.

Zum Reformationsjubiläum kamen viele Touristen in unsere Region. Was die Reformation hier jeweils vor Ort historisch, gegenwärtig und zukünftig bedeutet, hat Interesse gefunden. Das hat die Kirchengemeinden gestärkt. Es hat Gemeindeglieder ermutigt. Hat Kontakte zu anderen Akteuren der Zivilgesellschaft gefestigt und neue finden lassen. Hat Gemeinschaft neu entdecken lassen – besonders eindrücklich in vielfältigen Formen der Mahlgemeinschaft und Gastfreundschaft. Hier werden wir zukünftig anknüpfen können. Dazu gehören auch die Gespräche und Begegnungen mit Menschen anderer religiöser Überzeugungen. Die Fortsetzung eines vertieften interreligiösen Austausches und die Diskussion über das Zusammenleben in einer pluralen und multireligiösen Gesellschaft gehören für mich ganz unbedingt zur Bilanz des Reformationsjubiläums. Wie Einheit in Vielfalt entsteht und gelebt wird, hat in der reformatorischen Bewegung durch die Jahrhunderte hindurch zu unterschiedlichen Antworten geführt. Das war ein Lernprozess, der auch zu der Einsicht führte, dass Menschen unterschiedlicher religiöser, kultureller und politischer Prägung nur in »versöhnter Verschiedenheit« friedlich miteinander leben können. Erfahrungen und Erkenntnisse aus diesem Lernprozess können wir einbringen in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs.

Die Kooperationen und Kontakte vor Ort haben auch Mitgliedschaftsfragen neu in den Blick gerückt. Wer gehört zu uns? Was ist mit denen, die dabei sind, aber nicht dazugehören? Die sich mit uns für andere engagieren, aber nicht Kirchenmitglieder sind? Und dennoch bei uns sind. An unserer Seite. Mit uns befreundet. Was bedeutet das für unser Verständnis von Taufe, Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer? Vielleicht geht es um weniger starre Grenzen. Und darum, öffentlicher zu werden. So, wie es die Reformation einmal gedacht hat: An alle weitersagen und für alle erfahrbar machen, was es heißt, aus der Gnade und Liebe dessen zu leben, von dem Christenmenschen bekennen: »Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.«

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Die Autorin ist Regionalbischöfin für den Propstsprengel Meiningen-Suhl und war Reformations-Scout für die EKD-Synode.

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Gemeinsam am Tisch des Herrn

7. Mai 2018 von redaktionguh  
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Ökumene: Christen haben gut lachen, findet Kirchenclown Leo aus Halle

Das Gleichnis vom Festmahl – eine andere biblische Geschichte wollten Florentine, Amanda, Pauline, Christophorus und Leo nicht erzählen. Welches Gleichnis Jesu passt auch besser zu jenen fünf Kirchenclowns, die vier verschiedenen Konfessionen angehören? Sie sind römisch-katholisch, evangelisch-uniert, evangelisch-methodistisch und freikirchlich-evangelisch – und doch folgen sie alle der großen Einladung Gottes, wie sie im Lukasevangelium (14,15ff) beschrieben wird.

Ein starkes Team: (von links) Clown Christophorus, Clown Florentine, Almuth Schulz, Clown Leo, Clown Amanda, Clown Pauline. Foto: Friedbert Gruhler

Ein starkes Team: (von links) Clown Christophorus, Clown Florentine, Almuth Schulz, Clown Leo, Clown Amanda, Clown Pauline. Foto: Friedbert Gruhler

»Das Gleichnis des Festmahls stellt alltägliche und gleichzeitig hochtheologische Fragen«, sagt Steffen Schulz alias Kirchenclown Leo aus Halle-Trotha. Da lädt ein Hausherr ein und all seine Gäste sagen ab, er aber schickt seinen Diener wieder los und lässt andere kommen, die Kranken, die Armen, die Aussätzigen. Was machen wir mit der Einladung Gottes? Nehmen wir sie aus freien Stücken an? Setzen wir uns gemeinsam an den Tisch des Herrn? Erkennen wir, dass uns so viel mehr eint als trennt?

Steffen Schulz versucht das. Seit 19 Jahren steht er als Clown Leo auf der Bühne; in der ersten Zeit allein, aber zum elften Clownsgeburtstag 2010 spürte er die große Sehnsucht, gemeinsam mit Gleichgesinnten zu spielen. So entstand das Stück »Köstlich – oder: Kommt, es ist alles bereit!« über das Festmahl-Gleichnis. Leo, Amanda, Florentine, Pauline und Christophorus sowie Almuth Schulz am Piano haben die Bibelgeschichte adaptiert. Aus dem Hausherrn wird ein Paar, neben dem Diener spielt auch ein Hofnarr mit, es gibt Slapstick-Einlagen, das Stück ist als Nummernprogramm konzipiert. »Köstlich« spricht kleine Menschenkinder mit seinen Emotionen und große mit seinen Metaphern an.

»Humor verbindet. Humor ist vielleicht sogar ein Synonym für Ökumene«, sagt Steffen Schulz. Schmunzelnd fügt der hauptberufliche Kirchenclown an, das sei nun wahrlich eine steile These. Aber wenn der Körper lacht, kommt etwas in Bewegung, in Wallung. So wie auch in der Ökumene.

Steffen Schulz hat früh gelernt, dass Christen unterschiedlicher Konfessionen alle denselben Herrn haben, dass sie einer Familie angehörigen. Er selbst wuchs nahe Halle in einer ökumenischen Familie auf, der Vater katholisch, die Mutter evangelisch. Eher aus zufälligen, pragmatischen Gründen sei er Protestant geworden; die evangelische Kirche war einfach näher am Elternhaus in Gutenberg als die katholische. Mit seinem Clownsnamen Leo besinnt er sich auf seine katholischen Wurzeln, der Name stammt vom katholischen Großvater.

»Ökumene ist für mich selbstverständlich«, sagt Steffen Schulz und freut sich über das gelungene Miteinander seiner Clowns-Kollegen. »Köstlich« ist nicht nur ökumenisch inszeniert, sondern auch ökumenisch finanziert: Neben der EKM beteiligte sich unter anderem das Bistum Magdeburg an den Kosten. Im Jahr 2016, am Vorabend des Reformationsjubiläums, war das Kirchenclown-Ensemble in Luthers Kernland unterwegs. 2018 laden die Clowns im Sauer- und Siegerland zum Festmahl ein und auch für die kommenden beiden Jahre gibt es schon Anfragen und Pläne. Danach will Clown Leo seine Hosenträger an den Nagel hängen. Steffen Schulz möchte sich auf andere Wege begeben, das Evangelium zu verkünden. Ganz sicher mit einer großen Portion fröhlicher Ernsthaftigkeit.

Katja Schmidtke

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Nachhall: Das geht so nicht!

29. April 2018 von redaktionguh  
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Für die Evangelische Kirche in Deutschland ist das eine Blamage, die Konsequenzen haben muss. Der Vertreter der EKD im Beirat des Musikpreises Echo hat für die Zulassung der Skandalrapper Farid Bang und Kollegah zur Preisverleihung gestimmt – trotz übelster antisemitischer Texte auf ihrem Album »Jung, Brutal, Gutaussehend 3«.

Eigentlich ist das unvorstellbar. Denn hatte sich die EKD nicht gerade im Vorfeld des Reformationsjubiläums auf ihr besonderes Verhältnis zu Israel und dem jüdischen Volk besonnen? Hatte man nicht in unzähligen Erklärungen Luthers Antisemitismus und die christliche Judenmission verurteilt? Wie kann es sein, dass ein Mitarbeiter des EKD-Kulturbüros dann trotzdem so ein Votum abgibt? Eines ist klar: Die bescheidenen Erklärungsversuche, die der Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen gegenüber dieser Zeitung abgab, überzeugen nicht. Denn ist es nicht gerade die Aufgabe eines Kirchenvertreters in einem Ethik-Gremium, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen und die Grenzen der Kunstfreiheit zu markieren? Und wieso sitzt eigentlich ein Mitarbeiter und nicht der Kulturbeauftragte selbst in diesem Echo-Beirat?

Der Rat der EKD und die Mitglieder der Kirchenkonferenz jedenfalls wären gut beraten, auf ihren nächsten Sitzungen über eine grundlegende Neuorganisation ihrer Kulturarbeit nachzudenken. Denn klar ist doch: Ohne große Not wurden hier Grundüberzeugungen des deutschen Protestantismus – zu denen nun einmal auch das entschiedene Eintreten gegen jede Form von Antisemitismus gehört – einer bequemen Mehrheitsmeinung geopfert. Und die EKD wurde von ihren Mitarbeitern öffentlich blamiert. Das geht so nicht! Und es darf auf keinen Fall so weitergehen.

Benjamin Lassiwe

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Auf-Takt für neue Orgel

21. April 2018 von redaktionguh  
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Im Gedenken an Johann Walter, den »Kantor der Reformation« und »Vater der evangelischen Kirchenmusik«, soll die Margarethen-Kirche seines Geburtsortes Kahla eine neue Orgel erhalten. Der Beginn des ersten Bauabschnitts wird am 22. April mit einem Konzert und Informa­tionen zum Projekt gefeiert.

Der offizielle Start des Großprojektes, das ein finanzielles Volumen von insgesamt 750 000 Euro haben wird, erfolgte bereits im Herbst 2013. Damals getragen von der Hoffnung, das Vorhaben bis zum 500. Reformationsjubiläum realisieren zu können. Da dies nicht möglich war, müssen nun mehrere Bauabschnitte absolviert werden.

Kurz vor dem Jahreswechsel konnte die Kirchengemeinde Kahla (Kirchenkreis Eisenberg) den Auftrag zum Bau des ersten Teils der neuen Johann-Walter-Orgel an die Orgelbaufirma Späth (Freiburg i. Br.) vergeben. »Die kleine Orgel, die vorne im Kirchenschiff unserer Stadtkirche ihren Platz finden soll, wird in der Werkstatt in Freiburg gebaut, bevor sie nach Kahla transportiert und in der Kirche aufgestellt wird«, ist von Maren Hellwig vom Förderkreis zu erfahren. Bei der promovierten Biologin laufen die organisatorischen Fäden des Orgelneubaus zusammen. Die Einweihung der kleinen Orgel solle im Jahre 2020 erfolgen. Zuvor müsse noch die Elektrik der Kirche komplett erneuert werden.

Wie das zukünftige Instrument aussehen wird, zeigt der abgebildete Entwurf. Der Orgelprospekt lehnt sich in Klang und Aussehen an Vorbilder aus Johann Walters Zeit an und nimmt zugleich die gotische Formensprache der Kirche auf. Farblich passt er sich an die jetzige Farbgebung des Kircheninneren an. Das »Johann-Walter-Positiv« wird an der Nordwand aufgestellt und verfügt über zehn klingende Register, die in historischer und moderner Stimmung gespielt werden können.

Die Margarethenkirche mit ihren 440 Plätzen hat in der Region eine zentrale Rolle. Deshalb sei es von großer Wichtigkeit, über eine gute Orgel zu verfügen, die zu Gottesdiensten und Konzerten sowohl zum Lob Gottes als auch zur Freude der Besucher erklingt, betont Maren Hellwig weiter. Das bisherige Instrument sei mangelhaft und stark abgenutzt gewesen, was die Spielmöglichkeiten extrem eingeschränkt habe. Künstlerischen Ansprüchen wurde die Orgel nicht mehr gerecht. Reparaturen erschienen nicht mehr sinnvoll.

Das Orgelpositiv wird an der Nordwand aufgestellt und verfügt über zehn klingende Register, die in historischer und moderner Stimmung gespielt werden können.

Das Orgelpositiv wird an der Nordwand aufgestellt und verfügt über zehn klingende Register, die in historischer und moderner Stimmung gespielt werden können.

Den Initiatoren des Orgelprojekts sei schnell deutlich geworden, dass es zwar diverse Fördermöglichkeiten und Stiftungen für Restaurierungsarbeiten gebe, aber keine Unterstützung für Orgelneubauten. Zugleich habe man vor der Herausforderung gestanden, im Geburtsort Johann Walters ein hochwertiges Instrument in Auftrag zu geben, das umfassende Möglichkeiten zur Ausübung der Kirchenmusik bietet.

Johann Walter habe durch die Vertonung von Martin Luthers deutschen Liedtexten und die damit verbundene Förderung des Gemeindegesangs der Reformation musikalische Flügel verliehen, verweist Maren Hellwig auf historische Wurzeln. »Mit Luther setzte er sich ein für die Zusammengehörigkeit von Theologie und Musik und damit für den Erhalt der Kirchenmusik durch die Wirren der Reformationszeit. Durch seine Tätigkeit als Komponist, Dichter und Musiktheoretiker hat Walter die weitere Entwicklung der evangelischen Kirchenmusik entscheidend beeinflusst. Er legte Grundlagen, auf denen Komponisten wie Bach, Händel oder Mendelssohn aufbauten. Mit Recht kann gesagt werden: Ohne Johann Walter keine evangelische Kirchenmusik!«

Dieses Erbe zu bewahren und seine Bedeutung zu würdigen, sei für Kahla eine aus der Geschichte gewachsene, besondere Verpflichtung. Der musikalischen Innovationskraft, die uns in Walter begegnet, soll in seiner Heimatstadt mit der »Johann-Walter-Orgel« ein Denkmal gesetzt werden, sind die Initiatoren überzeugt.

Die ca. 200 000 Euro für den ersten Bauabschnitt sind mittlerweile zusammengekommen. Wenn dieser absolviert ist, soll auf der Westempore eine moderne, zweiflügelige Orgel mit 31 Registern errichtet werden, die das mittlere Fenster freilässt. Erst mit dieser Hauptorgel wird das geplante Instrument vollständig sein. Deshalb müssen noch viele Spendengelder gesammelt werden. Maren Hellwig wirbt deshalb für die Übernahme von Pfeifenpatenschaften. Wie man eine solche antreten kann, verrät die übersichtlich gestaltete Homepage! Hier findet sich auch das Spendenkonto.

Doch jetzt wird erst einmal der Baubeginn gefeiert, wobei Orgelbaumeister Tilmann Späth das Projekt präsentieren und Mitglieder des Förderkreises über die Rahmenbedingungen informieren werden. Die Schirmherrschaft des Großprojektes hat der Sänger und Entertainer Gunther Emmerlich übernommen, der einen Auszug aus seinem aktuellen Programm beisteuert. Der Jugendchor an St. Marien Greiz und die Junge Hofkapelle Greiz unter Leitung von Ralf Stiller bereichern die Veranstaltung mit weiteren Musikwerken.

Michael von Hintzenstern

22. April, 17 Uhr, Stadtkirche St. Margarethen Kahla

www.jwok.de

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Dem Glück näherkommen

13. April 2018 von redaktionguh  
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Der Weltglücksbericht versuchte kürzlich in Zahlen zu verpacken, wo die Menschen am glücklichsten sind und was dazu beiträgt. Deutschland belegte dabei Platz 15 – so die Wissenschaft.

Neben dem Bruttoinlandsprodukt wurden dem Index auch das Einkommen, der soziale Zusammenhalt, Gesundheit, die Freiheit der eigenen Entscheidungen und Korruption als Faktoren zugrunde gelegt. »In unserer Gesellschaft glauben viele, dass sich das Glück einstellt, sobald ihre Wünsche in Erfüllung gehen«, sagte der Philosoph, Publizist und Theologe Christoph Quarch kürzlich in einem Interview. Doch mache das nur kurzfristig zufrieden, aber nicht glücklich.

Menschliche Wünsche sind so umfangreich wie vielfältig. Es gibt viele Ziele, die auf dem Weg zum Lebensglück verwirklicht werden wollen. Die Kontrolle über die Planung und Verwirklichung des Lebens zu behalten, hat oberste Priorität – dafür wird alles getan und das möglichst effektiv.

Jenseits der erfassten Komponenten des Glücksindex ist das Glück in der Realität von viel mehr, und im schlimmsten Fall unkalkulierbaren, Faktoren abhängig. In Gesprächen und beim genauen Hinsehen scheint das, was wir als Glück bezeichnen, ein sehr instabiles Konstrukt zu sein. Zu viele Unsicherheiten tragen dazu bei: Banalitäten wie das Wetter ebenso wie unser Beruf, Hobbies, Urlaube und Erlebnisse, Beziehungen, die eigene Gesundheit und die unserer Mitmenschen.

»Der Anblick eines wahrhaft Glücklichen macht glücklich« Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Foto: Phase4Photography – stock.adobe.com

»Der Anblick eines wahrhaft Glücklichen macht glücklich« Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Foto: Phase4Photography – stock.adobe.com

Überhaupt scheint die Gesundheit ein Hauptindikator für unser vermeintliches Glück oder Unglück zu sein – trotz medizinisch nie da gewesener Möglichkeiten zur Heilung und erheblicher Verbesserung der Lebensumstände Erkrankter. Das gilt auch für Menschen mit der Erbgutstörung Trisomie 21. Trotzdem entscheiden sich neun von zehn Schwangeren bei einer möglichen Erkrankung ihres ungeborenen Kindes dafür, die Schwangerschaft aufgrund dieser Indikation zu beenden. Die Möglichkeiten zur Feststellung dieser oder anderer Krankheiten im Mutterleib nehmen immer größere Ausmaße an. Der Grund: Ein krankes Kind könne kein glückliches Leben führen. Oder das eigene Lebensglück erheblich beschränken. Diese Entwicklung nimmt die ökumenische Aktion »Woche für das Leben« in diesen Tagen besonders in den Blick.

Geprägt sind unsere Glückserwartungen zu großen Teilen von den Idealen der Konsumgesellschaft. »Je mehr man ihnen folgt, umso unmöglicher wird es, diesen zu genügen«, formuliert Christoph Quarch weiter. In diesem Sinne definieren wir uns als »rationaler Egoist, der mit seiner Vernunft und Technik die Welt nach seinen Interessen einrichtet.« Treten Umstände auf, die uns nicht dienlich oder kontrollierbar sind, die uns mit Krankheiten und Unvollkommenem konfrontieren, stellt sich das vermeintliche Unglück ein, das es zu beseitigen gilt.

Es scheint ein Hamsterrad zu sein, dem schwer zu entkommen ist. Denn landläufig herrscht die Annahme vor, dass Glück machbar sei. »Jeder ist seines Glückes Schmied.« Die Fähigkeit, in einer gegebenen Situation glücklich zu sein, hängt also, außer von äußeren Umständen, auch von eigenen Einstellungen und Bemühungen ab. Das setzt uns unter Druck.

In der Bibel ist vom Glück keine Rede. Auch wenn Martin Luther einige Worte im Alten Testament mit »Glück« übersetzt hat, heißt keines wirklich das, was wir mit »Glück« meinen. Und doch lautete die Jahreslosung vor vier Jahren sehr einfach und eindringlich: »Gott nahe zu sein, ist mein Glück.« Diese Variante des Psalm 73,28 entsprach der damaligen ökumenischen Einheitsübersetzung.

Gelingt es, dem stetigen Mühen um das Lebensglück für einen Moment zu entkommen und eine Außenperspektive einzunehmen, scheint in der Tat das einzig Sinnvolle zu sein, was wir aus eigener Kraft tun können, um glücklich zu werden: uns Gott zu nähern. Es befreit uns vom Streben nach immer neuen Zielen und Idealen. Wir können unsere Prioritäten anders setzen, entgegen dem Drang zur Selbstoptimierung. Gottes Gegenwart stellt die noch so widrigen Umstände unseres Lebens in ein anderes Licht und gibt ihnen eine neue Wertigkeit. In seiner Gegenwart können wir lernen alles anzunehmen, egal wie fehlerhaft, unübersichtlich, ungeplant – und dennoch unser Glück finden.

Mirjam Petermann

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Evangelische Marktwirtschaft

16. Februar 2018 von redaktionguh  
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Arbeit als Gottesdienst: Das Verhältnis der Protestanten zur Wirtschaft war immer vielfältig. Da ist zum einen der Stolz darauf, dass sie es waren, die ein modernes, produktives Wirtschaften überhaupt erst in Gang setzten.

Ohne Luthers und Calvins Berufsethik und ihr Dienstethos, ohne Sparsamkeit und Hingabe an die Arbeit keine protestantische Arbeitsethik, kein ehrbares Handwerk und auch kein Unternehmertum. Die Reformatoren erklärten die Arbeit zum Gottesdienst, weswegen sie viele Feiertage abschafften und religiöse Energien in den Alltag umleiteten. Seitdem, so wird immer wieder gerne erzählt, waren die evangelischen Gegenden, besonders die reformierten, wirtschaftlich ganz vorne. Genau deswegen – nicht aus Nächstenliebe – holte seinerzeit der Große Kurfürst die strebsamen Hugenotten nach Brandenburg und Berlin.

Und so blieb das auch bis ins 19. Jahrhundert hinein. Die großen Unternehmergestalten der Gründerjahre: mit großer Mehrheit Protestanten. Lange blieben die katholischen Gegenden im Rückstand. Protestantismus und Wirtschaft legitimierten sich so gegenseitig: Wer modern sein wollte, der gehörte zu beidem dazu, war liberal – und mit Verachtung schaute man auf die anderen, die anscheinend in jeder Hinsicht rückwärtsgewandten Katholiken.

Aber da gab es durchaus auch Bedenken. Die neue Wirtschaft, bald als Kapitalismus bezeichnet, sprengte in ihrer Aggressivität alles, was die Gesellschaft bis dahin zusammengehalten hatte: moralische Maßstäbe, Gemeinschaften, Schutz der Schwachen, Ordnungen aller Art, die Orientierung und Halt vermittelten. Je länger desto deutlicher schien nun nur noch das Geld, der Profit, die Konkurrenz zu regieren. Der Mensch – nur noch Mittel zum Zweck? Was hatte man da bloß losgetreten? Die Protestanten begannen sich zu besinnen und verpflichteten nun den Staat, um auch in der Wirtschaft mit Gesetzeskraft »von oben« für menschliche Maßstäbe zu sorgen. Dafür wurde ein »soziales Königtum« gefordert und einer der ganz großen evangelischen Reformer, Bismarck, bekannte sich gar – mit vielen anderen – als »Staatssozialist« – was allerdings mit dem Sozialismus der Arbeiterbewegung nichts zu tun hatte. Den lebendigen Kontakt zu ihr verlor die obrigkeitstreue Kirche. Und als dann 1919 die Könige und der Kaiser über Nacht verschwanden, wurden die Protestanten reaktionär – mit fürchterlichen Folgen. Zur Wirtschaft verloren die meisten den Bezug; man zog sich in den sozialen Bereich zurück. Innere Mission und Diakonie wurden zu Bewährungsfeldern der evangelischen Christen, während die Katholiken sehr erfolgreich die deutsche Wirtschafts- und Sozialordnung prägten.

Kirchturm – Geldtürme: Die Skyline des Bankenviertels in Frankfurt am Main. Mittendrin der Kirchturm der evangelischen Hauptkirche St. Katharinen. Seit 1802 ist sie Eigentum der Stadt Frankfurt, die seitdem für den Unterhalt verantwortlich ist. Foto: Jörg Hackemann / travelview – stock.adobe.com

Kirchturm – Geldtürme: Die Skyline des Bankenviertels in Frankfurt am Main. Mittendrin der Kirchturm der evangelischen Hauptkirche St. Katharinen. Seit 1802 ist sie Eigentum der Stadt Frankfurt, die seitdem für den Unterhalt verantwortlich ist. Foto: Jörg Hackemann / travelview – stock.adobe.com

Aber dann waren es 1945 im Westen wiederum hauptsächlich Protestanten, die nun etwas völlig Neues konzipierten: die Soziale Marktwirtschaft als Dritten Weg zwischen angelsächsischem liberalen Marktkapitalismus und dem realen Sozialismus in der DDR und anderswo. Im Osten blieben Christen von politischer Mitgestaltung ausgeschlossen. Die Idee war: Man braucht eine starke unternehmerisch angetriebene Marktwirtschaft, um eine flexible Versorgung der Menschen sicherzustellen – und man braucht sozialen Ausgleich. Konkurrenz in der Wirtschaft ist nötig, um Machtballungen zu verhindern. Leistung muss gerecht belohnt werden; etwas, was den Deutschen bis heute ganz wichtig ist. Und natürlich braucht es soziale Sicherungen gegen Armut, Alter, Krankheiten, Arbeitslosigkeit: einen Sozialstaat.

Und heute? Der Wohlstand wächst immer weiter – die durchschnittliche Lebenserwartung steigt alle vier Jahre um ein Jahr. Angst vor Arbeitslosigkeit haben zur Zeit nur wenige Menschen. Und doch gibt es viel Kritik. Die soziale Ungleichheit ist gestiegen.

Deutschland gehört tatsächlich nur wenigen Reichen. Und der Unterschied zwischen Ost und West verschwindet nicht aus der Welt. Neue Trends – Digitalisierung – machen Angst: Wer kann da auf die Dauer noch mithalten? Armut ist gerade im reichen Deutschland ganz bitter, und Hartz IV ist sicherlich kein Ermutigungsprogramm. Ist das wirtschaftliche Leben von christlichen Werten bestimmt? Zweifel bleiben.

Gerhard Wegner

Der Autor ist Direktor des Sozialwissenschaftlichen Institutes der EKD.

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Gesicht zeigen

11. Februar 2018 von redaktionguh  
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Vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Ich bin ganz froh, dass nach dem Reformationsjahr um Luther etwas Ruhe eingekehrt ist. Der Reformator wurde schon arg strapaziert im vergangenen Jahr. Von seinen Thesen bis zur Nudel wurde geluthert, was das Zeug hielt. Musste sein, denn klar war: Nach der Luther-Dekade und dem Reformationsjubiläum will kaum mehr jemand etwas davon hören.

Denkste! Gleich drei Forschungseinrichtungen machen sich daran, jetzt, wo alles vorbei ist, den wahren Luther zu entdecken. Das Ziel: Am Ende will man wissen, wie der Reformator wirklich aussah. Diese Aussicht ist der Leibniz-Gemeinschaft sogar eine Million Euro wert. Es gehe darum, hieß es, zu klären, inwiefern die Gemälde ein realistisches Porträt von Luther entwarfen oder ob sie eine nachträgliche Heroisierung darstellen. Die These: Lucas Cranach der Ältere könnte Agitprop-Bilder anstatt authentischer Porträts geschaffen haben.

Damit müssen sich freilich die evangelisch-reformierten Kirchen nicht rumschlagen. Außerbiblische Elemente oder Bilder haben in den schlichten Räumen keinen Platz. Wie die Reformatoren Zwingli oder Calvin in echt ausgesehen haben, hat, glaube ich, noch niemanden wirklich interessiert.

Nach allem, was ich über Luther gelesen und gehört habe, hätte er das Projekt abgelehnt. Zeit- und Geldverschwendung. Gesicht zeigen ist etwas anderes. Mutig sein und für Überzeugungen einstehen. Glaube, Liebe, Hoffnung sichtbar machen und das wahre Gesicht des befreienden Evangeliums zu zeigen, das wäre Luther nicht nur ein Forschungsprojekt wert. Diese Erkenntnis trieb ihn an. Handelt es sich dabei nicht auch heute noch um den Kern und bei Jesus Christus um das wahre Gesicht unseres Glaubens?

Dieses Antlitz zu suchen, halte ich für eine lohnende Aufgabe!

Willi Wild

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»Wer singt, betet doppelt«

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Ursprung aller Musik ist die Anbetung Gottes in Tönen

Dieser Satz wird dem alten Kirchenvater Augustinus zugeschrieben, aber auch Martin Luther soll ihn geäußert haben. Es ist zu vermuten, dass dieser ihn bereits als Augustinermönch verinnerlicht hat. Der Reformator wusste genau, was er tat, als er seine wichtigsten Botschaften in Lieder verpackte. »Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich«, beschreibt er ihre Bedeutung für Glaube und Gemüt.

Luther war ein geübter Sänger und Lautenspieler. In seinem Werk als Lieddichter und Tonschöpfer hat er die reformatorischen Glaubenssätze in einer mitreißenden Musiksprache verbreitet. Dafür sprechen »Ohrwürmer« wie der zündende Choral »Ein feste Burg ist unser Gott«. Seine Lieder sowie die seiner Wegbegleiter entfalteten große Wirkung bei der Ausbreitung der Reformation.

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Die Bibel ist voll von Gesang und Musik. Ganze Bücher sind in Form von Liedern geschrieben – so etwa die Psalmen oder das Hohelied Salomos. Aus dem synagogalen Gottesdienst des Judentums stammt die Tradition, biblische Gebetstexte nicht einfach sprechend zu deklamieren, sondern singend vorzutragen. In der christlichen Praxis entstanden aus Gebetstexten immer kunstvollere Melodien. Stand am Anfang zunächst der Sprechgesang auf einem einzelnen Ton, ergaben sich in der Folgezeit aus der Betonung bestimmter Silben Melodiefloskeln, die zu ausgefeilten Melodiefolgen weiterentwickelt wurden. Ein schönes Beispiel dafür ist die im neunten Jahrhundert entstandene gregorianische Antiphon »Da pacem, Domine«, die Luther 1529 nachdichtete. Unter der Nr. 421 ist die deutsche Nachdichtung des Reformators bis heute im Evangelischen Gesangbuch (EG) zu finden: »Verleih uns Frieden gnädiglich«.

So entstanden Hunderte von Gebetsmelodien. Über einen langen Zeitraum wurden diese mündlich überliefert. Die Kantoren kannten sie auswendig und brachten sie jeweils ihren Gemeinden und Nachfolgern bei. Um ihren Fortbestand zu sichern, begann man, sie aufzuzeichnen. So entstanden die sogenannten »Neumen«. Das griechische Wort »Neuma« (deutsch: »Wink«) umschreibt, dass der melodische Verlauf mit Symbolen bzw. Handzeichen angezeigt wurde.

Mit der Entwicklung des Notenliniensystems wurde es möglich, genaue Tonhöhen zu notieren. Aus dem freien Fluss des am Sprechrhythmus orientierten gregorianischen Chorals entwickelten sich nun feste Rhythmen. So war es möglich, den Gesang einzelner Stimmgruppen oder Instrumente zu koordinieren! Damit war die Basis für mehrstimmige Musikwerke geschaffen, von denen bis heute unzählige geschaffen wurden. Dabei sollte nicht verdrängt werden: Der Ursprung aller Musik ist das gesungene Gebet.

Michael von Hintzenstern

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