Wem gehört Luther?

4. November 2018 von redaktionguh  
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Noch 2017 wurde ich mehrfach gefragt, ob der Thesenanschlag wirklich stattgefunden hat. Es mag in der Forschung Konsens darüber bestehen, dass die Ablassthesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen wurden, doch der Konsens scheint das Publikum nicht erreicht zu haben. An diesem Punkt verirrt sich Thomas Kaufmann (siehe Nr. 43, S. 1) in den Elfenbeinturm und doziert – unerreichbar für die Miasmen der Wirklichkeit, die Martin Luther in die Nase stachen. Der Historiker wird von der Gesellschaft mindestens für zweierlei bezahlt: erstens, dass er die Geschichte erforscht, und zweitens, dass er die Resultate der Öffentlichkeit in populärer Form unterbreitet.

Das haben Hasselhorn und Gutjahr geleistet – wissenschaftlich korrekt, was Kaufmann nicht bestreitet, und populär, was den Professor in Harnisch bringt.

Warum eigentlich? Der Furor wäre verständlich, wenn die Autoren Unfug verbreiten würden, doch das ist nicht der Fall. Also stellt sich die Frage: Wem gehört Luther und wie populär darf er sein? Antwort hatte schon Martin Luther erteilt: in der Bibelübersetzung, im Sendbrief vom Dolmetschen, in dem er zeigte, wie er, ausgehend vom Priestertum aller Menschen und von jedermanns Pflicht, die Heilige Schrift zu lesen, sich um Allgemeinverständlichkeit bemühte. Bereits in den Thesen der disputatio contra scholasticam theologiam verabschiedete er sich von einem unfruchtbaren Akademismus. Wünschenswert wäre es, der Professor verließe den Elfenbeinturm und träte auf die Straße, in die Gemeinschaft der Christen jeglicher Profession, dorthin, wo ihn Martin Luther bereits erwartet.

Klaus-Rüdiger Mai

Der Autor ist Luther-Biograf und Verfasser des Buches »Geht der Kirche der Glaube aus?«

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Hat er oder hat er nicht …

29. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Alle Jahre wieder – könnte man meinen – drängt sich die Frage nach dem Corpus Delicti des Thesenanschlags auf. Aktuell stellt ein Buch den Hammer wieder in den Mittelpunkt.

Am 31. Oktober 1517 muss es Martin Luther gereicht haben. Denn obwohl er seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an ausgewählte Adressaten verschickt hatte, entschloss er sich, selbige an der Tür der Wittenberger Schlosskirche zu veröffentlichen. Um sie zu befestigen, hätte er Siegelwachs nehmen können, entschied sich aber dann für gröberes Werkzeug. Mit dem Hammerschlag stieß er auch das Tor zu einer neuen Zeit auf. Irgendwann wurde aus der Tat nicht weniger als der Gründungsmythos des Protestantismus.

Tatsache? Auch über 500 Jahre danach scheint die Frage nicht Wenige brennend zu interessieren, ob Martin Luther wirklich einen Hammer benutzte, um seine 95 Thesen an der Wittenberger Schlosskirche zu befestigen. Foto: pixabay

Tatsache? Auch über 500 Jahre danach scheint die Frage nicht Wenige brennend zu interessieren, ob Martin Luther wirklich einen Hammer benutzte, um seine 95 Thesen an der Wittenberger Schlosskirche zu befestigen. Foto: pixabay

Einer, der dieses Ereignis nicht in Frage stellt, ist ein Katholik: Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff. Unlängst saß er im Refektorium des Lutherhauses Wittenberg. Anlass war die Präsentation des Buches »Tatsache!« der Historiker Mirko Gutjahr und Benjamin Hasselhorn. Erschienen ist es in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, sein Untertitel lautet »Die Wahrheit über Luthers Thesenanschlag«. An der Echtheit dieser Tat gab es laut Haseloff, dessen Familie seit Hunderten Jahren ortsansässig sei, »in der Stadt nie Zweifel«. Im Gegenteil: »Jeder hat sich mit Luther auseinandergesetzt, selbst wenn er keiner Kirche angehörte.« Und: »Jeder, der eine Botschaft aussenden wollte, hätte sich das genauso ausgedacht.« Er hätte den Vorabend von Allerheiligen gewählt. »Wenn man hier lebt, spürt man das«, so Haseloff, der für Zweifel aus der Wissenschaftswelt zwei Worte übrig hat: Es sei »akademisches Geplänkel«.

Nun sitzen Skeptiker, so scheint’s, auch in Redaktionsstuben. Zumindest machte sich dort 2017 Unsicherheit breit, denn ausgerechnet im Jahr des Reformationsjubiläums wurde Luthers Tat wieder in den Konjunktiv gesetzt. »Soll angeschlagen haben …«. »der Überlieferung nach …«, »vermeintlich …« Hasselhorn und Gutjahr, beide wissenschaftliche Mitarbeiter der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, nahmen u. a. diese neu aufflammende Skepsis sowie »Vorbehalte, mit der Wirkungsgeschichte zu spielen« zum Anlass für ihr Buch.

Dass sie sich der Aufarbeitung wie einem juristischen Fall genähert hätten, erklärte Gutjahr im gut besuchten Refektorium. Man kenne Täter und Tatwaffe, es ging darum, Argumente gegeneinander zu stellen. Das Problem war, dass Luther selbst nicht über den Anschlag gesprochen habe und auch »Belastungszeugen« (etwa Melanchthon oder Agricola) nicht ganz zuverlässig sind. Das »Schweigen der Quellen« werde von den Zweiflern vorgebracht, wobei sie nicht »die Wahrheit« dagegen stellen, sondern einen neuen Mythos.

An solche Skeptiker erinnern ihrerseits die Autoren (beispielsweise an Erwin Iserloh). Sie gehen auf gut 150 Seiten zahlreichen Fragestellungen nach und verweisen im Kapitel »Tatsache Thesenanschlag« auf einen »neuen Quellenfund«, den der Wittenberger Kirchenhistoriker Martin Treu bereits 2006 gemacht hatte. In der Universitätsbibliothek Jena stieß er auf eine entsprechende Notiz von Luthers Sekretär Georg Rörer.

Am Ende haben Gutjahr und Hasselhorn, um noch einmal das Bild vom juristischen Fall zu bemühen, etliches zusammengetragen, was man Indizienbeweise nennen könnte. Und liefern schließlich noch eine mindestens originelle Begründung für den Hammer als Tatwaffe: Der passe deshalb »so gut zu Luther, weil er mit diesem und anderen Werkzeugen andauernd Umgang hatte«. Sie begründen das u. a. mit Luthers Funktion als Distriktsvikar, als solcher sei er auch für die Bautätigkeiten der ihm unterstellten Augustinerklöster in Sachsen zuständig gewesen.

Hasselhorn, Benjamin / Gutjahr, Mirko: »Tatsache! Die Wahrheit über Luthers Thesenanschlag«, Evangelische Verlagsanstalt, 152 Seiten, ISBN 978-3-374-05638-5, 10 Euro

Hasselhorn, Benjamin / Gutjahr, Mirko: »Tatsache! Die Wahrheit über Luthers Thesenanschlag«, Evangelische Verlagsanstalt, 152 Seiten, ISBN 978-3-374-05638-5, 10 Euro

Zurück zur Buch-Präsentation, die von Verlagsleiterin Annette Weidhas mit den Worten: »Ring frei für den Streit um die Sache, die Tatsache«, eingeleitet worden war: Gestritten wurde nicht, doch stellte gegen Ende der Veranstaltung deren Moderator, der FAZ-Journalist Reinhard Bingener, die Gretchenfrage: »Wie genau ist der 31. Oktober 1517 abgelaufen?« Wie war das Wetter? Wann ist Luther aufgestanden? Hat er selbst den Hammer geschwungen oder den Pedell losgeschickt? Ja, das ist ein bisschen polemisch, aber Hasselhorn und Gutjahr wirkten gelassen.

Ein paar Sätze blieben hängen, etwa hinsichtlich der jüngeren Wirkungsgeschichte: »Wenn man nicht mehr fragt, was Geschichte mit uns zu tun hat, bleibt es nur noch ein antiquarisches Interesse.« (Hasselhorn) Und auch ein Statement von Haseloff: Man habe auch aus Landessicht »ein politisches Interesse, dass mit diesem Buch die Debatte beendet wird«.

Noch etwas: Er vergleiche das Ganze mit Willy Brandt, der den Satz »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört« wortwörtlich so nicht gesagt hat und doch wurde er später so »tradiert«, weil er »dem Geist seiner Rede« entsprach. So kann man das natürlich auch sehen.

Apropos: Zu den Zweiflern, die den Weg ins Refektorium gefunden hatten, gehörte Volkmar Joestel. Vor einigen Jahren hatte der einstige wissenschaftliche Mitarbeiter der Stiftung Luthergedenkstätten in seinem Buch »Hier stehe ich!« Luthermythen untersucht. Für einen Mythos, so hieß es, sei es unerheblich, ob er einen realen Kern hat. »Er ist wahr, weil er wirkt.«

Corinna Nitz

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Der letzte Reformierte

29. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Vor 370 Jahren starb in Zerbst Christian Beckmann (1580 bis 1648), Vater des berühmten Geschichtsschreibers Johann Christoph Beckmann.

Wir gläuben, lehren und bekennen, daß die Wort des Testaments Christi nicht anders zu verstehen sein, dann wie sie nach dem Buchstaben lauten, also daß nicht das Brot den abwesenden Leib, und der Wein das abwesende Blut Christi bedeute, sondern daß es wahrhaftig … der Leib und Blut Christi sei.«

Nach all den Entbehrungen muss es sich für Christian Beckmann wie die Zerstörung seines Lebenswerks angefühlt haben, als Fürst Johann von Anhalt-Zerbst diesen Glaubenssatz 1644 zur verbindlichen Wahrheit erklärte und begann, seine Lande entsprechend umzugestalten.
Die Konkordienformel von 1577, der dieser Satz entstammt, hatte man in Anhalt stets abgelehnt. Zu sehr hatte man sich hier Melanchthon verpflichtet gefühlt, der eine solche Interpretation zurückgewiesen hatte und für offenere Formeln eingetreten war, die dem Glauben weniger Zwang antaten. Zu eindeutig hatte man sich hier seit 1596 auf der Seite derjenigen positioniert, für die es »nur« ein symbolisches Essen des Leibes und Blutes Christi gab.

Beckmann, der aus der Nähe von Meißen stammte, war 1608 in Naumburg, 1612 in Mühlhausen Rektor geworden. In einer Zeit, in der die Differenz von Lutheranern und Reformierten sich extrem vertiefte, konnte er, der die (lutherische) Lehre von der Allenthalbenheit Christi ablehnte, nicht in Thüringen bleiben und ging in die reformierte Oberpfalz. In Amberg wurde er Hochschulrektor. Als die Oberpfalz 1625 von Bayern rekatholisiert wurde, entschied sich Beckmann, nach Anhalt zu gehen, zunächst nach Bernburg, dann nach Zerbst. Ausgerechnet die Stadt wurde 1626 erst durch protestantische, dann katholische Truppen geplündert und von der Pest heimgesucht. Der Betrieb des »Gymnasiums Illustre« kam zum Erliegen.

Die Ruine von St. Nicolai in Zerbst: Ausgehend von St. Nicolai wurde in Zerbst Anfang der 1520er-Jahre die Reformation eingeführt. Foto: Helmut Rohm

Die Ruine von St. Nicolai in Zerbst: Ausgehend von St. Nicolai wurde in Zerbst Anfang der 1520er-Jahre die Reformation eingeführt. Foto: Helmut Rohm

Dass Beckmann 1627 nicht nur zum Pfarrer an St. Nicolai und Superintendenten, sondern auch zum Professor für Theologie berufen wurde, war ein politisches Signal. Die Fürsten wollten den Hochschulstandort aufwerten zu einer Zeit, da »fast kein ort im Reich nicht übrig [sei,] dahin die studirende Jugend bey itzigem Zustand verschickt werden könnte«. Beckmann hatte sich einen Namen als lateinischer Dichter und Sprachwissenschaftler gemacht; vor allem war er als Theologe hervorgetreten, der reformierte Positionen vertrat und für die Einheit der Protestanten argumentierte. Seine Schriften erschienen in Leipzig, Wittenberg, Frankfurt a.M. und Frankfurt a.O., Marburg, Hanau und Amsterdam.

Bis 1640 veranstaltete Beckmann 40 Disputationen. Dies war eine enorme Menge. Nur wenige Studenten schrieben sich ein. Zerbst lag in Trümmern; seine Einwohner litten Hunger. Schutz suchende Landbevölkerung schleppte 1636 abermals die Pest ein; an die 1 500 Einwohner (etwa die Hälfte) starben – darunter Beckmanns Frau Christine.

Erst aus der zweiten, 1637 geschlossenen Ehe mit Margaretha, Tochter des Stadtkämmerers, stammte mit Johann Christoph der später berühmte Autor der Historie des Fürstentums Anhalt (1710). Der Sohn wurde 1667 Professor in Frankfurt a.O. – in einer neuen Zeit: Die Erfahrungen des Religionskrieges führten 1648 zu einer Friedensordnung, in der das Bekenntnis kein Gegenstand staatlicher Herrschaftsansprüche mehr sein sollte.

Die Einführung der Konkordienformel durch Fürst Johann, die jahrelange Konflikte (nicht nur) unter den Fürsten von Anhalt hervorrief, wurzelte noch in der alten Zeit. Nachfolger Beckmanns als Superintendent wurde der Lutheraner Johann Dürre. Beckmann erlitt 1644 einen Schlaganfall und starb im März 1648. Den Friedensschluss, der endlich auch die Reformierten als Protestanten anerkannte, erlebte er nicht mehr.

Jan Brademann

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Viel Lärm um nichts

26. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Unter einer Tatsache, einem Faktum, versteht man gemeinhin einen eindeutigen, anerkannten und nachgewiesenen Sachverhalt. Eine historische Tatsache liegt dann vor, wenn durch eindeutige Quellenbelege unzweideutig erwiesen werden kann, dass z. B. ein Ereignis zu einem Zeitpunkt tatsächlich stattgefunden hat. Bei der Frage nach Luthers Thesenanschlag ist die Sache die, dass aufgrund normativer Quellen bekannt ist, dass Disputationsthesen in Wittenberg an den entsprechenden Kirchentüren anzubringen waren, spätere Zeitgenossen, die nicht dabei waren, einen Thesenanschlag Luthers bezeugen, und aufgrund eines Briefes bezeugt ist, dass er die Thesen an diesem Tag versandte.

Aus diesen Indizien hat die Forschung seit geraumer Zeit die Konsequenz gezogen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass eine öffentliche Anbringung der 95 Thesen mutmaßlich an dem traditionellen Datum erfolgt sei. Dieses Wahrscheinlichkeitsurteil ist von einigen wenigen Forschern dadurch bestärkt worden, dass sie auffällige Parallen zwischen Luthers 95 und jenen 151 Thesen Karlstadts aufzeigten, die dieser aus Anlass des zweiten großen Ablassfestes in Wittenberg neben Allerheiligen öffentlich anheftete.

Das Büchlein von Hasselhorn und Gutjahr (Seite 3) hat, nicht zuletzt durch das demonstrative Ausrufungszeichen hinter dem Titel (Tatsache!), etwas

Sensationsheischendes. Sensationalisierungen sind – erst recht in der Wissenschaft – allenfalls dann angebracht, wenn bahnbrechende, neue Erkenntnisse präsentiert werden. Doch die haben die Verfasser nicht zu bieten; nicht einmal eine einzige bisher unbekannte Quelle bringen sie bei. Zu viel Lärm um nichts!

Thomas Kaufmann

Der Autor ist Theologe und Kirchenhis­toriker an der Unversität Göttingen.

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Herbststimmung im Luthergarten

26. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Bis zum Reformationsjubiläum 2017 sollten 500 Bäume auf dem ovalen Gelände hinter der Wittenberger Schlosskirche wachsen, in dessen Mitte eine stilisierte Lutherrose mit Kreuz angelegt ist. Das »Himmelskreuz« ist ein Kunstwerk aus zwei übereinander schwebenden Kreuzen. Am Reformationstag 2018 soll nun der letzte Baum für das Deutsche Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB) gepflanzt werden.

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Ein Weg, der sich lohnt

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Pilgerroute auf den Spuren Luthers in Sachsen-Anhalt besteht seit zehn Jahren

Als sich der Landwirt Wolf von Bila aus Wohlsdorf bei Köthen am 25. August 2006 mit einer Idee an die Landeskirche Anhalts wandte, war nicht abzusehen, was daraus werden würde. Sein Vorschlag lautete, die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg durch einen Pilgerweg zu verbinden. Einen Monat später gab es das erste Planungstreffen in seinem Haus. Vertreter von Kirchen, Kommunen und Tourismusverbänden ließen sich von der Idee anstecken. Zwei Jahre später wurde der Lutherweg durch Sachsen-Anhalt eingeweiht. Er war der erste auf den Spuren des Reformators überhaupt. Heute ist er ein Wegenetz, das sich durch sechs Bundesländer zieht.

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Zum zehnjährigen Bestehen des Lutherweges Sachsen-Anhalt würdigte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ihn als touristisches und spirituelles Projekt. »Die Idee, Luthers zahlreiche Wege nachzuzeichnen und Pilger ebenso wie Wanderer zu bedeutenden Orten der Reformation in Sachsen-Anhalt zu führen, ist aufgegangen«, sagte er einem Festakt am 4. Oktober in Kemberg bei Wittenberg. »Ich bin froh, dass der Lutherweg auch nach dem Reformationsjubiläum 2017 weiter besteht und bestehen wird. Vor diesem Hintergrund ist das zehnjährige Jubiläum ein wichtiger Zwischenschritt«, so Haseloff, der auch Schirmherr des Lutherweges in Sachsen-Anhalt ist.

Der Lutherweg Sachsen-Anhalt war am 28. März 2008 in Höhnstedt nahe der Lutherstadt Eisleben von Vertretern aus Kirche, Tourismus, Politik und von Verbänden eingeweiht worden. Er verbindet im Sinne seines Erfinders auf dem Rundkurs die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg. Im Norden verläuft er durch Anhalt, im Süden durch Halle an der Saale. 2017 wurde eine zusätzliche Strecke von Zerbst nach Magdeburg aufgenommen.

Hinter Eisleben führt der Weg, der insgesamt rund 460 Kilometer lang ist, nach Mansfeld-Lutherstadt und weiter in Richtung Thüringen. Nach und nach kamen weitere Lutherwege in Thüringen, Sachsen, Bayern, Hessen und zuletzt in Brandenburg dazu. Als Dachorganisation sichert die Deutsche Lutherweg-Gesellschaft die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Lutherwegen. Zugleich ist sie Trägerin der Koordinationsstelle für den Lutherweg Sachsen-Anhalt, die von Grit Gröbel geleitet wird.

Bei der Jubiläumsfeier erinnerte der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Pfarrer Ekkehard Steinhäuser, an einige Initiatoren des Lutherweges: an den oben genannten, 2012 verstorbenen Wolf von Bila oder den katholischen Pfarrer Willi Kraning. In einem Referat wies Steinhäuser darauf hin, dass Luther das Pilgern mit dem Ziel, dadurch Gottes Gnade zu erreichen, abgelehnt habe. Zugleich gebe es heute aber zahlreiche Gründe für ein »evangelisches Pilgern«, etwa das Erlebnis des gemeinschaftlichen Christseins. »Außerdem kann man beim Pilgern seinen Problemen nicht weglaufen, man ist sich selbst näher und kann auch Gott besser zuhören.«

Steinhäuser würdigte in einem Gespräch mit der Kirchenzeitung auch die Arbeit der ehrenamtlichen Weg-Pfleger, von denen bei der Feier in Kemberg einige ausgezeichnet wurden. Für die Zukunft des Weges wünscht er, dass es immer wieder und immer mehr Menschen gibt, die nach dem Pilgern mit dem Gefühl innerer Zufriedenheit nach Hause zurückkehren und sagen: Ja, das Pilgern tut gut.

(G+H)

www.lutherweg.de

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Von Balladen bis zum Boogie Woogie

6. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Kirchenkreis Mühlhausen: Bugenhagen-Musical mit »Pommerschen Engelspierken« in Bad Tennstedt

Musik, Gesang und Tanz machen Geschichte lebendig, wenn am 9. Oktober in der Nikolaikirche von Bad Tennstedt (Kirchenkreis Mühlhausen) ein Musical über Johannes Bugenhagen aufgeführt wird. Es erzählt die bewegte Geschichte des Reformators, der als Freund und Seelsorger Luthers in Wittenberg in die Geschichte eingegangen ist. In Greifswald, Hamburg, Schleswig und verschiedenen vorpommerschen Kirchen wurde das mitreißende Stück bereits aufgeführt.

Es musizieren und spielen »De pommerschen Engelspierken«, eine Gruppe von etwa 40 Menschen unterschiedlichen Alters aus vielen Bereichen des Lebens. Einige können gut singen, andere gut spielen. Manche sind tolle Typen auf der Bühne, andere haben großes Organisationstalent. Geleitet wird die Gruppe von Pastorin Dr. Nicole Chibici-Revneanu, die das Musical auch komponiert hat.

»Engelspierken« ist eine pommersch-plattdeutsche Bezeichnung für Libellen. Das Wort weckt Erinnerungen an einen Sommer am Badeteich: Libellen fliegen durchs Schilf und übers Wasser. Je nach Blickwinkel schimmern sie in vielen bunten Farben. Die Truppe ist genauso bunt.

Jeder und jede hat etwas einzubringen, ist und kann was. Da geht es ihnen manchmal ein bisschen wie den Hauptfiguren des Stückes.

Das Wort »Spierken« bedeutet für sich auch »kleines Holzstückchen«, »Reisig« oder »Span« – also Holz, das mit einer kleinen Flamme leicht anbrennt und so zum Entfachen eines Feuers dient. »Wenn Leute aus dem Publikum nach einer Vorstellung sagen, sie hätten die Reformation jetzt erst richtig verstanden, haben wir »Spierken« vielleicht auch ein Feuer zum Brennen gebracht«, sind die Mitwirkenden überzeugt.

Bunte Truppe: Die 40 Mitglieder können gut singen und gut spielen. Foto: Veranstalter

Bunte Truppe: Die 40 Mitglieder können gut singen und gut spielen. Foto: Veranstalter

Hauptdarsteller des Bugenhagen-Musicals ist Paul Gohlke, der auch im richtigen Leben den Beruf eines Theologe ausübt. Zu der Musicalgruppe gehören jedoch auch Schülerinnen, Ärzte, Tischler, Krankenschwestern, Mathelehrer und Menschen, die noch ihren beruflichen Platz suchen. Sie alle eint die Begeisterung, die die Musik auszulösen vermag.

Pastorin Nicole Chibici-Revneanu, im Hauptberuf Leiterin des Barther Bibelzentrums, hält die Fäden der Musicalgruppe in der Hand. Sie hat die Musikstücke komponiert und begleitet sie auf dem Klavier.

Stephanie Schwenkenbecher stellt die Darsteller mit ihren originellen Texten vor einige Herausforderungen, insbesondere durch plattdeutsche, sächsische und sogar lateinische Passagen.

Damit das Publikum bei alledem gut folgen kann, gibt es hochdeutsche Texthefte. Musikalisch sind verschiedenste Stilrichtungen von Balladen bis Boogie vertreten, die Engelspierken singen solistisch, in Duetten, Trios und im Chor. Mit all dem gelingt es, einen weniger bekannten Mitstreiter Martin Luthers darzustellen.

(G+H)

Dienstag, 9. Oktober, 19 Uhr, Kirche St. Nikolai Bad Tennstedt, Eintritt: 5 Euro, ermäßigt: 3 Euro

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Erste Berührung mit dem Glauben

20. September 2018 von redaktionguh  
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Evangelische Grundschule Hettstedt wirkt seit 15 Jahren in der Bergbaustadt

Für das neue Schuljahr hat die evangelische Grundschule in Hettstedt schon jetzt 29 Anmeldungen. Geht es so weiter, wird es auch im kommenden Jahr zwei erste Klassen geben. Derzeit lernen 94 Mädchen und Jungen in dem Schulgebäude aus DDR-Zeiten. Vor 15 Jahren startete die »Martin Luther«-Schule mit acht Kindern.

Hettstedt war und ist geprägt vom Bergbau. Die Schule im Neubaugebiet ist für viele der erste Berührungspunkt mit Kirche überhaupt. Dies als Chance zu erkennen, ist der Verdienst der Elterninitiative, die 2003 die Schule gründete, ebenso wie von Schulleiterin Kerstin Müller und ihrem Team. Mit Unterstützung des Kirchenkreises wurde die Schule zur »Gemeinde auf Zeit«. Anerkannt und gewürdigt wurde dieser Einsatz mit der Aufnahme der Schulgemeinde in die »Erprobungsräume« der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Schulanfänger mit ihrer Lehrerin Anne Zacharias. Foto: Katja Schmidtke

Schulanfänger mit ihrer Lehrerin Anne Zacharias. Foto: Katja Schmidtke

Die Schulgemeinde feiert regelmäßig Gottesdienste und Andachten. Oft, aber nicht immer, ist Schulpfarrerin Dörte Paul dabei. Auch Lehrer und die Erzieher des Schulhorts »Noahs Vielfalt«, Eltern und Kinder bringen sich in das geistliche Leben ein. Tischgebete gehören zum Alltag. Im »Raum der Stille« ist das Vaterunser kunstvoll an die Wand gemalt. »All dies, das tägliche Leben hier, prägt unsere Schüler«, sagt Kerstin Müller. Auch jene Kinder, die aus konfessionslosen Elternhäusern kommen. In jedem Jahr gibt es Anfragen, Kinder, aber auch Eltern taufen zu lassen. Am Anfang hat Schulleiterin Müller für jedes Kind, das keinen Christen in der Familie hat, selbst das Patenamt übernommen. Mit der Zeit wurde das immer schwieriger, lacht die Lehrerin.

Von Schulpfarrerin Paul stammte die Idee, die Kirchengemeinden und die Schulgemeinde zusammenzubringen – und so werden heute auch junge Menschen, die gerade ihre Konfirmation gefeiert haben, dazu ermutigt, Paten für Grundschüler zu werden. Besonders aus den Heimatgemeinden der Schüler sollen sich Christen finden, damit die Kinder nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule nicht aus der christlichen Gemeinschaft heraus-, sondern in sie hineinwachsen. Um den Kontakt zu stärken, sind Hettstedts Pfarrer Sebastian Bartsch sowie Superintendent Andreas Berger im Schulkuratorium, die Schulleiterin nimmt in Abständen an den Sitzungen des Gemeindekirchenrats teil, zum Martinstag gibt es einen gemeinsamen Umzug, und der erstmals gefeierte Familiengottesdienst stieß auf eine so gute Resonanz, dass er wiederholt werden soll. Die Kantorin leitet einen Schulchor und das Kinder- und Jugendpfarramt der EKM half, eine Vater-Kind-Freizeit zu organisieren.

Zusammenzuarbeiten ist Schulleiterin Müller wichtig: auch im Team, das mit sechs Lehrern und vier Erziehern, von denen zwei als pädagogische Mitarbeiter im Unterricht dabei sind, gut besetzt ist. Ein eigenes Lehrerzimmer gibt es nicht, Lehrer und Hortner teilen sich einen Pausen- und Arbeitsraum. Alle wirken gleichberechtigt mit. Ganzjährig gibt es Angebote in den Ferien, die auch die Lehrer mitgestalten.

Nun warten alle sehnsüchtig auf eines: Den Fördermittelbescheid für die umfassende Sanierung der Schule, die sich seit 2010 in Trägerschaft der Schulstiftung befindet.

Gefeiert wird der 15. Schulgeburtstag am 21. September im Kolping-Berufsbildungswerk in Hettstedt. Die Vorführungen der Kinder stehen unter dem Thema »Das Leben ist so bunt wie ein Regenbogen«.

Katja Schmidtke

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Offen sein für neue Wege

17. August 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Warmsdorf wurde vor 1 000 Jahren erstmals erwähnt und feiert das am 18. August. Die Christen im Ort setzen auf Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden.

Sie sieht zwar noch so aus, ist aber längst keine Kirche mehr. Warmsdorf, der vor 1 000 Jahren erstmals erwähnte Ort bei Güsten, hat seine Kirche schon 1974 aufgegeben. Weil immer weniger Besucher zu den Gottesdiensten kamen, wurde sie entwidmet und zum Abriss freigeben, denn zum Erhalt fehlte das Geld. Dennoch prägt das neugotische Gotteshaus bis heute das Bild des Dorfes – als von Klaus Gerner über Jahre schmuck gemachte Kirchenpension. Zur halben und vollen Stunde schlägt von 7 bis 21 Uhr sogar die Glocke. Die thront 50 Meter von ihrem alten Joch entfernt auf einen Holzgestell. Manchmal, zu Beerdigungen, bitten Einwohner, sie von Hand zu läuten.

Zum Gottesdienst fahren die Warmsdorfer schon lange ins benachbarte Amesdorf. »Jetzt trennt uns die desolate Wipperbrücke noch mehr, denn den kurzen Kirchenweg können wir mit unseren Fahrrädern nicht nehmen«, bedauert Marlis Szymanski, die Stellvertreterin des Gemeindekirchenratsvorsitzenden Siegfried Albrecht. In der Amesdorfer »Kirche ohne Schutzheiligen« in Sichtweite von Warmsdorf erinnern in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein entstandene Schrifttafeln an die Kirchengeschichte von Warmsdorf. Immerhin erwähnen Chroniken 1339 erstmalig einen Pfarrer und die Kirche. Zudem war der Ort 1552 sogar Landeshauptstadt und Regierungssitz.

Informativ: Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates von Warmsdorf, Siegfried Albrecht, und seine Stellvertreterin Marlis Szymanski stehen in der Kirche von Amesdorf vor einer kleinen Ausstellung, die an die Kirchengeschichte des Nachbarortes erinnert. Fotos: Uwe Kraus

Informativ: Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates von Warmsdorf, Siegfried Albrecht, und seine Stellvertreterin Marlis Szymanski stehen in der Kirche von Amesdorf vor einer kleinen Ausstellung, die an die Kirchengeschichte des Nachbarortes erinnert. Fotos: Uwe Kraus

Die Gemeinde Amesdorf-Warmsdorf gehört zur von Pfarrer Arne Tesdorff betreuten Parochie Güsten. Er wird dabei sein, wenn am 18. August ein festlicher Gottesdienst mit dem anhaltischen Kirchenpräsidenten Joachim Liebig die 1 000-Jahr-Feier eröffnet. Nicht irgendwo, sondern an der Georgskapelle in Warmsdorf, die im 16. Jahrhundert die Schreibstube des Fürsten Georg III. von Anhalt-Plötzkau (1507–1553) war. Sie gilt als das einzige erhaltene bauliche Zeugnis, das an die unmittelbare Wirksamkeit des Reformationsfürsten in Mitteldeutschland erinnert. Georg III. wurde von Martin Luther 1545 zum ersten evangelischen Bischof von Merseburg eingesetzt.

Der GKR-Vorsitzende Siegfried Albrecht weiß, dass sich mit seinen knapp 60 Gemeindegliedern allein wenig bewegen lässt. »Wenn nicht gerade ein besonderer Feiertag ist, kommen vielleicht sechs bis acht Gottesdienstbesucher.« Für ihn steht fest: Wenn Kirche eine Zukunft haben will, müsse man sich konzentrieren. Nicht nur, weil Pfarrer Tesdorff sehr lange Wege von Kirche zu Kirche hat, denn auch die Nachbarpfarrstelle ist nicht besetzt. Die Kirchenälteste Marlis Szymanski verweist auf Kontakte zu den Kirchengemeinden in Freckleben und Hecklingen, mit denen auf Reise gegangen wird. Auch Ilberstedt, Drohndorf und Rathmannsdorf böten Kooperationspotenzial: »Am 21. Oktober ist dann wieder der Frecklebener Chor bei uns in der Kirche zu Gast.«

Siegfried Albrecht hebt die Gottesdienste hervor, die die Gemeinden in diesem Teil des Salzlandkreises gemeinschaftlich feiern. Der Ackergottesdienst ins Osmarsleben beispielsweise, zu dem am 26. August ebenso die Bernburger Blechbläser spielen wie zum Warmsdorfer Jubiläum.

Dieser Posaunenchor entstand 1999 aus Mitgliedern der Posaunenchöre in Beesenlaublingen, Bernburg, Güsten, Köthen und Zabitz, weil entweder die eigenen Posaunenchöre zu klein geworden waren, als dass sie hätten weiter existieren können, oder weil das Bedürfnis bestand, Musik mit Gleichbegeisterten zu machen. »Wir sind auch dabei, wenn Pfarrer Tesdorff zum Johannisfest mit seinen Täuflingen durchs Dorf zum Wipper-Ufer zieht. Dafür kommen umliegende Gemeinden, wenn wir in Warmsdorf den Reformationstag an der Georgskapelle begehen.«

Offen sein für neue Wege in der Gemeindearbeit, das beschwört der GKR-Vorsitzende immer wieder. Dieses Amt hat er in der zweiten Wahlperiode inne. Dem Gemeindekirchenrat gehört er seit 1984 an. Das Erntedankfest, zu dem längst nicht nur die Christen des Ortes ihre Gaben bringen und das regen Zuspruch findet, soll künftig durch die Kirchen der Parochie Güsten »kreisen«. Siegfried Albrecht plädiert dafür, die Gotteshäuser stärker zu beleben, ohne sie zur Eventbühne zu machen.

Uwe Kraus

18. August, Warmsdorf, 10 Uhr: Jubiläumsgottesdienst an der Georgskapelle

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Nur »katholischer Sauerteig«?

13. August 2018 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Vor 400 Jahren differenzierten sich im Christentum alternative Konzepte von Heiligkeit heraus. Anhalt ging einen Weg, der radikal mit der Tradition brach.

Schon im Winter 1521/22, während Luthers Aufenthalt auf der Wartburg, war sie zu Wittenberg erprobt worden, diese neue Art, Gottesdienst zu feiern: Andreas Karlstadt hatte mit dem Stadtrat eine »evangelische Messe« eingeführt. Erstmals war der Laienkelch gereicht worden; neben dem Verzicht auf einige andere Elemente hatten aber folgende Veränderungen besondere Aufmerksamkeit erweckt: Der Liturg war in ein Laiengewand gekleidet, er sprach den Einsetzungsbericht deutsch und zur Gemeinde gewandt, er verzichtete bei der Wandlung auf das Kreuzzeichnen sowie das Erheben, und die Kommunikanten nahmen Kelch und Hostie selbst in die Hand. Letzteres hatte zu unterschiedlichen Reaktionen geführt, die vor allem eines zeigten: Den Dingen eignete eine Aura, die anzog, aber auch Angst machte.

Religion hat es mit dem Paradox zu tun, das Jenseits im Diesseits zu verorten. Ihre Vorstellungen werden durch Texte, Rituale, Symbole und Dinge in der Welt anschaulich. So werden sie Teil sozialer Wirklichkeit und Glaubensgegenstand; so kommen sie aber auch mit dem profanen Leben in Berührung und müssen sich dessen Normen gegenüber behaupten. Die Konfessionen entwickelten hier unterschiedliche Strategien.

Widerstand: In der Stiftskirche in Hecklingen sollten die romanischen  Engelsreliefs im Zuge der zweiten Reformation entfernt werden. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich dagegen. Foto: Jürgen Meusel

Widerstand: In der Stiftskirche in Hecklingen sollten die romanischen Engelsreliefs im Zuge der zweiten Reformation entfernt werden. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich dagegen. Foto: Jürgen Meusel

Die Reformation, die sich im Reich seit den 1520er-Jahren durchsetzte, hatte zwar einerseits mit der Werkfrömmigkeit gebrochen und entsprechend viele alte Andachtsformen abgeschafft. Doch sie war auch dadurch geprägt, dass sie in der Messe vieles beibehielt. Luther hatte nämlich nach seiner Rückkehr die oben genannten Reformen allesamt zurücknehmen lassen. Sie waren aus seiner Sicht einem »fleischlichen Missverstehen« entsprungen, das nicht zur Abwertung der Dinge, sondern ihrer Überbewertung führe, indem man so sehr auf sie fokussierte. Und Luther blieb von einer leiblichen Realpräsenz Christi im Abendmahl überzeugt, die durch den Einsetzungsbericht bewirkt wurde und an die Elemente gebunden war.

Und so blieb die Liturgie der Evangelischen noch durch etwas geprägt, das seit dem Konzil von Trient zu dem Kennzeichen des Katholizismus werden sollte: Das Göttliche sollte durch Rituale, die dem Profanen besonders enthoben waren, präsent gemacht werden. Die heilswirkende Kraft der Messliturgie beruhte auf der durch den Liturgen objektivierten Präsenz Gottes in den eucharistischen Gaben. Und so setzten zum Beispiel die katholischen Reformer im Münsterland seit den 1590er-Jahren eine intensive Reform in Gang, der es gerade auf den äußerlich korrekten Vollzug des Kults und die Heiligung der Zeit wie der Orte (Kirche und Kirchhof) ankam. Die Sphäre des Göttlichen konstituierte sich hier durch Performanz und Präsenz.

In die, wenn man so will, entgegengesetzte Richtung liefen zur gleichen Zeit die Reformen in den anhaltischen Fürstentümern. Sie setzten auf Repräsentation und Innerlichkeit. Die Gegenwart Gottes wurde symbolisch verstanden: Der Gottessohn wurde im Abendmahl allein geistig gegenwärtig, und für die Aneignung der im Einsetzungsbericht verheißenen Gnade war die innere Haltung der Teilnehmer die wichtigste Bedingung. Alles, was noch den »katholischen Sauerteig« in sich trug, was also noch den Eindruck erwecken konnte, dass man Gott durch einen feierlichen Ritus quasi verobjektivieren könne, wurde seit 1596 entfernt – vom Hochaltar im Raum über die Messgewänder bis hin zur Hostie in der Kommunion.

Wie schon 1521 ging es um Entheiligung der alten Ordnung, und wieder war das Berühren der Dinge der neuralgische Punkt. Dem Einsetzungsbericht folgend wurde nun Brot gebrochen und den Kommunikanten gereicht. Aber noch immer hätten sich diese, so verlautete es, »vor [=für] vnrein, vnheilig, vnwerdig geachtet, das geheiligte brod mit ihren henden anzurühren«. Aus Sicht der Lutheraner würde so nämlich »das Sacrament … in Verachtung kom[m]en«. Ein Bürger in Jeßnitz nahm im Sommer 1600 am neuen Abendmahl teil, aber das »calvinische Brot« dann heimlich nach Hause in seine Küche, »um es dort … zu verspeisen«. Am profanen Ort zeigte sich, dass dieses Stück Brot, dieses Ding nicht mehr über jene Aura verfügte, die bis dato die Hostie ausgezeichnet hatte.

Wie andere »reformierte« Reichsstände scheiterten die Anhaltiner mit dem Versuch, ihr Territorium zu »reformieren«. Zu stark war der Widerstand. Zu radikal war wohl auch ihr Ansatz. Aber die Idee, Gott dort zu verorten, wo Menschen das Wort hören, die Zeichen sehen und darum glauben, diese Idee hat doch bestimmt etwas für sich.

Jan Brademann

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