»Wer singt, betet doppelt«

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Ursprung aller Musik ist die Anbetung Gottes in Tönen

Dieser Satz wird dem alten Kirchenvater Augustinus zugeschrieben, aber auch Martin Luther soll ihn geäußert haben. Es ist zu vermuten, dass dieser ihn bereits als Augustinermönch verinnerlicht hat. Der Reformator wusste genau, was er tat, als er seine wichtigsten Botschaften in Lieder verpackte. »Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich«, beschreibt er ihre Bedeutung für Glaube und Gemüt.

Luther war ein geübter Sänger und Lautenspieler. In seinem Werk als Lieddichter und Tonschöpfer hat er die reformatorischen Glaubenssätze in einer mitreißenden Musiksprache verbreitet. Dafür sprechen »Ohrwürmer« wie der zündende Choral »Ein feste Burg ist unser Gott«. Seine Lieder sowie die seiner Wegbegleiter entfalteten große Wirkung bei der Ausbreitung der Reformation.

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Die Bibel ist voll von Gesang und Musik. Ganze Bücher sind in Form von Liedern geschrieben – so etwa die Psalmen oder das Hohelied Salomos. Aus dem synagogalen Gottesdienst des Judentums stammt die Tradition, biblische Gebetstexte nicht einfach sprechend zu deklamieren, sondern singend vorzutragen. In der christlichen Praxis entstanden aus Gebetstexten immer kunstvollere Melodien. Stand am Anfang zunächst der Sprechgesang auf einem einzelnen Ton, ergaben sich in der Folgezeit aus der Betonung bestimmter Silben Melodiefloskeln, die zu ausgefeilten Melodiefolgen weiterentwickelt wurden. Ein schönes Beispiel dafür ist die im neunten Jahrhundert entstandene gregorianische Antiphon »Da pacem, Domine«, die Luther 1529 nachdichtete. Unter der Nr. 421 ist die deutsche Nachdichtung des Reformators bis heute im Evangelischen Gesangbuch (EG) zu finden: »Verleih uns Frieden gnädiglich«.

So entstanden Hunderte von Gebetsmelodien. Über einen langen Zeitraum wurden diese mündlich überliefert. Die Kantoren kannten sie auswendig und brachten sie jeweils ihren Gemeinden und Nachfolgern bei. Um ihren Fortbestand zu sichern, begann man, sie aufzuzeichnen. So entstanden die sogenannten »Neumen«. Das griechische Wort »Neuma« (deutsch: »Wink«) umschreibt, dass der melodische Verlauf mit Symbolen bzw. Handzeichen angezeigt wurde.

Mit der Entwicklung des Notenliniensystems wurde es möglich, genaue Tonhöhen zu notieren. Aus dem freien Fluss des am Sprechrhythmus orientierten gregorianischen Chorals entwickelten sich nun feste Rhythmen. So war es möglich, den Gesang einzelner Stimmgruppen oder Instrumente zu koordinieren! Damit war die Basis für mehrstimmige Musikwerke geschaffen, von denen bis heute unzählige geschaffen wurden. Dabei sollte nicht verdrängt werden: Der Ursprung aller Musik ist das gesungene Gebet.

Michael von Hintzenstern

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Logistische Herausforderung

9. Januar 2018 von redaktionguh  
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Forschungsbibliothek: Einzug im sanierten Wittenberger Schloss

Matthias Meinhardt hätte auch eine andere Stelle antreten können, aber die Chance, eine Forschungsbibliothek von Rang zu entwickeln und einzurichten, bietet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nur einmal im Leben. Für Meinhardt jedenfalls ist es eine Premiere: Der Wissenschaftler, der 1969 in Braunschweig geboren wurde, in Kiel studierte und zuletzt 2015 Forschungsstipendiat am Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main war, ist Leiter der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek in Wittenberg. Ihr Domizil hat die Einrichtung im sanierten Schloss und was vor kurzem noch sehr abstrakt war, nimmt immer mehr Gestalt an. Zwar ist mit dem Einzug der Bücher erst ab Anfang Januar 2018 zu rechnen, aber die Infrastruktur gibt es und sie vervollständigt sich zunehmend.

Abendstimmung am Wittenberger Schloss: In zwei Etagen zieht im Januar die Reformationsgeschichtliche Bibliothek mit 220 000 Büchern ein. Foto: Thomas Klitzsch

Abendstimmung am Wittenberger Schloss: In zwei Etagen zieht im Januar die Reformationsgeschichtliche Bibliothek mit 220 000 Büchern ein. Foto: Thomas Klitzsch

Insgesamt werden über zwei Etagen auf einer Gesamtfläche von 1 800 Quadratmetern 220 000 Bücher aus den Bibliotheken des Evangelischen Predigerseminars Wittenberg und dem Lutherhaus Wittenberg der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt zusammengeführt. Neben einem Magazin wird es einen öffentlichen Bereich geben mit Lesesaal und Freihandbibliothek, außerdem einen Digitalisierungsbereich. Was die Bücher betrifft, so liefen kürzlich noch die Ausschreibungen für den Umzug. Dass dieser mit großem logistischen Aufwand verbunden sein wird, liegt auf der Hand. Bücher aus dem 15. Jahrhundert, das älteste Stück stamme gar aus dem 12. Jahrhundert, oder zig Werkausgaben von viel schreibenden Reformatoren wie etwa Philipp Melanchthon, die transportiert man nicht im Pappkarton.

Zu den größten Herausforderungen gehört Meinhardt zufolge die Klimasituation in den Räumen, die so stabilisiert werden muss, dass die Kulturgüter überhaupt erst eingebracht werden können. Lange sind darum Bautrockner gelaufen, um die Räume zu entfeuchten. Auch Mitte November wurden noch Klimadaten erhoben und ausgewertet. Die Eröffnung der Forschungsbibliothek ist für Februar 2018 geplant. Dann soll auch die Homepage an den Start gehen, später werden zudem Fernleihen möglich sein. Begleitet wird Meinhardts Arbeit von einem wissenschaftlichen Beirat, in dem sich bibliothekarischer und kirchenhistorischer Sachverstand vereinen.

Was die künftigen Nutzer betrifft, so hat Meinhardt, der zurzeit mit einem Team von sieben Personen arbeitet, natürlich die nationale und internationale Forscherwelt im Blick. Aber auch für interessierte Bürger der Stadt soll die Bibliothek in Teilen nutzbar sein. Anbieten wird man zu festen Terminen kulturhistorische Rundgänge. Und man werde Veranstaltungsformate entwickeln, die sich an eine breite Öffentlichkeit richten. Und die, sagt Meinhardt, wolle nicht zuletzt »ihr Schloss« sehen.

Corinna Nitz

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Mobilität von allen Seiten

18. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Interview: Torgaus Pfarrerin Christiane Schmidt über ein stürmisches Jahr 2017

Torgau war zu Luthers Zeiten politisches Machtzentrum und gilt damit als Amme der Reformation. So gab es in diesem Jahr auch in der sächsischen Stadt viele Veranstaltungen. Über das außergewöhnliche Jahr sprach Pfarrerin Christiane Schmidt mit Katja Schmidtke.

Welche Bilanz des Reformationsjahres ziehen Sie für Torgau?
Schmidt:
Es war ein stürmisches Jahr, in jeder Hinsicht. Die Andacht zur Kirchweih mussten wir in die Alte Superintendentur verlegen, weil das Landratsamt den Schlosshof wegen des Sturmtiefs gesperrt hatte. Auch inhaltlich ist viel passiert. Ich ziehe ein positives Fazit. Viele Anmeldungen von Reise- und Gemeindegruppen liegen vor, die durch unsere Kirchen geführt werden möchten oder bei Kantor Ekkehard Saretz eine musikalische Andacht feiern möchten. Wir feiern Gottesdienst mit vielen Gästen. Es hat sich viel getan in der Stadt: Die Lutherin-Stube ist neu, das Spalatin- und Johann-Walter-Museum hat eröffnet, im Schloss gibt es neue Dauer- und Sonderausstellungen. Wir haben wirklich keinen Grund zu meckern. Natürlich sind hier keine Massen von Menschen gekommen, das hätte uns auch wirklich überrascht.

Sie schauen also nicht neidisch nach Wittenberg?
Schmidt:
Nein, überhaupt nicht. Wir freuen uns über das, was hier passiert ist und haben keinen Anlass zu Konkurrenzdenken. Im Gegenteil, es bestehen sehr freundschaftliche Kontakte nach Wittenberg. Was uns eher zu schaffen macht, ist, dass wir wegen der unterschiedlichen Grenzen von Land und Landeskirche zwischen den Stühlen sitzen. Politisch gehören wir zu Dresden, kirchlich zu Magdeburg. Inzwischen ist der Beauftragte der evangelischen Landeskirchen beim Freistaat Sachsen öfter zu Gast.
Und wir blicken auf Kommendes: 2018 ist Torgau Ausrichter des Tages der Sachsen, 2019 feiern wir 475 Jahre Schlosskapelle und 2022 haben wir die Landesgartenschau in der Stadt.

Christiane Schmidt. Foto: Katja Schmidtke

Christiane Schmidt. Foto: Katja Schmidtke

Und was bleibt von 2017?
Schmidt:
Das Memorandum von Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff, aber auch die Podiumsdebatte Anfang Oktober mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und der Ostbeauftragten der Bundesregierung Iris Gleicke zeigen den Weg. Wir müssen uns fragen: Wie geht es weiter mit unserer Kirche nach 2017? Wie können wir bei den Menschen sein und was können wir leisten angesichts sinkender Mitarbeiterzahlen? Wir sind durch die Verhältnisse bei uns im Kirchenkreis zu diesen Fragen gezwungen. Sie führen uns aber zurück zu Luthers Prämissen. Wir dürfen uns trotz aller Jubiläen nicht mit Events verzetteln. Feste sind schön und gut, aber sie binden Kraft und Geld. Feste können andere besser ausrichten als wir. Wir müssen uns um den geistlichen Alltag kümmern, um das Leben in den Gemeinden, wir müssen ansprechbare Seelsorger sein. Gerade nach der Bundestagswahl. Die Ratlosigkeit angesichts der AfD-Wahlergebnisse ist groß. Da müssen wir miteinander ins Gespräch kommen.

Wie ist denn die Stimmung in der Torgauer Gemeinde?
Schmidt:
Es hat uns gut getan, dass in diesem Jahr so viele Menschen zu uns gekommen sind und mit uns Gottesdienst gefeiert haben. Ob es im Inneren etwas bewegt hat, das vermag ich nicht zu sagen. Von einem geistlichen Aufbruch zu reden, wäre wohl zu viel. Deutlich spüren die Menschen aber die Diskrepanz zwischen dem Jubiläum und den Stellenkürzungen vor Ort. Viele machen sich große Sorgen, wie es weitergeht.

Wie kann es denn weitergehen? Welche Ideen gibt es?
Schmidt:
Wir haben in der Region zwei Kolleginnen im Entsendungsdienst, die neue Wege beschreiten. Das ist sehr befruchtend, auch für mich selbst. Ich denke, künftig werden die Hauptamtlichen in einer Region enger zusammenarbeiten. Wir werden Teams bilden. Dennoch wird das bei einigen Gemeindegliedern das diffuse Gefühl verstärken, dass sich die Kirche aus der Fläche zurückzieht und der Pfarrer, die Pfarrerin nicht mehr zu sehen ist. Was soll ich sagen? Sicher ist nicht in jeder Kirche an jedem Sonntag Gottesdienst, aber bestimmt in der Nähe. Frau Gleicke mahnte bei unserem Diskussionsabend, dass es eine Bring- und Holschuld gebe. Kirche von morgen erfordert Mobilität von allen Seiten. Ich bin trotz aller Herausforderungen frohen Mutes und denke oft an Altbischof Noacks Worte: Wir (Hauptamtliche) müssen die Kirche nicht retten, das macht der liebe Gott schon selbst.

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Wertvolle Leihgabe für Eisenacher Lutherhaus

20. November 2017 von redaktionguh  
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Foto: Jensen Zlotowicz

Foto: Jensen Zlotowicz

Das Lutherhaus in Eisenach freut sich über ein neues seltenes Exponat. Thomas Wurzel (li.) von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen übergab dem Museum eine anti-lutherische Streitschrift von Thomas Murner aus dem Jahr 1520 als Dauerleihgabe. »Von Doctor Martin Luthers lere[n] vnd predigen Das sie argwenig seint, vn[d] nit gentzlich glaubwirdig zuhalten« sei eine wertvolle Ergänzung der reformationsgeschichtlichen Sammlung des Lutherhauses, erklärte Museumsdirektor Jochen Birkenmeier (Mitte). Thomas Murner (1475–1537) gehört zu Luthers prominentesten katholischen Kritikern.

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Kirchenparlament auf dem Weg

20. November 2017 von redaktionguh  
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Nach dem Reformationsjahr und vor der Herbstsynode: Dieter Lomberg, Präses der Landes­synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), stellt sich den Fragen von Willi Wild.

Thema: Reformationsjahr


Wie haben Sie das Reformationsjahr erlebt?
Lomberg:
Es war ein Jahr mit vielen Veranstaltungen, die alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter sehr stark gefordert haben. Alle haben ihr Bestes gegeben. Kirche ist im Gespräch gewesen.

Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Lomberg:
Die Kirchen haben viel Aufmerksamkeit bekommen und damit auch der Glaube an Gott. Das ist sehr wichtig und darf bei aller Kritik nicht untergehen. Es wurden sicherlich mit Gottes Angebot mehr Menschen erreicht, als bei Veranstaltungen gezählt wurden. Da wirkt bestimmt noch einiges nach.

Schade war, dass die Kirchentage auf dem Weg nicht das verdiente Echo gefunden haben. Aber dazu ist schon viel gesagt und geschrieben worden; weiteres will ich mir ersparen. Es wird daraus gelernt werden. Bewerten muss das jeder für sich selbst und nicht für andere! Ich bin mir sehr sicher, dass es trotz aller Enttäuschungen über die Teilnehmerzahlen wichtige Impulse für die Regionen gegeben hat. Mal sehen, was später daraus wird.

Tonangebend: Präses Dieter Lomberg bei der Frühjahrstagung der Landessynode der EKM. Foto: Willi Wild

Tonangebend: Präses Dieter Lomberg bei der Frühjahrstagung der Landessynode der EKM. Foto: Willi Wild

Wie wurde das Reformationsjubiläum in Ihrem Kirchenkreis und Ihrer Kirchengemeinde begangen?
Lomberg:
Ich möchte meinen Kirchenkreis gar nicht herausheben. Ich weiß, dass es in allen Kirchenkreisen sehr viele sehr gute Veranstaltungen gab. Die Berichte dazu im Landeskirchenrat haben mich beeindruckt.

Es ist überraschend, wieviel Kreativität und Ideenreichtum, Gottes Wort zu den Menschen zu bringen, wir in der gesamten EKM haben. Mich freut dieses breite Spektrum des Engagements, gerade auch der Ehrenamtlichen. Da kann ich nur vielen, vielen Dank sagen.

Es gab in der unmittelbaren Nähe meines Kirchenkreises den Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg, in den wir als Gemeinden des Kirchenkreises eingebunden waren. Neben anderen Veranstaltungen gab und gibt es auch im nächsten Jahr noch die 12 Pilgerwege zu den Stätten, wo Luther nicht war. Ein Highlight, das Menschen einander nähergebracht hat.

Wie groß war dort das Interesse an Luther und der Reformation?
Lomberg:
Es gab wie überall ein unterschiedliches Interesse.

Wie haben Sie die Kirchentage auf dem Weg erlebt?
Lomberg:
Ich konnte leider aus beruflichen Gründen nicht an so vielen Veranstaltungen teilnehmen, wie ich gerne gewollt hätte. Aber das, was ich in Wittenberg, wo ich wegen der Proben zum Abschlussgottesdienst schon ab Freitagabend war, persönlich erlebt habe, fand ich sehr beeindruckend. Für alle anderen Veranstaltungsorte gilt das auch, ich habe davon viel Gutes gehört.

Thema: Ökumene


Im Reformationsjahr wurde von den Bischöfen die Ökumene sehr stark betont. Sehen Sie sichtbare Fortschritte?
Lomberg:
Ich denke, es ist zu früh, da jetzt und sofort etwas zu erwarten.

500 Jahre Trennung und Differenzen können nicht sofort nach dem 31. Oktober 2017 aufgehoben und geklärt werden. Aber ich sehe viele weitgehende kleine und größere Fortschritte.

So haben wir einen sehr guten Austausch und eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Bistümern Erfurt und Magdeburg. Ich nehme schon lange wahr, dass das nicht zuletzt aufgrund der auf beiden Seiten handelnden Personen sehr gut funktioniert. Es ist ein offener Dialog, in dem angesprochen wird, wo der Schuh drückt. Dadurch hat auch das Reformationsgedenken seine ökumenische Wendung genommen.

Dafür ist den katholischen Brüdern und Schwestern sehr zu danken und den Verantwortlichen in der EKM und der EKD, die dies so gut aufgenommen und umgesetzt haben.

Thema: Herbstsynode

Welchen Raum wird eine Auswertung des Reformationsjahres auf der Herbssynode in Erfurt einnehmen?
Lomberg:
Wir werden die Diskussion erst in der Frühjahrssynode führen. Da ist dann mehr – auch emotionaler – Abstand vorhanden und wir wollen uns mit dem Thema Gemeinde beschäftigen. Dann gibt es unter dem Punkt »Die Reformation geht weiter« auch einen Rückblick auf 2017 und die gesamte Dekade. Das ist wichtig, um von diesem rückblickenden Ausgangspunkt die Zukunft gut diskutieren zu können.

Welche Schwerpunkte gibt es bei dieser Synodentagung?
Lomberg:
Thematischer Schwerpunkt wird unter dem Synodenmotto »Evangelisch – Ein Kreuz für die Welt« das Thema »Evangelium kommunizieren in einer mehrheitlich konfessionslosen Gesellschaft« sein. Dabei haben die hier aufgewachsenen Brüder und Schwestern einen großen Erfahrungsschatz, den wir heben wollen. Nur so können wir uns an alte Ideen erinnern und neue entwickeln, wie wir Wege zu den Menschen gefunden haben und wiederfinden können.

Ein weiterer Schwerpunkt wird die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien sein – diesmal zu Fragen der Schulseelsorge, den Modellregionen »Gemeindearbeit mit Familienperspektive« und die Zukunft der Kindergottesdienstarbeit.

Traditionell ist die Herbstsynode auch eine der Finanzen; es wird um den neuen Haushalt und die damit verbundenen Beschlüsse gehen, sowie um die Abnahme der Jahresrechnung 2016.

Thema: Ehe für alle

Die Evangelische Jugend wollte die »Ehe für alle« thematisieren. Was ist daraus geworden?
Lomberg:
Die Landessynode hat beschlossen, dass anhaltender Gesprächsbedarf besteht. Die derzeitige kirchliche Praxis soll bestehen und sich entwickeln. Sie hat festgestellt, dass die für die Trauung von Mann und Frau und für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare vorgesehenen liturgischen Ordnungen im Grunde gleich sind.

Die Landessynode entschied über den Antrag der Jugendsynodalen zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Der Landeskirchenrat wurde aber von ihr gebeten, ein geeignetes Format zu finden, in dem dieses Gespräch in absehbarer Zeit weitergeführt werden kann.

Genauso wird verfahren. Das Thema ist damit »nicht vom Tisch«, sondern es wird mit der gebotenen Sorgfalt diskutiert. Es muss ein Beschluss gefunden werden, der die Gemeinden nicht zerreißt. Dafür braucht es etwas Zeit – auch, wenn dies dem jugendlichen Tatendrang nicht folgt.

Hier etwas zu befeuern, nur um jetzt einen Beschluss zu bekommen, den die Mitglieder der Gemeinden nicht mittragen können, hilft nicht. Wir werden sicherlich immer verschiedene Meinungen dazu haben, aber wir müssen dahinkommen, dass der Beschluss von allen mitgetragen werden kann, auch wenn sie ihm aus welchen Gründen auch immer nicht zustimmen können.

Wir haben bei der damaligen Beschlussfassung zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare eine sehr gute Diskussion gehabt und ein hohes Einvernehmen. Das wünsche ich mir auch hier, und dass wir jeden in der Diskussion mitnehmen.

Thema: Jugendsynode

Die Einbeziehung der Jugend ist Ihnen wichtig. Wie weit sind die Überlegungen einer gemeinsamen Synodentagung mit der Evangelischen Jugend – einer »Jugendsynode« – gediehen?
Lomberg:
Dazu kann ich nichts sagen, weil es dazu auf Beschluss der Synode eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Synode, des Landesjugendkonventes, des Bundes Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland und des (Landes-)Kinder- und Jugendpfarramtes gibt. Diese Arbeitsgruppe wird den Beschluss der Landessynode abarbeiten, die für die Vorbereitung der Jugendsynode unter anderem die folgenden beiden Impulse gegeben und beschlossen hat:

1. Auf der Jugendsynode werden mit Blick auf Gegenwart und Zukunft der Kirche relevante Fragen aus der Perspektive junger Menschen miteinander beraten;

2. Die Jugendsynode soll neben den Synodalen der Landessynode unter Beteiligung von bis zu 80 jungen Menschen im Sinne des Kinder- und Jugendgesetzes (KiJuG) stattfinden. Sie sollen in der Regel das 27. Lebensjahr nicht überschritten haben.

Hier liegen auch die Schwierigkeiten, die zu lösen sind: Es soll eine breite Partizipation junger Menschen ermöglicht werden. Aber leider gibt es Kirchenkreise, die keine Vertreter in den Landesjugendkonvent entsenden, etwa weil sie keinen Kreisjugendkonvent haben. Dort gibt es zwar Informationen über Entwicklungen im Bereich politischer und kirchlicher Jugendarbeit sowie eine jugendpolitische Vertretung im Landkreis, aber die kirchenkreisliche und landeskirchliche jugendpolitische Arbeit und Vertretung nehmen Jugendliche offenbar nicht wahr.

Das ist schade, wenn dies durch Kirchenkreismitarbeiter wahrgenommen werden soll oder durch die Synodalen in der Landessynode. Zu den Jugendsynodalen dürfte es kaum bis keine Kontakte geben. Da ist es für mich schwer vorstellbar, dass diese Jugendlichen wirkungsvoll mit ihren Anliegen vertreten werden. Zumindest wird ihnen ein Stück gelebter Kirchendemokratie, Partizipation und Mitbestimmung vorenthalten.

Vorschläge der zu bearbeitenden Themen können sowohl durch die Antragsberechtigten an die Landessynode als auch aus der kirchlichen Arbeit mit Jugendlichen erfolgen. Bei der Themenfindung ist ein wichtiges Kriterium, dass es sich möglichst nicht um ein »reines Jugendthema« handeln soll, sondern um eines, das die Synodalen und die Jugenddelegierten gemeinsam etwas angeht, nur in unterschiedlichen und sich überschneidenden Facetten.

Die Synode erhält spätestens zur Frühjahrstagung 2018 einen Sachstandsbericht.

Thema: Zukunft

»Reformation geht weiter« steht auf einem Banner der EKM. Was bleibt und was wird weitergehen?
Lomberg:
So viel prophetische Gabe habe ich nicht. Es werden die begonnenen Prozesse in den Gemeinden weitergehen (»Wie wollen wir heute und in Zukunft Gemeinde sein?«, »Wie können wir das schaffen?«, »Welche nichtfinanzielle Hilfe brauchen wir?« …).

Ich hoffe, die Reformationsdekade hat noch mehr Ideen gebracht. Wir werden uns weiter reformieren müssen, was dazu führt, dass wir – bildlich gesprochen – Türen (nicht die Kirchen- und Gemeindetüren!) schließen und neue aufmachen werden. Wir sind und bleiben hoffentlich weiter eine Landeskirche, die in Bewegung ist, die aber auch dort fest steht, wo es nötig ist. In allem gegründet auf Gottes Zusagen an uns als Gemeindeglieder, als Gemeinde und als Kirche.

Ein wichtiges Reformationsziel ist es vielleicht, dass wir innerkirchlich wahrhaftiger werden, tatsächlich eine Kirche des Friedens vor allem nach innen werden. Dass wir offener und ehrlicher miteinander umgehen, als wir es bis jetzt tun. Ich bin als Kirche wenig glaubwürdig, wenn ich von anderen gelebten Frieden fordere, es aber in unserem Umgang mit Menschen innerhalb und außerhalb der Gemeinden, Gremien und der Kirche nicht so mache, wie ich es von anderen verlange.

Bis das bei uns gelebte Praxis ist, ist es wohl noch ein steiniger Weg. Ich wünsche mir, dass der Wille, diesen Weg zu gehen, ernsthaft besteht.

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Erlebnis für Auge und Hand

14. November 2017 von redaktionguh  
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Neue Paramente für Erfurts Augustinerklosterkirche entstanden an der Burg Giebichenstein

Die neuen Paramente auf dem Altar und der Kanzel der Augustinerklosterkirche in Erfurt strahlen mit den Farben der prächtigen Fenster um die Wette. Sie leuchten rot, in verschiedenen Schattierungen, die man aus der Ferne als Faltenwurf wahrnimmt. Tritt man näher und berührt den Stoff, dann kann man Vieles ertasten: erhabene feste Stoffe, weiche Wolle, straffe Webfäden. Ein Erlebnis für die Wahrnehmung mit Auge und Hand.

Leuchtend: Der rote Altarbehang für die Augustinerklosterkirche steht für Kraft, Glauben und Bekenntnis. Die Studenten der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Cornelia Buchheim, Margarita Wenzel und Inka Schottdorf (v. l.) haben ihn geschaffen. Foto: Diana Steinbauer

Leuchtend: Der rote Altarbehang für die Augustinerklosterkirche steht für Kraft, Glauben und Bekenntnis. Die Studenten der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Cornelia Buchheim, Margarita Wenzel und Inka Schottdorf (v. l.) haben ihn geschaffen. Foto: Diana Steinbauer

Zum Reformationstag wurden die ersten neuen Paramente an die Augustinerkirche in Erfurt übergeben. Studentinnen der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle haben sie gemeinsam mit Professor Ulrich Reimkasten gestaltet. »Nachdem 2014 die restaurierten mittelalterlichen Fenster in der Kirche eingebaut wurden, entstand die Idee eines neuen Schmuckes des Altares und damit der Wunsch nach neuen Paramenten«, erklärt Augustinerpfarrerin Irene Mildenberger.

Die Idee, gemeinsam mit der Burg Giebichenstein zu arbeiten, wurde geboren und vom Freundeskreis des Augustinerklosters unterstützt – ideell und finanziell.

Die beiden roten Paramente tragen den Titel »Anfang« und schmückten beim Gottesdienst am 31. Oktober zum ersten Mal die Kirche.

»Wir wollten mit den Paramenten Kraft ausdrücken. Die Kraft der eigenen Überzeugung«, erklärt Margarita Wenzel. Sie und ihre Mitstreiterinnen haben sich lange und intensiv mit der Geschichte des Ortes und der Bedeutung liturgischer Farben auseinandergesetzt. »Rot, das ist der Glaube, der Heilige Geist, das Bekenntnis. Wir wollten der Haltung und dem Stadtpunkt Martin Luthers und dem gesprochenen Wort damit Ausdruck verleihen«, ergänzt Kommilitonin Inka Schottdorf.

70 Prozent der Garne färbten die Studenten selbst

Dazu beschäftigten sich die Studenten mit Klanggrafiken und ließen sich von diesen inspirieren. Solche Klanggrafik wurde interpretiert und malerisch so lang weiter ausgeformt, bis sich schließlich eine ganz eigene Bildsprache fand. Vom malerischen Entwurf wurde das Bild in der Technik der Jacquardweberei umgesetzt.

Eine extreme Farbenkraft sollte die Textilien prägen. Dafür haben die Studentinnen im Laufe der Arbeit fast 70 Prozent der Garne, die sie benutzten, selbst gefärbt. Alpaca-Mohair-Wolle oder Viskose-Seide sind nur ein Teil all der verschiedenen Garne, die hier zum Einsatz kamen. Flauschig, fest, hoch und tief, zeichnen sie sich als zusammengewobenes Textil ab.

Professor Ulrich Reimkasten spricht von einer großen Ehre, ein solches Projekt umsetzen zu dürfen. »Zur Ehre kam aber auch Angst, etwas zu schaffen, was der Kraft und Qualität des Ortes und der Fenster in der Kirche nicht entspricht«, erläutert er. Er hat die Hoffnung, dass mit den neuen Paramenten der religiöse Charakter des Ortes bei den vielen Besuchern, die das Augustiner­kloster vorrangig aus touristischem Interesse besuchen, noch stärkeren Eindruck macht. »Über die ästhetische Begeisterung soll die Begeisterung für die religiöse Bedeutung des Ortes geweckt werden«, so Reimkasten. Er sieht die Paramente als Antwort auf die Bildgewaltigkeit und Farbigkeit der Fenster der Augustinerkirche.

Kunsthochschule entwirft weitere Altarbehänge

Pünktlich zum Reformationsjubiläum haben die neuen rotfarbenen Paramente den Anfang gemacht und schmücken nun den Altar der Klosterkirche. Im Laufe des Kirchenjahres werden drei weitere Paramente in den Farben Weiß, Grün und Violett dazu kommen. Die Entwürfe existieren bereits.

Diana Steinbauer

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Wir müssen reden

13. November 2017 von redaktionguh  
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Über die »Ehe für alle« gibt es in der Landeskirche Gesprächsbedarf

Die Ehe ist ein weltlich Ding – und birgt doch eine geistliche Dimension, ganz besonders die im Sommer vom Bundestag beschlossene »Ehe für alle«. Eine kirchliche »Ehe für alle« wollte die Jugend der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands bereits im Frühjahr auf den Weg bringen. Doch dazu kam es nicht. Die Synodalen baten stattdessen um Geduld und beauftragten den Landeskirchenrat, ein Format zu finden, um weiter über die Gleichstellung der Ehe zu sprechen.

Dieser Prozess ist nun in Gang gesetzt, sagte Landesbischöfin Ilse Junkermann. Auch der Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau müsse sich damit beschäftigen, ob dem veränderten staatlichen Gesetz ein verändertes kirchliches Handeln folgt oder nicht. Aktuell liegt die Entscheidung über die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares bei Pfarrer und Gemeinde.

Kern der Debatte ist für Junkermann die unterschiedliche Schriftauslegung und der Umgang damit. Die »Ehe für alle« kann zu einer schweren Gewissensbelastung werden, wenn auch für eine Minderheit. Darf sich eine Mehrheit darüber hinwegsetzen? Wieweit können sich Christen belasten, wo müssen sie akzeptieren, unterschiedlicher Meinung zu sein? Auch die Frage, warum Trauung und »Gottesdienst anlässlich der Eheschließung« unterschieden werden, will die EKM diskutieren.

Die Landesbischöfin betonte: »Ich bin froh, dass es die Segnungen gibt. Ich bin auch froh, dass die rechtliche Gleichstellung in unserer Gesellschaft möglich ist.« Ordnung gibt der Freiheit Raum, zitierte die Bischöfin Martin Luther. Alles andere sei Willkür. »Aber wir sollten andere ernst nehmen, deren Gewissen belastet ist, und das nicht per Mehrheitsbeschluss übergehen«, sagte Junkermann. Die Bischöfin hat die Sorgen jener im Blick, die die Gefahr einer Kirchenspaltung sehen.

Joachim Liebig, Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts, begrüßte die ordnende, rechtliche Klarstellung durch die »Ehe für alle«. Für die Kirche sei es aber nicht nötig, alle staatlichen Beschlüsse geistlich nachzuvollziehen.

Ob homosexuelle Paare gesegnet werden, entscheiden in Anhalt Gemeinde und Pfarrer gemeinsam. Sind sie dazu nicht bereit, ist der Oberpfarrer aufgefordert, eine Lösung zu finden. »Wir hatten bisher, soweit ich sehen kann, einen einzigen Fall. Und da gab es keinen Konflikt«, sagte Liebig. Als Kirchenpräsident sei er sehr zufrieden mit der derzeitigen Situation. Der für Anhalt gefundene Modus trage das neue Gesetz mit. Deshalb rechne er nicht damit, dass sich die Synode in absehbarer Zeit mit dem Thema befassen muss.

In seiner Zeit als Gemeindepfarrer hat Liebig auch Anfragen homosexueller Paare bekommen: »Ich habe das nicht machen können.« Aber es gehöre zur innerkirchlichen Toleranz und Einheit, anders getroffene Entscheidungen von Kirchenältesten und Pfarrern zu akzeptieren. Es sei verheerend, diese Grundsatzfrage als Mittel zur Kirchenspaltung zu verwenden: »Das ist furchtbar. Das ist entsetzlich. Und das darf auf keinen Fall passieren.«

Katja Schmidtke

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Luther war wohl nie hier

6. November 2017 von redaktionguh  
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Museums-Kleinod: Das Lutherhaus am Marktplatz in Neustadt an der Orla trägt zwar den Namen des Reformators, aber er selbst hat es vermutlich nie betreten.

Martin Luther war zweimal in Neustadt: 1516 zu Gast im Augustinerkloster als Schlichter in einem Streit und noch einmal 1524 – da soll er in der Stadtkirche St. Johannis gepredigt haben. Vermutlich hat er bei diesem Anlass im Gästehaus des Klosters übernachtet, das der Legende nach am Neustädter Markt, mit Blick auf das heutige Lutherhaus, existiert haben soll.

Erst 1986 hat die Stadt das Gebäude gekauft und ein Nutzungskonzept erarbeitet. Das frühere, vor 1450 errichtete Gerberhaus – in dem Luther wohl nie gewesen ist – war später Wohnhaus und stand seit Ende der 1980er-Jahre leer. Bald war klar, es soll ein Schaudenkmal werden, damit das Gebäude mit seinem steilen Dach und dem schön gestalteten Erker nicht nur von außen zu bewundern ist.

Im Inneren zeugen die Bohlenstube, spätmittelalterliche Wandmalereien sowie zahlreiche kunsthistorische und architektonische Besonderheiten dieser Zeit vom Reichtum, der dort zuweilen geherrscht haben muss. Ob es Zufall war oder das Ergebnis einer perfekten Planung, dass dieses Gebäude am schönen Neustädter Marktplatz genau am 31. Oktober 2016 eröffnet werden konnte, verraten die Neustädter nicht. Es passt auf jeden Fall zum Namen Lutherhaus und in diese Reformationstage. »Wer zu uns kommt, den erwarten 500 Jahre Haus-, Stadt- und Reformationsgeschichte«, schwärmt der Volkskundler und Lutherhaus-Mitarbeiter Michael Rahnfeld. Sein besonderes Interesse gilt den Neustädter Stadtgeschichten und den Geschehnissen der Reformationszeit.

Der Volkskundler Michael Rahnfeld vor der Gesprengefigur des Heiligen Martin vom Cranach-Altar in Neustadt. Während der Altarrestaurierung  sind mehrere Skulpturen im Lutherhaus ausgestellt. Foto: Sandra Smailes

Der Volkskundler Michael Rahnfeld vor der Gesprengefigur des Heiligen Martin vom Cranach-Altar in Neustadt. Während der Altarrestaurierung sind mehrere Skulpturen im Lutherhaus ausgestellt. Foto: Sandra Smailes

Im zweiten Obergeschoss sind diesem Thema mehrere informativ gestaltete Räume gewidmet: Tumult auf dem Marktplatz, flüchtender Pfarrer, ängstliche Mönche, empörte Bürger – zur Reformationszeit ging es hoch her in Neustadt. Schließlich gelangt der Besucher in die »Gute Stube«, dem wohl prächtigsten, mit üppigen, spätmittelalterlichen Wandmalereien verzierten Raum des Hauses. Im Erker sind zwei Lutherrosen eingefasst. Dazwischen thront eine, erst vor wenigen Monaten angekaufte, übergroße Lutherbüste aus Ton. Der Rundgang endet in einem Zimmer, in dem vor- und nachreformatorische Kirchenmusik zu hören ist.

Wer durch die derzeit im Lutherhaus ausgestellten Gesprengefiguren des Neustädter Cranach-Altars neugierig wurde, kann im Anschluss noch die Stadtkirche St. Johannis besuchen, auf dem Weg die mittelalterlichen Fleischbänke, den Marktbrunnen, die Postdistanzsäule oder den Marktstock ansehen und damit außergewöhnliche, mittelalterliche Sehenswürdigkeiten entdecken – das lohnt nicht nur in den Hochtagen des Reformationsjubiläums.

Sandra Smailes

Öffnungszeiten: Di., Do., Fr., Sa. 10 bis 17 Uhr, So. 14 bis 17 Uhr

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Es fängt gerade erst an

6. November 2017 von redaktionguh  
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Die Lutherdekade ist vorbei, die Erinnerung an die Zeit der Reformation noch lange nicht. Im Kurtheater Bad Liebenstein zeigen sie »Luthers Entführung«.

Zehn Themenjahre lang hat es allerorts und in aller Weise geluthert. Nun ist es gut mit der Lutherei. »Keineswegs!«, sagen sie in Bad Liebenstein (Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach). Denn sie haben gerade erst angefangen mit der Erinnerung an Reformation und Kirchenspaltung.

Wer Christian Storch, dem Intendanten des Bad Liebensteiner Kurtheaters, zuhört, der glaubt zunächst einmal, sich verhört zu haben. Er spricht von der Mitte der Luther-Dekade, von vier verbleibenden Jahren, für die sie etwas Besonderes suchten für die Stadt. Aber man hat ganz richtig gehört. Mögen die anderen des Thesenanschlags in Wittenberg anno 1517 gedenken, der mehr Legende als Fakt ist. In dieser Region haben sie ihr eigenes Reformations-Ereignis – die Entführung Martin Luthers im Jahr 1521.

Es war am späten Nachmittag des 4. Mai 1521. Nach einem Aufenthalt in Möhra, dem Stammort der Familie Luther, hat sich die Reisegruppe um den Reformator wieder auf den Weg gemacht. Von Worms sind sie zurückgekehrt, vom Reichstag, wo man Luther für vogelfrei erklärt hat. Sein Leben ist in Gefahr – und es scheint ernst zu werden, als die Gruppe im Glasbachgrund bei Steinbach nahe Bad Liebenstein von vermummten Reitern überfallen wird. Schreie sind zu hören; was folgt, ist Geschichte.

Luther-Darsteller Jethro D. Gründer ist zugleich auch Autor und Regisseur des Stücks. Foto: Heiko Matz

Luther-Darsteller Jethro D. Gründer ist zugleich auch Autor und Regisseur des Stücks. Foto: Heiko Matz

Luther wird im geheimen Auftrag seines Landesherrn, Friedrich dem Weisen, auf die Wartburg gebracht. Dort übersetzt er inkognito als Junker Jörg in nur elf Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Der neue Glaube erstarkt, zehn Jahre später wird sich in Schmalkalden ein Bund aus neugläubigen Fürsten und Reichsstädten gründen, um ihn zu verteidigen. Die Entführung als Schlüsselereignis für die Sache der Reformation – davon wollen sie in Bad Liebenstein erzählen; im Jahr 2017 und in den folgenden Jahren bis 2021. Dafür wurde eigens ein Theaterstück in Auftrag gegeben, das die hiesige Historie in den Mittelpunkt stellt, dem Verbürgten aber noch Liebe und Humor als Zutaten beigibt.

So war es gewünscht und so hat es Jethro D. Gründer für das Kurtheater geschrieben. Der Titel des Schauspiels: »Luthers Entführung«. Ende September war die Uraufführung zu sehen. Nun gibt es zwei weitere Vorstellungen.
Gründer, der sich mit seiner Idee erst in einem Wettbewerb durchsetzen musste, ist mit der Luther-Thematik bestens vertraut. Zunächst war er am Landestheater Eisenach als Schauspieler engagiert, dann rief er mit Oliver Nedelmann das »freie eisenacher burgtheater« ins Leben. Für die Eigenproduktion des Kurtheaters dramatisierte er jetzt nicht nur den bekannten Stoff, sondern verantwortet auch die Regie und übernahm die Hauptrolle, Martin Luther also.

Dem wiederfährt auf der Theaterbühne so einiges, das nicht in den Geschichtsbüchern nachzulesen ist.

Histörchen mit schwer zu bestimmendem Wahrheitsgehalt wurden aufgenommen, vor allem aber eine frei erfundene Liebelei. Diese hat Luther mit einer gewissen Katharina, aber nicht jener von Bora, die er heiraten wird, sondern einer gleichnamigen entfernten Cousine aus Möhra. Die spendet dem Reformator zärtlich Trost, der auf der Wartburg von hartem Stuhlgang und Einsamkeit gleichermaßen gequält wird.

Friederike Ziegler hat die Partie der Cousine Katharina übernommen, der dritte Hauptdarsteller ist Lutz Schwarze. Er ist als Luthers Vater und in weiteren Rollen zu sehen. Mit den drei Profis stehen noch 38 weitere Akteure auf der Bühne – der Kinderchor aus Barchfeld, etliche Statisten und viele spielfreudige Bürger aus Bad Liebenstein und Bad Salzungen, aus Möhra, Steinbach und anderen nahen Orten.

Es ist eine aufwendige Schauspiel-Produktion. Das Bühnenbild haben sie schlicht gehalten, die Kostüme – teils vom Theater Eisenach geliehen – dafür prächtig gewählt. Und es gibt viel zu lachen, sagt Intendant Christian Storch.

Susann Winkel

17./18. November, 19.30 Uhr, Kurtheater Bad Liebenstein. Karten: Bad Liebenstein Information, Telefon (03 69 61) 6 93 20, oder online: www.luthers-entführung.de

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Fegefeuer Fristen Fritzen

3. November 2017 von redaktionguh  
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Meine persönliche Bilanz des Reformationsjahres? Wir bräuchten heute dringend wieder mehr Menschen wie Martin Luther! Menschen, die frischen Wind in die Kirche bringen, Wegbereiter für die innere Freiheit, für Bildung und den Mut, sich für seine Meinung einzusetzen! Für die Vorbereitung auf das Lutherjahr habe ich wieder ein bisschen mehr in der Bibel gelesen und dabei ist mir klar geworden, wie viel Luther in Bewegung gebracht hat, vielleicht mehr, als er anfangs ahnen konnte. Seine Überzeugung, dass der Mensch in der Beziehung zu Gott keine Zwischenhändler braucht und auch keine Fegefeuer-Fristen-Fritzen, war revolutionär. Ebenso der Gedanke, dass Menschen Texte, die sie angehen, in einer verständlichen Sprache lesen können sollen. Da ist die Medizin bis heute nicht drauf gekommen! Und als ich einmal das Ärztelatein für mein erstes Buch „Arzt-Deutsch“ ins Verständliche übertrug, wurde mir klar, was er da mit der ganzen lateinischen Bibel geleistet hat! Respekt.

Martin Luther hat vorgelebt, sich mit den Verhältnissen und der herrschenden Meinung nicht zu arrangieren. Das ist Zeichen einer großen inneren Freiheit. Luther hat sie „Freiheit eines Christenmenschen“ genannt. Diese Freiheit schreibt er uns 500 Jahre später immer noch ins Gebetbuch. Sie macht immun gegen Ideologien wie den Perfektionismus. „Du musst gesund sein, du musst toll aussehen, du musst der Beste sein und darfst nicht alt werden.“ Diese Ideologie muss man hinterfragen, dabei hilft Luther. Und Luther sagt auch: „Du bist okay, wie du bist!“ Wie viele Menschen fühlen sich heute schlecht und ausgebrannt und depressiv, weil sie denken, sie müssten anders sein. Doch andere gibt es doch schon genug. Das hat sich Luther natürlich nicht ausgedacht – das hat er in der Bibel gefunden, weil es der Kern der Botschaft von Jesus war. Alle Menschen sehnen sich nach einer Liebe, die einen annimmt und die bedingungslos ist. Diese Liebe kann man nicht kaufen – auch nicht, indem man der Mega-Gutmensch ist. Solche Pseudolösungen hat Luther aufgezeigt und gesagt: „Du kannst dich noch so sehr anstrengen. Letzten Endes kannst du dir Gottes Liebe weder erkaufen noch verdienen.“ Das hat eine unglaubliche therapeutische Kraft – und ich würde mir wünschen, dass viele Menschen durch das Reformationsjubiläum davon gehört haben.

Was mich als Reformationsbotschafter besonders gefreut hat, ist, wie viel Luther für Humor und Lachen übrig hatte: „Wer immer und überall lachen kann, der ist ein wahrer Doktor der Theologie“. „Wo Glaube ist, da ist auch Lachen.“ Und am Wichtigsten: „Woran erkennt man ein befreites Herz? Am Lachen!“

Das Reformationsjahr ist eine gute Gelegenheit uns von der Kargheit und Wortlastigkeit zu befreien und eine kleine „Gegenreformation“ starten: zu mehr Miteinander und Füreinander, mehr Humor und Lachen, mehr Sinnlichkeit und Körperlichkeit in der Kirche, und mehr Ekstase und unbändiger Freude am Leben. Ja, wir werden alle eines Tages sterben. Aber an allen anderen Tagen eben nicht! Und wenn es eine frohe Botschaft gibt, sollte man das den Menschen, die sich auf sie berufen, auch anmerken, oder?

Eckart v. Hirschhausen

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