Wirkungsvolle Zahlenspiele

26. August 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Der Mathematiker Gerd Bosbach sieht die demografische Entwicklung nicht so dramatisch wie sie meistens dargestellt wird.

Der demografische Wandel scheint seit Jahren in Deutschland ein Sorgenkind zu sein. Zu wenig Kinder, zu viele alte Menschen, die der nachwachsenden Generation zur Last fallen. Dieses Horrorbild wird von der Zukunft in Deutschland gezeichnet. Einer, der die Bevölkerungsentwicklung nicht so dramatisch sieht, ist der Mathematiker Gerd Bosbach, Professor für Statistik und Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz. »Hier wird eine Notsituation konstruiert, die keiner statistischen Untersuchung standhält.« Den großen Fehler sieht der Mathematiker in den 50-Jahres-Prognosen, die nur in die Zukunft schauen, die Vergangenheit jedoch ausblenden. Der Professor lenkt den Blick auf die Entwicklung im 20. Jahrhundert. Die Bevölkerung sei um etwa 30 Jahre gealtert, der Kinderanteil habe sich halbiert, der Rentenanteil verdreifacht. Nach der aktuellen »Logik« von Demografie hätte eigentlich eine wirtschaftlich-soziale Katastrophe eintreten müssen. Dies ist nicht passiert. Stattdessen, so Bosbach, sind sowohl der Sozialstaat als auch der Wohlstand explodiert. 1966 habe kein Mensch gewusst, wie die Welt 2016 aussieht. Ebenso könne niemand vorhersagen, wie sich die Welt in den kommenden 50 Jahren entwickeln wird. All die Warnungen vor einer stetig wachsenden Zahl von pflegebedürftigen alten Menschen oder vor Arbeitskräftemangel beruhten auf Ergebnissen von Modellrechnungen, erläutert der Professor. So gehen Statistiken beispielsweise davon aus, dass sich die Zahl der Erwerbsfähigen um gut ein Drittel verringert. »Das macht Angst«, bemerkt Bosbach, die sei jedoch unbegründet, denn der Rückgang des Arbeitskräftepotenzials um etwa 34 Prozent sei keine Herausforderung für morgen, sondern eine, für die wir mehr als 50 Jahre Zeit haben. »Fürs Jahr betrachtet, liegt der Rückgang also nur bei 0,8 Prozent. Anders ausgedrückt: Nächstes Jahr müssen 99 das schaffen, was heute 100 schaffen!« Die Produktivitätsentwicklung sei bei diesen Berechnungen ebenso wenig berücksichtigt wie die gesetzlich beschlossene Rente mit 67.

Die Kirche als Spiegel der Gesellschaft: Nicht nur die Gesamtbevölkerung wird immer älter, auch die Kirche steht angesichts der Tatsache, dass ihre Mitglieder älter und immer weniger werden, vor großen Herausforderungen. Grafik: G+H; mit Verwendung von Bildelementen von Wilhelmine Wulff_All Silhouettes /pixelio.de

Die Kirche als Spiegel der Gesellschaft: Nicht nur die Gesamtbevölkerung wird immer älter, auch die Kirche steht angesichts der Tatsache, dass ihre Mitglieder älter und immer weniger werden, vor großen Herausforderungen. Grafik: G+H; mit Verwendung von Bildelementen von Wilhelmine Wulff_All Silhouettes /pixelio.de

Wie konnte die Bevölkerungsstatistik, die vor 20 Jahren ein Schattendasein fristete, derart salonfähig werden? Die Gewinner der Demografie-Debatte macht der Mathematiker unter den Arbeitgebern und der Versicherungsbranche ausfindig. Die Arbeitgeber, sagt Bosbach, konnten aus der paritätisch finanzierten Rente aussteigen, da Arbeitnehmer die Riester-Rente allein finanzieren. Und die Versicherer würden durch Riester- und Rürup-Rente Milliardengewinne einfahren.

Um deutlich zu machen, wie Zahlenspiele wirkungsvoll eingesetzt werden, nennt Bosbach die Klage über den angeblich demografisch bedingten Ärztemangel. Tatsächlich aber hindere ein strenger Numerus clausus für das Medizinstudium viele junge Menschen daran, den Arztberuf zu ergreifen.

Der Professor kommt auf die Kinderzahlen in Deutschland zu sprechen. Es werde versucht, uns »demografisch« weiszumachen, dass die 1,4 Kinder pro Frau ein Riesenproblem seien, Deutschland der Untergang drohe. Seit 1970, also seit etwa zwei Generationen, betont Bosbach, hat Deutschland nach offiziellen Berechnungen 1,4 Kinder pro Frau. »Seitdem hat sich aber die Bevölkerungszahl nicht drastisch dezimiert, sondern ist von 78,1 auf 80,8 Millionen gewachsen.«

Apropos Kinderzahlen. Die demografische Entwicklung werde nicht erst heute verantwortlich gemacht für die wirtschaftliche Situation. Um 1900 ging es den Menschen in Deutschland wesentlich schlechter, so der Mathematiker, damals wurde der niedrige Wohlstand mit dem Kinderreichtum begründet. »Jetzt ist es umgekehrt.« Die niedrige Geburtenrate müsse herhalten, um sinkenden Wohlstand zu prognostizieren.

Bosbachs Erkenntnis, dass der demografische Wandel mit Gelassenheit gesehen werden kann, ist gewiss auch für die Kirche bedenkenswert. Ihre Sorgen um kleiner werdende Gemeinden kann sie allerdings nicht beiseitelegen. Das tut sie auch nicht. Seit Jahren nimmt sie die Zahlen ernst und ist bemüht, sich auf die veränderte Situation einzustellen.

Sabine Kuschel