Die Preußen in Sachsen

2. Februar 2015 von redaktionguh  
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Der Kirchenkreis Torgau-Delitzsch ist von großer Vielfalt geprägt

Vom Kirchenkreis Torgau-Delitzsch, der vollständig auf dem Gebiet des Freistaates Sachsen liegt, kann man sich ein Bild machen, wenn man die kirchliche Statistik (Stand 2013) zu Rate zieht: Es gibt 140 276 Einwohner im Kirchenkreis, davon sind 22 186 Gemeindeglieder in 122 Kirchengemeinden. Insgesamt 1 163 Gottesdienste (außer Heiligabend) wurden gefeiert. Taufen gab es 153 (das sind 27,83 Prozent weniger als 2012) und 298 Bestattungen (–21,37 Prozent). Gut 120 Menschen traten aus der Kirche aus, 15 wieder ein. Und mehr als 800 Ehrenamtliche (davon 541 Frauen) sorgen für ein lebendiges kirchliches Leben.

Seit 2013 ist Mathias Imbusch Superintendent des Kirchenkreises Torgau-Delitzsch.  Foto:  Stefan Körner

Seit 2013 ist Mathias Imbusch Superintendent des Kirchenkreises Torgau-Delitzsch. Foto: Stefan Körner

Vom Kirchenkreis Torgau-Delitzsch kann man sich aber auch ein Bild machen, wenn man denen zuhört, die, neben vielen anderen, hier Verantwortung tragen: Mathias Imbusch, dem Superintendenten; Matthias Grimm-Over, dem Zuständigen für Jugendarbeit im Kirchenkreis; Axel Meißner, Pfarrer in Schkeuditz, und Matthias Taatz, stellvertretender Superintendent.

Grimm-Over: Die Sachsen sagen zu uns Preußen.
Imbusch: Und wir sind stolz darauf. Nach dem Wiener Kongress 1815 kam das Gebiet von Sachsen zu Preußen und ist darum heute EKM-Territorium.
Meißner: Es gibt hier eine große Vielfalt an Gegenden: Regionen, die hochindustrialisiert waren, und dann wieder Gemeinden, die sich in großer Fläche verteilen. Die Gegend östlich der Elbe bei Torgau ist auch von der Mentalität her eine andere Welt. Und dann gibt es Gegenden wie Schkeuditz, die einem Wandel unterworfen sind, weil sich wieder viel Industrie ansiedelt. Wenn in Schkeuditz ein neues Werk gebaut wird, werden bis zu 3 000 Leute gebraucht. Die ziehen zurzeit nach Leipzig, aber das wird sich ändern. Im Moment geht der Wandel noch an der Kirche vorbei. Wir schrumpfen wie alle anderen auch.

Imbusch: Vom Gefühl her sagen viele, dass die demografische Entwicklung in den Orten nahe Leipzig, Halle und Schkeuditz nicht so schlimm ist wie im Osten. Aber das lässt sich nicht durch Zahlen belegen. Der Kirchenkreis ist wie eine Ellipse mit zwei Brennpunkten: Torgau und Delitzsch. Das Kreiskirchenamt ist darum weise in der Mitte, in Eilenburg, zu finden. Landschaftlich ist es um Delitzsch erst einmal sehr uninteressant: Tagebau, Felder und ein paar Hecken dazwischen. Jenseits der Elbe wird die Landschaft lieblicher. Und Torgau ist mit dem ersten protestantischen Kirchenbau auch sehr geschichtsträchtig.
Meißner: Die Zuckerrübe ist hier das einzig schattenspendende Gewächs (lacht). Im Ernst: Eilenburg und Delitzsch sind die waldärmsten Kreise in Deutschland.
Taatz: Es ist doch so: Frömmigkeitsgeschichtlich ist die Gegend nie sehr geprägt gewesen. Es gab keinen Pietismus, keine Erweckungsbewegung. Dafür gab es schon sehr früh eine starke Industrialisierung und ein starkes Landproletariat. Das hat tiefe frömmigkeitsgeschichtliche Spuren hinterlassen.
Imbusch: Traditionsbehafteter ist die Torgauer Gegend, aber wirklich große Unterschiede sind nicht auszumachen.
Grimm-Over: Eilenburg ist ein gewisser sozialer Brennpunkt. Hier sind die Kirchenmitgliedschaftszahlen ähnlich niedrig wie in Halle. Es gibt aber flächendeckenden Religionsunterricht. Und in Sausedlitz wurde ein Familienbildungshaus eröffnet. Das war eine mutige Entscheidung in einer Zeit, wo andere Häuser zugemacht werden.
Imbusch: Für den Umgang mit dem Mitgliederschwund haben wir den großen Wurf noch nicht gefunden. Wir wollen aber ein Modellprojekt in einer Region starten. Eine regionale Gemeindesekretärin soll die Pfarrer von der Verwaltung entlasten.
Meißner: Für größere Experimente haben wir leider keine freien Kapazitäten.
Imbusch: Die Überlegung ist: Wie können wir dem demografischen Wandel nicht nur hinterherhinken. Es kann nicht sein, dass wir immer nur Stellen streichen und Parochien erweitern. Wir müssen darauf hinarbeiten, dass sich Gemeinden selbst organi­sieren.
Grimm-Over: Es müsste in den Gemeinden die Diskussion in Gang gesetzt werden: Was benötigen wir, um unser Christsein zu leben?
Imbusch: Meine Idee wäre, dass sich ein Projektpfarrer nur um die Gewinnung von Ehrenamtlichen bemüht.
Taatz: Das mit dem Ehrenamt wird kompliziert. Die Leute hier sind für das Ehrenamt, sei es kirchlich, sei es weltlich, nur sehr schwer ansprechbar.
Meißner: Das Ansprechen funktioniert, wenn man selbst mutig vorangeht.
Taatz: Aber hier muss man schon ein Stück länger ziehen, bis der Karren mal alleine rollt. Aber wenn er rollt, dann rollt er.
Imbusch: Aber die Zukunft sehe ich nicht pessimistisch.
Taatz: Es ist dramatisch, aber man muss es nicht so dramatisch sehen. Nach dem 30-jährigen Krieg waren 60 Prozent der Bevölkerung tot, heute sind sie nur nicht in der Kirche. Das ist eine ungleich bessere Voraussetzung für Gemeinden (lacht). Man muss sie nur öffnen. Wir dürfen nur nicht in die Falle tappen und uns nur auf den Kern der Gemeinde konzentrieren.
Imbusch: Was man in zehn Jahren als lebendige Gemeinde bezeichnen wird, dürfte wohl ein Miteinander von kommunaler und kirchlicher Gemeinde sein.

Stefan Körner

Gemeinsam Flagge zeigen

27. Mai 2011 von redaktionguh  
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Kirchentag: Mehr als 5000 Christen aus Mitteldeutschland werden zum Protestantentreffen in Dresden erwartet.
Die letzten Vorbereitungen laufen: Vom 1. bis 5. Juni ist Dresden Gastgeber für den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag. (Foto: epd-bild)

Die letzten Vorbereitungen laufen: Vom 1. bis 5. Juni ist Dresden Gastgeber für den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag. (Foto: epd-bild)


Nach 14 Jahren findet mit Dreden wieder ein Kirchentag in Ostdeutschland statt. Das dürfte neben den großen Themen eine nicht ­unwesentliche Rolle spielen.


»Hier sind wir schon die Exoten«, sagt Matthias Grimm-Over. Der Referent für Jugendarbeit weiß, wovon er spricht. Wenn sich am 1. Juni die verschiedenen Regionen Sachsens beim Abend der Begegnung auf dem Kirchentag in Dresden vorstellen, wird auch die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mit von der Partie sein. Unter dem Motto »Evangelisch in Nordsachsen« präsentiert sich der Kirchenkreis Torgau-Delitzsch als einzige sächsische Region der EKM auf dem Kirchentag. Die Helfer um den Jugend­referenten werden dann gemeinsam mit den »Freunden der Leipziger Region« die Kirchentagsgäste rund um die Dreikönigskirche bewirten.

Aber auch sonst will der Kirchenkreis auf dem Kirchentag vom 1. bis 5. Juni Flagge zeigen. Im Themenbereich »Christen im Alltag« informieren die Mitarbeiter über ihre Arbeit vor Ort. An jedem Tag werde es einen ­thematischen Schwerpunkt geben, kündigt Grimm-Over an. Neben dem neuen Familienbildungshaus Sausedlitz und dem ersten Torgauer Kinderkirchenführer wollen die Mitarbeiter auch ihr Jugendbildungsprojekt »Wintergrüne« vorstellen. »Wir wollen damit zeigen, dass Sachsen nicht nur aus der Landeskirche besteht«, meint der Referent selbstbewusst.

Dass der Kirchentag nach längerer Zeit wieder in Ostdeutschland über die Bühne geht – zuletzt hatte es 1997 das Protestantentreffen in Leipzig ­gegeben –, schlägt sich freilich nicht nur in den Zahlen unter den 110.000 Dauerteilnehmern nieder. »Von der Zusammensetzung wird es der erste gesamtdeutsche Kirchentag sein«, ist Katrin Göring-Eckardt, Präsidentin des Treffens, überzeugt. Etwa ein Drittel kommt aus Ostdeutschland. Allein aus der EKM werden sich 5.000 Gemeindeglieder auf den Weg machen. Inhaltlich dürfte das Thema Kirche in säkularer Umwelt neben den Topthemen Atomausstieg, Finanzkrise und Integration eine tragende Rolle spielen. Dafür spricht schon die Tatsache, dass der Kirchentag in einer Region stattfindet, in der nur noch knapp 25 Prozent zu einer Kirche gehören.

Für die evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümer aus Mitteldeutschland ist das Grund genug, sich mit einem Stand auf dem »Markt der Möglichkeiten« zu präsentieren.

Wie schon beim Ökumenischen Kirchentag in München stellen sich die EKM und Anhalt sowie die Bistümer Erfurt und Magdeburg gemeinsam vor.

Allein das findet Anne Rademacher, Referentin im Erfurter Seelsorgeamt, ziemlich einmalig. »Diese Gemeinschaft ist ein Symbol dafür, was wir in Mitteldeutland brauchen.« Neben der EKM-Klimakampagne soll es um den Bibelturm im anhaltischen Wörlitz, das ökumenische Pilgerwegsprojekt des Bistums Magdeburg sowie die vom Bistum Erfurt angestoßene Reihe »Wozu ist Kirche gut?« gehen. Im nächsten Jahr wird der Gemeinschaftsstand dann beim Katholikentag Station machen.

Doch das sind nicht die einzigen Angebote aus der mitteldeutschen und der anhaltischen Kirche. Bereits am 30. Mai lichten zwei Schiffe in Dessau-Roßlau bzw. Wittenberg die Anker und fahren stromaufwärts nach Dresden. Zudem wirken mitteldeutsche Vertreter beim Feierabendmahl mit, stellen den spirituellen Tourismus am »Lutherweg« vor, erzählen ­etwas vom Einsatz für die Elbe und beteiligen sich am »Zentrum Kirchen und Demokratie«.

Ausgerechnet hier gab es bereits im Vorfeld eine heftige Kontroverse mit dem sächsischen Landtag. So hat das Präsidium mehrere Veranstaltungen nicht zugelassen, darunter ein Podium zum Thema »Krise der Demokratie« mit Heiner Geisler (CDU) und Renate Künast (Grüne). Diese »Aus­ladung« kann Lothar Tautz, Chef des Kirchentagslandesausschusses in der ehemaligen Kirchenprovinz, bis heute nicht nachvollziehen. Ansonsten hofft er, dass der Kirchentag seine ganz ­eigene Prägung erhält und der Dialog mit den osteuropäischen Ländern breiten Raum bekommt. »Dass der Kirchentag überhaupt in Dresden stattfindet«, sagt er, »ist ja schon ein Signal.«

Martin Hanusch