»Unser Geschenk«

27. August 2018 von redaktionguh  
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Orgelbau: Weißenfels und Merseburg feiern den 200. Geburtstag von Friedrich Ladegast

Der Blick gen Empore fällt auf eine leere Wand. In der Laurentiuskirche in Weißenfels fehlt ein wichtiges Stück. Die Orgel ist nicht an ihrem Platz. Nichts, was den Ladegast-Verein bange macht. Ganz im Gegenteil.

»Das Instrument wird restauriert. Es ist unser Geschenk an seinen Schöpfer«, erzählt Gisela Bevier, die Vorsitzende des Ladegast-Vereins. Vor zwei Jahren fasste man den Beschluss, der 149 Jahre alten Orgel eine Kur zu bescheren. Sie gilt als die älteste erhaltene, nach dem Kegelladensystem erbaute Orgel von Friedrich Ladegast (1818–1905).

Die Ladegast-Orgel in der Weißenfelser Marienkirche soll umfassend restauriert werden. Für die Gemeinde ist dies ein Mammut-Vorhaben, berichten Kai Schmidt vom Gemeindekirchenrat und Gisela Bevier, Vorsitzende des Ladegast-Vereins. Foto: Constanze Matthes

Die Ladegast-Orgel in der Weißenfelser Marienkirche soll umfassend restauriert werden. Für die Gemeinde ist dies ein Mammut-Vorhaben, berichten Kai Schmidt vom Gemeindekirchenrat und Gisela Bevier, Vorsitzende des Ladegast-Vereins. Foto: Constanze Matthes

Über die Zeit nahezu im Original geblieben, habe ihr allerdings über die Jahre vor allem der Schmutz zugesetzt, sei eine Reinigung dringend notwendig gewesen, berichtet die Vereinsvorsitzende. Die Kosten in Höhe von 65 000 Euro stemmt zu einem großen Teil das Land Sachsen-Anhalt mit Mitteln aus dem Programm für Denkmalschutz. Der Rest von rund 10 000 Euro hat der Verein als Spenden gesammelt, zu Veranstaltungen wie Konzerten und Lesungen.

Mit dem Auftrag wurde das Leipziger Orgelbauunternehmen von Stefan Pilz betraut. Das Projekt begleiteten der Orgelsachverständige des Kirchenkreises Merseburg, Roland Hentzschel, sowie Holger Brülls vom Landesamt für Denkmalschutz. Im Juni haben die Arbeiten begonnen, im Dezember sollen sie abgeschlossen sein, so ist der Plan. Und mittendrin feiert der Verein mit mehreren Veranstaltungen den 200. Geburtstag des Orgelbauers am 30. August.

Seit 2007 besteht der Verein mit Sitz in Weißenfels, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Laurentiuskirche samt Orgel und der dortigen Ladegast-Sammlung in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu bringen und für Kultur im Gotteshaus zu sorgen. Zudem engagieren sich die Mitglieder, um auf das Leben und Wirken Ladegasts aufmerksam zu machen sowie die wissenschaftliche Forschung zu fördern.

Dass der Verein in Weißenfels aus der Taufe gehoben wurde, kommt nicht von ungefähr. Geboren und aufgewachsen in Hochhermsdorf/Sachsen verband Friedrich Ladegast die Liebe zur Musik und das beim Vater erworbene handwerkliche Können miteinander. 1847 ließ er sich als Orgelbauer und Instrumentenmacher in Weißenfels nieder, wirkte dort mehrere Jahrzehnte und verstarb im Jahr 1905.

Von den rund 200 Orgeln, die Ladegast erbaut hat, sind eine Handvoll in der Saalestadt und ihren Ortsteilen zu finden. Weitere Orgeln baute der »Silbermann des 19. Jahrhunderts«, wie er auch genannt wird, für den Merseburger Dom, die Leipziger Nikolaikirche, die Schlosskirche zu Wittenberg, St. Jakob in Köthen, den Tallinner Dom oder die Altenburger Bartholomäikirche. Sein größtes Instrument erklingt in Schwerin.

In Weißenfels bedarf nicht nur die Orgel in der Laurentius-, sondern auch die in der Marienkirche am Markt einer Restaurierung. Für die Kirchengemeinde gilt dies als ein Mammut-Projekt mit Kosten in Höhe von schätzungsweise 454 000 Euro. »Das Instrument wurde in der Vergangenheit oft verbaut, so dass sich sein Zustand verschlechtert hat. Wir wollen es in den Original-Zustand zurückführen«, erzählt Kirchenältester Kai Schmidt.

Vor dem 150. Geburtstag des Instruments im Jahr 2014 wurde ein Förderverein ins Leben gerufen. Vor zwei Jahren widmete sich ein Kolloquium der Orgel. Der Bund will die Sanierung mit mehr als 76 000 Euro unterstützen.

Constanze Matthes

Termine
30. August, 15 Uhr: Führung in Weißenfels (Treff: Grünanlage am Ratssaal); 19 Uhr: Orgelfest im Merseburger Dom mit Heribert Metzger (Salzburg), Michael Schönheit (Merseburg), Denny Wilke (Mühlhausen) und Jan Ernst (Schwerin)
31. August, 15 Uhr: Kranzniederlegung auf dem Weißenfelser Friedhof, 17 Uhr: Konzert in der Kirche Wengelsdorf mit Katharina Dargel und Michael Schönheit

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Sommerfreude pur vor der Stadtkirche

24. August 2018 von redaktionguh  
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Aktion: Merseburger laden zu Kaffee, Kuchen und guten Gesprächen ein

Eine bunte Wimpelkette hängt zwischen den Ästen der alten Linde, die direkt vor der Merseburger Stadtkirche St. Maximi steht. Im Schatten des mächtigen Baumes sind auf dem Buckelpflaster Gartentische aufgestellt, hübsch dekoriert mit gelber Goldrute. Am Eingang des Gotteshauses laden Liegestühle zum Lümmeln ein. Ein Saxofonspieler steht auf der Kirchentreppe und entlockt seinem Instrument weiche Töne: Sommerfreude pur.

Einladend: Ehrenamtliche Helfer schmücken den Platz vor der Stadtkirche. Foto: Petra Wozny

Einladend: Ehrenamtliche Helfer schmücken den Platz vor der Stadtkirche. Foto: Petra Wozny

Das Wetter ist seit Wochen perfekt und die Zutaten stimmen. Das nahezu mediterrane Flair lockt, genau dies zu tun: Freude am Sommer zu haben, frisch gebackenen Kuchen zu essen und mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Die 90-jährige Gerda Walther macht das. »Ich gehe regelmäßig in die Kirche. Nur ist im Sommer hier in der St. Maximi kein Gottesdienst. Da kommt doch diese Aktion gerade richtig. Hoffentlich lassen sich viele von ihr anstecken«, meint die rüstige Rentnerin.

Anbieten, was bisher gefehlt hat

»Wir haben versucht aufzubauen, was uns und anderen in Merseburg gefehlt hat«, schildert Pfarrerin Susanne Mahlke. Zudem habe der Gedanke die Organisatoren beseelt, einen Farbtupfer zu setzen und der Stadt etwas Gutes zu tun. Gemeinsam mit Lydia Schubert, Fachreferentin für die Arbeit mit Ehrenamtlichen, wurde die Idee der »Sommerfreude zwischen Kirche und Linde« geboren. Nicht nur ein Wochenende, nein, gleich 21 Tage lang an je drei Terminen in jeder Woche luden die Organisatoren aus dem Kirchspiel zusammen mit dem Kirchenkreis dazu ein, kurzweilig das Leben zu genießen.

Für das Gute-Laune-Projekt wurden mehr als 20 ehrenamtliche Helfer, von Jugendlichen bis Senioren, gewonnen. Pro Aktionstag werden etwa drei Kuchen gebacken, aber auch Waffeln angeboten und herzhafte Snacks zubereitet. Und es wurden Unternehmer in der Region gefunden, die die »Sommerfreude« unterstützen.

Das Open-Air-Projekt mit Kaffee, kalten Erfrischungen und guten Gesprächen erlebt jetzt seine dritte und damit letzte Woche. Am 24. August ist der vorletzte Tag. Zum großen Abschlussfest mit vielen Überraschungen wird am 26. August zwischen 15 und 22 Uhr eingeladen. »Kommen Sie vorbei und sommerfreuen Sie sich mit«, lädt Lydia Schubert Merseburger und Gäste der Stadt ein. Und sie fügt hinzu: »Es ist wichtig, solche Projekte auszuprobieren. Vielleicht fragen sich dann andere im Kirchenkreis und darüber hinaus: Wäre das nicht auch etwas für uns?«

Pfarrerin Susanne Mahlke hält es nach der bisherigen guten Resonanz auf die »Sommerfreude« für denkbar, dass die Aktion auch im kommenden Jahr den Sommer verschönt. »Ich habe gesehen, dass sie den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubert«, sagt sie.

Petra Wozny

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Ein Bischof schrieb Geschichte

30. Juli 2018 von redaktionguh  
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Ausstellung: In Merseburg wird an Thietmar erinnert, den herausragenden Chronisten der Ottonen.

Gebeugt steht der schmächtige Mann an einem Pult. Die rechte Hand hält einen Federkiel. Thietmar von Merseburg (975–1018), Bischof und Historiker zugleich, blickt in die Ferne, sinniert wahrscheinlich gerade über Gott und die Welt. Im Kreuzhof des Merseburger Doms steht er als Brunnenskulptur und scheint doch lebendig wie die von ihm verfasste Chronik über das Zeitalter der Ottonen. Anlässlich des 1 000. Todestages von Thietmar in diesem Jahr widmen die Vereinigten Domstifter in Kooperation mit der Merseburger Willi-Sitte-Galerie dem wohl berühmtesten unter den Merseburger Bischöfen eine Sonderausstellung: »Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte«, heißt sie. An seiner Wirkungsstätte, dem Merseburger Dom und der Curia Nova, ist sie bis 4. November zu sehen.

Auf einer Fläche von 400 Quadratmetern bietet die Ausstellung einen Gang durch jedes der acht Bücher der Thietmarschen Chronik und geht dabei auf deren Wesensmerkmale ein: die Entstehung des christlichen Europa, die Kraft der Memoria und die Bedeutung der Tugenden. Der Besucher kann eintauchen in die Vorstellungswelt des mittelalterlichen Menschen, erlebt Kaiserkrönungen, prachtvolle Hoftage und kirchliche Feste. Geschickt webt Thietmar ganz alltägliche Szenen wie Hungersnöte oder Reisen auf dem Schiff ein, spricht über Sonnenfinsternisse und Träume. Sehr genau zeichnet der Chronist den Übergang der großen Reiche und Stämme zum Christentum auf: Slawen, Dänen, Polen, Böhmen und Ungarn. Dabei hebt er immer wieder die Leistung der Ottonenherrscher hervor.

Thietmars Welt: Markus Cottin, Kurator der Ausstellung, präsentiert stolz ein Buch aus der Chronik des Merseburger Bischofs. Foto: Petra Wozny

Thietmars Welt: Markus Cottin, Kurator der Ausstellung, präsentiert stolz ein Buch aus der Chronik des Merseburger Bischofs. Foto: Petra Wozny

»Die Chronik liest sich wie ein Who’s who einer bewegten Epoche. Wir sind heute froh über jedes Detail«, wertet Ausstellungskurator Markus Cottin die historisch wertvollen Schriften. Als Historiker habe der Bischof nicht nur eine Zeitchronik erstellen wollen. Vielmehr habe ihm die Geschichte des Bistums Merseburg am Herzen gelegen, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Es sei ihm auch um das Wohl seiner Seele gegangen, das er durch fromme Werke gesichert sehen wollte.

»Es ist unser Anliegen, Thietmars Chronik zum Sprechen zu bringen«, sagt Cottin, und Domherr Hans-Hubert Werner fügt hinzu: »Diese großartige Ausstellung ist für die Domstadt Merseburg ein ausgezeichneter Werbeträger.« »Wir sind dankbar, zu Auszügen aus Thietmars Schriften insgesamt 110 prachtvolle Leihgaben aus Museen und Sammlungen Europas zeigen zu dürfen. Sie schlagen einen Bogen über ein Jahrtausend Merseburger, deutscher und europäischer Geschichte«, betont der Kurator. Darunter sind unter anderem ein Weihwassereimer aus Elfenbein und auch eine Kopie des Basler Antependiums mit einer Länge von fast zwei Metern«, betont Ausstellungskurator Markus Cottin.

Über sich selbst hat Bischof Thietmar aufs Pergament gekritzelt: »Sieh dir doch einmal den vornehmen Herrn genau an, lieber Leser! Da erblickst du ein kleines Männlein, entstellt an der linken Wange und derselben Seite, weil hier ein Eitergeschwür aufgebrochen ist, das oftmals wieder anschwillt. Ein Bruch des Nasenbeins gibt mir seit der Kindheit ein lächerliches Aussehen. Doch deshalb würde ich mich nicht beklagen, wenn ich stattdessen über irgendwelche inneren Vorzüge verfügte. Aber ich bin ein elender Kerl, jähzornig, zu störrisch, um Gutes zu tun, neidisch, spottsüchtig, obwohl ich eigentlich selbst ausgelacht werden sollte. Keinen verschone ich, wie es doch Christenpflicht wäre. Ich bin ein Schlemmer und Heuchler, ein Geizhals und Verleumder.« Und überdies ein genialer Chronist, wird der Besucher der Ausstellung bemerken, wenn er am Selbstbildnis des Bischofs am Schreibpult im Kreuzhof des Doms vorbeigeht.

Petra Wozny

www.thietmar-merseburg.de

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»Verfolgung« gestrichen

26. März 2018 von redaktionguh  
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Jahresbericht zur »Aufarbeitung« vorgelegt

Der mittlerweile dritte Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe (IMAG) »Aufarbeitung« der rot-rot-grünen Thüringer Landesregierung ist in Erfurt vorgelegt worden. Bei der Vorstellung hat Kultur-Staatssekretärin Babette Winter (SPD) vor übertriebenen Hoffnungen bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte gewarnt. Die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur und ihren Folgen führe nicht dazu, dass die Köpfe vermeintlicher Täter »auf dem Silbertablett« präsentiert würden, sagte sie.

Die seriöse Beschäftigung mit dem Thema »sei kein Sprint, sondern ein Lauf über eine längere Strecke«. Als einen ersten Erfolg sieht Winter, dass der Themenbereich »Christen in der DDR« nach der Gründung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe mit den Kirchen »aktiv angegangen« worden sei. Die Arbeitsgemeinschaft gab sich den Namen »Christen, Kirchen und andere christliche Religionsgemeinschaften im DDR-Unrechtsstaat – Diskriminierung von Christen in der DDR und ihre Wirkungsgeschichte« (AG Christen). Ihr gehören Kirchenvertreter und Wissenschaftler an.

Mit Blick auf die historische Dimension des Begriffs »Christenverfolgung« habe die AG davon Abstand genommen, im Zusammenhang mit den Erfahrungen in der DDR allgemein von »verfolgten Christen« zu sprechen, heißt es weiter in dem Bericht.

Für missverständlich hält der Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Christian Dietrich, die Formulierung. Er könne sich nicht vorstellen, dass die Landesregierung gegenüber Betroffenen erklären möchte, dass der Begriff »Verfolgung« nicht zu ihrem Schicksal passe, so Dietrich gegenüber der Kirchenzeitung.

Man solle vielmehr die Perspektive wechseln, schlug Dietrich vor: »Wenn die Exekutive ein Urteil fällt, dann sollte es die Rechtsverhältnisse in der DDR betreffen«. Die verfassungsmäßig zugesagte Glaubens- und Gewissensfreiheit habe es in der SED-Herrschaft nie gegeben. Opfer dieser Politik seien letztlich alle Bürger gewesen. »Ihres Glaubens wegen verfolgt wurden Einzelne, zeitweise allerdings in großer Zahl«, so Dietrich weiter.

Anders als bei seinen beiden Vorläufern, soll das Papier bei seiner dritten Auflage auch im Plenum von den Abgeordneten diskutiert werden.

(epd/G+H)


Nur individuelle Lösungen

Kolloquium: Wie Wasserschäden an Kirchen vermieden werden können

Zwei Mal in kurzer Zeit wurden Kirchengebäude direkt oder indirekt von Hochwasser geschädigt. Für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) war es der Grund, 2015 ein Forschungsprojekt zu initiieren. Mit welchen Strategien lassen sich Gebäudeschäden vermeiden, lautete die Frage. Zudem wurden verschiedene Formen von Vertikalsperren aus den vergangenen 15 Jahren auf ihre Tauglichkeit hin untersucht.

Partner bei dem dreijährigen Forschungsprojekt waren das Institut für Diagnostik und Konservierung an Denkmalen in Sachsen und Sachsen-Anhalt (IDK) sowie das Institut für Geowissenschaften und Geographie im Fachgebiet Hydro- und Umweltgeologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Das Fazit der Fachleute: Die eine Lösung für alle von Hochwasser und steigendem Grundwasser betroffenen Kirchen gibt es nicht. Lösungen müssen immer individuell gefunden werden.

In der Regel, so die Architektin Susanne Bähre vom Baureferat der EKM, seien Kirchen im Mittelalter an hochwassersicheren Standorten erbaut worden. Doch es gebe auch Ausnahmen sowie Schäden durch den späteren Anstieg des Grundwassers. Sie stellte beim Abschlusskolloquium in Halle die Kirchen vor, die für das Forschungsprojekt ausgewählt worden waren.

Da ist die um 1280 erbaute Backsteinkirche im altmärkischen Räbel an der Elbe. In ihr stand nicht nur das Hochwasser. Weil die Apsis zum Teil vom Jahrhunderte später errichteten Elbdeich umschlossen ist, kam es zu Schimmelbefall und Holzfäulnis.
Die romanische Kirche in Sydow im Elbe-Havel-Winkel liegt zwar weit weg von Flüssen, aber steigendes Grundwasser schädigt sie. Die 1207 erbaute Kirche in Gottesgnaden bei Calbe wurde vom Saale-Hochwasser überflutet, die 1717 erbaute Kirche in Gruna in Nordsachsen vom Elbe-Hochwasser.

Die Kirche in Ostrau bei Halle, die in der Elsteraue liegt, erlitt Schäden durch schwankendes Grundwasser. Und die romanische Neumarktkirche in Merseburg hat ein Problem, weil sich ihr Fußbodenniveau fast in Höhe des Saale-Pegels befindet.

Professor Wolfgang Gossel (MLU)stellte die Methoden vor, mit denen Kirchen vor Wasserschäden bewahrt werden können. In Ostrau etwa wären Pumpen eine Lösung, um Schäden durch Grundwasseranstieg bei Hochwasser zu vermeiden. In Gruna könnte der Einbau einer kapillarbrechenden Schicht helfen (eine Schicht aus grobem Kies unter der Gründungssohle der Kirche, um den Aufstieg von Grundwasser ins Mauerwerk zu verhindern).

Hochwasser an der Hochstraße in Halle im Juni 2013, hinten die Kirche St. Georgen. Damals wurden historische Hoch- wasserstände verzeichnet. Die Saale hatte am Pegel Trotha die Marke von acht Metern überschritten, der höchste Wert seit mehreren hundert Jahren. Foto: epd-bild

Hochwasser an der Hochstraße in Halle im Juni 2013, hinten die Kirche St. Georgen. Damals wurden historische Hoch- wasserstände verzeichnet. Die Saale hatte am Pegel Trotha die Marke von acht Metern überschritten, der höchste Wert seit mehreren hundert Jahren. Foto: epd-bild

Die Kirche in Sydow bekam Probleme mit dem Wasser nach dem Elbe-Deichbruch 2013 bei Fischbeck. Diese hingen mit der unzureichenden Pflege des alten Grabensystems zusammen, so der Fachmann. Um die Kirche und die Häuser des Dorfes trocken zu halten, müssten die Gräben instand gehalten werden.

Gossel betonte, dass alle Maßnahmen wie Brunnen, kapillarbrechende Schichten, Vertikalsperren im Mauerwerk oder die Pflege von Gräben immer auf das Gebäude zugeschnitten sein müssten. Bei Hochwasser müssten Notstromaggregat und Pumpen schnell einzubauen sein. Auch deren regelmäßige Wartung sei erforderlich.

Matthias Zötzl (IDK) zeigte am Beispiel von Putzmusterflächen in der Merseburger Neumarktkirche deren unterschiedliche Wirksamkeit auf. Auch zu Mörtelsorten oder zum Einbau von Vertikalsperren könne er keine generelle Empfehlung geben. Vor Baubeginn müsse immer genau erforscht werden, woher das Wasser im Gemäuer komme. Und die Frage, ob Mauerwerk total abgedichtet werden müsse oder ob es »atmen« dürfe, sei unter Baufachleuten umstritten.

In der Diskussion kamen die »Handreichung für den Katastrophenfall – insbesondere Hochwasser« und der »Objektbezogene Maßnahmeplan bei Hochwasser« der EKM zur Sprache. Erfahrungen aus dem Jahr 2013 hätten gezeigt, dass im Ernstfall jeder mit sich selber beschäftigt sei, hieß es da. Umso wichtiger sei es, vorab genau zu planen und die Verantwortlichkeiten festzulegen, betonte Susanne Bähre.

Angela Stoye

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Auf Wiedersehen!

15. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast; macht seine Steige richtig, lasst alles, was er hasst …« So haben sie es im Gottesdienst am 3. Advent 1968 im Dom zu Magdeburg gesungen.

Noch eine weitere Strophe und dann verklingen die letzten Töne. Bischof Werner Krusche betritt die Kanzel. Die Geschichte von Johannes dem Täufer legt er aus: »An der Gestalt und der Predigt Johannes des Täufers, des prophetischen Zeugen an der Grenze zu der alten und der neuen Zeit, wird eines mit unerhörter Klarheit deutlich: Einer, den Gott beschlagnahmt hat zu seinem prophetischen Prediger, ruft den Leuten nicht etwas hinterher, sondern er ruft ihnen etwas von vorne zu. Wem dieses Wort gegeben ist, der steht nicht im Dienste des Vergangenen, sondern im Dienste des Kommenden, der läuft seiner Zeit nicht hinterher, sondern der ist ihr mit dem ihm aufgetragenen Worte vorweg und ruft ihr zu, welche Stunde es geschlagen hat.«

Wie mag dies in den Ohren der 15 jungen Menschen geklungen haben, die in diesem Gottesdienst im Jahr 1968 ordiniert werden sollten? Was für eine völlig andere Erwartung an ihren Dienst formulierte Werner Krusche hier – verglichen mit dem, was im staatlichen Bereich das Bild von kirchlichen Menschen war! Der Gemeinde etwas von vorne zurufen. Wissen, dass die Geschichte, die wir erleben, auf ein Ziel zuläuft, welches wir als Menschen auch mit dem wissenschaftlichsten aller Modelle nicht beeinflussen können.

»Der Evangelist Lukas zählt mit größter Exaktheit die Namen derer auf, die damals die politische Macht ausübten. Das ist doch wohl nicht nur aus chronologischen Interessen geschehen. Damit will der Evangelist doch sagen: Als diese Männer Geschichte machten, da hat Gott mitten in der politischen Geschichte seine Geschichte angefangen, so dass in der Tat die Weltgeschichte seitdem Geschichte nach Christus ist. Nein: nicht nach Christus, sondern mit Christus; denn der, dessen Kommen Johannes ankündigte, ist ja nicht – wie die Machthaber – gekommen, um wieder zu gehen, sondern er ist gekommen, um wieder zu kommen.
Titel-Artikel-50-2017Die Weltgeschichte schreitet auf eine Zukunft zu, in der endgültig herauskommt, dass in Jesus Gottes Liebe unterwegs gewesen ist in dieser Welt und dass der das Leben gewonnen hat, der sich von Jesus hat lieben und von ihm zur Weitergabe der Liebe hat bewegen lassen.«

Hier spricht der bischöfliche Prediger seine ganze Gemeinde an. Er nimmt die Bewegung der Predigt des Täufers am Jordan auf. So wenig die einzelnen Menschen dieses große Geschehen Gottes beeinflussen können, so sehr sind sie darin eingebunden. In der Geschichte mit Christus zu leben heißt, diesen in das eigene Leben wirken zu lassen. Von Früchten der Buße sprechen an jenem Sonntag in Magdeburg der Täufer Johannes und der Bischof Werner Krusche: »Wenn Jesus kommt, ist es mit ein bisschen Religion nicht getan. Religiöse Handlungen, die isoliert wären von unseren politischen Handlungen, ein Christentum, das nur in der Kirche und zu Hause, nicht aber in der Schule und im Betrieb praktiziert würde, zählte vor dem kommenden Christus absolut nichts. Er sucht Lebensäußerungen, die sichtbar machen, dass in diesem Leben etwas radikal und total neu geworden ist durch ihn.«

Das radikal Neue leben, in einer Welt, die auch heute, im Advent 2017, noch unter der Last des Alten leidet. Das leben, was wir hoffen: Dass alles Leid, alle Ungerechtigkeit einmal ein Ende haben. Gott hat seine Geschichte mit seinen Menschen nicht abgeschlossen: Er führt sie zum Ziel. So werden wir es auch an diesem dritten Adventssonntag wieder singen: »Ein Herz, das richtig ist und folget Gottes Leiten, das kann sich recht bereiten, zu dem kommt Jesus Christ.« (EG 10,3)

Katja Albrecht

Die Autorin ist Pfarrerin in Merseburg. Sie referierte bei der Gedenkfeier zum 100. Geburtstag von Bischof Krusche über die politische Dimension seines Wirkens.


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Farbe, Duft und Licht

12. Juni 2017 von redaktionguh  
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Wie Blumen den Kirchenraum verändern, erfahren Ehrenamtliche in Merseburg

Kirchen riechen oft etwas muffig. Sie werden staunen, wie sich das verändert, wenn wir Blumen und Grün in das Gotteshaus bringen.« So begrüßt Floristin Bianca Uebe rund 20 ehrenamtliche Helferinnen aus dem Kirchenkreis Merseburg. Allesamt schmücken sie zum Teil bereits seit Jahrzehnten die Kirche in ihrem Heimatort.

Zum Beispiel die 61-jährige Ursula Knappe aus Steigra. »Ich habe einen eigenen großen Garten. Da wird jede Woche ein Strauß gepflückt, um ihn frisch auf den Altar zu stellen«, schildert sie. »Ich mache das gern. Die Kirche wirkt durch die Farbenpracht der Blumen freundlicher und feierlicher.« Eingeladen zur Floristikfortbildung hat der Kirchenkreis Merseburg. »Uns ist es wichtig, dass sich Ehrenamtliche in Fortbildungen austauschen können, Neues mit auf den Weg bekommen und voneinander lernen – und das bestenfalls an andere weitergeben. Gute Fortbildungen verstehe ich als eine Möglichkeit der Wertschätzung für die teilweise jahrelange treue ehrenamtliche Arbeit«, sagt Lydia Schubert, Kreisfachreferentin für die Arbeit mit Ehrenamtlichen. Bereits im Frühjahr widmeten sich die Hobbyfloristen dem Blumenschmuck, damals zum Thema Ostern und Taufe. Diesmal lautet das Thema »Sommer und Hochzeit«.

»Wir schmücken die Kirche für das Ja, das die Menschen zueinander sagen. Und wir schmücken die Kirche für das Ja, das Gott zu uns Menschen sagt«, beginnt Schubert die Floristik-Fortbildung mit einer Andacht. »Die Gemeinschaft mit Gott feiern wir jeden Sonntag. Und zu solch einem Fest gehören Blumen.«

Nach der Andacht schickt Bianca Uebe, die einen Blumenladen in Merseburg betreibt, die Helfer zunächst ins Grüne, um ausreichend Blattwerk heranzuschaffen. Für Blumen hatte die 40-Jährige selbst gesorgt. Ihre Liebe zur Kirche und zur Natur ist der werdenden Mutter anzumerken. Sie lacht. »Ja, ich bin selbst sehr gläubig. Ich genieße die Stille in der Kirche. Und wenn dann durch Blumen etwas Farbe, Duft und Licht hinzukommen, geht es mir gut.« Mit dem Altarschmuck, so findet sie, gebe man der Gemeinde einen Gruß und Dank zurück. »Leider werden es immer weniger, die unsere Kirchen ehrenamtlich schmücken. Und die, die es machen, werden immer älter.«

Mit vollen Körben kommen die Frauen in die kleine Altenburger Kirche St. Viti in Merseburg zurück. Nun werden die Ranken von Wein, Efeu und Clematis sowie die unterschiedlichen Blätter und Gräser sortiert. Dann geht es ans Werk, soll doch Altarschmuck, ein Bodengesteck und eine Ranke um das Eingangsportal entstehen. Es gilt, das Gestühl für das Brautpaar, die Kirchenbänke und die Festtafel zu dekorieren.

Da wird gewunden, geflochten, gesteckt – und auch gestöhnt. Denn das Schmücken mit Geschmack ist kein leichtes Ding. Wie windet man den Buchs um die gepolsterten Stühle und warum fliegt der Bankschmuck immer wieder nach unten? Schließlich dürfen die kleinen Hochzeitskränze nicht mit Reißzwecken ans Holz gepinnt werden. Bianca Uebe hilft ganz ohne Pinnnadeln und verrät so manchen Kniff, wie Zweige, Blüten und Blätter am rechten Fleck bleiben und noch imposanter wirken.

Nach drei Stunden angestrengter Arbeit in fröhlicher Frauenrunde ist es geschafft. Das Gotteshaus strahlt in sommerlicher Frische. Die Tür kann aufgehen für das Hochzeitspaar. Mit wenigen Mitteln, wie dem Grün aus der Natur, etwas Bindeband und Draht, ist ein imposanter Schmuck entstanden. Zeit, um an der festlich geschmückten Tafel Platz zu nehmen und gemeinsam zu speisen.

Im November lädt der Kirchenkreis wieder zur Fortbildung ein. Dann geht es winterlich zu. Das Thema heißt Advent und Weihnachten. Leuchtet die St. Viti jetzt im Frühsommer hellgrün und weiß, wird sie dann in Burgund und Dunkelgrün erstrahlen.

Petra Wozny

Berufsziel erreicht

1. Mai 2017 von redaktionguh  
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Nachwuchs: 29 frisch ordinierte Pfarrerinnen und Pfarrer

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) werden in diesem Jahr insgesamt 29 Theologen, 19 Frauen und 10 Männer, zu Pfarrern und Gemeindepädagogen ordiniert. Damit übertrage ihnen die EKM das Recht, öffentlich in Gottesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen das Evangelium zu verkündigen und die Sakramente – Taufe und Abendmahl – zu spenden, teilte die mitteldeutsche Kirche mit. Diese Beauftragung gelte auf Lebenszeit.

Propst Christian Stawenow (links) segnet Ann-Sophie Schäfer. Ordination ist die Einsegnung in den Dienst der Kirche. Zentrales Zeichen ist dabei die Handauflegung. Foto: Hannah Katinka Beck

Propst Christian Stawenow (links) segnet Ann-Sophie Schäfer. Ordination ist die Einsegnung in den Dienst der Kirche. Zentrales Zeichen ist dabei die Handauflegung. Foto: Hannah Katinka Beck

In Eisenach wurden zur Pfarrerin oder zum Pfarrer ordiniert: Anne Boel­ter (Kirchenkreis Schleiz), Johannes Burkhardt (KK Erfurt), Kathrin Hollax (KK Haldensleben-Wolmirstedt), Hanna Jäger (KK Torgau-Delitzsch), Inga Mergner (KK Eisleben-Sömmerda), Conrad Neubert (KK Arnstadt-Ilmenau), Christina Petri (KK Gotha), Jürgen Reifarth (KK Erfurt), Ann-Sophie Schäfer (KK Torgau-Delitzsch), Jennifer Scherf (KK Merseburg) und Stefanie Schwalbe (KK Schleiz). Conrad Krannich erhält als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität in Halle einen Predigtauftrag in der Reformierten Domgemeinde. In den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst werden ordiniert Oberin Annegret Bachmann (KK Eisenach-Gers­tungen), Dr. Gabriel Gatzsche (KK Arnstadt-Ilmenau), Ernest Goldhahn (KK Waltershausen-Ohrdruf), Anita Meinig (KK Arnstadt-Ilmenau) und Mirko Weisser (KK Altenburger Land).

Am Sonntag werden in Wittenberg zur Pfarrerin beziehungsweise zum Pfarrer ordiniert: Susanne Entschel (Sondervikariat in Melbourne/Australien), Constanze Greiner (KK Henneberger Land), Martina Grigutsch (KK Egeln), Ina Lambert (KK Haldensleben-Wolmirstedt) und Torben Linke (KK Bad Liebenwerda). In ihren Dienst als Ordinierte Gemeindepädagogin wird ordiniert Rebekka Prozell (KK Elbe-Fläming). In den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst werden ordiniert Angela Göbke (KK Magdeburg), Ga­briele Grothe (KK Elbe-Fläming), Birgit Kamprath (KK Altenburger Land), Michaela Möbius (KK Stendal) und Reiner Sporer (KK Halberstadt). Ramón Seliger, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, erhält mit seiner Ordination einen Predigtauftrag in Weimar.

Die Ernennung und Einsegnung erfolgte in Eisenach durch Landesbischöfin Ilse Junkermann und den Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt, Christian Stawenow. In Wittenberg wird neben der Landesbischöfin der Regionalbischof des Propstsprengels Stendal-Magdeburg, Christoph Hackbeil, mitwirken.

(G+H/epd)

Glauben ist anders: Ohne Vertrauen geht nichts

25. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Lukas 18, Vers 31

Auf gehts, lasst uns gehen – ob die Jünger gewusst haben, was da alles auf sie zukommt? Wenn sie die Erzählungen der Propheten kannten, hatten sie sicher eine Ahnung von dem, was in Jerusalem passieren würde. Natürlich: Aus heutiger Sicht sind wir schlauer; aber die Jünger konnten es damals gewiss nicht begreifen und verstehen. Wie auch.

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin Merseburg

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin Merseburg

Denn ihr Jesus war schon immer ganz anders. Sein Leben eröffnete ihnen neue Welten. Er wendete sich denen zu, die keiner sehen wollte. Sie hörten ihm zu und folgten ihm. Alles an ihm war anders. Und dennoch, oder vielleicht genau deswegen, hatte er diese ganz bestimmte Anziehungskraft. Möglicherweise war es das, was sie spürten: Von diesem Mann geht mehr aus, als sie je begreifen konnten.

Auf gehts, lasst uns gehen – was würdest du tun, würde dir das heute jemand sagen? Vermutlich würde ich erst einmal wissen wollen, wo es hingehen soll. Ich möchte mich doch absichern. Nichts ist anstrengender, als einen Weg zweimal zu gehen. Dann möchte ich wissen, was es für einen Sinn hat, das Ganze.

Einfach etwas zu tun, ohne zu wissen, wofür und weshalb, ist das nicht Zeitverschwendung? Also, ohne Erklärungen und genauen Plan kommt in meinem Leben vieles nicht so schnell in Gang. Mein Leben habe ich gern selbst in der Hand.

Mein Glaube ist da ganz anders. Mit ihm gehe ich Wege, die ich vorher noch nicht kannte. Ich begebe mich auf ungewöhnliche, manchmal auch schwierige Pfade, mit einer tiefen inneren Gewissheit, dass genau das jetzt das Richtige ist. Das fühlt sich gut an und tut gut. Vielleicht ist es dieses Gefühl, das mich an meinem Glauben festhalten lässt, egal wann und wo, egal wie hoch der Berg oder wie tief das Wasser ist. Ich kann ihn nicht erklären, aber er bewegt etwas in mir und um mich, das ich nicht in der Hand habe und das gut so ist!

Dafür laufe ich gern los.

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin, Merseburg

Schweres Gepäck einfach mal abstellen

18. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.

Hebräer 3, Vers 15

Für gewöhnlich sind Herzen rot. Leuchtende, pulsierende Herzen. Sie zieren die Notizblöcke verliebter Teenager oder schmücken dieser Tage die Schaufenster der Blumengeschäfte zum Valentinstag. In meiner Vorstellung sind Herzen meist rot, und medizinisch betrachtet trägt das Organ ebenso eine rote Farbe. Doch wie sehen sie wirklich aus, unsere Herzen, und was treibt sie um?

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin Merseburg

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin Merseburg

Manch einer hat ein gutes Gespür dafür, was sein eigenes Herz im übertragenen Sinne so beschäftigt. Es gibt sie, diese Herzensmenschen, die mit Liebe und Leidenschaft durch ihr buntes Leben streifen und sich und anderen Freude bereiten. Das kommt der Vorstellung der rot-pulsierenden Herzen am nächsten.

Doch ich wage zu behaupten, es gibt auch andere Herzen. Die, die kaum beweglich sind. Herzen, die ihre Vergangenheit als Narben mit sich tragen. Herzen, die hart geworden sind, weil Erinnerungen sie erstarrt haben. Menschen mit solchen Herzen gibt es. Oft verschließen sie sich all dem, was das Herz im Innersten angehen könnte. Nur verständlich, denn viel zu schmerzhaft sind die Narben.

Es gibt sie, die Menschen mit starren Herzen. Manchmal kann ich ihre Lebensweise verstehen, und doch drängt es mich oft, sie wachzurütteln. Ich wünschte, ich könnte sie trösten, ihnen etwas Angemessenes sagen. Ich wünschte, sie würden wach werden. Ich wünschte, sie würden hören, damit sich ihre Erstarrung löst. Damit sie das Leben, was vor ihnen liegt, wahrnehmen können, ohne Wenn und Aber. Einmal unbeschwert nach vorn schauen können, ohne Last.

Sicher, es gibt immer ein Aber, und was morgen kommt, das liegt nun mal viel zu oft eben nicht in unseren Händen oder Worten. Und ja, viele Erinnerungen tragen wir als schweres Gepäck mit uns. Doch wie wäre es, den Rucksack einmal abzustellen? Vielleicht nicht gleich für den ganzen Weg, vielleicht erstmal nur für ein paar Schritte. Erst einen, dann zwei. Wer weiß, was wir dann sehen – wenn wir nach vorn schauen.

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin, Merseburg

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von redaktionguh  
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Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

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