Mutter, Vater, Kind und Kirche

2. November 2018 von redaktionguh  
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Ausgezeichnet: Am Samstag werden die Sieger des Wett­bewerbs »Familiengerechte Kirchengemeinde« gekürt. Wie steht es um Familien in mitteldeutschen Gemeinden? Eine Bestandsaufnahme.

In den vergangenen fünf bis sechs Jahren habe sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) einiges in Sachen Familienfreundlichkeit getan, ist Jürgen Reifarth, Referent für Bildungsarbeit mit Familien bei der EKM, überzeugt. Den Grundstein dafür legte die Synode 2011, als sie sich intensiv dem Thema »Kirche und Familie« widmete. Beschlossen wurden damals neben dem Wettbewerb auch das Einsetzen von Modellregionen.

Zwischen 2015 und 2017 konnten so in drei Kirchenkreisen familienbezogene Projekte weiterentwickelt werden. Die Kosten der Prozessbegleitung durch externe Berater zahlte die EKM. Ab dem kommenden Jahr gibt es wieder drei solcher Modellregionen, sie werden Mitte November ausgewählt.

Einer, der die Entwicklung auch seit einigen Jahren verfolgt, ist Klaus Roes, Geschäftsführer der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen Sachsen-Anhalt und Vorsitzender des Beirats für familienbezogene Themen in der EKM. »Das Thema Familie ist bei der Kirchenleitung und bei den Verantwortlichen vor Ort stärker ins Bewusstsein gerückt«, diagnostiziert er. Aber das sei erst der Anfang. Man dürfe nicht nachlassen: »Wenn es uns nicht gelingt, Familien aufzunehmen, werden wir sie als Kirche auf Dauer verlieren.« Für eine intensivere Förderung der familienbezogenen Arbeit im Allgemeinen sei durchaus noch Luft nach oben – finanziell wie personell.

Mit der Taufe beginnt es: Doch inzwischen braucht es mehr als die klassischen Angebote für einzelne Zielgruppen, damit Familien sich wirklich am Gemeindeleben beteiligen. Foto: epd-bild

Mit der Taufe beginnt es: Doch inzwischen braucht es mehr als die klassischen Angebote für einzelne Zielgruppen, damit Familien sich wirklich am Gemeindeleben beteiligen. Foto: epd-bild

2016 waren von fast 63 000 Gottesdiensten in der EKM rund 13 Prozent Familiengottesdienste, 0,56 Prozent Jugendgottesdienste. Dazu kamen 4 600 Kindergottesdienste.

Die 231 Eltern-Kind-Gruppen, über 1 400 Kindergruppen sowie fast 400 Gruppen für Jugendliche wurden im Durchschnitt von neun Teilnehmern besucht. Doch die Trennung nach Zielgruppen mit klassischen Angeboten unter der Woche würden nicht mehr wie bisher funktionieren, sagt Klaus Roes. Kirche müsse vielmehr Angebote machen, die die Familien als Ganzes in den Blick nehmen. Da bei ihnen Zeit heute knapp sei, wollen sie die, die ihnen bleibt, gemeinsam verbringen. Daher brauche es kirchliche Angebote, die alle Familienmitglieder ansprechen.

Was sich grundlegend ändern müsse, da sind sich Roes und Reifarth einig, ist das Verständnis von Kirche. Roes: »Kirche muss sich als Teil des Gemeinwesens begreifen, die für alle da ist.« Dazu gehöre auch die Beteiligung kirchlicher Akteure in Kinder- und Jugendhilfeausschüssen von Kommunen, das Vernetzen mit außerkirchlichen Einrichtungen. Reifarth unterstützt diese Forderung und präzisiert: »Wir müssen von der »Komm-Struktur« zur »Geh-Struktur« gelangen.« Das hieße, Angebote nicht nur in Kirchen vorzuhalten, sondern dahin zu gehen, wo ein Bedarf sei, der mit dem Know-how und der Tatkraft von Christen gedeckt werden könne. »Suchet der Stadt Bestes«, müsse das Credo lauten.

Wenn es konkret wird, biete die EKM Hilfe beispielsweise durch die Mitarbeiter der gemeindlichen Dienste und das Kinder- und Jugendpfarramt oder die Angebote des Pädagogisch-Theologischen Instituts an. Doch das sei ausbaufähig, so Roes. »Viele wissen gar nicht, dass es den Beirat für familienbezogene Arbeit gibt und was wir machen. Einige nehmen das in Anspruch, aber wir könnten noch mehr unterstützen.« Etwa beim Entwickeln und Konzipieren von neuen Ideen, beim Durchführen von Veranstaltungen oder beim Anbieten von Elternkursen. »Wir kommen gern in die Kirchenkreise und Gemeinden«, betont er.

Auch Reifarth macht Mut, die Angebote anzunehmen: »Macht euch auf den Weg, wir begleiten euch. Das Ziel muss dabei kein wunderbar großes Projekt sein. Oft ist es besser, erst einmal einen Prozess zu beginnen. Dann wird man sehen, wo der Weg hingeht.«

Er rät vor allem dazu, auf Beziehungspflege zu setzen und Familien zusammenbringen – in Räumen, die attraktiv und ansprechend sind. Das bewirke oft mehr als ausschließlich Investitionen in die Verkündigung.

Mirjam Petermann

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Er ist wieder da

14. September 2018 von redaktionguh  
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Antisemitismus: Oder war er vielleicht nie wirklich weg? Seit etwa 2 500 Jahren gibt es Judenfeindlichkeit. Schon fast überwunden geglaubt, tritt der Judenhass heute wieder offen zutage.

Vor wenigen Wochen sorgte eine Veranstaltungsrezension in den Thüringer Tageszeitungen für große Aufregung. Offensichtlich ohne Prüfung und Korrektur konnte ein Text erscheinen, in dem die Autorin behauptete, das Festival »Yiddish Summer Weimar« könne froh sein, von Stadt, Land und privaten Förderern am Leben erhalten zu werden. Der künstlerische Leiter würde nur noch in Deutschland, und nicht seiner Heimat USA, tätig sein, weil »alle Welt glaubt, dass wir Deutschen immer noch humanitäre Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten« und »hier das Geld für allseits begründbare Projekte noch sehr locker fließt.« Kunstkritik hin oder her, die Wortwahl der Autorin entspricht eindeutig Formulierungen und Vorstellungen nationalistischer Gruppierungen. Die uralte Annahme, Juden besäßen unverdient mehr als ihnen zustünde, wird hier ganz selbstverständlich in die moderne Zeit, in den kulturellen Kontext übertragen.

Jüdisches Leben: In Magdeburg soll wieder eine Synagoge entstehen. Ein Förderverein engagiert sich für den Neubau. Das Banner steht am zukünftigen Bauplatz. Es wurde mehrfach mutwillig beschädigt. Foto: Angela Stoye

Jüdisches Leben: In Magdeburg soll wieder eine Synagoge entstehen. Ein Förderverein engagiert sich für den Neubau. Das Banner steht am zukünftigen Bauplatz. Es wurde mehrfach mutwillig beschädigt. Foto: Angela Stoye

Antisemitismus ist in Deutschland auch 85 Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wieder ein Thema. Oder immer noch. Wer nicht unmittelbar betroffen ist, nimmt ihn jedoch als gegenwärtiges Problem im Alltag kaum wahr. Ereignisse der jüngeren Vergangenheit wie die Echo-Preisverleihung oder der Angriff auf einen Kippa-Träger in Berlin zeugen jedoch von der Aktualität.

Für den israelischen Schriftsteller Amos Oz ist »die Geschichte von Judas in den Evangelien gleichsam das Tschernobyl des christlichen Antisemitismus.« Juden stünden seitdem synonym für Judas: »Verräter, Gottesmörder, habgierige Betrüger«. Die Ablehnung gegenüber Juden hat in der Vergangenheit immer wieder neue Formen angenommen. Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich in Deutschland und in Europa der Antisemitismus, der während der Zeit des Nationalsozialismus und dem damit verbundenen Genozid an den europäischen Juden seinen Höhepunkt erreichte.

Trotz aller Aufklärungsarbeit nach dem Holocaust werden heute immer noch antijüdische Sprach- und Argumentationsmuster reproduziert – und zwar gesamtgesellschaftlich in allen sozialen Schichten und politischen Gruppierungen der Bevölkerung. Eine aktuelle Studie des Londoner Pears Institute for the Study of Antisemitism vom Juli dieses Jahres untersuchte den Zusammenhang zwischen der Entwicklung aller erfassten antisemitischen Vorfälle und der verstärkten Zuwanderung von Migranten aus Nordafrika und Nahost. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass in keinem der untersuchten Länder, zu denen Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Belgien und die Niederlande gehörten, ein direkter Zusammenhang besteht. Antisemitismus sei ein Problem, das der Mehrheitsbevölkerung entspringe und nicht ausschließlich oder sogar überwiegend von Minderheiten herrühre.

Dass das so ist und warum, darüber muss man reden: sich mit der Problematik beschäftigen und miteinander ins Gespräch kommen. Dabei ist es wichtig zu wissen, worüber gesprochen und auch gestritten wird. Entrüstet in einen Kanon der Mehrheit einzustimmen ist einfach. Der Grundstein für eine differenzierte Betrachtung, für das Wissen um die Juden, das Judentum und ihre Geschichte muss indes frühzeit gelegt werden: in Kindergärten und Schulen. Nur so können Vorurteile gar nicht erst an kommende Generationen ungehindert weitergegeben werden.

Das ist wichtiger denn je, auch angesichts der zunehmenden Zahl von Migrantenkindern. Denn die Londoner Studie zeigte auch, dass die antisemitische Einstellung in allen fünf Ländern bei den Angehörigen muslimischer Minderheiten weiter verbreitet ist als in der Allgemeinbevölkerung. Auch in der Haltung zum Staat Israel würden Jugendliche mit muslimischem Hintergrund ein höheres Maß an israelbezogenem Antisemitismus aufweisen als die deutsche Bevölkerung, hieß es.

Mirjam Petermann

Die Co-Autoren, Axel Große und Jan Grooten, bieten vom 9. bis 11. November den Workshop »Antisemitismus heute« in Eisenach an.

www.ev-akademie-thueringen.de

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Dem Glück näherkommen

13. April 2018 von redaktionguh  
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Der Weltglücksbericht versuchte kürzlich in Zahlen zu verpacken, wo die Menschen am glücklichsten sind und was dazu beiträgt. Deutschland belegte dabei Platz 15 – so die Wissenschaft.

Neben dem Bruttoinlandsprodukt wurden dem Index auch das Einkommen, der soziale Zusammenhalt, Gesundheit, die Freiheit der eigenen Entscheidungen und Korruption als Faktoren zugrunde gelegt. »In unserer Gesellschaft glauben viele, dass sich das Glück einstellt, sobald ihre Wünsche in Erfüllung gehen«, sagte der Philosoph, Publizist und Theologe Christoph Quarch kürzlich in einem Interview. Doch mache das nur kurzfristig zufrieden, aber nicht glücklich.

Menschliche Wünsche sind so umfangreich wie vielfältig. Es gibt viele Ziele, die auf dem Weg zum Lebensglück verwirklicht werden wollen. Die Kontrolle über die Planung und Verwirklichung des Lebens zu behalten, hat oberste Priorität – dafür wird alles getan und das möglichst effektiv.

Jenseits der erfassten Komponenten des Glücksindex ist das Glück in der Realität von viel mehr, und im schlimmsten Fall unkalkulierbaren, Faktoren abhängig. In Gesprächen und beim genauen Hinsehen scheint das, was wir als Glück bezeichnen, ein sehr instabiles Konstrukt zu sein. Zu viele Unsicherheiten tragen dazu bei: Banalitäten wie das Wetter ebenso wie unser Beruf, Hobbies, Urlaube und Erlebnisse, Beziehungen, die eigene Gesundheit und die unserer Mitmenschen.

»Der Anblick eines wahrhaft Glücklichen macht glücklich« Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Foto: Phase4Photography – stock.adobe.com

»Der Anblick eines wahrhaft Glücklichen macht glücklich« Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Foto: Phase4Photography – stock.adobe.com

Überhaupt scheint die Gesundheit ein Hauptindikator für unser vermeintliches Glück oder Unglück zu sein – trotz medizinisch nie da gewesener Möglichkeiten zur Heilung und erheblicher Verbesserung der Lebensumstände Erkrankter. Das gilt auch für Menschen mit der Erbgutstörung Trisomie 21. Trotzdem entscheiden sich neun von zehn Schwangeren bei einer möglichen Erkrankung ihres ungeborenen Kindes dafür, die Schwangerschaft aufgrund dieser Indikation zu beenden. Die Möglichkeiten zur Feststellung dieser oder anderer Krankheiten im Mutterleib nehmen immer größere Ausmaße an. Der Grund: Ein krankes Kind könne kein glückliches Leben führen. Oder das eigene Lebensglück erheblich beschränken. Diese Entwicklung nimmt die ökumenische Aktion »Woche für das Leben« in diesen Tagen besonders in den Blick.

Geprägt sind unsere Glückserwartungen zu großen Teilen von den Idealen der Konsumgesellschaft. »Je mehr man ihnen folgt, umso unmöglicher wird es, diesen zu genügen«, formuliert Christoph Quarch weiter. In diesem Sinne definieren wir uns als »rationaler Egoist, der mit seiner Vernunft und Technik die Welt nach seinen Interessen einrichtet.« Treten Umstände auf, die uns nicht dienlich oder kontrollierbar sind, die uns mit Krankheiten und Unvollkommenem konfrontieren, stellt sich das vermeintliche Unglück ein, das es zu beseitigen gilt.

Es scheint ein Hamsterrad zu sein, dem schwer zu entkommen ist. Denn landläufig herrscht die Annahme vor, dass Glück machbar sei. »Jeder ist seines Glückes Schmied.« Die Fähigkeit, in einer gegebenen Situation glücklich zu sein, hängt also, außer von äußeren Umständen, auch von eigenen Einstellungen und Bemühungen ab. Das setzt uns unter Druck.

In der Bibel ist vom Glück keine Rede. Auch wenn Martin Luther einige Worte im Alten Testament mit »Glück« übersetzt hat, heißt keines wirklich das, was wir mit »Glück« meinen. Und doch lautete die Jahreslosung vor vier Jahren sehr einfach und eindringlich: »Gott nahe zu sein, ist mein Glück.« Diese Variante des Psalm 73,28 entsprach der damaligen ökumenischen Einheitsübersetzung.

Gelingt es, dem stetigen Mühen um das Lebensglück für einen Moment zu entkommen und eine Außenperspektive einzunehmen, scheint in der Tat das einzig Sinnvolle zu sein, was wir aus eigener Kraft tun können, um glücklich zu werden: uns Gott zu nähern. Es befreit uns vom Streben nach immer neuen Zielen und Idealen. Wir können unsere Prioritäten anders setzen, entgegen dem Drang zur Selbstoptimierung. Gottes Gegenwart stellt die noch so widrigen Umstände unseres Lebens in ein anderes Licht und gibt ihnen eine neue Wertigkeit. In seiner Gegenwart können wir lernen alles anzunehmen, egal wie fehlerhaft, unübersichtlich, ungeplant – und dennoch unser Glück finden.

Mirjam Petermann

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Die ganze Woche in der Kirche

2. April 2018 von redaktionguh  
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Wenn das bunte Plakat wieder am Zaun hängt und der Schulbus daran vorbei fährt, wissen die Kinder aus Rosa, Roßdorf und Eckardts im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach ganz genau, was das heißt: Am Freitag ist wieder X-Team – »Kirche für Kinder«.

Das »X« steht für Jesus, der steht im Mittelunkt. Drum herum gibt es Spiele, kreative Angebote, Musik und Theater. Einmal im Monat nutzen rund 40 bis 50 Kinder das Angebot. Begleitet werden sie von zehn bis zwanzig ehrenamtlichen Erwachsenen, darunter immer auch einigen Konfirmanden.

»Das macht einfach mehr Spaß, als am Sonntag in den Gottesdienst zu gehen«, erzählt Leon Cyrus ehrlich. »Dafür bekommen wir auch gleich zwei Unterschriften«, sagt er und grinst. Auch wenn am 15. April seine Konfirmandenzeit endet, will er vielleicht weiter mitarbeiten. Annabell Anschütz und Natalie Rexhäuser haben das in jedem Fall vor. »Das ist schon mal eine gute Übung, wenn man später einen Beruf mit Kindern lernen will«, sagen sie.

Das X-Team ist eins von unzähligen Projekten und Veranstaltungen, die Pfarrerin Jana Petri gemeinsam mit rund 150 Ehrenamtlichen in den drei Gemeinden regelmäßig auf die Beine stellt. Da seien manche als Teilnehmende oder Mitarbeitende schon drei oder vier Abende in der Woche unterwegs: Junge Gemeinde Singkreis, Frauenstunde und die ein oder andere Vorbereitungsgruppe. »Die Leute sind die ganze Woche in der Kirche, wir müssen nicht auf Sonntag warten«, sagt Kirchenältester Frank Otto aus Rosa.

Station Gründonnerstag: Zur Osterausgabe des X-Teams spielen die Konfirmanden (v. l.) Max Keßler, Natalie Rexhäuser, Leon Cyrus und Annabell Anschütz für die Kinder die Szene des Letzten Abendmahls nach. Foto: Mirjam Petermann

Station Gründonnerstag: Zur Osterausgabe des X-Teams spielen die Konfirmanden (v. l.) Max Keßler, Natalie Rexhäuser, Leon Cyrus und Annabell Anschütz für die Kinder die Szene des Letzten Abendmahls nach. Foto: Mirjam Petermann

Dabei hatten die engagierten Gemeinden immer auch den Mut, Bestehendes zu beenden, die Projektgottesdienste »Himmelwärts« mit über 400 Besuchern beispielsweise. »Wir haben es im Gebet getragen und bewusst auf dem Höhepunkt der Reihe beendet«, erzählt Pfarrerin Petri. »Wir hätten sonst keine Kraft gehabt, etwas Neues zu beginnen«, ist die 41-Jährige überzeugt.

Etwas Neues steht auch nun bevor: Zum 1. Juli wird Petri die Superintendentur des Henneberger Lands übernehmen – ein sichtbarer Schicksalsschlag für die Mitglieder des gemeinsamen Gemeindekirchenrates der drei Gemeinden. »Wir lassen sie nur gehen, wenn wir gleichtwertigen Ersatz bekommen«, heißt es da schon mal.

»Frau Petri ist natürlich ein starker Motor«, sagt Annett Köhler aus dem Gemeindekirchenrat, »aber wir Mitarbeiter machen es lebendig.« Das Ehrenamt sei ein großer Pfund, aus dem der Nachfolger schöpfen könne, ist Köhler überzeugt. Das könne natürlich auch einige Monate Vakanzzeit überbrücken, aber daran denkt hier lieber noch keiner.

Eine große Stütze ist die starke Vernetzung der drei Gemeinden des Pfarramts, sowohl zwischen dem GKR als auch den Gemeindemitgliedern. Nur gemeinsam wird der Gemeindealltag gestaltet. Jedes Gotteshaus hat seine Höhepunkte im Kirchenjahr, die alle gemeinsam feiern. Die einzelnen Gruppen mit Teilnehmern aus allen Gemeinden treffen sich je nach räumlichen Gegebenheiten in den jeweiligen Orten. Auch der Einsatz einer Vikarin, die noch bis zum Frühjahr 2019 da sein wird, und eine Gemeindepädagogin geben den Gemeinden Rückhalt.

»Wir sind uns natürlich dessen bewusst, dass nicht alles so bleiben kann wie es ist«, sagt Annett Köhler. Obwohl das Ziel nicht sein kann, alles über den Haufen zu werfen und verändern zu wollen, sollte die Pfarrerin oder der Pfarrer auch den Mut haben »eigene Fußstapfen« zu hinterlassen. »Wir sind in jedem Fall offen für Neues«, sagt sie zuversichtlich.

Bis Ende April läuft die Bewerbungsphase. Sie hoffen und beten in Eckardts, Rosa und Rossdorf um viele und vor allem passende Bewerber.

Mirjam Petermann

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»Wir haben Angst«

4. Februar 2018 von redaktionguh  
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Bis Sonntagabend war es für mich ein Konflikt unter vielen: Israel, Afghanistan, Nigeria oder eben Syrien. Weghören, umschalten, sind oft typische Reaktionen bei all den grausamen Nachrichten, die uns erreichen. Ein kurzes »Nicht schon wieder« in Gedanken und weiter gehts. Die Bilder und Meldungen berühren uns kaum noch.

Es sei denn, es betrifft jemanden, zu dem wir einen Bezug haben – und sei es nur indirekt. Seit zwei Jahren lebt Lorance, ein Freund meines Sohnes, mit seinen Eltern und seiner Schwester in Deutschland. Sie sind vor dem Krieg in Syrien geflüchtet. Seine Großeltern, so erzählte mir seine Mutter im vergangenen Jahr, wohnen in einer anderen syrischen Gegend. Dort herrsche Frieden, es gehe ihnen sehr gut.

Nun ist alles anders, sie hat Angst um ihre Eltern, denn es herrscht auch dort Krieg. Der einst sichere syrische Norden an der Grenze zur Türkei wird vom Nachbarland angegriffen – die Kritik der Weltöffentlichkeit und der Medien hält sich in Grenzen. Ziel der türkischen Angriffe ist die kurdische Miliz YPG, doch die Zivilbevölkerung ist genauso betroffen. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte geht von mindestens 46 zivilen Todesopfern, davon 13 Kindern, seit Beginn der Offensive aus.

Von den syrischen Christen der Region kam in der vergangenen Woche ein verzweifelter Hilferuf: »Wir haben Angst«, schreiben sie und fordern: »Wir rufen unsere Schwestern und Brüder auf, für uns zu beten.«

Wenn wir die Nachrichten hören und Bilder sehen, die uns täglich erreichen, erfüllt es uns oft in erster Linie mit großer Hilfslosigkeit. Doch wir müssen nicht untätig bleiben, sondern haben einen Auftrag: für die vom Krieg betroffenen Menschen und die dafür Verantwortlichen zu beten.

Mirjam Petermann

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Vorerst kein Begleitheft zum Gesangbuch

18. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Weltliche Lieder im Gottesdienst: Was Kirchenmusiker dazu sagen

In Hessen ist es kürzlich erschienen: Das EGplus, ein Begleitheft zum Evangelischen Gesangbuch (EG) mit weltlichen Liedern. Als »sehr erfreulich« und »gut gelungen« beurteilt Dietrich Ehrenwerth, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, das Buch.

Dennoch wird es in der EKM in absehbarer Zeit wohl kein ähnliches Heft geben. Ehrenwerths Vorstoß ist auf einer Tagung der Kreiskantoren gescheitert. Das EG ist nach Meinung der Musiker aus den Kirchengemeinden noch nicht ausgeschöpft. Kein Einziger hielt eine gedruckte Ergänzung für nötig, so Ehrenwerth weiter. Dabei hatte der Landeskirchenmusikdirektor gemeinsam mit Landesposaunenwart Frank Plewka und Landessingwart Mathias Gauer bereits begonnen, einen Kanon bewährter weltlicher Lieder zu sammeln und zu sichten. »Mit so vielen Gegenargumenten hatten wir nicht gerechnet«, sagt Ehrenwerth überrascht. Gegen das Votum der Kreiskantoren ein Begleitheft zu veröffentlichen, sei kein Weg, denn »sie sind es, die ein neues Buch vermitteln müssen«. Dennoch treibt das Anliegen den Landeskirchenmusikdirektor weiterhin um. »Unsere Listen wollen wir fertig stellen«, kündigt Ehrenwerth an. Er möchte das Thema auch bei der Klausurtagung der Kammer für Kirchenmusik im Januar zur Sprache bringen.

Das EGplus enthält 164 Lieder, auch aus der Popmusik. Foto: medio.tv/schauderna

Das EGplus enthält 164 Lieder, auch aus der Popmusik. Foto: medio.tv/schauderna

Seiner Beobachtung zufolge zehren viele Gemeinden vom großen Angebot bereits vorhandener Liederbücher: »Durch Hohes und Tiefes«, »colours of grace« oder das zum Kirchentag erschienene »freiTöne«. Möglicherweise, so Ehrenwerth, setzen sich auch Lieder-Apps, wie sie die EKD jetzt angekündigt hat, durch.

Auch weltliche Lieder brauchen geistlichen Bezug

Selbst wenn derzeit kein Interesse an einem gedruckten Beiheft besteht, werden weltliche Lieder natürlich im Gottesdienst gesungen. Auf Nachfrage von G + H äußerten sich Kantoren teils aufgeschlossen, teils skeptisch. »Wenn englischsprachige Popsongs in ein Beiheft aufgenommen werden sollen, müsste man sehr genau hinschauen: Erzählen sie etwas über die Beziehung Gott-Mensch?«, sagt Thomas Ennenbach aus Eisleben. Überarbeitungen weltlicher Vorlagen seien kein Problem, dies habe eine lange Tradition. Aber immer sollte das Liedgut Gott verkündigen, loben, klagen. Allgemein bekannte Popsongs aus Radio, Kaufhaus und Reisebussen sieht Ennenbach als verzweifelten Versuch, sich dem Zeitgeist einer säkularisierten Gesellschaft anzupassen, anstatt sich auf den Kern christlicher Aussagen zu konzentrieren.

Den Gottesdienst bezeichnet Roland J. Dyck aus Salzwedel als ein Stück Himmel auf Erden. »Es ist ein bisschen wie beim Zauberportal im Märchen: Ich gehe hindurch und bin in einer anderen Welt. Wenn ich jenseits der ›schönen Pforte‹ (EG 166) aber nichts anderes vorfinde, als die mir vertraute Alltagswelt – warum soll ich mich dahin auf den Weg machen?« Vom Alltag abgehoben darf der Gottesdienst jedoch nicht sein. Beide Welten müssen in Berührung bleiben. Und was heißt das für die Musik? »Weltliche Musik in der Kirche: Ja, natürlich«, sagt Dyck. Was in Gegenwart des Gekreuzigten bestehen kann, solle auch seinen Platz in der Kirche finden. Weltliche Musik sei bei Kasualien gang und gäbe oder im Zusammenhang mit der Predigt. Mit Schmunzeln denkt der Marienkantor an eine Pfarrerin, die von der Kanzel sang: »Muss nur mal schnell die Welt retten …« und in Verbindung mit einem Bibeltext dazu predigte. »Aber weltliche Musik im Gesangbuch – als Bestandteil des regulären gottesdienstlichen Kanons? Ich sehe nicht, welchen Sinn das haben sollte – abgesehen von billigem Publikumsfang.«

Der scheidende Kantor aus Zeitz, Clemens Bosselmann, singt weltliche Lieder, die einen gewissen geistlichen Bezug haben, vor allem in Gottesdiensten mit Jugendlichen. »Ich habe wenige Berührungsängste und halte, gerade in einem Beiheft, die Einführung von solchen Songs für unproblematisch.«

Mirjam Petermann, Katja Schmidtke

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Die Zugewinngemeinschaft

10. November 2017 von redaktionguh  
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Positiver Trend: Erstmals seit 15 Jahren wurden im vorvergangenen Jahr in Deutschland wieder mehr als 400000 Ehen geschlossen. Im Gegenzug dazu ließen sich seit 2008 jährlich weniger Paare scheiden.

Die Zahlen und die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Juli dieses Jahres durch den Bundestag könnte als Indiz gelten, dass die Ehe gerade eine enorme Aufwertung erfährt. Dass sie eine erstrebenswerte Verbindung sei, die es wert ist, allen ermöglicht zu werden.

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Doch schließen Paare mit Anfang 20 den Bund fürs Leben, werden sie nicht selten in ihren Familien oder ihrer Umgebung belächelt und als unwissend und blauäugig bezeichnet. Dies zeigt die fundamentale Veränderung der Ehe als Wert deutlich. War sie einst Grundlage des Zusammenlebens und Ausgangspunkt der Familiengründung, ist sie nun häufig zum Sahnehäubchen geworden, das eventuell dazu kommt, wenn das Haus gebaut ist und die Kinder bereits da sind.

Fast über Nacht wurde der Begriff »Ehe« im deutschen Recht umgedeutet, sodass nicht mehr Mann und Frau der Stand der Ehe vorbehalten ist, sondern ebenso Mann und Mann und Frau und Frau eine Ehe eingehen können. Was im staatlichen Bereich Realität ist, soll es nun auch im kirchlichen werden. In den einzelnen Landeskirchen sehen die Regelungen sehr unterschiedlich aus.

In der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz oder der badischen Landeskirche beispielsweise ist die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare der traditionellen gleichgestellt. In den Landeskirchen in Bayern, Braunschweig und Oldenburg sind lediglich Segnungen möglich, die teilweise nicht öffentlich sein sollen und in jedem Fall von einer Trauung zu unterscheiden sein müssen.

In der Landeskirche Anhalts entscheiden Gemeinde und Pfarrer gemeinsam über eine Segnung homosexueller Paare. Auch in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist es seit 2012 möglich, dass Paare, die in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft leben, in einem Gottesdienst gesegnet werden können. Bereits im Frühjahr forderte jedoch die Evangelische Jugend der EKM die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare der Trauung von Mann und Frau gleichzustellen. Für sie ist die Unterscheidung diskriminierend und die Aufrechterhaltung eines Zwei-Klassen-Segens. Aktuell liegt die Thematik dem Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau zur Beratung vor.

Langes Ringen um eine Erklärung zum Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren gab es auch innerhalb der Deutschen Evangelischen Allianz. Sie veröffentlichte dazu Ende September ein Positionspapier. Das Fazit: Nach Ansicht der Evangelischen Allianz können »homosexuelle Partnerschaften der Ehe nicht gleichgestellt werden«.

Von der Bibel, als »verbindlicher Maßstab in allen Fragen des christlichen Glaubens und der Lebensführung« ausgehend, werde die Ehe »als eine gute Stiftung Gottes« betrachtet, »in der Mann und Frau einander ganzheitlich – inklusive der geschlechtlichen Gemeinschaft – zugeordnet sind«. Weiter heißt es: »Die in der Bibel beschriebene homosexuelle Praxis ist mit dem Willen Gottes und damit dem biblischen Ethos unvereinbar.« Abschließend wird aber auf die »vorbehaltlose Annahme aller Menschen« im Evangelium verwiesen und darauf, dass jeder genauso anzunehmen ist, »wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre«. (Römer 15,7)

Den Status der »Ehe« in unseren Gemeinden und der Gesellschaft zu erfassen, ist eine Herausforderung. Dabei ist die Problematik der Begrifflichkeit genauso schwierig, wie die Frage nach der Relevanz und dem gesellschaftlichen Ansehen dieser verbindlichen Art des Zusammenlebens. »Warum Ehen mit Gott länger halten« betitelte »Die Zeit« in diesem Sommer einen Artikel, der verschiedene Studien vorstellte, die nachwiesen, dass »religiöse Paare ein deutlich geringeres Scheidungsrisiko als Verheiratete ohne Bezug zur Kirche haben«.

Eine Ehe mit Gott zu führen, ist kein Garant für lebenslanges Zusammensein. Aber Gott gibt der Ehe mit seinem Segen einen anderen Stellenwert, der über das bloße Gestalten des gemeinsamen Lebens hinausgeht.

Mirjam Petermann

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Etwas, das bleibt, dauerhaft verbindet und einfach schön ist

6. November 2017 von redaktionguh  
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Paramente als Geschenk für alle Gemeinden des Kirchenkreises Eisenach-Gerstungen – ein Gemeinschaftswerk von 15 ehrenamtlichen Schneiderinnen

Am Reformationstag wurde in jeder noch so kleinen Gemeinde des Kirchenkreises Eisenach-Gerstungen in der eigenen Kirche um 10 Uhr ein Gottesdienst gefeiert, vornehmlich von Ehrenamtlichen gehalten. Für den Superintendenten Ralf-Peter Fuchs ist klar: »Wir machen damit mit einem der großen Programmpunkte der Reformation Ernst: nämlich dem Priestertum aller Gläubigen.«

Darüber hinaus sollte in den einzelnen Gemeinden durch verschiedene Elemente im Gottesdienst die Verbundenheit mit den über 60 anderen Gemeinden sichtbar und erfahrbar werden. Zentral ausgearbeitet und vorgeschlagen waren dabei Gebete, Lieder, Lesungen, die Predigt und Liturgie. Außerdem konnten die Gemeinden die Gottesdienstform an ihre jeweiligen Gegebenheiten vor Ort anpassen. Die Liturgie konnte auch ohne Orgelunterstützung und große Vorbereitungszeiten geleitet werden. Alle vorgeschlagenen Lieder und Musikstücke standen den Gemeinden auf CD zur Verfügung, sodass auch bei wenig Singstimmen oder fehlender Begleitung nicht auf die musikalische Gestaltung verzichtet werden musste. Variable Elemente waren zudem beispielsweise die Feier eines Kindergottesdienstes oder eines Agapemahls.

Verbindendes Element: Den Gemeinden des Kirchenkreises wurden am Vortag des Reformations­tages in der Eisenacher Georgenkirche die Paramente und Brot für die Feier des Agapemahls am Reformationstag überreicht. Fotos: Mirjam Petermann

Verbindendes Element: Den Gemeinden des Kirchenkreises wurden am Vortag des Reformations­tages in der Eisenacher Georgenkirche die Paramente und Brot für die Feier des Agapemahls am Reformationstag überreicht. Fotos: Mirjam Petermann

Eine Besonderheit der Gottesdienste: Anstelle der biblischen Epistellesung wurde jeweils ein Briefgruß einer anderen Kirchengemeinde des Kirchenkreises verlesen. »Die Gemeinden haben sich gegenseitig Briefe geschrieben, in denen sie ein bisschen von sich erzählen, aber auch sagen, was ihnen am Glauben heute wichtig ist, verbunden mit einem kleinen Segensgruß«, erläuterte Superintendent Fuchs. Die Idee fand auch über die Gemeinden hinaus großes Interesse. »In Gerstungen haben die Katholiken gesagt: ›Das ist eine schöne Idee. Wir schreiben euch auch einen Brief zum Gottesdienst zum Reformationsjubiläum‹«, berichtete Fuchs.

Ein besonderes Zeichen der Verbundenheit und etwas, das die Kirchengemeinden über den Reformationstag hinaus an das Jubiläumsjahr 2017 erinnert, ist ein neues Parament für ihre Gotteshäuser: 15 ehrenamtliche Schneiderinnen haben die über 70 identischen Schmucktextilien in den vergangenen Monaten genäht, gebügelt und transportsicher verpackt. Unterstützung erhielten sie dabei von den Mitarbeiterinnen und dem Förderverein der Eisenacher Paramentenwerkstatt. »In einigen Kirchen wird das ein Parament zum Wechseln sein. Aber für manche kleine Kirche, die sich seit vielen Jahren kein neues leisten konnte, wird das Parament etwas sein, was wirklich schmückt«, sagt Fuchs über das besondere Geschenk: »Es ist etwas, das einfach schön ist, das Herzen, Seele und Geist zu etwas anrühren soll.« Besonders ist das Parament auch, weil es in Anlehnung an das Wartburg-Parament gestaltet wurde und das Motto der Eisenacher Feierlichkeiten lautete »Von der Wartburg in die Welt«. »Die Gemeinden haben eine Geschichte dazu, die sie erzählen können, die sie mit der Wartburg und mit der Geschichte des Reformationsjubiläums verbindet«, sagt Fuchs über den ideellen Wert.

Mirjam Petermann

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Denkwege zu Luther

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Jugendbildungsprojekt der Reformationsdekade beendet


Sie sollten eine Verbindung schaffen zwischen den Problemstellungen der Reformationszeit und dem, was junge Menschen heute umtreibt. Die »Denkwege zu Luther« waren das einzige Jugendbildungsprojekt der Lutherdekade in ganz Deutschland. Am vergangenen Freitag fand die letzte Präsentation in der Eisenacher Nikolaikirche statt.

Dafür kamen Gymnasiasten aus Bayern und Thüringen in den Tagen zuvor in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg zusammen, um sich gemeinsam dem Motto »Entscheide dich! Die Qual der Wahl – Schwierigkeiten mit der Freiheit« zu stellen. Ihnen wurde Zeit und Raum gegeben um über ihre Lebenserfahrungen zu reden, die der anderen zu verstehen und eigene Texte zu verfassen.

Philosophische Fragerunde: Ehrliche Antworten von Unterstützern ihres Projektes erhielten die Schüler aus Gotha und Coburg. Foto: Mirjam Petermann

Philosophische Fragerunde: Ehrliche Antworten von Unterstützern ihres Projektes erhielten die Schüler aus Gotha und Coburg. Foto: Mirjam Petermann

Die Resultate ihrer Gedankengänge präsentierten die Schülerinnen und Schüler vor einem kleinem Publikum – ihren Mitschülern und ausgewählten Gästen, die allesamt Unterstützer und Verbündete des Projekts waren. »Wer bin ich?«, »Wer will ich sein?«, »Bin ich frei?«; das waren Einstiegsfragen einer Gruppe von Elf- und Zwölf-Klässlern, die sie zu Martin Luthers Zitat »Nur wer sich entscheidet, existiert« führte. Weiter gingen ihre philosophischen Betrachtungen mit der Frage, was unsere Entscheidungen prägt, wie es um Luthers Entscheidungen stand und wie sie persönlich überhaupt sinnvoll Entscheidungen treffen können – beispielsweise die Berufswahl – ohne überhaupt alle Folgen erahnen zu können. Die Quintessenz ihres gedanklichen Diskurses lautete schließlich: »Wir sind frei in Entscheidungen, aber gezwungen sie zu treffen.«

Bereits seit drei Jahren kooperieren das Ernestinum Gotha und das Casimirianum Coburg im Rahmen der Denkwege als »Ost-West-Tandem-Projekt«, um gemeinsam voneinander zu lernen. Dreimal trafen sich dabei, zumeist wechselnde, Schülerinnen und Schüler zu einer Projektwoche. Das bundesweite Jugendbildungsprojekt »Denkwege zu Luther« wurde von den Evangelischen Akademien Sachsen-Anhalt und Thüringen zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums in der Lutherdekade 2009 gestartet. In philosophischen und theologischen Gesprächen, durch kulturell-künstlerische Themenzugänge, beim thematischen Geocaching oder in Musik- und Schreibwerkstätten erschlossen sich Jugendliche Grundfragen der religiösen Dimension menschlichen Daseins und erarbeiten sich ein Grundverständnis für den bis heute wirkungsvollen historischen Aufbruch der Reformationszeit. Seit dem Projektbeginn wurden 430 Seminartage mit insgesamt 3 400 Jugendlichen und 2 100 Multi­plikatoren realisiert. Ab 2011 konnte das Projekt in größeren Dimensionen umgesetzt werden, da es seitdem von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wurde.

»Es war ein Leuchtturmprojekt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), mit dem wir uns oft geschmückt haben«, sagte die Projektleiterin der Lutherdekade Christiane Schulz nach den Projektvorstellungen der Schüler am Freitag in Eisenach. Da die Förderung im Dezember 2017 endet, wird das Projekt seine Arbeit einstellen. Ähnliche Jugendbildungsprojekte soll es dennoch auch in Zukunft in der EKM geben.

Mirjam Petermann

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Allein Gott die Ehre

1. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Das Festival »Güldener Herbst« präsentiert protestantische und katholische alte Musik

Von Bad Liebenstein im Westen bis Eisenberg im Osten, von Sondershausen im Norden bis Rudolstadt im Süden: Das Festival Alter Musik »Güldener Herbst« zieht bereits zum 19. Mal weite Kreise in Thüringen. Das Spektrum der Veranstaltungen reicht von Kantatengottesdiensten und Messen bis zur Kammermusik, vom Tanzspiel bis zum Orgelkonzert; auch Konzerteinführungen, Stadtführungen und eine Ausstellung ergänzen das Programm.

Anlässlich des Reformationsjubiläums widmet sich das Festival in diesem Jahr einem Thema, das in erster Linie Johann Sebastian Bach zugeschrieben wird. Doch »Soli Deo Gloria – Allein Gott die Ehre« galt Protestanten wie auch Katholiken bis hin zur Aufklärung als Lebensmotto. »Auch alles weltliche Schaffen stand unter dem Motto«, sagt Helen Geyer, Professorin für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar und Mitbegründerin der Academia Musicalis Thuringiae, die das Festival organisiert.

Das stehe im Gegensatz zu heute, wo wir andere Maßstäbe haben, so Geyer weiter. Das Motto wurde auch als Motor für maximale künstlerische Leistung verstanden, da »Soli Deo Gloria« implizierte, dass nur das Beste gut genug für Gott sein könne.

Die Trennung der Werke nach katholisch und protestantisch sei nur selten musikalisch nachvollziehbar, sagt Helen Geyer.

Stilistisch gäbe es minimale Unterschiede. Vielmehr handelt es sich in der Regel um eine politische, religiös begründete Trennung und so liegt es nahe, beides miteinander zu präsentieren. Beispielsweise in Rudolstadt, wenn das renommierte Basler Barockensemble Musica Fiorita den Zuhörern neben katholischer Kirchenmusik von Niccolò Jommelli und Johann Adolf Hasse auch den Thüringer Zeitgenossen Johann Melchior Molter – alles aus den Rudolstädter Beständen – zu Gehör bringt. Aber auch Veranstaltungen, die nur eine der beiden Strömungen betonen, sind im Festivalprogramm zu finden. Etwa Christian Fürchtegott Gellerts »Geistliche Oden und Lieder«, vertont von Carl Philipp Emanuel Bach in Eisfeld (14. Oktober, 19.30 Uhr, Rathaussaal) oder zum Abschlusskonzert in Auerstedt, wenn eher der katholische Akzent zum Tragen kommt (15. Oktober, 15 Uhr, Maloca im Schlosspark). Es gehört zum Charakter des Festivals, dass die aufgeführten Stücke auch einen Bezug zu dem Ort haben, an dem sie erklingen. So werden beispielsweise in der Barockkirche im Bad Liebensteiner Ortsteil Steinbach (7. Oktober, 19.30 Uhr) barocke Motetten von Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach zu hören sein, die im Pfarrarchiv des Ortes lagern.

Über die wissenschaftliche Betrachtung des »Soli Deo Gloria«-Anspruchs wird Helen Geyer in Wandersleben auch einen Vortrag halten (1. Oktober, 14 Uhr, Menantes-Literaturgedenkstätte). Sie betrachtet dabei auch, was es im 18. Jahrhundert bedeutete, eine Messe oder einen Gottesdienst zu besuchen. »Es war der Moment, in dem jeder Gläubige den Alltag verlassen hat und in die aufbauende Umgebung der Kirche getreten ist, mit Musik, die sonst nicht zu hören war«, sagt sie. Die Gesellschaft dadurch aufzubauen, war ihrer Ansicht nach die große Leistung der Kirchen jener Zeit.

Mirjam Petermann

www.gueldener-herbst.de

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