»Unser Geschenk«

27. August 2018 von redaktionguh  
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Orgelbau: Weißenfels und Merseburg feiern den 200. Geburtstag von Friedrich Ladegast

Der Blick gen Empore fällt auf eine leere Wand. In der Laurentiuskirche in Weißenfels fehlt ein wichtiges Stück. Die Orgel ist nicht an ihrem Platz. Nichts, was den Ladegast-Verein bange macht. Ganz im Gegenteil.

»Das Instrument wird restauriert. Es ist unser Geschenk an seinen Schöpfer«, erzählt Gisela Bevier, die Vorsitzende des Ladegast-Vereins. Vor zwei Jahren fasste man den Beschluss, der 149 Jahre alten Orgel eine Kur zu bescheren. Sie gilt als die älteste erhaltene, nach dem Kegelladensystem erbaute Orgel von Friedrich Ladegast (1818–1905).

Die Ladegast-Orgel in der Weißenfelser Marienkirche soll umfassend restauriert werden. Für die Gemeinde ist dies ein Mammut-Vorhaben, berichten Kai Schmidt vom Gemeindekirchenrat und Gisela Bevier, Vorsitzende des Ladegast-Vereins. Foto: Constanze Matthes

Die Ladegast-Orgel in der Weißenfelser Marienkirche soll umfassend restauriert werden. Für die Gemeinde ist dies ein Mammut-Vorhaben, berichten Kai Schmidt vom Gemeindekirchenrat und Gisela Bevier, Vorsitzende des Ladegast-Vereins. Foto: Constanze Matthes

Über die Zeit nahezu im Original geblieben, habe ihr allerdings über die Jahre vor allem der Schmutz zugesetzt, sei eine Reinigung dringend notwendig gewesen, berichtet die Vereinsvorsitzende. Die Kosten in Höhe von 65 000 Euro stemmt zu einem großen Teil das Land Sachsen-Anhalt mit Mitteln aus dem Programm für Denkmalschutz. Der Rest von rund 10 000 Euro hat der Verein als Spenden gesammelt, zu Veranstaltungen wie Konzerten und Lesungen.

Mit dem Auftrag wurde das Leipziger Orgelbauunternehmen von Stefan Pilz betraut. Das Projekt begleiteten der Orgelsachverständige des Kirchenkreises Merseburg, Roland Hentzschel, sowie Holger Brülls vom Landesamt für Denkmalschutz. Im Juni haben die Arbeiten begonnen, im Dezember sollen sie abgeschlossen sein, so ist der Plan. Und mittendrin feiert der Verein mit mehreren Veranstaltungen den 200. Geburtstag des Orgelbauers am 30. August.

Seit 2007 besteht der Verein mit Sitz in Weißenfels, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Laurentiuskirche samt Orgel und der dortigen Ladegast-Sammlung in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu bringen und für Kultur im Gotteshaus zu sorgen. Zudem engagieren sich die Mitglieder, um auf das Leben und Wirken Ladegasts aufmerksam zu machen sowie die wissenschaftliche Forschung zu fördern.

Dass der Verein in Weißenfels aus der Taufe gehoben wurde, kommt nicht von ungefähr. Geboren und aufgewachsen in Hochhermsdorf/Sachsen verband Friedrich Ladegast die Liebe zur Musik und das beim Vater erworbene handwerkliche Können miteinander. 1847 ließ er sich als Orgelbauer und Instrumentenmacher in Weißenfels nieder, wirkte dort mehrere Jahrzehnte und verstarb im Jahr 1905.

Von den rund 200 Orgeln, die Ladegast erbaut hat, sind eine Handvoll in der Saalestadt und ihren Ortsteilen zu finden. Weitere Orgeln baute der »Silbermann des 19. Jahrhunderts«, wie er auch genannt wird, für den Merseburger Dom, die Leipziger Nikolaikirche, die Schlosskirche zu Wittenberg, St. Jakob in Köthen, den Tallinner Dom oder die Altenburger Bartholomäikirche. Sein größtes Instrument erklingt in Schwerin.

In Weißenfels bedarf nicht nur die Orgel in der Laurentius-, sondern auch die in der Marienkirche am Markt einer Restaurierung. Für die Kirchengemeinde gilt dies als ein Mammut-Projekt mit Kosten in Höhe von schätzungsweise 454 000 Euro. »Das Instrument wurde in der Vergangenheit oft verbaut, so dass sich sein Zustand verschlechtert hat. Wir wollen es in den Original-Zustand zurückführen«, erzählt Kirchenältester Kai Schmidt.

Vor dem 150. Geburtstag des Instruments im Jahr 2014 wurde ein Förderverein ins Leben gerufen. Vor zwei Jahren widmete sich ein Kolloquium der Orgel. Der Bund will die Sanierung mit mehr als 76 000 Euro unterstützen.

Constanze Matthes

Termine
30. August, 15 Uhr: Führung in Weißenfels (Treff: Grünanlage am Ratssaal); 19 Uhr: Orgelfest im Merseburger Dom mit Heribert Metzger (Salzburg), Michael Schönheit (Merseburg), Denny Wilke (Mühlhausen) und Jan Ernst (Schwerin)
31. August, 15 Uhr: Kranzniederlegung auf dem Weißenfelser Friedhof, 17 Uhr: Konzert in der Kirche Wengelsdorf mit Katharina Dargel und Michael Schönheit

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Die Auswegfinderin

20. August 2018 von redaktionguh  
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Drogen: Das Thema ist längst in allen Gegenden des Landes wie auch in allen Bevölkerungsschichten präsent. Im Ökumenischen Hainich Klinikum in Mühlhausen arbeitet mit Dr. Katharina Schoett (Foto) eine bundesweit anerkannte Suchtspezialistin. Harald Krille sprach mit der Chefärztin.

Frau Dr. Schoett, Medizin umfasst ein breites Spektrum – wie kommt man als Ärztin ausgerechnet zum Thema Sucht?
Schoett:
Das lag vielleicht daran, dass ich nach meinem Studium zunächst in der Inneren Medizin gearbeitet habe und mir dort immer wieder Patienten mit Suchterkrankungen begegnet sind. Behandelt wurden sie allerdings meist wegen der Folgeerscheinungen ihrer Sucht, nicht aber hinsichtlich des ursächlichen Problems – was ich unbefriedigend fand.
Auch im Studium hatte ich oft den Eindruck, dass das Thema Sucht trotz der vielen Millionen Betroffenen wenig vorkommt.

Da bin ich neugierig geworden und in die Psychiatrie gewechselt, wo das Thema mehr verortet ist als in anderen Fachrichtungen. Inzwischen ist es ein riesiges Gebiet geworden mit sehr viel Behandlungsbedarf.

Wenn ich an das Thema Drogen und Sucht denke, dann denke ich eher an Frankfurt am Main, Hamburg oder auch Berlin. Aber das beschauliche Mühlhausen zwischen dem Eichsfeld und dem Hainich?
Schoett:
Ich komme aus Berlin und mir ging es ganz ähnlich. Als ich im Jahr 2000 hierher wechselte, da hieß es noch oft: Nein, Drogen spielen keine große Rolle. Aber die Patienten, die ich dann gesehen habe, berichteten anderes. Schnell wurde mir klar, dass es da eine ziem­liche Parallelwelt zur offiziell wahrgenommenen gibt, mit legalen und illegalen Drogen.
Ich kenne inzwischen Dörfer mit 700 Einwohnern im schönen Eichsfeld, aus denen allein ich schon fünf, sechs Drogenabhängige kenne.

Foto: Tino Sieland

Foto: Tino Sieland

Stimmt es, dass die Erstkonsumenten von Drogen immer jünger werden?
Schoett:
Wir sehen weniger, dass sich das Alter nach vorn verschiebt, sondern vielmehr, dass auch bei jüngeren Menschen das Thema Drogen in sehr viel mehr verschiedene Gruppen hineinreicht.

Früher war das Thema Drogen klar auf bestimmte Bevölkerungsgruppen reduziert. Inzwischen haben wir Patienten aus allen gesellschaftlichen Schichten – mit Arbeit, ohne Arbeit, mit Schulabschluss, ohne Schulabschluss. Dazu kommt: Die Auswahlmöglichkeit bei Drogen hat massiv zugenommen. Und wir haben ganz neue Konsumentengruppen.

Was sind das für neue Konsumentengruppen?
Schoett:
Es gibt beispielsweise diejenigen, die Substanzen zur Leistungssteigerung nehmen. Die sich sagen, ich habe extreme Anforderungen im Beruf, da brauche ich irgendwas, was mich fit macht.

Wir sehen eine große Gruppe, die in der Schule und Berufsausbildung relativ frühzeitig mitbekommt: Nimm irgendwas, was dich vorübergehend konzentrierter hält, dann kriegst du das mit deinen Prüfungen besser hin.

Wir haben eine nicht unerhebliche Gruppe junger Frauen, die sagen: ich kriege Muttersein, Arbeit und Haushalt nicht unter einen Hut. Ich brauche irgendwas, was mich munter hält. Die haben mit der klassischen Drogenszene, die feiert und dabei konsumiert, erstmal nichts zu tun.

Als eines der Schreckgespenste bei modernen Designerdrogen gilt Crystal Meth. Auch in Thüringen ein Problem?
Schoett:
Das ist ein massives Problem. Von den knapp 1 000 Patienten, die wir jedes Jahr im Drogenbereich aufnehmen, sind etwa die Hälfte bis zwei Drittel Konsumenten von Crystal Meth. Wir sind damit eines der Schwerpunktzentren in ganz Deutschland. Weshalb wir auch entsprechend nachgefragt sind.

Viele Patienten kommen 200, 300 Kilometer zu uns gefahren, weil sie hier ein spezielles Behandlungsangebot finden. Wir wurden deshalb inzwischen sogar vom Bundesgesundheitsministerium gebeten, an einer wissenschaftlichen Leitlinie zur Behandlung von Crystal-Meth-Patienten mitzuarbeiten.

Was macht Crystal Meth so gefährlich auf der einen und so beliebt bei jungen Menschen auf der anderen Seite?
Schoett:
Crystal verspricht viel von dem, was wir uns in der Gesellschaft wünschen bzw. was von uns erwartet wird: Ich bin schnell, ich bin leistungsfähig, ich bin gutgelaunt, ich habe Spaß beim Sex, ich brauche nichts zu essen, werde immer schlanker und bin immer gut drauf. Also immer auf der Überholspur.

Das ist das, was Crystal verspricht. Und was es beim anfänglichen Konsum auch in weiten Teilen hält.

Nach einer Weile aber bricht der Körper zusammen und holt sich seinen Nachschub an Essen und Schlaf. Das völlig überreizte und übermüdete Gehirn ist immer weniger in der Lage zu funktionieren, zu denken, sich Dinge zu merken …

Und wenn alles an Glückshormonen ausgeschüttet ist, bleibt dieses schreckliche Gefühl: Ich bin nur noch eine Hülle von irgendwas. Ich schaffe es körperlich nicht mehr, die Zähne fallen aus, die Haut wird schlecht, die Verdauung macht nicht mehr mit. Eben all das, was passiert, wenn man den Körper dauerhaft über seine natürlichen Grenzen zwingt.

Und genau so entsteht rasant der Kreislauf der Sucht – denn die Konsumenten hoffen, dass sie durch erneuten Konsum der Droge zumindest kurzzeitig all die negativen Folgen wieder zum Verschwinden bringen könnten, und machen weiter. Der Weg in die Abhängigkeit ist somit gebahnt.

Es gibt Bestrebungen, sogenannte weiche Drogen, wie etwa Cannabis, zu legalisieren. Wie sehen Sie das als Medizinerin?
Schoett:
Aus medizinischer Sicht halte ich es für wichtig, zunächst zu beurteilen, wie gefährlich eine Substanz für den Betroffenen ist. Und da muss ich feststellen, dass zum Beispiel Alkohol besonders gefährlich ist.

Wir wissen beispielsweise, dass in Deutschland ungefähr alle sieben Minuten ein Mensch an den Folgen seines Alkoholkonsums stirbt. Alle sieben Minuten! Das passt dann nicht mehr zur fröhlichen Bierwerbung.

Aber spätestens an der Stelle merken wir auch, dass es hier um politisch-gesellschaftliche Fragestellungen geht und nicht unbedingt um medizinischen Sachverstand.

Und bei Cannabis und Co.?
Schoett:
Alle psychotropen, also die menschliche Psyche beeinflussenden Substanzen machen besonders viel Schaden, wenn das Gehirn noch nicht voll ausgereift ist.

Wenn das Gehirn mit etwa Mitte 20 voll entwickelt ist, werden wahrscheinlich die meisten Substanzen relativ unproblematisch zu konsumieren sein, wenn es sich in einem normalen Rahmen hält.

Wir brauchen deshalb vernünftige Regeln im Umgang mit einer Substanz. Genauso wie wir sie für Alkohol brauchen, wo wir einen hoffentlich funktionierenden Jugendschutz haben. Aber das ist etwas, wo Medizin und Gesellschaft sich nicht immer vertragen.

Gilt das auch für Crystal Meth?
Schoett:
Nein, das ist eine hochtoxische Substanz, die das Gehirn sehr schnell zerstört, unabhängig davon, wie reif das Gehirn schon ist. Und es macht noch dazu sehr schnell abhängig. Deshalb muss man davor sehr warnen, denn die Folgen des Konsums sowohl für den Betroffenen als auch sein soziales Umfeld und die Gesellschaft sind häufig fatal.

Kann ein Drogenabhängiger zu einem »normalen« Umgang mit Drogen zurückfinden oder hilft ihm nur absolute Abstinenz?
Schoett:
Das kann man nicht pauschal beantworten. Es gibt Menschen, die haben eine starken Grad der Abhängigkeit erreicht und werden nie wieder auch nur ein bisschen konsumieren können. Bei den meisten unserer Patienten hier in der Klinik dürfte dies z. B. der Fall sein.

Und dann gibt es andere Menschen, die es schaffen, in einem gemäßigten Umfang wieder gelegentlich zu konsumieren. Immer mit dem Risiko, sie könnten wieder abrutschen.

Ein wichtiger Punkt im Blick auf Jugendliche ist aber: Wenn man einem 18- oder 19-Jährigen sagt, du darfst das nie wieder, dann ist das für den so was von unrealistisch, dass es ihm oft nicht hilft. Da funktioniert eher das Prinzip: Heute betrink ich mich nicht.

Und wenn aus heute morgen und übermorgen wird, wunderbar. Und wenn’s mal einen Schritt zurück gibt, dann hat’s halt einen Schritt zurück gegeben und dann kann man gucken, woran es lag. Aber diese große Debatte, nie wieder, ja oder nein, die hilft den Betroffenen häufig nicht weiter.

Was wünschen Sie sich im Blick auf Drogenabhängige von der Gesellschaft, von den Kirchen?
Schoett:
Ich weiß aus den Geschichten vieler Betroffener, mit denen ich arbeite, dass sie große Sehnsucht haben nach einem Ort, wo sie aufgefangen werden. Wo sie Halt finden. Weil wir in einer sehr haltlosen Zeit leben, wo z. B. auch familiäre Verbände oft nicht mehr funktionieren.

Aber so einen Ort zu finden, wo ich Sicherheit, wo ich Vertrauen habe – das ist etwas, was Betroffene suchen, und was Kirchen, was Gemeinden auch ein Stück weit bieten können.
Menschen so anzunehmen, wie sie sind, und nicht wegen einer Krankheit auszuschließen. Sodass Betroffene wissen: Selbst wenn ich zwei Jahre abgestürzt bin, ich kann anrufen und kann einfach wieder durch die Tür kommen.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie als Suchtärztin auch viel Frustrierendes erleben: Was gibt Ihnen Mut?
Schoett:
Niemand ist auf die Welt gekommen und hat gesagt: ich will gern Alkoholiker oder Junkie werden. Aber manche hat es getroffen. Die haben diese schreckliche chronische Krankheit. Und diese Menschen haben es verdient, eine vernünftige, wertschätzende Behandlung zu erhalten.

Und ich sehe, dass, wenn sie eine solche Behandlung bekommen, sie diese auch gerne und freiwillig annehmen. Dann finden sie den Mut, sich die Welt und das eigene Leben nüchtern anzugucken.

Ich erlebe das oft als eine Art innere Reise der Betroffenen, auf der sie sich selbst und ihr Leben (wieder) neu entdecken. Als Suchtärztin kann ich sie auf dieser Reise ein Stück begleiten und im besten Falle sehen, wie z. B. aus einer völlig desolaten körperlichen und seelischen Verfassung ein Mensch mit Ideen und Selbstvertrauen zum Vorschein kommt.

Zum Glück gibt es solche Verläufe immer wieder, manche meiner Patienten melden sich nach Jahren bei mir, um stolz und glücklich von ihrem neu gewonnenen Leben zu berichten. Die Freude derer zu sehen, denen es gelingt, für sich ein Stück Freiheit von der Abhängigkeit zu erlangen, schenkt mir Kraft und Mut, weiterzumachen.

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Simsons Kraft kehrt zurück

5. August 2018 von redaktionguh  
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Das älteste Dienstfahrzeug der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland steht bei Pfarrer Gunter Barthel in Heyerode im Kirchenkreis Mühlhausen.

Dass es für zwei Oldtimer des Suhler Simson Werkes im Eichsfeld eine unverhofftes Wiedererstarken und somit ein zweites Leben auf den Landstraßen geben konnte, haben diese sinnigerweise einem Geistlichen zu verdanken. Und dies durch wahrhaft himmlische Fügungen und in ökumenischer Eintracht. Dem inzwischen in den Ruhestand gegangenen evangelischen Pfarrer Gunter Barthel aus Heyerode hatte über viele Jahre ein Moped SR 1 zu Diensten gestanden, bis es eines Tages jedoch den Geist aufgegeben hatte und dem Verschrotten nahe war.

Zweiradfreunde: Falls eine der beiden Mopeds des pensionierten Pfarrers Gunter Barthel (l.) einmal streiken sollte, steht ihm der Schlosser Ronny Döring zu Diensten. Foto: Reiner Schmalzl

Zweiradfreunde: Falls eine der beiden Mopeds des pensionierten Pfarrers Gunter Barthel (l.) einmal streiken sollte, steht ihm der Schlosser Ronny Döring zu Diensten. Foto: Reiner Schmalzl

Vor etwa zehn Jahren begegnete dem Pfarrer dann ein Engel, ein sachkundiger Oldtimerfan und Experte des SR 1 aus Falken, der ihm das Moped vom Baujahr 1956 wieder aufgebaut und ihm frisches Leben eingehaucht hatte. Für Gunter Barthel ein Geschenk und Glück zugleich. »Mit meiner ersten Dienststelle in Frankenroda und Ebenshausen habe ich 1988 auch das Dienstmoped meines Amtsvorgängers übernommen«, erinnert sich der 66-Jährige an die Anfänge seines Wirkens im benachbarten Wartburgkreis. Damit verbunden ist die Liebe zu dem ans Herz gewachsenen alten Zweirad.

So kann Gunter Barthel nun behaupten, dass es sich bei dem einst von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen angeschafften Moped mit jetzt 62 Jahren vermutlich um das älteste Dienstfahrzeug der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland handelt. Denn ab und an wird der Heyeröder Pfarrer zu einem Gottesdienst oder einer Hochzeit gerufen. »Das Schöne an dem SR 1 ist das Motorgeknatter«, schwärmt er von seinem Zweirad in Originalpatina und mit Zweitakt-Duft.

Falls das Moped einmal nicht fahrbereit sein sollte, steht ihm mit einem »Spatz« noch ein weiterer Simson-Oldtimer bereit. Dieser wurde der Familie einst durch einen katholischen Priester überlassen. Nachdem jenes Moped jahrelang in der Garage gestanden hatte, konnte Gunter Barthel »den Schrotthaufen nicht mehr sehen«. Da kam ihm schließlich ein Fachmann wie gerufen. Nämlich der Kfz-Handwerksmeister Georg Mühr aus Faulungen, der sich auf die Reparatur und Restaurierung der legendären Simson-Zweiräder aus Suhl spezialisiert hat. Er hat den »Spatz« grundhaft restauriert und in diesem Frühjahr in einstiger Schönheit erstrahlen lassen.

Und sollte es plötzlich einmal gravierende Probleme mit einem seiner beiden Zweirad-Oldtimer geben, kann Pfarrer Barthel auf einen weiteren »Schrauber« zählen. Denn als gelernter Landmaschinenschlosser und Tischler steht ihm quasi als Nothelfer Ronny Döring zur Seite. Auch für ihn gilt das verlässliche Handwerkermotto »Geht nicht, gibt’s nicht!«.

Das SR 1 war das erste Moped der DDR. Das S stand für Suhl und das R für Rheinmetall.

Reiner Schmalzl

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Kreuze sorgen für Aufsehen

25. September 2017 von redaktionguh  
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Ökumenisches Projekt: Seit einigen Tagen stehen bunte Kreuze in der Innenstadt von Mühlhausen. Sie sollen die Menschen zum Nachdenken bringen – über Gott und die Reformation.

Hinschauen, Nachdenken, Diskutieren, Innehalten. Der Mühlhäuser Steinweg hat sich vor einigen Tagen in einen Kreuzweg verwandelt. 37 Laternen haben nun ein Kreuz, an dem man nicht einfach vorübergehen kann. Jedes Holzkreuz ist 1,80 Meter groß und sehr individuell gestaltet: mit Fotos, Textilem, Patchwork, Bibelsprüchen, Malereien und auffälliger Dekoration. Gefertigt wurden sie von Kindergärten, Schulen, Familienkreisen, Kirchenämtern und Hilfsorganisationen der Stadt. Die Aktion ist nicht neu. 2006 hat der Mühlhäuser Stadtdechant Andreas Anhalt sie in Suhl, seiner damaligen Pfarrstelle, angeregt. Zwölf Jahre später machen 37 Mühlhäuser Gruppen mit. Platz wäre für 44 gewesen – so viele Laternenpfähle gibt es am Steinweg.

Individuell und bunt: Lilli, Marie, Yvaine, Smilla und Ida (v.l.) vor einigen der Holzkreuze. Das Kreuz mit dem Weinreben motiv wurde vom Ökumenischen Hainich Klinikum gestaltet.  Fotos: Claudia Götze

Individuell und bunt: Lilli, Marie, Yvaine, Smilla und Ida (v.l.) vor einigen der Holzkreuze. Das Kreuz mit dem Weinreben motiv wurde vom Ökumenischen Hainich Klinikum gestaltet. Fotos: Claudia Götze

»Den Höhepunkten dieses Jubeljahres wollen wir einen zum Nachdenken anregenden Kontrapunkt entgegensetzen, denn schließlich ist eine Folge der Reformation das Kreuz der Trennung, unter dem evangelische und katholische Christen seitdem leiden«, erklärt Pfarrer Anhalt. »Kreuze sind allgegenwärtig«, sagt Pfarrer Marc Pokoj bei der Andacht zu Beginn der Aktion. Angesichts 37 sehr individuell gestalteter Kreuze weist er die Gestalter darauf hin, dass sie auch mit Vandalismus und Verschwinden ihrer Kunstwerke rechnen müssen. Das »Kreuz mit dem Kreuz« könne ohnehin vielschichtig interpretiert werden. Vor allem stehe es als das Symbol für Leid, Krankheit und Tod. Doch bei einem kurzen Innehalten an jedem Kreuz heißt es: »Kreuz ist Heil, Leben, Hoffnung.«

»Wir wollen einfach schauen, was passiert, wie sich der Anblick der Kreuze im öffentlichen Raum auswirkt«, sagt Pfarrer Pokoj. Wichtig sei zugleich, dass sich die Gestalter Gedanken gemacht haben, was im Nachgang mit den Kreuzen passiert. Die Religionsschüler der Mühlhäuser Nikolai-Grundschule wollen das farbenfrohe Kreuz mit den Bienen in ihrem Unterrichtsraum aufhängen. 70 Religionskinder haben ein »Kreuz voller Leben« mit »Fleiß und Zusammenhalt des Bienenvolkes« dargestellt. Das Deutsche Rote Kreuz will es bei seinen Aktionen dabei haben, auch die Notfallseelsorge der Diakonie hat schon einen Platz reserviert.

Auch im sozialen Netzwerk hat die Aktion Diskussionen ausgelöst: Da gehörten Kreuze nicht hin, und Religion habe im öffentlichen Raum nichts zu suchen. »Was wohl die Neubürger dazu sagen werden?«, fragte ein Nutzer. Die Kreuze stehen natürlich auch vor einem türkischen Imbiss und einem arabischen Lebensmittellädchen. In einem weiteren Fall sorgt die gut lesbare Botschaft des Kreuzes »Ihr Kinderlein kommet« für ein Schmunzeln. Das Kreuz steht vor einer Schülerhilfe.

Claudia Götze

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Durchweg positive Einträge

18. September 2017 von redaktionguh  
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Bugenhagenhaus: Bilanz der EKM-Themenwochen – Botschaften zum Abschluss übergeben

Im Wittenberger Bugenhagenhaus präsentierten sich während der Weltausstellung Reformation Kirchenkreise und Initiativen aus der EKM. Mit der Projektverantwortlichen Adelheid Ebel sprach Willi Wild.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?
Ebel:
Es war ein toller Sommer. Im Bugenhagenhaus habe ich viele wunderbare Menschen aus unserer Landeskirche kennengelernt. Unsere Kirche lebt, da ist viel Kreativität und Engagement. Der Austausch war wirklich sehr wertvoll. Ein Höhepunkt für mich waren »Luthers Freunde« aus dem Südharz, die mit einer dreieinhalb Meter großen Lutherpuppe durch die Innenstadt gezogen sind und Besucher auf die Angebote im Bugenhagenhaus aufmerksam gemacht haben.

Wie war die Resonanz?
Ebel:
Wir haben die Erfahrung gemacht, wenn wir rausgehen, Menschen einladen und auf die Angebote aufmerksam machen, dann wirkte sich das auf die Resonanz im Haus aus. Nach dem Kirchentag hatten wir allerdings erst mal Flaute. Aber in der Urlaubszeit, im Juli und August, wurde es dann immer besser. Ich glaube, auch für die beteiligten Kirchenkreise war es eine schöne Erfahrung, wenn die Teams eine Woche gemeinsam hier in Wittenberg verbracht haben.

Welche Kommentare haben die Besucher im Gästebuch hinterlassen?
Ebel:
Die Kommentare sind durchweg positiv. Da heißt es dann: Vielen Dank für den einladenden Raum, für die Gestaltung, für den freundlichen Empfang, für interessante Ausstellungen, für gute Begegnung und gute Ideen, für eine tolle Zeit und tolle Gespräche. Ein Kind hat geschrieben: »Ich hab Kostüme angezogen, ich hab alte Schrift ausprobiert. Es hat mir gefallen.«

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Der Kirchenkreis Mühlhausen hatte Kostüme mitgebracht. Damit konnte man sich fotografieren lassen. Ein weiterer Eintrag, der mich bewegt hat: »Ich wünsche der EKM den Mut eines Luthers, für Überzeugung Kopf und Kragen zu riskieren.« Diese Botschaft verstehe ich als Anregung für unsere Arbeit: Den Mut zu haben, Dinge zu lassen, wo wir wissen, das funktioniert nicht mehr. Stattdessen gemeinsam zu schauen, wo entsteht etwas Neues.

Reformation geht weiter – was bleibt von der Weltausstellung?
Ebel:
In der vergangenen Woche wurden die Zukunftsprojekte der EKM thematisiert. Die sogenannten Erprobungsräume stießen dabei auf großes Interesse auch von Mitgliedern anderer Landeskirchen. Dabei wurde gezeigt, welche Ideen und neuen Formen von Kirche in den Regionen erprobt werden und welche Auswirkungen sie haben. Da passiert Reformation ganz praktisch vor Ort. Sich darüber auszutauschen, das kam sehr gut an und geht weiter. Das war eine Art Zukunftswerkstatt mit regionalen Bezügen.

Die Weltausstellung Reformation ist zu Ende. Gilt das auch für die Aktivitäten des Kirchenkreises?
Ebel:
Nein, wir bleiben natürlich gute Gastgeber und es gibt weiterhin eine Reihe von Angeboten. Beispielsweise werden die ökumenischen Themengottesdienste in der Stadtkirche, gleich neben dem Bugenhagenhaus, jeden Mittwoch um 20.17 Uhr, bis zum 25. Oktober fortgesetzt. Im Reformationssommer haben wir gelernt, dass wir uns nicht verstecken brauchen. Wir wollen als Kirche auf vielfältige Weise erkennbar sein und uns dazu mutig auf den Marktplatz stellen.

www.kirchenkreis-wittenberg.de

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Nicht gegeneinander feiern

3. April 2017 von redaktionguh  
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Ökumenischer Versöhnungsgottesdienst in Volkenroda

Katholische und evangelische Christen vor allem aus Thüringen haben am Sonntag im Kloster Volkenroda bei Mühlhausen einen ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst gefeiert. Vor dem Hintergrund des 500. Reformationsjubiläums stellten die Bischöfe des katholischen Bistums Erfurt, Ulrich Neymeyr, und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, in ihren Predigten das Verbindende zwischen beiden Konfessionen heraus. Der Gottesdienst war Teil des sogenannten »Healing of Memories«-Prozesses (»Heilung der Erinnerung«), mit dem beide Kirchen gemeinsam Wege der Versöhnung gehen möchten.

 Gemeinsam:  Landesbischöfin Ilse Junkermann (rechts) und Erfurts katho­lischer Bischof Ulrich Neymeyr. Foto: Sascha Wilms

Gemeinsam: Landesbischöfin Ilse Junkermann (rechts) und Erfurts katho­lischer Bischof Ulrich Neymeyr. Foto: Sascha Wilms

In der Vergangenheit hätten die Feiern der Reformation die Gräben zwischen den Konfessionen eher vertieft, sagte Landesbischöfin Junkermann. »Wir feiern es in diesem Jahr nicht gegeneinander, Gott sei Dank!« Es sei das besondere Glück des 500. Reformationsjubiläums, »dass wir es als Christusfest feiern«.

Beide Kirchen stünden im Dienst der Versöhnung, unterstrich Junkermann. Gemeinsam stellten sie sich »klar gegen alle Angstmacherei vor Fremden, auch vor einer anderen Religion, gegen Vereinfachungen und Rückfall in Nationalismen«. Sie setzten sich ein für den Vorrang des Zivilen vor dem Militärischen, für Schlichten und Vermitteln.

Bischof Neymeyr sagte, inzwischen könnten evangelische und katholische Christen beim Gedenken an den Beginn der Reformation 1517 auch gemeinsam die schwierigen und bedauerlichen Ereignisse und Entwicklungen der Geschichte vor Gott tragen. Der Erfurter katholische Bischof ging in seiner Predigt auch auf den Ort des Gottesdienstes ein, die Klosterkirche Volkenroda. Sie stehe beispielhaft für den Niedergang eines äußerst vielfältigen klösterlichen Lebens in Thüringen – und seiner Wiedergeburt.

Neymeyr erinnerte an die 23 Ordensgemeinschaften mit ihren 206 Klöstern, die es in Thüringen zu ihren Blütezeiten gegeben habe. Die Gründe für ihren Untergang seien »natürlich nicht nur bei der Reformation zu suchen«, sagte er. Manche der Klöster hätten auch »ihre geistliche Lebendigkeit verloren«.

Zurzeit gebe es wieder 28 Klöster und Ordensniederlassungen im Land. Das Kloster Volkenroda sei heute durch die Präsenz und das Wirken der Jesus-Bruderschaft ein Ort des Aufbruchs und der Hoffnung aus dem Geist des Evangeliums und der Ökumene. »Es ist ein guter Ort, um dort gemeinsam einen ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst zu feiern«, betonte der Bischof.

(epd)

Reformation ging nicht alleine

31. März 2017 von redaktionguh  
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Luthers ungeliebte Brüder: Mitteldeutschland hat mehr zu bieten als Martin Luther. Zahlreiche Theologen mit ihren alternativen Reformationsideen will eine Ausstellung in Mühlhausen ins rechte Licht setzen.

Die Reformation – das ist Martin Luther, aber eben nicht nur. »Wir feiern kein Lutherjubiläum, wir feiern ein Reformationsjubiläum«, betont deshalb der Direktor der Mühlhäuser Museen, der Historiker Thomas T. Müller. »Man muss schauen, wer war damals noch unterwegs? Was haben die anderen frühen Reformatoren gedacht und geschrieben? Was hatten sie für Ideen?«

In der Mühlhäuser Kornmarktkirche werden Leben und Glauben um 1517 lebendig. Neben einer Druckerpresse sind Gebrauchsgegenstände, Ordenstrachten, Heiligenstatuen und religiöse Schriften ausgestellt, die die Reformatoren inspirierten und beeinflussten. Foto: Tino Sieland/Mühlhäuser Museen

In der Mühlhäuser Kornmarktkirche werden Leben und Glauben um 1517 lebendig. Neben einer Druckerpresse sind Gebrauchsgegenstände, Ordenstrachten, Heiligenstatuen und religiöse Schriften ausgestellt, die die Reformatoren inspirierten und beeinflussten. Foto: Tino Sieland/Mühlhäuser Museen

Müller hat darum mit seinen Mitstreitern die Ausstellung »Ungeliebte Brüder« in der Kornmarktkirche in Mühlhausen konzipiert. Sie lenkt den Blick auf jene Theologen, die von der reinen lutherischen Lehre abwichen und eigene, teilweise radikale reformatorische Ideen verfolgten. »Ungeliebte Brüder«, so hat Luther die anderen Reformatoren nie bezeichnet. »Der Titel drückt aus, dass diese Menschen damals auf dem gleichen Weg waren, wobei der eine oder andere einen anderen Abzweig nahm«, so Müller. Wie in so mancher Familie, wo man nicht immer der gleichen Ansicht, aber dennoch miteinander verbunden ist.

Theologen, wie Luthers Doktorvater Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, der einer der produktivsten Flugschriftenautoren der frühen Reformation war, werden in der Ausstellung ebenso gewürdigt wie der ehemalige Benediktiner Matthäus Hisolidus, der in Mühlhausen und Creuzburg wirkte. Karlstadt verließ Wittenberg nach den Unruhen von 1521 und 1522 und nachdem er sich öffentlich für die Entfernung aller Heiligenbilder aus den Kirchen eingesetzt hatte. Dadurch war es bereits zum Bruch mit Luther gekommen. In Orlamünde, wo er ab 1523 als Pfarrer wirkte, setzte er seine reformatorischen Ideen um. Den Gottesdienst hielt er in deutscher Sprache. Altäre, Bildnisse und Heiligenfiguren verschwanden aus der Kirche. Auf Betreiben Luthers erhielt Karlstadt in Kursachsen ein Predigt- und Schreibverbot, 1529 ging er nach Zürich und Basel, wo er 1541 starb.

Über das Schicksal von Hisolidus ist gar nichts bekannt. Der unbequeme Reformator, der 1525 aus Creuburg ausgewiesen wurde, verschwindet spurlos. Auch andere bedeutende Reformatoren dieser Zeit verlieren sich im Nebel der Zeit: von Heinrich Pfeiffer, dem Reformator in Mühlhausen, ist ebenso wenig die Rede wie von Jakob Strauß. Letzterer gilt als Reformator Eisenachs. Denn auch, wenn Luther auf der Wartburg war und einige Predigten in der Stadt hielt, die protestantische Bewegung hatte in der Wartburgstadt der ehemalige Dominikaner Strauß umgesetzt.

Strauß, der aus Basel stammte, erlangte überregionale Bedeutung. Seine Schriften wurden zahlreich nachgedruckt. Seine Schrift wider die Wucherzinsen, in der er nicht nur die verurteilt, die Wucherzinsen erheben, sondern auch jene, die diese zahlen, wurde zum Politikum. Die Herrschenden waren rasend, und auch Luther sah sich in der Pflicht zu handeln und ging gegen den »Irrlehrer« vor.

Thomas Müntzer ist wohl der berühmteste der »anderen« Reformatoren und als Widersacher Luthers bekannt. Darum fehlt auch er nicht in der Reihe der »ungeliebten Brüder«. Der Historiker Müller betrachtet Müntzer als das erste innerprotestantische Opfer der Reformation. »Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, Müntzer wird zum Synonym für die Aufständischen des Bauernkrieges und wird damit zum ersten innerprotestantischen Ketzer gemacht. Strauss ergeht es ähnlich.«

Wer damals nicht der reinen lutherischen Lehre folgte, verschwand, wie etwa Fritz Erbe im Turm der Wartburg oder Hisolidus im Nebel der Zeit. Die grausame Polemik, mit der Luther und seine Anhänger zum Beispiel Thomas Müntzer straften, hält bis heute an. Ein Umstand, den die Ausstellung in der Kornmarktkirche in Mühlhausen zu ändern versucht.

Diana Steinbauer

Die Ausstellung »Luthers ungeliebte Brüder« ist noch bis zum 31. Oktober im Bauern­kriegsmuseum Kornmarktkirche in Mühlhausen zu sehen. Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

www.mhl-museen.de

Pfarrbüro in der Einkaufszone

29. August 2016 von redaktionguh  
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Kirchenkreis Mühlhausen: Erprobungsraum in einem Ladenlokal in Bad Langensalza eröffnet

Ein Pfarrbüro mit Schaufenster und Schlagzeug: In der Fußgängerzone von Bad Langensalza hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschlands (EKM) ihren ersten Erprobungsraum in einem Ladenlokal eröffnet. Dieses Ladenlokal soll Kirchengeschichte schreiben und testen, wie Kirche noch besser die Menschen erreicht, wünscht sich der Projektverantwortliche, Pfarrer Johannes Beck.

Samen im Angebot: Pfarrer Johannes Beck und Superintendent Andreas Piontek zerschneiden das rote Band vor dem Ladenlokal Erprobungsraum in Bad Langensalzas Innenstadt. Foto: Claudia Götze

Samen im Angebot: Pfarrer Johannes Beck und Superintendent Andreas Piontek zerschneiden das rote Band vor dem Ladenlokal Erprobungsraum in Bad Langensalzas Innenstadt. Foto: Claudia Götze

Beck ist neu im Kirchenkreis Mühlhausen. Für den 33-Jährigen ist es die erste Pfarrstelle. »Eine Pfarrstelle ohne feste Gemeinde und regelmäßige Gottesdienste«, sagt er. Er wird aber trotzdem in einem Bereich mit 26 Gemeinden in den vier Pfarreien Bad Langensalza, Bad Tennstedt, Großvargula und Kirchheiligen unterwegs sein.

Dass er nicht wie seine Pfarrkollegen in die festen Strukturen der Gemeindearbeit eingebunden ist, soll ihm den Freiraum verschaffen für »andere Formen von Gemeindearbeit«. Er wolle gute Ideen für Kirche und Gemeinde ausprobieren, sagt Beck.

Sein Erprobungsraum sind vor allem die Menschen. Mit ihnen will er hier in der Einkaufszone querdenken und herausfinden, was geht und was nicht. »Ein Laden zwischen einem Café und einem Sanitätshaus. Das passt prima«, findet auch der Mühlhäuser Superintendent Andreas Piontek. »Was soll es nun in unserem Laden zu kaufen geben?«, fragt er am vergangenen Sonntag bei der Eröffnung in die Runde und hebt die »Vielfalt im Sortiment« hervor. Und betont die Besonderheit: »Wir verkaufen keine reifen Früchte, wir verkaufen die Samen«. Die Menschen sollten aber das »Komm mal vorbei« nicht allzu wörtlich nehmen, sondern hineinkommen. Dieser Laden solle zu einem Ort der Gemeinschaft werden, wünscht sich der Superintendent.

Beck selbst möchte für den Erprobungsraum recht schnell ein Netz von Ehrenamtlichen spinnen. Deshalb wird es an diesem Sonntag, 28. August, einen Informationsabend geben. »Da­raus soll eine Gruppe von Ehrenamtlichen wachsen«, hofft Beck. Bis dahin hängen auf jeden Fall die Bilder von Ralf Klement vom Verein Kunstwestthüringer im Kirchenladen: Eine erste »malerische Erprobung«, wie der Pfarrer es nennt. Beck wird die Erprobung auch »theoretisch« begleiten. »Wir wollen im Gespräch bleiben, Wege reflektieren und Impulse geben.« Er will wissen: »Lässt sich Kirche anders denken? Was ist dran in der Region? Was hilft in der Zukunft?«

Das Zahnrad auf der Schaufensterscheibe soll Programm sein: Beck möchte mit dem Laden und Erprobungsraum in der Region Bad Langensalza wie ein Zahnrad funktionieren – als Antrieb für eine Maschine, die letztlich ein ganzes Feld bestellt.

Claudia Götze

www.erprobungsraum-lsz.de

Glaube und Heimat im Alltag

6. Juni 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Vorkonfirmanden im Gespräch mit Passanten und der Bischöfin

Eine Gruppe Vorkonfirmanden aus Schmölln und Umgebung war kürzlich in Magdeburg. Bei einer dreitägigen Rüstzeit, begleitet von Pfarrer Dietmar Wiegand und Theologiestudentin Marie Dworschak, beschäftigten sich die neun Mädchen und Jungen intensiv mit dem Thema »Glaube und Heimat«. Dabei ging es nicht etwa um den Titel oder den Inhalt der Kirchenzeitung, sondern darum, was die Menschen in Magdeburg mit den Begriffen verbinden.

Die Jugendlichen bei ihrer Straßenumfrage vor dem Hundertwasserhaus: Lukas Schroer, Moritz Kruscha, Noah Drischmann, Julian Baunack, Marie Dworschak, Angelina Degner, Melissa Schäfer, Trine Müller, Jona Zels (v. l. n. r.). Foto: privat

Die Jugendlichen bei ihrer Straßenumfrage vor dem Hundertwasserhaus: Lukas Schroer, Moritz Kruscha, Noah Drischmann, Julian Baunack, Marie Dworschak, Angelina Degner, Melissa Schäfer, Trine Müller, Jona Zels (v. l. n. r.). Foto: privat

Um Meinungen einzuholen, mischten sich die Mädchen und Jungen ins Großstadtgetümmel und stellten einigen Passanten die gezielte Frage: »Woran glauben Sie und was ist für Sie Heimat?« Die Reaktionen fielen völlig unterschiedlich aus. So war es für die jungen Menschen nicht verwunderlich, dass in der 230 000-Einwohner-Stadt, in der nur noch etwa zehn Prozent der Bevölkerung der Landeskirche angehören, der Glaube für viele an Bedeutung verloren hat. Mit den Fragen zum Glauben, zu Gott und ewigen Leben, sind die Jugendlichen hauptsächlich mit Antworten wie »Kann ich mir nicht vorstellen«, oder »Irgendetwas wird es schon geben« konfrontiert worden. Typische Zeugnisse dafür, dass sich die Angesprochenen noch nie so richtig Gedanken gemacht hatten. Sie trafen aber auch ein Ehepaar, das offen bekannt hat, dass es betet und ihm der Glaube Halt gibt. Auch der Heimat-Begriff war bei den Befragten ganz unterschiedlich besetzt. Von Ablehnung bis zu einem bewegenden Gespräch mit einer Frau, die nach langer Zeit wieder einmal ihre Heimatstadt besuchte, reichte die Bandbreite.

Höhepunkt der Reise war die Gesprächsrunde mit Landesbischöfin Ilse Junkermann zum selben Thema. Die Vorkonfirmanden konnten ihre Fragen loswerden und die Bischöfin antwortete bereitwillig. Lukas Schroer, der die 7. Klasse des Christlichen Spalatin-Gymnasiums Altenburg besucht, bedankte sich bei der Landesbischöfin. »Das Treffen bei Ihnen hat mir sehr gefallen und das persönliche Gespräch hat mich beeindruckt. Sie haben einen bleibenden positiven Eindruck hinterlassen«, so der 13-Jährige aus Bohra bei Schmölln. Dass er so schnell eine Antwort bekommen würde, hätte Lukas nicht erwartet. »Auch ich war beeindruckt vom Gespräch mit euch und wie gut ihr euch darauf vorbereitet habt. Ich hoffe, ihr hattet noch gute Tage in Magdeburg«, schrieb die Bischöfin zurück. Auf dem Programm standen außerdem ein Besuch des Doms und des Hundertwasserhauses sowie die Teilnahme an einem Ordinationsgottesdienst. Eine Stadtrallye, ein Filmabend und mehrere Andachten rundeten die Rüstzeit ab.

»Wir versuchen, in der Konfirmandenarbeit erlebnisorientiert zu arbeiten. Die Jugendlichen sollen Kirche erleben und Glaubenszeugnisse authentisch vermittelt bekommen. Nach der Fahrt zur Jugendkirche in Mühlhausen hat diese Rüstzeit in Magdeburg, gerade auch der Besuch bei der Landesbischöfin, Spuren hinterlassen«, so das Resümee von Pfarrer Dietmar Wiegand.

Ilka Jost

»Mein Gott, wie lang, ach lange«

17. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Vor genau 300 Jahren: Bach-Kantate erklang erstmals am zweiten Sonntag nach Epiphanias 1716 in Weimar

Obwohl Johann Sebastian Bach in seinem Entlassungsgesuch an den Rat der Stadt Mühlhausen vom 25. Juni 1708 argumentierte, er habe »den Endzweck [seines Schaffens], nemlich eine regulirte kirchen music zu Gottes Ehren, und Ihren Willen nach« an seiner bisherigen Wirkungsstätte, der Mühlhäuser Kirche Divi Blasii, nicht verwirklichen können, blieb dieses Ziel auch in seiner neuen Stellung am Weimarer Hof zunächst unerfüllt: als Hoforganist und Violinist der fürstlichen Kapelle war er in den ersten Jahren (1708–1714) nicht mit der Komposition von Kirchenkantaten beauftragt. Erst mit seiner Ernennung zum Konzertmeister der Hofkapelle im März 1714 gehörte es zu seinen Verpflichtungen, »monatlich neue Stücke« zu komponieren und aufzuführen.

Mit besonderem Engagement hat sich Bach sogleich der neuen Aufgabe gewidmet und eine Reihe aufwendig besetzter Kirchenwerke bis zum Osterfest 1715 komponiert. Die unmittelbar darauf folgenden Kirchenwerke sind in ihreren Dimensionen überraschenderweise jedoch reduziert und erwecken den Eindruck, als habe Bach von seinem bisherigen Aufführungskonzept aus irgendeinem Grund Abstand nehmen müssen.

Der Chor, dem Bach bis Ostern 1715 noch anspruchsvolle Aufgaben zugewiesen hatte, tritt fortan in den Hintergrund. Zumeist wird er nur noch zur Ausführung eines vierstimmigen Choralsatzes am Schluss der Kantate herangezogen. Die Kantaten sind überwiegend kammermusikalisch dis­poniert. Ob der stets auf Sparsamkeit bedachte regierende Herzog Wilhelm Ernst etwa Vorbehalte gegenüber opulent besetzten Kirchenstücken hatte verlauten lassen?

Zudem veränderte ein Trauerfall das Leben am Weimarer Hof schlagartig: Am 1. August 1715 starb Prinz Johann Ernst von Sachsen-Weimar, weshalb am 11. August die »gänzliche Landestrauer« für das gesamte weimarische Fürstentum verordnet wurde. Nirgendwo durfte musiziert werden und auch die Kantatenaufführungen in der Schlosskirche konnten mit sofortiger Wirkung nicht mehr stattfinden.

Allerdings begann man bereits nach 13 Wochen, die Landestrauer schrittweise zu lockern: Am 10. November 1715 wurde in allen Kirchen des Herzogtums erstmals wieder musiziert und Bach hatte in der Folgezeit (seinem schon genannten Auftrag gemäß) Kirchenstücke zu komponieren und aufzuführen – darunter auch die Kantate »Mein Gott, wie lang, ach lange« (BWV 155), die erstmalig am zweiten Sonntag nach Epiphanias 1716 – also vor genau 300 Jahren – im Frühgottesdienst der Weimarer Schlosskirche unter seiner Leitung erklang.

Das Libretto hatte der Weimarer Oberkonsistorialsekretär Salomon Franck beigesteuert. Es basiert auf dem 2. Kapitel des Johannes-Evangeliums, wo von der Hochzeit zu Kana berichtet wird: Jesus bleibt im Verborgenen, bis seine Stunde zum Handeln gekommen ist. Das Werk gehört zu den wenigen Weimarer Kantaten, die uns aus den Jahren 1716/1717 überliefert sind – vielleicht deshalb, weil Bach einen Teil seiner am Weimarer Hofe komponierten Kirchenwerke zurücklassen musste, als er im Dezember 1717 nach vierwöchiger Haft aus den Diensten des Herzogs in Ungnaden entlassen wurde. Über die näheren Hintergründe der Arrestierung wird in der Bach-Forschung noch immer gerätselt.

Andreas Glöckner

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