Der Markt richtet nicht alles

Der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach forderte eine Demokratisierung des Kapitalismus.

Der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach forderte eine Demokratisierung des Kapitalismus.

Gleich mit neun Veranstaltungen wartete das Themenzentrum 1 »Demokratie und Gerechtigkeit gestalten« auf. Fulminant war dabei gleich der Start: In der gut gefüllten Herderkirche sprach Friedhelm Hengsbach (Ludwigshafen) zum Thema »Nach der Krise ist vor der Krise – für eine Demokratie jenseits des Finanzkapitalismus«. Der Theologe, Wirtschaftswissenschaftler und Jesuit war bis 2005 Professor für christliche Gesellschaftsethik in Frankfurt (Main).

In seinem Vortrag fand er deutliche Worte für die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise, für die er den Neoliberalismus und die »hemmungslose Kreditvergabe« verantwortlich machte. »Glaubenssätze wie ›Der Markt heilt alles‹ und ›Ein schlanker Staat ist das beste für alle‹ sind über Nacht weggebrochen«, meinte Hengsbach und machte deutlich, dass der Staat nicht nur Retter aus der Krise, sondern auch selbst Teil von ihr sei: »Den Staat als ›Hüter des Gemeinwohls‹ gibt es nicht mehr.« Er sei inzwischen selbst nur ein Knoten im Netzwerk von Wirtschaft, Finanzwelt und gesellschaftlichen Verbänden und gegenwärtig regelrecht zur »Geisel der Finanzeliten« mutiert: »Wenn der Bundesfinanzminister sagt, er habe in den Abgrund geschaut, dann doch nur in den, den ihn die Banker haben schauen lassen«, so Hengsbach. Und wenn Banken »systemrelevant« seien, dann wären sie zu groß und müssten zerschlagen werden.

In seinem Plädoyer für eine »Demokratisierung des Kapitalismus« forderte er mehr Mitbestimmung der Arbeitnehmer in den Betrieben ebenso wie starke Gewerkschaften, einen radikalen ökologischen Umbau der Wirtschaft und reale Investitionen des Staates in die Arbeit an und mit Menschen.
»Kirche zwischen Widerstand und Anpassung?« war ein weiterer Vortrag im Themenzentrum 1 überschrieben, den Franz Segbers (Marburg) hielt. Der Professor für Sozialethik und Diakonie-Referent stellte in seinem Beitrag klar, dass Kirche und Gesellschaft sich fragen müssen: »Vor wem gehen wir in die Knie – vor Gott oder dem Mammon?« Dabei sei mit Mammon nicht der Reichtum an sich gemeint, sondern die permanente Geldvermehrung.

Heftig kritisierte er in diesem Zusammenhang das EKD-Papier »Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive« von 2008, das nach seiner Ansicht dem Mammon das Wort rede, zum Beispiel mit dem Satz: »In einem Ordnungsrahmen, der sowohl scharfen Wettbewerb wie auch sozialen Ausgleich sichert, kann dieses Streben nach persönlichem Wohlergehen zugleich zum Wohlstand aller führen.« Es sei ein fataler Irrtum anzunehmen, dass sich aus der Habgier vieler das Gemeinwohl aller ergäbe.

Und statt auf den scheinbar weltweiten Siegeszug des Kapitalismus zynisch oder resigniert zu reagieren, forderte Segbers dazu auf, in »tätiger Hoffnung für die Verheißung Christi aktiv zu werden«. Und das bedeute für Kirche nicht nur, wie ein Samariter »die unter die Räuber bzw. Räder Geratenen« zu pflegen, sondern die Stimme zu erheben und für deren Rechte einzutreten. »Die Kirche muss Teil einer neuen Gerechtigkeitsbewegung werden«, betonte Segbers.

Rainer Borsdorf