Kein Gastgeschenk im Gepäck

29. September 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Papstbesuch: Benedikt XVI. feierte in Erfurt an historischem Ort einen ökumenischen Gottesdienst – mehr Entgegenkommen gab es nicht.
 

Im Vorfeld ist der Besuch des Papstes im Augustinerkloster mit zu einem Höhepunkt seiner Deutschlandreise erklärt worden. Nach dem Treffen bleiben viele Fragen offen.

Freundlich, aber bestimmt in der Sache:  Papst Benedikt XVI. mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider (Foto: picture alliance)

Freundlich, aber bestimmt in der Sache: Papst Benedikt XVI. mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider
(Foto: picture alliance)

Als Propst Hans Mikosch die Gäste in der Augustinerkirche begrüßt, ist die Welt noch in Ordnung. »Papst Benedikt XVI. kommt an die Wiege der Reformation«, sagt der Geraer Regionalbischof und macht damit noch einmal etwas von den Hoffnungen der evangelischen Seite deutlich, der Papst möge ein Signal in Richtung Martin Luther und im Blick auf das anstehende Reformationsjubiläum senden.

Während die beiden 20-köpfigen Delegationen im Kapitelsaal zusammenkommen, steigt in der Kirche die Spannung. Alles, was im deutschen Protestantismus Rang und Namen hat, ist an diesem 23. September nach Erfurt gekommen. Später ziehen Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht ein. Unter brausendem Musikklang folgen schließlich Benedikt XVI. in rot-weißem Gewand und der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider im schlichten Talar.

Die erste Ansprache kommt dann der EKD-Präses Katrin Göring-Eckardt zu. In der ostdeutschen Diaspora, in der beide Konfessionen in der Minderheit sind, macht sie die Bedeutung seines Besuchs für die Christen deutlich. Zugleich äußert sie ihre Hoffnung auf ein gemeinsames Abendmahl »zum richtigen Zeitpunkt«.

Doch das greift der Papst ebenso wenig auf wie andere zuvor geäußerte Erwartungen. Erst am Schluss seiner Predigt kommt das Oberhaupt der katholischen Kirche auf die Hoffnungen zu sprechen. Die Erwartung an ein »ökumenisches Gastgeschenk« sei ein politisches Missverständnis, erklärt der Papst den verdutzten Zuhörern. »Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln.« Nur durch tieferes Hineindenken in den Glauben wachse Einheit. Luther, die Reformation oder die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre erwähnt er hier nicht.

Nach dem Gottesdienst beeilen sich beide Seiten, den Besuch und die deutlichen Worte einzuordnen. »Unser Herz brennt nach mehr. Das war heute deutlich zu spüren«, meint Präses Nikolaus Schneider. Er hatte in dem 35-Minuten-Gespräch im Kapitelsaal noch einmal die Gemeinsamkeiten herausgestellt. Damit allein könnten die Kirchen jedoch nicht zufrieden sein, findet Schneider.

Im Blick auf die großen Herausforderungen angesichts von Gottvergessenheit und Orientierungslosigkeit mahnt er eine »Ökumene der Gaben« an, in der sich die verschiedenen Traditionen der Kirchen ergänzen sollten. Trotz des Dämpfers gibt es aus Sicht der EKD-Delegation für das ökumenische Gespräch weitere Anknüpfungspunkte.

Als Erfolg werten die Mitglieder bereits die Tatsache, dass der Papst beim Gespräch im Kapitelsaal das Ringen Martin Luthers um die Frage, wie bekomme ich einen gnädigen Gott, gewürdigt hat. Damit habe Luther »faktisch eine Rehabilitation« erfahren.

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, zeigt Verständnis für das Ausbleiben konkreter Ergebnisse. Der Papst sei eben nicht mit fertigen Lösungen gekommen. »Er wollte uns ermutigen, weitere Schritte zu gehen.«

Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, sieht schließlich die Ermutigung, weiter auf den erreichten Gemeinsamkeiten aufzubauen. Aber er macht auch katholische Erwartungen deutlich. Die im Blick auf das Reforma­tionsjubiläum angeregte Heilung von Verletzungen aus der Kirchenspaltung, mahnt Koch, dürfe dabei »keine Einbahnstraße« sein.

(mh)

Kirchentag zwischen religiösen Zaungästen

6. Juni 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Foto: Annika Falk

Foto: Annika Falk

Zehntausende feierten in Dresden ein großes Glaubensfest.  Doch Kirchenferne konnten nur wenig begeistert werden.

Überfüllte Bahnen, gesperrte Straßen, singende Gruppe allerorten: Der evangelische Kirchentag hat Dresdens Stadtbild fünf Tage lang bestimmt. Die Besucher des Protestantentreffens drängten sich in überfüllte Hallen, schliefen auf harten Isomatten in Schulen. Trotzdem blieben alle gut drauf. «Beim Kirchentag zeigt sich einfach eine ganz andere Lebenseinstellung», sagt die 16-jährige Mara, die das erste Mal beim Kirchentag dabei war. Am Sonntag, 5. Juni, ging das Laientreffen zu Ende.

Konzerte und Gebete vor barocker Kulissen lockten 118.000 Dauerteilnehmer in die Elbestadt: Es waren so viele Besucher wie seit dem Protestantentreffen 1995 in Hamburg nicht mehr. Der Morgen begann für den Einen um sechs Uhr mit einer Andacht in der Frauenkirche, für den Anderen mit Bibelarbeiten um halb zehn. Für die meisten Gäste endeten die Tage nicht vor Mitternacht.

Auf den Bühnen erlebten die Besucher Prominente aus Politik, Kultur und Kirche: Innenminister Thomas de Maizière (CDU) debattierte mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, über Militäreinsätze. Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprachen über Integration und eine gerechte Wirtschaft. Einer der größten Publikumsmagneten aber war erneut – wie beim ökumenischen Kirchentag in München – die populäre Ex-Bischöfin Margot Käßmann, die Tausende zu ihren Veranstaltungen lockte.

Die Abende gehörten Musik-Stars wie den «Wise Guys», den Prinzen, Nina Hagen und Bodo Wartke sowie Wladimir Kaminers «Russendisko». Aber auch spirituelle Angebote standen auf dem Programm: Taizé-Gebete und der berührende Segen am Eröffnungsabend, bei dem Zigtausende Kerzen das Elbufer erleuchteten.

Die Hauptbotschaft des Kirchentages, der unter der Losung «… da wird auch dein Herz sein» stand, lautete: Nicht materielle Schätze, sondern ideelle Werte bereichern das Herz. Schnell hatte der Kirchentag auch seinen Dresscode gefunden: Der grüne Schal mit dem aufgedruckten Motto wurde zum unverzichtbaren Accessoire. Er wurde auch zum Zeichen der Zusammengehörigkeit in einer Stadt, in der Kirchenmitglieder in der Minderheit sind. Für Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt war dies eine Chance: «Begeisterte Skeptiker» wünschte sie sich, «religiöse Zaungäste» wolle sie anlocken, sagte die Grünen-Politikerin.

Bei Marc indes, der an Christi Himmelfahrt - für ihn Männertag - mit Kumpels und Bierkasten durch Dresden zog, blieben Zweifel. «Ist komisch, wenn mir einer erzählt, ich soll materiellen Gütern entsagen, und dabei ein fettes Goldkreuz um den Hals trägt», sagte der Jugendliche, fügte aber hinzu: «Im Prinzip hat er ja recht.»

Und Kirchentags-Aktivist Florian Mauersbeger ist es nicht gelungen, kirchenferne Dresdner für den Glauben zu begeistern. Der 20-Jährige stellte in der Fußgängerzone Kirchenbänke auf - dort wollte er Passanten Fragen zum Glauben und zur Kirche zu beantworten. Allein es interessierte kaum einen - außer ein paar Flyern konnte Mauersberger sein Wissen nicht loswerden.

Der Musikstudent, der auch im großen Eröffnungskonzert auf den Elbwiesen mitgesungen hat, blieb dennoch optimistisch: Die Kirche habe die Chance bekomme, «sich positiv darzustellen und die Skepsis, die im Osten herrscht, auszuräumen.»

Corinna Buschow (epd)

Wenn Sie mehr über den Kirchentag in Dresden lesen wollen: Unter Telefon 0 36 43/24 61-14 oder E-Mail abo@wartburgverlag.de können Sie ein kostenloses Probeexemplar von Glaube+Heimat anfordern.


www.kirchentag.de

Der Besucher aus Rom

18. April 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Papst Benedikt XVI während eines Besuchs in São Paulo, Brasilien. Foto: Fabio Pozzebom, Agência Brasil

Papst Benedikt XVI während eines Besuchs in São Paulo, Brasilien. Foto: Fabio Pozzebom, Agência Brasil

Reiseprogramm steht fest – Papst trifft Protestanten im Erfurter Augustinerkloster.


Für den Deutschland-Besuch des Papstes vom 22. bis 25. September steht das Programm weithin fest: ­Benedikt XVI. hat dem Ablauf seiner Apostolischen Reise zugestimmt, wie die katholische Deutsche Bischofskonferenz am 12. April in Bonn mitteilte. Vorgesehen sind unter anderem Begegnungen mit Spitzenpolitikern, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Benedikt will zudem mit Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Augustinerkloster in Erfurt zusammenkommen.

Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sagte: »Ich bin überzeugt, dass die Reise einen belebenden Schwung in unsere Kirche und unser Land trägt.« Zum Thema Ökumene ­ergänzte der Erfurter Bischof Joachim Wanke, das Programm mache deutlich, »dass es dem Papst nicht nur um die katholische Kirche geht. Mit dem Besuch in Erfurt wird der ökumenische Schwerpunkt an jenen Ort verlegt, an dem Martin Luther noch katholisch und Augustinermönch war.«

Anfang März war bekannt geworden, dass der Papst während seines Besuchs einen stärkeren ökumenischen Akzent setzen will als zunächstgeplant. »Ich werde alles tun, damit die Begegnung mit den evangelischen Christen gebührenden Raum erhält«, ließ Benedikt den EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider in einem Schreiben wissen.

Zuvor hatte Schneider an Benedikt den Wunsch eines Treffens evangelischer Kirchenvertreter mit dem Papst und einen gemeinsamen Gottesdienst herangetragen. Auf Drängen des Papstes wurde das zunächst vorgesehene Programm verändert und der Aufenthalt in Thüringen um einen Tag verlängert.

»Wir sind hocherfreut, dass Papst Benedikt die Einladung des Ratsvorsitzenden zur Begegnung mit der EKD im Augustinerkloster zu Erfurt angenommen hat«, sagte EKD-Sprecher Reinhard Mawick. Er begrüßte weiter, dass es, wie von der EKD gewünscht, sowohl zu einer Begegnung als auch zu einem gemeinsamen Gebet kommen werde. Die genaue Ausgestaltung des Zusammentreffens werde noch Gegenstand weiterer Absprachen sein.

Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) sagte, bei den Begegnungen mit Protestanten im Erfurter Augustinerkloster werde Papst Benedikt XVI. an der Stelle beten, »wo Luther vor 500 Jahren seine erste Messe gelesen hat«. Dies sei ein historischer Moment »für die Christen weltweit«, so die ordinierte Theologin.

Ihre Freude über »dieses deutliche ökumenische Signal« drückte auch die evangelische Ortsbischöfin Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland aus. »Beide Kirchen werden an einem Lutherort zusammenkommen, an dem ihre gemeinsame Geschichte besonders eindrücklich präsent ist, so Junkermann.

(epd/GKZ)

Kehrtwende

26. März 2011 von redaktionguh  
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Grafik: Flavio Takemoto, sxc.hu

Grafik: Flavio Takemoto, sxc.hu

Atomkraft? Nein danke! Die Forderung der bundesdeutschen Anti-Atomkraftbewegung aus den 1980er Jahren feiert derzeit kräftig Urständ. Angesichts der Nuklearkatastrophe im japanischen Fuku­shima ist die Angst der Menschen nur zu verständlich. Einmal mehr zeigt sich, dass es sich bei der Kernkraft um eine Technik handelt, die mit den gegenwärtigen Möglichkeiten kaum beherrschbar ist. Nicht zuletzt deshalb steht gerade die deutsche Politik derzeit vor ­einer einmaligen Kehrtwende. Jetzt können selbst einstige Befürworter gar nicht schnell genug aus dieser Art der Energieerzeugung aussteigen.

Auch die Kirchen, die schon gegen die Laufzeitverlängerung waren, haben ihre Forderung nach einem Ende der Kernkraft bekräftigt. »Eine Technologie, die Fehler nicht verzeiht, tut uns nicht gut«, so der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider. Zuletzt hat sich die Synode der mitteldeutschen Kirche der Forderung angeschlossen und eine Rückkehr zum Atomkonsens angemahnt. Denn das ist das eigentlich Erschreckende an den jüngsten Entscheidungen, dass veraltete Kernkraftwerke, die bis vor kurzem als sicher dargestellt wurden, plötzlich »Schrottreaktoren« sein sollen. Offensichtlich braucht es erst eine Katastrophe, um den Verantwortlichen die Augen zu öffnen, dass mit Sicherheitsbedenken nicht zu spaßen ist.

Das Unglück in Fukushima bietet zugleich aber auch die Chance zu einem grundsätzlichen Umdenken. Zwar wird es kaum zu einem globalen Ausstieg aus der Atomenergie führen, dafür wollen zu viele Länder an der Technologie festhalten. Zudem braucht eine nachhaltige und ökologische Ausrichtung der Energielandschaft Zeit. Kurzfristig besteht aber zumindest die Hoffnung auf eine weltweite Überprüfung der Sicherheitskriterien. Und im besten Fall führt das Unglück dazu, den Energiehunger der Industrienationen überhaupt zu hinterfragen. Denn letztlich sind wir es, die mit unserem Lebensstil Atomkraftwerke billigend in Kauf nehmen.

Martin Hanusch

Ideal und Wirklichkeit

11. Februar 2011 von redaktionguh  
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General Fritz, Kommandeur des Feldlagers Mazar-il-Sharif und EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider am 2. Februar 2011 in Mazar-i-Sharif. (Foto: EKD)

General Fritz, Kommandeur des Feldlagers Mazar-il-Sharif und EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider am 2. Februar 2011 in Mazar-i-Sharif. (Foto: EKD)

 

Es ist eine bekannte Tatsache: Ideal und Wirklichkeit stimmen selten überein. Das wird jeder bestätigen können, der einigermaßen ehrlich zu sich selbst ist. Gleiches gilt für das religiöse Dogma und das reale Leben. Wobei das anders geartete Leben nicht zwangsweise gegen die Richtigkeit des Dogmas oder des Ideals spricht.

An dieser Diskrepanz haben sich schon viele gerieben, mancher ist gar daran zerbrochen. In einer ähnlichen Zerreißprobe stehen derzeit auch die Evangelische Kirche in Deutschland und ihr Repräsentant Nikolaus Schneider. Denn wer wollte bestreiten, dass der Satz »Krieg darf um Gottes Willen nicht sein« richtig ist?

Und dennoch zeigen die Geschichte und die Gegenwart, dass es Umstände gibt, die gewaltsame Intervention, also Krieg, rechtfertigen – oder zumindest als das kleinere Übel erscheinen lassen. Und natürlich hatte und hat Margot Käßmann mit ihrem berühmten und viel zitierten Satz »Nichts ist gut in Afghanistan« recht.

Solange am Hindukusch Menschen sterben, ob »schuldig« oder »unschuldig«, ist nichts wirklich gut.

Doch das Leben ist vielschich­tiger. Zwischen gut und nicht gut gibt es eine breite Spanne von besser oder schlechter. Von daher ist die differenzierte Sicht auf die Verhältnisse und Umstände in Afghanistan, die der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider nach seinem Besuch in dem Land vertritt, aufrichtig zu begrüßen. Und sie ist auch kein Verrat an protestantischen Überzeugungen oder gar dem Evangelium. Weiterhin gilt, dass friedliche Mittel zur Konfliktbewältigung den Vorrang haben sollen und müssen.

Dennoch kann ich als evangelischer Christ Hochachtung haben vor den Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens und gemäß ihrer Erkenntnis versuchen, die Umstände in Afghanistan ein wenig besser zu machen. Ob als zivile oder als bewaffnete Aufbauhelfer.

Harald Krille

Besser essen

28. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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besser_essen
Gutes Essen hat seinen Preis. Das mussten die deutschen Verbraucher zuletzt einmal mehr leidvoll erfahren. Nun mühen sich Politik und Landwirtschaft nach dem Dioxin-Skandal, verlorengegangenes Vertrauen wiederzugewinnen. Aber nicht nur das: Inzwischen regt sich Widerstand gegen einen allzu sorglosen Umgang mit Lebensmitteln. In Berlin demonstrierten Zehntausende unter dem Motto »Wir haben es satt« gegen Massentierhaltung und für besseren Verbraucherschutz. Zudem setzen sich derzeit 400 Professoren für mehr Ethik in der Landwirtschaft ein. Der Dioxin-Skandal zeige, wie teuer uns »billige« Tierprodukte zu stehen kommen, begründet ein Mitunterzeichner sein Engagement.

Auch die Kirchen haben die Brisanz des Themas erkannt. Auf der Internationalen Grünen Woche hat der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider jetzt für eine größere Achtung vor Lebensmitteln als Teil der Schöpfung geworben. Durch den Überfluss an billigen Lebensmitteln sei das Bewusstsein verloren gegangen, dass dies »nicht selbstverständlich« sei. Wer immer alles günstig beim Discounter bekommt, verliert schnell den Bezug zu den wirklichen Kosten.

Tatsächlich ist es höchste Zeit für ein Umdenken in der Agrarpolitik. So wirkt sich die Massentierhaltung nicht nur negativ auf Klima, Artenvielfalt, Arbeitsplätze und die Existenzgrundlagen von Bauern in der Dritten Welt aus. Hier wird mit Tieren auf eine Weise verfahren, die uns Menschen eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. Aber auch als Verbraucher haben wir eine Mitverantwortung. Wer hochwertige Nahrungsmittel für immer weniger Geld kaufen will, muss sich im Klaren sein, dass das nicht funktionieren kann. Gerade bei Nahrungsmitteln erweist sich der Slogan »Geiz ist geil« als falsch und sogar schädlich. Um hier kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Niemand muss deshalb gleich zum Vegetarier werden. Aber ein sorgsamerer Umgang mit dem Essen, insbesondere mit Fleisch, tut uns und den Tieren gut.

Martin Hanusch

Lebensschutz

5. November 2010 von redaktionguh  
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Es ist ein bisschen verkehrte Welt. Während sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) ausgesprochen hat, will der amtierende Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, eine Zulassung in begrenzten Fällen nicht ausschließen.

michelangeloAuch sonst läuft der Riss zwischen Gegnern und Befürwortern quer durch die Parteien und die evangelische Kirche.

Was zunächst wie ein Paradox klingt, ist letztlich einer schwerwiegenden ethischen Entscheidung geschuldet. Weil es bei solchen Fragen, in denen es um Leben und Tod geht, keine einfachen Antworten gibt.

Grund für das jüngste Ringen um den richtigen Weg ist ein Urteil des Bundesgerichtshofes, der das bislang in Deutschland geltende Verbot der PID faktisch aufgehoben hat. Bei dieser Diagnostik werden durch künstliche Befruchtung entstandene Embryonen untersucht, bevor sie in den Mutterleib eingesetzt werden. Nun strebt die Koalition eine Neuregelung an – mit den oben genannten Folgen.

Tatsächlich gibt es für beide Positionen gute Argumente.

Ja, mit der PID besteht die Gefahr einer Selektion, weil menschliche Embryonen auf Erbgutschäden untersucht und im schlimmsten Fall nicht verwendet, also vernichtet werden. Zudem wächst die Gefahr, dass die Technik missbraucht wird und sich erbkranke Menschen später rechtfertigen müssen, dies hätte verhindert werden können.

Auf der anderen Seite ist der Wunsch der betroffenen Eltern, gesunde Kinder zur Welt zu bringen, nur zu verständlich. Es spricht aber auch aus anderen Gründen einiges dafür, in Fällen von schwerer erblicher Vorbelastung, die PID unter bestimmten Voraussetzungen zuzulassen. Denn solange es die Möglichkeit von Spätabtreibungen gibt, erscheint es annehmbarer, eine Untersuchung an einem Embryo im Frühstadium zuzulassen, als den Tod eines lebensfähigen Kindes in Kauf zu nehmen.

Eines steht aber bereits jetzt fest: Leicht wird es sich niemand machen bei dieser Grundfrage des Lebensschutzes.

Martin Hanusch

Wissen braucht ein menschliches Maß

1. Juli 2010 von redaktionguh  
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EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider würdigt Melanchthon und schlägt dabei einen Bogen in die Gegenwart.

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider sprach in Magdeburg. Foto: ekir

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider sprach in Magdeburg. Foto: ekir

»Nichts liegt hier näher, als das Augenmerk auf die Themen Reformation und Bildung zu werfen.« Nikolaus Schneider, amtierender Ratsvorsitzender der EKD und Präses der Kirche im Rheinland, lässt keinen Zweifel aufkommen, worum es ihm geht. Reformation und Bildung gehörten untrennbar zusammen. »Es war«, sagt Schneider, »ein elementares Anliegen der Reformation, Menschen zu bilden.« Und dies sei bis heute so geblieben. Anlass für seinen Vortrag am vergangenen Sonnabend ist das Melanchthon-Jahr, das die EKD anlässlich des 450. Todestages des Refor­mators ausgerufen hat und das an den »Praeceptor Germaniae« (Lehrer Deutschlands) erinnern soll.

Dass Schneider den Vortrag in Magdeburg hält, ist ebenfalls kein Zufall. Am 26. Juni erinnert der Kirchenkreis traditionell an die Einführung der Reformation in der Elbestadt. An diesem Tag vor 486 Jahren hatte Martin Luther in der Johanniskirche gepredigt, worauf sich der Rat und die Stadt wenig später der Reformation anschlossen. »Damit ist Magdeburg die erste Großstadt gewesen, in der die evangelische Lehre eingeführt wurde«, erklärt Pfarrer Sebastian Neuß in seiner Einführung nicht ohne Stolz.

Schon bei Melanchthon sei die Forderung »Bildung für alle« vorgezeichnet, unterstreicht der amtierende EKD-Ratsvorsitzende. Gegenüber einer Gesellschaft, in der die familiäre Herkunft eines Kindes über den Bildungserfolg entscheidet, hätte er »alle rhetorischen Bataillone« aufgeboten, um sie »auf den Weg der Bildungsgerechtigkeit zu bringen«. Auch heute spiele eine frü­he Sprachförderung in der Elementarbildung eine große Rolle, besonders bei der Einbeziehung von Kindern und ­Jugendlichen mit unterschied­lichen erzieherischen, sprachlichen und kulturellen Voraussetzungen.

Denn Schneider bleibt in seinem Vortrag zum Thema »Reformation und Bildung – eine Erinnerung an Philipp Melanchthon« keineswegs in der Vergangenheit stehen. Er nutzt ihn auch zu einem Plädoyer für einen weiten Bildungsbegriff. Heute werde den Kindern in den Schulen nur wenig Sozialkompetenz vermittelt und die Bildung zu sehr auf den Wissensaspekt verengt, moniert der EKD-Ratsvorsitzen­de. Wissen brauche ein »menschliches Maß«, so Schneider weiter. Oft genug hätten die Kinder und Jugend­lichen wegen der hohen Zeit- und Leistungsanforderungen der Schule zu wenig Muße in der Jugendarbeit, aber auch für Musik, Sport und Kunst. Dabei bestehe ein wichtiger Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können, Wertebewusstsein und Handeln.

Aus diesem Grund sei die Kirche auch selbst Bildungsträgerin. Hier schaffe sie »zentrale Orte der Selbstvergewisserung für junge Menschen«. Zugleich macht Schneider deutlich, dass Religion Bildung braucht und Bildung Religion. Schließlich ziele die Bildung auf den ganzen Menschen und nicht nur auf den Kopf.

Martin Hanusch