Zugang mit Hindernissen

4. September 2017 von redaktionguh  
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Offene Kirchen: Wenn die Suche nach dem Kirchenschlüssel zur Odyssee wird

Die Klinke gedrückt, aber die Tür gibt nicht nach. Das ist immer noch die Realität vor mitteldeutschen Kirchentüren. Nicht hineinkönnen, ausgesperrt sein, dieses Gefühl begleitet Gabriele Schwarz seit Juni dieses Jahres bis heute. Sie lebt in Lützen im Kirchenkreis Merseburg, war aber zuvor mehr als 30 Jahre in Eisenach zu Hause. Gern besucht sie die Thüringer Heimat, trifft sich mit ehemaligen Klassenkameraden. Wie auch im Juni. Sie waren im Thüringer Wald unterwegs, gemeinsam wollten sie die historische Kirche von Cabarz, einem Ortsteil von Bad Tabarz, besuchen. Doch die Besichtigung wurde ihnen, laut Frau Schwarz, durch den dortigen Pfarrer verwehrt. Sie seien keine christliche Pilgergruppe und auch nicht alle Kirchenmitglieder, sei die Begründung gewesen. Pfarrer Kai-Philipp Kunze will das so nicht stehen lassen. Er habe mit Frau Schwarz nie gesprochen, doch ein Herr (ein ehemaliger Schulkamerad von Frau Schwarz, Anm. d. Red.) hätte in einem eher groben Ton angefragt und Kunze habe aufgrund von Terminschwierigkeiten leider absagen müssen. Dann habe ein Wort das andere gegeben. Alles Missverständnisse, die bei den Beteiligten jedoch noch nachwirken.

Die Kirche von Cabarz im Thüringer Wald. Foto: Kirchengemeinde

Die Kirche von Cabarz im Thüringer Wald. Foto: Kirchengemeinde

Wie sich das alles ergeben hat, kann heute nicht mehr vollständig geklärt werden. Der Fall zeigt jedoch, dass es in einigen Regionen der EKM auch im Reformationsjubiläumsjahr immer noch schwer zu sein scheint, in eine verschlossene Kirche zu kommen. Pfarrer Kunze betont, man halte die Kirche in den Sommermonaten drei Tage pro Woche offen. Großen Zuspruch hätte dies aber bisher nicht erfahren. Der Seelsorger macht deutlich, dass eine Besichtigung der Kirche möglich sei. Besucher müssten aber flexibel sein.

»Wir halten die Kirchen offen, aber nicht unbeaufsichtigt«, erläutert der Superintendent des Kirchenkreises Waltershausen-Ohrdruf, Wolfram Kummer. Denn man habe in den Kirchen der Umgebung schon hässliche und
übelriechende Erfahrungen gemacht.

In Dorfkirchen, wo die Identifikation der Bewohner mit der Kirche groß sei, klappe die Öffnung der Kirchen gut. Anderswo hätten sich Kirchenälteste dafür entschieden, gar nicht oder nur an bestimmten Tagen zu öffnen. Die Sorge für die Kirche liege bei den Gemeindemitgliedern, betont Superintendent Kummer. Ihre Anstrengungen müsse man würdigen und die Kraft, die das Engagement fordere.

Das gehe nur behutsam. Und, man müsse die ernst nehmen, die die Last der Verantwortung und der Logistik einer offenen Kirche tragen. Das könnten dann auch immer nur individuelle Lösungen sein.

Der Besuchergruppe um Gabriele Schwarz gelang es dann doch noch, die Kirche von Cabarz zu besuchen. Eine Mitarbeiterin des Heimatmuseums Tabarz vermittelte den Kontakt zu einem Kirchenältesten, der den Besuchern die Besichtigung letztlich ermöglichte. Trotz des guten Ausgangs der Geschichte zeigt das Beispiel Cabarz, dass es mitunter einiger Anstrengungen bedarf, um Einlass zu finden. Und der Fall offenbart die Schwierigkeiten und Hinderungsgründe für eine Öffnung.

Diana Steinbauer

Offenheit braucht Zeit

1. September 2017 von redaktionguh  
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Das große Ziel: 95 Prozent der Kirchen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sollen im Reformationsjahr offen sein, so der Wunsch der Kirchenleitung. Was ist daraus geworden?

Mehr als 4 000 Kirchen gibt es in der EKM. Und all diese Gotteshäuser sollten innerhalb des Reformationsjubiläumsjahres zu offenen Kirchen werden. So die Idee der Landeskirche. »Das Ziel, was ich angegeben habe – 95 Prozent geöffnete Kirchen Ende 2017 –, werden wir bestimmt nicht erreichen«, stellt Landesbischöfin Ilse Junkermann heute fest. Ein Fazit, das für viele Begleiter der Ini­tiative »Offene Kirchen« ernüchternd ist. Dennoch glaubt Junkermann, dass in den vergangenen Monaten ein Stein ins Rollen gekommen ist, der – auch wenn es längere Zeit brauchen wird – doch ins Ziel treffen werde. Die Zahl 95 ist für Junkermann vor allem eine symbolische: »Sie steht dafür zu sagen, dass die Mehrheit geöffnet ist«, erklärt Junkermann. Nach der neuesten Erhebung sind derzeit 1 000 Gottes­häuser in der EKM »offene Kirchen«. »Laut der Umfrage, die wir vor einem Jahr gemacht haben, waren zwölf Prozent der Kirchen geöffnet. Heute sind es mit 1 000 ein Viertel. Das bedeutet eine Verdopplung«, so Junkermann. Bis heute, so glaubt die Landesbischöfin, habe sich in den Gemeinden viel verändert, denn das Herumdrehen des Schlüssels und das Öffnen der Türen sei nicht nur ein äußerer Vorgang. Ihm entspreche eine innere Haltung, betont die Landesbischöfin.

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen.  Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin  Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen. Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Das Thema »Offene Kirchen«, so der Wunsch der Kirchenleitung, solle alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in der EKM beschäftigen. Was heißt überhaupt »offene Kirche«? Dafür haben die Kirchengemeinden unterschiedliche Antworten gefunden. Die einen öffnen 24 Stunden, andere nur im Sommer, wieder andere nur von Donnerstag bis Sonntag. Die gängige Praxis ist mit zahlreichen Kirchenältesten diskutiert worden. Denn die Kirche öffnen zu wollen, wirft praktische Fragen auf: Wer soll öffnen und wie oft? Was geschieht mit der kostbaren Ausstattung? Was passiert im Schadensfall?

Viele Gemeindeglieder hatten und haben Bedenken. Das weiß auch die Landesbischöfin. Vor allem die Befürchtung, in der Kirche könnte etwas gestohlen oder beschädigt werden, kennt sie. »Man muss Ängste ernst nehmen, man kann sie nicht zerstreuen. Es gibt die Möglichkeit einer Versicherung, auch wenn eine Entschädigung wertvolles Kunstgut nicht ersetzen kann.« Laut Junkermann wurden in der EKM in den vergangenen acht Monaten 160 Versicherungen für offene Kirchen abgeschlossen. Vandalismus und Zerstörung seien sicher schlimm, dennoch solle man sich in den Kirchengemeinden mit der Frage auseinandersetzen, was wichtiger sei: »die Botschaft und die Offenheit für andere oder unser Besitz, unser Haben?«

Mit der Botschaft Jesu Christi und geöffneten Kirchen ein Willkommensangebot auch an die senden, die bisher nicht den Weg in eine Kirche gefunden haben, das war und ist die Idee hinter den »offenen Kirchen«. Ausgangspunkt dabei sei das starke Bedürfnis vieler, in einem Kirchenraum still zu werden, innezuhalten und in dieser besonderen Atmosphäre den Weg zu sich und zu Gott zu suchen. Dieses Bedürfnis hätten Gläubige wie Nichtgläubige, ist sich die Landesbischöfin sicher. Und während Kirchenmitglieder in der Regel wüssten, wo und wie sie mit Gott in Verbindung treten könnten, kann der freie Zutritt zu einer Kirche eine Brücke für Kirchenferne sein.

Die Landesbischöfin bekräftigt: »Die Botschaft einer verschlossenen Tür kommt an. Ich denke, dass sich viele Kirchenälteste dessen gar nicht bewusst sind, dass es sich hier um eine negative Botschaft handelt.« Die Kirchen öffnen und mit niederschwelligen Angeboten die Menschen einladen, das müsse das Ziel für die Zukunft sein. In diesem Jahr sei aber auch die Erkenntnis gewachsen, dass dieses Ziel nicht in kurzer Zeit erreichbar sein wird.

Diana Steinbauer

www.ekmd.de/service/offenekirchen

Türen auf von Nord bis Süd

31. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Mit gutem Beispiel voran: Pressefahrt der EKM zu offenen Kirchen

Nord: 2017 will die EKM eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehört auch das Herzensprojekt der Landesbischöfin: »Offene Kirchen«.

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen  in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle  Gemeinden,  die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen  der EKM-Initiative »Offene Kirchen«  so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle Gemeinden, die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen der EKM-Initiative »Offene Kirchen« so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Nein, hier ist noch nie etwas passiert. Kein Diebstahl, kein Vandalismus«, sagt Irene Heinecke. Nur einmal, erinnert sich die Pfarrerin, haben zwei Jungen Scheiben der Kirche von Flechtingen im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eingeworfen. Von außen. Damit, dass die Türen des Gotteshauses seit mehreren Jahren tagsüber unverschlossen sind, hatte dieser Ausdruck von Frust und Liebeskummer wahrlich nichts zu tun. Das Altarbild vom Jüngsten Gericht, die seltene Moses-Kanzel aus Stuck oder der Tetzel-Kasten – all dies sind Schätze, Hunderte Jahre alt, mit Geld nicht zu bezahlen, aber der größte Schatz der Kirche ist wohl ihre offene Tür. »Die Möglichkeit, außerhalb der Gottesdienst- und Andachtzeiten hierherzu­kommen, einen Raum zu finden für das Gebet, die Stille, auch zum Weinen, ohne Aufsicht, das ist so wichtig und wertvoll«, sagt Pfarrerin Heinecke, sie lacht, ihre Augen strahlen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann steht neben ihr und nickt. Die Bischöfin spazierte im vergangenen Jahr während eines Reha-Aufenthalts regelmäßig zur Kirche. »Das war eine besondere geistliche Erfahrung«, erinnert sie sich.

Flechtingen, Wegenstedt, Etingen

Es sind aber nicht persönliche Empfindungen, die die Initiative der »Offenen Kirchen« für die Landesbischöfin zur Herzensangelegenheit machen. Das wohl ehrgeizigste Projekt der EKM zum Reformationsjubiläum stellt für die Theologin auch eine Umkehr dar, es ist ein Bußruf: »Verschlossene Türen bedeuten, wir sind uns selbst genug. Aber wir wollen doch für alle da sein, für alle offen sein.«

Eine Order von oben kann die Initiative nicht sein. Das wird besonders im Pfarrbereich von Irene Heinecke deutlich. Während die Flechtinger Kirche bereits seit mehr als 25 Jahren täglich von mittags bis abends geöffnet ist, hat sich der Gemeindekirchenrat des benachbarten Wegenstedts erst in diesem Frühjahr dazu entschlossen. »Wir fanden den Vorschlag der Landeskirche gut. Jeder hat das Bedürfnis nach Stille, und das nicht nur sonntags«, sagt Kirchenälteste Rosemarie Pötsch. Angst vor Vandalismus hat sie nicht. »Falls etwas passiert, steht die EKM hinter uns.«

Die Versicherung gegen Diebstahl und Vandalismus speziell für »Offene Kirchen« wird ab Januar 2017 angeboten, sie kostet 65 Euro pro Jahr und Kirchengebäude. Der Beitrag wird von der Landeskirche subventioniert, dafür sind laut Haushaltsplanung 300 000 Euro eingestellt.

In Etingen, das auch zu Irene Heineckes Pfarrbereich gehört, konnte dieses Angebot von EKM und Ecclesia-Versicherung nicht überzeugen. »Es gingen im Fall der Fälle auch ideelle Werte verloren«, meint Friedrich Widdicke vom Gemeindekirchenrat. Die Kirche zu Etingen wurde 1893 nach achtzehn Monaten Bauzeit errichtet, sie ist innen wie außen aus einem Guss, funkelnde Kron- und Altarleuchter, detailreiche Wandbemalungen –das alles habe man geerbt von den Vorfahren und wolle es in gutem Zustand weitergeben. Die Kirche für jedermann zugänglich zu machen, könne der Gemeindekirchenrat nicht verantworten. Pfarrerin Heinecke kann das nicht nachvollziehen: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Katja Schmidtke

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.


Süd: Porta patet, cor magis – das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Diese alte Zisterzienser-Regel könnte Wahlspruch der Initiative »Offene Kirchen« sein und ist es vielmehr seit 30 Jahren für Pfarrer i. R. Rainer Schmidt aus Mühlberg im Kirchenkreis Gotha. 1986 öffnete er mit Beschluss des Gemeindekirchenrates die St. Lukaskirche. Und das mit Erfolg. Viele Reisende, Familien, Ausflügler und Radler machten seither in der Barockkirche Station. »Kirchen sollten so geöffnet sein«, erklärt Pfarrer Schmidt, »dass die Leute hineingehen und aus dem Getriebe der Welt herauskommen können.« Er wolle diesen heiligen Ort, der auch ein künstlerisches Gesamtwerk sei, niemandem vorenthalten.

Natürlich gäbe es in der Gemeinde bis heute unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von 8 bis 18 Uhr. Einige tragen sich immer noch mit Sicherheitsbedenken. Dafür hat Schmidt Verständnis, die bisherige Praxis habe jedoch gezeigt, dass die Menschen durch eine Öffnung des Gotteshauses mehr gewinnen als verlieren. Nur einmal sei in den vergangenen 30 Jahren etwas gestohlen worden.

Mühlberg, Kapellendorf, Weimar

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte hofft Bischöfin Ilse Junkermann, dass noch viele weitere Gemeinden die von ihr bei der Herbstsynode im vergangenen Jahr angestoßene Frage der offenen Kirchen intensiv durchdenken und besprechen. Denn wenn die Kirche geöffnet wird, soll, wie in Mühlberg, die Gemeinde dahinterstehen. Von oben will und kann die Kirchenleitung dies nicht verordnen. »Die Initiative ist aber die Chance«, so Bischöfin Junkermann, »das Kirchengebäude als Ort der Predigt neu zu entdecken.«

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

Eine Entdeckung der besonderen Art ist ebenso die Dorfkirche von Kapellendorf im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Als ältestes Gebäude des Ortes – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 800 – spielt die Kirche auch bei den Führungen in der Wasserburg Kapellendorf immer eine bedeutende Rolle. »Ich freue mich sehr, dass ich bei jeder Führung darauf hinweisen kann, dass die Kirche für jeden offen steht – unabhängig von den Öffnungszeiten der Burg«, sagt Marie Petermann, Kuratorin der Wasserburg.

Bereits seit den 1980er-Jahren schließen Vertreter der kleinen Gemeinde jeden Tag ihre Kirche für Besucher auf. Und von den 19 000 Besuchern der Wasserburg im Jahr kommen die meisten auch in der Kirche vorbei. Wie dieses Angebot geschätzt wird, davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Aber es gibt auch stille Zeichen davon, wie sehr die Kirche Anlauf- und Ankerpunkt der Menschen geworden ist. »Immer wenn ich die Kirche betrete, brennen am Kerzenständer Lichter. Das zeigt mir, die offene Kirche wird angenommen und regelmäßig genutzt«, so Vikar Conrad Neubert.

Während unverschlossene Häuser und Höfe schon der Vergangenheit angehören, setzt die EKM mit der Initiative »Offene Kirchen« ein Zeichen gegen diesen Trend. Denn eine unverschlossene Kirche nehmen die Menschen als sehr positiv wahr, berichtet Hardy Rylke, Pfarrer der Jakobskirche in Weimar. Auch deren Pforten sind bereits seit vielen Jahren geöffnet. »Ich möchte den Menschen die Gelegenheit geben, das kennenzulernen, was mir zum Leben hilft und was vielleicht auch etwas für sie sein könnte«, so Rylke. Eine geöffnete Kirche zeige den Menschen, ja, ich habe wirklich Interesse an dir. Eine abgeschlossene Kirche dagegen bezeichnet Rylke als Katastrophe, denn jeder Mensch, der die Klinke herunterdrücke, verbinde mit seinem Besuch ein besonderes Bedürfnis. »Wenn wir als Kirche für alle offen sein wollen, dann muss das doch auch für die Gebäude gelten«, so Rylke.

Die Beispiele zeigen, dass das Projekt »Offene Kirchen« ehrgeizig, aber realisierbar ist. Laut Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM, strebt die Evangelische Kirche hier einen Paradigmenwechsel an. »Heute sind die meisten Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche noch verschlossen. 2018 soll dies umgekehrt sein.« Und zwar auch noch lange über das Reformationsjubiläum hinaus. Propst Diethard Kamm betont: »Die Initiative ›Offene Kirchen‹ ist keine Schaufensteraktion. Wir öffnen unsere Gotteshäuser, und offen sollen sie bleiben.«

Diana Steinbauer

Offene Kirchen: Neuer Versicherungsschutz

3. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Die EKM hat eine Ergänzung zu den bestehenden Verträgen verhandelt

Ab 1. Januar 2017 gibt es einen Rahmenvertrag mit dem Ecclesia-Versicherungsdienst. Sofern eine Kirche geöffnet ist, besteht die Möglichkeit, auf Antrag die Kirche gegen Vandalismus und Diebstahl zu versichern. Kirchenrat Torsten Bolduan hat für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) den Vertrag ausgehandelt. Hier beantwortet er die wichtigsten Fragen:

Kirchenrat Torsten Bolduan verhandelte die Erweiterung der Versicherung für die Kirchengemeinden. Foto:  Gerhard Seifert/EKM

Kirchenrat Torsten Bolduan verhandelte die Erweiterung der Versicherung für die Kirchengemeinden. Foto: Gerhard Seifert/EKM

Was beinhaltet der Versicherungsschutz?

Versichert sind Vandalismus (mut- und böswillige Beschädigung der versicherten Sachen) bis 50 000 Euro bei einer Selbstbeteiligung von 500 Euro, und Diebstahl ebenfalls mit bis zu 50 000 Euro bei einer Selbstbeteiligung von 250 Euro. Nicht versichert ist bei einer offenen Kirche der Diebstahl durch einfache Wegnahme, also wenn es mitgenommen werden kann, ohne dass ein Dieb hartnäckig vorgehen oder sich anstrengen muss.

Was kostet diese Ergänzung?

Dies kostet die Kirchengemeinde 65,45 Euro je Kirchengebäude im Jahr. Möchte eine Kirchengemeinde den Versicherungsschutz auf über 50 000 Euro erhöhen, ist dies auch möglich, allerdings dann auch gegen höhere Kosten. Die eigentlichen Kosten sind höher. Die Landeskirche übernimmt hier einen Anteil, und zwar gänzlich unbürokratisch: Die Versicherung teilt am Ende des Jahres mit, wie viele Kirchen versichert wurden, und die Landeskirche erhält eine Rechnung. Die Kirchengemeinden müssen sich darum also nicht kümmern.

Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden?

Es sollte möglichst ausgeschlossen werden, dass Kunstgegenstände durch einfache Wegnahme gestohlen werden können. Kunstgegenstände sollten durch geeignete Maßnahmen gesichert oder weggeschlossen werden. Da gibt es einfache und sehr überzeugende Sicherungsmaßnahmen.

Das ausführliche Hinweisblatt mit dem Formular zur Beantragung des Versicherungsschutzes beim Ecclesia-Versicherungsdienst wird in der Oktober-Ausgabe unseres Mitarbeitenden-Magazins »EKM intern« veröffentlicht. Dadurch wird jede Kirchengemeinde informiert.

Wir hoffen, dass wir damit einen Stein aus dem Weg räumen können, damit zukünftig möglichst viele Kirchen geöffnet sind.

»Es gibt keine Kampagne«

14. August 2016 von redaktionguh  
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Offene Kirchen: Workshops geplant

Kirchen öffnen – das ist der Appell von Landesbischöfin Ilse Junkermann. Ihm zu folgen, dazu ermutigt eine eigens gegründete Arbeitsgruppe, die nun auch Workshops anbietet. Was es damit auf sich hat, erklärt Regionalbischof Diethard Kamm (Gera).

Mutmacher, dieses Wort lässt der Propst gelten. Er und die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe »Initiative Offene Kirchen« wollen Mut dafür machen, die Kirchentüren aufzuschließen. Oder zumindest einmal darüber nachzudenken. Mit einer zwölfseitigen Handreichung informieren sie die Kirchengemeinden der EKM. Seit Monaten fahren sie für Gespräche übers Land. Nun bieten sie in den Propsteien auch Workshops zum Thema an. Den Auftakt der Reihe wird es am 16. August, 18 Uhr, im Gemeindehaus in Gera geben.

Propst Diethard Kamm – Foto: EKM

Propst Diethard Kamm – Foto: EKM

»Erste Anmeldungen sind eingegangen«, sagt Diethard Kamm, der die Arbeitsgruppe leitet. Sehr viele Ehrenamtliche seien darunter, wobei sich das Angebot ebenso an Pfarrer und Mitarbeiter richtet. Wer spontan dazukommen möchte, ist eingeladen. Zwei bis drei Stunden wird der Workshop dauern. Zunächst wird die Arbeitsgruppe in einer Präsentation das Anliegen »Offene Kirchen« vorstellen, anschließend sollen gemeisam Chancen und Möglichkeiten sowie Ängste und Sorgen formuliert werden.

»Es ist die Entscheidung jeder Kirchengemeinde, die Kirche zu öffnen oder eben nicht«, erklärt Diethard Kamm. Keine Kampagne also und auch kein Patentrezept für die angemessene Form der Öffnung. »Geöffnet kann heißen: ständig, in den Sommermonaten, an den Wochenenden oder auch nur der Hinweis, wer die Tür öffnen kann.« Solche Varianten sind bereits jetzt vielerorts üblich, wie Kamm bei seinen Besuchen in den Gemeinden erfuhr. Und zwar längst nicht nur bei jenen 140 Kirchen, von denen der EKM in ihrem Gebiet eine verlässliche Öffnung offiziell bekannt ist.

Wie viele Kirchen tatsächlich außerhalb der Gottesdienste zugänglich sind, das ermittelt aktuell eine Umfrage bei den Gemeinden. Diese Angebote sollen sichtbar werden, zum Beispiel auf der Internetseite »Kirchenlandkarte Mitteldeutschland« oder über die Kirchen-App der EKD. »Noch wird die Chance, die landeskirchliche Ebene als Multiplikator einzusetzen, zu wenig genutzt«, sagt Diethard Kamm. Die Landeskirche ist aber auch gefragt, wenn es um den Umgang mit Vandalismus und Diebstahl geht. Wie hier eine Unterstützung für die Gemeinden aussehen könnte, werde derzeit überlegt.

Noch eines ist Kamm wichtig: Natürlich verwies der Appell der Landesbischöfin, die Kirchen zu öffnen, auf das 500. Reformationsjubiläum. Aber die Idee der offenen Kirchen soll über den 31. Oktober 2017 hinaus getragen werden. Mit Mut geht das leichter.

Susann Winkel

Workshop-Termine: 31. August in Weimar; 10. September in Meiningen und 13. September in Halle

www.gemeindedienst-ekm.de

Kirchen trotz allem öffnen

1. August 2016 von redaktionguh  
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Propst Kamm: Keine Pauschalverurteilung

Die Anschläge in Deutschland und Frankreich machten ihn sehr betroffen, sagte der stellvertretende Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Propst Diethard Kamm (Gera). Man könne nur im Gebet verharren und so die Angehörigen der Opfer begleiten.

Die Solidarität in München habe ihn beeindruckt, erklärte der Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar. Spontan wurden Häuser und Wohnungen geöffnet, um Menschen aufzunehmen, die nicht mehr nach Hause konnten. Kamm erinnere das an die Kirchenöffnung nach dem Attentat im Erfurter Gutenberg-Gymnasium. »Wir wollen Menschen in unseren Kirchen Schutz geben. Sie sollen Gelegenheit haben, zu beten und zur Ruhe zu kommen.« Der Regionalbischof warnte davor, Menschen, die bei uns Schutz suchen, pauschal zu Verbrechern abzustempeln. »Wir sollten als Kirche wegen der schrecklichen Vorfälle nicht unsere Einstellung zu Flüchtlingen ändern«, so Kamm. Schnelle Antworten würden langfristig nicht wirklich tragen.

Diethard Kamm leitet die Arbeitsgruppe »Offene Kirchen«. Foto: EKM

Diethard Kamm leitet die Arbeitsgruppe »Offene Kirchen«. Foto: EKM

Auch nach mehreren Diebstählen im thüringischen Eichsfeld plädiert Kamm weiterhin für die Öffnung der Kirchen. Es mache keinen Sinn, die Kirchen, die jetzt geöffnet seien, zu schließen. Bei der Synode im Herbst in Erfurt hatte Landesbischöfin Ilse Junkermann die Aktion »Offene Kirchen« vorgestellt. Bis zum Frühjahr 2017 sollen die knapp 4 000 evangelischen Kirchen in der EKM tagsüber geöffnet sein. Diese Aktion stößt in manchen Kirchengemeinden wegen Sicherheitsbedenken auf Widerstand. Die Entscheidung über die Kirchenöffnung liege bei den Kirchengemeinden, so Kamm. Wenn man dort angesichts der Diebstähle im Eichsfeld nun nicht mehr bereit sei, für die Öffnung die Verantwortung zu übernehmen, dann könne die Kirchenleitung dagegen nicht viel tun. »Wir sollten jetzt aber nicht zurückrudern«, so Kamm. Bis zum Jahresende gäbe es in allen Propsteien der EKM Informationsveranstaltungen. Dort würden die Fragen und Bedenken im Zusammenhang mit der Kirchenöffnung erörtert.

Kamm sprach sich in diesem Zusammenhang gegen eine Videoüberwachung in Kirchen aus. Das stehe dem Ansatz der offenen Kirchen entgegen. Kirchenbesucher sollten sich nicht beobachtet fühlen, wenn sie in eine Kirche kommen. Wie man mit der Sicherung sakralen Kunstgutes zukünftig umgehe, müsse allerdings gesondert bedacht werden.

Willi Wild

Erst mal Klinken putzen

26. Juni 2016 von redaktionguh  
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Experiment: Gottes Haus soll nicht zugesperrt sein. Dafür wirbt Landesbischöfin Ilse Junkermann nicht nur, nein, sie fordert es ein. Die Umsetzung des Vorhabens gestaltet sich schwierig.

Diesen Satz hat René Thumser in den vergangenen Monaten oft gehört: »Was sich die Bischöfin da wieder ausdenkt!« Er fällt so oder ähnlich fast immer, wenn er und seine Mitstreiter aus der Arbeitsgruppe »Initiative Offene Kirchen« zu Besuch in Kirchengemeinden sind. Ihre Aufgabe ist es dann, zu übersetzen. »Jedes Kirchengebäude in der EKM soll spätestens ab Frühjahr 2017 tagsüber geöffnet sein.« So hat es Ilse Junkermann bei der Herbstsynode im November in Erfurt gesagt. Der Appell der Bischöfin ist unmissverständlich, an der Basis aber gibt es Missverständnisse.

Einfach so die Kirchentüre aufschließen – für viele eine beängstigende Vorstellung. Beispiele zeigen: Es funktioniert, ohne größere Schäden. Foto: ArTo – Fotolia.com

Einfach so die Kirchentüre aufschließen – für viele eine beängstigende Vorstellung. Beispiele zeigen: Es funktioniert, ohne größere Schäden. Foto: ArTo – Fotolia.com

Das war so zu erwarten. Das war der Preis für die Aufmerksamkeit innerhalb und außerhalb der Kirche. Gottes zahlreiche Häuser in Mitteldeutschland sollen den Besuchern offen stehen, wenn ein halbes Jahrtausend Reformation gefeiert wird. Die EKM möchte sich als gute Gastgeberin zeigen, sie will weder sich noch ihre Gebäude vor den Menschen verschließen.

Aufschließen müssen die rund 4 000 Kirchen aber andere, die Gemeindekirchenräte in den Städten und Dörfern. Und die hören nicht zum ersten Mal von so einer Idee. Es gibt bereits Signets für verlässlich geöffnete Kirchen, für Radwegkirchen, für Pilgerkirchen. Der Erfolg ist mager. An jedes Signet an der Pforte sind Auflagen gebunden, die zu erfüllen nicht überall gelingen kann. Deswegen muss René Thumser vorsprechen. Er muss erklären, dass es eben nicht um Signets und Auflagen geht, sondern um kleine und individuelle Lösungen: Öffnungszeiten im Sommerhalbjahr, am Wochenende und an Feiertagen oder ein Hinweis, wer die Tür auf Wunsch öffnen kann.

Es ist das große Klinkenputzen, bevor sich die Schlüssel in den Schlössern drehen. »In den Gemeinden haben sich Traditionen eingeschliffen: Entweder die Kirche ist zu oder sie ist auf«, sagt René Thumser. Dort, wo sie zu ist – das ist in der Mehrheit der Gemeinden der Fall –, muss es gelingen, diese Tradition zumindest einmal infrage zu stellen. Abzuwägen, was für und was gegen geöffnete Kirchentüren einzuwenden ist. Dagegen spricht die Angst vor Diebstählen und Vandalismus, die Sorgen um zusätzliche Arbeit für die bereits Engagierten und manchmal auch die Meinung, dass ja ohnehin keiner die offene Kirche aufsuchen würde. René Thumser hat Antworten auf all diese Fragen, er kann Ängste und Sorgen relativieren. Einbrüche geschehen aller Erfahrung nach nicht am helllichten Tag, sondern nachts, wenn abgeschlossen ist. Für Schließ- und eventuelle Aufsichtsdienste lassen sich oft auch Partner außerhalb der Kirchengemeinde gewinnen, in den Kirchbauvereinen etwa. Und schließlich: »Offene Kirchen werden sehr wohl aufgesucht.«

Weil die Mitglieder der Arbeitsgruppe nicht für jede der 4 000 Kirchen selber zum Gespräch vorstellig werden können, schon gar nicht bis 2017, haben sie zunächst eine Handreichung für die Gemeindekirchenräte erstellt. Auf zehn Seiten wird mit Argumenten und Erklärungen einer diffusen Furcht Besonnenheit entgegengesetzt. Es gibt technische Sicherungsvorkehrungen, es gibt Versicherungen und vor allem gibt es keine Vorwürfe der Kirchenleitung, wenn trotz allem etwas gestohlen werden sollte.

Erste Kirchengemeinden, etwa jene in Seebach bei Eisenach, sind auf die Handreichung hin schon aktiv geworden. Sie haben René Thumser eingeladen. Im August und September werden in den Propsteien zu diesem Thema auch Workshops für Gemeindekirchenräte geplant. Außerdem soll die digitale Kirchenlandkarte der EKM mit derzeit nur 1 178 Eintragungen vervollständigt werden, damit alle Kirchen und ihre Angebote für Besucher sichtbar werden. Auch das könnte ein Ansporn für Veränderung sein.

Wohl zur Herbstsynode wird es wieder Aufmerksamkeit für dieses Thema geben. Dann sollten erste Zahlen von dort vorliegen, wo der Appell der Bischöfin in die Tat umgesetzt wurde. Und wo es noch Missverständnisse gibt.

Susann Winkel

Die Handreichung und weitere Informationen finden Sie im Internet:

www.ekmd.de/service/offenekirchen

Hier darf man das Kreuz zeigen

1. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Flüchtlinge aus Altenburg waren auf den Spuren von Christen- und Judentum in Erfurt

Zu einer besonderen Begegnung kam es am Rande der EKM-Synode in Erfurt. Am 20. November empfing Präses Dieter Lomberg gemeinsam mit den Synodalen Bernhard Voget und dem Präsidium der Synode eine Besuchergruppe mit Flüchtlingen. Sie waren im Rahmen einer Studienfahrt in Erfurt, die vom Diakonat des Kirchenkreises Altenburger Land organisiert und von Superintendent Michael Wegner begleitet wurde. Im Vordergrund stand neben der Vertiefung der Deutschkenntnisse das Kennenlernen von Christen- und Judentum.

Einige der mitgereisten Afghanen, Eritreer, Iraner und Syrer leben schon seit mehreren Jahren in Deutschland, während andere erst vor wenigen Monaten in Thüringen angekommen sind. So unterschiedlich sind auch ihre Sprachkenntnisse. Fließendes Deutsch spricht der junge Syrer Gabriel, der im Alter von 17 Jahren mit seinem Bruder aus der Heimat geflohen ist. Von Dortmund kam er zunächst nach Eisenberg und dann ins Altenburger Land. Voller Stolz trägt er das Kreuz auf seiner Brust, das er hier nicht mehr verstecken muss. »Entweder man bezahlt als Christ mit Geld oder mit dem Leben, so ist das in Syrien«, berichtet er. Für den aramä­ischen Katholiken war die Besichtigung des Doms zweifelsohne der Höhepunkt der Reise.

Studienfahrt nach Erfurt: Anhand des Reliefs der Innenstadt Erfurts konnten die Teilnehmer noch einmal die Stationen ihres Weges durch die Landeshauptstadt nachvollziehen. Foto: Ilka Jost

Studienfahrt nach Erfurt: Anhand des Reliefs der Innenstadt Erfurts konnten die Teilnehmer noch einmal die Stationen ihres Weges durch die Landeshauptstadt nachvollziehen. Foto: Ilka Jost

Doch nicht nur er war beim Anblick des Gotteshauses sprachlos vor Staunen. Ehrfürchtig erklommen die zwei Frauen und sieben Männer die Domstufen und zückten wie auf Kommando ihre Smartphones für ein Erinnerungsfoto. Und auch die eigene Religion wurde zweitrangig und es gab keinerlei Berührungsängste beim Betreten des Gotteshauses. Zwei Muslime holten eine Münze aus der Tasche und zündeten eine Kerze an.

Beim anschließenden Besuch der Synode gab es einen Einblick in die Arbeit des Kirchenparlaments, wo natürlich die Flüchtlingshilfe ein Thema war. Präses Lomberg rief dazu auf, den Neuankömmlingen bei der Suche nach Räumlichkeiten behilflich zu sein, um Möglichkeiten zur Einkehr und zum Praktizieren ihrer Religionen zu bieten. Ein wichtiger Beitrag ist dabei die EKM-Initiative »Offene Kirchen« (siehe Seite 5 dieser Ausgabe).

Wie wichtig dies für die Flüchtlinge ist, konnten die Synodalen konkret erfahren. Die Eritreer Teame und Robel sind orthodoxe Christen und leben erst seit wenigen Monaten in Deutschland. Bisher beherrschen sie nur einige Wörter Deutsch und besuchen einen Sprachkurs. Sie erzählten von ihrer gefährlichen Flucht übers Mittelmeer und vom Leben in Eritrea, wo der 26-jährige Teame Priesterdiakon war. Der Glaube ist beiden sehr wichtig. In ihrer Heimat dauert ein Gottesdienst mehrere Stunden: mit Trommelklängen, viel Gesang und fröhlichen Tänzen. Bisher haben sie dafür in Altenburg noch keinen geeigneten Ort gefunden. Das soll sich bald ändern, verspricht Superintendent Michael Wegner.

Ilka Jost

Lust und Frust des Landlebens

20. November 2013 von redaktionguh  
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Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Familienfragen über Möglichkeiten zur Unterstützung

Von Eltern-Taxi, hohen Energiekosten auch aufgrund der vielen Fahrerei, wenigen und dünn besuchten Gottesdiensten, davon kann Regina Englert ein Lied singen. Seit elf Jahren wohnt die einstige Großstädterin mit ihrer Familie im nordthüringischen Niedergebra (Kirchenkreis Südharz). In dem Dorf mit 120 Einwohnern gehört noch ein Drittel der Kirche an. Als die Kinder klein waren, fanden sie das Dorf ideal. »Sie sind mit Freunden allein in Wald und Flur unterwegs gewesen, und wir mussten uns keine Sorgen machen«, sagt die Kirchenälteste und Journalistin. Nun wohnen die Freunde aus dem Gymnasium weit weg, der Schulweg ist lang. Es gibt einen Autobahnzubringer, aber kaum Fahrradwege. »Unsere Jungs würden momentan lieber in der Stadt wohnen, um am sozialen Leben besser teilnehmen zu können«, sagt sie.

Kinder haben auf dem Land viel Freiheit. Doch Schule, Kindergarten, Hobbys erfordern von den Familien oft einen hohen logistischen und zeitlichen Aufwand. Foto: Digitalpress/Fotolia.com

Kinder haben auf dem Land viel Freiheit. Doch Schule, Kindergarten, Hobbys erfordern von den Familien oft einen hohen logistischen und zeitlichen Aufwand. Foto: Digitalpress/Fotolia.com

Stichworte wie demografischer Wandel und damit einhergehend Überalterung des ländlichen Raums, große Pfarrbereiche, fehlende Infrastruktur – das sind Probleme, die am Montag in Erfurt besprochen wurden. Die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Familienfragen (eaf) Thüringen hatte ihre Mitglieder zum Fachgespräch über »Familien im ländlichen Raum« nach Erfurt eingeladen. In den Impulsreferaten wurden auf der einen Seite die sehr unterschiedlichen Gegebenheiten auf dem Land deutlich, auf der anderen berichteten Referenten und Teilnehmer von interessanten Projekten. Johannes Beleites von der Evangelischen Akademie Thüringen lebt selbst in einem Dorf und unterstrich, dass es für Kinder der ideale Lebensraum ist. Familien brauchten jedoch ein schnelles Internet und gute Verkehrsanbindung, zudem müsse das Leben auf dem Lande mehr wertgeschätzt werden.

Die Defizite sind auch in der Versorgung der älteren Bewohner zu sehen, denen oft nur ein Umzug ins Heim bleibt, weil sie nicht mehr selbst kochen können und der Weg für »Essen auf Rädern« mitunter zu lang sei, brachte Martin Gebhardt von der Diakonie Weimar Bad Lobenstein ein, der über das Älterwerden auf dem Lande sprach. Er plädierte für familiäre bzw. familienersetzende Netzwerke: Mittagessen-Nachbarschaften, Hol- und Bringe-Dienste, gemeindenahe Pflege und anderes.

Netzwerke schaffen und Partner suchen

Ein Modell, wie es einst in einer funktionierenden Dorfgemeinschaft selbstverständlich war, könnte viele Probleme lösen. Aber, so erörterte Tamara Wedel vom Seniorenbüro in Schmalkalden, sei die Kommunikation längst nicht mehr entsprechend. Neu Zugezogene gehörten nicht automatisch zur Dorfgemeinschaft. Austausch anzustoßen sei zum Beispiel eine Möglichkeit. Dazu sollten Räume genutzt werden, die vorhanden sind: kirchliche Gemeindehäuser, Vereinsräume und ähnliches. »Wir müssen auf die Familien zugehen«, sagte Wedel. Man sollte ältere Menschen ermutigen, sich ins Dorfleben einzubringen. Als Beispiele nannte sie »Leihgroßeltern« oder Rentner übernehmen Fahrdienste usw.

Die Rahmenbedingungen müssten durch die Politik geschaffen werden, wurde deutlich. Zudem seien Fantasie und Menschen gefragt, die etwas in die Hand nehmen. Vernetzung sei notwendig und ein Blick in Kommunen, die interessante Modelle praktizieren. Wichtig sei in jedem Falle, dass die Familien selbst in die Prozesse einbezogen werden und bei Projekten mitentscheiden. Genauso wichtig ist die Zusammenarbeit mit Vereinen vor Ort. Nicht nebeneinander, sondern miteinander arbeiten sei geboten.

Die Politik nehme sich des Themas Familie gern in Wahlkampfzeiten an, aber im konkreten Fall ziehe sie sich heraus, beklagte Gundula Bomm, Vorsitzende der eaf Thüringen.

Dass das Leben auch in sehr kleinen Dörfern funktionieren kann, weil es Menschen gibt, die die Freiräume des Dorfes zu nutzen wissen, bestätigt auch Regina Englert: »Wir können das umsetzen, von dem wir denken, dass es der Gemeinde gut tut: Pilgerfest, Floriansgottesdienst, Konzerte, Lesungen, Senioren-Café oder offene Kirche.« Da ist meist die ganze Familie dabei – vom Kirche-Aufschließen bis zum Glockenläuten.

Dietlind Steinhöfel