Orgel in der Box spielt ganz von selbst

11. September 2017 von redaktionguh  
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Zauberkasten: Tragbares Miniinstrument kann alle Choräle

Im Büro von Stendals Superintendenten Michael Kleemann steht ein Zauberkasten. Rund 40 mal 50 mal 20 Zentimeter klein ist er und spielt auf Knopfdruck »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Macht hoch die Tür« oder »Gelobt sei Gott im höchsten Thron«. Die Nummer eines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch wird eingegeben, ebenso die Anzahl der Strophen und ob ein Vorspiel gewünscht ist. Los geht es. »Eine Orgel in der Box«, sagt Superintendent Kleemann: »Wir nutzen sie regelmäßig in Gottesdiensten ohne Kantor.«

In ländlichen Kirchenkreisen, wo Kantoren oder ehrenamtliche Organisten große Wegstrecken zurücklegen müssen und somit gar nicht alle Gottesdienste bespielen können, sorgt die Orgelbox für musikalische Begleitung der singenden Gemeinde – ohne das geringe Volumen und die beschränkte Steuerungsfähigkeit eines sonst oft verwendeten tragbaren CD-Spielers.
Neben der Idee und der Technik ist eine weitere Besonderheit der Orgel in der Box ihre Herkunft: Sie ist in der Altmark entwickelt worden und wird dort produziert.

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Der Tischler Manfred Hoffrichter hat sich nach der Wende selbstständig gemacht, fertigte zunächst Gehäuse für Orgeln. Aber als Musiker und Tüftler interessierte er sich schon bald für das Innenleben. Heute fertigt die Hoffrichter Orgel GmbH, beheimatet in Salzwedel, Nischenprodukte: Elektronische Orgeln, eine Synthese aus analoger und digitaler Technik mit individuellen Lösungen.

Weil er nebenbei selbst Orgel spielt, weiß er um die Nöte der Kirchenmusiker-Zunft. »Wenn ein Organist fehlt oder eine Orgel nicht spielbar ist, dann bietet sich die Orgel in der Box an«, sagt er. Zielgruppe seien weniger die Kirchenmusiker – die kauften eher eine mobile Blockorgel. Vielmehr würden Pfarrer angesprochen, die sonntags auf den Dörfern unterwegs sind und Gottesdienste auch mit kleinen Gemeinden feiern: »Dann ist der Pfarrer oft der Einzige, der laut singt und das auch noch ohne Begleitung.« Die Orgelbox unterstützt ihn.

Auf einem Chip sind die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs abgespeichert. Der Klang habe ausreichend Volumen und Lautstärke für Kirchenräume. »Die Box ist so laut wie eine elektronische Orgel«, so Hoffrichter. Die Geschwindigkeit lässt sich stufenlos regeln, anders als beim Kofferradio bleibt die Tonhöhe gleich. Und gibt es doch einen Organisten, aber keine spielbare Orgel, lässt sich an die Box auch eine Klaviatur anschließen.

(kas)

Organist, Chorleiter, Komponist

6. Mai 2015 von redaktionguh  
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Hans-Stephan Simon hat als Dessauer Kreiskirchenmusikwart viele Spuren hinterlassen

Das stille Kämmerlein hat ein Klavier an der Wand stehen, wohlgeordnete Bücher- und CD-Regale und ein Fenster mit dem Blick zu den Nachbarhäusern in der ruhigen Seitenstraße des Dessau-Roßlauer Stadtteils Siedlung. Hier ist es, wo Hans-Stephan Simon auch ganz in seinem Element sein kann. Es ist der Rückzugsort für den Dessauer Kreiskirchenmusikwart, um das auf Papier zu bringen und auf den Tasten zu üben, was später das Licht der Öffentlichkeit erblicken wird.

Hans-Stephan Simon am heimischen Klavier. Zurzeit steckt der Kirchenmusiker in den Proben für das Konzertprogramm zum Dessauer Cranach-Jahr. Foto: Lutz Sebastian

Hans-Stephan Simon am heimischen Klavier. Zurzeit steckt der Kirchenmusiker in den Proben für das Konzertprogramm zum Dessauer Cranach-Jahr. Foto: Lutz Sebastian

Musik ist die Leidenschaft des 49-Jährigen. Das wird jedem klar, der ihn schon erlebt hat, in zahlreichen Gottesdiensten, zu kirchlichen Feiern oder anderen öffentlichen Auftritten. Es war aber trotz des Talents kein geradliniger Weg. Aufgewachsen in einem Pfarrhaushalt in einem kleinen Dorf in der Altmark. Erster Klavierunterricht mit sechs Jahren. Ausbildung zum Krankenpfleger. Dann über ein Kirchenmusikstudium in Greifswald doch noch der Leidenschaft gefolgt. Seit 1991 Musiker in den Diensten der Landeskirche Anhalts.

»Ich kenne kaum eine Kirche in Dessau und Umgebung in der ich nicht schon musikalisch zu tun hatte«

Auch in den eigenen vier Wänden lebt Hans-Stephan Simon seinen Beruf. Wie jeder Musiker, der vertont und komponiert, braucht er diese Gegensätze zwischen maximaler öffentlicher Aufmerksamkeit bei Konzerten und diesen einsamen Momenten am Klavier. »Es staut sich von Zeit zu Zeit immer was an«, erzählt der Kirchenmusiker. Dann braucht er förmlich als Ventil diese Momente, wo er die Gedanken zu Papier bringen und strukturieren kann. Gedanken werden zu Noten, zu Tönen und Botschaften. Am liebsten vertont der Dessauer fremde Texte. »Die Texte müssen von der Sprache her klar erkennbar sein«, sagt Hans-Stephan Simon. Nicht selten liest er bei der Recherche auch Aneinanderreihungen unzähliger Worte, die am Ende trotzdem keine Aussage haben. »Die spirituelle Tiefe ist ganz wichtig«, bringt er es für sich auf den Punkt. Diese tiefgehenden Worte, die mit den passenden Tönen die Köpfe und Herzen des Publikums erobern sollen, sind ein sehr zentrales Kriterium für den Dessauer Kreiskirchenmusikwart in der Kommunikation mit der Hörerschaft.

Er wird qua Amt vor allem in der Bauhausstadt oft gehört. »Ich kenne kaum eine Kirche in Dessau und Umgebung, in der ich nicht schon musikalisch zu tun hatte«, sagt er. Als Leiter der Kantorei der Jakobus-Paulus Gemeinde sitzt er zu Gottesdiensten der fusionierten Kirchengemeinde in der südlichen Dessauer Innenstadt oft an der Orgel. Zusätzlich leitet der Musiker den Gemeindechor. Als Kreiskirchenmusikwart übernimmt Hans-Stephan Simon auch Verantwortung für den übergemeindlichen Vocalkreis Dessau. Die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen liegt ihm besonders am Herzen. Die traditionelle Kindersingwoche der anhaltischen Landeskirche ist ohne den Dessauer kaum denkbar.

Längst steckt er in den Proben zu einem neuen übergemeindlichen Musikprojekt auf Zeit. Das von ihm geleitete Anhaltische Vocalensemble wird die Dessauer Konzerte zum Cranach-Jubiläum in diesem Jahr unterstützen.

Danny Gitter