Ein tiefer Sumpf
18. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Foto: Julia Freeman-Woolpert, sxc.hu
Eine Lawine von Missbrauchsfällen erschüttert die katholische Kirche. Offenbar ungehindert haben Lehrer des Jesuitenordens ihre Schüler sexuell missbraucht – am renommierten Berliner Canisius-Kolleg und auch an anderen Schulen. Heute geht aus den Ordensakten hervor, dass sich einer der Täter sogar in Therapie befand. Doch niemand im Jesuitenorden nahm ihn aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen je hinaus. Statt der eigentlich fälligen Strafanzeige gegen die Beschuldigten wurde geschwiegen und vertuscht, was zu vertuschen war.
Kurz vor der Veröffentlichung des Zwischenberichts durch die Jesuiten-Anwältin Ursula Raue ging der Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, von einer dreistelligen Opferzahl aus. Und unter den Gläubigen breitet sich Erschrecken darüber aus, wie tief der Sumpf des Missbrauchs ist. Pater Mertes ist dabei nichts vorzuwerfen, im Gegenteil: Er war der erste, der es wagte, den Zirkel des Schweigens zu durchbrechen. Er betreibt die Transparenz, die im Umgang mit sexuellem Missbrauch nötig ist. Und das gilt auch für den Protestantismus, für Sportvereine und Jugendclubs.
Denn sexueller Missbrauch kommt in allen Kreisen der Gesellschaft vor. Ob der Zölibat der katholischen Geistlichen theologisch Sinn macht, sei dahingestellt. In jedem Fall dürfte der weitaus größte Teil der mehr als 2000 Verbrecher, die im vergangenen Jahr in Deutschland wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilt wurden, nicht im Zölibat gelebt haben. Auch in der evangelischen Kirche gibt es immer wieder entsprechende Fälle, so zuletzt in Geesthacht, wo ein Kantor wegen des angeblichen Missbrauchs einer Konfirmandin vom Dienst suspendiert wurde. Deswegen ist Wachsamkeit in puncto Kindesmissbrauch eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Dass die Täter des Canisius-Kollegs nicht angeklagt werden können, weil die Straftaten verjährt sind, bleibt ein Skandal, der fast so groß ist, wie der Missbrauch selbst.
Benjamin Lassiwe






