Wissen hilft

16. September 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Antijudaistische Klischees, nationalsozialistisches Gedankengut und Import des Nahost-Konflikts sind die Basis neuen Hasses und neuer Gewalt gegen Juden. Jüdische Friedhöfe geschändet, Jude wird als Schimpfwort geduldet, unser Rabbiner wird auf der Straße verbal angegriffen, Juden werden aufgefordert, ihr Judentum zu verschweigen, Drohbriefe werden böser, jüdische Schüler werden im Stich gelassen.

Außerhalb Thüringens werden Symbole des Judentums ungehindert verbrannt, jüdische Kinder aus der Schule gemobbt, Kippa-Träger körperlich angegriffen und Anti-Israel-Demonstrationen enden in primitivstem Antisemitismus. Die Mitte der Gesellschaft bleibt weitgehend gleichgültig. Demokraten in den Kirchen, Organisationen, Parteien und Bürgerbündnissen engagieren sich. Ihnen gilt unser Dank, aber sie sind zu wenige. Was tun?

Beharrliche Wissensvermittlung von Kindergarten über Schule bis zur Berufs- und Hochschulausbildung ist vonnöten. Ob Stammtisch-Aktivisten, Pegida- und AfD-Mitläufer oder rechtsextreme junge Straftäter: wir müssen ihnen mit Argumenten begegnen. Meine Gefängnisgespräche empfinden ich und auch die Häftlinge hilfreich. Wissen, nicht Hass ist die Antwort auf Hass.

Wissen über jüdische Geschichte schließt die jüdische Tragödie ein. Aber vor allem muss an den Beitrag der Juden an deutscher Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft sowie an die Perioden erfolgreicher christlich-jüdischer Zusammenarbeit erinnert werden. Wer die Leistungen der jüdischen Minderheit kennt, deren Anteil an der deutschen Bevölkerung stets weniger als ein Prozent betrug, wird sich jenen entgegenstellen, die heute das Wort Jude als Schimpfwort verwenden. Die Zeit drängt.

Reinhard Schramm

Der Autor ist Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Was würde Jesus tun?

24. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Populismus: Den Aussätzigen, Sündern, den Zöllnern und Ehebrecherinnen wandte sich Jesus zu. Dient das auch als Beispiel für den Umgang mit Populisten, Pegida und AfD?

Für Berlins evangelischen Bischof Markus Dröge haben Christen in der AfD nichts verloren, auf dem Katholikentag in Leipzig war die Partei unerwünscht, der Erfurter Dom wird nicht beleuchtet, sobald Björn Höcke und seine Parteifreunde auf dem Domplatz sprechen. Das Licht der Welt wird ausgeknipst, wenn die »Kinder der Finsternis« es bräuchten? Ist das die richtige Haltung, die christliche Haltung gegenüber dem Populismus von rechts? Das fragt Werner Patzelt, Politikwissenschaftler an der TU Dresden. Er gehört zu den ersten Forschern, die die Pegida-Bewegung empirisch untersuchten, er hat mit Wutbürgern und Gutmenschen gesprochen, sich die Seiten von Hell- und Dunkeldeutschland angeschaut. Auf dem ökumenischen Studientag »Christen und Populismus«, zu dem die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und die Katholische Akademie des Bistums Magdeburg kürzlich nach Wittenberg eingeladen hatten, sagte Patzelt, die Kirchen machten es sich zu einfach, rechtspopulistische Positionen als nicht akzeptierbar und nicht vereinbar mit dem Evangelium zu bezeichnen. Da müssten schon Maßstäbe, Kriterien und Wahlprüfsteine herausgearbeitet und den Menschen dann die Entscheidung selbst überlassen werden.

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Ja, mit der Gottesbildlichkeit aller Menschen und dem allgemeinen Liebesgebot für Freund und Feind als christliche Grundpfeiler können Rassismus, Hass und Gewalt nicht akzeptiert werden. Aber wir sind alle in die Welt verwickelt, wir können uns nicht aus ihr zurückziehen. So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! (Matthäus 22,21) – Christen müssten diese Bipolarität akzeptieren, auch wenn die Spannung schwer auszuhalten ist. Was also tun? »Es ist keine schlechte Idee, sich ein Vorbild am Stifter dieser Religion zu nehmen«, rät Werner Patzelt. Viele von Jesu Gleichnissen beziehen sich auf das Verhältnis von Gutmenschen zum Pack, von denen da oben zu denen da unten. Zum Beispiel das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lukas 15,3-7): 100 Tiere, eines geht verloren – und diesem geht der Hirte nach, bringt es zurück zur Herde, feiert dann ein Fest. Die Frage, die sich uns heute stellt: Wie bringen wir die Sünder zurück in unsere Mitte, ohne ihnen selbstgerecht und moralisch überlegen zu begegnen?

»Wir müssen im Gespräch bleiben und zwar nicht unter gleichgesinnten Freunden, sondern mit jenen, mit denen wir nicht gerne reden.« Das hat im Übrigen auch die Kirche getan, sagt Professor Patzelt. Wie sonst hätte aus zwölf Aposteln eine weltumspannende Gemeinschaft werden können? Fakten kennen, Behauptungen richtigstellen, dem anderen zuhören, ihn als Menschen und nicht nur AfD-Wähler, Pegida-Demonstrant, Wutbürger wahrnehmen, und konkrete Lösungen für reale Probleme finden, selbst wenn man das Problem zuvor als Phobie abgetan hat. »Wer das Reden abbricht, stellt die Arbeit für den Erhalt unser pluralistischen Demokratie ein«, sagt Werner Patzelt. Es sei politische Feigheit, mit Gegnern unserer Demokratie, wie dem rechten Vordenker Götz Kubitschek, nicht zu reden. Man müsse es tun, gerade vor großem Publikum.

Dass solche Diskurse aber an Grenzen stoßen, berichtet Pascal Begrich, Geschäftsführer des Vereins »Miteinander«, auf dem Studientag. »Miteinander« berät in Sachsen-Anhalt Gemeinden, auch Kirchengemeinden, im Umgang mit Rechtsextremismus und Populismus. Rechtspopulismus sei nie weg gewesen, inzwischen aber in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gebe keine Woche, in der »Miteinander« nicht irgendwo im Land eingeladen sei, um über diese Phänomene zu reden. »Reden ist nötig, aber manchmal unmöglich«, sagt Pascal Begrich. Es gelte abzuwägen, mit wem man wo spreche, welches Ziel solch ein Dialog hat, welche Motive hinter Gesprächsangeboten stecken. Geht es um den Austausch von Argumenten, um Selbstvergewisserung oder gar Ächtung des anderen?

Kirche, sagt Begrich, könne im Diskurs eine Mittlerin und Impulsgeberin sein, sie ist aber auch eine ethisch-moralische Instanz. Kirche will das verlorene Schaf zurückholen, aber auch dem Wolf klare Kante zeigen. »Toleranz findet ihre Grenze an Intoleranz. Dann ist der Dialog vielleicht nicht mehr der richtige Weg der Auseinandersetzung«, sagt Pascal Begrich. Das sieht auch Politikwissenschaftler Patzelt so: »Im Gespräch lässt sich nicht alles lösen.« Kein einziges Problem hingegen wird gelöst durch Moralisieren, Empören, Abgrenzen. Patzelt: »Nur weil ein Trennstrich gezogen ist, hören die Menschen jenseits dieses Trennstrichs nicht auf, dort zu sein.«

Katja Schmidtke

Europa und die Kirchen

7. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

EKD-Synode: »Europa in Solidarität« lautet das Schwerpunktthema der Tagung vom 3. bis 9. November in Magdeburg. Die Kirchenzeitung bat einen überzeugten Europäer um seine evangelischen Impulse.

Die Dämonen, die die bisherige europäische Geschichte so unselig geprägt haben – und dies am schlimmsten im 20. Jahrhundert! –, warten auf ihre Zeit. Sie wegen irgendwelcher Fonds, Quoten oder Tarife zu vergessen, wäre ein tragischer Fehler.«

Auftakt: Die neue Lutherbibel ist in einem Festgottesdienst in der Georgenkirche in Eisenach offiziell übergeben worden. Landesbischöfin Ilse Junkermann (rechts) und der Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (links), überreichen Exemplare an Gottesdienstbesucher. Im Hintergrund Altbischof Christoph Kähler (Mitte), der an der Überarbeitung der Lutherbibel mitgewirkt hat. Foto: Paul-Philipp Braun

Auftakt: Die neue Lutherbibel ist in einem Festgottesdienst in der Georgenkirche in Eisenach offiziell übergeben worden. Landesbischöfin Ilse Junkermann (rechts) und der Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (links), überreichen Exemplare an Gottesdienstbesucher. Im Hintergrund Altbischof Christoph Kähler (Mitte), der an der Überarbeitung der Lutherbibel mitgewirkt hat. Foto: Paul-Philipp Braun

Diese Warnung Vaclav Havels steht wieder vor Augen, seit »Europa«, die Europäische Union, zu zerfallen droht, durch Brexit und rasenden Stillstand, unter dem Beifall der Terribles Simplificateurs, der schrecklichen Vereinfacher, der Populisten jedweder Couleur. Die vieux démons, die alten Dämonen Europas, sind erwacht, und das erste Mal in meinem Leben mache ich mir ernsthafte Sorgen um unser Europa, ja, um unsere demokratische, europäische Lebensweise. Der Bocksgesang des Nationalismus schwillt an, nicht nur in Ungarn und Polen, Tabus werden verletzt, der gesellschaftliche Diskurs verroht. Hasserfüllte Rechtspopulisten in Europa eint das Ziel, das europäische Einigungswerk zu zerstören, zugleich die Missachtung der jeweiligen Minderheiten.

Es gibt keine »Rückfallsperre«; die Errungenschaften des Integrationsprozesses können zunichtegemacht werden. Nach der Entscheidung zum Brexit schrieb das Pfarrerehepaar Tudge aus unserer Partnerdiözese Bradford in Yorkshire: »Viele sind erschüttert. Wir können den Hass gegen Europa nicht verstehen. Gott helfe uns! Bitte betet für uns; wir haben den Weg verloren.«

Wir Christen in Europa stehen in einer Bekenntnissituation. Anders als zur Zeit der Bekenntnissynode in Barmen – 1934 – geht die Gefahr heute nicht vom Staat aus, sondern von gesellschaftlichen Gruppierungen wie Pegida und Thügida, AfD oder Front National – und von Gleichgültigkeit, wenn nicht heimlichem Beifall im Bürgertum. Die Protestanten in Deutschland haben selbst einen »langen Weg nach Westen« – zur Anerkennung und Bejahung von Menschenrechten und Demokratie – hinter sich. Niemöller soll im Alter gesagt haben, er sei zeit seines Lebens kein Demokrat gewesen. Ihren Frieden mit der Demokratie schlossen die deutschen Protestanten erst 1985 mit der Denkschrift zur Demokratie.

Lange Zeit herrschte auch große Skepsis gegenüber dem europäischen Einigungswerk, das als römisch-rheinisches, katholisch inspiriertes Bestreben erschien und die deutsche Spaltung scheinbar besiegelte. Heute sind die maßgeblichen protestantischen Kirchen Europas auf der Grundlage der Leuenberger Konkordie aus 1973 in der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) vereint und wirken gemeinsam in dem »Mehrebenensystem« Europas mit.

Welchen Beitrag können Christen und Kirchen heute – in der Stunde der Gefahr – leisten? Zum einen gilt es, die Europäische Union, eine Rechts- und Wertegemeinschaft, schlicht vor dem Verfall zu bewahren. Tua res agitur! Europa, dieses schöne Friedensprojekt, geht uns alle unmittelbar an. Zum anderen lautet das Gebot der Stunde, endlich die gravierenden Defizite und Mängel der EU anzugehen, die derzeit viele Verlierer und wenige Gewinner produziert, vom Demokratiedefizit bis hin zur mangelnden Transparenz der europäischen

Entscheidungsprozesse. Es gilt zudem, die soziale Schieflage zu beseitigen, Europa nicht nur als (neo)liberales Projekt wahrzunehmen. Europa ist mehr als Macht, Markt und Geld. Die unter dem Leitbegriff »Solidarität« in der Grundrechtecharta versammelten sozialen Rechte mögen zur positiven Integration – zu einem Ausgleich zwischen Freiheit und Gleichheit – beitragen. Es gilt schließlich, das Potential der 2009 in Kraft getretenen Grundrechtecharta zu entfalten, zuvörderst Artikel 1 der Charta »Die Würde des Menschen ist unantastbar«. Die Grundrechte sind unteilbar und müssen allen Menschen zugutekommen, insbesondere den Schwachen und Schutzsuchenden.

Wir brauchen nicht weniger Europa, wir brauchen nicht Renationalisierungen und Zurückverlagerungen von Kompetenzen an die Mitgliedstaaten, sondern mehr Europa. »Mehr Europa wagen« heißt zugleich, ein besseres Europa wagen. Vertraut den neuen Wegen. En route, auf dem Weg zu einer Europäischen Republik!

Martin Borowsky

Der Autor ist Richter am Landgericht Erfurt und Vizepräses der Kreissynode. Er war an der Grundrechte-Charta der EU beteiligt.

Brauchen wir einen Gott?

21. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Comments Off

Gottesdienst in Gera verbindet Theaterstück über den Islam mit Aussagen der Bibel


Was macht der Islam in einem evangelischen Gottesdienst? »Das zweischneidige Schwert«, eine internationale Produktion von Theater und Philharmonie Thüringen (TPT) Gera-Altenburg, steht am Palmsonntag im Fokus eines Gottesdienstes.

Frank Hiddemann, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Gemeinde­pfarrer in Gera, verbindet in seinen Theatergottesdiensten stets Liturgie und Aussagen der Stücke miteinander. »Ich finde, dass man sich an einem Tag wie Palmarum durchaus mit einer anderen Religion auseinandersetzen kann. Im Predigttext, dem Christuslied aus Philipper 2, heißt es: ›(Jesus) entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an.‹ Daher sollte man gerade in der Passionszeit Gott von Herzen neu suchen und finden«, meint der promovierte Theologe.

Der Tanz der Derwische, eine spirituelle Meditationsform der Sufi, während der Hauptprobe.  Foto:  Wolfgang Hesse

Der Tanz der Derwische, eine spirituelle Meditationsform der Sufi, während der Hauptprobe. Foto: Wolfgang Hesse

Die Autoren Petra Paschinger und Bernhard Stengele begeben sich in ihrem polit-poetischen Gesang »Das zweischneidige Schwert« auf die Spuren des islamischen Mystikers und Dschelaleddin Rumi (1207–1273). »Die Idee kam uns während der Arbeit zum Flüchtlingsdrama ›Die Schutzlosen‹. Damals wurde gerade ›Pegida‹ gegründet und das Wort Islamisierung geisterte durch die Republik. Wie kann es sein, dass bei einem Prozent Muslime alle im Land durchdrehen? Grund genug zu fragen: Woher kommt die Angst? Was ist eigentlich der Islam? Unsere Antworten bringen wir jetzt auf die Theaterbühne«, beschreibt Bernhard Stengele, Schauspieldirektor am Theater Gera-Altenburg, das Anliegen.

Mitwirkende aus Burkina Faso, Griechenland, Deutschland und der Türkei haben sich mehrere Tage in ein Sufi-Kloster zurückgezogen, den entrückenden Drehtanz (Tanz der Derwische) erlernt und sind in die spirituelle Welt des Islam eingedrungen. Riten, Zeremonien und Zitate beschreiben szenisch die Geschichte des Islam von der Entstehung bis zur Gegenwart. Umstrittene Themen wie Verschleierung, Selbstbestimmung der Frau und die Einmischung des Westens in die inneren Angelegenheiten der arabischen Welt werden kritisch beleuchtet.

Dem Besucher wird schnell klar, dass es aus dem Zusammenhang gerissene Verse des Korans sind, die der Terrororganisation IS (Islamischer Staat) als Alibifunktion für ihr Töten dienen. »Eine Religion kann man niemals losgelöst von der Gesellschaft betrachten, in der sie gerade stattfindet. Jede Religion hat ein großes Friedenspotenzial, sobald sie jedoch zu eng mit der Politik verquickt ist, wird es schwierig«, bemerkt dazu Bernhard Stengele.

Ganz selbstverständlich geht der Schauspieldirektor mit diesem Stück in die Kirche und setzt damit die langjährige Tradition der Theatergottesdienste in Gera fort. Zu Palmsonntag werden Szenen aus »Das zweischneidige Schwert« speziell für den Kirchenraum der Salvatorkirche Gera neu inszeniert. »Wir haben festgestellt, dass Leute, die ohne Religion groß geworden sind, sich sehr schwer damit tun. Ich denke aber, Christen können aus eigener Erfahrung verstehen, wie verletzlich der Glaube ist, so auch der der Muslime. Dieser Respekt anderen Religionen gegenüber kann helfen, versöhnend auf die Spaltung der Gesellschaft einzuwirken.«

Wolfgang Hesse

Theatergottesdienst »Wie wankelmütig ist doch die fromme Seele«: 20. 3., 17 Uhr, Salvatorkirche Gera
»Das zweischneidige Schwert« – Politpoetischer Gesang: 22. 3, 24. 3., 2. 4. und 5. 4. jeweils 19.30 Uhr, 6. 4. 10 Uhr, Gera, Bühne am Park (TPT), ab 14. 5. in Altenburg

Die Spaltung in der Gesellschaft

30. November 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Streitgespräch: Vom Umgang mit Ängsten und ungelösten politischen Fragen und wie wir uns kritisch damit auseinandersetzen lernen

Zwischen besorgten Bürgern und gefährlichen   Mitte-Extremisten. Wie gehen wir um mit den Ängsten, ob begründet oder unbegründet, und wo ist die Grenze zwischen berechtigter Sorge, Zukunftsangst und rechtem Populismus? Dr. Hans-Joachim Maaz, Psychiater und Psychoanalytiker aus Halle, spricht sich gegen eine Pauschalisierung von Pegida aus. Der streitbare Jenaer Jugendpfarrer Lothar König hält Populisten und Mitläufer in der aktuellen Flüchtlingsdebatte für gefährlicher als Rechtsextremisten. Maaz und König diskutierten miteinander, moderiert von Willi Wild.

Dr. Maaz, Sie fordern einen ernsthaften Umgang mit dem Unmut auf der Straße. Ihrer Meinung nach sind nur wenige, die bei Pegida mitlaufen, Rechtsextremisten. Geht Ihr Verständnis für die besorgten Wutbürger nicht etwas zu weit?
Maaz:
Im Gegenteil. Ich bin am meisten besorgt über die Spaltung in unserer Gesellschaft: also Pegida oder No-Pegida. Ich halte die Pauschalablehnung von Pegida für ziemlich starke Hetze. Die ist von den Politikern angezettelt worden. Sicher gibt es bei Pegida Personen, die nicht akzeptabel sind. Die Themen, die auf die Straße getragen werden, die sollten verstanden, analysiert und diskutiert werden. Außerdem sind einzelne Kritikpunkte, die Pegida vor einem halben Jahr genannt hat, mittlerweile ziemlich aktuell.

Herr König, Sie bezeichnen die Mitläufer als Mitte-Extremisten. Damit treffen Sie aber inzwischen eine große gesellschaftliche Gruppe?
König:
Mitte-Extremisten deshalb, weil wir in der Vergangenheit immer nur nach links und rechts geschaut haben. Mitte-Extremisten halte ich für am gefährlichsten, weil sie sich zurücklehnen und zu wenig reflektieren. Da haben wir dann die Gesellschaft, vor der Herr Maaz hier warnt.
Maaz: Wenn wir solche Worte wie Extremisten oder auch Nazis benutzen, besteht immer die Gefahr, dass man glaubt, mit so einer abwertenden Bezeichnung habe man das Problem erfasst. Wir müssten uns vielmehr mit den Gründen befassen, warum sich Menschen zu Extremisten entwickeln oderextremistische Positionen vertreten?

Ist es nicht Zeichen einer Demokratie, Unmut und Angst in Demonstrationen zu äußern, ohne dass man gleich in eine Extremistenecke gestellt wird?
Maaz:
Ja selbstverständlich. Pegida ist allerdings von Anfang an überhaupt nicht ernst genommen worden. Es gehört zu unseren demokratischen Grundregeln, dass man protestieren kann, dass man eine Meinung hat und dass man über Meinungen streiten kann und muss. Aber genau das hat die Politik kritisiert.
König: Wir demonstrieren und sagen die Meinung, streiten miteinander und versuchen auf einen Nenner zu kommen. Das ist das eine. Aber wir leben hier in einer Welt, die ist von Gewalt geprägt ist. Auch wenn Politiker uns etwas anderes erzählen wollen, kein Mensch ist gewaltfrei. Ich bin noch dabei zu lernen, wie es dem Herrn Jesus gelungen ist, gewaltfrei und friedlich mit der Peitsche die Leute aus dem Tempel zu prügeln. Ja, da findet Gewalt statt. Und wir brauchten eine Gewaltdebatte, vor allen Dingen von den Theologen. Wir leben halt nicht im Himmelreich. Das ist eine Zielvorstellung.
Maaz: Ich möchte dem sehr zustimmen, Herr König. Ich spreche von einer strukturellen Gewalt in der Gesellschaft. Wir brauchen eine Gewaltdebatte, wo wir uns fragen: Wie entsteht Gewalt, woher kommt das, was sind soziale und auch seelische Probleme, die zu Gewalt führen und wie kann man damit umgehen? Was kann man tun, damit Gewalt nicht ständig wächst und ausufert?
König: Eine der Grundlagen unseres jüdisch-christlichen Glaubens ist der Psalm 23, der fängt an: »Der Herr ist mein Hirte.« Pegida und andere Unzufriedene, die sich zu kurz gekommen fühlen, sagen: Niemand behütet mich! Wenn ich Menschen treffe, die Angst haben, dann sage ich, das brauchst du nicht. Komm, wir gehen ein Stück zusammen.

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Wenn Sie zu diesen Menschen sagen, dass sie Mitte-Extremisten sind, wirkt das vertrauensbildend?
König:
Das eine ist die seelsorgerliche und das andere die politische Seite. Die Pegida-Demonstrationen in Dresden haben klein angefangen. Man hat sie laufen lassen. Kein Schwein hat das interessiert. Wenn ich sehe, was sich für Neonazis in Dresden unter die Demonstranten mischen, da haben wir als laue Christen – wie es Luther ausdrückt – versagt. Ich habe mitbekommen, wie dann am Rande Menschen gejagt worden sind, die irgendwie anders aussahen. Da ist für mich eine Grenze überschritten, das geht gar nicht. Wenn es den kritischen Dialog gäbe, dann würde ich sofort einsteigen. Aber es geht nicht, dass hier Stimmung auf Kosten anderer gemacht wird. Ein Mensch ist immer erst mal eine Chance, eine Hoffnung.

Wie können wir denn zu einem gesunden Umgang miteinander kommen?
Maaz:
Man hat ja immer wieder versucht, das Gespräch zu führen. Das ist natürlich kaum möglich bei solchen Demonstrationen. Was wir machen können ist, dass wir anfangen, die Themen aufzugreifen, die ernsthaften Positionen und sie in einer größeren Öffentlichkeit diskutieren.
König: Was in Paris passiert ist und vielleicht demnächst in Deutschland passiert, das ist eine Rechnung, die wir geliefert bekommen, nicht für zehn Jahre falscher Politik, nicht für 50 Jahre, für mindestens 500 Jahre. Unser Abendland ist so reich geworden und wir haben jedes Maß verloren. Heute kriegen wir eine Rechnung präsentiert und niemand weiß, wie diese Rechnung zu bezahlen ist.

Auch in kirchlichen Kreisen gehen die Meinungen weit auseinander. Die Verantwortlichen in den Kirchenleitungen sagen – wie die Kanzlerin – wir schaffen das und alle sind willkommen. In den Gemeinden scheint es zunehmend zu rumoren, weil sich die Menschen alleingelassen fühlen.
König:
In der Kirche wird die Welt ständig schöngeredet. Die Verwerfungen in unserer Gesellschaft und in unserer Welt haben wir fast völlig aus dem Blick verloren. Wir sind kaum mehr konfliktbereit und schon gar nicht in der Lage zu streiten. Wir müssen auch thematisieren, wie viele menschenfeindliche Gedanken unter uns Christen vorhanden sind.
Maaz: Die Verantwortlichen vertreten eine Willkommenskultur und die Bevölkerung, die das entgegenzunehmen hat, spürt zunehmend die Überforderung und die eigentlich notwendige Begrenzung. Etwa 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Die Gründe für Flüchtlinge zur Wahrnehmung des Asylrechtes werden wachsen. Wenn wir nicht die Aufnahme von Flüchtlingen begrenzen, ersticken wir irgendwann. Wir erkennen natürlich, dass wir wesentlichen Anteil haben mit unserer westlichen Lebensart, an der gewachsenen sozialen ungleichen Verteilung des Reichtums. Wir sollten vielmehr unseren Reichtum verwenden, um Armut vor Ort zu bekämpfen. Die Milliarden und vor allem unser technisches Know-how müssen aufgewendet werden, um wirksam die Armut zu bekämpfen und um Kriege zu verhindern.
König: Wir haben uns lange Zeit da wenig eingemischt. Das einzige was wir gemacht haben ist, unsere Waffen dorthin zu verkaufen. Jetzt wundern wir uns, dass mit den Waffen nicht Kartoffelanbau betrieben, sondern geschossen wird.
Maaz: Wir dürfen aber auch nicht verschweigen, dass in unserer Gesellschaft eine wachsende soziale Ungerechtigkeit existiert, die man nicht pauschal mit unserem Reichtum beruhigen kann. Wir müssen auch in unseren Gesellschaften um eine größere soziale Gerechtigkeit kämpfen.

Sie empfehlen den kritischen Dialog als Lernprozess. Was könnte das für Kirchen und Kirchengemeinden bedeuten?
Maaz:
Uns droht eine Spaltung zwischen den Obrigkeiten und der Gemeinde. In den Gemeinden müssen alle Probleme, alle Sorgen, alle Ängste tatsächlich angesprochen werden, ohne dass man gleich in eine Ecke von Fremdenfeindlichkeit oder Extremismus gestellt wird. Wenigstens in den Kirchen sollte Offenheit und Ehrlichkeit herrschen, damit konstruktive Kritik geübt werden kann.
König: Wir sollten wieder anfangen, das Evangelium zu predigen: Das Himmelreich ist nahegekommen. Sorgt euch nicht, werft alle Sorgen auf ihn. Und wir fangen an, hier zu leben und zu streiten, zu suchen und zu finden und Fehler zuzugestehen, Fehler zu korrigieren. Das ist, was uns stark macht.

Fremdem begegnen

31. August 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Schwerpunkt: Die Flüchtlingsproblematik wird zurzeit als wichtigste Herausfordung gesehen

Gewalt vor Flüchtlingsunterkünften in Deutschland muss zu denken geben. Welche Rolle spielen dabei Vorurteile?

Vorurteile haben eine wichtige Funktion, sagen Wissenschaftler. Sie ermöglichen dem Gehirn, Informationen schneller zu verarbeiten und entsprechende Reaktionen auszulösen. Beispielsweise um auf Gefahrensituationen intuitiv zu reagieren. Doch so hilfreich solche reflexhaften Reaktionen in bestimmten Situationen auch sein mögen – sie bergen zugleich die Gefahr, dass dadurch die Realität nicht mehr wahrgenommen wird. Wenn Polizisten in den USA Menschen schwarzer Hautfarbe für potenziell gefährlicher als solche mit weißer Hautfarbe ansehen, sitzt im Zweifelsfall der Colt eben lockerer.

Mancher zeigt sich erstaunt darüber, was derzeit in der Diskussion um Flüchtlinge hierzulande an Vorurteilen zum Vorschein kommt. Dabei sind diese durchaus nicht neu. Neu ist, dass sie nicht mehr nur im kleinen Kreis ausgesprochen, sondern in aller Öffentlichkeit diskutiert und skandiert werden. Pegida und Co. haben nicht zuletzt dazu beigetragen, dass unsinnige und falsche Verallgemeinerungen offen und oft genug unwidersprochen in die Welt gesetzt werden. Kommt noch eine innere Unsicherheit im Blick auf die eigene Identität dazu, wird daraus die brisante Mischung, die sich nunmehr auf den Straßen deutscher Städte als blanker Hass auf Asylbewerber entlädt. »Wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihre Identität bedroht wird, reagieren sie massiv – bis hin zu Mord und Totschlag«, zitiert die Tageszeitung »Die Welt« den Jenaer Professor für Psychologie, Andreas Beelmann.

Tausende Menschen trafen sich am Sonnabend voriger Woche in Halle-Neustadt zum »Frühstück für Weltoffenheit und Willkommenskultur«. Foto: picture alliance/Peter Endig

Tausende Menschen trafen sich am Sonnabend voriger Woche in Halle-Neustadt zum »Frühstück für Weltoffenheit und Willkommenskultur«. Foto: picture alliance/Peter Endig

Was tun? Natürlich müsse man widersprechen, aufklären, mit Fakten den Vorurteilen begegnen, sagt Cordula Haase, Nachfolgerin von Petra Albert als Ausländerbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Doch wichtig sei vor allem, positive Beispiele und Erfahrungen zu kommunizieren. Während die Schlagzeilen und Fernsehbilder von wenigen Hundert rechten Schreihälsen und Fanatikern vor Asylunterkünften beherrscht werden, werden andere Aktionen nur am Rande vermeldet.

Beispielsweise das »Frühstück für Weltoffenheit und Willkommenskultur« in Halle-Neustadt. Dazu kamen am vergangenen Sonnabend mehr als Tausend Hallenser, darunter mehrere Hundert Menschen mit Migrationshintergrund. Aufgerufen hatte ein breites Bündnis von Politikern aller Parteien, Wissenschaftlern, Künstlern sowie Bischöfen und Regionalbischöfen beider großer Kirchen sowie die jüdische Gemeinde. Nicht nur, dass analog zur biblischen Speisung der 5 000 am Ende reichlich übrig blieb. Auch die hier von der NPD zur selben Zeit angemeldete Kundgebung gegen eine geplante Asyl­unterkunft wurde kurzfristig abgesagt. »Solche Beispiele müssen Schule machen; wir brauchen noch mehr Kreativität, um zur Begegnung von Menschen einzuladen«, sagt Cordula Haase.

Denn gerade das Kennenlernen fremder Kulturen könne zu mehr Verständnis und Wertschätzung für die eigenen kulturellen Wurzeln, für die eigene Identität, für den eigenen Glauben führen. Das bestätigt der Psychologe Beelmann: Nicht durch Argumente, nur durch direkten Kontakt werden Vorurteile abgebaut.

Eine Erfahrung, die auch Diakon Adelino Massuvira Joao macht. Der gebürtige Mosambikaner, Ausländerbeauftragter des Kirchenkreises Henneberger Land, ist derzeit im Auftrag des Kirchenkreises für vier Stunden pro Woche zur sozialdiakonischen Beratung in der Suhler Erstaufnahmeeinrichtung tätig. »Ein Tropfen auf den heißen Stein«, sagt er im Blick auf die jüngsten Auseinandersetzungen unter Asylbewerbern. Wenn Menschen unterschiedlichster Kulturen, Glaubens­überzeugungen und Mentalitäten, belastet von den mit dem Asylverfahren verbundenen Unsicherheiten auf engstem Raum zusammenleben müssen, reiche ein kleiner Funke, um die Stimmung explodieren zu lassen. Doch ein vom Kirchenkreis und der Diakonie beantragtes Projekt für eine regelmäßige Beratung durch geschulte Sozialpädagogen wurde vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abgelehnt.

Harald Krille

Guter Anfang

17. Mai 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Unsere Gesellschaft scheint vor unseren Augen zu zerbröseln. In immer kleinere partikularistische Interessengruppen, die, möglichst abgeschottet von verunsichernden Meinungen, ihr eigenes Süppchen kochen. Ob Verschwörungstheoretiker, Umweltbewegter, Atomkraftgegner oder -befürworter, ob nationaler oder stalinistischer Sozialist oder einfach nur von der allgemeinen Entwicklung Gefrusteter – im Internet findet jeder seine »Newsgroup«, in der er sich mit Gleichgesinnten vernetzen, austauschen und in seinen eigenen Überzeugungen bekräftigen lassen kann.

Gegensätzliche Meinungen im offenen und fairen Gespräch vorzutragen und vor allem in Ruhe anzuhören und stehenzulassen, ja Gegenargumente sogar als Herausforderung zur eigenen Meinungsbildung oder als Hilfe zur Korrektur zu begreifen, scheint eine vergessene Tugend zu sein. Darunter leiden die Einschaltquoten öffentlich-rechtlicher Sender und die Auflagen von Zeitungen ebenso wie der öffentliche politische Diskurs und die Bereitschaft zum Engagement in Kirche und Gesellschaft.

Dabei wäre nichts so nötig wie ein gemeinsames Ringen um die Zukunft unseres Landes und die Fragen zu Flüchtlingen und Migranten. Und das Wehren der Ängste, welche die Einwanderung auslöst. Der Umgang der Politik, der Medien und auch teilweise der Kirchen mit Erscheinungen wie Pegida war da nicht immer hilfreich. Wir brauchen Räume, in denen auch schräge Meinungen und diffuse Ängste offen ausgesprochen werden können und wo dennoch menschenverachtenden Thesen, markigem Nationalismus oder billiger Angstmache mit Argumenten die Stirn geboten wird.

Zugegeben, eine Gratwanderung, bei der auch fatale Fehler möglich sind. Aber sie ist nötig. Der Fachtag des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums zum Thema Pegida war dazu ein wichtiger Schritt. Weitere müssen folgen.

Harald Krille

Ein Riss geht durch das Land

16. Mai 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Diskussion: Verständnis oder klare Kante – auch die Kirche tut sich schwer mit Pegida und Co.


Was steckt hinter Pegida? Und wie soll Kirche darauf reagieren? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Fachtages in Halle.

Konfirmandenunterricht in einer Kirchengemeinde Mitteldeutschlands. Die Pfarrerin lädt die Konfirmandinnen und Konfirmanden ein zum Gebet. Während sie selbst die Hände faltet und den Kopf senkt, bemerkt sie, wie ein neben ihr sitzender Junge sie spitzbübisch anschaut und dann sagt: »Aber denken Sie nicht, dass ich für Ausländer bete.« Szenenwechsel in die Magdeburger Innenstadt. Eine Stunde lang läuft, von Öffentlichkeit und Polizei unbehelligt, ein Mann mit einem Plakat durch die Straßen. Die Aufschrift: »Rassenmischung ist Gotteslästerung«.

Foto: Bibanesi – Fotolia.com

Foto: Bibanesi – Fotolia.com

Es sind solche Beispiele, die zeigen, dass alte Ressentiments, Fremdenfeindlichkeit und purer Rassismus zunehmend salonfähig geworden sind. Auch mitten in der Kirche. Sichtbarer Ausdruck für diese Entwicklung ist in den vergangenen Wochen und Monaten die Pegida. Doch was steckt hinter dieser Bewegung, die sich selbst oft genug mit dem Schlagwort »Lügenpresse« dem Dialog in und mit den Medien verweigert und im Gegenzug von den Politikern unisono in die Schmuddelecke gestellt wird? »Ökumene leben – Pegida als Herausforderung für notwendige Gespräche in Kirche und Gesellschaft« stand am vergangenen Sonnabend über dem Fachtag für Ökumene und Weltverantwortung in Halle. Eingeladen hatte das Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum. Und gekommen war eine erstaunliche Vielfalt – von Pegida-Nahestehenden bis hin zum NoPegida-Netzwerk.

Den Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz erschreckte am meisten »die hasserfüllte Abwehr« von Pegida durch Politiker und Medien. Intoleranz, Abwehr und Ausgrenzung aber sei »immer Symptom einer eigenen Störung«, so der Mediziner, der zugleich der derzeit handelnden politischen Kaste eine »massive narziss­tische Störung« attestiert. Pegida sei für viele eine Möglichkeit, ihr diffuses Ohnmachtsgefühl gegenüber den immer undurchschaubarer werdenden gesellschaftlichen Entwicklungen auszudrücken. Dass die Bewegung besonders im Osten präsent ist, hänge mit den »Verlusterfahrungen der früheren DDR-Bewohner« zusammen und ihrer Enttäuschung über das »zunächst idealisierte System des Westens«, das nach Maaz’ Ansicht mit seiner Orientierung auf Leistung und Wachstum »hochpathologisch« ist. Und nicht zuletzt trieben Ängste vor materiellem Verzicht infolge Wirtschafts- und Finanzkrise sowie ungebremster Zuwanderung die Menschen auf die Straße. Der Protest und das Aussprechen von Ängsten aber sei zunächst grundsätzlich gut und heilsam, so der Mediziner.

Auf so viel Verständnis für Pegida waren freilich die Mitglieder des NoPegida-Netzwerkes nicht gebürstet. Sie zeigten sich »erschüttert« über diese »Verharmlosung« einer Bewegung, »die eindeutig rassistisch, islam- und menschenfeindlich ist«. Es gehe nicht um Verständnis, sondern um einen klaren Standpunkt. »Aber es sind Menschen aus unserer Gesellschaft, wir müssen verstehen, was mit ihnen los ist«, hielt Maaz ihnen entgegen, der in dem Widerspruch einen Ausdruck für die tiefe Spaltung der Gesellschaft sah.

Wie tief diese Spaltung in Fragen Asylbewerber und Ausländer inzwischen ist, konnte Manula Jäger bestätigen. Die Kirchenälteste aus dem sachsen-anhaltischen Ort Tröglitz berichtete von einer eskalierenden Gewaltspirale in dem Ort. Auf der einen Seite seien rechtsextreme Tendenzen in einem erschreckenden Maße »in der Mitte der Gesellschaft« angekommen. Auf der anderen Seite habe erst vor einer Woche ein Aufzug der »Antifa« mit ihren lautstarken Beschimpfungen des »Drecksnestes« ihrerseits die Spaltung im Ort weiter vorangetrieben. Alle Versuche der Deeskalation und des Gesprächsangebotes durch die Kirchengemeinde sind gescheitert«, so ihr bitteres Fazit.

Dennoch, so die Schlussfolgerung von Hans-Joachim Döring vom Ökumenezentrum, bleibe nur der geduldige Versuch, wenn schon nicht die Funktionäre von Pegida, so doch zumindest die »Leute auf der Schwelle« mit Verständnis wie mit Argumenten zu erreichen. »Wir haben die biblische Tradition unseres Gottes als eines Gottes für die Schwachen und Entrechteten hochzuhalten.« Und für die Kirchengemeinden gelte: »Seid Plattform für das Gespräch, schaut euch unter den eigenen Rock«, denn der Riss geht auch mitten durch die Gemeinden.

Harald Krille

Im Glauben verankert

28. April 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Joachim Liebig zum Begriff »Christliches Abendland«

In seinem Bericht bei der Frühjahrstagung der anhaltischen Landessynode in Köthen setzte sich Kirchenpräsident Joachim Liebig mit dem Begriff des »Christlichen Abendlandes« auseinander und warnte vor seiner Instrumentalisierung.

»Wir leben in einer Werteordnung, deren tiefe Wurzeln im christlichen Glauben verankert sind«, sagte er am 17. April in der Bachstadt. »Wenn jedoch von einer christlichen Wertegemeinschaft gesprochen wird, liegt dem ein sehr fundamentales Missverständnis zugrunde.« Die Gemeinden der Christenmenschen seien zunächst Gemeinden von gemeinsam Glaubenden, die auf Gottes Barmherzigkeit vertrauten und von der Rechtfertigung im Glauben allein durch Gott ausgehen. »Diese unfassbare Befreiung – auf die die Reformatoren vor 500 Jahren erneut hinwiesen – führt in ihrer Folge zu einer Werteorientierung, die sich in komplexen Schritten und einem weiten geschichtlichen Prozess nicht zuletzt in der Aufklärung niederschlägt.« Nur insoweit könne von einer christlich begründeten Wertegemeinschaft die Rede sein.

Kirchenpräsident Liebig. Foto: Maik Schuck

Kirchenpräsident Liebig. Foto: Maik Schuck

Mit Blick auf die Kundgebungen rechtspopulistischer Bündnisse wie »Pegida« und »Magida« sagte Liebig, dass, wer Glaube und Kirche auf ihre Funktion als Lieferanten von Werten reduziere, ihr Wesen nur zum geringeren Teil erfasse. »Wir sind dankbar, in einem Staatswesen zu leben, dessen fundamentale Werte mit unserem Glauben übereinstimmen. Gerade in Deutschland haben wir jedoch auch hinreichende Erfahrungen, welche anderen Formen von Staatlichkeit abseits aller christlichen Fundamentierung es geben kann. Wer also mit rassistischen Parolen ein christliches Abendland verteidigen will, zeigt nicht nur die eigene Ungeschichtlichkeit, sondern ebenso den eigenen Unglauben.«

In seinem Bericht ging Joachim Liebig auch auf die Schwerpunkte und Herausforderungen bei der künftigen Arbeit der Landeskirche Anhalts ein. Dazu gehörten die langfristige Personalplanung, der Umgang mit kirchlichen Immobilien sowie mit dem Finanzausgleich der EKD und eine eingehende Beschreibungen von Aufgaben in den Gemeinden, Diensten und Werken. Der Verkauf oder die Stilllegung von Kirchen stünden nicht zur Disposition. Auf dem Land müsse jedoch stärker über die Abgabe etwa von nicht genutzten Pfarrhäusern nachgedacht werden. Jedoch: »Zentral sind und bleiben die Menschen, die sich dem Auftrag Jesu Christi verpflichtet fühlen und aus eigenem Glauben heraus an allen Stellen arbeiten.«

Die Herausforderungen für die Mitarbeitenden der Kirche seien angesichts von demografischem Wandel, Umstrukturierung und Rückgang von Kirchenmitgliederzahlen groß. Überall müsse die Nachwuchsgewinnung einen größeren Stellenwert erhalten. Das Interesse von Studierenden aus Anhalt am Pfarrberuf stimme ihn jedoch optimistisch.

(ast)

Beten und Handeln

16. April 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Liebe Schwestern und Brüder in den Kirchengemeinden!

In den vergangenen Monaten haben uns die islamfeindlichen Pegida-Demonstrationen in Atem gehalten. Zumindest in Teilen waren diese auch von fremdenfeindlichen Äußerungen geprägt. Nun sind wir konfrontiert mit den Ereignissen in Tröglitz: Ressentiments werden geschürt gegen Menschen, die noch gar nicht da sind, Hassparolen werden verbreitet, eine Flüchtlingsunterkunft wird in Brand gesetzt. Ich bin erschüttert über das Ausmaß an Aggression und krimineller Energie.

Auf der anderen Seite spitzt sich die Flüchtlingsproblematik auch in unserem Land zu. Bund und Länder ringen um Finanzierungskonzepte. Neue Unterkünfte werden gesucht. Die materielle Not und vor allem die wachsende Zahl an Kriegen und Bürgerkriegen schlägt sich in den Flüchtlingszahlen nieder.

Der Fremdenfeindlichkeit entgegenstellen

Pfarrer Matthias Keilholz, zu dessen Pfarrbereich Tröglitz gehört, formuliert als Aufgabe für uns als Kirche: »Es kann in der Asylfrage nur eine Antwort geben: Wir stehen gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit, und komme sie auch unter den schönsten und wohlmeinendsten Deckmäntelchen daher. Und wir stehen für eine positive Haltung gegenüber jedem Menschen und insbesondere gegenüber denen, die aus Not heraus zu uns kommen.«

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Aus biblischer Sicht ist zu ergänzen: Jedem Menschen steht die gleiche Würde, das gleiche Recht auf Leben und die Entfaltung seiner Lebensmöglichkeiten, der gleiche Anspruch auf Schutz vor Verfolgung und Bedrohung zu. Denn jeder Mensch ist von Gott geliebt und, mit 1. Mose 1,27: Gottes Ebenbild.

Ich möchte Sie bitten – als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verkündigungsdienst, als Gemeindekirchenräte, als Christinnen und Christen in unseren Gemeinden – sich an Ihrem Ort und mit Ihren Möglichkeiten jeder Form von Fremdenfeindlichkeit entgegenzustellen: mit klaren Worten und mit couragiertem Handeln, in der Öffentlichkeit genauso wie im persönlichen Gespräch.

Und ich möchte Sie ermutigen, mit dem, was Sie für Flüchtlinge in unserem Land bereits tun, nicht nachzulassen. Unsere Landessynode hat im vergangenen November 500 000 Euro für die Unterstützung von Flüchtlingen in den Bürgerkriegsländern und hier in Deutschland bereitgestellt. Das war ein wichtiges Signal und wird helfen, Not zu lindern. Aber es braucht auch unser Engagement in den Kirchenkreisen und Kirchengemeinden. Ich danke Ihnen für allen persönlichen Einsatz, für die vielen Initiativen, für alle menschliche Wärme und materielle Unterstützung, die Sie schon jetzt denen, die bei uns Hilfe suchen, entgegenbringen.

Beten wir für Frieden in unserem Land und für die Menschen, die Schutz vor Verfolgung suchen. Öffnen wir uns, um zu tun, was in unserer Kraft steht. So sind wir Kirche in der Nachfolge Jesu.

Ihre Ilse Junkermann

Landesbischöfin

Am Sonntag, 19. April, 19 Uhr, wird Landesbischöfin Ilse Junkermann das Friedensgebet in Tröglitz halten.

nächste Seite »