Demokratie gestalten

24. September 2017 von redaktionguh  
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Im gemeinsamen Wort der Kirchen zur Bundestagswahl heißt es, Demokratie lebt durch Beteiligung, und nur so können Anliegen und Interessen der Menschen in eine Politik umgesetzt werden, die dem Gemeinwohl dient. Die Erinnerung daran tut not, angesichts gewachsener Aggressionen gegenüber jenen, die auf komplexe Probleme eben keine einfachen Antworten geben.

Nach wie vor gibt es soziale Probleme auch in unserem Land. Die Folgen der demografischen Entwicklung müssen gestaltet werden, um angemessene Lebensbedingungen bis ins Alter gewährleisten zu können. Die Arbeitswelt steht durch Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung erkennbar vor Wandlungsprozessen. Chancen und Risiken müssen aufeinander bezogen werden, um Wohlstand für alle zu fördern.

Der Prozess der europäischen Einigung wird mit stärker gewordener Skepsis betrachtet. Nationale Identitäten und gemeinsame Interessen müssen zum Ausgleich gebracht und plausibel vermittelt werden. Menschen suchen Zuflucht und Perspektive in unserem Land. Ihnen eine Heimat zu geben und sie zu integrieren, fordert uns in besonderer Weise heraus.

Wir nehmen wahr, dass sich Menschen um Identität und sozialen Frieden in unserem Land sorgen. Die Zahl derer nimmt zu, die den Eindruck haben, nicht gehört und verstanden zu werden. Darauf müssen wir Antworten finden, die zusammenführen und nicht spalten. Große Parteien stehen zur Wahl und auch kleine. Wie auch immer man wählt, es ist ein wichtiger Beitrag zur Gestaltung unseres Landes. Wir sollten ihn nicht verweigern!

Albrecht Steinhäuser

Der Autor ist Beauftragter der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalt.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Die Sonntagsfrage

10. September 2017 von redaktionguh  
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Es sind diesmal nicht die obersten kirchlichen Kreuzträger, die das Symbol der Christenheit fürs Foto abnehmen. Der Discounter Lidl lässt auf den Verpackungen seiner griechischen Spezialitäten die Kirchenkreuze der fotogenen Kulisse der Griecheninsel Santorin entfernen. Feta, Bifteki und Zaziki der Eigenmarke »Eridanous« zeigen zwar die Kuppeln der Kirchen, von denen es auf Santorin wohl 300 gibt, die Kreuze hat man wegretuschiert. »Eridanous« sieht griechisch aus und klingt auch so, ist es aber nicht. Im Englischen steht der Begriff für »erbärmlich« und das trifft auch auf die Erklärung des Konzerns zu. Das Unternehmen
respektiere die religiöse Vielfalt, deshalb habe man bewusst das Design verändert. Für Lidl sei eine religiöse Parteinahme nicht relevant.

Fast wäre auch das sogenannte Kanzlerduell ohne Kirche ausgekommen, hätte nicht Sandra Maischberger etwas unvermittelt die Sonntagsfrage gestellt: »Waren Sie heute in der Kirche?« Unvorbereitet und fast wie ertappte Konfirmanden gestanden beide Kandidaten, im Gottesdienst gefehlt zu haben. Recht viel mehr kam dann nicht mehr zu Kirche und Christentum und wurde auch nicht abgefragt. Mit knapp 60 Prozent stellen die Christen in unserem Land die größte religiöse Gruppe. Und es scheint, als werde sie von Medien und Politik wenig wahr- und vor allem ernst genommen.

Deshalb ist es gut, dass in einigen Kirchengemeinden den Bundestagskandidaten auf den Zahn gefühlt wird, wie beim öffentlichen Podiumsgespräch der evangelischen Jakobsgemeinde in Köthen. In der nächsten Ausgabe der Kirchenzeitung konfrontieren wir Bewerber für den Bundestag mit Fragen, die uns Christen bewegen. Auf die Antworten bin ich gespannt.

Willi Wild

»Unser Herz an die Angel hängen«

25. Juli 2016 von redaktionguh  
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Gespräche über Gott und die Welt mit mitteldeutschen Kirchenvertretern in entspannter Atmosphäre. Harald Krille traf sich zum Auftakt dieser Reihe mit Kirchenpräsident Joachim Liebig (58) in einem Restaurant am Elbufer in Dessau-Roßlau. Sie sprachen über Kirche, Politik und Vorlieben.

Herr Kirchenpräsident, Ihre Begeisterung für Bärentatzen der Bäckerei Rose in Weimar hat sich in der Redaktion herumgesprochen. Wie begann Ihre Liebe zu diesem Gebäck?
Liebig:
In meiner früheren Gemeinde in Schaumburg-Lippe gab es einen selbstständigen Bäcker und Konditor. Der stellte wunderbare Schweinsohren und Bärentatzen her. Ich war der Meinung, es gäbe keine Bärentatzen vergleichbarer Qualität. Doch bei einem Besuch in der Redaktion von »Glaube und Heimat« in Weimar bin ich eines Besseren belehrt worden. Seitdem bin ich ein großer Fan der Bärentatzen des gegenüberliegenden Cafés.

Sie wurden 1958 in Hildesheim geboren, haben in Bethel und Hamburg studiert, aber schon vor der Wende ein Praktikum im Erzgebirge gemacht. Wie kam es dazu?
Liebig:
Die Verbindung nach Sachsen ist zunächst schon durch die Familiengeschichte bestimmt. Die Familie meines Vaters flüchtete zum Kriegsende, mein Großvater erfror unterwegs in Thüringen und wurde dort beigesetzt. Ein Teil der Familie ist dann auf dunklen Wegen bis Niedersachsen geraten, aber eine Reihe von Verwandten lebt bis heute in Zittau und Umgebung. Da gab es schon in meiner Kindheit Besuchsreisen in den Osten.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Im Vikariat war ich ein Jahr in Paris und bemühte mich anschließend, in den Partnerkirchenkreis nach Dippoldiswalde zu einem Praktikum zu kommen. Zur großen Überraschung war das auch möglich und so verbrachte ich einen langen Herbst und kurzen Winter in der Gemeinde Reinhardtsgrimma. Daraus sind Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten.

Stehen bei Ihnen zu Hause in der Weihnachtszeit auch Pyramide und Räuchermann?
Liebig:
Natürlich, das volle erzgebirgische Programm. Auch der Schwibbogen darf nicht fehlen.

Die kirchliche Situation in Ihrem Ost-Praktikum war sicher eine ganz andere als in Schaumburg-Lippe?
Liebig:
Ja, aber nicht im Sinne von frustrierend. Im Gegenteil, ich fand das wirklich hochinteressant, es hat mich richtig elektrisiert. Weil ich schon damals das Gefühl hatte, hier auf eine kirchliche Situation zu stoßen, die im Grunde auch im Westen bevorsteht.

Finden Sie die kirchliche Situation in Mitteldeutschland immer noch elektrisierend?
Liebig:
Sie ist nicht elektrisierend im Sinne von hocherfreulich. Das ist sie meines Erachtens im Augenblick nirgendwo in Westeuropa. Aber wir sind hier bei uns in Mitteldeutschland in besonderer Weise jeden Tag herausgefordert zu fragen: Wo wollen wir eigentlich hin, was wollen wir machen und wie muss Kirche in Zukunft aussehen? Was sind unsere Aufgaben als Kirche in unserer Gesellschaft? Diese existenziellen Anfragen finde ich in der Tat immer noch elektrisierend.

Haben Sie den Eindruck, dass es zumindest ansatzweise Antworten gibt?
Liebig:
Ja, die gibt es. Aber sie sind in mancherlei Hinsicht völlig anders als die Antworten, die im Augenblick im deutschen Protestantismus gegeben werden. Drei Beispiele: Die Neuorganisation von Kirche bei uns findet nicht durch missionarische Programme statt. Wie inzwischen missionstheologisch weithin bekannt, lassen sich Menschen nur für eine Sache interessieren, wenn man Auge in Auge, persönlich, eins zu eins mit ihnen spricht. Wenn wir Menschen erreichen wollen, müssen wir, salopp gesagt, unser Herz an die Angel hängen.
Zweitens müssen wir uns bei allen gewünschten Veränderungen auf sehr lange Zeiträume einrichten. Alle Programme, die sagen, wir wollen jetzt innerhalb von einer benennbaren Zahl von Jahren um so und so viel wachsen, sind völlig abwegig. Es geht hier um Generationen.
Sonne-web

Und das Dritte und vielleicht Entscheidende: Welche Art von Struktur und Organisationsform muss Kirche in diesem Zusammenhang gewinnen? Das ist im Moment noch offen. Dietrich Bonhoeffers Anspruch, dass Kirche immer Kirche für andere sein muss, werden wir nicht aufgeben. Aber ob es uns gelingen wird, tatsächlich in absehbarer Zeit volkskirchliche Strukturen in der Gesamtfläche zu behalten, da bin ich mehr im Zweifel denn je. Da brauchen wir neue Antworten, auch wie die Rollen des Ehrenamtes und der Hauptberufler im Verkündigungsdienst sowie der Verwaltungsmitarbeiter künftig aussehen sollen.

Theologen lernen im Studium, eine Sequenz von 30 Worten aus dem Alten Testament vier verschiedenen Quellen zuzuordnen. Aber lernen sie auch, das Herz an die Angel zu hängen?
Liebig:
Ich würde das nicht gegeneinanderstellen. Wenn jemand ins Pfarramt geht, muss er in der Lage sein, auf jeder Ebene auskunftsfähig zu sein. Und dazu gehört eine akademische Ausbildung. Aber es kann und darf nicht dabei bleiben. Als Hirte oder Hirtin der Gemeinde kommt die Frage: Welche Rolle spiele ich dabei? Und da galt leider über lange Zeit in der praktischen Theologie eher der Gedanke: Halten Sie sich selbst zurück, lassen Sie die Botschaft in den Mittelpunkt treten. Nur: Die Botschaft braucht immer Menschen, die damit identifizierbar sind. Und das hat dann Konsequenzen für das Berufsbild, bis hin zu der Frage der Arbeitszeit eines Pastors.

Unabhängig von den kirchlichen Problemen zeigen die Auseinandersetzungen um AfD und Pegida sowie die letzten Wahlen hier in Mitteldeutschland, welch tiefer Riss durch die Bevölkerung geht.
Liebig:
Ich muss mir selbst vorwerfen, dass ich seit Jahren diesen nun zutage tretenden Riss, wahrscheinlich sind es sogar mehrere Risse, unterschätzt habe. Ich muss konstatieren, dass eine gesellschaftliche Entwicklung stattgefunden hat, in der die Eliten, und dazu würde ich jetzt auch Kirche zählen, nicht wahrgenommen haben, dass eine signifikante Zahl von Menschen sich abgekoppelt hat von gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Flüchtlingsfrage war dann nur der Auslöser, nicht die Ursache.

Was bedeutet dies für die Kirchen?
Liebig:
Ganz prinzipiell sind wir Christenmenschen gerufen, die Versöhnung zu predigen. Nicht nur die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, sondern auch die Versöhnung zwischen den Menschen. Praktisch heißt das: Wo immer es geht, müssen wir ins Gespräch kommen, gerade auch mit denen, die sich abgekoppelt haben oder dabei sind, es zu tun. Ihnen müssen wir ein Gegenbild zeigen.

Bisher ist aber auch kirchlicherseits vor allem viel von Abgrenzung geredet worden.
Liebig:
Es muss sehr deutlich sein: Wir stehen für ein anderes Bild vom Menschen, für ein anderes Bild von Gesellschaft, als es von Pegida und der AfD vertreten wird. Wir stehen aber auch für eine Gesprächskultur, die sich eben nicht in Verweigerung äußert. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen solche Gesprächsforen in ihren Gemeinden anbieten. Das erfordert einen gewissen Mut, denn die Äußerungen, die auch ich immer wieder höre, sind ja oftmals nicht diskussionsfähig. Da gibt es eine immense Welle von Hass und eine auf keinen Fall kirchenspezifische Artikulationsweise. Aber wir müssen lernen, das auszuhalten und dem Vorgebrachten dann in ruhiger Freundlichkeit etwas entgegenzuhalten. Auch ich muss das erst lernen. Aber das geht. Es gibt natürlich Grenzen. Etwa, wenn jemand sich überhaupt nicht davon abbringen lässt, sich rassistisch oder menschenfeindlich zu äußern. Aber wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, wir reden einfach nicht mit denen.

Sommerlogo GuHWas heißt das konkret – kann in der anhaltischen Kirche auch ein AfD-Mitglied im Gemeindekirchenrat sein?
Liebig:
Die AfD ist hier im Augenblick eine demokratisch gewählte Partei. Und deswegen ist die Mitgliedschaft in der AfD noch kein Grund zu sagen: Der auf jeden Fall nicht. Aber jemand, der sich offensiv zur AfD hält, ist dann auch bei bestimmten Positionen begründungspflichtig. Da muss man schon sehr genau hinschauen, ob bestimmte Haltungen noch kompatibel zum Evangelium sind.

Gilt das Gleiche nicht auch bei Mitgliedern der Linkspartei?
Liebig:
Da gilt dasselbe Verfahren. Auch die Linkspartei ist eine demokratisch gewählte Partei, die jetzt ganz gewiss nicht dem Verdacht ausgesetzt ist, besonders kirchenfreundlich zu sein. Aber auch da würde ich sagen: Am Einzelfall ist zu entscheiden. Denn ich glaube, gerade Pauschalierungen sind eine falsche Reaktion, weil sie eine Sicherheit der Entscheidung suggerieren, die letztlich nicht besteht.

Sie werden in der Öffentlichkeit als ruhig und ausgleichend wahrgenommen. Was kann den Kirchenpräsident Anhalts richtig auf die Palme bringen?
Liebig:
Privat habe ich mich, seit unsere Kinder erwachsen sind, kaum mehr richtig aufgeregt. Vorher – nun, jeder der Kinder hat, weiß, was da alles so passieren kann.

Dienstlich ärgert mich zunehmend eine Verrechtlichung kirchlichen Dienstes. Und zwar nicht so sehr von den Juristen, sondern eine Berufshaltung, die sich darin erfreut zu sagen: Ich habe meine freien Tage und meinen geregelten Dienst und da passiert dann auch nichts. Ich bleib noch mal bei diesem Begriff, »das Herz an die Angel hängen«: Das kennt keinen Urlaub. Natürlich weiß ich um Überforderungsdiskussionen und Burnout-Situationen. Aber die Lösung für solche Fragen besteht nicht darin, den eigenen, im Grunde sehr freien Berufsalltag in dieser Weise zu strukturieren.

Was mich auch aufregt, ist eine immer wiederkehrende Selbstminimierung unserer Region. Ja, wir haben keine Dax-Konzerne in Sachsen-Anhalt. Aber daraus abzuleiten, dass wir irgendwie die abgehängte Region sind – das erzeugt bei mir wirklich richtigen Ärger. Da steigt mein Blutdruck, das nehme ich nicht hin. Ich kenne andere Regionen, die bei weitem nicht dieses historische Potenzial haben. Ich sehe in Sachsen-Anhalt vor allem die vielen Möglichkeiten.

Stimmt das Gerücht, dass Sie inzwischen Grundbesitzer in Anhalt geworden sind?
Liebig:
Ja das stimmt. Meine Frau und ich haben einen Bauplatz gekauft und werden im nächsten Jahr dann zu Bauherren mutieren. Jeder Pfarrer baut ja gerne. Ich hab jetzt schon eine klare Vorstellung, was alles schiefgehen kann, bin aber dennoch zuversichtlich, dass wir da weitestgehend verschont bleiben. Mal sehen.

Segenswünsche zum Ramadan

19. Juni 2016 von redaktionguh  
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Muslime in aller Welt begehen derzeit den Fastenmonat Ramadan. Für Vertreter aus Gesellschaft, Politik und Kirchen ist es üblich geworden, zu Beginn der Fastenzeit Grußbotschaften zu übermitteln. Am 6. Juni 2016 postete die tagesschau-Redaktion auf Facebook: »Heute beginnt der Ramadan. Wir wünschen allen Musliminnen und Muslimen einen gesegneten Fastenmonat.« Was halten evangelische Theologen davon?

Andreas Fincke

Andreas Fincke

Ja

Andreas Fincke, früher Referent der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, heute Hochschulpfarrer in Erfurt.

Für fromme Muslime ist der Ramadan eine Zeit der Entsagung von körperlichen Bedürfnissen und der Besinnung auf den Koran und auf Gott, der hier Allah genannt wird. Seit einigen Jahren übermitteln hochrangige Politiker den Muslimen in Deutschland ihre guten Wünsche zum Ramadan. Auch die Kirchen wünschen immer häufiger einen »gesegneten Ramadan«.

Manchen gefällt das nicht. Sie fragen, ob wir hier eine schleichende Islamisierung des Abendlands erleben. Schließlich gehöre der Ramadan nicht zu Deutschland. Zu unserer Kultur, so mahnen einige, gehören andere Fastenzeiten.

Doch so einfach ist das nicht. Zu unserer Kultur gehören seit Jahrhunderten viele Einflüsse aus dem Morgenland. Der nicht wegzudenkende Kaffee ist dabei wohl das bekannteste Erbe Arabiens. Also abwarten und Kaffee trinken?

Keinesfalls. Denn mit Beginn des diesjährigen Ramadans haben in Tel Aviv palästinensische Attentäter wahllos Spaziergänger erschossen. Zeitnah kündigten radikale Gruppen weitere Anschläge auf Israelis während des Fastenmonats an. Und in Düsseldorf soll es bei einer Brandstiftung in einem Flüchtlingsheim ebenfalls einen klaren Bezug zum Ramadan geben.
Für Millionen frommer Muslime ist der Fastenmonat Ramadan eine Zeit der Besinnung und der spirituellen Neuausrichtung. Es ist gut, wenn wir ihnen dazu Gottes Segen wünschen. Denn Gott wünscht ein gutes Miteinander, Vergebung und Barmherzigkeit. Und er wünscht einen respektvollen Umgang mit Frauen, den eigenen Töchtern und Andersgläubigen. Dazu finden sich im Koran zahlreiche Hinweise. Leider gibt es auch andere Stellen in der Heiligen Schrift der Muslime. Aber man kann ja den Ramadan zum Anlass nehmen, gewaltverherrlichende Stellen im Koran neu zu gewichten. Das geht – die christlichen Kirchen sind diesen Weg auch gegangen.

Möge Gott geben, dass fromme Muslime im Ramadan eine Zeit spiritueller Erbauung finden. Möge Gott helfen, dass man sich in islamistischen Kreisen neu auf Gott, auf Allah und den Kern des Korans besinnt. Dazu wünschen wir gern einen gesegneten Ramadan!

Ulrich Neuenhausen

Ulrich Neuenhausen

Nein

Ulrich Neuenhausen ist Leiter des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz.


Erst einmal ist es biblisches Gebot, Menschen zu segnen, unabhängig davon, ob sie gut oder böse sind, richtig oder falsch liegen, sympathisch oder unsympathisch wirken. So sagt es unter anderen Petrus in seinem ersten Brief, Kapitel 3, Vers 9: Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt! Christen begegnen jedem Menschen mit Wohlwollen und wünschen sich von Herzen, dass jeder Mensch Gottes Güte in seinem Leben und Herzen erfährt.

Der für Muslime ausgesprochene Segen im Fastenmonat Ramadan kann allerdings auch missverständlich sein. Wenn damit Fasten als eine fromme Übung bestätigt wird, die Gott gefällt und ihn den Menschen gegenüber gnädig stimmt, dann ist damit das Evangelium selbst in Frage gestellt. Gottes Gnade leuchtet uns in Jesus Christus auf, und nicht in frommen Übungen. Gerade hier liegt ja der entscheidende Unterschied zwischen Islam und christlichem Glauben: Die Mitte des Evangeliums ist eine Person, Jesus Christus, die von Gott gekommen, gestorben und auferstanden und dann wieder zu Gott aufgefahren ist. Es gibt keine Vergebung von Schuld, keine Versöhnung mit Gott ohne diesen Jesus, wie ihn die Bibel verkündigt.

Wenn mein Segnen für Muslime bedeutet, dass ihre frommen Übungen Allah gnädig stimmen, Kompensation von Sünde bewirken und so das Leben im Paradies näherbringen, dann ist es ein falscher Segen. Ich kann nicht muslimische Rituale »ab-segnen«, als wären sie ein alternativer Weg zum Glauben an Jesus Christus. Deshalb möchte ich nur dann Segen wünschen, wenn ich vorher klären kann, was mein Gegenüber darunter versteht.

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Gebet allein sichert keine Arbeitsplätze

3. September 2015 von redaktionguh  
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Interview: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im Gespräch mit der Kirchenzeitung »Glaube+Heimat«

Es ist für viele noch immer schwer vorstellbar: Ein Vertreter der Linkspartei führt die Landesregierung. Er verzichtete bei seiner Einführung auf den Gottesbezug im Amtseid, bezeichnet sich dennoch als gläubiger Christ. Trotzdem ist er nicht immer im Gleichklang mit den Vorstellungen seiner Kirche. Dietlind Steinhöfel und Harald Krille sprachen mit Bodo Ramelow.

G+H: Herr Ministerpräsident, viele unserer Leser haben Probleme, Ihr christliches Bekenntnis und die Zugehörigkeit zu einer Partei mit atheistischer Tradition zu vereinbaren.
Ramelow:
Bevor ich dieser Partei beigetreten bin, habe ich sie einer Prüfung unterzogen, um zu klären, inwieweit Atheismus ein Grundsatz dieser Partei sei. Und die Partei Die Linke oder damals noch die PDS ist durchaus keine atheistische Partei, sondern eine grundsätzlich weltanschaulich neutrale Partei. Und ich erinnere daran: Schon im März 1990, also noch in der DDR-Zeit, hat der Parteivorstand der SED-PDS in einem seiner ersten Beschlüsse die Bitte um Entschuldigung gegenüber den Christinnen und Christen in der DDR ausgesprochen.

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

G+H: Aber es gibt durchaus religionsfeindliche Töne aus den Reihen der Linken.
Ramelow:
Also wenn man über religionsfeindliche Tendenzen reden möchte, dann gibt es die auch in anderen Parteien. Ich kann nur sagen, sicher ist die Linke eine durchaus muntere und diskussionsfreudige Partei in Sachen Religion. Aber es gab und gibt eine starke Arbeitsgemeinschaft der Christinnen und Christen bei der Partei Die Linke und bereits vorher bei der PDS. Die Arbeitsgemeinschaft ist auch seit Jahren auf dem Evangelischen Kirchentag mit einem Stand vertreten.

G+H: Nun hat aber gerade Ihr Verzicht auf die religiöse Bekräftigungsformel bei Ihrer Amtseinführung viele unserer Leser sehr verstört. Was hat Sie dazu bewogen?
Ramelow:
Das war eine tiefgehende, vor meinem Gewissen zu verantwortende Entscheidung, die ich nicht erst vor meiner Vereidigung als Ministerpräsident getroffen habe. Schon viele Jahre vorher habe ich mich dafür entschieden, den Staat und meinen Glauben voneinander zu trennen. Und das bedeutet für mich: Wenn ich ein staatliches Amt übernehme, werde ich die mir vorgeschriebene Eidesformel wählen und mich zu den Gesetzen unseres Staates und der Gleichrangigkeit und Akzeptanz jedes Menschen bekennen. Ich werde mich immer auch zu meinem persönlichen Glauben bekennen und ihn verteidigen, aber ich werde das nicht mit meinem staatlichen Amt verbinden.

Der zweite Grund: Ich bin mit sehr vielen Muslimen und Juden befreundet. Und sowohl Juden als auch die Muslime waren während meiner Vereidigung auf der Tribüne. Und dann steht doch die Frage, welcher Gott ist in der Bekräftigungsformel gemeint? In der abendländischen Tradierung meint es den christlichen Gott, was ich aber für eine Verkürzung halte. Ich sehe den Gottesbegriff durchaus universeller.

G+H: Die institutionelle Trennung von Staat und Kirche ist unbestritten. Doch besteht für Christen nicht gerade die Herausforderung, bewusst als glaubende Menschen das Leben, die Gesellschaft und auch die Politik zu gestalten?
Ramelow:
Das tue ich ja. Nebenbei: Es haben noch nie so viele Menschen auch mit mir über meinen Glauben geredet, wie nach dem Verzicht auf die religiöse Eidesformel. Und ich sage auch ausdrücklich: Es war meine persönliche Entscheidung und ich respektiere jeden Menschen, der die Eidesformel mit dem Gottesbezug wählt.

G+H: Manche sehen in Ihrem Verzicht ein Einknicken vor den religionskritischen Kräften Ihrer Partei.
Ramelow:
Das ist eine ehrabschneidende Behauptung! Weil es mir die Ehre nimmt, dass ich selber eine Gewissensentscheidung getroffen habe.

G+H: Welchen Einfluss hat Ihr persönlicher Glaube auf Ihr Handeln als Politiker und Ministerpräsident?
Ramelow:
Mein Glaube gibt mir zunächst mal meine innere Festigkeit, verbunden mit einem Grundvertrauen. Wenn es freilich darum geht, bei der Kali und Salz AG eine feindliche Übernahme zu verhindern und 2200 Arbeitsplätze in Thüringen zu sichern, dann bekomme ich das nicht mit Gebet geregelt. Das geht nur, indem ich gemeinsam mit den Betriebsräten und den Anteilseignern eine sehr klare politische Linie entwickle. Aber in all dem lässt mich der Wertekanon unseres Glaubens ein Stück weit gelassener sein. Zudem habe ich schon zu oft in meinem Leben an der Grenze zwischen Leben und Tod gestanden. Spätestens da steht ja die Frage, ob du ein Gottvertrauen hast oder ob du verzweifelst. Das Gutenberg-Massaker hier in Erfurt war so ein Punkt, wo ich sage, der Glaube und die offenen Kirchen in Erfurt haben uns in dieser Situation gestärkt in der städtischen Gemeinschaft, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung atheistisch oder laizistisch oder wie wohl die meisten einfach nur glaubensfern ist.

G+H: Zu Beginn der Sitzungswochen gibt es im Landtag die ökumenischen Andachten. Nehmen Sie als Ministerpräsident daran teil?
Ramelow:
Schon seit 1999 nehme ich daran teil und das tue ich auch als Ministerpräsident weiter. Das war am Anfang etwas spannungsgeladen, weil mancher kurioserweise dachte, ein Linker kann doch mit Gott und Glauben und Christentum nichts am Hut haben.

G+H: Da sitzen Sie dann auch mit Ihrer Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht zusammen. Beeinflusst das Ihr Verhältnis?
Ramelow:
Ich denke, wer miteinander betet, geht miteinander vielleicht etwas nachdenklicher um. Nach dem Amtsantritt von Christine Lieberknecht 2009 gab es einen entscheidenden Punkt, der in Thüringen viel verändert hat. Unmittelbar danach hat sie mich eingeladen, dass wir nach Pößneck fahren und gemeinsam Gesicht zeigen gegenüber den Neonazis. Die wollten damals das dortige Schützenhaus zu einer neuen Wallfahrtsstätte machen. Da hat mich Christine Lieberknecht angerufen und hat gesagt, morgen ist eine Demo in Pößneck, lass uns da gemeinsam hinfahren. Am Ende waren alle Fraktionsvorsitzende dort, aber von ihr ging die Initiative aus.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Als 2011 das Atomkraftwerk von Fukushima explodierte, hat sie noch in der Nacht mit mir telefoniert. Dann hat sie eine Regierungserklärung vorbereitet und die Linksfraktion hat sie bestärkt, darin bestimmte Aussagen öffentlich zu treffen. Das sind Dinge, die hat es außerhalb von Thüringen so nie gegeben. Und die werden außerhalb nie wahrgenommen. Deswegen ist es für mich selbstverständlich, mit Christine Lieberknecht auch im Gottesdienst zu sitzen. Manche finden das komisch, aber als Christ finde ich es eher komisch, dass man das komisch finden kann.

G+H: Wie sehen sie grundsätzlich das Verhältnis zwischen Staat und der Institution Kirche? Im Blick auf die Kritik der katholischen Kirche an der Besetzung einer Professorenstelle in Bayern haben sie kürzlich deutlich Ihren Protest formuliert.
Ramelow:
Da bleibe ich auch dabei. Was geht den katholischen Klerus ein Soziologieprofessor an einer staatlichen Hochschule an? Nach meinem Dafürhalten nichts. Etwas anderes wäre es bei einer katholischen Schule oder einer evangelischen Schule. Da entscheidet selbstverständlich der Schulträger, wer dort Lehrer ist und wer nicht. Mir geht es um die saubere Trennung. Auf der anderen Seite bereiten wir gerade im Blick auf das Reformationsjubiläum die “Kirchentage auf dem Weg” vor, die wir erheblich aus dem Etat des Landes unterstützen. Und mit Verlaub, das kann man Ihren Lesern auch mal sagen, schon seit zwei Landtagswahlen steht die Vorbereitung für das Lutherjubiläum im Wahlprogramm der Linkspartei in Thüringen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Im Blick auf das kirchliche Arbeitsrecht haben Sie aber dezidierten Dissens zur Haltung der Kirchen.
Ramelow:
Ich erzähle Ihnen mal ein konkretes Beispiel: Im Unstrut-Hainich-Kreis haben Diakonie und Caritas das Hainich-Klinikum übernommen. Dazu gehört auch eine Abteilung für den Maßregelvollzug, also eine hoheitliche Aufgabe. Und da wird dann das kirchliche Arbeitsrecht eingeführt, nach dem nur noch derjenige die Belange der Mitarbeiter vertreten darf, der zu einer christlichen Kirche gehört. Und wen trifft es? Den bisherigen Personalratsvorsitzenden, ein ehemaliges CDU-Mitglied, der heute zu meiner Partei gehört und Sprecher unserer Landesarbeitsgemeinschaft Laizismus ist. Der darf nicht mehr kandidieren, fliegt raus aus der Mitbestimmung. Da sage ich ganz entschieden: Ich halte das kirchliche Arbeitsrecht jenseits des Verkündigungsbereiches für nicht mehr zeitgemäß. Und das sage ich als Gläubiger, nicht als Ministerpräsident. Es wird immer dann schwierig, wenn unsere Kirche als Trägerin in staatliche Aufgaben hineingeht und das auf einmal überlagert mit den Regeln unserer Glaubensgemeinschaft. Darüber wünsche ich mir eine offene Debatte.

G+H: Wir hätten noch ein Reizwort in der Staat-Kirche-Debatte: die Staatsleistungen.
Ramelow:
Da bin ich ganz tiefenentspannt. Wer ins Grundgesetz schaut, findet darin die übernommenen Paragrafen aus der Reichsverfassung von 1919. Und da steht ganz klar, dass diese Staatsleistungen durch eine entsprechende gesetzliche Regelung final abgelöst werden sollen. Und die einzige Partei, die das bisher immer wieder thematisiert hat, ist meine Partei. Auch dies ist kein Ausdruck von Partei-Atheismus, sondern es geht um einen Verfassungsauftrag. Das vergessen die meisten. Vor jeder Initiative meiner Partei habe ich darüber auch mit unseren Bischöfen in Thüringen gesprochen. Dabei hatten wir immer Einigkeit darin, dass es eine Frage der Ablöseformel ist.

G+H: Zunehmend wird die Meinung propagiert, dass durch die seit Jahren andauernden Zahlungen die staatlichen Enteignungen im Zuge der Säkularisierung von 1803 mittlerweile abgezahlt seien.
Ramelow:
Das höre ich immer wieder aus ganz verschiedenen Lagern. Da kann ich immer nur sagen, die Linke im Bundestag ist die einzige Fraktion, die dazu einen gesetzeskonformen Regelantrag vorgelegt hat. Denn es geht um eine Ewigkeitsgarantie, nicht um eine Schuld, die man irgendwann abgezinst hat. Wenn, dann kann man darüber diskutieren, ob der fünffache, der zehnfache oder der fünfzehnfache Jahresbetrag als dauerhafte Ablösung angemessen ist. Dazwischen ist irgendwo die Spannbreite, die man verfassungsgerecht ermitteln und belegen muss.

G+H: Ein weiteres Thema, das unsere Leser bewegt, ist die Frage des Betreuungsgeldes bzw. des in Thüringen nun wieder abgeschafften Landeselterngeldes.
Ramelow:
Ja, weil das Elterngeld nur für die Familien bezahlt wurde, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen, und das Geld dafür letztlich dem Ausbau der Kindertagesstätten vorenthalten wurde. Im Gegenzug stiegen dann die Kindergartengebühren. Da wollen wir gegensteuern und dafür sorgen, dass die Kitas ausreichend finanziert werden. Es geht auch nicht darum, einen Zwang zur staatlichen Betreuung von Kinder auszuüben. Jeder kann frei entscheiden, das Angebot anzunehmen oder nicht. Das Problem ist dabei allerdings, dass der Bund bedauerlicherweise viele Dinge der Kindererziehung über Steuerfreibeträge so geregelt hat, dass Familien mit geringem Einkommen davon nicht profitieren können. Entschuldigung, aber da darf ich sagen, dass im Bund eine Partei regiert, die vorne mit “C” beginnt …

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Ein Fragekomplex unserer Leser betrifft das Stichwort »Gerechtigkeit für Opfer der SED-Diktatur«. Beispielsweise für Schüler, denen wegen ihres Engagements in der Jungen Gemeinde bestimmte Berufsausbildungen oder ein Studium verwehrt wurden und die nunmehr geringere Renten erhalten.
Ramelow:
Ja, diese Fälle sind mir alle bekannt. Und ja, wir werden in dieser Angelegenheit immer wieder beim Bund vorstellig. Unsere jetzige Finanzministerin Heike Taubert (SPD) hat sich beispielsweise ganz stark dafür eingesetzt, dass es den Entschädigungsfond für Opfer von Jugendwerkhöfen gibt. Wenn sie da nicht schon in der letzten Legislatur als Sozialministerin dafür gekämpft hätte, wäre das alles in den Entschädigungstopf für Opfer der westdeutschen Jugendeinrichtungen der 1950er-Jahre gegangen. Genauso drücken und schieben wir immer wieder in der Frage des Rentensystems. Da wurde bei der Überleitung vieles nicht berücksichtigt. Zum einen ist die Ausgleichsrente für SED-Opfer viel zu niedrig, zum anderen gibt es weitere benachteiligte Gruppen – denken sie nur an die Absicherung für geschiedene DDR-Frauen oder mithelfende Ehefrauen in Familienbetrieben. Da ist bis heute nichts geregelt.

G+H: Zum Abschluss – was wünschen Sie sich als Ministerpräsident für Ihre Kirche und von Ihrer Kirche?
Ramelow:
Ich wünsche mir für die Kirche, dass sie nicht aus den ökonomischen Zwängen die Türen zu viel und zu oft zumacht. Wir brauchen mehr offene Türen, wie es einst unser leider schon verstorbener Bruder Christian Führer in Leipzig vorgemacht hat. Wer aus der DDR-Kirche mit der Kerze in der Hand auf die Straße rausgegangen ist, der musste mehr Mut aufbringen als alle Westdeutschen jemals in den letzten 50 Jahren. Doch das war nur möglich mit Kirchen, die trotz Stasi-Durchseuchung immer noch genügend Räume gefunden und geöffnet haben. Und das alte Signet »Schwerter zu Pflugscharen« hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Und dann würde ich mir von meiner Kirche noch ein Stück weit mehr Ökumene wünschen. Das sind wir, glaube ich, in Vorbereitung des Reformationsjubiläums allen Christen schuldig. Weil klar ist, dass Luther keine neue Kirche wollte, sondern eine Reform der Kirche.

Jesus: links, rechts oder grün?

3. August 2015 von redaktionguh  
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Gesellschaft: Die Position der evangelischen Kirche im politischen Spektrum

Zu viel Zeitgeist, zu weit links –  die politischen Äußerungen der Kirche stehen immer wieder in der Kritik.

Die evangelische Kirche passt sich zu sehr dem Zeitgeist an, um den Anschluss nicht zu verpassen.« Der das sagt, möchte seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Als kirchlicher Mitarbeiter sei seine Sorge groß, von der kirchlichen Mehrheitsmeinung – politisch links der Mitte, wie er sagt – in die rechte Ecke gedrängt zu werden. Noch deutlicher wird der Thüringer Bundestagsabgeordnete Tankred Schipanski (CDU): »Dass die evangelische Kirche links der Mitte steht, bestätigt sich im täglichen politischen Leben. Es gibt Spitzenpolitiker in der Kirchenleitung, die die Kirche für parteipolitische Ziele instrumentalisieren.«

Die evangelische Kirche – eine politisch linke Institution? Es ist ein Vorwurf, der sich immer wieder an den gesellschaftspolitischen Äußerungen der Kirche entzündet – sei es Energiepolitik, Flüchtlingsfragen oder Mindestlohn. Wie links steht die Kirche und was heißt das eigentlich – links?

Die heilige Elisabeth wendet sich den Schwachen zu (nach Matthäus 25, Verse 34 bis 46), wie den Fremden und (li.) und den Gefangenen. Fotos: Ulrich Kniese

Die heilige Elisabeth wendet sich den Schwachen zu (nach Matthäus 25, Verse 34 bis 46), wie den Fremden und (li.) und den Gefangenen. Fotos: Ulrich Kneise

Eine eindeutige Definition fällt schwer in einer Zeit, in der die CDU klassisch linke Themen wie den Mindestlohn mit auf den Weg bringt oder für die Energiewende votiert. Auch die, die sich selbst politisch links einstufen, haben keine Defintion parat. Jens Eberhard Jahn aus Leipzig ist Vorstandsmitglied des Bundes religiöser Sozialisten in Deutschland (BRSD). »Es gibt bei uns so viele Meinungen wie Mitglieder. Einig sind wir uns, dass linke Politik auf die Gleichberechtigung der Menschen zielt, auf Emanzipation von Unterdrückung und Entfremdung.« Verhältnisse wie im real existierenden Sozialismus lehnt er ab. Echte linke Politik sei immer machtkritisch. Der BRSD versuche vielmehr, »die Interessen der Unterprivilegierten zur Sprache zu bringen, die Ursachen von Armut, Verelendung und ökologischer Krise zu benennen«.

In dieser Hinsicht, so Jahn, stehe »die evangelische Kirche tatsächlich links«. »Ich habe den Eindruck, dass die politischen Äußerungen der kirchlichen Funktionsträger nicht die Meinung der Basis widerspiegeln«, meint Tankred Schipanski. Die Position der Kirche links der Mitte trage zur Entfremdung der Mitglieder von der Kirche bei. Doch die Basis der Kirche ist mehrheitlich eher sozialdemokratisch: So würden 34,2 Prozent der Protestanten SPD, 24,2 Prozent CDU, 12,1 Prozent die Grünen und nur 2,2 Die Linke wählen. Dennoch verstoße die Kirche, so Schipanski, gegen das Gebot politischer Neutralität: »Die Kirche ist weder Gewerkschaft noch Partei.« Auch der atheistische Humanistische Verband Deutschland stößt in dasselbe Horn: »Mit jeder Verweltlichung und Anpassung an den ›Zeitgeist‹ verlieren die Kirchen an Bindungskraft.« Das Problem der Kirche ist in dieser Sicht weder die Positionierung links der Mitte, sondern die politischen Äußerungen überhaupt.

Christhard Wagner ist Beauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland beim Thüringer Landtag. »Ich kenne diesen Vorwurf seit 30 Jahren. Es heißt, wir sollten uns als Kirche um das Eigentliche kümmern. Wer das sagt, sollte in der Bibel schauen, was drin steht«, sagt er und fragt, was denn die Früchte des Glaubens seien, wenn nicht Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. »Dieses galt schon in der DDR, als das nicht links, sondern staatsfeindlich war.« Wagner stören die Etiketten links und rechts. »Es gibt Anschlussmöglichkeiten in alle Parteien. Wer aber sagt, der Einsatz für Flüchtlinge, gegen Rechtsextremismus oder für Kirchenasyl seien linke Positionen, dem sage ich: Das ist nicht links, sondern evangelisch.«

Der BRSD beruft sich auf die Bergpredigt, Konservative wie Tankred Schipanski betonen, jede ihrer politischen Entscheidungen sei biblisch begründbar. Die Frage nach links oder rechts ist innerkirchlich also auch eine Frage des Bibelverständnisses.

Und die Basis? Die sieht das politische Engagement der Kirche insgesamt kritisch. So hat die fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD ergeben, dass nur wenige Mitglieder an politischen Themen interessiert sind, sondern von der Kirche eher die Beschäftigung mit den existentiellen Fragen des Lebens erwarten. Und diese stehen jenseits von links oder rechts.

Stefan Körner

Glaube, Politik und Begegnung

1. Juni 2015 von redaktionguh  
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Kirchentag: Protestanten und Gäste begegnen sich vom 3. bis 7. Juni in Stuttgart

Zum 35. Mal lockt ab kommendem Mittwoch der Deutsche Evangelische Kirchentag. Diesmal in die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart.

Das Motto des größten Protestantentreffens passt: »Damit wir klug werden.« Gelten doch die Schwaben seit jeher als kluge, blitzgescheite Tüftler. Und schien noch im Laufe der 1990er Jahre der Kirchentag eine Art Auslaufmodell zu sein, so hat er, allen Unkenrufen zuwider, im vergangenen Jahrzehnt zu alter Beliebtheit zurückgefunden. Auch in der Neckarstadt werden wieder 100 000 Teilnehmer und Mitarbeiter erwartet.

Im Brennpunkt stehen kirchentagsüblich die großen Themen der Zeit: Da ist das Thema Entwicklungspolitik, zu dem unter anderen der indische Kinderrechtler und Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi und der Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan erwartet werden. Da wird das Thema Flüchtlinge und Asylpolitik eine große Rolle spielen. Und das Thema Krieg und Frieden, wozu 38 Friedensorganisationen und kirchliche Institutionen neben dem offiziellen Kirchentagsprogramm das »Zentrum Frieden« ins Leben gerufen haben. Es will angesichts der Diskussion um Deutschlands Verantwortung in der Welt »die Stimme des Pazifismus« auf dem Kirchentag zum Klingen bringen. Eine Menschenkette soll dabei am 6. Juni »ein deutliches Zeichen gegen Krieg, Atomwaffen und Kampfdrohnen« setzen. Zudem hat angesichts der Spannungen zwischen der Nato und Russland ein Initiativkreis eine neue Ostdenkschrift angekündigt. Zu den Initiatoren gehören der frühere Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Konrad Raiser, und der frühere Erfurter Propst Heino Falcke.

Mehr als 2 500 Veranstaltungen enthält das offizielle Programm des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild/Gerhard Bäuerle

Mehr als 2 500 Veranstaltungen enthält das offizielle Programm des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild/Gerhard Bäuerle

Und was wäre ein Kirchentag ohne handfesten Streit? Diesmal geht es, wie schon in den vergangenen Jahren im Hintergrund, um die Teilnahme von messianischen Juden am Kirchentag. Also von Juden, die Jesus von Nazareth als ihren Messias erkannt haben, sich aber nicht als »Heidenchristen«, sondern weiterhin als Teil des Judentums sehen. Die wachsende und stark missionarisch orientierte Gruppe sitzt seit Jahren zwischen allen Stühlen. Denn nicht nur vom offiziellen Judentum werden sie vehement abgelehnt, von dessen Seite dabei gar das böse Wort von der »Fortsetzung des Holocausts mit anderen Mitteln« zu hören ist. Sie sind auch den meisten evangelischen Landeskirchen und dem Kirchentag ein Dorn im Auge, da man sich dort dem christlich-jüdischen Dialog verpflichtet weiß. Erst 2014 bekräftigte das Kirchentagspräsidium seinen Glauben »an Gott als den Gott Israels in seiner bleibenden Verbundenheit mit dem Volk Israel«. Weshalb man Judenmission in jeder Form ablehne und solchen Gruppen keinen Platz einräumen werde.

Angesichts solch verhärteter Fronten überrascht zumindest, dass mit dem britischen Theologen Richard Harvey erstmals ein Vertreter der jüdisch-messianischen Bewegung bei einem Kirchentagspodium dabei ist. Er wird mit der ehemaligen EKD-Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx und dem jüdischen Erziehungswissenschaftler und Publizisten Micha Brumlik diskutieren. Und noch ein Novum gibt es in Stuttgart, das zugleich Zentrum des süddeutschen Pietismus ist: Der evangelikale »Christustag«, 1956 als eine Art pietistischer Gegenveranstaltung ins Leben gerufen, ist in diesem Jahr in das Programm des Kirchentages integriert. Dort wird mit Anatoli Uschomirski ebenfalls ein süddeutscher Leiter einer jüdisch-messianischen Gemeinde am offiziellen Programm beteiligt sein. Es scheint, dass das Gespräch zur Klärung des gegenseitigen Verhältnisses beginnt.

Doch jenseits von allem Streit um Theologie, Weltpolitik und Weltwirtschaft wird auch die 35. Auflage des Kirchentages vor allem ein fröhliches Glaubensfest werden. Mit täglichen Bibelarbeiten, mit einem hochkarätigen Kulturprogramm, mit Posaunenchören, mit Tanz und Gebet. Und mit vielen Begegnungsmöglichkeiten.

Zum Beispiel auf dem Markt der Möglichkeiten, auf dem die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, die Evangelische Landeskirche Anhalts sowie die katholischen Bistümer Erfurt und Magdeburg mit ihrem bewährten Zentrum »Ökumene in der Mitte« vertreten sind. Die ökumenische Präsentation hat in diesem Jahr eine neue Qualität erreicht. Unter dem Motto »Wir reformieren gerade« machen die beteiligten Partner deutlich, dass sich die Kirche wandeln muss, weil sich die Welt verändert.

Harald Krille

Der Dreiklang des Lebens

21. April 2015 von redaktionguh  
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Christ und Politik: Die Theologin Christine Lieberknecht bekleidete 25 Jahre Spitzenpositionen in der Politik

Christine Lieberknecht (56) ist evangelische Theologin. Seit der Wende ist sie für die Thüringer CDU politisch aktiv, hat 1989 den »Brief aus Weimar« mit verfasst, der Reformen in der Ost-CDU forderte, und war seit 1990 in leitenden politischen Funktionen: Ministerin, Landtagspräsidentin, Ministerpräsidentin.

Mit ihr sprach Harald Krille.

In guter Gesellschaft: Die Bildergalerie der Thüringer Landtagspräsidenten, vor der Christine Lieberknecht steht, zeigt evangelische Christen: Gottfried Müller, Frank-Michael Pietzsch, Christine Lieberknecht, Dagmar Schipanski (v. l.). Foto: Harald Krille

In guter Gesellschaft: Die Bildergalerie der Thüringer Landtagspräsidenten, vor der Christine Lieberknecht steht, zeigt evangelische Christen: Gottfried Müller, Frank-Michael Pietzsch, Christine Lieberknecht, Dagmar Schipanski (v. l.). Foto: Harald Krille

Frau Lieberknecht, seit der Bildung der rot-rot-grünen Regierung in Thüringen sind Sie sozusagen wieder normale Landtagsabgeordnete. Wie geht es Ihnen damit?

Lieberknecht: Ich finde die neue Situation durchaus spannend. An der Spitze eines Landes zu stehen, lässt sich mit Spitzensport vergleichen. Ein Spitzensportler kann auch nicht von heute auf morgen seine Leistung von 100 auf Null runterfahren. Ich habe jetzt die Gelegenheit, mit dem Landtagsmandat und einer ganzen Reihe von Ehrenämtern, die ich nach wie vor wahrnehme, so etwas zu tun wie abtrainieren. Neudeutsch spricht man in den Sozialwissenschaften von »downshiften«.

Das klingt sehr entspannt – es gibt also auch Vorteile, wenn man nicht mehr so viel Verantwortung trägt?

Lieberknecht: Jede Medaille hat zwei Seiten. Politische Spitzenämter geben einem natürlich viele Bühnen. Man steht im Rampenlicht mit allen Vorteilen, aber natürlich auch mit allen Nachteilen. Von daher ist das Leben jetzt deutlich ruhiger geworden. Auf der anderen Seite muss man sich jeden Termin selbst erarbeiten, für Vorträge selbst recherchieren. Da macht man verblüffende Erfahrungen. Für ein Impulsreferat zur Situation von Frauen suchte ich nach einigen Überblicksdaten, schlage das Statistische Jahrbuch für Thüringen auf und stelle fest, dass beispielsweise der Begriff Armut auf 680 Seiten nicht vorkommt. Dabei hätte mich die Armutsquote im Land sehr interessiert. So etwas hätte ich als Ministerpräsidentin nie bemerkt.

Und außerdem: Thüringen ist voller Überraschungen. Da vergeht kein Tag, ohne dass ich eine neue Entdeckung mache. Heute besuche ich noch die Galerie und Bilderrahmenwerkstatt Bethge hier in Erfurt. Und sicher hat die Galerie Bilder von Thüringer Künstlern, die ich noch nicht kenne.

Dennoch: Die CDU ist bei der Wahl 2014 unter Ihrer Führung die stärkste Fraktion im Landtag geworden, sogar mit deutlichen Stimmenzuwächsen. Am Ende aber wurde sie durch Rot-Rot-Grün rausgekegelt. Empfindet man das nicht als Niederlage?

Lieberknecht: Natürlich war es am Ende eine Enttäuschung. Der Wählerwille hat eindeutig der CDU die Präferenz gegeben. Wir haben 75 Prozent aller Wahlkreise vor Ort gewonnen. Nicht ein einziges Mitglied der jetzigen Landesregierung hat in seinem Wahlkreis vor den Wählern bestanden! Aber wir haben ein Wahlsystem, in dem sich Wahlverlierer auch gegen den Wahlgewinner zusammenschließen können. Das hat es in der bundesdeutschen Demokratiegeschichte immer schon gegeben. Für Thüringen ist diese Situation neu.

Wie würden Sie denn Ihr Verhältnis zur Partei Die Linke bezeichnen?

Lieberknecht: Ich nehme die Partei Die Linke bei ihrem Programm: Darin vertritt sie nach wie vor eine Veränderung unseres freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates, unseres Grundgesetzes. Also eine Umwälzung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse, so wie es den klassischen Lehren des Marxismus-Leninismus entspricht. Zu diesen Lehren gehört auch Lenins Unterscheidung zwischen Strategie und Taktik im politischen Kampf. Die Taktik diktiert derzeit einen Kurs auf samtenen Pfoten. Aber das Endziel bleibt unverändert.

Ihr Nachfolger Bodo Ramelow von der Linken ist bekennender Christ wie Sie selbst …

Lieberknecht: Was ich gerade gesagt habe, habe ich über die Partei gesagt. Nicht über Personen! Da unterscheide ich deutlich zwischen Partei und Personen.

Deswegen jetzt die Frage nach der Person – Ramelow und Sie sind ja kirchlich gesprochen Bruder und Schwester im Glauben …

Lieberknecht: Die Situation ist ja nicht neu. Ganz offenkundig war das, als wir gemeinsam in der jeweils gleichen Funktion als Fraktionsvorsitzende unserer Parteien unmittelbare Kontrahenten im Landtag waren. Da habe ich die Erfahrung gemacht, wir können hart in der Sache miteinander ringen. Aber man kann diese Auseinandersetzungen mit Anstand und mit allem Respekt vor der jeweiligen Person führen. An dieser Erfahrung hat sich nichts geändert.

Donnerstags zum Beginn einer Sitzungswoche gibt es eine ökumenische Andacht im Andachtsraum des Landtages. Da sitzen Sie mit Bodo Ramelow zusammen und beten gemeinsam?

Lieberknecht: Ja, da beten wir gemeinsam. Wissen Sie, ich habe einen Dreiklang in meinem Leben: Zuallererst bin ich Christin. Als Christin bin ich Demokratin. Und als Demokratin bin ich Christdemokratin. Das heißt, die Politik war für mich nie das Entscheidende über allen Dingen, sondern war immer eingebettet in mein Leben als Christ. Als Christin gehe ich zu den Andachten. Und als Christin, der es Ernst ist mit dem christlichen Glauben, sage ich, dass diese Andachten nicht ohne Wirkung sind. Wer gemeinsam betet, wer gemeinsam lobpreist, wer gemeinsam auf Gottes Wort hört, der geht dann auch im Alltag anders mit­einander um. Deshalb habe ich übrigens damals als Landtagspräsidentin dafür gesorgt, dass es diesen Andachtsraum gibt. Der war nämlich ursprünglich gar nicht vorgesehen.

Haben Sie sich in Ihrer Amtsführung eigentlich von den Kirchen unterstützt gefühlt oder eher Gegenwind verspürt? Bei etlichen politischen Themen haben die Kirchen ja durchaus andere Meinungen als die CDU.

Lieberknecht: Ich sehe das sehr differenziert. Nicht jede Pressemeldung aus den Landeskirchenämtern oder von kirchlichen Verbänden entspricht dem, was tatsächlich von verantwortlichen Christen in kirchenleitenden Positionen oder von den Menschen an der Basis der Gemeinden gesagt und gedacht wird. Besonders schwierig finde ich es, wenn in bestimmten Fragen von einer Partei mit dem »C« im Namen mehr »Christlichkeit« erwartet wird, als sie hier und da von den Kirchen selbst geboten wird. Ich bin beispielsweise nach wie vor jemand, der konsequent für den Schutz des ungeborenen Lebens steht. Mehr als 100?000 Abtreibungen in einem so reichen Land wie Deutschland werde ich nie mit meinem Gewissen vereinbaren können. So klare Worte höre ich von meiner evangelischen Kirche selten.

Generell sind Sie ja in Ihrer Familienpolitik, Stichwort Elterngeld, von den Kirchen nicht gerade unterstützt worden.

Lieberknecht: Die katholische Kirche hat uns sehr unterstützt und tut es auch jetzt. Zurecht. Gerade für die Zukunft des Glaubens oder der christlichen Tradition kann der Stellenwert von Familie gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das heißt überhaupt nicht, den wertvollen Beitrag von kirchlichen Kindergärten in Abrede zu stellen. Aber das Erziehungsgeld wird gezahlt für einjährige Kinder. Bei allem Bildungsenthusiasmus – Bildung ist nicht möglich ohne Bindung. Und es gibt kaum einen Ort, wo Kinder in einem solch zarten Alter mehr Empathie erleben als im Elternhaus, bei ihren Eltern und unter Geschwistern.

Diese Haltung ist selbst in Ihrer eigenen Partei durchaus nicht mehr allgemeiner Konsens.

Lieberknecht: In Thüringen ist es Konsens. Bei der CDU auf Bundesebene habe ich mich innerhalb der Zukunftskommission für die Arbeitsgruppe Familienpolitik gemeldet. Dort will ich meine Erfahrung für den hohen Stellenwert von Familie einbringen mit zwei eigenen Kindern, fünf Enkeln.

Deutet das Engagement in der Zukunftskommission auf Ambitionen in Richtung Bundespolitik hin?

Lieberknecht: Nein. Das kommt für mich überhaupt nicht in Betracht. Ich hab ein Direktmandat im Thüringer Landtag. Das ist eine schöne Basis, um in Thüringen und für Thüringen weiterzuarbeiten.

Mehr Ansehen fürs Ehrenamt

1. April 2015 von redaktionguh  
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Im Bereich der EKM engagieren sich mehr als 520 Grüne Damen und Herren

Einmal in der Woche führt ihn sein Weg in das Saale-Unstrut-Klinikum Naumburg. Mit dem Fahrstuhl geht es in die dritte Etage, in die Klinik für Gefäßchirurgie. Mit Hilfe zweier Krücken läuft Klaus Schwarzer den Gang entlang. Er wird dabei begrüßt von Schwestern und Ärzten. Doch der 56-Jährige ist keiner ihrer Patienten. Seit 2012 arbeitet er hier ehrenamtlich als Grüner Herr, indem er Kranken zuhört und sich mit ihnen unterhält. Trotz seiner Behinderung. Nach einer langen Krankheit, an deren Anfang Durchblutungsstörungen standen, musste ihm das Bein innerhalb eines langen Zeitraums stückweise amputiert werden. Was es heißt, jegliche Hoffnung zu verlieren, weiß er ganz genau. »Ich stand vor dem Ende, wollte nicht mehr«, erzählt der Naumburger.

Klaus Schwarzer (li.) hat nach seiner Erkrankung die Kraft gefunden, anderen Patienten zu helfen. Foto: Torsten Biel

Klaus Schwarzer (li.) hat nach seiner Erkrankung die Kraft gefunden, anderen Patienten zu helfen. Foto: Torsten Biel

Viele der Grünen Damen und Herren haben eine ähnliche Erfahrung gemacht, waren selbst schwer krank oder haben Angehörige gepflegt, weiß Monika Kümritz, die thüringische Landesbeauftragte der Arbeitsgemeinschaft Evangelische Krankenhaus-Hilfe (EKH), die ihren Hauptsitz in Berlin hat. Sie selbst ist in ihrer Heimatstadt Gera aktiv. Insgesamt engagieren sich in Thüringen und Sachsen-Anhalt mehr als 520 Frauen und Männer in knapp 70 Krankenhäusern und Pflegeheimen. Bundesweit sind es rund 11 200, die jährlich 1,8 Millionen Stunden unentgeltlich leisten.

Ihre Aufgaben sind recht verschieden, reichen von Gesprächen mit den Patienten über die Ausleihe von Büchern bis hin zu Botendiensten. Meist sind sie bereits im Ruhestand oder wegen einer Krankheit aus dem Berufsleben ausgeschieden, die wenigsten stehen noch im Arbeitsalltag. Für die Zukunft der Grünen Damen und Herren hofft Christine Bicker auf Nachwuchs: »Wir brauchen mehr Einsatzwillige. Und es ist eine Tätigkeit, die jeden mehr Lebenserfahrung geben kann.« Die 71-jährige Naumburgerin ist seit 2009 Grüne Dame. »Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass viele ältere Menschen sehr einsam sind«, bemerkt Christine Bicker. Bevor sie ihr Ehrenamt aufnahm, pflegte sie ihre Mutter und musste den Tod ihres Mannes überstehen. »Ich brauche eine Aufgabe. Und mir tut sie sehr gut«, sagt sie.

»Wir brauchen die weitere Wertschätzung und Unterstützung aus Politik und Gesellschaft«

Doch neben dem Nachwuchsmangel und der Überalterung in den einzelnen Gruppen sorgen sich die Grünen Damen und Herren auch um die fehlende Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. »Viele wissen nichts von diesem Ehrenamt«, meint die thüringische Landesbeauftragte. In diesem Zusammenhang sei es jedoch wichtig, dass die Gruppen Rückhalt und Unterstützung von der jeweiligen Einrichtung erhalten, in denen sie tätig sind. Neben einer besseren Öffentlichkeitsarbeit habe man noch eine zweite Aufgabe innerhalb des Verbandes verstärkt in den Fokus gerückt: die Weiterbildung der Ehrenamtlichen. In Weimar gab es die erste mehrtägige Basisausbildung in der 46-jährigen Geschichte der EKH für die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen. Viele der Grünen Damen, die hier teilnahmen, sind schon mehrere Jahre aktiv, ohne zuvor geschult worden zu sein. Zwar gibt es regelmäßig Treffen der Einsatzgruppen-Leiter und regionale sowie bundesweite Tagungen, doch bisher habe es an solchen Fortbildungen gemangelt, man sei damals zu Beginn ins kalte Wasser geworfen worden, bemerkten mehrere Grüne Damen zum Abschluss der Ausbildung. »Wir brauchen die weitere Wertschätzung und Unterstützung aus Politik und Gesellschaft«, fordert Monika Kümritz.

Constanze Matthes

Augenhöhe

16. November 2014 von redaktionguh  
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Man redet wieder über Politik. Nicht nur im Fernsehen, sondern auch auf der Straße. Am 9. November demonstrierten 4 000 Menschen gegen eine rot-rot-grüne Koalition. Über die Fragen des Bundespräsidenten an »Die Linke«, ob sie sich denn schon genügend von der SED-Politik distanziert hätte, wird heftig diskutiert. Die Andacht Bodo Ramelows in der Kirchenzeitung erzeugt Pro und Kontra in der Zeitung und im Internet.

Gut so. Die politische Diskussion ist wieder an der Basis angekommen. Vor der Landtagswahl in Thüringen schien sich nur ein Teil der Bürger um die Zukunft des Freistaates wirklich Gedanken zu machen und sich nicht über die Folgen ihres Wahlverhaltens oder besser Nichtwahlverhaltens im Klaren zu sein. Nur knapp über 50 Prozent Urnengänger, in manchen Orten sehr viel weniger, hat in Thüringen ein politisches Patt erzeugt. Das Erschrecken scheint nun groß. Aber es rüttelt wach.

Vor 25 Jahren sind wir unter anderem für freie Wahlen auf die Straßen gegangen und für eine offene gesellschaftliche Diskussion ohne Tabus. Es ist gut, dass ein solcher Streit in einer Demokratie geführt werden kann. Es ist gut, wenn Menschen danach fragen, welche Ziele die Nachfolgepartei der SED hat, aber auch welche Politik die anderen verfolgen.

Fragen muss sich jedoch auch jeder, der nicht zur Wahl gegangen ist, wem er denn damit geholfen hat. Denn eins liegt auf der Hand: Wer nicht wählt, unterstützt jene, von denen er auf keinen Fall regiert werden will. Der Realität müssen wir nun ins Auge sehen und sollten als Christen dabei nicht vergessen, dass Frieden nur werden kann, wenn ich mit meinem Gegner rede, ihn auf Augenhöhe wahrnehme und akzeptiere. Jesus hat es uns gezeigt, dass das Gespräch möglich ist – ob mit der Samariterin, ob mit dem Betrüger Zachäus oder mit dem römischen Hauptmann. Er hat sich nicht gescheut, gegen Konventionen zu handeln – um der Menschen und um Gottes Frieden willen – und damit die Welt verändert.

Dietlind Steinhöfel

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