Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Endlich im Rampenlicht

27. Januar 2017 von redaktionguh  
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Frauen haben die Reformation mitgestaltet. Das war lange vergessen. Auch an sie soll über 2017 hinaus erinnert werden.

Die Reformation hat auch Frauen angesprochen und aktiviert. Dass in der Taufe alle zu Priestern berufen sind und alle Menschen einen unmittelbaren Zugang zu Gott haben, haben auch die Frauen gehört, ernst genommen und mit ihrem Leben und Handeln bezeugt. Leider schätzten die Männer ihrer Zeit und nachfolgender Jahrhunderte dies als zweitrangig oder noch weniger ein. Leider ist unser Wissen über diese Frauen verkümmert. Erst allmählich werden sie wiederentdeckt.

Dabei handelten Frauen so mutig, beharrlich und durchsetzungsstark wie Männer, in mancher Hinsicht mit mehr Klugheit und Besonnenheit als viele Reformatoren oder gar Martin Luther selbst. Mir ist das sehr deutlich geworden, als ich mich mit Anna II. zu Stolberg (1504–1574) beschäftigte – eine in vielerlei Hinsicht beeindruckende und überaus kluge Frau, die mit nicht einmal 13 Jahren Äbtissin im Stift zu Quedlinburg wurde. Als Reichsfürstin hatte sie die Kurwürde und war einzig Papst und Kaiser zu Gehorsam verpflichtet.

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Sehr wahrscheinlich sympathisierte sie schon lange mit dem neuen Glauben, wartete aber bis 1539 mit der Einführung der Reformation in Quedlinburg. Sie wollte ihrem katholisch gesinnten Schutzherrn Georg von Sachsen keinen Vorwand geben, sie zu entmachten.

Ihr musste klar gewesen sein, dass er nur darauf wartete. Und auch sein Nachfolger hoffte, Macht und Reichtum des Stifts an sich zu ziehen. So schritt Anna erst nach dem Tod des katholischen Schutzherrn zur Tat, und damit zugleich seinem nachfolgenden evangelischen zuvorkommend.

Die Stadt Quedlinburg verdankt ihr eine neue Kirchenordnung sowie ein völlig neu geordnetes Schul- und Finanzwesen. Sie berief den ersten Superintendenten und führte die Visitation ein. Das Besondere an ihr: Sie wartete den richtigen Zeitpunkt ab. So bewahrte sie – denn Äbtissin blieb sie weiterhin – eine erstaunliche Kontinuität trotz radikaler Umbrüche.

Anna II. zu Stolberg erreichte mit Mut und Klugheit sehr viel.

Für mich ist sie ein ermutigendes Beispiel dafür, auch heute mit Entschiedenheit und Geduld wichtige Veränderungen anzugehen und dabei den langen Atem nicht zu verlieren, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Und dabei im Blick zu haben: Es gibt auch heute so manche wohlmeinende »Schutzherren«, die hinter ihrem Beschützen-Wollen manche Machtbedürfnisse, wenn nicht gar -gelüste, ausleben wollen.

Am Beispiel Annas und der Biografien anderer Frauen habe ich die Reformationszeit besser kennengelernt: Wie komplex dieser Transformationsprozess war, der Kirche und Gesellschaft quer durch alle Schichten erfasste. Wie viele Menschen daran mitwirkten unter ihren jeweiligen, ganz speziellen Bedingungen.

Und ich habe gelernt, was der besondere Beitrag von Frauen war – ob als Fürstin mit großen Entscheidungsbefugnissen, als Verfasserin geistlicher Lieder, als Äbtissin mit geistlichen und weltlichen Leitungsaufgaben oder als Frau eines Reformators, die das Anliegen ihres Mannes nach Kräften unterstützte.

Der Blick zurück schärft den Blick für die Gegenwart, auf die »Frauenfrage« in der Kirche: Wie wirken Frauen heute in den Kirchen? Welche Veränderungen bewirken sie? Wo gehen ihre Worte ins Leere? Wo begegnen sie männlichem Reviergehabe? Was machen sie anders als Männer? Was können gerade sie besonders gut? Inwiefern leiten und führen Frauen anders? Wie veränderten und verändern sich Pfarramt und Gemeindeleben durch Pfarrerinnen, Kantorinnen und Gemeindepädagoginnen?

Mit der 2012 eröffneten Wanderausstellung »Frauen der Reformation in der Region« hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland die Beschäftigung mit Zeuginnen der Reformation angestoßen – weg von Idealgeschichten und nur einer Heldenfigur. Sie hat die bisherige Schattengeschichte der Frauen der Reformationszeit ins Licht der Aufmerksamkeit geholt. Dieser Prozess, hoffe ich, ist mit dem 500. Jubiläumsjahr der Reformation noch lange nicht beendet.

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Sündenfall im Kreuzgang

30. Mai 2016 von redaktionguh  
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Ballettpremiere zu den Halberstädter Domfestspielen

Dass es zu den diesjährigen Halberstädter Domfestspielen vom 3. bis 6. Juni ziemlich österreichisch wird, ist nicht die einzige Besonderheit. Längst gilt das hochkarätige dreitägige Musik­ereignis als »regionales Produkt«. Dass das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode mit den Musikern des Nordharzer Städtebundtheaters auftritt, war zu den Domfestspielen 2008 vielleicht noch ein Aufreger, in den viel hineininterpretiert wurde. Seither dirigieren die Musikdirektoren Christian Fitzner und Johannes Rieger jedes Jahr abwechselnd das große Domkonzert in Halberstadt. Stand bisher ein Mahler-Zyklus auf dem Programm, wird am 5. Juni, 17 Uhr, im Dom St. Stephanus und Sixtus Christian Fitzner die 7. Sinfonie E-Dur von Anton Bruckner dirigieren.

»Hausherr« Kirchenmusikdirektor Claus-Erhard Heinrich kündigte an, dass nicht nur das Orchesterstück von einem Österreicher stammt, auch das Oratorium am Samstagabend stammt aus dem Nachbarland. Joseph Haydns »Die Jahreszeiten« stellten für Heinrich eine Premiere dar. »Seit ich am Halberstädter Dom bin, singen hier erstmalig die Kantoreien Quedlinburg und Halberstadt gemeinsam«, sagt er. »Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit meinem Quedlinburger Kantorenkollegen Gottfried Biller«, erklärt Heinrich, der auf die sehr guten Solisten verweist. »Zur Musik des Mitteldeutschen Kammerorchesters erlebt das Publikum die Dresdner Sopranistin Ute Selbig, Robert Macfarlane, Tenor aus Berlin, und Henryk Böhm aus Braunschweig.« Das Oratorium wird in den »Herbst- und Wintermonaten« etwas gekürzt, Frühling und Sommer erklingen komplett (4. Juni, 18 Uhr, Dom).

Das Ballett des Städtebundtheaters Nordharz trat bereits 2011 im Dom auf. Foto: Jürgen Meusel

Das Ballett des Städtebundtheaters Nordharz trat bereits 2011 im Dom auf. Foto: Jürgen Meusel

Seine Dompremiere feiert auch Can Arslan, der Ballettdirektor des Nordharzer Städtebundtheaters. Erstmalig inszeniert er im Gotteshaus sein Ballett »Sehnsucht nach dem Ungewissen« (3. Juni, 19.30 Uhr, Dom). Er lacht: »Eigentlich wäre es mir lieber, wenn wir nicht im Dom tanzen.« Dem fragenden Stirnrunzeln setzt er entgegen: »Wir planen eigentlich, im Kreuzgang zu tanzen und nur bei schlechter Witterung ins Kircheninnere auszuweichen.« Für seine Compagnie wird die Inszenierung ein einmaliger Auftritt sein, ohne Bühnenbild, aber mit auserlesener Musik. »Ich bin ein Freund minimalistischer Musik«, gesteht der Spanier Arslan. »So werden meine Choreografien auf Klängen von Arvo Pärt und Philipp Glass basieren.« Er denkt, das schafft den Zuschauern einen besseren Zugang zum Tanz. Gerade Arvo Pärts Werk habe einen hohen Glaubensbezug.

Adams Sündenfall bietet die Folie für sein Ballett »Sehnsucht nach dem Ungewissen«. Can Arslan ist es wichtig, dass die Menschen sich Zeit für sich nehmen, verweilen und nicht materiellen Dingen hinterherstürzen. »Ob Adams Apfel oder der auf dem Smartphone, es ist die materialistische Falle, in der wir sitzen, welches Gesicht die auch immer hat.«

Uwe Kraus

Gottes Rote Karte für Grüne Gentechnik?

17. April 2016 von redaktionguh  
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Kontroverse: Pro und Kontra Gentechnik – Kirche sollte differenzieren

Mit »Plaste und Elaste«, Düsenjets, Kernkraft und industrieller Landwirtschaft blickten wir in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts in eine verheißungsvolle Zukunft. Mit Forschung und Technik waren Heilserwartungen verbunden, die sich am Ende nicht erfüllten.

Offensichtlich ist die in der jüngeren Vergangenheit entwickelte Vision einer durch Wissenschaft und Technik zügig genesenden Welt falsch. Zum einen gelangten wir zu der Erkenntnis, dass Technik insbesondere durch nicht kalkulierte Fernwirkungen nur unzureichend beherrschbar ist. Zum anderen entwickelte sich Widerstand gegen eine zum Allgemeingut gewordene Erwartung an das menschliche Leben, die sich mit der Erfüllung materieller Wünsche erschöpfte. Der Philosoph Hans Jonas sprach in seinem Buch »Das Prinzip Verantwortung« von der Notwendigkeit, Ehrfurcht, Staunen und Bescheidenheit wieder zu erlernen. Insbesondere im kirchlichen Raum wurde und wird ein alternativ einfacher Lebensstil kommuniziert und praktiziert. Damit begann auch eine Debatte über Chancen und Risiken moderner Wissenschaft und Technik. Die im Kontext einer Agrargesellschaft niedergeschriebene Bibel kann uns allerdings nur begrenzt bei einer ethischen Bewertung moderner Technologien zur Seite stehen. Sie mutet uns vielmehr ein abstraktes Spannungsfeld zwischen Unterwerfung der Schöpfung einerseits und deren Bewahrung andererseits zu.

Insbesondere bei der Bewertung der Gentechnik erweist sich dieser duale Verhaltenskodex als schwierig. Die Gentechnik umfasst verschiedene Verfahren, mit denen in das Erbgut von Organismen gezielt eingegriffen wird. Bei der Weißen Gentechnik werden gentechnisch optimierte Enzyme und Mikroorganismen zur Herstellung von Bioethanol, Hormonen, Waschmitteln usw. eingesetzt. Die Rote Gentechnik ermöglicht Anwendungen in der Medizin, Tiermedizin und Pharmazie. Mehr als 130 verschiedene Medikamente einschließlich Insulin werden heute so hergestellt.

Insbesondere die Grüne Gentechnik, bei der gezielt einzelne Gene in das pflanzliche Erbgut eingebaut werden, ist als Protagonistin eines naiven Fortschrittsglaubens und eines sich humanistisch tarnenden Profitstrebens grundsätzlich stigmatisiert. Auch die evangelische Kirche hat sich entschieden: Die Grüne Gentechnik sei nicht notwendig, birgt angeblich unkalkulierbare Risiken für die menschliche Gesundheit in sich, zerstöre das ökologische Gleichgewicht und vernichte kleinbäuerliche Existenzen in den Entwicklungsländern. Diesen pauschalen Annahmen widersprechen nahezu alle Pflanzengenetiker. Viele Molekularbiologen, die sich als Christen bekennen, stehen für eine Revision der ethischen Bewertung der Gentechnik. Sie sehen keine Legitimation ihrer Kirche für eine behauptete »Rote Karte« Gottes für die Grüne Gentechnik, verleugnen aber auch nicht die jeder Technik innewohnende Ambivalenz. So, wie jeder Hammer ein äußerst nützliches Werkzeug ist, kann dieser auch als Mordwaffe verwendet werden. In diesem Sinn ist es falsch, die Grüne Gentechnik per se als »gut« zu bezeichnen, genauso jedoch, sie generell zu dämonisieren.

Schäden für Mensch und Tier?

Der kirchliche Einwand ist richtig, dass Risiken für Mensch und Tier bei Anbau und Nutzung von gentechnisch veränderten (gv) Pflanzen nicht ausgeschlossen werden können. Doch dieses gilt für jede andere Kulturpflanze auch. So mussten in der Vergangenheit einige, durch herkömmliche Züchtung entwickelte Sorten aus dem Verkehr gezogen werden, da diese toxische Wirkung zeigten.

Foto: LeitnerR – fotolia.com

Foto: LeitnerR – fotolia.com

Um ein hohes Maß an Verbraucherschutz zu gewährleisten, investierte die Europäische Union seit 1982 über 300 Millionen Euro in Forschungsprojekte, um mögliche Risiken besser abschätzen zu können. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass gv-Pflanzen keine »größere Gefahr für die Umwelt oder die Lebens- und Futtermittelsicherheit darstellen als herkömmliche Pflanzen und Organismen«. Dagegen kommunizieren NGO (Nichtregierungsorganisation) nahe Einrichtungen konträre Ergebnisse: So erkrankten angeblich Ratten nach der Fütterung mit gv-Lektin-Kartoffeln, erlitten Mäuse durch gv-Erbsen einen Defekt ihres Immunsystems und wurden Kühe, Marienkäfer und Florfliegen durch gv-Mais vergiftet. Auch das Bienensterben soll eine direkte Folge des Anbaus von gv-Pflanzen sein. Diese und ähnliche schwerwiegende Behauptungen hielten einer kritischen Überprüfung durch Dritte nicht stand.

Unkontrollierte Verbreitung von gv-Pflanzen?

Richtig ist, dass eine ungewollte Verbreitung und auch Auskreuzungen von Kulturpflanzen stattfinden können, egal ob sie nun konventionell gezüchtet oder gentechnisch verändert sind. In geringem Umfang werden solche Vermischungen auch beobachtet und durch Isolationsabstände zwischen benachbarten Feldern minimiert. Die öffentliche Dramatisierung einer ungewollten Verbreitung von gv-Pflanzen beruht allerdings auf der Annahme einer – nicht nachgewiesenen – besonderen Gefährlichkeit der Produkte der Grünen Gentechnik.

Überflüssig für Bekämpfung des Hungers?

Derzeit sind zwei Milliar­den Menschen unter- bzw. mangel­ernährt. Dabei geht es bei der Bekämpfung des Hungers nicht nur um die notwendige Zufuhr an Kalorien durch pflanzliche und tierische Produkte, sondern auch um die Überwindung des »stillen Hungers«, nämlich des erheblichen Mangels an Vitaminen, Spurenelementen und Aminosäuren in den Hauptnahrungsmitteln. Entwicklungen wie die des »Golden Rice«, einer mit Provitamin A angereicherten Reispflanze, können dazu beitragen, dass sich Menschen in den asiatischen Entwicklungsländern vollwertiger ernähren und nicht Hunderttausende von Kindern erblinden. Auch der Welternährungsgipfel 2009 in Rom hat einen spürbaren Beitrag der Grünen Gentechnik zur Welternährung eingefordert. Dazu gehört ein erleichterter Zugang zu patentgeschützten Produkten oder solchen, die sich Entwicklungsländer aus anderen Gründen nicht leisten können. Bestehende Abhängigkeiten von Konzernen – die im übrigen auch für konventionelles landwirtschaftliches Saat- und Pflanzgut bestehen – müssen reduziert werden, um die von den UNO-Staaten proklamierten Ziele zur Welternährung zu erreichen. Züchtungserfolge können selbstverständlich nicht eine gerechtere Weltwirtschaft ersetzen.

Die Flut von Veröffentlichungen mit Pro- und Kontra-Argumenten zur Grünen Gentechnik (siehe unter anderem: Reinhard Szibor – Memorandum zur Verantwortung der Kirchen hinsichtlich des Themenkreises Grüne Gentechniker und Brot für die Welt: Es ist genug für alle da, Aufruf 50) erschwert selbst einem gebildeten Zeitgenossen eine Meinungsbildung.

Differenzierte Sichtweise geboten

Wie sollten sich die Kirchen bei dieser speziellen wissenschaftsethischen Frage positionieren, wenn ihnen die eigene Kompetenz zur Bewertung fehlt? Bislang haben sich die Vertreter unserer Kirchen auf die Befunde NGO–naher Einrichtungen verlassen. Die Bevorzugung von Forschungsergebnissen von »alternativen« Einrichtungen ist nach der Erfahrung einer staatlich gewollten Technikgläubigkeit der zurückliegenden Jahrzehnte nachvollziehbar, aber auf Dauer nicht fortschreibbar. Nur eine unabhängige und seriöse Forschung ist geeignet, die Öffentlichkeit über gv-Pflanzen zu informieren. Erst auf dieser Grundlage ist eine Bewertung möglich. Sollten wissenschaftliche Ergebnisse einander widersprechen, sind diese im Zweifelsfall unter kontrollierten Bedingungen zu verifizieren. Christen dürfen die Grüne Gentechnik als ein Instrument der von Gott empfohlenen Unterwerfung der Erde verstehen. Ob bei ihrer Nutzung die Schöpfung bewahrt wird oder nicht, kann nur im Einzelfall auf der Basis einer seriösen wissenschaftlichen Untersuchung entschieden werden. Dies bedeutet, dass die Grüne Gentechnik nicht per se als gut oder schlecht bezeichnet werden kann. Den Kirchen ist der Mut zu wünschen, sich einer Korrektur der von der EKD formulierten grundsätzlichen Ablehnung der Grünen Gentechnik zu öffnen.

Eberhard Brecht

www.ekd.de/agu/themen/gentechnik.html

Der Autor ist promovierter Physiker und war unter anderem am Zentralinstitut für Genetik und Kulturpflanzenforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR beschäftigt. Bis 1989 war er parteilos. Im September 1989 trat er in das Neue Forum ein und engagierte sich hier als Mitinitiator der Bürgerrechtsbewegung in Quedlinburg. Im Dezember 1989 trat er in die SPD ein. Der ersten frei gewählten Volkskammer gehörte er vom 18. März bis zum 2. Oktober 1990 an. Bei den Wahlen zum ersten gesamtdeutschen Bundestag konnte er 1990 in den Deutschen Bundestag einziehen, dem er bis zum 30. Juni 2001 angehörte.

2001 wurde Eberhard Brecht zum Oberbürgermeister der Stadt Quedlinburg gewählt und am 2. März 2008 in seinem Amt bestätigt. Am 30. Juni 2015 schied Brecht aus Altersgründen aus und trat daher zur Wahl am 22. März 2015 nicht mehr an.


Hintergrund

Immer dann, wenn mit Hilfe besonderer Verfahren die Erbinformation der Lebewesen analysiert, die Träger einer bestimmten Erbinformation, die Gene, isoliert und auf andere Lebewesen übertragen werden, sprechen wir von Gentechnik. Dabei wird häufig unterschieden zwischen der »Grünen Gentechnik«, der Anwendungen bei Pflanzen und Lebensmitteln, der »Roten Gentechnik«, der Anwendung in der Medizin und der »Weißen Gentechnik«, der Anwendung in der Produktionstechnik. Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist es möglich, direkt in die Erbanlagen von Lebewesen einzugreifen, deren räumlichen Kontext willkürlich zu verändern und sogar einen Austausch von Genen über die natürlichen Artgrenzen hinweg vorzunehmen. Durch die Gentechnik erfolgt eine völlig neue Eingriffstiefe in die Grundlagen des Lebens, wobei die Zeitspannen, in denen Veränderungen erzielt werden, gegenüber der Evolution wesentlich verkürzt sind.

Dies führt zu neuen Herausforderungen in der Wissenschaft, deren ethische Beurteilung auch in den Kirchen als wichtige gesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen wird.

Die Kampagne »Keine Gentechnik auf Kirchenland« der kirchlichen Umweltbeauftragten führte zu zahlreichen Beschlüssen zum Umgang mit der Gentechnik auf kirchlichem Pachtland.

Mit offenen Armen empfangen

19. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Ehrenamt: In Quedlinburg ist das bürgerschaftliche Engagement für Flüchtlinge groß

Eine junge Mutter hilft ehrenamtlich und schafft damit den beruflichen Wiedereinstieg.

Am Ende des ersten Tages ließen sich die Türen kaum mehr schließen. So unfassbar viele Kleiderspenden waren in der Annahmestelle der Evangelischen Stiftung Neinstedt in Quedlinburg eingegangen. Die ehrenamtlichen Helfer waren überwältigt von der Anteilnahme der Menschen, aber erstaunt waren sie nicht. »Mich persönlich hat diese Welle der Hilfsbereitschaft nicht überrascht. Die Menschen hier sind hilfsbereit und zupackend«, sagt Anne Fuhrmann, 31 Jahre alt, gebürtige Quedlinburgerin. Sie handhabt es selbst so.
Es ist September, als die Menschen in Quedlinburg davon erfahren, dass das Land in ihrer Stadt eine Außenstelle des zentralen Erstaufnahmelagers Halberstadt errichten will. Es muss aus unserer Mitte etwas passieren, meinen die Menschen. Der Runde Tisch, der vor 15 Jahren gegründet wurde, um Aktionen gegen Rechtsextremismus zu koordinieren, ist das Mittel der Wahl. Vereine, Verbände, Verwaltung und Privatleute versammeln sich hier. Über eine Freundin stößt auch Anne Fuhrmann dazu. Mit Flüchtlingen hatte sie vorher noch nie zu tun. Aber es ist ihre Leitlinie, Menschen so zu behandeln, wie sie selbst behandelt werden möchte: Mit offenen Armen und weitem Herzen, freundlich, sich selbst ein eigenes Bild machend.

Vom Ehrenamt zum Hauptberuf: Die 31-jährige Anne Fuhrmann engagiert sich für Flüchtlinge in Quedlinburg. Foto: Katja Schmidtke

Vom Ehrenamt zum Hauptberuf: Die 31-jährige Anne Fuhrmann engagiert sich für Flüchtlinge in Quedlinburg. Foto: Katja Schmidtke

Anne Fuhrmann erklärt sich am Runden Tisch bereit, Helfer für die Kleiderspende einzuteilen, und weil sie eben einmal dabei ist, übernimmt sie die gesamte Koordination der Ehrenamtler. Über Aufrufe und eine eigens eingerichtete Facebook-Seite und Mail-Adresse melden sich Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, sie zum Arzt begleiten, die frisches Obst aus dem heimischen Garten spenden möchten oder die es durch Sachspenden ermöglichen, dass Flüchtlinge am Brockenlauf teilnehmen können. »Die Nachfrage ist irre«, sagt Christian Mühldorfer-Vogt von der Evangelischen Stiftung Neinstedt. Er schätzt, dass sich mindestens 200 Quedlinburger gemeldet haben. Zu erfassen, wer was anbietet und wer wann Zeit hat, das ist Anne Fuhrmanns Aufgabe. Mit Hilfe ausgeklügelter Excel-Tabellen erstellt sie Stundenpläne. Zudem ist sie täglich von 9 bis 15 Uhr im Flüchtlingswohnheim. Gemeinsam mit einem festen Stamm weiterer Ehrenamtlicher kommt sie mit den rund 130 Bewohnern in Kontakt; die meisten sind aus Syrien vor dem Bürgerkrieg geflüchtet: Jugendliche, die ohne Eltern das Land verlassen haben. Familien, die auf der Flucht auseinandergerissen wurden. Kinder, die ihre Mutter verloren haben.

Es sind volle, lange und mit vielen Emotionen gefüllte Tage für Anne Fuhrmann. »Mehr als ein Fulltime-Job, zehn, zwölf Stunden täglich«, erzählt Christian Mühldorfer-Vogt. Die Evangelische Stiftung Neinstedt hat, wie andere Ins­titutionen am Runden Tisch längst erkannt, was die Ehrenamtlichen leisten. »Dass das selbst mittelfristig nicht geht, war schnell klar. Da stößt das Ehrenamt an Grenzen«, sagt Mühldorfer-Vogt. Und genau dies sei der Ausgangspunkt gewesen, eine Stelle zu schaffen.

Seit 1. Oktober ist Anne Fuhrmann jetzt bei der Stiftung angestellt, für 25 Stunden die Woche. Für die junge Frau fügt sich damit selbst etwas. Denn die gelernte Bürokauffrau wollte in diesem Winter ohnehin ihre Elternzeit beenden; ihre Kinder sind drei und anderthalb Jahre alt. Bei der Stiftung setzt die junge Mutter nun fort, was sie als ehrenamtliche Helferin begann. Sie will sich außerdem dafür engagieren, dass jene Flüchtlinge, die in Quedlinburg bleiben dürfen, hier integriert werden. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung und anderen Wohlfahrtsverbänden soll dies erreicht werden. Ihre erste Idee ist es, ihr Büro einmal die Woche zu öffnen als eine Begegnungsstätte für Alteingesessene und Neuankömmlinge.
Auch wenn Anne Fuhrmann über ihr ehrenamtliches Engagement eine hauptberufliche Stelle gefunden hat, ist sie gewiss, dass es ohne die freiwilligen Helfer auch in Zukunft nicht gehen wird. Sie denkt an Patenschaften für Flüchtlinge – und will gemeinsam mit Freunden beispielgebend vorangehen. »Ich glaube, dass das in Quedlinburg gelingt. Wenn sich die Menschen hier etwas in den Kopf setzen, dann ziehen sie es auch durch.«

Katja Schmidtke

Mit Brief und Siegel

1. April 2015 von redaktionguh  
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Ausstellung zu über 600 Jahren Ablasswesen

Manche Stücke sind prächtig anzusehen und fast einen Quadratmeter groß: zum Beispiel eine Ablassurkunde von 25 Kardinälen aus dem Jahr 1497 mit angehefteten Bestätigungen der Magdeburger Erzbischöfe Ernst und Albrecht. Andere wiederum sind ziemlich unscheinbare Schreiben, wie ein Ablass des Patriarchen von Grado von 1286 für das Wipertistift in Quedlinburg. Es sind nur zwei Beispiele von etwa 50 Urkunden über Ablassprivilegien, die bis Mai im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt in Magdeburg ausgestellt sind. Die Exponate stammen allesamt aus den Beständen des Archives, in dem rund 400 derartige Schriftstücke aufbewahrt werden.

Sammelablass von 25 Kardinälen für die Marienkapelle in Idenstädt, eine Wüstung nahe Quedlinburg, datiert: Rom 19. 10. 1497. Foto: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt

Sammelablass von 25 Kardinälen für die Marienkapelle in Idenstädt, eine Wüstung nahe Quedlinburg, datiert: Rom 19. 10. 1497. Foto: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt

»Seelenheil mit Brief und Siegel – Ablassurkunden aus dem 13. bis 18. Jahrhundert« lautet das Thema der Ausstellung dieser besonderen Gattung archivalischer Quellen. Die Jahrhunderte alten Pergamente entführen die Betrachter in eine fremde, spannende Welt. Zudem bietet die Schau Informationen zu dem so einmaligen wie komplizierten kulturgeschichtlichen Hintergrund des Ablasses.

Das Wort Ablass ist zwar als ein Hauptreizwort der Reformationszeit bekannt. Die ausgestellten Urkunden beginnen aber schon kurz nach dem Jahr 1200. Inhaltlich geht es um Folgendes: Eine Kirche ließ sich vom Bischof oder Papst das Recht erteilen, dass ihre Besucher bei ihr einen Nachlass von einer auferlegten Buße (meistens 40 Tage) erhalten konnten. Hierdurch wurden Scharen von Pilgern angezogen, die in der jeweiligen Kirche durch ihre Spenden oder tatkräftige Hilfe einerseits für ihr Seelenheil vorsorgten, andererseits aber Bau, Ausstattung und Funktionieren dieser Kirche sichern sollten.

Im protestantischen Raum trat in den auf die Reformation folgenden Jahrhunderten eine Versachlichung im Umgang mit dem Ablass ein. Zum Beispiel druckte der Schultheiß und Salzgraf Johann Christoph Dreyhaupt aus Halle in seiner Geschichte des Saalkreises von 1755 zahlreiche Ablässe- und Siegelabbildungen ab. Ein weiteres Zeugnis für das antiquarische Interesse ist das monumentale Druckwerk, das der Quedlinburger Archivar Anton Ulrich von Erath 1765 heraus-
gab.

Von besonderem Interesse ist der geografische Horizont der Ablassprivilegien. So blieben Urkunden und Siegel aus ursprünglich griechisch-orthodoxen Regionen erhalten, in denen nach dem Kreuzzug 1204 römisch-katholische Bischöfe eingesetzt wurden. Auch aus dem Patriarchat Peking (1207) oder dem mongolischen Machtbereich nach dem Tod Dschingis Khans (1227) sind Urkunden erhalten geblieben. Sie haben Seltenheitswert, weil Bistümer in diesem Teil der Welt nur kurze Zeit bestanden.

Angela Stoye

Interessenten können die Ausstellung bis Mitte Mai zu den Dienstzeiten des Landeshauptarchivs besichtigen: Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr, Mittwoch bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Mit Herz und Seele für ihre Gemeinden da

14. April 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Pastorin Ursula Meckel scheidet nach fast 38 Jahren aus dem Dienst im Pfarrsprengel Thale aus

Die vergangenen Wochen und Monate waren vom Abschiednehmen geprägt. Von den Gemeinde- und Seniorenkreisen hat sich Pastorin Ursula Meckel (64) aus Thale ebenso verabschiedet wie aus der Gemeindeleitung. Mit dem 31. März endete ihr Dienst im Pfarrbereich Bad Suderode-Friedrichsbrunn, dem Kirchspiel Thale und der Kirchengemeinde Warnstedt. Bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand Ende November übernimmt sie noch eine Beauftragung für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

Pastorin Ursula Meckel hat viel bewegt. Foto: Karin Voigt

Pastorin Ursula Meckel hat viel bewegt. Foto: Karin Voigt

Das Vikariat hinzugerechnet, sind es 40 Arbeitsjahre im kirchlichen Dienst. Dabei sah es jahrelang so aus, als würde die 1949 in Ost-Berlin Geborene einen eher DDR-systemkonformen Lebensweg wählen. Zur Kirche fand sie als Jugendliche. Weil der Inhalt ihres Aufsatzes zum Thema »Das ist Sozialismus« mehr als nicht gefiel, wurde Ursula Meckel 1966 von der Spezialschule für Mathematik in Berlin relegiert. Nach einer Lehre zur Elektrosignalschlosserin mit Abitur begann sie, 1969 in Berlin Theologie zu studieren und wechselte 1972 an das Theologische Seminar Leipzig. Als Vikarin von 1974 bis 1976 in Theißen im damaligen Kirchenkreis Zeitz begegnete sie auch Oskar Brüsewitz und seiner Familie. Ordiniert wurde Ursula Meckel am 15. Mai 1977 in der St.-Andreas-Kirche in Thale. »Ich hatte meine Heimat in der Kirche gesucht und gefunden«, blickt sie zurück. »Ich war als Hauptamtliche hochwillkommen in der Kirchengemeinde und in der Landeskirche. Die Zusammenarbeit mit den Schwestern und Brüdern –
als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft unabhängig vom jeweiligen Berufsstand – war erfreulich.« Auch die mit ihren jeweiligen katholischen Kollegen in Thale, mit denen sie ab und zu die Kanzel tauschte.

Viele Aufgaben hat Ursula Meckel in den Jahrzehnten auch außerhalb Thales wahrgenommen. Zum Beispiel arbeitete sie seit dem Lutherjahr 1983 in Pressezentren von Kirchentagen mit, später beim Deutschen Evangelischen Kirchentag und seit dem Ökumenischen Kirchentag 2003 auch bei den Katholikentagen. 16 Jahre war sie mit Andachten im Rundfunk zu hören – oder hörte viele Jahre als Mitarbeiterin der Telefonseelsorge Magdeburg anderen Menschen zu. Von 1993 bis 1998 war Ursula Meckel zusätzlich Pastorin an der Stiftskirche in Quedlinburg. Von 1990 bis 2007 saß sie für das Neue Forum, später Bündnis 90/Die Grünen im Quedlinburger Kreistag. Die Theologin ist dankbar dafür, dass Christen heute in ihren Dörfern und Städten mitarbeiten können, anstatt beargwöhnt und bespitzelt zu werden.

Die Entwicklung, die ihre Kirche in den vier Jahrzehnten genommen hat, erfüllt sie manchmal auch mit Sorge. Nicht nur, dass die Arbeitsbereiche sich stark vergrößert haben – so wie ihr eigener. Die Dominanz des Geldes findet sie erdrückend; in Gremien und Konventen gehe es vorrangig um Strukturen. Das weiß sie aus den 20 Jahren, in denen sie in Leitungsgremien ihres Kirchenkreises mitarbeitet, der sich seither ebenfalls verändert hat: Die Fläche des heutigen Kirchenkreises Halberstadt umfasst etwa die ehemaligen Kirchenkreise Halberstadt, Quedlinburg und Wernigerode.

Die »weichen Stellen der Gemeindearbeit« blieben oft auf der Strecke, bedauert sie, aber sie bleibt optimistisch: »Ich glaube fest, dass es die Kirche Jesu weiter geben wird, auch wenn sie vielleicht ganz anders aussehen wird.« Dankbar ist Ursula Meckel für die vielen ehrenamtlich arbeitenden Frauen und Männer in den Gemeinden. Das Wichtigste in all den Jahren ist für sie die Gemeindearbeit mit den Kontakten zu ganz unterschiedlichen Menschen geblieben. Kraft schöpft sie auch aus der Musik – seit über 40 Jahren spielt sie im Posaunenchor, anfangs Trompete, später Waldhorn – und aus dem Leben mit ihrer Haus- und Hoffamilie und den beiden Katern. Ursula Meckel ist, allen Widrigkeiten zum Trotz, gerne Pastorin, also Seelenhirtin, geblieben und wird es weiter sein, wo sie gefragt wird.

Angela Stoye

In vielen Kirchen klingt es

17. Dezember 2013 von redaktionguh  
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Besonders im Dezember ist zu hören, wofür Chöre das Jahr über geprobt haben

Vom Weihnachtsoratorium in Stadtkirchen bis zur »Musik im Kerzenschein« in ländlichen Gotteshäusern: Advent ist die hohe Zeit der Kirchenmusik. Chöre, Orchester und Bläserchöre proben oft den ganzen Herbst über, damit das musikalische Gotteslob in Gottesdiensten und Konzerten am Beginn des neuen Kirchenjahres die Zuhörer erfreut. Der neue Landeskirchenmusikdirektor Matthias Pfund, der am 15. Dezember in sein Amt eingeführt wird, findet von Ballenstedt bis Zerbst Vielfalt vor: In der Landeskirche treffen sich rund 1 000 Sängerinnen und Sänger in Kirchenchören und übergemeindlichen Chören (einschließlich der Gospelchöre) meist wöchentlich zu Proben. Rund 400 Mädchen und Jungen singen in Kinderchören in Gemeinden oder Kindertagesstätten mit. Es gibt annähernd 30 Instrumentalkreise und rund 220 Blechbläser, die in 13 Bläserchören aktiv sind. Im hauptamtlichen Dienst stehen in Anhalt fünf Kreiskirchenmusikwarte und weitere Mitarbeitende in Voll- oder Teilzeit. Hinzu kommen 60 bis 70 nebenberufliche Kirchenmusiker, die entweder einen Chor oder Posaunenchor leiten oder regelmäßig in den Gottesdiensten Orgel spielen. »In unserer Landeskirche«, sagt Oberkirchenrat Manfred Seifert, »soll es auch künftig lebendige und hochwertige Kirchenmusik geben.« Der Theologe, der selber in einem Posaunenchor bläst, will sich dafür einsetzen, dass »mehr als bisher der kulturelle Aspekt kirchlichen Handelns wahrgenommen wird«. So sollten Kirchenmusiker auch in den Kulturbeiräten von Städten und Landkreisen mitwirken.

Projektarbeit nur mit verlässlichem Sänger-Stamm

Musikalische Höhepunkte waren zum Beispiel 2012 Händels »Messias« zum Mitsingen beim Anhaltischen Kirchentag in Ballenstedt, die »800 Takte für Anhalt 800« in Dessau-Roßlau oder die Beteiligung an der Aktion »Kirche klingt, 366 + 1« im Themenjahr der Lutherdekade »Reformation und Musik«. Feste Größen im anhaltischen Musikleben sind die Kindersingwoche in jedem Jahr in den Winterferien in Gernrode, Konzertreihen, Bläserfreizeiten und Jungbläsertage, das Adventsblasen der Posaunenchöre Anhalts in Dessau-Roßlau, Oratorienaufführungen, und die Beteiligung von Bläsern an Kirchentagen. Bläser, so hieß es im Bericht vor der Landessynode im November, seien auf vielfältige Weise in der Landeskirche und darüber hinaus präsent. Bei den Bläseranfängern gebe es noch immer steigende Zahlen. Landesposaunenwart Steffen Bischoff wies aber auch darauf hin, dass in den kommenden Jahren weitere ehrenamtliche Mitarbeiter im Posaunenwerk gewonnen, ausgebildet und begleitet werden müssten. Viele gut ausgebildete Kräfte würden nach ihrer Schulzeit weggehen. »Das ist für das Posaunenwerk sehr schmerzhaft.«

Foto: Burkhard Dube

Foto: Burkhard Dube

Die Kirchenmusiker merken aber, dass die Verbindlichkeit in der Gesellschaft abnimmt. In der Chorarbeit kommt es hier und da auch zu Projekten. »Aber«, sagt Eckhart Rittweger, Kreiskirchenmusikwart des Kirchenkreises Ballenstedt, »das funktioniert nur, wenn ein verlässlicher Stamm von Sängerinnen und Sängern da ist.« Ein verbindlicher Chor ziehe weitere Sängerinnen und Sänger an und mit. »Und ich hoffe dann, dass einige dabeibleiben.« Seinem Aufruf, das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach am 20. Dezember in der Gernröder Stiftskirche mitzusingen, sind 20 Leute gefolgt, die den Dezember über mit der Kantorei regelmäßig geprobt haben und es bis zur Generalprobe am Freitag tun werden. Auf den Ausklang des Festjahres »1 050 Jahre Stiftskirche Gernrode« dürfen die Besucher gespannt sein.

Angela Stoye

Karten für das Oratorium am 20. 12., 19.30 Uhr, gibt es noch in den Stadtinformationen in Ballenstedt, Gernrode und Quedlinburg sowie im Gemeindebüro in Gernrode.

Herrschaft und Kirche

28. Oktober 2013 von redaktionguh  
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Reformationsdekade: Luthers Zwei-Reiche-Lehre schuf die Grundlage der modernen europäischen Verfassungen

Am Reformationstag wird in Augsburg das Themenjahr »Reformation und Politik« der Evangelischen Kirche in Deutschland eröffnet. Die Geschichte zeigt, dass hier Gesprächsbedarf besteht.

Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.« In der Kirche meiner Kindheit las ich oft diese Worte aus dem 15. Kapitel des Evangeliums nach dem heiligen Johannes, eingemeißelt in eine schwarze Tafel mit den Namen derer, die im 1. Weltkrieg ihr Leben lassen mussten »für Volk und Vaterland«.

Hoch oben steht das einstige Reichsstift zu Quedlinburg. Der Fels, auf den die Ottonen ihre Herrschaft hier zu gründen trachteten, war ein geistlicher. Man sieht ihn noch heute! Aber als der Missbrauch der Verbindung von Evangelium und Politik unerträglich wurde, begann die Reformation. Foto: Borisb17/Fotolia

Hoch oben steht das einstige Reichsstift zu Quedlinburg. Der Fels, auf den die Ottonen ihre Herrschaft hier zu gründen trachteten, war ein geistlicher. Man sieht ihn noch heute! Aber als der Missbrauch der Verbindung von Evangelium und Politik unerträglich wurde, begann die Reformation. Foto: Borisb17/Fotolia

Mir ist erst viel später aufgegangen, in welch höllischer Blindheit die evangelische Kirche damals eines der kostbarsten Bibelworte missbrauchte. So war es fast unmöglich, die Gräuel neuerlicher Kriegsvorbereitungen vom Geist des Evangeliums zu unterscheiden, der doch in den Worten des Johannesevangeliums klarer und heller aufscheint als irgendwo sonst! Wie konnte dies in der Kirche geschehen, deren Gründungsurkunde die Heilige Schrift ist? Über dem Kapitel Reformation und Politik liegt seither ein Erschrecken. Hatte nicht schon Heinrich Heine beim Reformationsjubiläum 1817, dem »Wartburgfest«, vor aufkommenden nationalistischen Tönen ein Gruseln ergriffen? Als Luther und Müntzer 1523 ihre programmatischen Schriften zum Verhältnis von Evangelium und Politik veröffentlichten, ahnten sie nichts davon. Beiden war zweierlei deutlich: Wer Christus nachfolgen will, müsse bereit sein, Unrecht zu erleiden. Und: Weltliche Gewalt stehe nicht außerhalb der Gebote Gottes, sondern diene dazu, dem Recht um der Liebe zum Mitmenschen willen Geltung zu verschaffen. Was das jedoch konkret heiße, darin gingen beide Reformatoren auseinander.

Als »Zwei-Reiche-Lehre« ist diese reformatorische Auffassung später schlimmen Missverständnissen ausgesetzt worden, »als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären«, wie es die Barmer Bekenntnissynode 1934 verurteilte, als sei Religion Privatsache, die in der ­Öffentlichkeit nichts zu suchen habe, oder als sei sie dazu geeignet, das ­Unheilige des Völkermords im Mantel der Heiligkeit zu verschleiern.

In der Zeit der Reformation freilich schuf sie eine Grundlage der modernen europäischen Verfassungen. Denn wenn auch der Fürst oder ­Bischof »weltliche« Macht über die körperliche und soziale Existenz des Menschen ausüben könne, so doch niemals über seine innere Integrität, sein Gewissen.

Die Seele des Menschen stehe allein in der Verfügungsmacht Christi: »Wenn ihr bleiben ­werdet in meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen.«

Damit waren Staatswesen und Konfession unterschieden, und dies konnte nie mehr rückgängig gemacht werden. Daran scheiterten selbst Hitler und Stalin. Nicht nur, dass fortan Katholiken, Evangelische, Baptisten, Juden und Agnostiker in einem Gemeinwesen zusammenleben konnten. Als Paul Schneider von den Nazis gezwungen wurde, aus seinen Gemeinden im Hunsrück auszuscheiden, weigerte er sich bis zum Tod in Buchenwald. Er akzeptierte kein weltliches Recht, das das göttliche Recht seiner Berufung zum Pfarrer in Dickenschied und Womrath annulliert hätte. So half er, den 13. Vers aus dem 15. Kapitel des Johannesevangeliums wiederherzustellen.

Es ist seltsam in Vergessenheit geraten: Die Freiheit des Gewissens gründet im Geist des Evangeliums! Ihm wohnt eine verwandelnde Kraft inne, die durch nichts zu ersetzen ist. Und da kann es letztlich keine zwei Reiche mehr geben, sondern einzig das Schauen auf den, den Gott gesandt hat, weil er die Welt liebt, und das Mitgehen seiner Wege. Gebe er seiner Kirche dazu die Sehnsucht, die Aufmerksamkeit und seine Gnade!

Reinhard Simon

Der Autor ist Pfarrer in Genthin.

Das war der Hammer!

29. Juli 2013 von redaktionguh  
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Handwerkerwochenende im Kinder- und Jugendzentrum Quedlinburg

Viele bunte Gartenstühle gibt es jetzt in der »Haltestelle«. Das erste Ferienwochenende war in dem evangelischen Kinder- und Jugendzentrum in Quedlinburg ein arbeitsreiches. Die Kinder waren eingeladen, sich unter dem Motto »Die Kirche hat ’nen Hammer!« als Handwerker zu betätigen und ihre »Haltestelle« zu verschönern und instand zu setzen. Die Idee zu dem Projekt, zu dem fast 40 Mädchen und Jungen kamen, hatte Vikarin Franziska Kaus. »Für die Kinder war es ein großer Spaß. Sie waren so eifrig beschäftigt, dass manche sogar gefragt haben, wann die Pause endlich vorbei ist und sie weiterarbeiten können«, berichtet sie. »Und für uns ist die Idee aufgegangen: Wir wollten den Kindern zeigen, was sie alles mit ihren Händen schaffen können.«

Lukas ließ sich auch von seiner älteren Verletzung nicht abhalten, beim Handwerkertag dabei zu sein. – Foto: Haltestelle/Franziska Kaus

Lukas ließ sich auch von seiner älteren Verletzung nicht abhalten, beim Handwerkertag dabei zu sein. – Foto: Haltestelle/Franziska Kaus

Blumenkästen sind entstanden, eine Kräuterspirale, die Ziegel einer baufälligen Mauer wurden geputzt und zu einer neuen Mauer gefügt, eine Gartentür wurde hergerichtet. Die Kinder – viele von ihnen fahren in den Ferien nicht weg – erlebten, dass sie und ihre Arbeit wertvoll sind. Das etwa 20-köpfige Projektteam konnte fast eine persönliche Betreuung und Anleitung der Kinder gewährleisten.

»Ich habe viel Unterstützung gefunden. Handwerker halfen, allerdings nicht direkt bei der Arbeit, dafür fehlt ihnen die Zeit. So haben vom Abiturienten bis zur Großmutter, vom Hobbybastler bis zur Architektin Ehrenamtliche aus der Gemeinde die Kinder betreut«, freut sich die angehende Pastorin, dass es auch gelungen ist, das Jugendzentrum in der Gemeinde bekannter zu machen. Dazu trug auch das Abschlussfest bei, für das Kinder eine Kartoffelsuppe kochten. Vom Rezeptlesen über das Einkaufen bis zum Schnippeln und Pürieren erlebten sie Handwerk in der Küche. Wiederholung erwünscht, sagt Franziska Kaus.

Renate Wähnelt

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