Unvollkommen vollkommen

13. Juli 2018 von redaktionguh  
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Heilig: Martin Luther hat die Heiligen vom Himmel auf die Erde heruntergeholt. Wie für das Neue Testament sind auch für ihn alle Christen heilig.

Es gibt deshalb nicht mehr Christen erster – eben die Heiligen – und solche zweiter Klasse. Nicht mehr die vollendeten, sondern die lebenden Heiligen stehen für ihn im Zielpunkt des Interesses.

An die Stelle der Heiligenverehrung ist im Protestantismus die Nächstenliebe getreten – mit einschneidenden Folgen für Glauben und Leben. Denn das Heiligsein jedes Christen muss sich im Alltag bewähren. Evangelischsein heißt: Den Glauben ins Leben ziehen. Diese Aufgabe kann fortan auch nicht länger an eine religiöse Elite wie eben die Heiligen delegiert werden.

Pantomime unter dem Heiligenschein. Die Installation vor dem Brandenburger Tor war einer der Heiligenscheine, die vor 15 Jahren über den Besuchern des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin, unter dem Motto »Ihr sollt ein Segen sein«, schwebten. Foto: epd-bild

Pantomime unter dem Heiligenschein. Die Installation vor dem Brandenburger Tor war einer der Heiligenscheine, die vor 15 Jahren über den Besuchern des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin, unter dem Motto »Ihr sollt ein Segen sein«, schwebten. Foto: epd-bild

Dabei war sich Luther bewusst, dass jeder Heilige trotzdem bis an sein Lebensende versagt und an seinem Nächsten schuldig wird. Drastisch schrieb er im Kleinen Katechismus, dass der alte Adam täglich durch Reue und Umkehr ersäuft werden muss – denn das Biest kann schwimmen. Diese Einsicht in das menschliche Herz wäre zum Verzweifeln, wenn der Reformator nicht gleichzeitig erkannt hätte, dass Gott bereit ist, dem Menschen immer wieder zu vergeben und ihm einen Neuanfang zu schenken. Christen sind also nicht besser als andere Menschen – aber sie sind besser dran, weil sie im Antlitz Jesu Christi die Liebe Gottes erblickt haben.

Mit zunehmender Säkularisierung ist das Angebot des Evangeliums, dass Gott bereit ist, Menschen Schuld und Versagen zu vergeben, entweder für unzeitgemäß erklärt worden oder schlicht mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Nach Überzeugung des Philosophen Odo Marquard hat das den neuzeitlichen Menschen – und das gilt meiner Beobachtung nach längst für Nichtchristen und Christen gleichermaßen – in eine prekäre Lage gebracht.

Er muss mit seiner Schuld und Schuldverflochtenheit selber fertig werden und findet sich als Konsequenz in einer »Übertribunalisierung« seiner Lebenswirklichkeit vor. Weil er die Entlastung durch die göttliche Vergebung nicht mehr kennt, ist er selbstverantwortlich für alles, was im persönlichen und gesellschaftlichen Leben misslingt.

In der Konsequenz kommt es zu einer Tyrannei des gelingenden Lebens mit einer häufig zu beobachtenden Überanstrengung des Subjekts, geprägt von Leistungszwang von außen und dem Drang zur Selbstoptimierung von innen. Unsere Gesellschaft produziert das Gefühl, nie am Ende sein zu dürfen.

Angesichts dieser Situation lohnt es sich, den christlichen Glauben neu ins Spiel zu bringen. Er hat das Potenzial, Menschen zur Selbstvergewisserung durch Selbstbegrenzung und Selbstverendlichung zu verhelfen: »Du darfst am Ende sein! Du musst dir deine Lebensberechtigung nicht selbst verdienen. Gott sieht dich in Jesus Christus ohne Vorleistungen gnädig an.« Dass mir meine Lebensberechtigung von außen, als Geschenk, zugesprochen wird, ist nicht Ausdruck einer entmündigenden, kleinmachenden Erfahrung, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung. Ich muss nicht mehr sein als ein vor Gott und Menschen heilsam begrenzter Mensch. In einem Brief hielt Martin Luther fest: »Wir sollen Mensch und nicht Gott sein. Das ist die Summa.«

Genau an dieser Stelle könnte die Wiedergewinnung einer evangelischen Heiligenverehrung hilfreich sein. Die lutherische Reformation hat diese ja nicht an sich abgelehnt. Sie wollte sie nur nach reformatorischen Grundsätzen umgestalten. Nach Artikel 21 des Bekenntnisses von Augsburg ist der Christ ein besonders zu ehrender Heiliger, wenn dessen Vorbild hilft, das eigene Vertrauen auf die Rechtfertigung allein aus Gnaden zu stärken und zur Nachfolge Jesu Christi im Beruf entsprechend der eigenen Begabung zu ermuntern.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

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Erfolgsgeschichte: Pop-Oratorium »Luther« erklingt auch 2018

27. Mai 2018 von redaktionguh  
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Foto: Stiftung Creative Kirche

Foto: Stiftung Creative Kirche

Ob auf dem Klappstuhl, dicht gedrängt stehend, oder auch liegend auf der Campingdecke – ganz Wittenberg und Gäste von nah und fern versammelten sich im August 2017 in der Lutherstadt, um eine einzigartige Freiluftveranstaltung, das Pop-Oratorium Luther, zu erleben.

Bei herrlichem Sommerwetter genossen 3 500 Zuschauer an der Wittenberger Schlosskirche und damit an historischer Stätte eine beeindruckende Aufführung, die sich nicht allein wegen des starken Besucherandrangs als ein Höhepunkt des Reformationssommers erwies. Zudem war die Bedeutung der Konzertstätte als Geburtsort der Reformation bei vielen Zuschauern deutlich spürbar: die besondere Atmosphäre verstärkte die Wirkung des beeindruckenden Bühnenwerks.

Die Erfolgsgeschichte des Oratoriums, das als DVD und Blu-ray in gestochen scharfer HD-Qualität bestellt werden kann, geht 2018 weiter.

Nach Gastspielen in Hannover, Stuttgart, Düsseldorf, Mannheim, Hamburg, Brüssel und München im vergangenen Jahr wird es im Herbst Aufführungen in Süddeutschland und der Schweiz geben. Start ist am Reformationstag in Fellbach (31. 10.), es folgen Augsburg (1. 11.), St. Gallen (2. 11.) und Freiburg im Breisgau (4. 11.).

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Christusfest mit Auftrag

25. Mai 2018 von redaktionguh  
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Was bleibt vom Reformationsjubiläum? An erster Stelle ein Satz der Bibel. Einer, der schon vor 2017 da war und der auch zukünftig bleiben und gelten wird: »Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.«

Was bleibt noch? Es bleibt eine revidierte Übersetzung der Lutherbibel. In unserer säkular geprägten Gesellschaft haben Menschen sie gekauft und so die Heilige Schrift zu sich nach Hause geholt. Sollte es Wichtigeres geben als das? Und weil wir gerade bei Büchern sind: Neue historische Bücher machten deutlich, dass wir es im Blick auf die Reformation mit einer vielfältigen reformatorischen Bewegung zu tun haben. Dass Martin Luthers Welt eine uns heute fremde Welt ist. Dass wir Erkenntnisse der Reformation deshalb für heute neu verstehen müssen. Und dass wir manches, was Martin Luther vertreten hat, heute klar zurückweisen müssen. Wie seinen Antijudaismus. Der historische Blick auf die Reformation hat heilsamen Abstand hergestellt, neues Verstehen und neue Fragen geweckt, das eigene Denken herausgefordert. Und das schadet ja nie.

Vor einem Jahr: Die Kirchentage auf dem Weg und die Abschlussveranstaltung auf den Elbwiesen bei Wittenberg. Der begehbare Bibelturm (Foto) am Bahnhof der Lutherstadt war weithin sichtbar. Wie so vieles andere ist er längst wieder abgebaut. Foto: epd-bild

Vor einem Jahr: Die Kirchentage auf dem Weg und die Abschlussveranstaltung auf den Elbwiesen bei Wittenberg. Der begehbare Bibelturm (Foto) am Bahnhof der Lutherstadt war weithin sichtbar. Wie so vieles andere ist er längst wieder abgebaut. Foto: epd-bild

Als ökumenisches Christusfest hat das Reformationsgedenken zu einem vertieften Verständnis der Konfessionen beigetragen. Es tat gut, in ökumenischer Verbundenheit Gottesdienste zu feiern. Es war wichtig, Verletzungen und Fragen auszusprechen, die das Miteinander belasten. Und es war wohltuend, gegenseitig Wertschätzung und Respekt zu erfahren. Manches, was dabei ausgesprochen und gefeiert wurde, hat öffentlich nachvollzogen, was im alltäglichen ökumenischen Miteinander schon länger gewachsen ist. Aus dem gemeinsamen Christusfest folgt der Auftrag, jetzt nicht genügsam stehenzubleiben, sondern weiter miteinander unterwegs und dabei über Trennendes wie Gemeinsames im Gespräch zu sein. Zwischen katholischer und evangelischer Kirche sind das vor allem Fragen des Kirchen- und des Amtsverständnisses und daraus resultierend des Abendmahles.

Zum Reformationsjubiläum kamen viele Touristen in unsere Region. Was die Reformation hier jeweils vor Ort historisch, gegenwärtig und zukünftig bedeutet, hat Interesse gefunden. Das hat die Kirchengemeinden gestärkt. Es hat Gemeindeglieder ermutigt. Hat Kontakte zu anderen Akteuren der Zivilgesellschaft gefestigt und neue finden lassen. Hat Gemeinschaft neu entdecken lassen – besonders eindrücklich in vielfältigen Formen der Mahlgemeinschaft und Gastfreundschaft. Hier werden wir zukünftig anknüpfen können. Dazu gehören auch die Gespräche und Begegnungen mit Menschen anderer religiöser Überzeugungen. Die Fortsetzung eines vertieften interreligiösen Austausches und die Diskussion über das Zusammenleben in einer pluralen und multireligiösen Gesellschaft gehören für mich ganz unbedingt zur Bilanz des Reformationsjubiläums. Wie Einheit in Vielfalt entsteht und gelebt wird, hat in der reformatorischen Bewegung durch die Jahrhunderte hindurch zu unterschiedlichen Antworten geführt. Das war ein Lernprozess, der auch zu der Einsicht führte, dass Menschen unterschiedlicher religiöser, kultureller und politischer Prägung nur in »versöhnter Verschiedenheit« friedlich miteinander leben können. Erfahrungen und Erkenntnisse aus diesem Lernprozess können wir einbringen in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs.

Die Kooperationen und Kontakte vor Ort haben auch Mitgliedschaftsfragen neu in den Blick gerückt. Wer gehört zu uns? Was ist mit denen, die dabei sind, aber nicht dazugehören? Die sich mit uns für andere engagieren, aber nicht Kirchenmitglieder sind? Und dennoch bei uns sind. An unserer Seite. Mit uns befreundet. Was bedeutet das für unser Verständnis von Taufe, Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer? Vielleicht geht es um weniger starre Grenzen. Und darum, öffentlicher zu werden. So, wie es die Reformation einmal gedacht hat: An alle weitersagen und für alle erfahrbar machen, was es heißt, aus der Gnade und Liebe dessen zu leben, von dem Christenmenschen bekennen: »Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.«

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Die Autorin ist Regionalbischöfin für den Propstsprengel Meiningen-Suhl und war Reformations-Scout für die EKD-Synode.

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Miteinander zu sprechen ist wichtiger, als mit einer Stimme zu sprechen

7. Mai 2018 von redaktionguh  
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Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen: Geschäftsführerin Elisabeth Dieckmann über verschiedene Aspekte der Ökumene

Haltung ist ebenso wichtig wie Inhalt, geht es um die Ökumene in Deutschland. Elisabeth Dieckmann, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) über den Schwung nach dem Reformationsjahr, aktuelle Herausforderungen und einfache ökumenischen Praktiken.

Der Ökumene-Tag in Halle, auf dem Sie den Hauptvortrag hielten, stand unter dem Thema »Jetzt geht’s weiter«. Das klingt nach Aufbruch, oder?
Dieckmann:
Ja, es ist eine Aufbruchstimmung zu spüren. Das Reformationsjahr ist ja wirklich ökumenisch gefeiert worden und das Fundament, das uns alle trägt, ist gewachsen. Das kann nicht mehr kaputt gemacht werden, und mehr noch, es kann uns Auftrieb geben.

Elisabeth Dieckmann. Foto: epd-bild

Elisabeth Dieckmann. Foto: epd-bild

Ich spüre jedenfalls Elan und neue Zuversicht, um bei Herausforderungen in der Gesellschaft, aber auch im Dialog mit anderen Religionen mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Gleichzeitig schätzen wir unsere Pluralität wert. Es gibt natürlich weiterhin Unterschiede. Wir können und müssen nicht an jeder Stelle mit einer Stimme sprechen. Aber wir sind bereit, miteinander zu reden. Wie Reinhard Kardinal Marx sagte: 2017 ist ein Kairos, ein Geschenk der Gnade.

Bedeutet die pastorale Orientierungshilfe für das Abendmahl einen Rückschlag? Die Deutsche Bischofskonferenz hatte sie beschlossen, aber einige Bischöfe scherten danach aus und beschwerten sich beim Vatikan.
Dieckmann:
Das Kirchenrecht gewährt einen gewissen Entscheidungsspielraum: Soll ein katholischer Spender einem Protestanten die Kommunion reichen, muss eine schwerwiegende geistliche Notlage vorliegen.

1983 wurde kirchenrechtlich festgelegt, dass der Diözesanbischof oder die Bischofskonferenz entscheidet, wann eine solche Notlage eintritt. Die neue pastorale Orientierungshilfe hat das Ziel, dem Pfarrer vor Ort einen Entscheidungsspielraum zu überlassen, so dass er im Gespräch mit betroffenen Eheleuten eine gute Lösung finden kann.

Ich persönlich finde es sehr bedauerlich, dass sich sieben Bischöfe an den Vatikan gewandt haben. Neu ist das nicht, wir kennen das aus der Schwangerenkonfliktberatung. Nun müssen wir abwarten, wie Rom entscheidet. Ich möchte sehr hoffen, dass nicht eine Minderheit über den Weg nach Rom die Mehrheit überstimmt. Die Bischofskonferenz hat mit ihrer Handreichung eine ökumenische Öffnung bestätigt, die in vielen katholischen Gemeinden bereits Praxis ist.

Ist diese pastorale Orientierungshilfe eine glückliche Stunde der Ökumene oder Murks?
Dieckmann:
Unsere Haltung ist entscheidend! Nur mit Forderungen auf den Partner zuzugehen, bringt uns nicht voran. Sind wir ehrlich oder rückwärtsgewandt, verharrend auf unseren eigenen Vorurteilen? Ich finde, in der deutschen Ökumene geht es durchaus ehrlich zu. Aber ich kann nachvollziehen, dass es den konfessionsverschiedenen Ehepaaren zu langsam geht.

Ist die Basis weiter als es Kirchenleitung und Theologen sind?
Dieckmann:
Das kann man so pauschal nicht sagen. Es muss Spielräume geben, und es gibt sie. Kirche ist nicht dazu da, ein starres Korsett vorzugeben. Natürlich gibt es Menschen an der Basis, die nach vorne drängen, das ist gut und richtig so, denn die Kontakte vor Ort tragen die Ökumene. Aber für sichere, stabile, langfristige Beziehungen braucht es auch institutionelle, verbindliche Verabredungen. Sonst wäre Ökumene ganz abhängig von den Handelnden vor Ort.

Die ACK-Mitgliedskirchen haben die Charta Oecumenica unterzeichnet. Was sind die wesentlichen Inhalte?
Dieckmann: Dass wir eine Gemeinschaft bilden in Glauben, Sakramenten, Dienst und Zeugnis. Uns gelingt schon viel, etwa bei Caritas und Diakonie, beim Religionsunterricht. An ostdeutschen Schulen gibt es schon häufiger einen gemeinsamen Reli-Unterricht, weil hier die Zusammenarbeit zwischen den Christen durch die Minderheitensituation und durch die gemeinsame Erfahrung der kommunistischen Diktatur geprägt ist. Manchmal, wie etwa in Berlin, sind es ganz pragmatische Gründe. Es gibt in einigen Bundesländern auch schon einen orthodoxen Religionsunterricht.

Warum verstehen wir Ökumene so oft als katholisch-evangelischen Dialog?
Dieckmann:
Die ACK wirbt seit langem dafür, dieses katholisch-evangelische Übergewicht wahrzunehmen und zu sehen, dass auch Frei- und orthodoxe Kirchen zu Deutschland gehören. Als die Planungen zum Reformationsjubiläum begannen, hieß es noch Lutherdekade, dann Reformationsdekade, schließlich feierten wir ein Christusfest. Die täuferischen Bewegungen, die ja auch aus der Reformation kommen, kamen aber kaum vor. Es ist im breiten Bewusstsein wenig verankert, dass es in Deutschland noch andere Formen von Kirche gibt. Mit einem anderen Taufverständnis, einer anderen Liturgie, einem anderem Gottesdienst-Leben. Aber das sind auch Formen des Christentums, die wir kennen lernen sollten.

Die Charta Oecumenica ist voller guter Ideen, aber sind es nicht zu viele? Der Pfarrer schreibt Predigten, unterrichtet Konfis, besucht Kranke, führt die Gemeinde geistlich und geschäftlich – und dann auch noch Ökumene?
Dieckmann:
Ist das wirklich so, muss ich Ökumene als Zusatzaufgabe auffassen? Muss jede Kirchengemeinde alles machen? Oder kann ich nicht die Chance nutzen, Ökumene als Arbeitsteilung, als Entlastung zu begreifen? Faktisch gibt es einiges, das wir ökumenisch tun können, ohne dass es Arbeit ist: beten! Ob persönlich oder als Fürbitte im Gottesdienst.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke.

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Rock und Pop für die Kirche

30. April 2018 von redaktionguh  
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Popularmusik: Im Ursprungsland der Reformation fristet sie ein Nischendasein, kritisiert Kirchenmusik-Dozent Christoph Zschunke.

Popularmusik in der Kirche, auch im Gottesdienst, ist längst eine Selbstverständlichkeit. »Eine Vielzahl neuer geistlicher Lieder und poptypischer Musizierweisen haben längst Einzug gehalten in unsere Gottesdienste und kirchenmusikalische Arbeit«, sagt Christoph Zschunke, Bundeskantor im Christlichen Sängerbund und Dozent für Chorleitung und Popularmusik an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle. Er sieht aber auch beängstigende Defizite. Denn »fast alle Landeskirchen haben diesbezüglich z. B. in den letzten Jahren ergänzende Liederbücher zum Evangelischen Gesangbuch herausgebracht«, erklärt Zschunke. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) allerdings suche man ein solches bisher vergebens. Hier setze man scheinbar auf die geplante Gesangbuchrevision.

Illustration: lisakolbasa – stock.adobe.com

Illustration: lisakolbasa – stock.adobe.com

Viele Kirchengemeinden haben heute bereits gezielte Gottesdienst- Formate, die sich vorwiegend mit Popularmusik speisen. Es gibt immer häufiger auch sogenannte Profilkirchen, wie Jugendkirchen. Wenn es dort um Musik geht, ist das meist Popularmusik. Zur qualitativen Weiterentwicklung und Verstetigung von Popularmusik im kirchlichen Alltag haben etliche Landeskirchen längst Beauftragte für Popularmusik oder haupt- und nebenberufliche Ausbildungsmodelle (kirchenmusikalische C-Kurse) für Popularkirchenmusik entwickelt. Mitteldeutschland – das Ursprungsland der Reformation – sei diesbezüglich ein weißer Fleck auf der EKD-Landkarte , ärgert sich Zschunke. »Als Kirchenmusiker haben wir kaum Kontakt in diese anderen kulturellen kirchlichen Milieus. Das ist mehr als nur schade!«

Popularmusik gehört in der EKM scheinbar nicht zum Hoheitsbereich der Kirchenmusik, sondern fristet allenfalls ein Nischendasein im Bereich kirchlicher Jugend- und Kulturarbeit. Und selbst dort wurde kürzlich eine wichtige Stelle für die Vernetzung und Angebote an die Basis nicht wieder besetzt.

Dabei wäre für Zschunke vor allem wichtig, dass Kirchenmusiker in ihrer Gesamtheit das breite musikalische Spektrum abdecken können. Er verweist dabei auf Luther, dessen reformatorisches Anliegen es war, die Christen am Gottesdienst wieder zu beteiligen. Also stellt er Fragen, wie: »Für wen machen wir wo welche Angebote? Wen erreichen wir womit? Wollen wir nicht verschiedene Menschen in ihren Hörgewohnheiten und ihrem Lebensgefühl abholen und sie in unsere spirituellen Feiern mitnehmen, sie womöglich auch aufrütteln, gar verstören?«

Im textlastigen Gottesdienst kommt ihm die emotionale Komponente oft zu kurz. Es sei sehr wohl möglich, mit Stilmitteln der Popularmusik auch liturgisch kompatibel zu musizieren. Es gibt etliche Kirchenmusiker, die das mit Überzeugung tun, authentisch, leidenschaftlich und stilsicher. »Wo das gelingt und Gemeinde sich gern beteiligt, wirkt Popularmusik selbst in streng agendarischen Gottesdiensten heutzutage nicht mehr wie ein Fremdkörper, sondern ist selbstverständlich geworden«, erklärt Zschunke.

Doch da klaffen vielerorts Lücken. Er gibt zu bedenken, dass die deutschlandweite Vielfalt an Fortbildungsangeboten in Sachen Popularmusik in der EKM noch zu wenig abgebildet wird. Wichtig wäre ihm auch, mittelfristig aus den poptypischen Milieus eigenen kirchenmusikalischen Nachwuchs generieren zu können. »Solche Profis und Quereinsteiger brauchen wir zunehmend in unserer Kirche«, findet er.

Natürlich gibt es im Bereich der EKM Kirchengemeinden, in denen man sich mit der Popmusik bestens auskennt, wie in der Paulusgemeinde in Halle. »Bei uns ist modernes Liedgut eine Selbstverständlichkeit, auch im Gottesdienst«, sagt Kirchenmusikdirektor Andreas Mücksch. Es sollte so auch anderswo ganz normal sein, dass sowohl die geistliche Musik zur Traditionspflege als auch die Popularmusik gleichermaßen eine Rolle spielen, findet er. »Das ist kein Bruch und das wird als solcher auch nicht wahrgenommen«, so seine Erfahrung. Leider seien da andere Landeskirchen viel weiter als die EKM, meint auch er.

In einigen Kirchenkreisen sollen daher Stellen für Popularmusik geschaffen werden – vorbehaltlich der Finanzierung. Auch die Hochschule für Kirchenmusik plant, den Schwerpunkt auszubauen. Zur Zeit sehen die Pläne des Bachelor-Studiums zwei obligatorische Semester in Popmusik vor, wobei die Studenten Instrument oder Fach frei wählen können. Wer Interesse hat, kann den Schwerpunkt vertiefen und sich praktisch ausprobieren, etwa im Studiochor der EHK oder im PopChor der Studentengemeinde. Geplant ist für September zudem eine Weiterbildung in Popularkirchenmusik.

Claudia Crodel

Hintergrund
Die Evangelische Hochschule für Kirchenmusik Halle (EHK) wurde am 18. April 1926 durch das Konsistorium der Kirchenprovinz Sachsen in Aschersleben gegründet. 1939 siedelte sie nach Halle um. 1993 wurde der Kirchenmusikschule der Status einer Hochschule verliehen. 2001 erfolgte der Umzug ins Händelkarree, im gleichen Jahr wurde die popularmusikalische Ausbildung in die Studiengänge aufgenommen. Die Künstlerischen Aufbaustudiengänge gibt es fortan für die Fächer Orgel, Konzert- und Oratoriengesang und Chor- und Orchesterleitung. Die EHK zählt aktuell 53 Studenten.

www.ehk-halle.de


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Auf-Takt für neue Orgel

21. April 2018 von redaktionguh  
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Im Gedenken an Johann Walter, den »Kantor der Reformation« und »Vater der evangelischen Kirchenmusik«, soll die Margarethen-Kirche seines Geburtsortes Kahla eine neue Orgel erhalten. Der Beginn des ersten Bauabschnitts wird am 22. April mit einem Konzert und Informa­tionen zum Projekt gefeiert.

Der offizielle Start des Großprojektes, das ein finanzielles Volumen von insgesamt 750 000 Euro haben wird, erfolgte bereits im Herbst 2013. Damals getragen von der Hoffnung, das Vorhaben bis zum 500. Reformationsjubiläum realisieren zu können. Da dies nicht möglich war, müssen nun mehrere Bauabschnitte absolviert werden.

Kurz vor dem Jahreswechsel konnte die Kirchengemeinde Kahla (Kirchenkreis Eisenberg) den Auftrag zum Bau des ersten Teils der neuen Johann-Walter-Orgel an die Orgelbaufirma Späth (Freiburg i. Br.) vergeben. »Die kleine Orgel, die vorne im Kirchenschiff unserer Stadtkirche ihren Platz finden soll, wird in der Werkstatt in Freiburg gebaut, bevor sie nach Kahla transportiert und in der Kirche aufgestellt wird«, ist von Maren Hellwig vom Förderkreis zu erfahren. Bei der promovierten Biologin laufen die organisatorischen Fäden des Orgelneubaus zusammen. Die Einweihung der kleinen Orgel solle im Jahre 2020 erfolgen. Zuvor müsse noch die Elektrik der Kirche komplett erneuert werden.

Wie das zukünftige Instrument aussehen wird, zeigt der abgebildete Entwurf. Der Orgelprospekt lehnt sich in Klang und Aussehen an Vorbilder aus Johann Walters Zeit an und nimmt zugleich die gotische Formensprache der Kirche auf. Farblich passt er sich an die jetzige Farbgebung des Kircheninneren an. Das »Johann-Walter-Positiv« wird an der Nordwand aufgestellt und verfügt über zehn klingende Register, die in historischer und moderner Stimmung gespielt werden können.

Die Margarethenkirche mit ihren 440 Plätzen hat in der Region eine zentrale Rolle. Deshalb sei es von großer Wichtigkeit, über eine gute Orgel zu verfügen, die zu Gottesdiensten und Konzerten sowohl zum Lob Gottes als auch zur Freude der Besucher erklingt, betont Maren Hellwig weiter. Das bisherige Instrument sei mangelhaft und stark abgenutzt gewesen, was die Spielmöglichkeiten extrem eingeschränkt habe. Künstlerischen Ansprüchen wurde die Orgel nicht mehr gerecht. Reparaturen erschienen nicht mehr sinnvoll.

Das Orgelpositiv wird an der Nordwand aufgestellt und verfügt über zehn klingende Register, die in historischer und moderner Stimmung gespielt werden können.

Das Orgelpositiv wird an der Nordwand aufgestellt und verfügt über zehn klingende Register, die in historischer und moderner Stimmung gespielt werden können.

Den Initiatoren des Orgelprojekts sei schnell deutlich geworden, dass es zwar diverse Fördermöglichkeiten und Stiftungen für Restaurierungsarbeiten gebe, aber keine Unterstützung für Orgelneubauten. Zugleich habe man vor der Herausforderung gestanden, im Geburtsort Johann Walters ein hochwertiges Instrument in Auftrag zu geben, das umfassende Möglichkeiten zur Ausübung der Kirchenmusik bietet.

Johann Walter habe durch die Vertonung von Martin Luthers deutschen Liedtexten und die damit verbundene Förderung des Gemeindegesangs der Reformation musikalische Flügel verliehen, verweist Maren Hellwig auf historische Wurzeln. »Mit Luther setzte er sich ein für die Zusammengehörigkeit von Theologie und Musik und damit für den Erhalt der Kirchenmusik durch die Wirren der Reformationszeit. Durch seine Tätigkeit als Komponist, Dichter und Musiktheoretiker hat Walter die weitere Entwicklung der evangelischen Kirchenmusik entscheidend beeinflusst. Er legte Grundlagen, auf denen Komponisten wie Bach, Händel oder Mendelssohn aufbauten. Mit Recht kann gesagt werden: Ohne Johann Walter keine evangelische Kirchenmusik!«

Dieses Erbe zu bewahren und seine Bedeutung zu würdigen, sei für Kahla eine aus der Geschichte gewachsene, besondere Verpflichtung. Der musikalischen Innovationskraft, die uns in Walter begegnet, soll in seiner Heimatstadt mit der »Johann-Walter-Orgel« ein Denkmal gesetzt werden, sind die Initiatoren überzeugt.

Die ca. 200 000 Euro für den ersten Bauabschnitt sind mittlerweile zusammengekommen. Wenn dieser absolviert ist, soll auf der Westempore eine moderne, zweiflügelige Orgel mit 31 Registern errichtet werden, die das mittlere Fenster freilässt. Erst mit dieser Hauptorgel wird das geplante Instrument vollständig sein. Deshalb müssen noch viele Spendengelder gesammelt werden. Maren Hellwig wirbt deshalb für die Übernahme von Pfeifenpatenschaften. Wie man eine solche antreten kann, verrät die übersichtlich gestaltete Homepage! Hier findet sich auch das Spendenkonto.

Doch jetzt wird erst einmal der Baubeginn gefeiert, wobei Orgelbaumeister Tilmann Späth das Projekt präsentieren und Mitglieder des Förderkreises über die Rahmenbedingungen informieren werden. Die Schirmherrschaft des Großprojektes hat der Sänger und Entertainer Gunther Emmerlich übernommen, der einen Auszug aus seinem aktuellen Programm beisteuert. Der Jugendchor an St. Marien Greiz und die Junge Hofkapelle Greiz unter Leitung von Ralf Stiller bereichern die Veranstaltung mit weiteren Musikwerken.

Michael von Hintzenstern

22. April, 17 Uhr, Stadtkirche St. Margarethen Kahla

www.jwok.de

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Terminreiches Jubiläumsjahr

11. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Auswahlchor des Posaunenwerks feierte 500 Jahre Reformation und einen runden Geburtstag

Für den Auswahlchor des Posaunenwerkes der EKM endet ein terminreiches Jubiläumsjahr. Nicht nur die Reformation feierte Geburtstag – auch der Auswahlchor, der seit zehn Jahren besteht. 2007 von Landesposaunenwart Frank Plewka gegründet, gestaltet der Chor Gottesdienste und Konzerte, spielt vor Synoden und Fernsehkameras. Von Beginn an dabei ist Manuela Werner aus Halle.

Musik verbindet: Auch im Auswahlchor des EKM-Posaunenwerks spielen Männer und Frauen, Jung und Alt, Menschen aus dem Norden und aus dem Süden der Landeskirche. Foto: Posaunenwerk der EKM

Musik verbindet: Auch im Auswahlchor des EKM-Posaunenwerks spielen Männer und Frauen, Jung und Alt, Menschen aus dem Norden und aus dem Süden der Landeskirche. Foto: Posaunenwerk der EKM

Es begann mit einem Brief der Kirchengemeinde, erinnert sich Manuela Werner. Der Posaunenchor suchte Nachwuchs. Die damals Elfjährige ging zur Schnupperstunde und kam mit einem Flügelhorn zurück. Das tauschte sie erst gegen eine Trompete, diese später gegen eine Posaune ein. »Als Studentin war ich dann nur noch sporadisch in meinem Posaunenchor zu Hause, habe mir aber am Studienort einen neuen gesucht«, erzählt die gebürtige Nordhessin, die in der »Arche Nebra«, dem Museum am Fundort der Himmelsscheibe von Nebra, arbeitet. Mit Anfang 20 hängte sie die Posaune an den Nagel und begann Waldhorn zu lernen. »Eigentlich habe ich mir überall, wo es mich hin verschlug, einen Posaunenchor gesucht«, sagt die heute 42-Jährige.

In den Auswahlchor sei sie eher zufällig geraten. Frank Plewka hatte sie angesprochen, weil noch ein Horn fehlte und er ihr die Aufgabe zutraute. Die Aufnahme in den Auswahlchor erfolgt in der Regel nach einem Probespiel vor einer Jury. Erwartet werden neben der Mitgliedschaft in einem Posaunenchor des Posaunenwerks sowie der Bereitschaft zum Erarbeiten anspruchsvoller Literatur und intensiver Probenarbeit auch die Fähigkeit, mittelschwere Stücke vom Blatt zu spielen sowie Tonarten mit bis zu fünf Vorzeichen zu beherrschen, rhythmische Sicherheit und Kenntnisse verschiedener Stilrichtungen. »Wir sind aber kein ›Elite-Ensemble‹, sondern fest in unseren Gemeindeposaunenchören verankert«, so Manuela Werner.

Posaunenchöre – oft liebevoll »mobile Allwetter-Orgeln« genannt – sind aus der Gemeindearbeit nicht wegzudenken. Manch katholischer Pfarrer beneidet seinen evangelischen Amtsbruder darum, und vielerorts sind es evangelische Bläserchöre, die zu katholischen Anlässen lautstarke Ökumene pflegen. »Posaunenchöre haben den Auftrag, Gottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen musikalisch auszugestalten«, weiß Manuela Werner. »Aber sie sind auch eine besondere Gruppe innerhalb der Gemeinde. Hier machen die verschiedensten Leute zusammen Musik – Alt und Jung, Männer und Frauen, unterschiedliche soziale Gruppen. Für nicht wenige Mitglieder ist der Kontakt zur Gemeinde und zur Kirche wesentlich durch den Posaunenchor geprägt.«

Als Aushängeschild der Posaunenchorarbeit in der EKM will der Auswahlchor anderen Posaunenchören Mut machen, auch Neues auszuprobieren. In Konzerten sind deshalb neben vierstimmigen Arrangements für Blechbläser-Ensembles immer auch Stücke aus der üblichen Posaunenchorliteratur zu hören – von der modernen Choralbearbeitung bis zum klassischen Bach-Choral. Insgesamt reicht das Repertoire von Frühbarock bis Rockmusik.

In ihr Ehrenamt investieren die Mitglieder des Auswahlchores viel Zeit und nehmen für Proben und Auftritte oft weite Wege in Kauf. Aber der Chor ist in den zehn Jahren zu einer guten Gemeinschaft gewachsen. Posaunenchorarbeit ist eben nicht nur Dienst, sondern macht auch Spaß – ob »unten« an der Basis oder weiter »oben« im Auswahlchor des Posaunenwerkes der EKM.

Katharina Hille

Tipp: Rundfundgottesdienst mit Beteiligung des Auswahlschors am 24. Dezember, 10 Uhr, aus der Justizvollzugsanstalt Burg, Übertragung von MDR Kultur

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Mehr Ökumene wagen

4. Dezember 2017 von redaktionguh  
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500 Jahre nach der Reformation ist in Erfurt eine enge Zusammenarbeit zwischen Evangelischer Reglergemeinde und katholischen Augustinermönchen entstanden. Ein Jahr nach Projektbeginn ist Zeit für eine erste Bilanz.

Am Anfang hatte ich das Gefühl: das ist eine völlig absurde Idee«, gibt Bruder Jeremias zu. Er ist einer von inzwischen vier Augustinermönchen, die im Pfarrhaus der evangelischen Reglergemeinde in Erfurt wohnen. Doch nach einem Jahr läuft das Ökumene-Projekt zwischen Protestanten und Augustinern – von Kleinigkeiten abgesehen – ziemlich reibungslos.

Alles begann damit, dass die damals drei und inzwischen vier Mönche in ihrer neuen Wirkungsstätte Erfurt ein Dach über dem Kopf gesucht haben. Da bot sich das evangelische Pfarrhaus an, in dem eine Wohnung frei geworden war. Vor gut einem Jahr ging Pfarrerin Gabriele Lipski auf die Brüder zu, bot ihnen eine Zusammenarbeit an.

Katholische Messe in der evangelischen Reglerkirche: der Augustinermönch Bruder Matthias begrüßt Teilnehmer zum Gottesdienst. Foto: Markus Wetterauer

Katholische Messe in der evangelischen Reglerkirche: der Augustinermönch Bruder Matthias begrüßt Teilnehmer zum Gottesdienst. Foto: Markus Wetterauer

Bevor es los ging, mussten trotzdem einige Steine aus dem Weg geräumt werden. »Ist sich diese Gemeinde überhaupt bewusst, dass wir jeden Tag Messe feiern wollen und es damit in der Reglerkirche öfter katholische Gottesdienste gibt als evangelische?«, war eine der Fragen. Oder: Kann es in einer evangelischen Kirche ein Tabernakel geben, in dem die Hostien aufbewahrt werden? Und: Was ist mit dem Weihwasser? Die Fragen wurden geklärt, die Bischöfe auf beiden Seiten gaben ebenfalls grünes Licht, auch in den Gemeinden gab es nur vereinzelt Kritik.

Zum Auftakt der Kooperation beging man am 1. Advent vor einem Jahr einen gemeinsamen Gottesdienst – zum Türen öffnen, so Pfarrerin Lipski. Seitdem feiern die Mönche jeden Tag ihre Messe in der Reglerkirche. Das evangelische Mittagsgebet wird gemeinsam gestaltet. So gut wie jeden Monat gibt es eine gemeinsame Aktion: Das kann ein besonderer Gottesdienst sein wie am 2. Februar zu Mariä Lichtmess, ein Gemeindefest, eine gemeinsame Wallfahrt, oder in der Passionszeit die Aktion »In 40 Tagen durch die Bibel«.

Wichtig ist gegenseitige Offenheit. Freitags treffen sich alle Mitarbeiter zu einer gemeinsamen Teambesprechung. Die Mönche sind auch zu den Sitzungen des Gemeindekirchenrats eingeladen. »Der Gedanke dabei ist: Wir lassen euch reinschauen in alles, was wir tun, weil wir unseren Weg gemeinsam gehen«, erklärt Pfarrerin Lipski. Für Bruder Jeremias hilft die Offenheit, damit Reibereien aus dem Weg geräumt werden, bevor sie zu Problemen werden.

Reibereien gibt es zum Beispiel dann, »wenn man mal wieder nicht dran denkt, dass ja da noch jemand mit in der Kirche ist und es zu Termin-Überschneidungen kommt«, sagt Jeremias. Oder, wenn die andere Seite in der Sakristei was nicht wegräumt, wie Pfarrerin Lipski feststellt. Umgekehrt wird die Zusammenarbeit einfacher, weil sie freiwillig entstand. Es gab »keinen finanziellen Druck oder, weil keine Leute mehr zu uns gekommen sind, sondern, weil wir das wollten«, sagt Bruder Jeremias. Er und seine drei Mitbrüder Pius, Jakob und Matthias versuchen, möglichst viel gemeinsam mit den Protestanten zu machen und trotzdem »unsere Identität nicht zu kurz kommen zu lassen«. Ein Satz, den Lipski unterschreiben kann:

»Sie sind nicht evangelisch geworden und wir werden nicht katholisch, sondern es geht um versöhnte Verschiedenheit. Das Wichtige ist, dass wir mit Christus verbunden sind.«

Markus Wetterauer

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Es fängt gerade erst an

6. November 2017 von redaktionguh  
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Die Lutherdekade ist vorbei, die Erinnerung an die Zeit der Reformation noch lange nicht. Im Kurtheater Bad Liebenstein zeigen sie »Luthers Entführung«.

Zehn Themenjahre lang hat es allerorts und in aller Weise geluthert. Nun ist es gut mit der Lutherei. »Keineswegs!«, sagen sie in Bad Liebenstein (Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach). Denn sie haben gerade erst angefangen mit der Erinnerung an Reformation und Kirchenspaltung.

Wer Christian Storch, dem Intendanten des Bad Liebensteiner Kurtheaters, zuhört, der glaubt zunächst einmal, sich verhört zu haben. Er spricht von der Mitte der Luther-Dekade, von vier verbleibenden Jahren, für die sie etwas Besonderes suchten für die Stadt. Aber man hat ganz richtig gehört. Mögen die anderen des Thesenanschlags in Wittenberg anno 1517 gedenken, der mehr Legende als Fakt ist. In dieser Region haben sie ihr eigenes Reformations-Ereignis – die Entführung Martin Luthers im Jahr 1521.

Es war am späten Nachmittag des 4. Mai 1521. Nach einem Aufenthalt in Möhra, dem Stammort der Familie Luther, hat sich die Reisegruppe um den Reformator wieder auf den Weg gemacht. Von Worms sind sie zurückgekehrt, vom Reichstag, wo man Luther für vogelfrei erklärt hat. Sein Leben ist in Gefahr – und es scheint ernst zu werden, als die Gruppe im Glasbachgrund bei Steinbach nahe Bad Liebenstein von vermummten Reitern überfallen wird. Schreie sind zu hören; was folgt, ist Geschichte.

Luther-Darsteller Jethro D. Gründer ist zugleich auch Autor und Regisseur des Stücks. Foto: Heiko Matz

Luther-Darsteller Jethro D. Gründer ist zugleich auch Autor und Regisseur des Stücks. Foto: Heiko Matz

Luther wird im geheimen Auftrag seines Landesherrn, Friedrich dem Weisen, auf die Wartburg gebracht. Dort übersetzt er inkognito als Junker Jörg in nur elf Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Der neue Glaube erstarkt, zehn Jahre später wird sich in Schmalkalden ein Bund aus neugläubigen Fürsten und Reichsstädten gründen, um ihn zu verteidigen. Die Entführung als Schlüsselereignis für die Sache der Reformation – davon wollen sie in Bad Liebenstein erzählen; im Jahr 2017 und in den folgenden Jahren bis 2021. Dafür wurde eigens ein Theaterstück in Auftrag gegeben, das die hiesige Historie in den Mittelpunkt stellt, dem Verbürgten aber noch Liebe und Humor als Zutaten beigibt.

So war es gewünscht und so hat es Jethro D. Gründer für das Kurtheater geschrieben. Der Titel des Schauspiels: »Luthers Entführung«. Ende September war die Uraufführung zu sehen. Nun gibt es zwei weitere Vorstellungen.
Gründer, der sich mit seiner Idee erst in einem Wettbewerb durchsetzen musste, ist mit der Luther-Thematik bestens vertraut. Zunächst war er am Landestheater Eisenach als Schauspieler engagiert, dann rief er mit Oliver Nedelmann das »freie eisenacher burgtheater« ins Leben. Für die Eigenproduktion des Kurtheaters dramatisierte er jetzt nicht nur den bekannten Stoff, sondern verantwortet auch die Regie und übernahm die Hauptrolle, Martin Luther also.

Dem wiederfährt auf der Theaterbühne so einiges, das nicht in den Geschichtsbüchern nachzulesen ist.

Histörchen mit schwer zu bestimmendem Wahrheitsgehalt wurden aufgenommen, vor allem aber eine frei erfundene Liebelei. Diese hat Luther mit einer gewissen Katharina, aber nicht jener von Bora, die er heiraten wird, sondern einer gleichnamigen entfernten Cousine aus Möhra. Die spendet dem Reformator zärtlich Trost, der auf der Wartburg von hartem Stuhlgang und Einsamkeit gleichermaßen gequält wird.

Friederike Ziegler hat die Partie der Cousine Katharina übernommen, der dritte Hauptdarsteller ist Lutz Schwarze. Er ist als Luthers Vater und in weiteren Rollen zu sehen. Mit den drei Profis stehen noch 38 weitere Akteure auf der Bühne – der Kinderchor aus Barchfeld, etliche Statisten und viele spielfreudige Bürger aus Bad Liebenstein und Bad Salzungen, aus Möhra, Steinbach und anderen nahen Orten.

Es ist eine aufwendige Schauspiel-Produktion. Das Bühnenbild haben sie schlicht gehalten, die Kostüme – teils vom Theater Eisenach geliehen – dafür prächtig gewählt. Und es gibt viel zu lachen, sagt Intendant Christian Storch.

Susann Winkel

17./18. November, 19.30 Uhr, Kurtheater Bad Liebenstein. Karten: Bad Liebenstein Information, Telefon (03 69 61) 6 93 20, oder online: www.luthers-entführung.de

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Bis zum Morgengrauen

1. November 2017 von redaktionguh  
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Kulturelle Nacht zum Reformationsjubiläum im Deutschen Nationaltheater Weimar

Ist nach einer ganzen Lutherdekade und einem Jubiläumsjahr nicht langsam mal gut mit der Reformation? Aus Weimar heißt es: Nein. Die Reformation geht weiter. Sie dauert an und reicht weit über Kirchengrenzen hinaus. Um das zu bedenken und von verschiedenen Seiten zu beleuchten, organisieren der Kirchenkreis Weimar und das Deutsche Nationaltheater Weimar (DNT) mit Unterstützung von Stadt und Freistaat eine Nacht zu 500 Jahren Reformation.

Sie beginnt am 30. Oktober um 16.45 Uhr mit dem Posaunenchor der Kreuzkirche Weimar und der Sambagruppe Escola Popular vor dem Theater und geht mit Gesprächsrunden, Bühnenstücken, Bewegungstheater und viel Musik bis in den frühen Morgen des Reformationstages weiter. Der Eintritt ist frei.

Eine Nacht im Theater: Vom späten Nachmittag des 30. Oktober bis weit nach Mitternacht gibt es im Deutschen National­theater in Weimar ein vielfältiges Kulturprogramm zum Reformationsjubiläum. Foto: Thomas Müller

Eine Nacht im Theater: Vom späten Nachmittag des 30. Oktober bis weit nach Mitternacht gibt es im Deutschen National­theater in Weimar ein vielfältiges Kulturprogramm zum Reformationsjubiläum. Foto: Thomas Müller

Weimars Superintendent Henrich Herbst war mit seiner Idee der etwas anderen Reformationsfeier bei DNT-Intendant Hasko Weber sofort auf Zustimmung getroffen. »Wir möchten Theater als öffentlichen Ort begreifen«, sagt Beate Seidel, Chefdramaturgin am Nationaltheater. »Ein Ort, wo gesellschaftliche Debatten möglich sind, die Auge in Auge ausgetragen werden, nicht über das Internet.« Die Kooperation zwischen Theater und Evangelischer Kirche in der Klassikerstadt ist nicht neu. Bereits in der Vergangenheit gab es zu Bühnenstücken wie Dostojewskis »Schuld und Sühne« einen Theatergottesdienst, der das Werk aus theologischer und künstlerischer Sicht betrachtete, beide Sichten verknüpfte. Eine Zusammenarbeit, die ebenfalls weitergeht.

Henrich Herbst ist besonders auf die Präsentation der Ergebnisse des Denkraums Weimar gespannt. Antworten auf die Gretchen-Frage »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« wurden von Schauspielern des DNT für eine Hörinstallation eingesprochen und sind ab 17.15 Uhr zu hören. Die große Resonanz auf das Projekt hat den Superintendenten überrascht.

Für Tischgespräche auf den Fluren des Theaters hat Beate Seidel ganz unterschiedliche Gesprächspartner gewonnen: einen Offizier mit Erfahrungen aus dem Afghanistan-Einsatz, einen Vertreter der Organisation »Ärzte ohne Grenzen«, einen Kriegsreporter. »Du musst dein Leben ändern« lautet das Motto dieser kleinen Tischrunden mit Menschen, die über ihre biografischen Wendepunkte berichten und mit ihren Tischnachbarn diskutieren wollen. Beginn ist 17.30 Uhr. Der enge Zeitplan wird eine der Herausforderungen des Abends sein.

Denn auch eine deutsche Erstaufführung steht auf dem Programm (19.15 Uhr). In »The Captain of the Bible Quiz Team« hält ein junger Mann spontan eine Predigt – das Theater wird zur Kirche. »Opfer des Krieges« ist der Titel eines Bewegungstheaters mit Puppen, Masken und Livemusik der afghanischen Theatergruppe Azdar (21.15 Uhr). Davor geht es in einem Bühnentalk um »Glaube und Macht« (20.30 Uhr). Bis weit nach Mitternacht gibt es im DNT Livemusik – Luthers Lieder durch die Jahrhunderte, von der Gambe bis zu DJ-Klängen.

»Es ist ein Programm zum Flanieren«, sagt Henrich Herbst, »ein offenes Angebot an die ganze Stadt.« Der Festgottesdienst am Reformationstag beginnt übrigens erst 11 Uhr – damit die Nachtschwärmer noch etwas ausschlafen können.

Katharina Hille

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