Das Programm steht

13. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Planungen der Kirchentage in Erfurt und Weimar/Jena sind auf einem guten Weg

Wer eine große Veranstaltung plant, muss vieles im Blick haben: die Zahl der Gäste, ausreichend Sitzgelegenheiten und Essen, Unterhaltungsprogramm und vieles mehr. Bei der Vorbereitung der Kirchentage auf dem Weg ist das nicht anders – nur alles eine Spur größer.

Darum trafen sich in der vergangenen Woche nicht nur der Reformationsbeauftragte Jürgen Reifarth und der Leiter des Kirchentages auf dem Weg in Erfurt, Reiner Degenhardt, auf dem Erfurter Domplatz, sondern auch Vertreter der Kulturdirektion, der Feuerwehr und Polizei, der Marktmeister und viele mehr. »Wir haben auf dem januarkalten, nassen Boden des Domplatzes eine Decke hingelegt, unsere Pläne ausgebreitet und alle technischen Details für die Nutzung des Domplatzes geklärt«, so Reifarth. Denn der Domplatz ist die größte zu bespielende Fläche in Erfurt während des Kirchentages auf dem Weg. Dort sind unter anderem ein Himmelfahrt-Familienkaffee mit musikalischer Begleitung, ein öffentlicher Schauguss einer Glocke und natürlich zwei große Gottesdienste geplant.

Vor dem Luther-Denkmal am Anger: der Reformationsbeauftragte für Erfurt, Jürgen Reifarth. Er sieht den Kirchentag als große Chance. Fotos: Diana Steinbauer

Vor dem Luther-Denkmal am Anger: der Reformationsbeauftragte für Erfurt, Jürgen Reifarth. Er sieht den Kirchentag als große Chance. Fotos: Diana Steinbauer

Das Programm steht. Die Absprachen mit der Stadt sind getroffen, nun geht es an die Details. »In diesen Tagen gehen unsere Höhepunkt-Flyer in die Post, die helfen sollen, den Erfurter Kirchentag im Propstsprengel Eisenach-Erfurt noch bekannter zu machen«, so Reifarth. Auch durch Banner und Werbeplakate soll das gelingen.

»Ich erhoffe mir, dass die Gemeinden den Kirchentag auf dem Weg als Chance begreifen, uns als Kirche öffentlich zu präsentieren, sichtbar zu machen, was wir leben und was uns wichtig ist«, erklärt Reifarth. Darum gehe man mit den Veranstaltungen bewusst nach draußen, um gemeinsam zu feiern, zu essen und sich kennenzulernen.

Doch Kirchentage kosten Geld: den Veranstalter, aber auch die Gäste. Ein Drittel der Kalkulation müssen durch Teilnehmerbeiträge gedeckt werden. Das soll aber niemanden abschrecken. »Alles, was im öffentlichen Raum stattfindet, wird keinen Eintritt kosten«, versichert Jürgen Reifarth. Bei Veranstaltungen wie Podiumsdiskus­sionen, Vorträgen oder Konzerten werde aber nach der Tages- oder Dauerkarte gefragt werden.

Andre Poppowitsch (re.) und Johannes Schleußner mit dem Programm für Weimar/Jena

Andre Poppowitsch (re.) und Johannes Schleußner mit dem Programm für Weimar/Jena

Auch in Jena und Weimar geht es jetzt an die Feinplanung. »Unsere Veranstaltungs-App ist seit heute online«, freut sich Andre Poppowitsch, Referent für die Lutherdekade im Kirchenkreis Weimar. »Wir haben für den Doppelstandort Jena-Weimar bis zu 300 Veranstaltungen geplant und sind stolz, den Gästen eine große thematische Bandbreite anbieten zu können.«

Der Blick werde im Reformationsjubiläumsjahr auch bewusst nicht nur in die Vergangenheit gelenkt, sondern ziehe – frei nach dem Faust-Motto »Sag, wie hast du’s mit der Religion?« – auch moderne Gretchenfragen in den Fokus, betont Johannes Schleußner, der Koordinator des Kirchentages in Jena. Auf aktuelle Themen wie Rüstungsindustrie, Rechtsextremismus oder eine alternde Gesellschaft, darauf setzt man in Jena und Weimar.

»Seit einigen Jahren arbeiten Stadt und Kirche, Klassikstiftung und auch die Universitäten intensiv zusammen und haben in der Region bereits ein Bewusstsein für das Reformationsjubiläum schaffen können«, erklärt Poppowitsch. Er glaubt, dass das Programm Menschen unterschiedlichster Zielgruppen anziehen und in seiner Vielfalt nachhaltig sein wird. Und das über 2017 hinaus.

Diana Steinbauer

Mehr als »1 gute Nachricht«

Elbe, Frieden und Medien sind Schwerpunkte beim Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg

Der Magdeburger Superintendent Stephan Hoenen verschickt dieser Tage besonders viel Post. Denn die Gemeinden im Propstsprengel Stendal-Magdeburg bekommen von ihm das Werbematerial für den Kirchentag auf dem Weg vom 25. bis 27. Mai Magdeburg zum Abdruck in ihren Februar-März-Ausgaben der Gemeindebriefe. Wie viele Besucher zu dem Treffen unter dem Motto »Sie haben 1 gute Nachricht« in die Elbestadt kommen werden, kann zum jetzigen Zeitpunkt keiner sagen.

Auf jeden Fall haben Hoenen und der Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper Ende Januar die Privatquartierwerbung gestartet. Gästen ein Bett oder eine Couch zur Verfügung zu stellen, sei gute Tradition bei den Kirchentagen, so Hoenen. Die Privatquartiersuche steht unter dem Motto »Ich habe 1 guten Schlafplatz«.

Die Planung und Vorbereitung des Treffens läuft seit Jahren. »Die Zusammenarbeit ist beeindruckend«, sagt Anette Berger, Vorsitzende des 2013 gegründeten Programmausschusses für den Kirchentag auf dem Weg. In ihm sind die Stadt Magdeburg, die den Kirchentag zudem mit 300 000 Euro unterstützt, Kulturschaffende und der Kirchenkreis Magdeburg vertreten – rund 100 Ehrenamtliche, die in zahlreichen Untergruppen arbeiten. Über 400 Veranstaltungen sind geplant. Die Inhalte knüpfen an die Geschichte Magdeburgs an und verknüpfen sie mit der Gegenwart. Im Medienzen­trum in der Festung Mark wird daran erinnert, dass Magdeburg die erste protestantische Großstadt und als »unsers Herrgotts Kanzlei« Medienzentrum der Reformation war. Zudem gibt es Workshops, Podien und Impulse zur Rolle der Medien heute und einen Twittergottesdienst am 26. Mai aus der Wallonerkirche. Diese Kirche und die katholische Petrikirche nebenan bilden zum Kirchentag das Zentrum »Web und Spiritualität«. Im Dom und rund um den Dom ist das Thema »Frieden« angesiedelt – DAS Thema in einer Stadt, die 1631 und 1945 stark zerstört wurde, und das aktueller denn je ist. Hier wird auch Reformationsbotschafterin Margot Käßmann am 26. Mai einen Vortrag halten über das Thema »Nichts ist gut in Afghanistan«.
Kirche-vor-Ort-Logo-06-2017Um die Elbe geht es am 26. Mai beim Thementag »Dialog am Strom«, der an die bisherigen Diskussionen zur Zukunft anknüpft. Abends ist ein Elbefest geplant unter dem Motto »Magdeburg am Fluss der Reformation« – eine Welturaufführung zu eigens komponierter Musik mit spektakulären Licht- und Soundeffekten, Chören und einer Schiffsprozession an und auf der Elbe.

Im Rotehornpark ist das Zentrum Kinder, Familien, Jugend und Sport angesiedelt. Und was wäre ein Kirchentag ohne Musik? Kinderchöre aus dem Kirchenkreis Halberstadt etwa führen das Musical »Martin Luther« auf, der Magdeburger Kantatenchor plant das Mitsingoratorium »Die Schöpfung« und das Musicalprojekt Altmark »Eleazar – der 4. König«. Beethovens 9. Sinfonie erklingt auf der Theaterbühne auf dem Domplatz. Am Sonnabend heißt es ab 17 Uhr im Klosterbergegarten »Kirchentag trifft Ekmagadi«, die Magdeburger Kultursommernacht. Mit dem Reisesegen für ihre Fahrt zum Abschlussgottesdienst am Sonntag in Wittenberg werden die Besucher am Sonnabend entlassen.

Angela Stoye/epd


Unterwegs nach Wittenberg

10. Februar 2017 von redaktionguh  
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In Mitteldeutschland gibt es zeitgleich mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag die Kirchentage auf dem Weg.

Die Bläser treffen sich in Leipzig. Wer gerne Schiff fährt, kommt nach Magdeburg. Und für Gospelfans sind Halle und Eisleben eine gute Wahl. Bis zu 100000 Menschen werden erwartet, wenn parallel zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg vom 25. bis 28. Mai in den acht Städten Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Jena und Weimar, Dessau-Roßlau sowie Halle und Eisleben insgesamt sechs Kirchentage auf dem Weg stattfinden sollen. In der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt in Berlin wurde jüngst das rund 2000 Veranstaltungen umfassende Programm dieser Treffen vorgestellt.

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

»Kirchentage auf dem Weg gibt es nur im Jahr des Reformationsjubiläums«, sagte der Abteilungsleiter Marketing des Vereins Reformationsjubiläum 2017, Christof Vetter. Im Unterschied zu dem zeitgleich stattfindenden Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Potsdam böten sie etwas intimere Veranstaltungen, »wer nicht zum großen Kirchentag nach Berlin fährt, weil ihm das zu groß ist, fährt vielleicht nach Mitteldeutschland«.

Dabei werden die Kirchentage auf dem Weg schon von der Teilnehmerzahl her höchst unterschiedlich aussehen: In Halle und Dessau werden von den Veranstaltern jeweils nur 5000 Menschen erwartet. Leipzig dagegen, wo im vergangenen Jahr der Katholikentag stattfand, wird mit 50000 erwarteten Besuchern in die Nähe eines klassischen Kirchentags kommen. Denn dort treffen sich schwerpunktmäßig die Posaunenchöre, proben für den großen Festgottesdienst in Wittenberg und veranstalten am Tag zuvor ein großes Festkonzert auf dem Marktplatz.

In Magdeburg wird das Zentrum Frieden angesiedelt sein, in Jena und Weimar finden sich Samba-, Capoeira- und Folk-Bands aus allen Teilen Deutschlands ein, darunter auch Musiker von Rio Reisers Protestband »Ton, Steine, Scherben«.

Und in Dessau steht wegen des dort ansässigen Umweltbundesamtes die Bewahrung der Schöpfung ganz oben auf dem Kirchentagsprogramm. »Wir streiten und fragen, feiern und singen, beten und schweigen nicht allein in Berlin beim 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag«, sagt Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au.

Man veranstalte Kirchentage auch dort, »wo die reformatorischen Ideen groß wurden, von wo aus sie verbreitet und weitergedacht wurden«. Dabei wolle man auch nicht verkennen, in welchem Umfeld die Veranstaltungen stattfänden: »Nichts, was mit Religion und Glauben zu tun hat, ist in Berlin und Mitteldeutschland selbstverständlich.«

Selbstverständlich bei einem Kirchentag ist dagegen der Auftritt der EKD-Lutherbotschafterin Margot Käßmann. Während sie am Donnerstag auf dem Berliner Kirchentag zu Gast ist, wird sie am Freitag und Samstag der Kirchentagswoche vor allem bei den »Kirchentagen auf dem Weg« präsent sein. »Die Kirchentage auf dem Weg nehmen auf, dass die Region Mitteldeutschland für die Reformationszeit prägend war«, sagt Käßmann. »Sie laden ein, Orte der Reformation kennenzulernen und den Menschen in diesen Orten zu begegnen.« Weil die Veranstaltungen kleiner sind als die des großen Kirchentags in Berlin, sind auch die Eintrittskarten etwas günstiger: Die Dauerkarte in Dessau oder Leipzig kostet 59 Euro, während sie in Berlin mit 99 Euro zu Buche schlägt. Für das gesamte Projekt der Kirchentage auf dem Weg, das wie der Berliner Kirchentag auch in den großen Festgottesdienst in Wittenberg mündet, haben die Veranstalter Kosten von 12,5 Millionen Euro kalkuliert: Zwei Millionen Euro werden dabei von den gastgebenden Kommunen aufgebracht – entweder als Bargeld oder als geldwerter Vorteil. »Die Stadt Dessau hat uns beispielsweise angeboten, dass ihr Bauamt unsere Bühne gleich selbst konstruiert«, sagt der Geschäftsführer des Reformationsjubiläums, Hartwig Bodmann. »So brauchen wir keinen Architekten mehr, und die Bühne ist auch gleich genehmigt.«

Und die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen unterstützen die Veranstaltungsreihe mit 4,8 Millionen Euro. Den Rest will der Kirchentag über Teilnehmerbeiträge, Spenden, Sponsoring und die Unterstützung der beteiligten Landeskirchen selbst aufbringen.

Benjamin Lassiwe

Endlich im Rampenlicht

27. Januar 2017 von redaktionguh  
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Frauen haben die Reformation mitgestaltet. Das war lange vergessen. Auch an sie soll über 2017 hinaus erinnert werden.

Die Reformation hat auch Frauen angesprochen und aktiviert. Dass in der Taufe alle zu Priestern berufen sind und alle Menschen einen unmittelbaren Zugang zu Gott haben, haben auch die Frauen gehört, ernst genommen und mit ihrem Leben und Handeln bezeugt. Leider schätzten die Männer ihrer Zeit und nachfolgender Jahrhunderte dies als zweitrangig oder noch weniger ein. Leider ist unser Wissen über diese Frauen verkümmert. Erst allmählich werden sie wiederentdeckt.

Dabei handelten Frauen so mutig, beharrlich und durchsetzungsstark wie Männer, in mancher Hinsicht mit mehr Klugheit und Besonnenheit als viele Reformatoren oder gar Martin Luther selbst. Mir ist das sehr deutlich geworden, als ich mich mit Anna II. zu Stolberg (1504–1574) beschäftigte – eine in vielerlei Hinsicht beeindruckende und überaus kluge Frau, die mit nicht einmal 13 Jahren Äbtissin im Stift zu Quedlinburg wurde. Als Reichsfürstin hatte sie die Kurwürde und war einzig Papst und Kaiser zu Gehorsam verpflichtet.

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Sehr wahrscheinlich sympathisierte sie schon lange mit dem neuen Glauben, wartete aber bis 1539 mit der Einführung der Reformation in Quedlinburg. Sie wollte ihrem katholisch gesinnten Schutzherrn Georg von Sachsen keinen Vorwand geben, sie zu entmachten.

Ihr musste klar gewesen sein, dass er nur darauf wartete. Und auch sein Nachfolger hoffte, Macht und Reichtum des Stifts an sich zu ziehen. So schritt Anna erst nach dem Tod des katholischen Schutzherrn zur Tat, und damit zugleich seinem nachfolgenden evangelischen zuvorkommend.

Die Stadt Quedlinburg verdankt ihr eine neue Kirchenordnung sowie ein völlig neu geordnetes Schul- und Finanzwesen. Sie berief den ersten Superintendenten und führte die Visitation ein. Das Besondere an ihr: Sie wartete den richtigen Zeitpunkt ab. So bewahrte sie – denn Äbtissin blieb sie weiterhin – eine erstaunliche Kontinuität trotz radikaler Umbrüche.

Anna II. zu Stolberg erreichte mit Mut und Klugheit sehr viel.

Für mich ist sie ein ermutigendes Beispiel dafür, auch heute mit Entschiedenheit und Geduld wichtige Veränderungen anzugehen und dabei den langen Atem nicht zu verlieren, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Und dabei im Blick zu haben: Es gibt auch heute so manche wohlmeinende »Schutzherren«, die hinter ihrem Beschützen-Wollen manche Machtbedürfnisse, wenn nicht gar -gelüste, ausleben wollen.

Am Beispiel Annas und der Biografien anderer Frauen habe ich die Reformationszeit besser kennengelernt: Wie komplex dieser Transformationsprozess war, der Kirche und Gesellschaft quer durch alle Schichten erfasste. Wie viele Menschen daran mitwirkten unter ihren jeweiligen, ganz speziellen Bedingungen.

Und ich habe gelernt, was der besondere Beitrag von Frauen war – ob als Fürstin mit großen Entscheidungsbefugnissen, als Verfasserin geistlicher Lieder, als Äbtissin mit geistlichen und weltlichen Leitungsaufgaben oder als Frau eines Reformators, die das Anliegen ihres Mannes nach Kräften unterstützte.

Der Blick zurück schärft den Blick für die Gegenwart, auf die »Frauenfrage« in der Kirche: Wie wirken Frauen heute in den Kirchen? Welche Veränderungen bewirken sie? Wo gehen ihre Worte ins Leere? Wo begegnen sie männlichem Reviergehabe? Was machen sie anders als Männer? Was können gerade sie besonders gut? Inwiefern leiten und führen Frauen anders? Wie veränderten und verändern sich Pfarramt und Gemeindeleben durch Pfarrerinnen, Kantorinnen und Gemeindepädagoginnen?

Mit der 2012 eröffneten Wanderausstellung »Frauen der Reformation in der Region« hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland die Beschäftigung mit Zeuginnen der Reformation angestoßen – weg von Idealgeschichten und nur einer Heldenfigur. Sie hat die bisherige Schattengeschichte der Frauen der Reformationszeit ins Licht der Aufmerksamkeit geholt. Dieser Prozess, hoffe ich, ist mit dem 500. Jubiläumsjahr der Reformation noch lange nicht beendet.

Landesbischöfin Ilse Junkermann

»Gedächtnis der Reformation«

16. Januar 2017 von redaktionguh  
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15 Thesen: Oberbürgermeister meldet Anspruch Gothas an, Lutherstadt zu sein

Gotha hat sich zum »Gedächtnis der Reformation« erklärt. Mit 15 Thesen unterstreicht Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) diesen Anspruch. Dabei reicht das Spektrum der von ihm angeführten Ereignisse aus vorreformatorischen Zeiten über unmittelbare Aktivitäten Martin Luthers bis hin zu dessen Wunsch, in der Stadt zu sterben und dort begraben zu sein.

Der Kreuzgang des Augustinerklosters in der »göttlichen Stadt«. Hier hatte der Reformator seine erste Leitungsstelle. Foto: Augustinerkloster Gotha

Der Kreuzgang des Augustinerklosters in der »göttlichen Stadt«. Hier hatte der Reformator seine erste Leitungsstelle. Foto: Augustinerkloster Gotha

Zudem veröffentlichte die Stadt eine Liste mit 17 Gedächtnisorten der Reformation. Darin sind unter anderem die Cranach-Bilder auf Schloss Friedenstein, der größte Flügelaltar der Zeit sowie die erste barocke protestantische Schlosskirche angeführt. Mit Stolz wird zudem auf die Sammlungen der Universitäts- und Forschungsbibliothek Gotha verwiesen. Hier befinden sich neben 1 100 Briefen Luthers auch 280 Handschriften mit mehr als 15 800 Einzeldokumenten sowie 700 Flugblätter der Reformation.

Gotha brauche den Vergleich mit anderen Luther-Städten wie dem Geburts- und Sterbeort Eisleben, seiner Universitätsstadt Erfurt oder Wittenberg mit dem legendären Thesenanschlag nicht scheuen. »Bereits vor 300 Jahren entwickelte sich die Stadt zum frühen Zentrum der Reformationsforschung. Um es kurz zu sagen – Gotha ist das Gedächtnis der Reformation«, erklärte der Oberbürgermeister.

Gothaer Thesen zu Luther:

1. Martin Luther war mehrfach in Gotha. Mindestens sieben Aufenthalte Luthers in Gotha sind belegt. Luther predigte, wohnte und arbeitete in Gotha.

2. Bereits vor Luthers erstem Besuch gab es reformatorische Ansätze in Gotha. In Gotha lebte von 1504 bis 1526 der große Humanist Mutianus Rufus, den man als die bedeutendste Geistesgröße der Hochrenaissance schätzt und der in Gotha einen Gelehrtenkreis versammelte. Er war ein erster massiver Kritiker der katholischen Kirche.

3. Martin Luthers erster Aufenthalt in Gotha hatte besondere Bedeutung. Die Gothaer Augustinereremiten wählten Luther am 29. April 1515 zu ihrem Distriktvikar, sozusagen zum Vorgesetzten. Es war Luthers erste Leitungsstelle, der Beginn seiner Karriere.

4. Luther hielt in Gotha eine wortgewaltige Predigt. Wie eine Sage berichtet, hat Luther am 8. April 1521 in der Augustinerkirche so heftig gepredigt, dass sich die Steine aus dem Mauerwerk lösten und zu Boden polterten.

5. Gotha war schon frühzeitig eine Stadt der Reformation. Schon 1522 predigte Johann Langenhan an der Margarethenkirche Luthers Wort, er war einer der ersten evangelischen Pfarrer auf deutschem Boden.

6. Gotha hat das älteste reformatorische Gymnasium Deutschlands. Im Dezember 1524 gründete Martin Luthers Freund Friedrich Myconius aus einer alten Lateinschule das erste frühneuzeitliche akademische Gymnasium.

7. Luther berief in Gotha den ersten Superintendenten Deutschlands. Im Jahr 1529, vielleicht auch schon drei Jahre früher, hat Luther seinen Vertrauten Friedrich Myconius, der seit 1524 in Gotha als Pfarrer wirkte und im Gothaer Pfaffensturm viel Blutvergießen verhinderte, zum ersten Superintendenten berufen.

8. Eine Gothaerin war Trauzeugin Martin Luthers. Die Ehefrau des Malers Lucas Cranach und Tochter eines Gothaer Ratsherren, Barbara Cranach geb. Brengebier, und ihr Mann waren am 13. Juni 1525 Trauzeugen der Hochzeit von Martin Luther und Katharina von Bora.

9. Gotha steht mit einem Ereignis zur Verteidigung der Reformation in Verbindung. Am 27. Februar 1526 verhandelten auf der Burg Grimmenstein Landgraf Phillip von Hessen (1504 bis 1567) und Kurfürst Johann von Sachsen (1468–1532) den »Gotha-Torgauer Bund«, das erste Waffenbündnis zum Schutz der Reformation.

10. Ein Gothaer brachte der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf den evangelischen Glauben. Im Jahr 1527 hielt Friedrich Myconius seine erste Predigt und diskutierte mit einem Kölner Franziskanermönch, den er im Streitgespräch bezwang.

11. In Gotha wurde die erste Mädchenschule der Reformation gegründet. Die 1522 eröffnete deutsche Schreibschule an der Margarethenkirche wurde im Jahr 1534 zu einer Mädchenschule umgewandelt und eine Frau wurde als Lehrerin angestellt. Es ist die erste Mädchenschule der Reformation.

12. In Gotha befindet sich die älteste Beschreibung der Reformation aus Luthers Zeit. Der Historiker Daniel Gerth hat diese Beschreibung im Jahr 2016 im Thüringischen Staatsarchiv Gotha entdeckt. Sie stammt aus dem Jahr 1535.

13. Luther wollte in Gotha sterben. Am 27. Februar 1537 diktierte Martin Luther auf dem Sterbebett zu Gotha sein erstes Testament, er wollte in Gotha begraben werden. Der Gothaer Bürgermeister Johann Oßwald ließ ihn Wasser trinken, bis er wieder gesundete.

14. Luther erwähnte Gotha als »göttliche Stadt«. In einem Brief an Friedrich Myconius vom 27. Juli 1537 schrieb Luther über Gotha als »civitas divina«. Gotha war für ihn die »göttliche Stadt«.

15. In Gotha gibt es ein originales Bauwerk aus Luthers Zeit. Das Haus »Zu den zwei Helmen« am Hauptmarkt 15 ist zwei Jahre vor Luthers Tod (1544) gebaut worden und bis zum heutigen Tag als Wohn- und Geschäftshaus erhalten. Die Augustinerkirche ist nur in ihren Grundmauern und in Einzelbauteilen aus der Lutherzeit erhalten.
(epd)


Gesungene Reformation

13. Januar 2017 von redaktionguh  
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Die Palette der kirchen-musikalischen Höhepunkte im Reformationsjahr 2017 reicht von Luthers eigenem Liedschaffen über große Oratorien bis hin zu Musicals.

Die Reformation war von Anfang an eine Singbewegung, vor allem Luthers Lieder wurden zum Markenzeichen der evangelischen Kirche. Für ihn war die Musik »eine der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes«. 1524 schuf er zusammen mit dem »Ur-Kantor« der evangelischen Kirchenmusik, dem in Kahla geborenen und in Torgau wirkenden Johann Walter, ein vierstimmiges Chorgesangbuch, dem bald eine Ausgabe für die Gemeinden folgte. Von den 40 Liedern, die Luther verfasste, stehen heute noch 31 im Evangelischen Gesangbuch. Sie sind von zahlreichen Komponisten immer wieder neu bearbeitet worden. Dies nahmen die Kantoren des Kirchenkreises Eisenberg zum Anlass, eine Konzertreihe zu konzipieren, in der – passend zum kirchlichen Festkalender – »sein gesamtes Liedschaffen an zwölf Konzertorten gewürdigt wird«, ist von Kantor Philipp Popp zu erfahren. Luthers nachweihnachtliche Lieder eröffnen den Reigen in Hermsdorf (22. Januar).

Posaunenklänge, das Pop-Oratorium »Luther« oder Chormusik: Kirchenmusikalische Höhepunkte im Reformationsjahr in Mitteldeutschland. Grafik: G+H; Fotos: Harald Krille, Creative Kirche Witten, Ute Nicklisch

Posaunenklänge, das Pop-Oratorium »Luther« oder Chormusik: Kirchenmusikalische Höhepunkte im Reformationsjahr in Mitteldeutschland. Grafik: G+H; Fotos: Harald Krille, Creative Kirche Witten, Ute Nicklisch

In der Georgenkirche in Eisenach kreuzten sich die Lebenswege von Martin Luther und Johann Sebastian Bach, die hier im Abstand von 200 Jahren in der Kurrende gesungen haben. In der Taufkirche des Komponisten wird es über einhundert musikalische Angebote geben. Zu den Höhepunkten gehören die Auftritte von drei bedeutenden Knabenchören: der Tölzer Knabenchor gastiert mit Bachs »Matthäus-Passion« (14. April, 15 Uhr), die Kruzianer aus Dresden auf einem »Musikfest für Martin Luther« (28. April, 19.30 Uhr) und die Thomaner aus Leipzig zu den »Telemann-Tagen« (20. Juni, 19.30 Uhr).

In Magdeburg wird dazu eingeladen, innerhalb des »Kirchentages auf dem Weg« am 26. Mai an den Proben in der Johanniskirche teilzunehmen (ab 9.30 Uhr) und bei der Aufführung von Joseph Haydns »Schöpfung« bei der Aufführung des Oratoriums (16 Uhr) mitzusingen. Das gleiche Werk studiert ein Projektchor zur Thüringer Landesgartenschau in Apolda ein (24. Juni, 17 Uhr, Lutherkirche).

Auffallend ist, dass neben den alljährlichen »Highlights« gleich mehrere der großen Oratorien von Felix Mendelssohn Bartholdy aufgeführt werden: »Lobgesang« in Aschersleben (24. September, 17 Uhr, St.-Stephani-Kirche) und Saalfeld (1. Oktober, 17 Uhr, Johanneskirche), »Elias« in Rudolstadt (13. Mai, 19 Uhr, Stadtkirche) sowie »Paulus« in Merseburg (17. September, 18 Uhr, Dom) und Dessau (31. Oktober, 17 Uhr, Johanniskirche).

Groß ist die Zahl an Wiederentdeckungen. Dazu gehört das Oratorium »Abbadona« von August Mühling (1786 bis 1847), der ab 1843 Domorganist in Magdeburg war, das die Hochschule für Kirchenmusik in Halle präsentiert (29. Mai, 19.30 Uhr, Pauluskirche). Das Oratorium »König David« von Carl Gottlieb Reißiger (1798–1859), der als Nachfolger Carl Maria von Webers als Hofkapellmeister in Dresden wirkte, wird in der St. Jacobikirche Köthen vom dortigen Bachchor dargeboten (5. Juni, 17 Uhr). Das Oratorium »Luther in Worms« von Ludwig Meinardus (1827–1896), für dessen Aufführung sich Franz Liszt einsetzte und das 1883 dem Komponisten zu internationaler Berühmtheit verhalf, wird in Weimar der Vergessenheit entrissen (11. November, 19.30 Uhr, Stadtkirche).

Die Gattung »Musical« erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Dabei gibt es für die eigenen Bedürfnisse selbst geschaffene Stücke ebenso wie überregional vertriebene Kompositionen. Zu einem Zentrum entwickelt sich dabei Rudolstadt, wo gerade das Musical »Fröbel und Luther« von Katja Bettenhausen erarbeitet wird (18. Juni, 14 Uhr, Stadtkirche). »Jona – erst verschluckt, dann ausgespuckt« von Michael Pen­kuhn-Wasserthal wird von der Paulus-Singschule Magdeburg einstudiert (8. Mai, 17 Uhr, Pauluskirche). Das Leben des Reformators steht im Mittelpunkt eines Musicals von Gerd-Peter Münden, das in Weimar (27. Mai, 16.30 Uhr, Stadtkirche), Apolda (9. September, 16 Uhr, Lutherkirche) und Meiningen (17. September, 17 Uhr, Stadtkirche) zu erleben ist.

Michael von Hintzenstern

Luther-Dekade trifft Dada-Dekade

9. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Sie ist in gewisser Weise ein ironischer Kommentar zur Luther-Dekade, die seit 2008 mit Themenjahren das 500. Reformationsjubiläum vorbereitet: die Weimarer Dada-Dekade 2012–2022.

Auch hier gibt es einen historischen Anknüpfungspunkt: den »Internationalen Kongress der Dadaisten und Konstruktivisten«, der vom 25. bis 27. September 1922 in Weimar und Jena veranstaltet wurde. Weil dieses einzigartige Treffen damals in der Klassikerstadt keine Beachtung fand, soll durch die Proklamation der Dekade sein 100. Jahrestag ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden.

Zu den weit gereisten Teilnehmern gehörten aus dem Westen der dadaistische Freundeskreis um Hans Arp, Kurt Schwitters und Tristan Tzara und aus dem Osten die Suprematisten und Konstruktivisten um El Lissitzky und László Moholy-Nagy. Die Organisation lag in den Händen des Holländers Theo van Doesburg (1883–1931), der 1921 und 1922 Kurse im Umfeld des Weimarer Bauhauses hielt, zu den Mitbegründern der abstrakten Malerei gehörte und sich zeitweilig dem Dadaismus anschloss. Er schrieb unter dem Namen I. K. Bonset dadaistische Gedichte und veröffentlichte diese in seiner Zeitschrift »Mecano«.

Die Wärmflaschen-Ente von Reinhard von Gigantikow ist im Lügenmuseum Radebeul ausgestellt. Foto: Amac Garbe

Die Wärmflaschen-Ente von Reinhard von Gigantikow ist im Lügenmuseum Radebeul ausgestellt. Foto: Amac Garbe

Mit der »Dada-Dekade 2012–2022« geht es den Veranstaltern – der Galerie Markt 21 und dem Verein »Klang Projekte Weimar« – nicht um kollektive Denkmalpflege, sondern um eine Mobilisierung der schöpferischen Kräfte, die heute in der »freien Szene« existieren. Bei der Vorbereitung des 100. Kongress-Jubiläums setzen sie deshalb auch auf Themenjahre, die historische und lokale Querverbindungen herstellen, wie z. B. »Jena – Japan – Jenseits« (2013) oder »Hoch – Höher – HÖCH. Dada mit HANNAH aus Gotha« (2014), wobei die vor 125 Jahren in Gotha geborene erste Dadaistin und Wegbereiterin von Collage und Fotomontage im Mittelpunkt stand. Während 2015 unter dem Motto »Grachten – Kräche – Kreationen« ein 1923 durchgeführter »Dada-Feldzug« in die Niederlande mit einer Wohnwagen-Tour nach Amsterdam nachgestellt wurde, war es 2016 der 100. Geburtstag von Dada, der unter der Überschrift »Zürich – Züklon – Züankaly« auch am Gründungsort, dem »Cabaret Voltaire«, in der Schweizer Metropole begangen wurde.

Unter dem Titel »Reformation, Revolution, Reklamation« treffen in diesem Jahr beide Dekaden aufeinander. Dabei stehen jene geschichtlichen Ereignisse im Mittelpunkt, die vor 500 bzw. 100 Jahren für Furore sorgten: Luthers Thesenanschlag und die Große Sozialistische Oktoberrevolution. Darüber hinaus reagieren die Initiatoren auf brisante gesellschaftspolitische Entwicklungen. Die Performance »Neujahrsempfang« zur Eröffnung des sechsten Themenjahres wird deshalb mit einer Ausstellung des »Ideenmillionärs« Richard von Gigantikow verknüpft, den »Die Zeit« als »letzten Dadaisten des wilden Ostens« bezeichnete.

Der gebürtige Erfurter, der bereits in den 1980er-Jahren mit spektakulären Kunst-Aktionen in der Ostberliner Szene am Prenzlauer Berg gegen die offizielle Kulturpolitik auftrat, ist bis heute unbequem geblieben. So intervenierte er im Juni 2016 mit der »WuKaMenta« vor der Frauenkirche in Dresden und lud 33 internationale Künstler ein. Die Idee einer Ausstellung von »Wunderkammern zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum« wird in diesem Jahr fortgesetzt und der Frage nachgehen: »Anders leben, aber wie?« Außerdem sind »Montags-Messen« auf dem Neumarkt geplant.

Richard von Gigantikows »Lügenmuseum«, seit 2012 in Radebeul beheimatet, zeigt »Reliquien einer traumatisch eingestürzten Inneneinrichtung namens DDR«. Aus seinem reichen Fundus sind in Weimar unter dem Titel »RiRaRutsch« Collagen, Installationen, Licht- und Klanginszenierungen zu sehen, wie z. B. »Die Kathedrale des Sozialismus«. Sie zeigt die Lüge der im rosa Licht erscheinenden Geschichte. »Nicht für jeden war die DDR ein Gefangenenlager mit Wachtürmen und Stacheldraht. Für viele Verweigerer, Bürgerrechtler und Künstler schon«, betont der Ausstellungsmacher. Ihre Wut und ihr erlebtes Unrecht hätten sie deshalb mit ihren Kunstwerken zum Ausdruck gebracht. »Dada ist antikünstlerische Geste, raumfüllende Ausstellungsästhetik und aufwühlende Geisteshaltung mit Biss, die in der Weimarer Galerie den befruchtenden Rahmen findet«, ist der Künstler überzeugt.

Michael von Hintzenstern

Der Autor ist Initiator der Dada-Dekade 2012–2022

13. Januar bis 22. Februar, Galerie Markt 21, Weimar, täglich 18 bis 24 Uhr, Eintritt frei; Eröffnung: Freitag, 13. 1., 21 Uhr, mit Uraufführung eines neuen Werkes durch den »Absurden Chor Weimar«

www.dadamenta.eu

Christusfest feiern wir gerne mit

11. Oktober 2016 von redaktionguh  
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Der katholische Bischof Gerhard Feige zur Ökumene vor 2017

Der Lutherchoral »Ein feste Burg« eröffnete am 30. September in der Jakobskirche in Köthen einen besonderen Vortragsabend. Der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige war auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Köthen zu einem Vortrag in die Bachstadt gekommen. Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz hatte bewusst die von dem Katholiken Max Reger komponierte Choralfantasie aus dem Jahr 1898 ausgewählt. Ökumene in Gestalt von Musik zu einer Zeit, als diese weltweite Bewegung zur Einigung und Zusammenarbeit der Christen langsam zu wachsen begann.

»Es verbindet uns mehr als uns trennt«

In seiner Einführung ging der frühere Köthener Kreisoberpfarrer Dietrich Lauter, der Bischof Feige im Namen der Köthener ACK eingeladen hatte, auf das im September in München vorgestellte Gemeinsame Wort von evangelischer und katholischer Kirche vor den Feiern zum 500. Reformationsjubiläum 2017 ein. Es trägt den Titel »Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen«*. Erstmals werde ein Reformationsjubiläum in ökumenischer Gemeinschaft begangen, heißt es darin. »Es ist wichtig, dass wir über das Einende und über das Trennende sprechen können«, so Lauter, und fügte mit Blick auf diverse Erinnerungen aus seiner Kindheit an: »Ich bin Gott dankbar für diesen Weg.«

Der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige (re.) im Gespräch mit dem früheren Köthener Kreisoberpfarrer Dietrich Lauter, der die ACK Köthen mit begründet hatte. Foto: Heiko Rebsch

Der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige (re.) im Gespräch mit dem früheren Köthener Kreisoberpfarrer Dietrich Lauter, der die ACK Köthen mit begründet hatte. Foto: Heiko Rebsch

Um Zusammenarbeit, Freundschaft und Dialog – auch über das Trennende hinweg – ging es im Vortrag von Bischof Feige, der Mitglied des Ökumenisch-Theologischen Arbeitskreises in Ostdeutschland und seit dem Jahr 2012 Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz ist. Er stellte fest, dass es seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) zwar enorme Fortschritte, aber auch Ermüdungserscheinungen und Rückschläge gegeben habe. Aber: »Es verbindet uns mehr als uns trennt«, so der Bischof, der seit 2014 auch Mitglied des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen ist. In Deutschland sei die ökumenische Lage besser als anderswo, sagte er mit Blick auf orthodoxe und freikirchliche Christen. Von »ökumenischer Eiszeit« könne keine Rede sein, auch wenn nicht alles bestens sei. Im Neuen Testament werde an mehreren Stellen darauf verwiesen, dass das Bemühen um Einheit den Christen ein Herzensanliegen sein solle. Die Christen der verschiedenen Konfessionen sollten sich jeweils von den Stärken der anderen anregen lassen und den Austausch der Gaben pflegen.

Ökumene wird für Bischof Feige konkret, indem Christen erstens ihren Glauben bezeugen, zweitens den theologischen Dialog suchen (»In der Vergangenheit ist man im Eifer um den wahren Glauben auseinander gegangen, nicht wegen Bagatellen.«) und drittens tun, was eint. Vor allem das Erste – beten, nachdenken, den Glauben bezeugen – sei keine betuliche Angelegenheit. Denn Umkehr und Erneuerung betreffe alle Christen. Er plädierte für »reinigende Veränderung statt Selbstzufriedenheit«. Das gemeinsame Tun, die »Ökumene des Lebens«, erwachse aus gemeinsamer Lebenserfahrung. Feige erinnerte an die Erfahrungen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, aus Diktaturen und der ostdeutschen Diaspora und an die vielen Impulse, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausgingen. »Ökumene ist in Sachsen-Anhalt kein Fremdwort«, sagte er mit Blick auf Erfahrungen aus vier Jahrzehnten DDR, in Erinnerung an den ökumenischen Kirchentag 1996 in Eisleben zu Martin Luthers 450. Todestag oder an das Engagement der Kirchen in bestimmten gesellschaftlichen Fragen. Der katholische Bischof bedauerte die »extreme Entkirchlichung« in Sachsen-Anhalt. Umso wichtiger sei es, dass Christen gemeinsam unterwegs seien.

»Ökumene ist in Sachsen-Anhalt kein Fremdwort«

Gerhard Feige verschwieg in seinem Vortrag nicht seine Bedenken und seine gemischten Gefühle, die er zur Eröffnung der Lutherdekade im Jahr 2008 hatte. »Wird es eine Jubel- und Profilierungsfeier des Protestantismus mit antikatholischen Spitzen?«, hatte er in einem Beitrag für die Kirchenzeitung gefragt (Nr. 38 vom 21. September 2008). »Dazu reichte schon, die Reformation als ›Morgenröte der Moderne‹ oder ›Geburtsstunde der Freiheit‹ hinzustellen. Das wäre nicht nur historisch fragwürdig, sondern auch kaum an den Kriterien des Evangeliums orientiert. ›Katholisch‹ zu sein hätte dann das Image von ›unzeitgemäß‹ und ›hinter der Aufklärung zurückgeblieben‹.« Für ihn sei es eine spannende Frage, ob sich evangelische und katholische Christen nach der Dekade und dem Jubiläum näher oder ferner seien.

Seitdem, so Gerhard Feige am Freitag vergangener Woche in Köthen, sei enorm viel passiert. Es habe einen ökumenischen Lernprozess mit »vielen positiven Früchten« gegeben. »Um 2017 gemeinsam feiern zu können, müssen wir an die Quellen zurückgehen«, schloss er seinen Vortrag. Er erinnerte daran, dass der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm im Juni dieses Jahres mit Blick auf das bevorstehende 500. Reformationsjubiläum von einem »Christusfest« gesprochen habe*. »Auf dieser Basis feiern wir Katholiken gerne mit.«

Angela Stoye

Ausführliche Informationen zu den mit * gekennzeichneten Stellen unter www.ekd.de/International/Ökumenische Zusammenschlüsse/Pressemitteilungen

Die Menschen mitnehmen

9. Oktober 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Jetzt hat die Welthauptstadt der Reformation wieder ein Zentrum. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), der Bundespräsident und die dänische Königin haben zusammen mit geladenen Gästen und Gottesdienstbesuchern die restaurierte Schlosskirche in Wittenberg, den Geburtsort der Reformation, wiedereröffnet.

Mit ihrem selbst gestalteten Altarbehang hat Margrethe II. »dem Werk die Krone aufgesetzt«, so Kirchenpräsident Christian Schad, der Vorsitzende der Union Evangelischer Kirchen, in seiner Predigt. Jetzt können die Feiern zum Reformationsjubiläum beginnen. 2017 wird die EKD die Schlosskirche vom Land Sachsen-Anhalt übernehmen.

Ob sie auch die Menschen mitnehmen kann, wie Luther vor 500 Jahren? Das ist die Herausforderung. Nur 15 Prozent der 46 000 Wittenberger sind konfessionell gebunden, die meisten davon sind evangelisch. 85 Prozent haben mit Religion nichts am Hut. Die Sorge ist berechtigt, dass sie und die Kirchengemeinden im Reformationsjahr überrollt werden. Das Zehnfache der Einwohnerzahl wird für 2017 an Besuchern prognostiziert.

In der restaurierten Schlosskirche haben 400 Menschen Platz. Beim Eröffnungsgottesdienst waren 200 Plätze geladenen Gästen vorbehalten. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm begrüßte ausdrücklich die Gemeinde, die sich im nahegelegenen Einkaufszentrum »Arsenal« versammelt hatte, um per Videoübertragung an der Einweihung teilzunehmen. 500 Gottesdienstbesucher feierten dort fröhlich, postete Initiator Jan von Campenhausen, der Direktor der Evangelischen Wittenbergstiftung.

Der Testlauf für 2017 scheint geglückt. Die frohe Botschaft kam zu den Menschen. Und sie kam an. Lutherisch, im besten Sinne.

Willi Wild

Hirte der Hirten

12. Juni 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Ein Nachruf zum Tod von Propst Siegfried T. Kasparick. Der Beauftragte für Reformation und Ökumene ist nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben.

Ein großer von Empathie getragener Schmerz durchzieht unsere Evangelische Kirche in Mitteldeutschland. Auch wenn ich wohl weiß und glaube, dass »wir hier keine bleibende Stadt (haben), sondern die zukünftige suchen« (Hebr.13,14), gebe ich der Trauer recht und fühle mich durch den Tod meines Bruders in Christus, meines Freundes und Kollegen tief angerührt. Siegfried Kasparick, der leidenschaftliche und zugewandte Prediger, der passionierte Seelsorger, der weithin geachtete Ökumeniker und kompetente theologische Gesprächspartner wurde nach kurzer, schwerer Krankheit heimgerufen. Unsere Herzen wollen noch nicht fassen, was uns der Verstand sagt: Seine uns vertraute Stimme schweigt. Sein guter Rat fehlt uns.

Wir danken Gott

Wir halten inne: Vergangenes zieht in Gedanken vorbei. Wir danken Gott für die Gaben, die er ihm mit auf den Weg gab. Wir danken Siegfried Kasparick für seine unermüdliche Freudigkeit, uns das Evangelium zu bezeugen. Und: Wir stehen im Gebet an der Seite seiner Frau und seiner Familie.

In der Zeit des Abschiedes schauen wir zurück auf das, was uns vor Augen ist, aber auch, wie wir ihn oft ganz persönlich wahrgenommen haben. Geboren im brandenburgischen Herzberg (1955); Studium der evangelischen Theologie in Naumburg, Berlin und Leipzig; Vikariat; als Ephorus, Repetent und Assistent am Sprachenkonvikt in Berlin tätig; 1986 erste Pfarrstelle in Osterburg; 1991 amtierender Super­intendent; 1993 Direktor am Predigerseminar der Evangelischen Kirche der Union in Brandenburg; 2001 Wahl durch die Synode der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen zum Propst des Kurkreises Wittenberg; später Regionalbischof; zeitweise stellvertretender Landesbischof; seit 2012 Beauftragter der Landesbischöfin für Reformation und Ökumene.

Sein Werdegang hat ihn in seiner Theologie, in seinem Verständnis von Kirche und ihren Strukturen, in seinem Zugang zu den Menschen bereichert. Bei den Föderations-, später Fusionsverhandlungen, in denen es beispielgebend für die EKD nicht nur um den Zusammenschluss zweier bis dahin selbstständig agierender Landeskirchen, sondern auch um das Miteinander »bekenntnisverschiedener« unierter und lutherischer Kirchen handelte, bedeutete es einen nicht zu unterschätzenden Vorteil, in Siegfried Kasparick und anderen profilierte Gegenüber zu haben, wenn natürlich auch »zunächst« als ausgewiesene Anwälte ihrer Kirche, der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. In dieser Situation lernte ich ihn als Thüringer kennen und schätzen.

Seine Gaben

Er war ein Diplomat, der zu moderieren verstand. Ein überaus geschätzter »kirchlicher Außenminister«, der seine reformatorische Kirche mit Herz, Verstand, manchmal auch mit Humor in der Ökumene vertrat. Aus der Orthodoxie vermittelte er andere Sichten auf Russland, die Ukraine, auch auf Themenfelder wie Autorität oder Homo­sexualität. Er war geradezu geschaffen für das Amt der Einheit, das bischöfliche Amt der Draufsicht und der geistlichen Entscheidung. Sei es in kritischen Zeiten des Föderationsprozesses, sei es in Synoden.

Siegfried Kasparicks Stärke beruhte oft gerade in der nicht ausgegebenen Macht: Er musste in Debatten und Diskursen nicht gewinnen, er war menschlich wie theologisch frei und unabhängig. Er erwartete von der Schrift her begründete, hermeneutisch durchdachte Antworten und war von daher kollegial auf Augenhöhe. Er war im besten Wortsinn pastor pastorum. Kein Dienstvorgesetzter, sondern ein Friedensstifter, der sich mit hohem persönlichem Einsatz dreingab.

»Non vi, sed verbo – ohne Gewalt, sondern aus dem Wort« – hat Martin Luther seine Wittenberger Invokavitpredigten im März 1522 überschrieben, um einer Radikalisierung der Reformation zu hindern.

Siegfried Kasparick, der sich mir gegenüber nie als Lutheraner bezeichnet hat, hätte gerade diesen Ansatz sehr wohl für sich in Anspruch genommen. Gleichwohl soll nicht verschwiegen werden, dass er auch ein »Leiden an seiner Kirche« kannte.

So soll es sein

Hebräer 13,14 geht von der Endlichkeit oder auch der Vorläufigkeit menschlicher Planungen aus. Das heißt: Gott schafft in Christus Neues, so die offenbarende Orientierung der Schrift.
Der aus dieser Perspektive Raum und Hoffnung schaffende Friede schenke unserem Bruder und Kollegen, dem Ehemann und Familienvater Siegfried Kasparick die Erfüllung seines Glaubens. »Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Tost sein. Kyrieleis.«

Hans Mikosch

Der Autor ist promovierter Theologe und war Propst des Sprengels Gera-Weimar.

Gelebte Toleranz in Anhalt

23. Mai 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

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Jubiläum: 1816 erhielten Köthener Katholiken die Erlaubnis, Gottesdienst zu halten

Ein 200-jähriges Jubiläum erinnert daran, dass in Anhalt zur Geschichte und Gegenwart der Toleranz auch  das Verhältnis von Katholiken und Protestanten gehört.

Toleranz wird groß geschrieben in Anhalt. Die Privilegien, die Fürst Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817) einst den Juden erteilte, das hohe Maß an Integration, über das die jüdische Bevölkerung hier verfügte – sie bilden wichtige Elemente unseres Geschichtsbewusstseins. Dass Toleranz auch unter Protestanten und schon wesentlich früher ein Thema war, dessen wird sich die Kirche immer mehr bewusst: Seit 1596 kamen in Anhalt Lutheraner und Reformierte, die sich zwar auf die Confessio Augustana beriefen, aber unterschiedliche Institutionen und Rituale besaßen, mal mehr, mal weniger friedlich miteinander aus.

Und die Katholiken? Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts zählte man ihrer in Anhalt ganze 20. Die Fürsten hatten eine reformierte (in Anhalt-Zerbst lutherische) Staatskirche aufgebaut, die die anderen Konfessionen benachteiligte. Erst seit dem frühen 18. Jahrhundert förderten sie die Zuwanderung von Katholiken durch Missionsstationen. Diese wurden von Franziskanerpatern betreut.

Blick in die katholische Kirche in Köthen, die hier mit Licht ausgemalt ist. Das Foto entstand bei der »Nacht der Kirchen« im Jahr 2012. Foto: Reiko Rebsch

Blick in die katholische Kirche in Köthen, die hier mit Licht ausgemalt ist. Das Foto entstand bei der »Nacht der Kirchen« im Jahr 2012. Foto: Reiko Rebsch

Zu regulären katholischen Gemeindegründungen kam es jedoch erst im 19. Jahrhundert. Den Beginn markierte damals Köthen: Hier baten die Katholiken den in Vormundschaft regierenden Dessauer Herzog Franz vor nunmehr knapp 200 Jahren darum, in der leer stehenden Schlosskapelle die Messe abhalten zu dürfen. Letzterem wurde stattgegeben; in punkto Örtlichkeit entschied die Regierung jedoch abschlägig. Erst am 1. August 1817 wurde dann in der Schlosskapelle erstmals die Messe gehalten.

Der künftig zuständige Pater Marianus Wencken hatte sich zuvor bei seinem direkten Vorgesetzten auf der Hyusburg über das zu geringe Gehalt von 25 Talern beklagt, das ihm der Landesherr zahle. Um eine Anhebung desselben habe er aber nicht bitten wollen »aus Furcht[,] bei abschlägiger Antwort seine mir unentbehrliche Gnade zu verlieren, die verloren leider nicht wieder zu erlangen ist«.

Gewiss: Auf dem Wiener Kongress 1815 war die bürgerliche Gleichberechtigung der Konfessionen vorgeschrieben worden, doch deutlich wird hier, dass auch noch zu diesem Zeitpunkt die Minderheitskonfessionen auf die Gnade des Landesherrn angewiesen waren. Dass aus dieser Struktur auch ganz andere Entwicklungen folgen konnten, zeigte sich in Köthen zehn Jahre später, nämlich am 17. Mai 1826. Damals wurde mit St. Maria die erste katholische Pfarrei in Anhalt gegründet. Hintergrund bildete die Konversion des Köthener Herzogspaares am 24. Oktober 1825.

Dieser Akt, dem die Gründung eines Klosters, eines Hospitals, einer Schule und eines Friedhofs, die erste Fronleichnamsprozession in Anhalt seit der Reformation (!) sowie der Bau der spätklassizistischen Kirche folgten, sorgte europaweit für Aufsehen. Strukturelle Auswirkungen zeitigte er hingegen kaum: Die Benachteiligung der Katholiken unter protestantischer Kirchenaufsicht wurde nur langsam überwunden, und auch die Vorbehalte der Mehrheitsbevölkerung dürften nur allmählich abgebaut worden sein.

Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass in Anhalt Kulturen interkonfessioneller Verständigung entstanden, bildeten Vorgänge, die heute wieder höchste Aktualität beanspruchen. Zu Gemeindegründungen kam es vornehmlich in zwei größeren Einwanderungswellen. Zuerst zu nennen ist die Industrialisierung im 19. Jahrhundert – bis 1868 wuchs die Zahl der Katholiken auf 3 311, bis 1905 auf 12 755 (also rund vier Prozent der Gesamtbevölkerung), wobei der Anteil an verarmten Leinewebern aus dem Eichsfeld unter den Immigranten besonders hoch einzuschätzen ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten Vertriebene aus den Ostgebieten hier eine neue Heimat. Bis 1973 erhöhte sich die Zahl der Katholiken auf 40 000. Die Zahlen für die Pfarrei Köthen lauten: 341 im Jahr 1871; 1900: 804; 1931: 2 400, und 7 466 im Jahr 1951.

Nicht alle blieben sie. Es ist ein dringendes Desiderat der Forschung, die Konflikte zu analysieren, zu denen es aufgrund ökonomischer Benachteiligung sowie kultureller und religiöser Fremdheit immer wieder kam. Auch auf den Druck wäre zu schauen, den der SED-Staat auf beide Kirchen ausübte, auf Assimilation und das Aussterben mancher neu gegründeter katholischer Gemeinden.

Und dennoch gilt: Katholische Einwanderer aus dem Eichsfeld, aus Schlesien, Sudetenland und Ostpreußen – längst nicht alles Deutsche – haben Spuren hinterlassen, engagierten und integrierten sich und trugen ihren Teil zum Gelingen des gesellschaftlichen Lebens bei. Wenn Katholiken in vielen Orten in evangelischen Gotteshäusern feiern konnten oder dauerhafte Simultanverträge geschlossen wurden, wenn in »liturgischen Nächten«, ökumenischen Gottesdiensten und Gemeindefesten Institutionen der Gemeinsamkeit entwickelt wurden und wenn man sich in der Wendezeit gemeinsam für politischen Aufbruch engagierte, so verweist dies auf Formen gelebter Toleranz, die weit über bloßes Dulden hinausgehen.

Protestanten und Katholiken haben insofern auch eine besondere Verantwortung in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte. Auch wenn der Weg dorthin lang scheinen mag: Dort, wo Gruppen und Einzelne einander offen begegnen, dort werden Vorurteile weiter abgebaut, dort kann trotz unterschiedlicher, auch abgelehnter Anschauungen der andere respektiert werden, kann das Gemeinsame gesucht und auf seiner Basis die Gesellschaft vorangebracht werden. Und nicht zuletzt für die eigenen Glaubensüberzeugungen bringt Toleranz den positiven Effekt einer verstärkten Selbstvergewisserung.

Jan Brademann

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