Offenheit braucht Zeit

1. September 2017 von redaktionguh  
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Das große Ziel: 95 Prozent der Kirchen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sollen im Reformationsjahr offen sein, so der Wunsch der Kirchenleitung. Was ist daraus geworden?

Mehr als 4 000 Kirchen gibt es in der EKM. Und all diese Gotteshäuser sollten innerhalb des Reformationsjubiläumsjahres zu offenen Kirchen werden. So die Idee der Landeskirche. »Das Ziel, was ich angegeben habe – 95 Prozent geöffnete Kirchen Ende 2017 –, werden wir bestimmt nicht erreichen«, stellt Landesbischöfin Ilse Junkermann heute fest. Ein Fazit, das für viele Begleiter der Ini­tiative »Offene Kirchen« ernüchternd ist. Dennoch glaubt Junkermann, dass in den vergangenen Monaten ein Stein ins Rollen gekommen ist, der – auch wenn es längere Zeit brauchen wird – doch ins Ziel treffen werde. Die Zahl 95 ist für Junkermann vor allem eine symbolische: »Sie steht dafür zu sagen, dass die Mehrheit geöffnet ist«, erklärt Junkermann. Nach der neuesten Erhebung sind derzeit 1 000 Gottes­häuser in der EKM »offene Kirchen«. »Laut der Umfrage, die wir vor einem Jahr gemacht haben, waren zwölf Prozent der Kirchen geöffnet. Heute sind es mit 1 000 ein Viertel. Das bedeutet eine Verdopplung«, so Junkermann. Bis heute, so glaubt die Landesbischöfin, habe sich in den Gemeinden viel verändert, denn das Herumdrehen des Schlüssels und das Öffnen der Türen sei nicht nur ein äußerer Vorgang. Ihm entspreche eine innere Haltung, betont die Landesbischöfin.

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen.  Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin  Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen. Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Das Thema »Offene Kirchen«, so der Wunsch der Kirchenleitung, solle alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in der EKM beschäftigen. Was heißt überhaupt »offene Kirche«? Dafür haben die Kirchengemeinden unterschiedliche Antworten gefunden. Die einen öffnen 24 Stunden, andere nur im Sommer, wieder andere nur von Donnerstag bis Sonntag. Die gängige Praxis ist mit zahlreichen Kirchenältesten diskutiert worden. Denn die Kirche öffnen zu wollen, wirft praktische Fragen auf: Wer soll öffnen und wie oft? Was geschieht mit der kostbaren Ausstattung? Was passiert im Schadensfall?

Viele Gemeindeglieder hatten und haben Bedenken. Das weiß auch die Landesbischöfin. Vor allem die Befürchtung, in der Kirche könnte etwas gestohlen oder beschädigt werden, kennt sie. »Man muss Ängste ernst nehmen, man kann sie nicht zerstreuen. Es gibt die Möglichkeit einer Versicherung, auch wenn eine Entschädigung wertvolles Kunstgut nicht ersetzen kann.« Laut Junkermann wurden in der EKM in den vergangenen acht Monaten 160 Versicherungen für offene Kirchen abgeschlossen. Vandalismus und Zerstörung seien sicher schlimm, dennoch solle man sich in den Kirchengemeinden mit der Frage auseinandersetzen, was wichtiger sei: »die Botschaft und die Offenheit für andere oder unser Besitz, unser Haben?«

Mit der Botschaft Jesu Christi und geöffneten Kirchen ein Willkommensangebot auch an die senden, die bisher nicht den Weg in eine Kirche gefunden haben, das war und ist die Idee hinter den »offenen Kirchen«. Ausgangspunkt dabei sei das starke Bedürfnis vieler, in einem Kirchenraum still zu werden, innezuhalten und in dieser besonderen Atmosphäre den Weg zu sich und zu Gott zu suchen. Dieses Bedürfnis hätten Gläubige wie Nichtgläubige, ist sich die Landesbischöfin sicher. Und während Kirchenmitglieder in der Regel wüssten, wo und wie sie mit Gott in Verbindung treten könnten, kann der freie Zutritt zu einer Kirche eine Brücke für Kirchenferne sein.

Die Landesbischöfin bekräftigt: »Die Botschaft einer verschlossenen Tür kommt an. Ich denke, dass sich viele Kirchenälteste dessen gar nicht bewusst sind, dass es sich hier um eine negative Botschaft handelt.« Die Kirchen öffnen und mit niederschwelligen Angeboten die Menschen einladen, das müsse das Ziel für die Zukunft sein. In diesem Jahr sei aber auch die Erkenntnis gewachsen, dass dieses Ziel nicht in kurzer Zeit erreichbar sein wird.

Diana Steinbauer

www.ekmd.de/service/offenekirchen

Weimarer Kinderbibel ist fertig

19. Juni 2017 von redaktionguh  
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Projekt geht weiter: Jetzt entsteht ein Kinderbibel-Raum

Sechs Staffeln kann das Projekt »Weimarer Kinderbibel« vorweisen und einen Erfolg, der zu Beginn im Jahr 2012 noch nicht abzusehen war. Auch nicht, dass sich die Idee der promovierten Sprachwissenschaftlerin und Autorin, Annette Seemann, weit über Thüringens Grenzen ausbreiten würde.

Initiatoren: Annette Seemann, Ulrike Greim und Sigrun Lüdde (hinten, v. l.) präsentierten zum Kirchentag auf dem Weg die »Weimarer Kinderbibel« mit den besten Geschichten und Illustrationen aus den sechs Staffeln des Projekts. Lea (vorn li.) und Julia (re.) lasen ihre Geschichten vor. Foto: Dietlind Steinhöfel

Initiatoren: Annette Seemann, Ulrike Greim und Sigrun Lüdde (hinten, v. l.) präsentierten zum Kirchentag auf dem Weg die »Weimarer Kinderbibel« mit den besten Geschichten und Illustrationen aus den sechs Staffeln des Projekts. Lea (vorn li.) und Julia (re.) lasen ihre Geschichten vor. Foto: Dietlind Steinhöfel

Zum Kirchentag auf dem Weg wurde im Weimarer »mon ami« eine Extra-Kinderbibel mit den besten Geschichten und Illustrationen aller Jahrgänge präsentiert. Drei Schülerinnen lasen aus ihren Erzählungen. Im Laufe der Jahre hatten sich rund 500 Kinder aus Weimar und Thüringen beteiligt. Dazu zahlreiche Schulen und Lehrer, wie Uwe Butze von der Pestalozzi-
Regelschule in Weimar. »Ich habe selten so was Tolles gemacht«, bekannte er. Die Schülerinnen Lea und Julia fanden es gut, dass Schule mal anders war als sonst. Die beiden Mädchen aus der 6. Klasse lasen ihre Geschichten vor.

»Wir haben mit diesem kulturgeschichtlichen Projekt wieder Wissen ins Bewusstsein gerückt, das früher ganz selbstverständlich dazugehörte, betonte Annette Seemann. Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Kinderbibel, sagte: »Die Weimarer Kinderbibel ist nur im Ergebnis ein Buch, sie war ein Prozess.«

Der ist nun im Reformationsjahr abgeschlossen, aber es gäbe noch eine Menge zu tun, so Sigrun Lüdde, Geschäftsführerin der Literarischen Gesellschaft Thüringen, denn zum Reformationstag soll im Turm der Stadtkirche St. Peter und Paul ein Kinderbibel-Raum entstehen.

Dietlind Steinhöfel

»Ich hänge nicht an Zahlen«

12. Juni 2017 von redaktionguh  
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Gesprächsbedarf: Im Reformationsjahr jagt ein Ereignis das nächste. Die Landesbischöfin der Lutherländer muss da allgegenwärtig sein. Für ein Gespräch mit Renate Wähnelt von der Kirchenzeitung hat Ilse Junkermann noch einen Termin im vollen Kalender freigeräumt.

Reformation geht weiter – so heißt der Slogan der EKM. Welche nachhaltigen Effekte erhoffen Sie sich vom Reformationsjahr und wo werden für Sie bereits Auswirkungen für die Kirchengemeinden sichtbar?
Junkermann:
Viele Gemeinden und Kirchenkreise haben wunderbare Ausstellungen, Theaterstücke und vieles mehr über ihre örtliche Reformationsgeschichte geschaffen. Zahlreiche Gäste sind gekommen, sodass viele ihren Ort mit den Augen der Gäste sehen lernen und stolz auf ihre Geschichte sind. Bei der Vorbereitung der Kirchentage haben sehr unterschiedliche Menschen zusammengearbeitet.

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Ich bin sicher, dabei sind viele Fäden aus der Kirche heraus in die Gesellschaft, in das Gemeinwesen vor Ort hinein, gesponnen worden. Diese Entwicklung kann sich als nachhaltig erweisen. Und ich hoffe, dass wir sprachfähig werden im Glauben. Dass ich sagen kann, was Glauben mir bedeutet und mit mir macht.

Denken Sie, dass so der Mitgliederschwund gestoppt werden kann? Die Mitgliederzahlen in der EKM sind seit der Fusion von 1,1 Millionen auf 750 000 zurückgegangen. Finden Sie sich damit ab?
Junkermann:
Propst Kasparick hat immer wieder betont, dass wir nicht weniger werden, sondern mehr. Er hatte recht. Allerdings nicht mehr Mitglieder und Kirchensteuerzahler. Doch mehr Menschen kommen zu uns und arbeiten mit, in den Chören, bei der Flüchtlingsarbeit, an den Tafeln. Dort wird gemeinsam Christsein gelebt – auch von vielen ohne Kirchenmitgliedschaft. Das stellt uns vor die Frage, ob wir uns in erster Linie als einen Verein mit zahlenden Mitgliedern verstehen. Oder ob es vorrangig ist, Menschen auf dem Weg zu Glauben und Gemeinde zu begleiten, gemeinsam mit ihnen auf dem Weg zu sein.

Das klingt grundsätzlich. Was bedeutet es denn?
Junkermann:
Es ist grundsätzlich. Wir sind seit bald einem Jahrhundert in einem Transformationsprozess weg von der Staatskirche. In der DDR gab es eine Entwicklung zur Verkündigungskirche und Kirche als Lerngemeinschaft, die mit der Wende erst einmal ein vorläufiges Ende gefunden hat. Jetzt sollten wir wieder daran anknüpfen.

Christsein ohne Kirchenmitgliedschaft bedeutet, dass sich Kirche sehr verändern muss.
Junkermann:
Ja! Der »Apparat Kirche« hat sich schon mit der Fusion zur EKM geändert. Wir müssen uns weiter über eine Vereinfachung der Verwaltung Gedanken machen. Im Bischofskonvent und im Landeskirchenrat diskutieren wir, ob es wirklich nötig ist, Diakoniemitarbeitern und Lehrkräften zu kündigen, wenn sie nach einer gewissen Zeit ihre Loyalität nicht durch die Taufe »beweisen« wollen. Und: Ich bin froh über die Erprobungsräume für eine andere Gemeindearbeit. Wir müssen mehr schauen, was wir weglassen können, und stärker die Gaben nutzen, die in den Gemeinden vorhanden sind.

Das hört sich so an, dass es die Ehrenamtlichen richten sollen. Gemeinden und Kirchenkreise empfinden, dass »die da oben« entscheiden.
Junkermann:
Da hat sich doch bereits viel verändert durch die Gestaltungsmöglichkeiten der Kirchenkreise bei der Finanz- und Stellenplanung. Und ja, die Lektoren und Prädikanten sind ein großer Schatz für das gottesdienstliche Leben. Doch grundsätzlich steht an, dass wir Abschied nehmen von festen Bildern, wie Gemeinde sein muss. Das macht den Blick frei, darauf, welche Schätze und Gaben in einer Gemeinde sind, was konkret vor Ort als Aufgabe für Zeugnis und Dienst vor den Füßen liegt und mit wem – auch mit Nichtmitgliedern – so Gemeinde gebaut werden kann.

In den Gemeinden werden die Seelsorger vermisst. Kommt das bei Ihnen an?
Junkermann:
Bei mir kommt ein großer Schmerz an, was nicht oder nicht mehr geht. Ich spüre eine große Sehnsucht nach Trost und Zuspruch. Wir sind mitten in einer Entwicklung, die mit Trauer verbunden ist. Doch wie trauert eine Organisation, wie gestalten und begleiten wir diesen Trauerprozess? Da ist im Unterschied zur individuellen Trauer noch fast nichts erforscht.

Aus der Seelsorge wissen wir, Kraft zu Neuem wächst daraus, dass ich Trauer zulasse, mit all ihren Begleiterscheinungen, auch der Wut und dem Schmerz. Und dass mir dabei jemand zur Seite steht und zuhört. Ich fürchte, das ist bei allen noch nicht genügend im Blick, dass das zuerst dran ist. Das brauchen wir für den Bewusstseinswandel, dass Kirche und Gemeinde nicht dort sind, wo der Pfarrer ist. Gemeinde ist da, wo ich als Christ mit anderen Christen bin. Wichtig ist doch, dass Gottes Wort in der Gemeinde lebendig ist. Die Form ist völlig offen.

Sie ermutigen also die Gemeinden, einfach zu tun, was sie für nötig halten.
Junkermann:
Bei Konventen wird häufig gefragt, was ausprobiert werden darf. Im Prinzip alles. Ich will mit den Ordinierten der letzten Jahre im Herbst Rückschau halten, welche Ideen sie haben umsetzen können und warum oder warum nicht.

Neben Ihrer Ermutigung steht Ihre Forderung, die Kirchen offen zu halten. Was ist aus der Aktion geworden – zählen Sie die offenen Kirchen?
Junkermann:
Ich hänge nicht an Zahlen. In vielen Gemeindekirchenräten wird über die Kirchenöffnung diskutiert. Es hat ein Nachdenken eingesetzt, was wir mit geschlossenen und mit offenen Kirchen verkündigen. Aber auch hier gilt, dass jede Gemeinde verantwortungsvoll entscheiden muss, was für sie wichtig und sinnvoll ist. Und damit meine ich sowohl die Kirchen- als auch die Ortsgemeinde, denn so manches Nichtmitglied freut sich über die Chance zum Innehalten oder neugierigen Schauen, wenn es keine Angst vor einer Blamage wegen vermeintlich falschem Verhalten gibt. Die Aktion ist keine Verordnung, sie hat einen
Prozess in Gang gesetzt.

Die allgemein schwindende Bindung an die Kirche …
Junkermann:
… ist übrigens ein seit dem 19. Jahrhundert stattfindender Prozess, unter anderem weil die Kirche sich zu wenig auf das Arbeitermilieu eingestellt hat …

… und wird begleitet von Austritten namhafter Menschen wie Professor Wulf Bennert, engagierter Christ seit sechs Jahrzehnten. Sein Schritt bewegte viele Menschen, wie Leserbriefe zeigen. Warum sind Sie auf seinen Brief nicht eingegangen, gab es ein Gesprächsangebot Ihrerseits?
Junkermann:
Er hat mir seinen Austritt mitgeteilt. Es ist schwer zu sprechen, wenn der Schritt bereits vollzogen ist. Professor Bennert hat auch nicht um ein Gespräch gebeten. Ich bedauere seinen Schritt, und ich bedauere, dass er den Gesprächsfaden gekappt hat. Ich habe auf seine Mitteilung auch geantwortet.

Der Umgang mit der AfD spaltet Gemeinden. Berlins Bischof Markus Dröge hält die AfD für Christen nicht wählbar. Wie stehen Sie dazu?
Junkermann:
Die AfD ist zum Teil undurchsichtig und rätselhaft, sodass ich als Wählerin nicht weiß, was ich wirklich wähle. Doch das, was ich weiß, widerspricht meinen christlichen Überzeugungen und lässt mich abraten, die AfD zu wählen. Wer sie wählt, wählt zum Beispiel einen erschreckend undemokratischen Leitungsstil wie in Sachsen-Anhalt oder einen Björn Höcke mit, der offen die Verachtung fremder Menschen propagiert. Das ist mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Grundsätzlich gebe ich jedoch keine Wahlempfehlung, sondern ermutige, überhaupt zu wählen.

Wie gehen Sie mit AfD-Mitgliedern in den Kirchengemeinden und in Gemeindekirchenräten um? Haben Sie Kenntnis von Problemen in Gemeinden?
Junkermann:
Es ist die Frage, wie wir beieinander sind mit unterschiedlichen politischen Einschätzungen. Wir wollen die Vielfalt bewahren und auch bei unterschiedlichen Überzeugungen im Gespräch bleiben. Das unterscheidet uns von einer Partei. Wir sind offen für alle, aber nicht offen für alles. Wo die Ebenbildlichkeit infrage gestellt wird, wo mit Hass gesprochen wird, dort ist eine Grenze. Wir grenzen nicht Menschen aus, aber Auffassungen, die mit dem Evangelium unvereinbar sind. In den Gemeinden soll eine Atmosphäre herrschen, in der Ängste und Sorgen geäußert werden dürfen, ohne eine Verurteilung fürchten zu müssen, wo aber das Recht und die Würde von anderen nicht in Frage gestellt werden.

Anspruch und Wirklichkeit

30. April 2017 von redaktionguh  
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Für diese Form der Basis-Demokratie beneiden uns katholische Christen. Die evangelische Landessynode ist nicht nur das oberste Entscheidungsorgan der EKM. Besetzt mit Laien und hauptamtlichen Vertretern aus den Kirchenkreisen, ist sie auch ein Seismograf für die Stimmung in den Kirchengemeinden.

Dass sich die Themen, die die Gemeindeglieder derzeit bewegen, nicht oder nur am Rande in der Tagesordnung wiederfinden, ist dabei nicht der Synodenleitung anzulasten. Jedes Kirchenmitglied kann Anträge über die gewählten Vertreter einbringen. Angesichts der hohen Krankenstände und Vakanzen in den Kirchengemeinden, eines scheinbar geistlichen Notstandes in den ländlichen Regionen, erwartet man anderes. Die Ächtung von Kriegswaffen, die fleischfreie Versorgung bei den Tagungen oder das Wahlkampfthema »Ehe für alle« sind ehrenwerte Debatten-Themen. Aber sollte nicht sprichwörtlich die Kirche im Dorf bleiben?

In einem Antrag heißt es, die EKM möge zur »Kirche des gerechten Friedens« werden. Doch wie ist es um den innerkirchlichen Frieden bestellt? Eine Synodale beklagt, dass die Entscheidungsträger kaum Verständnis für das Anliegen der ländlichen Kirchenkreise aufbrächten. Es fehle ihrer Meinung nach am räumlichen, emotionalen oder persönlichen Bezug zum Pfarrland.

Die Lutherstadt Wittenberg ist gut gewählt als Ort für die Synodentagung im Reformationsjahr. Hier hat man schon vor 500 Jahren heftig debattiert und dem Volk aufs Maul geschaut. Auf das Ergebnis komme es an, so der Wunsch einer Synodalen 2017: »Ich erwarte von der Tagung Austausch, Gespräche und Impulse für die Arbeit in unserem Kirchenkreis und für unsere ganze Landeskirche.«

Willi Wild

Auferstehung in Rösa

15. April 2017 von redaktionguh  
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Rösa hat eine beeindruckende, doch bislang namenlose Dorfkirche. Zur Osternacht ändert sich das: Das Gotteshaus wird zur Auferstehungskirche. Im Reformationsjahr erhalten weitere Kirchengebäude einen Namen.

Christus kommt zu uns auf Wegen, die wir nicht immer nachvollziehen können. Keiner weiß, welche verschlungenen Pfade die geschnitzte Christus-Figur genommen hat, bis sie eines Tages im Pfarrhaus von Pouch bei Bitterfeld gefunden wurde, nach Rösa kam, restauriert wurde und nun an der Südseite der Apsis in der kleinen, aber mächtigen Dorfkirche hängt. Christus ist ein Torso, die Arme sind verloren gegangen. Ein Geschundener. Auf den ersten Blick. »Denn steht man vor ihm, merkt man: Ihm fehlt nichts«, sagt Pfarrer Albrecht Henning. »Er ist schon hindurch. Ostern ist erkennbar, spürbar.«

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Besonders in Rösa. Die Gemeinde gehört zum Pfarrbereich Krina im Kirchenkreis Wittenberg. Von neun Kirchen hatte bis auf die Barockkirche Burgkemnitz keine einen Namen. Welchem Heiligen das Gebäude einst gewidmet wurde, lässt sich nicht belegen. Das Landeskirchenamt fand keine Zeugnisse, auch nicht aus vorreformatorischer Zeit. Während also im nahen Wittenberg das 500. Reformationsjubiläum mit viel Aufwand und Hunderten Veranstaltungen gefeiert wird, starten die Christen im Pfarrbereich Krina ihre eigene Erneuerungsbewegung: Sie geben ihren namenlosen Kirchen Namen.

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Zu Ostern wird Rösa zur Auferstehungskirche. Der Gottesdienst am Karsamstag beginnt um 22.30 Uhr. Bereits zum dritten Mal wird die Auferstehung Jesu auf diese Weise so in Rösa gefeiert. In diesem Jahr werden zwei Kinder getauft – und die Kirche erhält ihren Namen. Eine Woche später bekommt dann die Kirche in Krina den Namen Trinitatiskirche. Die bisherige Barockkirche Burgkemnitz wird am 25. Mai wegen ihres Deckengemäldes umbenannt in Barockkirche Christi Himmelfahrt. Mit einem Wandelkonzert am 19. August feiert die Gemeinde die Benennung der Kirche Gröbern als Elisabethkirche.

Und zum Tag des offenen Denkmals wird die Dorfkirche Schwemsal zur Erlöserkirche – hier gibt es ein modernes Gemälde, das auf die Himmelsleiter anspielt. Zu Erntedank am 30. September erhält die Marienkirche Schlaitz ihren Namen. Noch offen sind Termine zur Namensgebung der Christuskirche in Schköna und der Dornbuschkirche in Hohenlubast. Bereits ihren Namen erhalten hat die Christophoruskirche in Gossa. Die beiden historischen Ritzzeichnungen ergänzte Jochem Poensgen mit einem Glasfenster.

»Auferstehungskirche« – damit verbindet Hans-Ulrich Eckardt auch die jüngste Geschichte des Gebäudes. Rösa liegt im Braunkohlengebiet; zu DDR-Zeiten gab es Pläne, das Dorf zu überbaggern, die Kirche war ruinös. Erst Ende der 1980er-Jahre genehmigte der Staat eine Sanierung. »Aber nur mit eigenen Mitteln«, erinnert sich Hans-Ulrich Eckardt. Von 1988 bis 1993 arbeiteten die Rösaer an ihrem Gotteshaus. Eine auferstandene Kirche.

Die Auferstehung Jesu greift im Kircheninneren nicht nur der Christus-Torso auf. Ausgehend von ihm hat der Künstler Sven Göttsche ein Apsisfenster sowie ein Altarkreuz und zwei Leuchter geschaffen. Sven Göttsche erinnert sich noch wie heute, wie er die Figur zum ersten Mal sah. Eigentlich hatte der Druckgrafiker, Bildhauer und Glaskünstler, der direkt gegenüber der Kirche wohnt, gerade den Entwurf für das Fenster vorgestellt, Pfarrer und Gemeinde waren zufrieden. Dann sah Göttsche den Christus. »Das war für mich als Künstler ein Schock, weil mein Fenster-Entwurf mit dieser Figur nicht zusammenging. Andererseits war dieser Christus beeindruckend. Das war kein Korpus am Kreuz. Seine Armlosigkeit hat etwas Raketenhaftes. Er hat mich zum Gespräch herausgefordert«, erinnert sich der Künstler.

Er verwarf seinen ersten Entwurf, begann die Arbeit neu – mit dem Christus-Torso als Leitmotiv. Die Umrisse der spätgotischen Schnitzerei sind im Fensterbild zu erkennen, ebenso wie im Altarkreuz. Auch hier ist Jesus nicht der Leidende, das Kreuz kein Marterwerkzeug, sondern Hoffnungszeichen. Die Kerzenleuchter hat Sven Göttsche als stilisierte Hände gestaltet, die das Licht bringen. Auch sie sind vom Kreuz gelöst.

Der Künstler lädt dazu ein, Kreuz und Leuchter zu erkunden, Anfassen ausdrücklich erwünscht. Das hilft, Ostern zu begreifen. Das große Geheimnis der Auferstehung, das, so sagt Pfarrer Albrecht Henning, so schwer in Worte zu fassen ist.

Katja Schmidtke

Kirchennamen – woher sie kommen

95 Prozent der Kirchen erhielten ihren Namen im Mittelalter, berichtet Dr. Bettina Seyderhelm, Kirchenkonservatorin im Referat Kunst- und Kulturgut bei der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Die Benennung ging meist mit Reliquienbesitz einher.

Auch regionale Besonderheiten spielen eine Rolle: So gibt es im Kirchenkreis Halberstadt viele Gotteshäuser, die dem Heiligen Stephanus geweiht sind. Eine detaillierte Statistik hat die EKM nicht, aber die »Hitliste« der Kirchennamen führen St. Nicolai, St. Johannis, St. Michaelis und Maria sowie Dreifaltigkeitskirche an.

Überzeugungsarbeit notwendig

23. Januar 2017 von redaktionguh  
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Mitteldeutsche Landeskirche stellt Schwerpunkte
der Arbeit im Reformationsjahr vor

Zum traditionellen Kamin-Gespräch hatten die Landesbischöfin sowie die Präsidentin und die Dezernenten des Landeskirchenamtes Vertreter der Medien in Sachsen-Anhalt nach Magdeburg und einen Tag später thüringer Journalisten nach Erfurt eingeladen. Dass die Besucher ohne knisterndes Kaminfeuer auskommen mussten, lag daran, dass in Magdeburg wegen des großen Interesses das Gespräch in einen größeren Raum verlegt werden musste. In Erfurt gibt es gar keinen Kamin.

Rund 14 Millionen Euro für Lutherdekade
Die Vorbereitungen auf das 500. Reformationsjubiläum in diesem Jahr bildeten den Schwerpunkt der Abende. Rund 14 Millionen Euro gibt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für die sogenannte Lutherdekade aus. Davon fließen acht Millionen Euro in Investitionen – wie Bau- und Restaurierungsvorhaben in den Lutherstädten Eisleben und Wittenberg sowie in Mansfeld oder Weimar. Bis Ende November 2016 wurden bereits 6,66 Millionen Euro vergeben. Durch Eigenmittel der Kirchenkreise und -gemeinden sowie Drittmittel – beispielsweise von Bund, Ländern oder Stiftungen – wird hier ein Gesamtprojektvolumen von knapp 57,8 Millionen Euro erreicht.

Gut gerüstet geht die EKM ins Reformationsjahr. Die Kirchenleitung schaut aber bereits auf die Zeit nach 2017: (von links) Landesbischöfin Ilse Junkermann, Oberkirchenrätin Martina Klein, Oberkirchenrat Michael Lehmann, Präsidentin Brigitte Andrae, Oberkirchenrat Stefan Große und Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel im Landeskirchenamt in Erfurt. – Foto: Adrienne Uebbing

Gut gerüstet geht die EKM ins Reformationsjahr. Die Kirchenleitung schaut aber bereits auf die Zeit nach 2017: (von links) Landesbischöfin Ilse Junkermann, Oberkirchenrätin Martina Klein, Oberkirchenrat Michael Lehmann, Präsidentin Brigitte Andrae, Oberkirchenrat Stefan Große und Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel im Landeskirchenamt in Erfurt. – Foto: Adrienne Uebbing

Nachhaltige Investitionen für Kirchengemeinden
In Projektförderungen fließen knapp 1,4 Millionen Euro. Ein Beispiel hierfür ist die Ausbildung von Gästebegleitern zur Lutherdekade mit dem Titel »Lutherfinder«. Im Vorfeld der Dekade hatte die EKM eine interne Projektliste mit 55 kirchlichen Vorhaben erstellt. Kriterien waren nicht nur die reformationsgeschichtliche Bedeutung, sondern auch Standortkonzepte, Fördermöglichkeiten, Eigeninitiativen oder Folgekosten. Für die »Kirchentage auf dem Weg« in Erfurt, Halle und Eisleben, Jena und Weimar sowie Magdeburg und weitere Beiträge zum Reformationsjubiläum sind rund 3,4 Millionen Euro veranschlagt, für das EKM-Projektbüro »Reformationsjubiläum« knapp 1,3 Millionen. Landesbischöfin Ilse Junkermann sagte, dass durch die restaurierten Gebäude und Kunstwerke etwas Bleibendes in den Gemeinden entstanden sei.

Von dem im Herbst 2015 anvisierten Ziel, 2017 fast alle Kirchen und Kapellen in der EKM zu öffnen, müsse sie abrücken. »Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig«, so die Landesbischöfin. Die Entscheidung, wie lange eine Kirche geöffnet werde, fälle der jeweilige Gemeindekirchenrat. Aber das »fällt zum Teil sehr, sehr schwer«.

Ernüchterndes Ergebnis vorgestellt
Der Stand 2015: Nur etwa drei Prozent der 4030 Kirchen und Kapellen waren »verlässlich geöffnet«; weitere zwölf Prozent wurden auf Verlangen auf- und wieder zugeschlossen. Angst vor Vandalismus und Diebstahl spiele eine große Rolle. Die Rückmeldungen einer Umfrage vom Oktober 2016 (mit nur acht Prozent Beteiligung) ergaben unter anderem, dass 34 Prozent der Kirchen geöffnet sind, die Hälfte jedoch nur im Sommer. Für die Landesbischöfin ein ernüchterndes Ergebnis. Ilse Junkermann will aber weiter für die Kirchenöffnung werben und hofft hier auf eine Art »Welleneffekt«, basierend auf Überzeugungsarbeit, Beratungsangeboten und guten Erfahrungen.

Angela Stoye

Synode der EKM tagt

18. November 2016 von redaktionguh  
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Zwischenbilanz zur Aktion »Offene Kirchen«

Zu ihrer Herbsttagung kommt die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) bis Sonnabend in Erfurt zusammen.

Auf der Tagesordnung des Kirchenparlaments stehen neben dem Haushaltsplan für 2017 die Evaluation des Pachtvergabe-Verfahrens, eine Verlautbarung der Kirche zum Thema »Martin Luther und die Juden« sowie Beratungen zu Kirchengesetzen.

Zudem wird ein Zwischenbericht zu den »Offenen Kirchen«, der ambitionierten Aktion der EKM im Reformationsjahr, erwartet. Möglichst viele der rund 4 000 Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche sollen nach dem Willen von Landesbischöfin Junkermann geöffnet werden.

Auch diesmal kann die Synode wieder live im Internet, wie hier auf einem Notebook, verfolgt werden: www.ekmd.de/aktuell/social-media

Auch diesmal kann die Synode wieder live im Internet, wie hier auf einem Notebook, verfolgt werden: www.ekmd.de/aktuell/social-media

Bei der Arbeitsgemeinschaft »Offene Kirchen« in der EKM sind bislang Rückmeldungen zu 319 Kirchen (7,9 Prozent des Bestandes) eingegangen. Ein Drittel (108 Kirchen) davon werden außerhalb der Gottesdienstzeiten geöffnet. Der Hauptgrund, die Kirche nicht zu öffnen, sei neben der Angst vor Diebstahl und Vandalismus fehlendes Personal, hieß es.

Das Kirchenparlament tritt zweimal im Jahr zu mehrtägigen, öffentlichen Sitzungen zusammen. Der EKM gehören etwa 747 000 evangelische Christen an; rund 460 000 davon in Thüringen und 245 000 in Sachsen-Anhalt. Den Rest der Mitglieder stellen Gemeinden in den Randgebieten von Brandenburg und Sachsen.

www.ekmd.de/aktuell/social-media

(epd/G+H)

Jetzt gehts (bald) los

1. Februar 2016 von redaktionguh  
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Reformationsjubiläum: »Zwei-Reiche-Lehre« oder wie Staat und Kirche gemeinsam das Großereignis vorbereiten


Mit »Reformation und die Eine Welt« ist das letzte Themenjahr der Luther-Dekade jetzt auch offiziell in der EKM gestartet. Im Oktober beginnt das Reformationsjahr.

Zwei Herzen schlagen in der Brust von Thomas A. Seidel, dem Reformationsbeauftragten der Thüringer Landesregierung. Der frühere Oberkirchenrat und Vorstand der Internationalen Martin Luther Stiftung ist überzeugter Lutheraner, andererseits gilt seine Loyalität dem Freistaat und dessen kulturpolitischen Zielen. Er bezeichnet sich als Leiharbeiter, der nach 2017 gern wieder in den Kirchendienst zurückkehren will. Die Grenzen zwischen Staat und Kirche scheinen zumindest bei den Vorbereitungen zum bevorstehenden Großereignis fließend.

EKM und Thüringer Landesregierung eröffneten das Themenjahr der Lutherdekade in der Kirche in Oberweimar. Die Predigt hielt Propst Siegfried T. Kasparick (rechts im Bild). Der Chor und Instrumentalisten vom Musikgymnasium Belvedere in Weimar gestalteten den Festgottesdienst mit. – Foto: Maik Schuck

EKM und Thüringer Landesregierung eröffneten das Themenjahr der Lutherdekade in der Kirche in Oberweimar. Die Predigt hielt Propst Siegfried T. Kasparick (rechts im Bild). Der Chor und Instrumentalisten vom Musikgymnasium Belvedere in Weimar gestalteten den Festgottesdienst mit. – Foto: Maik Schuck

Die Thüringer Kultur-Staatssekretärin Babette Winter (SPD) betonte bei der Vorstellung des Programms der Landesregierung für das Reformationsjubiläum, dass die 55 Millionen Euro, die der Freistaat seit 2008 bereitgestellt habe, denkmalpflegerische Leistungen in großem Umfang beinhalte. Es soll wohl nicht der Eindruck entstehen, dass man eine Kirchenveranstaltung subventioniere. Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) bekräftigte, die Reformation sei ein weltgeschichtliches Ereignis, dass nicht allein Kirche und Theologie, sondern das gesamte Leben in Deutschland bis in die Gegenwart geprägt habe. Ramelow hat die »Chefsache Reformation« von seiner Vorgängerin, der evangelischen Theologin Christine Lieberknecht (CDU), geerbt. Er will die positiven Erfahrungen der Reformation weitertragen. Offenbar keine bloße Pflichtaufgabe, sondern persönliche Überzeugung.

Andere Sozialisten tun sich da deutlich schwerer mit Kirche, Luther und der Reformation. Auf dem Bundesparteitag der Linken in Dresden vor drei Jahren stimmten die Delegierten noch für die Abschaffung der Kirchensteuer. Damals gab es fünf Gegenstimmen, eine davon kam von Bodo Ramelow. Das könne er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Die Kritiker indes finden – fast schon wieder lutherisch –, dass damit gegen die festgeschriebene Trennung von Staat und Kirche verstoßen werde.

Dessen ungeachtet eröffnete Ramelow gemeinsam mit Propst Siegfried T. Kasparick, in Vertretung der erkrankten Landesbischöfin Ilse Junkermann, das letzte Themenjahr der Lutherdekade in der Kirche von Oberweimar. Nach dem Gottesdienst lud die Landesregierung zum Festakt in die nahegelegene Thuringia International School (this) ein. Ein Symbolort für das beginnende Themenjahr, wie der Vorsitzende des Schulvereins, Herbert Stütz, bemerkte. Dort sprach Ramelow von der Einen Welt, den Friedensbemühungen und der Reformation der Gesellschaft als Gemeinschaftsaufgabe von Kirche und Staat. Kopfnicken auf beiden Seiten.

Der promovierte Theologe Seidel bezeichnet die Zusammenarbeit in der Dekade und in der Vorbereitung auf 2017 als ein Teamspiel von Staat, Kirche, Tourismus und Kultur. Manchmal stehen sich die Mitspieler im Weg. Zu unterschiedlich sind die Ansätze. Schon an der widersprüchlichen Figur Martin Luthers scheiden sich die Geister. Während man von Staatsseite an der offiziellen Bezeichnung »500 Jahre Reformation – Luther 2017« festhalten will, gibt es seitens der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) oder des Vereins zur Durchführung der Kirchentage kritische Stimmen. Das Logo sei zu stark auf Luther ausgerichtet und die Farben schwarz, rot, gold zu national. Nach dem Vorschlag des EKD-Ratsvorsitzenden Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm könnte man das Reformationsjubiläum doch auch als ökumenisches Christusfest begehen. Das stößt auf wenig Gegenliebe in der Tourismusbranche. Dort ist man auf Luther, den ersten Popstar der neueren Geschichte, festgelegt. Reformatorische Sprachverwirrung.

»Die von Wittenberg ausgehende Reformation ist nur ein Ast an einem großen Baum«, glaubt Bodo Ramelow. Im Moment, so scheint es, ist dieser Ast ziemlich überladen. Wie belastbar er ist, wird sich zeigen.

Willi Wild