Bis zum Morgengrauen

1. November 2017 von redaktionguh  
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Kulturelle Nacht zum Reformationsjubiläum im Deutschen Nationaltheater Weimar

Ist nach einer ganzen Lutherdekade und einem Jubiläumsjahr nicht langsam mal gut mit der Reformation? Aus Weimar heißt es: Nein. Die Reformation geht weiter. Sie dauert an und reicht weit über Kirchengrenzen hinaus. Um das zu bedenken und von verschiedenen Seiten zu beleuchten, organisieren der Kirchenkreis Weimar und das Deutsche Nationaltheater Weimar (DNT) mit Unterstützung von Stadt und Freistaat eine Nacht zu 500 Jahren Reformation.

Sie beginnt am 30. Oktober um 16.45 Uhr mit dem Posaunenchor der Kreuzkirche Weimar und der Sambagruppe Escola Popular vor dem Theater und geht mit Gesprächsrunden, Bühnenstücken, Bewegungstheater und viel Musik bis in den frühen Morgen des Reformationstages weiter. Der Eintritt ist frei.

Eine Nacht im Theater: Vom späten Nachmittag des 30. Oktober bis weit nach Mitternacht gibt es im Deutschen National­theater in Weimar ein vielfältiges Kulturprogramm zum Reformationsjubiläum. Foto: Thomas Müller

Eine Nacht im Theater: Vom späten Nachmittag des 30. Oktober bis weit nach Mitternacht gibt es im Deutschen National­theater in Weimar ein vielfältiges Kulturprogramm zum Reformationsjubiläum. Foto: Thomas Müller

Weimars Superintendent Henrich Herbst war mit seiner Idee der etwas anderen Reformationsfeier bei DNT-Intendant Hasko Weber sofort auf Zustimmung getroffen. »Wir möchten Theater als öffentlichen Ort begreifen«, sagt Beate Seidel, Chefdramaturgin am Nationaltheater. »Ein Ort, wo gesellschaftliche Debatten möglich sind, die Auge in Auge ausgetragen werden, nicht über das Internet.« Die Kooperation zwischen Theater und Evangelischer Kirche in der Klassikerstadt ist nicht neu. Bereits in der Vergangenheit gab es zu Bühnenstücken wie Dostojewskis »Schuld und Sühne« einen Theatergottesdienst, der das Werk aus theologischer und künstlerischer Sicht betrachtete, beide Sichten verknüpfte. Eine Zusammenarbeit, die ebenfalls weitergeht.

Henrich Herbst ist besonders auf die Präsentation der Ergebnisse des Denkraums Weimar gespannt. Antworten auf die Gretchen-Frage »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« wurden von Schauspielern des DNT für eine Hörinstallation eingesprochen und sind ab 17.15 Uhr zu hören. Die große Resonanz auf das Projekt hat den Superintendenten überrascht.

Für Tischgespräche auf den Fluren des Theaters hat Beate Seidel ganz unterschiedliche Gesprächspartner gewonnen: einen Offizier mit Erfahrungen aus dem Afghanistan-Einsatz, einen Vertreter der Organisation »Ärzte ohne Grenzen«, einen Kriegsreporter. »Du musst dein Leben ändern« lautet das Motto dieser kleinen Tischrunden mit Menschen, die über ihre biografischen Wendepunkte berichten und mit ihren Tischnachbarn diskutieren wollen. Beginn ist 17.30 Uhr. Der enge Zeitplan wird eine der Herausforderungen des Abends sein.

Denn auch eine deutsche Erstaufführung steht auf dem Programm (19.15 Uhr). In »The Captain of the Bible Quiz Team« hält ein junger Mann spontan eine Predigt – das Theater wird zur Kirche. »Opfer des Krieges« ist der Titel eines Bewegungstheaters mit Puppen, Masken und Livemusik der afghanischen Theatergruppe Azdar (21.15 Uhr). Davor geht es in einem Bühnentalk um »Glaube und Macht« (20.30 Uhr). Bis weit nach Mitternacht gibt es im DNT Livemusik – Luthers Lieder durch die Jahrhunderte, von der Gambe bis zu DJ-Klängen.

»Es ist ein Programm zum Flanieren«, sagt Henrich Herbst, »ein offenes Angebot an die ganze Stadt.« Der Festgottesdienst am Reformationstag beginnt übrigens erst 11 Uhr – damit die Nachtschwärmer noch etwas ausschlafen können.

Katharina Hille

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Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

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Ein christliches Freudenkonzert

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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»Gaudium Christianum« von 1617 wird in Gera und Eisenach aufgeführt

Anlässlich des 100. Jahrestages des Lutherischen Thesenanschlages wurden in den protestantischen Gebieten des deutschen Reiches Festgottesdienste gehalten. Über deren musikalische Bestandteile liegen vor allem Zeugnisse aus lutherischen Gebieten vor, da die Musik in den Liturgien der reformierten Kirchen eher eine untergeordnete Rolle spielte.

Die einzige geschlossene und vollständig erhaltene Komposition zum Reformationsjubiläum 1617 ist das sechsteilige »Gaudium Christianum« des Kantors und Pfarrers Michael Altenburg. Er wurde 1584 in Alach bei Erfurt geboren, studierte Theologie, war zunächst Kantor an der Erfurter Andreaskirche, dann im Erfurter Umland tätig, bevor er als Diakon und Pastor an die Andreaskirche zurückkehrte. Sein Werk entstand wahrscheinlich in Tröchtelborn, wo er möglicherweise auch als Kantor arbeitete.

Altenburg kombinierte die wesentlichen Kompositionsstile seiner Zeit, vom einfachen Choralsatz bis zur vierchörigen Schreibweise. Durch das damals gebräuchliche Instrumentarium wie Zinken, Posaunen, Dulzian, Chitarrone und Orgel, die sich in verschiedensten Kombinationen mit Gesangssolisten und Chor abwechseln, erzeugte er unterschiedlichste Klangfarben.

Das Johann Rosenmüller Ensemble wurde 1995 von Arno Paduch in Leipzig gegründet und wird noch heute von ihm geleitet. Foto: Ulrike Voss

Das Johann Rosenmüller Ensemble wurde 1995 von Arno Paduch in Leipzig gegründet und wird noch heute von ihm geleitet. Foto: Ulrike Voss

Monumentalität erreichte er durch die Verwendung von Trompeten und Pauken, die sonst fürstlichen Kapellen vorbehalten waren.

Unter dem Titel »Lutherisches Jubelgeschrey« werden in Gera und Eisenach neben Altenburgs Werk auch kontrastierende, klanglich opulente Kompositionen von Samuel Scheidt, Johann Hermann Schein, Johann Walter und Heinrich Schütz zu hören sein. Schütz’ Kompositionen waren wiederum Teil der Dresdner Feierlichkeiten zum 100. Reformationsjubiläum, die musikhistorisch von großer Bedeutung sind, da ihr genauer Ablauf überliefert ist.

Der Landesjugendchor Thüringen und das Johann Rosenmüller Ensemble wirken in Gera und Eisenach das erste Mal gemeinsam. Der Landesjugendchor wurde 2013 wiedergegründet. Sein Repertoire umfasst geistliche wie weltliche A-cappella-Musik, reicht von Vertonungen des 16. Jahrhunderts bis zu Kompositionen der Gegenwart. Der Schwerpunkt des Johann Rosenmüller Ensembles liegt in der Wiederaufführung unbekannter Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Dabei wird Wert auf authentische Interpretation durch gründliches Quellenstudium und das Spielen auf Kopien von Originalins­trumenten gelegt. Unterstützt werden der Chor und die Musiker von sechs Solisten. Die Gesamtleitung liegt bei Nikolaus Müller. Er ist Universitätsmusikdirektor der Ruhr-Universität Bochum und künstlerischer Leiter der Robert-Franz-Singakademie Halle und des Landesjugendchores.

(G+H)

14. Oktober, 19 Uhr: St. Salvator-Kirche, Gera; 15. Oktober, 19.30 Uhr: Wartburg-Festsaal, Eisenach

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Mit »Paulus« schließt sich der Kreis

25. September 2017 von redaktionguh  
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Jubiläum: Zum Reformationsfest 1917 gründete sich der Dessauer Lutherchor. Er gewährte Sängern und Zuhörern Zuflucht vor den Härten des Alltags.

Was vom Reformationsjubiläum 2017 in Dessau über dieses Jahr hinaus bleibt, wird die Geschichte zeigen. Das Reformationsjubiläum 1917 jedenfalls hat bis heute seine Spuren in der Stadt hinterlassen. Vor 100 Jahren gründete sich in der damaligen Residenzstadt des Herzogtums Anhalt ein Reformationschor, der seit 1946 über die Grenzen Dessaus hinaus als Lutherchor bekannt ist.

Als Reformationschor gegründet, als Lutherchor heute bekannt: Die Sängerinnen und Sänger unter Leitung von Landeskirchenmusikdirektor Matthias Pfund beim Konzert in der Dessauer Johanniskirche. Foto: Doreen Ritzau

Als Reformationschor gegründet, als Lutherchor heute bekannt: Die Sängerinnen und Sänger unter Leitung von Landeskirchenmusikdirektor Matthias Pfund beim Konzert in der Dessauer Johanniskirche. Foto: Doreen Ritzau

Mit aktuell 82 Sängerinnen und Sängern, vom jungen Erwachsenen bis zum Senior, ist er einer der größten Laienchöre der Stadt. Jeden Dienstagabend wird in der Petruskirche geprobt. Aktuell für die drei Jubiläumsaufführungen. Am 24. September, 17 Uhr, erklingt in der Dessauer Johanniskirche ein A-cappella-Konzert. Am 29. Oktober kommt um 10 Uhr im Festgottesdienst am selben Ort die Kantate »Schmücke dich, o liebe Seele« von Johann Sebastian Bach zu Aufführung. Passend zum Reformationstag erfüllt akustisch, um 17 Uhr, das Oratorium »Paulus« von Felix Mendelssohn Bartholdy die Räume der Johanniskirche. Damit schließt sich ein Kreis.

Denn mit »Paulus« von Mendelssohn Bartholdy hat vor 100 Jahren alles angefangen. Der Dessauer Landeskirchenmusikdirektor Gerhard Preitz suchte zum 400-jährigen Reformationsjubiläum 300 Sänger, die in einem Reformationschor den »Paulus« zum Besten gaben. 600 hatten sich beworben. »Das ist angesichts der damaligen Umstände erstaunlich«, resümiert Matthias Pfund, der aktuelle Landeskirchenmusikdirektor der Anhaltischen Landeskirche und Leiter des Lutherchors. 1917 war ein schweres Jahr. Der »Hurra-Patriotismus«, mit dem 1914 und 1915 unter jubelndem Beifall der Bevölkerung junge Männer verabschiedet wurden, um an den Fronten des Ersten Weltkrieges für das Kaiserreich zu kämpfen, wich einem ernüchternden Realismus. Der Kaiser und seine Untertanen standen kurz davor, den Krieg zu verlieren. Immer mehr Versehrte und Traumatisierte kehrten heim. Der Kriegsalltag war von harten Entbehrungen geprägt. Feierlaune mag bei den wenigsten aufgekommen sein.

Und doch war das bevorstehende Konzert zum 400-jährigen Reformationsjubiläum so etwas wie ein kleines Aufbäumen gegen die Umstände, ein Licht in der Tristesse, mag der Beobachter anno 2017 vermuten. So probten die Laiensänger intensiv für die öffentliche Aufführung des »Paulus« und sollten nach dem Konzert eigentlich wieder auseinandergehen. Doch die Mitstreiter fanden so viel Gefallen daran, dass das Jubiläum zwar verging, aber der Reformationschor blieb. Viele gesellschaftliche Umbrüche hat er in seinen 100 Jahren miterlebt.

Seine Funktion als Zufluchtsort vor den Härten des Alltags zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Stets war er seinen Mitstreitern und Zuhörern ein persönlicher Halt. Die unruhigen Zeiten in der jungen Demokratie der Weimarer Republik, inklusive Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise, ließ er bei Proben und Konzerten wenigstens für ein paar Stunden vergessen. In der NS-Zeit pausierte er von 1939 bis Kriegsende. 1946 wurde seine Neugründung, diesmal unter dem Namen »Lutherchor«, förmlich herbeigesehnt. Hier konnte man sich mittels der Musik gegen die Unfreiheit in der Sowjetzone und später der DDR ein wenig auflehnen.

Seit der Wende ist der Lutherchor »ein Brückenbauer zwischen der Kirche und der säkularen Gesellschaft«, wie Matthias Pfund betont. Was sich am besten beim jährlichen Weihnachtsoratorium beobachten lässt, wenn Nichtchristen und Christen in trauter Eintracht lauschen.

Danny Gitter

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Fest in Frauenhand

21. August 2017 von redaktionguh  
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Reformationsjubiläum: Frauen feiern in Wittenberg und fordern Veränderung

Mehrere hundert Frauen aus 18 Nationen haben sich am Sonnabend auf dem Wittenberger Marktplatz zu einem Frauenfestmahl zusammengefunden. Zwischen den Statuen von Martin Luther und Phillip Melanchthon ging es der weiblichen Hälfte der Menschheit darum, »nicht nur aufzutischen, sondern sich vor allem einzumischen«, wie Carola Ritter, Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland, formulierte. Sie gehörte zu den Organisatorinnen der fröhlichen Zusammenkunft. Deren Motto »ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied« war einem Songtext des Liedermachers Gerhard Schöne entliehen und lud ein zu schmackhaften Gerichten, anregenden Gesprächen und gemeinsamem Gesang.

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

»Dass wir hier stehen, ist eine Wirkung der Reformation«, bekundete Landesbischöfin Ilse Junkermann und fügte selbstbewusst hinzu, dass durch Luthers Diktum von der Priesterschaft aller Glaubenden »alle gleichermaßen berufen sind – zu allen Ämtern der Kirche«. Doch vielerorts gilt es dies immer noch durchzusetzen. Kaum jemand weiß das besser als Jana Jeruma Grinberga. Sie wurde 2009 zur ersten Bischöfin der lutherischen Kirche in Großbritannien berufen. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands wäre ihr dies inzwischen verwehrt, denn 2016 sind auf Beschluss der dortigen Synode Frauen wieder vom Pfarramt ausgeschlossen worden. Inzwischen ist die gebürtige Lettin Grinberga als Kaplanin der Anglikanischen Kirche in Riga tätig, ein Stachel im Fleisch der konservativen Kirchenvertreter in ihrem Heimatland. »Es stehen uns noch einige Kämpfe bevor«, bekundet sie im Gespräch und sprühte dabei vor Energie. Das Frauentreffen an der Wiege der Reformation gebe Kraft und es helfe, »einander zu stärken«.

Auch unter deutschen evangelischen Theologen gebe es Stimmen, die über »zu viel Sopran« auf den Kanzeln klagten, sprang ihr die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, bei; sie erinnerte zudem an die Reaktionen, als vor 25 Jahren Maria Jepsen zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin weltweit gewählt wurde. Jepsen war beim Frauenfestmahl dabei und wurde von den Anwesenden mit großem Beifall begrüßt und gefeiert. Sie sei »Vorbild und Mut machendes Beispiel für viele Frauen« gewesen, so die Lettin Grinberga.

Dass es in Sachen Geschlechtergerechtigkeit auch noch andere Baustellen gibt, betonte Gisela Hoffmann, die zusammen mit etwa 30 anderen Frauen aus Stuttgart und Umgebung angereist war. Die Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder hatte sich über Jahrzehnte ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert und etwas zum Festmahl mitgebracht – ihren Rentenbescheid. Der sei ein trauriges Beispiel für die Geringschätzung weiblichen Engagements jenseits der Lohnarbeit.

Es gehe darum, »fortzusetzen, was erreicht wurde und möglichst viele Frauen mit ins Boot zu holen«, fand Andrea Klose. Die Wittenbergerin arbeitet in einer Bäckerei am Marktplatz in der Lutherstadt und war spontan als Vertreterin des Bereichs »ein Törtchen« für die verhinderte Starköchin Sarah Wiener eingesprungen. Für »ein Lied« sorgten die Theologin und Musikwissenschaftlerin Sybille Fritsch-Oppermann sowie »Brass Feminale«, eine eigens zum Frauenfesttag gegründete Formation, bestehend aus acht Bläserinnen aus allen Teilen Deutschlands.

Die Reformation gehe weiter, so Landesbischöfin Ilse Junkermann, »dafür sind wir ein Zeichen heute«. Und noch »ein Wörtchen« gab sie den Frauen mit auf den Weg: »Wir haben keine Angst vor Veränderung.«

Stefanie Hommers


»Luther« ist weithin zu hören

21. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

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Pop-Oratorium: Ein Köthener Projektchor probt seit Monaten für den großen Auftritt in Wittenberg. In einer Woche ist es so weit.

Martina Apitz, die Kirchenmusikdirektorin der Köthener Jakobsgemeinde, liebt die Herausforderung. Und dieses Projekt ist eine. »Jedes große Oratorium«, gesteht sie, »ist eine Herausforderung.« Ein Weihnachtsoratorium mindestens genauso wie dieses Pop-Oratorium »Luther«, das sie derzeit mit einem Chor von Laien einstudiert. Immer mittwochs ist Probe in der Köthener Jakobskirche. Und dann ist das »Luther« weithin zu vernehmen.

Ende August haben die Köthener in Wittenberg an der Schlosskirche ihren großen Auftritt und dürfen zeigen, was sie können. Martina Apitz, die den Projektchor leitet, geht von ungefähr 500 Sängern aus, inklusive der etwa 25 aus Köthen. Dort dabei zu sein, sei für die Jakobsgemeinde, sagt sie, »ein besonderer Höhepunkt« im Jubiläumsjahr der Reformation.

Endsport: Bald enden die Proben mit Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz in der Jakobskirche. Dann werden die Köthener in Wittenberg Teil eines 500-köpfigen Chores. Foto: Heiko Rebsch

Endsport: Bald enden die Proben mit Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz in der Jakobskirche. Dann werden die Köthener in Wittenberg Teil eines 500-köpfigen Chores. Foto: Heiko Rebsch

Im Frühjahr lädt Martina Apitz zur ersten Probe ein. Zunächst trifft man sich im Gemeindesaal, mittlerweile in der Jakobskirche. »Luther, Luther, wer ist Luther, Martin Luther?« Das ist es, worauf das Oratorium künstlerisch und musikalisch Antworten gibt. Es erzählt von Luthers Wirken, bis hin zu den Auswirkungen auf die heutige Zeit. Martina Apitz freut sich, dass sich ein generationsübergreifender Projektchor zusammenfindet, der das Thema offensichtlich spannend findet. Zehn Jahre sind die Jüngsten, Anfang 60 vermutlich die Ältesten.

So kurz vor dem großen Auftritt sind noch nicht einmal alle Soli besetzt. Die Rolle des Martin Luther indes schon. Den Reformator singt der in Köthen praktizierende Arzt Andreas Schütte. Pfarrer Horst Leischner übernimmt die Rolle des Paulus, Wolfram Hädicke die des Philipp Melanchthon. »Das ist schon etwas Besonderes«, lobt Hädicke, der wie Leischner Pfarrer der Jakobsgemeinde ist, das Vorhaben. Er glaubt: »Es wird nicht viele Gemeinden in der Region geben, die das wagen.« Dank Martina Apitz ist die Jakobsgemeinde Teil dieses spannenden Projektes. Was ihn, Wolfram Hädicke, besonders freut: »Es gibt Leute«, und damit meint er allen voran sich selbst, »die haben sogar ein Solo und nicht einmal Gesang studiert.« Er lacht und stellt sich auf zur Probe.

Das will Martin Wolff, 19, gern noch tun – Gesang studieren. Bis es so weit ist, nimmt er Unterricht und singt, wo und wann immer es Gelegenheiten dazu gibt, wie derzeit im Köthener Luther-Projektchor. Dafür kommt er sogar aus Halle in die Bachstadt zu den wöchentlichen Proben.

Auch die Köthenerin Uta Schramm ist dabei, »weil wir einfach gerne singen«. Und Elke Gutschlich, die sich das Pop-Oratorium zuvor im Internet angesehen und angehört hat – und begeistert war. »Alle haben geschwärmt.« Deshalb wollte sie die Chance nicht versäumen: »Wenn so etwas schon in der Nähe ist, kann man es doch mal ausprobieren«, sagt sie und freut sich auf den Auftritt am 26. August in Wittenberg.

Sylke Hermann

www.luther-oratorium.de

Initiator des Pop-Oratoriums »Luther« ist die Stiftung Creative Kirche. Unterstützt wird sie dabei von der Evangelischen Kirche Deutschland. Für das 500. Reformationsjubiläum schrieben Michael Kunze und Dieter Falk das Pop-Oratorium. Uraufführung war am 31. Oktober 2015 in der Dortmunder Westfalenhalle – mit einem Symphonieorchester, einer Band, professionellen Musicaldarstellern und einem Chor, bestehend aus 3 000 Sängerinnen und Sängern. Nun ist das Pop-Oratorium auf Tournee. Zum Beispiel in Wittenberg, wo es am 26. August 2017, 19 Uhr, an der Schlosskirche eine große Aufführung unter freiem Himmel geben wird. Einen Tag später tritt der Köthener Projektchor damit beim Gemeindefest in der Köthener Jakobskirche auf (16 Uhr). (syh)


Mein Sehnsuchtsort ist das Meer

7. August 2017 von redaktionguh  
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Volkskirche: Viele Menschen bekennen sich in der Region um Meiningen und Suhl zur evangelischen Kirche. Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt ist dort Regionalbischöfin. Mit ihr sprach Diana Steinbauer.

Im Juli hat das größte Rechtsrock-Konzert deutschlandweit im thüringischen Themar für großes Aufsehen gesorgt. Wie sehen Sie die Funktion der Kirchengemeinden vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal hat mich beeindruckt, wie sich die Zivilgesellschaft in Themar über Wochen und Monate klar und eindeutig gegen dieses Konzert positioniert hat. Dass es nach diversen Gerichtsverfahren schließlich als politische Versammlung genehmigt wurde, war zu akzeptieren und zu respektieren. Gedanklich nachvollziehen konnten das viele Menschen in der Region nicht – auch ich nicht.

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Die Kirchengemeinde in Themar und der Kirchenkreis Hildburghausen haben sich im Vorfeld und während des Konzertes absolut klar und gewaltfrei gegen den Hass und die Hetze, die von dieser Veranstaltung ausgingen, gewandt. Wie richtig und notwendig das war, haben die Berichte zu dem Konzert bestätigt.

Die Einladung der Kirchengemeinde zu einem ökumenischen Friedensgebet am Vorabend des Konzertes hat auch den Menschen, die sich am Veranstaltungstag selbst vielleicht nicht nach Themar gewagt haben, ermöglicht, ihrem Protest und ihrer Bitte um Frieden Ausdruck zu verleihen.

Ich habe großen Respekt vor dem entschiedenen, klaren und selbstverständlichem Engagement der Kirchengemeinde und ihrer Pfarrerin Frau Polster. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis sind sie für Demokratie, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe eingetreten und haben einen Auftrag der Kirche, sich für Frieden einzusetzen, eindrücklich wahrgenommen.

Wie verleben Sie diese Sommertage in Meiningen?
Kühnbaum-Schmidt:
Im vergangenen Jahr haben wir den Sommerurlaub zu Hause in Meiningen verbracht. Das habe ich sehr genossen. Die Stadt bietet viele kulturelle Möglichkeiten, vom Parkgeflüster über das Sommerfestival, Konzertmöglichkeiten oder den Meininger Orgelsommer.

An der Werra spazieren zu gehen oder die schönen Grünanlagen zu genießen, dazu nehme ich mir auch sonst manchmal Zeit. In diesem Jahr allerdings nicht so viel. Das hat auch mit der Zahl 2017 zu tun.

Apropos Reformationsjubiläum: Die Kirchentage auf dem Weg und andere Veranstaltungen zu 500 Jahren Reformation haben viele Menschen bewegt. Auch Nichtchristen?
Kühnbaum-Schmidt:
Die vielen Veranstaltungen – regional und überregio­nal –, in denen wir dieses besondere Ereignis feiern, waren und sind eine Möglichkeit, wie Kirche und Glaube auch für Nichtchristen überhaupt einmal wieder in den Bereich des Möglichen kommen. Ansonsten sind es oft ethische Fragen, aber auch persönliche Begegnungen, die die Frage nach Gott und christlichem Glauben aufwerfen.

Bei den Kirchentagen auf dem Weg war das ja schön zu sehen. Die Veranstaltungen, die draußen angeboten wurden und niedrigschwellig waren, wo es persönliche Begegnungen gab, wo Menschen gemeinsam gegessen haben, feiern und erzählen konnten, Musik erlebt haben, die hatten großen Zulauf. Offensichtlich wurden sie wahrgenommen als willkommene Gemeinschaftserlebnisse ohne große Schwelle.

Wie können die Schwellen und Barrieren abgebaut werden?
Kühnbaum-Schmidt:
Offen zu sein für andere ist wichtig. Ich denke, wir sollten aber auch die Frage klären, wie wir uns als Gemeinschaft zu denen verhalten, die uns, warum auch immer, fernstehen.Wir werden uns in den nächsten Jahren also intensiver mit der Frage nach der Kirchenmitgliedschaft beschäftigen müssen. Gibt es nur die Alternative des Ja oder Nein? Viele Menschen engagieren sich in christlichen Verbänden oder bei Vereinen und diakonischen Einrichtungen, in der Flüchtlingshilfe, einem Kirchbauverein oder Kirchenchor. Nicht immer gehören sie auch formell zur Kirchengemeinde.

Wie können wir ihnen das Gefühl geben, wirklich dazuzugehören? Also nicht sagen, ihr dürft gerne mittun, aber es gibt für euch keine Möglichkeit, auch Rechte wahrzunehmen.

Das würde aber die Kirchenlandschaft wie wir sie kennen, wesentlich verändern. Eine Art neue »Reformation«?
Kühnbaum-Schmidt:
Jedenfalls gehört es für mich ganz klar zum Thema »Die Reformation geht weiter«. Aber das ist kein leichtes Feld. Denn ich verstehe auch, dass Menschen, die zur Kirche gehören, getauft sind und Kirchensteuer bezahlen, fragen: Ist das für die Frage der Kirchenmitgliedschaft denn bedeutungslos? Wenn alle gleich sind, welchen Sinn hat dann die Kirchenmitgliedschaft?

Wir werden also diskutieren müssen: Welche Unterschiede sind nötig und welche sind vielleicht auch nicht nötig? Wie weit können und wollen wir gehen? Gemeinschaft heißt ja nicht, jeder macht sein Ding und dann gucken wir mal, ob und wie das zusammenpasst. Sondern Gemeinschaft – auch in der Kirche – braucht Verbindlichkeit in der Verantwortung füreinander.

Welche Themen beschäftigen Sie darüber hinaus hier vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Wir stellen uns im Propstsprengel den gleichen Herausforderungen wie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)insgesamt. Dennoch muss ich sagen, dass es im Vergleich in unserem Propstsprengel einen relativ hohen prozentualen Anteil von Kirchenmitgliedern an der Gesamtbevölkerung gibt. Das lässt uns in manchen Bereichen ein bisschen entspannter sein.

Das heißt aber auch, dass es an die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst eine hohe Erwartungshaltung gibt. Eine kirchliche Beerdigung, eine Hochzeit, eine Aussegnung im Sterbefall, die Präsenz – beispielsweise bei der Kirmes und anderen öffentlichen Anlässen – gehört hier selbstverständlicher zum Gemeindeleben dazu als in manch anderen Bereichen der EKM. Dass sie gebraucht werden, bekommen die Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch alle anderen Mitarbeitenden, hier ganz deutlich zu spüren.

Veränderungen, wie zum Beispiel größere Pfarrbereiche oder andere Zusammenlegungen, sind deshalb eine besondere Herausforderung für alle, die das zu schultern haben.

Wie fangen Sie das auf?
Kühnbaum-Schmidt:
Mein Eindruck ist, dass nicht unbedingt die Arbeitsbelastungen allein als anstrengend erlebt werden. Bedrückend ist für viele, dass sie ihre Selbstbestimmung als immer kleiner werdend erleben. Die Freiheit des Dienstes macht zum Beispiel im Pfarramt einen großen Teil der Arbeitszufriedenheit aus.

Genau diese Freiheit ist ja auch Zeichen der Professionalität. Also die Freude und Herausforderung, den Dienst in hoher Eigenverantwortung strukturieren zu können, Schwerpunkte zu setzen und dabei auf die jeweilige Situation vor Ort einzugehen.

Wenn der Eindruck entsteht, dass man in diesen Kernbereichen der eigenen Professionalität zunehmend fremdbestimmt ist, dann ist die Gefahr der Demotivation, der Überforderung oder auch des Burn-outs größer.

Wie können Sie helfen, damit es nicht so weit kommt?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal bin ich persönlich ansprechbar und aufmerksam. Ich bin regelmäßig in den Konventen, mindestens einmal im Jahr in jedem Hauptkonvent. Wenn es möglich ist, fahre ich auch mit zu Klausurtagungen. Da habe ich einen sehr intensiven Kontakt zu den einzelnen Personen, ihren Fragen und Sorgen.

Natürlich stehe ich auch sonst für Gespräche, Beratung und Besuche zur Verfügung. Ich denke aber auch, dass wir über die sich hier stellenden Fragen nicht nur als sich individuell stellende Fragen nachdenken müssen, sondern auch strukturell. Also beispielsweise dazu, was Pfarramt heute bedeutet. Und ich bin deshalb sehr froh, dass das Personaldezernat an dieser Thematik ganz dicht und konzentriert arbeitet.

Wo kommen Sie zur Ruhe?
Kühnbaum-Schmidt:
Sehnsuchtsort für mich persönlich ist immer das Meer. Sei es Nord- oder Ostsee. In diesem Jahr fahren wir wieder an die Ostsee. Schon der Weg dorthin – dieses Mal zum Mönchgut auf Rügen – bringt für mich den ersten Abstand.

Und was genießen Sie im Ostseeurlaub besonders?
Kühnbaum-Schmidt:
Strandspaziergänge, im Meer baden, Fahrradfahren, Lesen. Und ich genieße es sehr, wenn ich mit meinem Mann ganz klassisch und auch ein bisschen kitschig den Sonnenuntergang am Strand erleben kann. Wenn wir dort an einem lauen Sommerabend noch ein Glas Wein zusammen trinken, dann ist das ein perfekter Tag. Da bin ich furchtbar romantisch.

Bleibt denn das Handy auch zu Hause?
Kühnbaum-Schmidt:
Das Handy kommt mit. Aber ich vertraue darauf, dass es genug Gegenden gibt, wo man kaum Empfang hat.

Kristina Kühnbaum-Schmidt stammt aus Sickte bei Braunschweig. Nach ihrem Theologiestudium hat sie als Vikarin und Pfarrerin in Braunschweig gearbeitet. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte sie im November 2012 zur Regional­bischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.
Seit Mai 2013 ist sie Pröpstin der sieben Südthüringer Kirchenkreise der EKM und damit die einzige Frau in dieser Position. Außerdem ist sie Mitglied der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Sprecherin beim Wort zum Tag »Augenblick mal« im MDR.
Kristina Kühnbaum-Schmidt ist verheiratet und hat eine Tochter.

Alles nach Plan?

31. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Zwischenbilanz: Veranstalter in Wittenberg zufrieden – Besucherzahlen hinter den Erwartungen

Das Reformationsjubiläum wartet weiter auf den großen Durchbruch. Für die »Weltausstellung Reformation« in Wittenberg, zu der rund 500 000 Besucher erwartet worden waren, sind bislang erst 70 000 Eintrittskarten verkauft worden. Sie läuft noch bis zum 10. September.

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Die Ausstellung in den Grünanlagen rund um die Wittenberger Altstadt sollte einer der Höhepunkte im Jahr der 500. Wiederkehr von Luthers Thesenanschlag sein. Insgesamt kostet die Weltausstellung rund 20 Millionen Euro, neben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zählen auch das Land Sachsen-Anhalt und der Bund zu den Geldgebern. Die Veranstalter zeigten sich dennoch zufrieden: »Die Weltausstellung hat an Fahrt aufgenommen«, sagte Geschäftsführer Ulrich Schneider. »Die Teilnehmerzahlen werden zunehmend stärker.« Reformationsbotschafterin Margot Käßmann sagte, sie »schätze besonders die Qualität der Begegnung von vielen Menschen, die Zuwendung zu existenziellen Fragen«. Die Weltausstellung zeige, dass 500 Jahre Reformation nicht eine Schau der Historie seien. »Wer bisher dabei ist, ist begeistert.«

Im Unterschied zum Millionenprojekt Weltausstellung kann die Stadt Wittenberg selbst im Lutherjahr nicht über fehlende Gäste klagen: Allein die Schlosskirche, an deren Tür Luther 1517 seine 95 Thesen angeschlagen haben soll, zählte seit Jahresanfang rund 280 000 Besucher. Und das Luther-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi, ein begehbares Kunstwerk, das Besucher in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurückversetzt, wurde seit Oktober 2016 von rund 250 000 Menschen besucht. Die genuin kirchlichen Angebote werden dagegen deutlich schwächer wahrgenommen. Der von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ausgestellte Segensroboter, der als eines der Highlights der Weltausstellung gilt, hat nach Angaben von Standleiter Christian Ferber seit Beginn der Weltausstellung 3 800 Mal den Segen gespendet. Pro Woche würden etwa 380 bis 400 Menschen den Roboter nutzen – was zeigt, dass die Besucher zwar in Wittenberg sind, die teure Weltausstellung aber wohl weitgehend ignorieren.

Benjamin Lassiwe

Zu viel Luther?

30. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Das aktuelle Reformationsjubiläum ist kaum überschaubar und zugleich inspirierend. Eine kleine, ganz persönliche Auswahl der letzten Tage: Lesung von F. C. Delius, der in seinem Buch »Warum Luther die Reformation versemmelt hat« Luther den Erbsündenbegriff des Augustinus und damit die Sündhaftigkeit der Sexualität vorwirft und in der Diskussion einen »Erbsündenbeauftragten« der EKD fordert. Am gleichen Tag, wiederum in Wittenberg, eine Tagung über die Zukunft von Kirchengebäuden und über Ideen zur Transformation von Räumen zu Orten spiritueller Begegnung. Zwei Tage später ein Ausstellungsbesuch »Luther in Laach«, denn auch im Benediktinerkloster Maria Laach grassiert der Luther-Virus. Luther war hier natürlich nie, ist aber bis heute mit zahlreichen Schriften in der wunderschönen Bibliothek präsent, übrigens bis zum Zweiten Vaticanum als »verbotene Bücher« gekennzeichnet und erst danach als »allgemeine Theologie«. Die Vielzahl an Veranstaltungen in ganz Deutschland zeigt: Das Reformationsjubiläum ist eine Graswurzelbewegung!

Luther (ver)führt viele Menschen an die authentischen Stätten. Eine schöne Erfahrung: Auch die Heimat Luthers, das Mansfelder Land, wird zunehmend wahrgenommen, die Museen in Eisleben und Mansfeld besuchen fast dreimal so viele Gäste wie im gleichen Zeitraum 2016. Denn: Das Original zieht! Gegen jede kirchliche Luther-Skepsis und Luther-Ferne sei gesagt: Mit seinen Ecken und Kanten ist Luther ein faszinierender Mensch, ein »Vater im Glauben«, der mit seinem eigenen Ringen bis heute existenziell berührt, ein großartiger Schriftsteller und Seelsorger, eine Persönlichkeit Mitteldeutschlands wie der Weltgeschichte. 2017 ist ein Luther-Jahr, und das ist auch gut so!

Stefan Rhein

Der Autor ist Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt

Es war nicht alles schlecht

28. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Streit um Zahlen: Gefühle oder Fakten? Wovon sollte man sich bei der Bewertung der Ereignisse in diesem Jahr leiten lassen? Warum die Evaluierung, also eine fachgerechte Untersuchung, notwendig ist.

Das Nacharbeiten ist gut so. Allerdings scheint der aus der Erinnerungsarbeit bekannte Relativierungs-Effekt einzusetzen. Die Erfolge sollen gewürdigt werden, das Kritische nicht unter den Teppich gekehrt, doch auch nicht allzu deutlich benannt werden. »Es war nicht alles schlecht.« Nein. Aber Differenzierungen sind angesagt.

Dafür eignet sich der Streit um die Zahlen zu den Kirchentagen auf dem Weg gut. Wie viele Teilnehmende für wie viele Veranstaltungen waren es nun genau? Wie viel Geld ist dafür ausgegeben worden? Das sind wichtige Fragen. Natürlich sagen Zahlen nichts über die Qualität der Angebote aus. Unser Erfurter Kirchentag war eine insgesamt wunderbare Erfahrung mit vielen gelungenen, intensiven und öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen, von denen wir noch lange profitieren werden. Trotzdem: Dass die Medienberichte so auf Zahlen fixiert waren, ist Folge des planerischen Selbstverständnisses der Veranstalter. Wenn wir vorher von so und so vielen zahlenden Gästen reden, müssen wir uns fragen lassen, wo sie waren.

Zu viel gewollt? Im Reformationsjahr gibt es im ganzen Land unzählige Veranstaltungen und Projekte. Nicht alles läuft rund und ist so erfolgreich wie der Bibelturm (Foto) am Wittenberger Hauptbahnhof. 27 Meter ragt er in den Himmel und bietet einen Blick über die Lutherstadt. Verkleidet ist er mit der revidierten Lutherbibel. Foto: epd-bild

Zu viel gewollt? Im Reformationsjahr gibt es im ganzen Land unzählige Veranstaltungen und Projekte. Nicht alles läuft rund und ist so erfolgreich wie der Bibelturm (Foto) am Wittenberger Hauptbahnhof. 27 Meter ragt er in den Himmel und bietet einen Blick über die Lutherstadt. Verkleidet ist er mit der revidierten Lutherbibel. Foto: epd-bild

Der Veranstalter-Verein r2017 hat zu groß geplant und vorbei an den (ostdeutschen) Realitäten. Erfahrungen und Vorannahmen wurden oft nicht gründlich diskutiert. An den Zahlen als Orientierungsrahmen entlang wurde der Einsatz von Personal, Finanzmitteln und Material kalkuliert. Damit stehen wir den Geldgebern (Steuerzahlern) gegenüber in der Pflicht und all denen, die jahrelang ihre Arbeitsleistung und auch ihr Herzblut in diese Veranstaltung gesteckt haben.

Erfolg und Misserfolg müssen benannt, verstanden und vor allem: es muss daraus gelernt werden. Wir können uns nicht leisten, nach einem Großprojekt, das planerisch derart gefloppt ist, eine »Wir-hatten-doch-unseren-Spaß«-Stimmung als rückblickendes Narrativ stehen zu lassen. Es geht nicht um kleinliche Veranstalter-Schelte.

Es geht um das, was jedem Großprojekt ordentlich nachfolgt: die Evaluierung. Welche Ziele wollten wir erreichen? Welche haben wir erreicht? Wie stand der Aufwand im Verhältnis zur Wirkung? Wie haben die beteiligten Akteure zusammengearbeitet? Wie sind die anvertrauten Mittel eingesetzt worden? Dies muss diskutiert werden. In Erfurt waren schätzungsweise über 700 Haupt- und vor allem Ehrenamtliche an den Vorbereitungen beteiligt. Sie haben ein Recht auf Auswertung.

Das Projekt Kirchentage auf dem Weg beruhte im Grunde auf einer einfachen organisatorischen Idee: Alle sollten am Ende vielfältiger Kirchentagserlebnisse nach Wittenberg auf die Elbwiesen zum großen Gottesdienst kommen. Diese Idee ist nicht aufgegangen. Warum ließen sich nur wenige aus den Kirchentagsstädten dazu motivieren? Welche inhaltliche Idee oder Vision hätte sie dazu verlocken können? Gab es denn eine inhaltlich verbindende und aktivierende Idee? Oder nur eine organisatorische: eben viele Menschen zusammenzubringen? Es gab viele schöne Einzelideen, und viele wertvolle Ziele wurden benannt. Aber bitte: Welches Leitwort stand über den Kirchentagen auf dem Weg, das alle mitentwickelt und mitgetragen hätten?

Und was war, in einem Satz zusammengefasst, die gebündelte Botschaft unserer Kirchentage? Evangelisch heute ist Vielfalt – das scheint mir zu wenig. Wir müssen aus den Antworten auf diese Fragen lernen. Sonst bleibt das Reformationsjubiläum eine Sache, die schnell vergessen wird: Ja, da war mal was. Wir bleiben als Kirche stecken und geben den Unkenden Recht, die sagten: Es geht nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um Strukturen und Events.

Jürgen Reifarth

Der Autor ist Beauftragter für das Reformationsjubiläum des Evangelischen Kirchenkreises Erfurt.

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