Die Ankunftssinfonie Gottes

23. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Eine Weihnachtsmeditation von Sebastian Kircheis

Weihnachten. Was kommt einem da zuerst in den Sinn? Bilder, Gerüche, Worte? Bei mir sind es die Klänge – von den Pauken und Trompeten des Bach’schen Oratoriums bis hin zum schlichten Kinderweihnachtslied. Die Weihnachtsgeschichte gleicht einem facettenreichen Musikstück. Für mich ist sie die Ankunftssinfonie Gottes.

Ihr erster Satz muss wohl Andante (gehend) heißen; denn die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte voller Bewegung: Maria, Josef, Hirten, Engel. Alle sind in Bewegung. Maria und Josef: Ihr Gehen klingt nach Andante doloroso. Ein Gehen mit Schmerzen. Es sind nicht nur die Schmerzen der anstehenden Geburt, es sind auch die Schmerzen, die aus der Abweisung kommen und die sie mit allen teilen, die »keinen Raum in der Herberge« finden, damals und heute. Das andere Andante spielen uns die Hirten, ein Andante con spirito, ein beseeltes Gehen, dessen Ziel die Notbehausung ist, in der Gott Platz in unserer Welt findet.

»Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen« (Lukas 2,19). – Das Holz- relief eines einstigen Flügelaltars, der um 1500 entstand, zeigt die »Heiligen Sippe« (Heilige Familie)  in Zimmern bei Bad Langensalza. Maria mit dem Kind (Foto) und Josef werden umgeben von zwei Schwestern der Maria und deren Familie. Foto: Andreas Heimler

»Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen« (Lukas 2,19). – Das Holz- relief eines einstigen Flügelaltars, der um 1500 entstand, zeigt die »Heiligen Sippe« (Heilige Familie) in Zimmern bei Bad Langensalza. Maria mit dem Kind (Foto) und Josef werden umgeben von zwei Schwestern der Maria und deren Familie. Foto: Andreas Heimler

Und ganz sicher gehört zu diesem ersten Satz das Andante maestoso (erhaben). Die himmlischen Boten spielen es in die Weihnachtsgeschichte hinein: »Siehe, ich verkündige euch große Freude. Euch ist heute der Heiland geboren. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.« Nur an diesem einen Punkt des Geschehens klingt das göttliche Maestoso auf. Was für eine Bewegung. Reinhold Stecher hat für das Kommen Gottes in die Welt den Begriff vom »Lift des Heils« geprägt. Er ist seit Jahrtausenden auf dem Weg zu uns hinunter durch die Menschheitsgeschichte. Er senkt sich durch die Etagen des Sehnens und Ahnens der Religionen und durch die Stockwerke der Verheißungen der Propheten. Er setzt in der Heiligen Nacht auf der Erde auf: im Erdgeschoss des Universums, mitten im Milieu menschlicher Armut und Verlorenheit. Dazu hören die einfachen Hirten das Maestoso aus Gottes Ankunftssinfonie. So findet die Bewegung Gottes zu uns Menschen ihr erstes Ziel.

Der zweite Satz der Ankunftssinfonie sollte Misterioso – geheimnisvoll – heißen: »Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich.« So fasst Luther im Lied das Geheimnis des Weihnachtsgeschehens. Und Bach kann sich angesichts dessen gar nicht genug wundern: »Wer kann die Liebe recht versteh’n, die unser Heiland für uns hegt? Ja, wer vermag es einzusehen, wie ihn der Menschen Leid bewegt.« Kein Weg scheint dieser Liebe zu weit, kein Stall zu schmutzig, keine Krippe zu hart. Von den ersten, die davon hören, heißt es: Sie wunderten sich. Sich wundern, staunen, das ist der Weg, sich diesem Geheimnis zu nähern. Was geschieht im Misterioso? Der »Lift des Heils« setzt sanft auf, die Tür öffnet sich, und das Kind winkt uns zu sich hinein, damit es mit uns wieder auffahren kann. Wenn wir die Fahrt mit ihm wagen, auch durch dunkle, beklemmende und bedrückende Etagen, will er uns hinaufbringen bis zum »Dachgarten der Herrlichkeit« (Stecher). Um uns diesem Geheimnis zu öffnen, müssen wir auf den 3. Satz der Ankunftssinfonie hören:

Contemplativo (besinnlich): So soll Weihnachten sein. Maria macht es vor: »Sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.« Können wir das wieder lernen? Unsere Zeit ist schnell und reizüberflutet. Da braucht es ein bewusstes Innehalten, ein starkes Ritardando, Verlangsamen. Aber es lohnt, den Satz einzustudieren. Denn auf diesem Weg wird eine Wahrheit zu meiner Wahrheit, erschließt sich das Geheimnis der Christgeburt in mein Leben hinein, kommt das Kind in der Krippe auch in meinem Herzen an und beginnt mein Reden, Handeln und meinen Weg mitzubestimmen: »Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still, er betet an und es ermisst, dass Gottes Lieb unendlich ist.«

Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Von den Hirten heißt es: »Da sie es gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus. Sie priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.«

Die Gestaltung des letzten Satzes der Ankunftssinfonie Gottes liegt ganz bei uns. Unsere Kirche zeichnet sich dadurch aus, dass sie zu vielen drängenden Problemen wie Krieg und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung con moto (bewegt) Stellung nimmt. Wenn es aber um die Fragen des Heils und der Erlösung für uns Menschen geht, musizieren wir oft sotto voce (mit halber Stimme, geflüstert). Traurig wäre, wenn man einst über dem Teil der Ankunftssinfonie, der ganz uns gehört, ein Tacet (schweigt) fände.

Ich wünsche allen Lesern, dass bei ihnen die Ankunftssinfonie Gottes zum Klingen kommt: Andante – bewegt vom Misterioso, dem weihnachtlichen Geheimnis Gottes; Contemplativo – mit Zeit und Ruhe, damit der Weihnachten Geborene mit seiner Liebe ihr Herz erreicht. Und dass sie diese Liebe zum Klingen bringen, ganz gleich ob piano (leise) oder forte (laut), con fuoco (mit Feuer) oder con grazia (mit Anmut). Hauptsache, es geschieht con spirito – beseelt von Gott, dem ewigen Vater und seinem Sohn Jesus Christus.

Der Autor ist Pfarrer in Weimar und ehemaliger Kruzianer.