Wo Kinder im Mittelpunkt stehen

1. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Festtag: Sie war die erste in Anhalt. Jetzt besteht die Evangelische Grundschule in Köthen seit 20 Jahren.

Wenn dieses Jubiläum hinter ihr liegt, fällt Anja Albrecht vermutlich ein Stein vom Herzen. Seit Wochen, gar Monaten kümmert sie sich mit vielen Helfern um die Vorbereitung dieses besonderen Tages. Es soll ein schönes Fest werden. 20 Jahre Evangelische Grundschule Köthen – ein Grund zum Feiern. Am 27. September beging die Grundschule in Trägerschaft der Landeskirche Anhalts den runden Geburtstag: mit einem Festgottesdienst in der benachbarten Kirche St. Agnus und mit einem Tag der offenen Tür. »Wir wollen zeigen, was für eine tolle Schule wir sind. Jeder, der Lust hat, uns kennen zu lernen, ist herzlich willkommen«, lud Anja Albrecht ein.

179 Mädchen und Jungen der ersten bis vierten Klasse besuchen die Schule mit christlichem Profil. Evangelisch bilden – mit Verstand, Gefühl und Respekt: Das steht in diesem Haus über allem. Und auch die Goldene Regel aus der Bibel, unübersehbar an der Schulhofwand von Kunstmaler Steffen Rogge verewigt, lebt man hier: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.

Warteliste für die nächsten drei Jahre

Seit 2003 unterrichtet Anja Albrecht an der Schule, seit 2014 leitet sie diese. »Wir versuchen hier, unseren Kindern ein christliches Menschenbild zu vermitteln.« Geistliches Leben wird unter anderem in den täglichen und wöchentlichen Morgenandachten, Tischgebeten und Schulgottesdiensten gelebt. Dabei werden alle in die Vorbereitung und Durchführung einbezogen. Religionsunterricht hat an der Schule jedes Kind verpflichtend. Über die Rahmenrichtlinien des Landes Sachsen-Anhalts hinaus bekommen die Mädchen und Jungen das Evangelium vermittelt. Und auch in anderen Fächern spielen christliche Themen eine entscheidende Rolle, sie prägen die Unterrichtsgestaltung.

Gratulant: Zur Geburtstagsfeier der Evangelischen Grundschule trat das Schulmaskottchen Johannes zum ersten Mal öffentlich auf. Die Kinder lernten es schon eher kennen. Fotos: Heiko Rebsch

Gratulant: Zur Geburtstagsfeier der Evangelischen Grundschule trat das Schulmaskottchen Johannes zum ersten Mal öffentlich auf. Die Kinder lernten es schon eher kennen. Fotos: Heiko Rebsch

Man sei »ein Ort des Lebens und des Lernens«, beschreibt Anja Albrecht. Man pflege ein gutes, ein christliches Miteinander. Schüler, Pädagogen und Mitarbeiter, Eltern, Hort, die evangelischen Kirchengemeinden, der Schulträger, der Förderverein – viele hätten in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihren Anteil daran, dass sich die Schule so positiv entwickelt habe.

Auf ihrer Internetseite rät die Schule, Eltern mögen ihre Kinder so früh wie möglich anmelden, am besten unmittelbar nach der Anmeldung in einer Kindertagesstätte. Anja Albrecht kann das nur untermauern. Die Nachfrage der Eltern, ihre Töchter und Söhne hier einzuschulen, sei sehr groß. Bereits heute existiere eine Warteliste für die Jahre 2020 und sogar schon für 2021. Und das, obwohl man an der Evangelischen Grundschule Köthen Schulgeld zahlt. Im Jahr 2001 erhielt die Schule ihre staatliche Anerkennung. Die Einbindung in die Schulgesetzgebung verpflichtet die Verantwortlichen, bestimmte Vorgaben hinsichtlich Schulorganisation und Leistungsbewertung einzuhalten.

Die Evangelische Grundschule Köthen unterscheidet sich von anderen darin, »dass wir in unserer täglichen Arbeit mit den Kindern vom Menschenbild der Bibel ausgehen«, erläutert Anja Albrecht. Was bedeutet das? Die Achtung des anderen mit all seinen Stärken und Schwächen, seinen individuellen Besonderheiten. Das Kind annehmen, so wie es ist. Vertrauen und Zutrauen sind wichtige Eckpfeiler der schulischen Arbeit. Offenheit und Aufrichtigkeit werden groß geschrieben. Rücksichtnahme und Mitverantwortung prägen das Zusammenleben in der christlichen Schulgemeinde. Das Konzept hat in den vergangenen 20 Jahren viele Anhänger gefunden. »Wir vermitteln Prinzipien und Formen selbstständigen Lernens«, betont die Schulleiterin. Dabei berücksichtige man den Entwicklungs- und Lernstand eines jeden Kindes und reagiere darauf mit einer differenzierten Unterrichtsgestaltung. Die Mädchen und Jungen würden dabei nicht zuletzt lernen, wie wichtig es ist, sich gegenseitig zu unterstützen. Anja Albrecht ergänzt: »Lernen mit Kopf, Herz und Hand heißt für uns, das Kind in den Mittelpunkt zu stellen, nicht den Unterrichtsstoff oder den Lehrenden.«

Am 27. September könnte es allerdings sein, dass einmal nicht die Kinder im Mittelpunkt stehen, sondern Johannes. »Johannes ist unser neues Schulmaskottchen«, informiert Anja Albrecht. Johannes gibt es in verschiedenen Situationen: mit Büchern, mit der Schreibfeder, mit Ranzen auf dem Rücken oder sportlich mit Hanteln. Johannes ist eine Erfindung von Steffen Fischer, der den Köthenern schon den »Halli«, das Stadtmaskottchen, beschert hat. Er zeichnete Johannes, der nun offiziell zum Geburtstag vorgestellt wird. Und die Schule mit Sicherheit in den kommenden Jahren intensiv in allen Lebenslagen begleiten wird.

Sylke Hermann

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Niemals langweilig

10. September 2018 von redaktionguh  
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Umgestiegen: Ursprünglich wollte Christin Bärwald Lehrerin werden. Jetzt ist die Eisenacherin Vikarin in Apolda. Mit der angehenden Pfarrerin sprach Diana Steinbauer.

Was hat Sie dazu bewogen, Pfarrerin werden zu wollen?
Bärwald:
Der Entschluss, Pfarrerin zu werden, kam bei mir relativ spät. Genauer gesagt, erst mit 26 Jahren. Eigentlich wollte ich Lehrerin werden. Und so habe ich nach dem Abitur Latein, Religion und Erziehungswissenschaft studiert.

Schon immer gehörte die Kirchengemeinde zu meinem Leben dazu. Zunächst Religionsunterricht und Christenlehre. Meine Uroma hat mich regelmäßig mit in die Kirche genommen. Mit 14 Jahren habe ich mich taufen lassen und war seitdem immer im Gemeindekirchenrat tätig. Dann wurde ich Lektorin. Im Grunde genommen bin ich in diesen Berufswunsch langsam hineingewachsen.

Wie hat man Sie auf den Pfarrberuf und den Gemeindealltag vorbereitet?
Bärwald:
Ich glaube, dass das Studium nicht wirklich auf den Pfarrberuf und den Gemeindealltag vorbereiten kann. Dazu ist es auch nicht gedacht. Es handelt sich hierbei also um die notwendige fachwissenschaftliche Grundlage des Pfarrberufs. Aber der Pfarr- bzw. Gemeindealltag beinhaltet natürlich noch mehr. Und dafür gibt es ja dann das Vikariat. Sozusagen die Schnittstelle zwischen Studium und späterem Pfarrberuf.

Christin Bärwald. Foto: privat

Christin Bärwald. Foto: privat

Im Vikariat habe ich ziemlich schnell gemerkt, wie gut es ist, auf theologisches Wissen zurückgreifen zu können. Aber es ist schwierig, dieses Wissen in der Praxis anzuwenden. Da bin ich froh, eine Mentorin an der Seite zu haben. Ansonsten gibt es im Vikariat immer wieder Dinge, auf die auch das Predigerseminar nicht vorbereiten kann. Ich denke hier an Verwaltungsabläufe, persönliches Zeitmanagement oder an Sitzungsdynamiken.

Entspricht der Beruf Ihren Vorstellungen?
Bärwald:
Ich habe in Apolda eine aufgeschlossene Kirchengemeinde angetroffen, die es mir leicht gemacht hat, anzukommen. Ansonsten habe ich einen gut gefüllten Terminkalender und immer wieder die Möglichkeit, kreativ zu sein und neue Dinge auszuprobieren. Vor dem Vikariat hätte ich mir nicht vorstellen können, Gottesdienste mit geistig behinderten Menschen zu feiern, mich intensiv mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen, Gemeindeabende und Glaubenskurse vorzubereiten oder in einem »Bündnis gegen rechts« so intensiv wie momentan mitzuarbeiten.

Das klingt nach Erfüllung. Was ist an Ihrem Beruf Berufung?
Bärwald:
Das mag jetzt abgedroschen klingen, aber es ist der intensive Kontakt mit den Menschen – sie in jeglichen Lebenssituationen zu begleiten und vor allem im Glauben mit ihnen verbunden zu sein. Ich liebe es, mit den Gemeinden Gottesdienste zu feiern und mit ihnen über Gott und die Welt zu reden. Auch wenn es manchmal schwierige Themen sind. Und es sind die vielfältigen Arbeitsmöglichkeiten, die mich dabei bleiben lassen. Es wird auf alle Fälle niemals langweilig.

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Traditionen folgen und Neues wagen

10. April 2017 von redaktionguh  
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Alle Jahre wieder stellen sich die Verantwortlichen die Frage: Wie soll Konfirmationsunterricht heute aussehen? Muss er sich den Wünschen der Mädchen und Jungen und ihren veränderten (Er-)Lebensgewohnheiten anpassen oder sollte er als »Fels in der Brandung« vor allem traditionelle Glaubensunterweisung bieten? Zwei Stellungnahmen von Pfarrern, die ihre Sichtweise von zeitgemäßer Konfirmandenarbeit darlegen:

Blick-14-2017
Kurz nach der Jahrtausendwende ließen Verantwortliche für die Kinder- und Jugendarbeit aus dem Magdeburger Konsistorium verlauten: Die Auftraggeber für den Konfirmandenunterricht seien die Konfirmanden (also nicht etwa die Kirche oder letztlich Christus), an ihren Bedürfnissen sei die Beschäftigung mit ihnen auszurichten; vor allem dürfe man den Unterricht nicht als Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung betrachten. Ist das eine angemessene Haltung in Sachen Glaubensunterweisung?

Es mag für manche verstaubt und altbacken klingen: In Wasungen findet Woche für Woche der Konfirmandenunterricht für die Siebt – und Achtklässler statt, in dem wir singen, beten, auch spielen, aber vor allem lernen: Glaubensinhalte, Liturgie, biblische Inhalte.

Auch wenn die meisten Jugendlichen den Religionsunterricht besuchen, haben sie doch weiter ein großes Interesse an »harten Fakten«, an Informationen über die Kirche, über innere und äußere Zusammenhänge unseres Glaubens. Sie spüren, dass Lernen, gerade kognitives Lernen, ihnen hilft, Sicherheit zu gewinnen in einer Zeit, in der zu oft »Kompetenzen« wichtiger als Inhalte geworden sind.

Bei aller Kritik, die seit Jahrzehnten berechtigt und unberechtigt am Konfirmandenunterricht geübt wird, so am Alter der Konfirmanden und an der oft gegebenen Verbindung mit der Vorbereitung auf das Abendmahl, erlebe ich die Zeit mit den Konfirmanden als segensreich. Und: In jedem Jahr können wir vor der Konfirmation, in der Osternacht, junge Menschen taufen, die aus eigenem Entschluss zu uns gestoßen und geblieben sind.

Stefan Kunze, Pfarrer in Wasungen

Die Frage, ob 14-Jährige reif für ein Bekenntnis wie die Konfirmation sind, diskutiert die Kirche seit Jahrzehnten. Gegenfrage: Warum lassen sich eigentlich so viele Erwachsene scheiden? Auch 30-Jährige treffen nicht all ihre Entscheidungen nach reiflicher Überlegung, oder kippen später um. Das ist für mich kein Argument. Jesus hat Kinder und Jugendliche sehr ernst genommen, sie Erwachsenen in ihrer Entschiedenheit sogar zum Vorbild gemacht.

Die eigentliche Frage lautet: Können wir jungen Menschen bewusst machen, was die Konfirmation bedeutet? Man mag in diesem Alter vieles infrage stellen, aber es ist auch eine Zeit, in der man sich voller Eifer auf etwas stürzt und mit Leib und Seele dabei ist. Dazu ermutige ich die Konfirmanden, indem ich ihnen etwas zutraue und sie zu Entscheidungen herausfordere.

Ja, die Persönlichkeit des Pfarrers oder Gemeindepädagogen spielt bei der Konfirmandenarbeit eine Rolle. Aber auch Strukturen und die ihnen innewohnende Haltung sind nicht zu vernachlässigen. Wir müssen weg vom Säulendenken, in dem es in der Gemeinde eine Säule für die Konfirmanden, eine für die Kinder und Familien und eine für junge Erwachsene gibt. Es ist anachronistisch, mit der Konfi-Arbeit erst im Konfi-Alter zu beginnen. Wir brauchen Angebote für alle Altersgruppen und wir müssen Brücken bauen zwischen den und innerhalb der Generationen. Vor allem müssen wir junge Menschen einbinden. Gewähren wir ihnen zwei Jahre Gastrecht in der Gemeinde oder trauen wir ihnen zu, Christ zu sein für den Rest ihres Lebens?

Ich habe in der DDR-Zeit zum Glauben gefunden. Glauben hat für mich sehr mit Freiheit zu tun. Ich mag aus diesem Grund auch z. B. die Stempelkarten nicht, mit denen sich Konfirmanden ihre Teilnahme am Gottesdienst bestätigen lassen müssen. Was ist der Subtext solcher Karten? Dass, wenn sie voll ist, genügend Gottesdienste besucht wurden?

Natürlich lernen unsere Konfirmanden das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis, aber weniger auswendig, eher inwendig – durch Gottesdienste und Aktionen, die wir gemeinsam machen. Sind nicht Millionen von Menschen, die all das bimsen mussten, trotzdem aus der Kirche ausgetreten und haben dem Glauben den Rücken gekehrt?

Es geht darum, altersgerecht Glauben und Gottesbeziehung zu leben – praktisch, nicht nur mit dem Kopf. Wir stellen Glaubensinhalte, die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus, in den Mittelpunkt. Musik, gemeinsames Singen, Gebet spielen eine große Rolle. Andererseits machen wir viele herrliche Faxen, spielen und quatschen, trinken Tee, machen Ausflüge. Wer sich dann konfirmieren lassen will, nimmt an einer besonderen Konfi-Freizeit teil. Wir reden über Taufe, Abendmahl, über den Sinn der Konfirmation. Konfis müssen sich einbringen, sie gestalten Gottesdienste und Projekte mit, wir erwarten sie zum Abendmahl an Gründonnerstag. Die Konfirmation ist nicht irgendeine Segenshandlung, sie ist eine Taufbestätigung, sie ist ein »Ja, mit Gottes Hilfe«.

Ernst-U. Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Von der Schulbank in die Kirche

14. November 2016 von redaktionguh  
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Seit 25 Jahren Schulfach: Die Effekte des Religionsunterrichts können vielfältig sein. Für Ramón Seliger war der Unterricht ein Wegweiser für sein Leben.

Die Förderung von Dialog- und Urteilsfähigkeit, die Klärung von Sinnfragen, der Erwerb von »Lebensbewältigungskompetenz«. So beschrieben die Schulbeauftragte Katharina Passolt, der Religionspädagoge Thomas Heller und Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Erfurt die Effekte des Religionsunterrichts bei der Veranstaltung »25 Jahre Evangelische Religionslehre an der Schule« im Erfurter Landeskirchenamt.

»Glaube hat in meiner Familie keine Rolle gespielt. Wir waren selbst zu Weihnachten nicht in der Kirche«, erzählt Ramón Seliger. Der junge Mann, der heute Vikar an der Weimarer Jakobskirche und zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Altes Testament an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ist, interessierte sich durch den Religionsunterricht für Kirche und Glauben. Hier wurde er mit religiösen Themen, mit Jesus und der Kirche in Kontakt gebracht.

»Für viele ist der Religionsunterricht die Erstbegegnung mit Religion und Kirche«, weiß auch Professor Mat­thias Hahn, Leiter des Pädagogisch Theologischen Instituts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Kloster Drübeck. Er glaubt, dass damit die Hemmschwelle vieler Schüler gegenüber der Kirche gesenkt wird. »Manche fragen sich, ob Kirche und Taufe eine Lebensoption für sie sein könnten.« Eine Werbung für den Glauben oder gar den Pfarrberuf sieht Hahn nicht als Aufgabe des Religionsunterrichtes, der seit 25 Jahren ordentliches Lehrfach an den Schulen Thüringens und Sachsen-Anhalts ist. »Primäre Aufgabe«, so Hahn, »ist die bildende Auseinandersetzung mit Religion.«

Impuls für das Leben: Den Religionsunterricht in der Schule gibt es in Mitteldeutschland seit einem Vierteljahrhundert – eine Möglichkeit, mit dem Glauben und der Kirche in Kontakt zu kommen. Foto: knipseline – pixelio.de/G+H

Impuls für das Leben: Den Religionsunterricht in der Schule gibt es in Mitteldeutschland seit einem Vierteljahrhundert – eine Möglichkeit, mit dem Glauben und der Kirche in Kontakt zu kommen. Foto: knipseline – pixelio.de/G+H

Natürlich gäbe es auch immer wieder den Fall, dass durch das Wirken von Lehrern der Wunsch in einigen Schülern reife, die Weitergabe des Gelernten auch beruflich fortzuführen. Einige würden dann auch Religionslehrer, andere sogar Pfarrer. So wie Ramón Seliger. »Das spannendste am Religionsunterricht waren die Lehrer, die uns die Relevanz der Themen erschlossen haben. Das waren authentische, kantige, eckige Typen. Es hat gepasst, was sie gesagt und getan haben. Das war spannend für mich als Jugendlicher, der ich nach Orientierung suchte.«

Die Religionslehrer, die Seliger am Beginn seiner Gymnasialzeit begleitet und inspiriert haben, waren vor allem Pfarrer, die den sich damals gerade formierenden Religionsunterricht an Schulen leiteten. Er habe das sehr geschätzt. »Es braucht die Person, die sich zu erkennen gibt, die erklärt, wie sie selbst Schöpfung betrachtet oder wie sie das Glaubensbekenntnis versteht.« Das regte Seliger an, ein eigenes reli­giöses Profil zu bilden und eigene Positionen zu finden.

Heute sind es vor allem staatlich ausgebildete Religionslehrer, die das Fach in den Schulen abdecken. »Diese Lehrer sind gut ausgebildet und didaktisch wie pädagogisch gut aufgestellt«, so Seliger. Zudem brauche es aber auch die Basis einer fundierten Theologie. »Der Lehrer muss fit sein in der Sache und er oder sie braucht eine Persönlichkeit, die die Schüler anspricht und motiviert«, betont der Vikar. Es sei die Lebensrelevanz, die das Besondere dieses Faches ausmache. »Religionslehrer sollen nicht die Antworten geben auf Fragen, die keiner mehr stellt, sondern die wirklichen Fragen der Jugendlichen thematisieren. Genau das hebt das Fach von anderen Fächern ab.«

Religionsunterricht unterstütze Schülerinnen und Schüler bei der Beantwortung wichtiger Sinnfragen, zeige vielseitige Lösungen und Antworten auf und helfe, den eigenen Kulturkreis und seine Geschichte besser zu verstehen. Religionsunterricht möchte Anstöße geben, über die Sinnfrage nachzudenken und religiöse Orientierung vermitteln. Je besser die religiöse Bildung sei, um so eher könne der interreligiöse Dialog gelingen, erläuterte Veronika Wenner von der Schulabteilung im Bistum Erfurt.

»Mit dem Religionsunterricht erreichen wir Menschen, die wir durch die Kirche an sich nicht erreichen«, betont Seliger. Das sei die große Chance des Religionsunterrichtes. »Viele, die Gott nicht kennen oder die Kirche und Religion als eng erlebt haben, erfahren, frei zu denken, Vernunft und Glaube zusammenzubringen. Gerade im Religionsunterricht der Schulen gelingen Gespräche, die in manchen Elternhäusern und Kirchengemeinden nicht möglich sind.«

Diana Steinbauer

www.religionsunterricht-ekm.de

Noten für Religion

8. August 2016 von redaktionguh  
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Wenn in der nächsten Woche das neue Schuljahr beginnt, jährt sich die Einführung des Religionsunterrichts in Thüringen zum 25. Mal. In Sachsen-Anhalt stand Religion ab 1992 auf dem Stundenplan.

Er sei in der Gesellschaft angekommen, bescheinigt Katharina Passolt, Schulbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für die Propstei Eisenach-Erfurt. »Der Religionsunterricht ist ein fester Bestandteil der Schulen geworden. Er wird gut von Eltern und Familien nachgefragt und in Thüringen auch nach dem Regierungswechsel gefördert«, so Passolt weiter.

Illustration: Glaube + Heimat

Illustration: Glaube + Heimat

In Thüringen besuchten an staatlichen Schulen im vergangenen Schuljahr über 51 100 Schüler den evangelischen Religionsunterricht. In Grund- und Gemeinschaftsschulen waren das im Durchschnitt jeweils ein Viertel aller Schüler. In den Regelschulen lag der Anteil bei etwas über 20 Prozent und an den Gymnasien sogar bei einem Drittel. In Sachsen-Anhalt belegten knapp über 31 100 Schüler evangelische Religion. Dabei nahmen im Durchschnitt in Grundschulen rund 18 Prozent der Kinder teil; in den Sekundarschulen zehn und in den Gemeinschaftsschulen zwölf Prozent. In den Gymnasien nahmen ihn 28 Prozent der Schüler wahr.

Die größten Schwierigkeiten in der Umsetzung gibt es immer noch an den Berufsschulen. Dort besuchen in Thüringen nicht einmal vier Prozent der Schüler den evangelischen Religionsunterricht, in Sachsen-Anhalt liegt diese Zahl unter zwei Prozent. Die Schüler der einzelnen Ausbildungsberufe zum gemeinsamen Religionsunterricht zu organisieren, stelle laut Passolt eine große Herausforderung dar. »Hier müssen neue, flexiblere Modelle gefunden werden«, so die Schulbeauftragte. Vor allem an den Schulen, die in sozialen Berufen ausbilden, hält sie das für wünschenswert.

Nicht nur die religiöse Bildung und die inhaltliche Auseinandersetzung mit christlichen Themen spielen eine Rolle. Berücksichtigt werden im Fach »die unterschiedlichen Lebenswelten der Kinder«, heißt es im Thüringer Lehrplan für die Grundschule. Das zu leisten, ist kein anderes Schulfach in der Lage. Die Teilnahme daran hängt jedoch nicht von einer kirchlichen Sozialisation ab. Es gilt, allen Kindern und Jugendlichen zur Mündigkeit im Glauben zu verhelfen und religiöse Suchbewegungen zu begleiten. »Religionsunterricht will die christlichen Schüler bestärken. Denjenigen, die damit wenig vertraut sind, will er Glauben und Kirche als etwas Selbstverständliches nahebringen, das nicht nur ins Private gehört«, sagt Sören Brenner, Schulbeauftragter der Propstei Halle-Wittenberg.

Artikel 7 des Grundgesetzes sichert die Existenz des Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach. Es werden Noten vergeben und es ist versetzungsrelevant. Obwohl Religionsunterricht bekenntnisgebunden erteilt wird, steht er unter staatlicher Aufsicht und muss somit nach demokratischen Grundsätzen verfassungsgemäß unterrichtet werden. Die Lehrpläne werden im Einvernehmen zwischen den Religionsgemeinschaften und dem Staat erstellt.

Unterrichtet wird das Fach von staatlichen Lehrern und kirchlichen Mitarbeitern. Neben abgeschlossenem Studium und Referendariat benötigen Religionslehrer auch die Bevollmächtigung der Kirche, die Vokation. Katecheten, Gemeindepädagogen oder Pfarrer werden für die schulischen Aufgaben entsprechend fort- und weitergebildet, jedoch ohne offizielle staatliche Anerkennung. Nicht immer sind Pfarrer froh über die zusätzliche Arbeit in den Schulen. Aber es könne für sie ein gutes Übungsfeld sein, so Sören Brenner, vor allem was die Rede- und Sprachfähigkeit angehe. In der Schule müssten theologische Sachverhalte nahbarer und unterschwelliger formuliert werden, eine Hilfe auch für den Gemeindealltag.

In erster Linie hat der Staat den Unterricht zu gewährleisten. Fehlen ihm Lehrkräfte, meldet er seinen Bedarf den Schulbeauftragten, die in den Kirchenkreisen nach Personal suchen. Obgleich sich der Religionsunterricht sowohl in der geografischen Fläche als auch in allen Schulformen etablieren konnte, gibt es dennoch einzelne Schulen, an denen keiner angeboten wird. Ursache dafür kann zum einen das restriktive Verhalten einzelner Schulleitungen und Kollegien sein oder zum anderen das fehlende Personal. »Der Bedarf ist immer weiter gewachsen und derzeit sind in den kirchlichen Strukturen klare Grenzen erreicht, was den Einsatz kirchlicher Mitarbeiter betrifft«, konstatiert Sören Brenner. Für die Kirche sieht er im Religionsunterricht eine besondere Chance. Durch den Kontakt der kirchlichen Angestellten mit anderen Lehrern und Schülern würde Kirche Teil der Schule. »Sie kann den Schulalltag intensiv mitgestalten und Lehrer und Schüler bekommen eine Innensicht von Kirche präsentiert«, so Brenner.

Für die Zukunft sieht er vor allem zwei Herausforderungen: Zum einen darf sich die Kirche nicht auf dem Erreichten ausruhen und aufgrund struktureller Grenzen ihre Kapazitäten gar zurückbauen. »Zum anderen müssen wir aufpassen, dass am Stuhl des Religionsunterrichts nicht gesägt wird«, sagt Brenner. Denn gesellschaftliche Kräfte, die den Religionsunterricht aus der Schule und Kirche, generell aus der Öffentlichkeit verbannen wollen, seien zur Genüge vorhanden.

Mirjam Petermann

Flexibilität ist gefragt

8. August 2016 von redaktionguh  
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Religionsunterricht: Das Fach ist an den Schulen etabliert

Die Fächer Religion und Ethik wurden an den staatlichen Schulen in Sachsen-Anhalt 1991 per Gesetz verankert. Die Einführung des Unterrichts erfolgte schrittweise in den Jahren danach. »Ich bin froh, dass es sich als ordentliches Lehrfach etabliert hat und seinen festen Stand hat«, sagt Oberkirchenrätin Ramona Eva Möbius. Jedoch habe es in dieser Zeit Veränderungen gegeben, sagt die Bildungsdezernentin der Landeskirche Anhalts, die, bevor sie nach Anhalt kam, in Thüringen als Pfarrerin 19 Jahre auch im Religionsunterricht tätig war. »Die Klassen unterliegen einer großen Heterogenität. Das ist für die Lehrkräfte eine Herausforderung. Das zeigt sich daran, dass in einer Reli-Klasse konfessionsgebundene und konfessionsfreie Kinder sitzen. Es gebe jahrgangsübergreifenden Unterricht (zum Beispiel 1. und 2. Klasse gemeinsam) und jahrgangsgemischten Unterricht (mehrere Klassen eines Jahrgangs in einer Lerngruppe). »Diese große Vielfalt erfordert von den Lehrenden ein hohes Maß an Flexibilität.«

Kirchliche Mitarbeiter werden über Gestellungsverträge an staatlichen Schulen eingesetzt. Sie arbeiten dort, wo es an staatlichen Reli­gionspädagogen fehlt. So unterrichten in Anhalt im neuen Schuljahr 21 kirchliche Lehrkräfte an staatlichen Schulen evangelische Religion: vier Schulpfarrer mit mindestens 50 Prozent Stellenanteil und fünf Gemeindepädagogen mit ebenfalls mindestens 50 Prozent. Hinzu kommen sechs Pfarrer sowie sechs Gemeindepä­dagogen, die auf Honorarbasis mit bis zu sechs Stunden Religion dabei sind. Schwierig wird es, wenn kirchliche Lehrkräfte an kleinen Schulen nur eine Stunde Religion (das oft bei Stundenplan-Randlage) geben. Sie sind häufig jeden Tag in einer anderen Schule. »Hier Vertrauen aufzubauen gelingt nicht immer so, wie wir uns das wünschen«, so Oberkirchenrätin Möbius. Zwar seien kirchliche Mitarbeiter ins Lehrerkollegium eingebunden, aber angesichts der Rahmenbedingungen sei es schwierig, wirklich Teil des Kollegiums zu werden. Die Dezernentin freut sich über die Bereitschaft aller Lehrkräfte, sich fortzubilden und offene Unterrichtsformen im Unterricht anzuwenden.

Für Ramona Eva Möbius ist der Religionsunterricht ein ordentliches Lehrfach, was fest in die Stundentafel gehört. »Hier ist Raum, über lebensrelevante Themen nachzudenken, Kompetenzen religiöser Bildung fördern zu helfen und über theologische Fragen sprachfähig zu werden.« Auch der seelsorgerliche Aspekt ist entscheidend: »Gerade wenn es um Konflikte geht oder Schicksalsschläge, dann steht die Lehrkraft in einer besonderen Verantwortung«, so Möbius.

Auch die fächerübergreifenden Projekte gemeinsam mit Religion führt sie auf, zum Beispiel im Zuge des Reformationsjubiläums 2017. Da bietet es sich geradezu an, mit den Fächern Deutsch, Musik, Geschichte oder Ethik zusammenzuarbeiten. »Meine Erfahrung aus fast zwei Jahrzehnten Schuldienst ist: unseren Schulen würde etwas fehlen, wenn es das Fach Religion nicht gebe,« so Möbius zum Schluss.

Angela Stoye

»Nach Abraham war Schluss«

8. August 2016 von redaktionguh  
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Religionsunterricht: Christine Demke erinnert sich an die Anfänge


Es waren – wenn man so will – Buddhisten, die in Magdeburg den Weg für den evangelischen Religionsunterricht ebneten. »Japanische Mönche befanden sich auf einem interreligiösen Friedensmarsch. Sie machten Station in Oranienburg und ich wollte aus persönlichen Gründen dabei sein«, erinnert sich Christine Demke an die folgenreiche Begegnung.
Die heute 78-Jährige war damals, Anfang der 1990er-Jahre, Katechetin am Magdeburger Dom, sie gab Christenlehre und vor kurzem war ihr Betätigungsfeld auf drei Schulen in Magdeburg erweitert worden. Es war die Zeit, als in Sachsen-Anhalt Religion ein Unterrichtsfach wurde. Weil es dafür zu wenige staatlich ausgebildete Lehrer gab, griff das Kultusministerium auf kirchliche Mitarbeiter zurück. Christine Demke, Frau des damaligen Bischofs der Kirchenprovinz Sachsen, hatte sich freiwillig gemeldet und geahnt, dass ihr auf Schulfluren und in Lehrerzimmern Skepsis begegnen würde.

Mit der Bibel im Klassenzimmer: Katechetin Christine Demke war vor 25 Jahren eine der ersten kirchlichen Mitarbeiter, die an den staatlichen Schulen Sachsen- Anhalts Religion unterrichteten. Archivfoto: Rolf Zöllner

Mit der Bibel im Klassenzimmer: Katechetin Christine Demke war vor 25 Jahren eine der ersten kirchlichen Mitarbeiter, die an den staatlichen Schulen Sachsen- Anhalts Religion unterrichteten. Archivfoto: Rolf Zöllner

All das sollte sich mit den Mönchen aus Fernost ändern. Christine Demke hatte sie kurzerhand nach Magdeburg eingeladen. Im Dom gestalteten die Buddhisten eine Morgenandacht und beteten mit katholischen und evangelischen Christen für den Frieden. Auch für Frau Demke überraschend erschienen die drei Direktorinnen ihrer Schulen. Sogar ihre Reli-Klassen waren gekommen – und danach begeistert, bewegt, beseelt. »Als ich beim nächsten Mal in die Schule kam, umarmten mich Lehrer«, sagt Christine Demke. Einst ablehnende Pädagogen begannen, sich zu öffnen. Christine Demke redet heute mit Freude darüber, sie hegt keinen Groll, sie kann ein Stück weit die Skepsis der Kirche gegenüber nachvollziehen. Immerhin war diese Skepsis 40 Jahre lang gewachsen und staatlich gefördert worden.

Auch nach dem einschneidenden Erlebnis mit den Mönchen sollte es Vorbehalte und Grenzen geben. Eltern, Schüler, Lehrer wollten wohl etwas über das Christentum erfahren, aber nicht missioniert werden. Selbst die Christenlehre-Kinder übten Zurückhaltung. »Frau Demke, heute war es nicht so gut. Sie haben einmal zu viel Gott gesagt« – an Bemerkungen wie diese erinnert sich die ausgebildete Katechetin noch heute. Ohnehin war der Unterricht in der Schule ganz anders als die Christenlehre im Dom. Die von Ingo Baldermann für Kinder aufgearbeiteten Psalme waren vielleicht noch für alle Schüler nachvollziehbar. Da aber in den 1990er-Jahren schon Flüchtlingskinder anderer Religionen in den Schulbänken saßen, war thematisch »schon bald nach Abraham Schluss«, erinnert sich Christine Demke. Die Väter-Geschichten der Bibel konnten auch die Muslime nachvollziehen. Das Neue Testament hingegen fand praktisch nicht statt. Christine Demke empfand das nicht als Einschränkung. Im Gegenteil: »Es hat Wahnsinnsspaß gemacht, auszuprobieren, was geht und was nicht.« Mit Puppenspielen, dem Schreiben eigener Theaterstücke, mit Museumsbesuchen in Berlin oder Musik führte Christine Demke in die Welt der Religion ein.

Das Wirken von Menschen wie Christine Demke war damals in den eigenen Reihen nicht unumstritten. Die Kirchen hatten durch die Christenlehre ihre eigene Jugendarbeit gut aufgestellt, der Religionsunterricht stand im Zweifel Etabliertes durcheinanderzuwirbeln, Erreichtes zu gefährden. Für Christine Demke war es der Versuch, neugierig zu machen auf biblische Geschichten und auf Kirche. »Ich hoffe, das ist mir gelungen.«

Katja Schmidtke

Das Ende der Christenlehre

7. August 2016 von redaktionguh  
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Als vor 25 Jahren im Osten Deutschlands Religionsunterricht als Schulfach eingeführt wurde, löste das oft keinerlei Begeisterungsstürme unter der Pfarrerschaft aus. Religionslehrer gab es damals in der untergegangenen DDR noch nicht. Deshalb sollten Pfarrer mit dieser Aufgabe betraut werden.

Viele Theologen wehrten sich nach der Wende gegen die Einführung des Religionsunterrichts an Schulen. Dieser Widerstand war nicht als ein Rückwärtsgewandtsein oder als ein Festhalten am Bewährten zu verstehen, sondern hatte seinen Grund in den Erfahrungen mit dem sozialistischen Erziehungssystem der DDR. Die Pfarrer und Katecheten hatten die Schule als ein feindliches Gegenüber erlebt. In den 1950er-Jahren wurde der christliche Unterricht an Schulen verboten. Der totalitäre Staat untersagte der Kirche jeglichen Einfluss auf das öffentliche Bildungswesen. Die Möglichkeit, die den Kirchen blieb, war die Christenlehre in den Räumen der Kirchengemeinde. Die Christenlehre war sozusagen die Antwort der Kirche auf die atheistische Schulbildung.

Wie so manche Neuerung mit einem Abschied verbunden ist, war auch die Einführung des Religionsunterrichts an Schulen mit einem schmerzhaften Abschied verbunden. Von der Christenlehre als einem religionspädagogischen Konzept, das sich in der DDR bewährt hatte. Was sollte aus den Katechetinnen in den Kirchengemeinden werden, die bisher Christenlehre unterrichtet hatten? Tatsächlich bedeutete diese Entwicklung das Aus für den Beruf des Kantorkatecheten. Aber wie so oft nach Krisen: das Leben geht weiter. Neben dem Religionsunterricht existieren heute in den Gemeinden unter anderem Namen Angebote für Kinder. Und mit dem Schulfach ist das Christentum wieder im öffentlichen Bewusstsein.

Sabine Kuschel

Die Konfizeit hat richtig was gebracht

20. März 2016 von redaktionguh  
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Reportage: Wie Jugendliche heute mit Glaubensgrundsätzen und kirchlichen Traditionen konfrontiert werden und was sie davon halten

Immer am ersten Sonntag im Mai ist in der Kirchengemeinde Wasungen (Kirchenkreis Meiningen) Konfirmation. Derzeit bereiten sich sieben Jugendliche auf die Einsegnung im Gottesdienst vor.

Die Namen purzeln durcheinander an diesem Donnerstagnachmittag im Pfarrhaus von Wasungen. Vanessa, Jasmin, Elisa, Anna-Lena – ständig liegt Pfarrer Stefan Kunze daneben. Dabei kennt er die vier schon, seit sie den Kindergarten besucht haben. Er war ihr Religionslehrer in der Schule, nun bereitet er sie auf die Konfirmation vor, die vier Mädchen und mit ihnen Francesco, Jesse-Pascal und Luca.

In dieser Stunde geht es um die Liturgie des Abendmahls. Am Sonntag zuvor waren einige der Konfirmanden im Gottesdienst, sie haben genau aufgepasst, als Pfarrer Kunze mit seinen Gemeindemitgliedern das Abendmahl gefeiert hat. Nun sollen sie ihre Fragen aufschreiben, dumme Fragen gibt es nicht.

Wie groß ist der Schluck Wein aus dem Abendmahlskelch und wie schmeckt eine Hostie? Antworten auf die Fragen der Jugendlichen und praktische Erfahrungen, wie hier beim Gebet, gehören zum Konfi-Unterricht. Foto: Susann Winkel

Wie groß ist der Schluck Wein aus dem Abendmahlskelch und wie schmeckt eine Hostie? Antworten auf die Fragen der Jugendlichen und praktische Erfahrungen, wie hier beim Gebet, gehören zum Konfi-Unterricht. Foto: Susann Winkel

Wie groß ist der Schluck Wein, den der Gläubige nimmt? – Groß genug für den Geist, aber zu klein für den Bauch. Wein muss aber niemand trinken, in Wasungen wird der Kelch auch mit Traubensaft gereicht. Wie schmecken Hostien? – Das unterscheidet sich je nach Rezept. Neuerdings bestellt Pfarrer Kunze die Hostien in der Hostienbäckerei im Karmelitinnenkloster »Regina Pacis« im unterfränkischen Rödelmaier. Demnächst wird die Gemeinde einen Ausflug dorthin unternehmen.

Vorerst gilt seine Aufmerksamkeit aber vor allem den sieben Konfirmanden. Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis sie im Gottesdienst am ersten Sonntag im Mai eingesegnet werden. Zwei der Jugendlichen, Elisa und Jesse-Pascal, werden in der Osternacht von Stefan Kunze noch getauft. Jesse-Pascal saß in der Grundschule im Ethikunterricht, mit dem Übergang zur Regelschule wechselte er zum Religionsunterricht. Jugendweihe war nie eine Alternative für ihn, sagt er. Anders ist es bei Elisa, sie ist Ende Mai auch zur Jugendweihe angemeldet. »Die Hälfte meiner Familie ist kirchlich«, erzählt die 14-Jährige, »die andere Hälfte ist es nicht.« Also beides.

Zwei Wochen nach Ostern wird Pfarrer Kunze mit seinen sieben einen Tag wegfahren, auch wenn er das Ziel erst am Ende der Stunde verraten will. Dann ist es auch schon an der Zeit für den Vorstellungsgottesdienst, in Wasungen ein besonders wichtiger Termin. Die Taufpaten werden da sein, die Hochsteckfrisur muss sitzen. Anna-Lenas Probetermin beim Friseur fällt auf den Tag des Ausflugs. Hilft nichts, da muss ein neuer Termin gefunden werden, sagt der Pfarrer.

Er hat eine Aufgabe für seine Konfirmanden vorbereitet: Sie sollen den Text, der hier im Ort zur Abendmahlsfeier gesprochen wird, in der richtigen Reihenfolge auf dem Boden zusammenlegen. Ein ganzer Stapel weißer Blätter im A 4-Format liegt bereit, auf jeder Seite stehen nur ein paar Wörter. Die sieben kommen schnell voran, fehlerfrei, da staunt sogar Pfarrer Kunze. Seit zehn Jahren hat er die Pfarrstelle in Wasungen – »so gut hat das bisher noch nie geklappt«.

Schwieriger als die richtigen Worte ist die Sache mit der Hostie. Warum kann eine Oblate der Leib Christi sein? Stefan Kunze holt einen 50-Euro-Schein aus dem Portemonnaie. Eigentlich auch nur ein Stück bedrucktes Papier, aber es lässt sich bezahlen damit. Dann streift er seinen Ehering vom Finger. Gar kein so teurer, aber er steht für die Liebe. Symbole. Etwas skeptisch schauen die sieben noch drein. Wieder zurück an den Tisch. Jetzt wird gebetet.

Der Unterricht ist kurzweilig. Singen. Spielen. Neues lernen. Pfarrer Kunze achtet auf Abwechslung. Diese Gruppe brauche sehr viel davon. Wie eine Gruppe funktioniert, findet er meist in den ersten drei Monaten des Vorkonfirmandenunterrichts heraus. Bis zum Martinstag kennt er sie gut genug, um ein passendes Martinsspiel für sie schreiben zu können. »Diese Gruppe ist sehr homogen«, beschreibt er. Vanessa, Jasmin, Elisa, Anna-Lena, Francesco, Jesse-Pascal und Luca kommen alle aus Wasungen, sie kennen sich von Kindestagen an, alle gehen an die Regelschule des Ortes. Und die Gruppe ist klein. Im kommenden Jahr werden zwölf Jugendliche konfirmiert. Auch die früheren Jahrgänge, deren Bilder an der Wand des Gemeinderaums hängen, waren größer.

»Nach wie vor machen hier relativ viele Konfirmation«, sagt Stefan Kunze. Nicht nur die Schüler aus Wasungen, auch ihre Mitschüler aus den umliegenden Dörfern. Dass auch sie einmal zur Kirchengemeinde gehören würden, stand für die Achtklässler außer Frage. Nur bei Elisa ist die Entscheidung erst später gefallen, im Religionsunterricht bei Pfarrer Kunze. »Schon meine Ururururgroßmutter ist konfirmiert worden«, sagt Luca. Und danach alle Generationen immer so fort. Auch ihre Kinder würden die Wasunger Konfirmanden später einmal taufen lassen. Warum auch nicht?

Achtet auf Abwechslung: Stefan Kunze (rechts). Das gemeinsame Singen moderner Kirchenlieder gehört zu jeder Konfirmandenstunde. Der Pfarrer begleitet den Gesang am E-Piano. Foto: Susann Winkel

Achtet auf Abwechslung: Stefan Kunze (rechts). Das gemeinsame Singen moderner Kirchenlieder gehört zu jeder Konfirmandenstunde. Der Pfarrer begleitet den Gesang am E-Piano. Foto: Susann Winkel

Langsam werden Anna-Lena und die anderen ungeduldig. Sie wissen immer noch nicht, wohin der Ausflug nach Ostern geht. Gut: Kloster Veßra. Ein Freitag im Hennebergischen Museum. Morgens Hinfahrt mit dem Zug, abends Rückfahrt mit dem Zug. Filmnacht im Pfarrhaus, dort wird die Gruppe auch übernachten und am folgenden Tag den Vorstellungsgottesdienst vorbereiten. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die sieben Zeit miteinander verbringen, mit dem Ende des Unterrichts soll nicht alles vorbei sein.

»Wir haben hier ein Ritual: Nach der Konfirmation schlafen die Jugendlichen eine Nacht in der Türmerwohnung«, erzählt Pfarrer Kunze. Nächstes Jahr organisiert er wieder eine Fahrt nach Taizé. Dann werden die Schüler alt genug sein, um mitzukommen. Auch wenn es keine feste Junge Gemeinde in Wasungen gibt, sollen sich die Konfirmanden in ihrer Kirche weiterhin zu Hause fühlen.

Zeit für das Spiel. Alle sitzen wieder um den langen Tisch mit den Lernheften und der Schale voll mit Stiften. »A« – Elisa beginnt stumm das Alphabet aufzusagen. Vanessa ruft »Stopp!«. Elisa ist bis »G« gekommen. Stefan Kunze überlegt kurz, dann fragt er: »Wo werden Glocken hergestellt?« – »Gießerei!« Punkt für Francesco. Aber um Punkte, Sieger oder Preise gehe es gar nicht, sagt Jesse-Pascal. Die sieben sind im Ratefieber. Noch so ein Ritual in den Donnerstagsstunden, die fest hinein in die Woche der Schüler gehören. »Die beiden Jahre haben richtig was gebracht«, sagt Anna-Lena. An Gott hat sie schon davor geglaubt, wie die anderen auch, aber jetzt verstehe sie vieles besser.

Sie sind schon aufgeregt. In sechs Wochen ist bereits 1. Mai. Aber jetzt muss Pfarrer Kunze noch allen eine Unterschrift ins Heft geben, die am Sonntag in seinem Gottesdienst saßen.

Susann Winkel

Reli unterm Halbmond?

9. Februar 2015 von redaktionguh  
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Thema: Der Staat muss Lehrprogramme für Religionsunterricht kontrollieren

Ist islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen möglich? Die Gesellschaft muss sich dieser Frage stellen.

Das Thema wurde jetzt in Thüringen laut: Der Erfurter Imam Abdullah Dündar hat eine Diskussion über einen islamischen Religionsunterricht in Thüringen angestoßen. »Wir stehen als Kirchen insgesamt einem islamischen Religionsunterricht offen gegenüber«, sagt Albrecht Steinhäuser. Der Oberkirchenrat ist Beauftragter der evanglischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung in Sachsen-Anhalt. Auf der einen Seite müssten die Islamverbände bei der Lehrplanentwicklung beteiligt sein, auf der anderen gehe kein Weg an der Aufsicht des Staates vorbei.

»Ich sehe darin einen geeigneten Weg für junge Muslime, den eigenen Glauben auch im Kontext anderer Religionen kennenzulernen«, so Steinhäuser. »Langfristig wird an dem Thema kein Weg vorbeiführen.« Aber es gibt so manche Schwierigkeiten, ganz unabhängig von der Frage, wie sich der Bedarf entwickelt. Der Weltanschauungsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Bodo Seidel aus Niedersachswerfen im Kirchenkreis Südharz, sieht vor allem im Wissenschaftsverständnis ein großes Problem. »Der Wissenschaftskonsens des Abendlandes ist dem Islam fremd«, sagt der promovierte Theologe. Theologische Wissenschaft ist kritisches Denken und messe sich an der Überprüfbarkeit der Methode.

Muslimische Kinder in der Schule. Wie kann ein Religionsunterricht an staatlichen Schulen für sie aussehen? Foto: Jasmin Merdan – fotolia.com

Muslimische Kinder in der Schule. Wie kann ein Religionsunterricht an staatlichen Schulen für sie aussehen? Foto: Jasmin Merdan – fotolia.com

»Für uns ist Lehre methodenorientiert, das Bekenntnis ist glaubensorientiert. Auf dem Wege über Reformation und Aufklärung kommt es in der Kirche zu einer kritischen Synthese von Wissenschaft und Glauben. Sie führt aber nicht zur Identität beider Größen«, so Seidel. Wesentliche Hauptströmungen des Islams sind von einem vergleichbaren Wissenschaftskonsens weit entfernt – mit wenigen Ausnahmen. Es sei doch die Frage, ob die islamischen Körperschaften, die den Religionsunterricht mitgestalten sollen, auch die Wissenschaftsausrichtung an einem Lehrinstitut (Uni) mittragen können.

In Münster zum Beispiel gibt es eine entsprechende Ausbildung für islamische Theologen und Religionslehrer. Dort wurde 2010 der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide als Professor berufen. Allerdings, so ist in einem Artikel auf Spiegel-online vom März 2014 zu erfahren, wird seine liberale Theologie von Islamverbänden inzwischen abgelehnt.

Auf der anderen Seite wird der Bekenntnisunterricht vorwiegend in Moscheen gehalten. Islam als Lehrfach aber heißt: Die Öffentlichkeit kann und darf wissen, was als gelehrt wird. Deshalb sieht Bodo Seidel die Notwendigkeit, einen islamischen Religionsunterricht aufzubauen, dessen Lehrprogramme durch öffentlich-rechtliche Stellen kontrolliert werden. Eine entsprechende Ausbildung von Religionslehrern sei die Konsequenz. Und das könnten keine Imame sein, die aus der Türkei kommen.

Die islamischen Gemeinden in Thüringen und Sachsen-Anhalt sind sehr verschieden aufgestellt, schätzt Seidel ein. So sei die Erfurter Ortsgemeinde in der Presse nicht selten kritisch dargestellt worden – wegen ihrer Sicht auf den Salafismus. Ähnlich die muslimische Gemeinde in Nordhausen. In Städten wie Jena, Halle, Magdeburg oder Dessau seien die muslimischen Gemeinden deutlich liberaler. Für Dessau bestätigt das Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Berenbruch. Man sei schon mit Konfirmanden in der Moschee gewesen, der Imam, ein sehr offener Muslim, habe sich den Fragen der Jugendlichen gestellt. Trotzdem hat sie die Erfahrung gemacht, dass Frauen nicht ernst genommen und mit ihnen nicht auf Augenhöhe verhandelt wird. In Dessau habe es noch keine Anfragen wegen eines islamischen Religionsunterrichts gegeben. »Wir sollten den zweiten Schritt nicht vor dem ersten gehen«, betont die Theologin.

Die Thüringer Bildungsministerin Birgit Klaubert (Linke) äußert sich in einem Interview mit einer Tageszeitung zum Gespräch bereit, wenn die Gemeinden auf sie zukämen. Doch sie betont ebenfalls die Notwendigkeit der staatlichen Kontrolle, der Ausbildung von Lehrern an deutschen Hochschulen und einer liberalen Theologie.

Dietlind Steinhöfel

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