Doppelleben in Wittenberg

27. Mai 2011 von redaktionguh  
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Schwedische Pfarrerin soll zum Reformationsjubiläum eine Brücke in ihre Heimat bauen.

Fühlt sich in ihrer Wahlheimat sichtlich wohl: Pfarrerin Kerstin Wimmer ist die neue internationale Residentin der EKD in Wittenberg. (Foto: Achim Kuhn)

Fühlt sich in ihrer Wahlheimat sichtlich wohl: Pfarrerin Kerstin Wimmer ist die neue internationale Residentin der EKD in Wittenberg. (Foto: Achim Kuhn)

Kerstin Wimmer sagt, dass sie ein Doppelleben führt. Aber eigentlich hat sie drei Leben: An der Universität Kopenhagen schreibt die 61-jährige Theologin gerade ihre Doktorarbeit über Martin Luther und die Psalmen. In Wittenberg ist sie die neue internationale Residentin der »2017«-Geschäftsstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Ein Jahr lang wird sie pendeln – und dazwischen immer wieder Lund. Diese, ihre Heimat in Südschweden nennt sie eine »kleine Großstadt oder eine große Kleinstadt«. Mit über 100.000 Einwohnern ist Lund immerhin doppelt so groß wie Wittenberg.

An diesem Tag sitzt Kerstin Wimmer in ihrem Büro im Alten Rathaus, vor ihr auf dem Tisch blüht verschwenderisch ein Vergissmeinnicht, Symbol für Erinnerung und Liebe. Vielleicht nicht gleich mit Liebe, aber doch liebevoll sieht die zierliche Theologin Luthers Stadt.

»Ich wurde hier sehr gut aufgenommen«, erklärt sie in vorzüglichem Deutsch. Die Sprachkenntnis wird ihr von Nutzen sein, denn Wimmer ist, wie sie selbst es nennt, »eine Brücke« zwischen der evangelisch-lutherischen Kirche ihrer Heimatgemeinde und den Partnern in Deutschland. Und wie ihr Vorgänger, der Finne Juhani Holma, so wird auch sie sich nun auf Einladung der EKD ein Jahr an den Vorbereitungen des  Reformationsjubiläums beteiligen. Gruppen aus Schweden wird sie in die Stadt holen, auch die Bischöfin der Diözese Lund, Antje Jackelén, habe einen Besuch zum Reformationstag in Wittenberg angekündigt.

Was das Jubiläum 2017 betrifft, so kann es nach Wimmers Auffassung nicht primär darum gehen, »das 16. Jahrhundert zu feiern«. Viel wichtiger sei es, »neue Thesen« zu finden, solche, die einen Bezug zu der Zeit haben, in der die Menschen jetzt, 500 Jahre nach dem Hammerschlag von Wittenberg, leben. Zu reformieren, findet die Schwedin, gebe es immer etwas. »In der Welt und, ja, in der Kirche.«

Dort ist sie auf der Suche nach einem Raum, wo Menschen vor Gott klagen können. Im Judentum, sagt sie unter Hinweis auf die Klagemauer in Jerusalem, ist so etwas selbstverständlich. Mit so einem Raum könnte eine, nennen wir es Leerstelle gefüllt werden, die sich häufig da auftut, »wo die Worte fehlen«.

Wimmer weiß: »Die Warum-Frage ist überall.« Warum passieren bestimmte Dinge, warum treffen sie diesen und jenen nicht – und warum lässt Gott, so es ihn gibt, das (Stichwort Japan) überhaupt zu?

Die Rede ist schließlich auch von einer neuen Predigtsprache in den Gottesdiensten. Eine Predigt, findet Wimmer, die nach vielen Jahren als Gemeindepfarrerin und in der Seelsorge Dozentin am Pastoralinstitutin ihrer Diözese ist, eine Predigt »muss mehr Ansprache sein als Unterricht oder Dogma«. Und: »Wir brauchen mehr Erzähler.«

Sie selbst ist übrigens nicht nur eine kluge Erzählerin, sondern eine charmante obendrein. Und ein paar Zimmer weiter im Alten Wittenberger Rathaus dürfte sie mit ihrem Wunsch offene Türen einlaufen – dort befindet sich das Zentrum für evangelische Predigtkultur.

Corinna Nitz