Auswendiglernen macht schlau

1. Mai 2016 von redaktionguh  
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Gedankensport: Gerade in Notzeiten haben auswendig gelernte Worte und Gebete Menschen getragen

Rogate – betet, so lautet die kirchliche Bezeichnung für diesen Sonntag. Doch wie und wofür betet man richtig?

Eine Frage, die auch die Jünger Jesu beschäftigte. Jesu Antwort: das Vaterunser. Bis heute betet es die Christenheit auf der ganzen Welt. Wirklich? In Deutschland kennt es jeder Zweite auswendig. Klingt gut, bedeutet aber im Umkehrschluss, dass bei nominell rund 60 Prozent Mitgliedern christlicher Kirchen auch etliche ohne Textvorlage nicht mitsprechen können. Von anderen Bibelstellen wie Psalm 23, der Bergpredigt, Jesu »Ich bin«-Worten oder den Zehn Geboten, Luthers kleinem Katechismus und den kernigen Trost- und Glaubensliedern eines Paul Gerhardt ganz zu schweigen. Und es werden wohl immer mehr Nichtkenner. Denn Auswendiglernen gilt bei vielen als mega-out. Zumindest in der kirchlichen Konfirmanden- und Jugendarbeit. Statt »sturem« Auswendiglernen, so hört man immer wieder, sollen die jungen Menschen lieber Zusammenhänge erkennen, durch Verknüpfungen zu eigenen Erkenntnissen und Überzeugungen gelangen. Bloß: Zum Verknüpfen bedarf es fester Punkte, sicherer Fakten.

Warum auswendig lernen, steht doch alles im Internet? – Wer auswendig lernt, begreift Inhalte besser und schult das Gedächtnis. Fotos: sveta – Fotolia

Warum auswendig lernen, steht doch alles im Internet? – Wer auswendig lernt, begreift Inhalte besser und schult das Gedächtnis. Fotos: sveta – Fotolia

Abgesehen davon haben Studien gezeigt, dass das Auswendiglernen zu Unrecht in Verruf ist. Jeffrey Karpicke vom Psychologischen Institut der Purdue Universität in Indiana (USA) hat es getestet. Studenten sollten sich einen wissenschaftlichen Text einprägen, um anschließend möglichst viel vom Inhalt wiedergeben zu können. Eine Gruppe bediente sich dabei der Methode des »Concept Maps«. Dabei wird zum Inhalt eine Art »Begriffslandkarte« erarbeitet, auf der mit Pfeilen und Diagrammen Begriffe visualisiert und Inhalte verknüpft werden. Die andere Gruppe versuchte, sich die Inhalte durch sture Wiederholung einzuprägen.

Das Ergebnis: Die Auswendiglerner wussten hinterher wesentlich mehr vom Inhalt, wie die Tageszeitung »Die Welt« vor einigen Jahren zu berichten wusste. Selbst im Blick auf das Langzeitgedächtnis waren die traditionell Lernenden im Vorteil. Auswendiglernen gehört seit jeher zur jüdisch-christlichen Kultur. Der Anfang der biblischen Überlieferung, vor der schriftlichen Fixierung, ist das Weitererzählen. Martin Luther war der Meinung, dass ein Christenmensch – neben dem kleinen Katechismus – auch die gesamten Psalmen auswendig kennen sollte. Solche auswendig gelernten Worte und Gebete haben Menschen immer wieder durch Not- und Leidenssituationen getragen. Gerade dann, wenn keine Bibel, kein Nachschlagewerk, kein Liederbuch zur Hand war.

In Nordkorea, so berichten Missionswerke, lernen die in der Illegalität lebenden Christen ganze Bibelabschnitte auswendig. Nur so können sie den Schatz des Evangeliums weitertragen in einer Gesellschaft, in der der aufgedeckte Besitz einer Bibel oft genug einem Todesurteil gleichkommt.

Freilich geht es dabei nicht um stures Pauken von Fakten. Im Englischen spricht man vom »to know something by heart« – »etwas mit dem Herzen wissen«.

Immerhin gibt es Ansätze einer Trendwende, auch in den Kirchen. Der Schweizer Pfarrer Peter Schafflützel entwickelte als Hobbyinformatiker bereits vor sechs Jahren die Bibel-App »Remember Me« (Erinnere mich). Sie will dabei helfen, in spielerischer Art Bibelverse auswendig zu lernen. Zwar könne er Bibelverse auch jederzeit mit seinem Smartphone nachschlagen, aber: »Die auswendig gelernten Texte trage ich in meinem Herzen, wodurch sie ein zusätzlicher Kommunikationskanal zwischen Gott und mir sind«, erklärt er. Bereits im vergangenen Jahr hatten mehr als eine Million Menschen sich diese App, die der Pfarrer ständig weiterentwickelt, auf ihre Smartphones geladen.

Von einem steigenden Interesse am Auswendiglernen berichtet auch das Missionswerk »Die Navigatoren« in Bonn. Ihr vierteiliges Bibelvers-Auswendiglern-Projekt »Bible to grow« hat sich zu einem richtigen »Renner« entwickelt. »Lass Gottes Verheißungen in Kopf und Herz hinein und erlebe, wie sie dein Denken und Handeln verändern«, heißt es dazu auf der Website.

Harald Krille

http://de.remem.me

www.navigatoren.de/b2gr

Von Sorgenfressern und Gottvertrauen

24. Mai 2014 von redaktionguh  
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Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

Psalm 66, Vers 20

Wissen Sie, was ein Sorgenfresser ist? Meine Tochter, sechs Jahre alt, besitzt einen. Er ist ein Kuscheltier undefinierbarer Gattung mit einem breiten, von einem Reißverschluss verschlossenen Mund. Dort hinein kann man kleine Zettel stecken, auf denen die großen und kleinen alltäglichen Sorgen notiert sind. Der Sorgenfresser kümmert sich dann um die Erledigung der Dinge, die die Kinderseele bedrücken. Natürlich werden sich nicht alle Alltagsprobleme dadurch lösen, aber schon meine Tochter spürt, allein das Niederschreiben und Loslassen, das Bitten, kann gut tun und befreien.

Der Sonntag Rogate erinnert uns daran: Betet, bittet! In Zeiten, in denen es keine Probleme mehr gibt, sondern nur noch »Herausforderungen«, in denen erfolgreich zu sein das Maß aller Dinge ist, gehört schon einiger Mut dazu, sich einzugestehen: Eigene Anstrengung ist gut, aber begrenzt. Für das Gelingen unseres Tuns sind wir gut beraten, um den Segen Gottes zu bitten.

Annegret Grimm

Annegret Grimm, Studienleiterin der Evangelischen Akademie Thüringen

Diese Einsicht bewahrt uns vor Allmachtsfantasien und Hochmut. Wir können nicht alles selbst bewirken, so sehr wir uns auch mühen. Und wir müssen es auch nicht, Gott sei Dank. Wir brauchen keine Sorgenfresser, wir können unsere Anliegen vor Gott bringen. Er weiß, wie es um uns steht, er sieht uns und unsere Sorgen gütig an.

»Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet« – der Beter des 66. Psalms weiß sich getragen von der Gewissheit, dass Gott die Dinge zum Guten wenden kann. Wenn wir von Gott etwas erbitten, heißt das nicht automatisch, dass alle Bitten so erfüllt werden, wie wir uns das vorstellen. Beten verändert vielleicht nicht die Welt, aber es verändert den Betenden: Die Gewissheit, dass wir unsere Sorgen auf Gott werfen können, befreit uns, die Dinge noch mal ganz anders zu sehen. Und vielleicht ist da plötzlich eine Tür, durch die wir gehen können, die wir vor lauter Sorgen vorher nicht gesehen haben.

Annegret Grimm, Studienleiterin der Evangelischen Akademie Thüringen

Beten heißt auch, laut zu loben

27. Mai 2011 von redaktionguh  
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Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.
Psalm 66, Vers 20

Rund 900 Kinder, Jugendliche und ältere Menschen ziehen singend und jubelnd bei strahlendem Sonnenschein durch das Gelände ihrer Schule zur neu errichteten Mensa. Rhythmisches Klatschen, Trommelklänge und mehrere Chöre mit ihren Stimmen begleiten die Prozession.

Was für eine Freude! Was für ein Jubel! Wir wurden angesteckt und konnten gar nicht anders als mitzusingen und mitzutanzen.

Dieter Kerntopf, Pfarrer in Colbitz

Dieter Kerntopf, Pfarrer in Colbitz

Selbst ein Jahr nach diesem Erlebnis wirkt es in mir und den anderen Gästen aus Colbitz nach. Wir haben mit unserer Partnerschule in Tansania ein Fest gefeiert. So fröhlich und lebendig haben wir es auch in den Gottesdiensten erlebt. Ob der Psalmbeter seine Worte auch in einem Gottesdienst mit anderen geteilt hat?

Er weiß, woher all das Schöne, all das Gute, all das, wofür er danken möchte, kommt. Er ist sich ­sicher, dass Gott seine Gebete erhört.

Deshalb kann er so loben. Auch bei unseren Partnern ist solch ­lebendiger Glaube zu finden.

Der Sonntag Rogate ist der Partnerschaftssonntag mit unseren Schwestern und Brüdern in Tansania.

Acht Besuche bei unseren Geschwistern in ­Ostafrika in den letzten 20 Jahren haben mir immer wieder gezeigt, dass unser Lob viel zu leise und ­dabei oft nur ein mürrisches Stammeln ist. Dabei hätten auch wir allen Grund, es laut in die Welt ­hinauszuposaunen. Der Alltag in Tansania wie auch bei uns wird natürlich nicht immer nur von Freude bestimmt.

Die kleinen und großen Sorgen gehören zum Leben. Es läuft nicht immer nur geradlinig, dennoch bleibt es Leben unter und in der Hand Gottes.

Das allein ist schon Grund zum Jubeln und zum Lob und zum Gebet.

Rogate heißt übersetzt: Betet! Wer betet, ist im Gespräch mit Gott. Beten heißt nicht nur Klage und Fürbitte. Beten heißt auch Loben. Ich bin dankbar, dass ich dies mit den Geschwistern in Tansania erleben durfte und mich mit ihnen im Lob Gottes verbunden weiß.

Dieter Kerntopf