Liaison von Kunst und Glauben

26. September 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Fast vier Jahrzehnte lang schuf Roland Artus aus Wasungen die Kulissen im Meininger Theater. Im Ruhestand wendet sich der Maler und Grafiker religiösen Themen zu.

Neununddreißig Jahre lang, seit April 1977, war Roland Artus Theatermaler in Meiningen. Seit Juli ist er im Ruhestand, die neue Spielzeit im August hat ohne ihn begonnen. Während im Werkstattgebäude wieder die Arbeit aufgenommen wurde, blieb Roland Artus in Wasungen. Er brauche erst einmal Ruhe zum Denken, sagt der 63-Jährige. Nachdenken über den neuen Lebensabschnitt, in dem er gerade gelandet ist. Ruhestand. Seltsames Wort.

Doch eher Unruhestand. Da sind die Reisen mit seiner Frau in ferne Länder, das Haus, in dem er aufgewachsen ist, der Garten – und sein Engagement für die Kirchengemeinde. Vor allem jedoch sein Glauben und seine Bilder.

Umgeben von seinen Bildern denkt Roland Artus über neue künstlerische Herausforderungen nach. Foto: Susann Winkel

Umgeben von seinen Bildern denkt Roland Artus über neue künstlerische Herausforderungen nach. Foto: Susann Winkel

Im Wohnzimmer holt er einen kleinen Stapel mit Drucken hervor. Sie zeigen in grobem Schwarz-und-Weiß des Holzschnitts Motive zu den Jahreslosungen; die ältesten stammen aus den frühen 80er-Jahren. Es sind meist die ruhigen Wochen um die Jahreswende, in denen Roland Artus Ruhe für diese Aufgabe findet. Erst skizziert er das Motiv, dann schneidet er es spiegelverkehrt in Lindenholz und fertigt Probedrucke an.

Die Entscheidung für den Holzschnitt lässt sich mit Pragmatismus erklären: Mit wenig Aufwand können viele Abzüge geschaffen werden. Zumindest anfangs war das entscheidend, weil es in der DDR keine Kopierer gab. Es gibt aber auch eine ästhetische Begründung. Holzschnitte von Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff waren dem Autodidakten Vorbild; das Arbeiten im Holz, das dem Künstler vieles bereits vorgibt, ist kniffelig und damit reizvoll. Beim Blick auf die Drucke ist Roland Artus kritisch. Nicht immer gefällt ihm heute, wie er die Botschaft der Losungen einst ins Holz brachte, wie er sie plakativ oder symbolisch umsetzte. Auf den Holzschnitt von 1988 zur Jahreslosung »Kehrt um und glaubt an das Evangelium« ist er noch immer stolz.

Zunächst machte er die Holzschnitte nur für sich, dann verschenkte er sie in kleiner Auflage an Freunde, Verwandte, Weggefährten. Um etwas weiterzugeben von seinem Glauben. Irgendwann entstand die Idee, sie auf dem Titelbild des Wasunger Gemeindeblattes abzubilden. Seither hat die Aufgabe eine verbindliche Regelmäßigkeit erhalten.

Wie die Liaison von Kunst und Glauben ihren Anfang nahm, daran kann sich der Wasunger noch gut erinnern. Er zieht ein altes, schweres Buch aus einem Regal: »Halt im Gedächtnis Jesum Christum«. Es erzählt vom Leben Jesu Christi mit Worten und mit den Werken alter und jüngerer Meister. Als Junge hatte er es in der Schlafstube seiner Großeltern entdeckt, der Eindruck der Bilder war stark. »Ich bin ein sehr visueller Typ«, sagt er. Ein Augenmensch, auch wenn er gerne Rockmusik hört. Buchillustrationen, Zigarettenbildchen, Abenteuergeschichten von der Odyssee bis zu Robinson Crusoe – all das habe seine Fantasie als Kind beflügelt.

In dieser Zeit spürte er erstmals dieses starke Gefühl von Geborgenheit bei Jesus Christus, erzählt er. Er habe ein Vertrauen in ihm gefunden, das ihn nicht mehr verlassen hat. Welches er sich auch nicht nehmen ließ durch einen Staat, der dem Glauben mit Skepsis begegnetet. Lachend erzählt Roland Artus vom Donnerwetter, das es gab, als er an die Wand im alten Werkstattgebäude des Theaters, einer wahren Bruchbude, den Berliner Appell schrieb: »Frieden schaffen ohne Waffen.« Er musste ihn wieder übermalen, aber die schwarze Zeichenkohle schimmerte noch Jahre später durch.

Aus dieser Zeit gibt es noch einen Holzschnitt von einer Friedenstaube, die auf eine Offiziersmütze kackt; gedruckt auf einer umgebauten Waschpresse im Mal-Saal. »Meinen Mund habe ich nie so richtig halten können«, blickt der 63-Jährige zurück. Biblische Themen, Christsein, all das sei immer Gesprächsthema bei der Arbeit gewesen. Als er nach der Wiedervereinigung seine Stasi-Akten einsah, erkannte er erst, dass er »manches wohl deutlich unterschätzt« habe. Seine Besuche bei den Friedensdekaden in Meiningen waren ebenso vermerkt wie eine frühe Ausstellung im Gemeindehaus der Stadt.

Susann Winkel

Kunst jenseits des Malsaales

7. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Seit den 70er Jahren sorgen Bernd Schiller (links) und Roland Artus für den richtigen Farbton auf den Kulissen des ­Meininger Theaters. In ihrer Freizeit wenden sich die beiden Theatermaler dagegen verstärkt religiösen Themen zu, wie ihre jüngste Personalausstellung im Kunsthaus Nekst in Meiningen zeigt. Zu den präsentierten Werken gehören »Bote Gottes« (2010) von Bernd Schiller und »Das Opfer«, 1994 gemalt von Roland Artus. Foto: Michael Reichel/ari

Seit den 70er Jahren sorgen Bernd Schiller (links) und Roland Artus für den richtigen Farbton auf den Kulissen des ­Meininger Theaters. In ihrer Freizeit wenden sich die beiden Theatermaler dagegen verstärkt religiösen Themen zu, wie ihre jüngste Personalausstellung im Kunsthaus Nekst in Meiningen zeigt. Zu den präsentierten Werken gehören »Bote Gottes« (2010) von Bernd Schiller und »Das Opfer«, 1994 gemalt von Roland Artus. Foto: Michael Reichel/ari


 
Das Meininger Kunsthaus Nekst zeigt Werke von Roland Artus und Bernd Schiller.

»Du kannst den Stuhl anstreichen, du kannst ihn aber auch bemalen.« Der Mann, der diese Worte sagt, hat in seinem Leben schon reichlich Stühle, Tische oder Schränke bemalt. Er hat Gebäude auf Leinwand geschaffen, Materialimitationen angefertigt und starre Kulissen in lebendige Naturräume verwandelt. Roland Artus ist Theatermaler. 1977 stieß der gelernte Werkzeugmacher aus Wasungen zu den Kreativen im Malsaal des Meininger Theaters, dem er seit 1991 auch vorsteht.

Eine künstlerische Ausbildung im klassischen Sinne hat der Autodidakt nie absolviert, seine Schule war die Illusionsarbeit für den Musentempel. Weit über 600 Bühnenbilder für große Opernproduktionen, Tragödien, Komödien und illustre Operetten müssen es wohl gewesen sein, die Roland Artus seit seinem beherzten Berufswechsel in den 1970er Jahren gestaltet hat.

Zum schöpferischen Tagwerk im Theatermalsaal gesellt sich für Roland Artus seit jeher auch die ganz private Liebe zur Malerei in all ihren Facetten. Eine Liebe, die in der Privatheit des heimischen Arbeitszimmers Freiräu­me öffnet für Themen, Motive und das Ausprobieren von Techniken. So entsteht ein Experimentierfeld für den eigenen Ideenreichtum, der die Arbeit für das Theater zu befruchten weiß und zugleich den ganz persönlichen Empfindungen Ausdruck verleiht. Was diese Bilder von den Werken für die Bühne unterscheidet, verrät ein Blick in die Ausstellung »Theatermaler« im Kunsthaus Nekst in Meiningen.

Dort zeigt Roland Artus derzeit gemeinsam mit seinem langjährigen Kollegen Bernd Schiller in einer umfangreichen Personalschau Ausschnit­te aus seinem künstlerischen Schaffen fernab des Malsaals. Wichtige Akzente der Ausstellung setzten dabei die zahlreichen Variationen religiöser Themen. Sie sind ein Sinnbild für die herausragende Rolle der christlichen Überzeugung, die für beide Künstler zu einem zentralen Punkt in ihrem Leben geworden ist. »Die Zeit vor Ostern bewegt mich immer sehr«, erklärt Artus die Intention, einen Raum ausschließlich der Passion Christi zu widmen. Die Evangelien immer wieder neu zu überdenken, ist ihm Ansporn nicht nur in kreativer Hinsicht.

Für Bernd Schiller geht dagegen eine große Faszination von Engeln aus. Wie ein roter Faden ziehen sich die Darstellungen der himmlischen Boten durch seinen Teil der Ausstellung. Es ist eine große Schwierigkeit, wie der 61-jährige Meininger sagt, die Zwischenwesen als Personen zu fassen. Da sie als Mittler jedoch in ­irgendeiner Form zu den Menschen sprechen müssen, hat er ihnen menschliche Züge verliehen. Auch in Roland Artus’ Passions-Bildern ersetzen Silhouetten zuweilen das Undarstellbare. Einfühlungsvermögen ist auch bei der bildnerischen Umsetzung der Jahreslosungen geboten. Kleine Holzschnitte geben Beispiel dafür, wie Artus für seine Kirchengemeinde in Wasungen den Leitversen zur eindringlichen Anschauung verhilft.

Mit Theater hat das derweil alles gar nichts zu tun. Dort geht es um Handwerk, wenn auch kreatives. Die Kunst, die fängt für die beiden Theatermaler erst jenseits des Malsaals an.

Susann Winkel

Die Ausstellung »Theatermaler. Bilder von Roland Artus und Bernd Schiller« ist bis zum 27. Februar im Kunsthaus Nekst, Ernestinerstraße 14, in Meiningen zu sehen.