Ein Geben und Nehmen

5. Februar 2017 von redaktionguh  
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Es war eine zufällige Begegnung vor wenigen Tagen; und ich vermute, dass ich sie so bewusst wahrnahm, war der Tatsache geschuldet, dass wir für diese Ausgabe der Kirchenzeitung das Thema Inklusion eingeplant hatten.

Der junge Mann im Rollstuhl hatte die Straße überquert und fuhr unmittelbar vor mir auf den Gehweg, die Kapuze angesichts der Kälte tief ins Gesicht gezogen. Eine Weile bewegten wir uns gleichauf und ich gebe zu: Ich habe meine Schritte ein wenig gebremst, um nicht so offensichtlich vorauszueilen, wie das eine junge Frau tat, die uns mit weit ausladenden Schritten überholt hatte. Ich fand das irgendwie taktlos.

Nach etwa hundert Metern ging es auf dem Gehsteig wegen einer Tagesbaustelle nicht mehr weiter; ein Schild wies darauf hin, dass Fußgänger die Straßenseite wechseln sollten. Ich sah, dass das für den Rollstuhlfahrer nicht einfach werden würde, diverse Stolperfallen wie Baumwurzeln, unbefestigter Boden und ein Bordstein versperrten den Weg.

Beide hatten wir vor dem Hindernis gestoppt. Und nun? Für einen kurzen Moment zögerte ich: Ist es »politisch korrekt«, ihn anzusprechen, oder wird er mein Hilfsangebot womöglich als herablassend empfinden, gar als Mitleidsgeste? Aber auf mein »Brauchen Sie Hilfe?« kam ein freundliches »Ja bitte!«. Und zusammen haben wir die unweg­same Stelle dann geschafft.

»In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein. Und davon profitieren wir alle: zum Beispiel durch den Abbau von Hürden, aber auch durch weniger Barrieren in den Köpfen, mehr Offenheit, Toleranz und ein besseres Miteinander«, heißt es auf der Homepage von »Aktion Mensch« zur Definition des Begriffs Inklusion.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Adrienne Uebbing

Familientreffen mit Feuerwerk

27. Juni 2016 von redaktionguh  
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Gemeinschaftsbund: Thüringens Pietisten trafen sich in Bad Blankenburgs Stadthalle

Der Mann ist ein Energiebündel und zündet aus dem Rollstuhl heraus ein regelrechtes Feuerwerk. Josef Müller, einstiger Steuerberater und Multimillionär aus München, wurde im Gefängnis Christ. Dort saß er wegen Betrugs. Er weiß um die Verführung des Geldes. Seine Lebensgeschichte erschien vor einigen Jahren als Buch (»Ziemlich bester Schurke«). In Bad Blankenburg war er am vergangenen Sonntag Stargast des Jugend- und Gemeinschaftstages des Thüringer Gemeinschaftsbundes, einer Art jährlichem Familientreffen des innerkirchlichen Pietismus.

Energiebündel im Rollstuhl: Bestsellerautor Josef Müller zeigte in Bad Blankenburg, was es bedeutet, wenn jemandem »das Herz voll ist und der Mund übergeht«. Fotos: Harald Krille

Energiebündel im Rollstuhl: Bestsellerautor Josef Müller zeigte in Bad Blankenburg, was es bedeutet, wenn jemandem »das Herz voll ist und der Mund übergeht«. Foto: Harald Krille

Den rund 500 Teilnehmern aus dem Bereich der Landeskirchlichen Gemeinschaften schrieb Müller vor allem eines ins Herz: »Geld macht nicht glücklich«. Es nimmt im Gegenteil gefangen. »Weil Geld keinen Sättigungsgrad kennt«, wie er sagt. Und: »Zufriedenheit ist eine Entscheidung.«

Müller weiß, wovon er redet: 40 Millionen D-Mark als Grundausstattung auf dem Girokonto, Nobelkarossen, darunter ein weißer Rolls-Royce mit schwarzem Fahrer und ein schwarzer mit weißem Fahrer – »da fallst scho auf in München«. Doch als seine immer krummeren Geschäfte auffliegen, er im Gefängnis landet, erlebt er eine Begegnung mit Gott, die sein Leben von Grund auf verändert. Arm, aber glücklich sei er jetzt. Und er bezeugt, dass Gott gerade dann, wenn jemand ganz unten ist, einen Neuanfang schenkt.

Es war Müllers 333. öffentlicher Auftritt seit der Entlassung aus dem Gefängnis. Der seit seinem 17. Lebensjahr an den Rollstuhl Gefesselte machte Mut, die eigene Situation als Chance zu begreifen – das wurde von vielen Besuchern zum Ausdruck gebracht.

Ein herzliches Willkommen: Bläser des Auswahlposaunenchores spielten auch vor der architektonisch eindrucksvollen Stadthalle auf. Foto: Harald Krille

Ein herzliches Willkommen: Bläser des Auswahlposaunenchores spielten auch vor der architektonisch eindrucksvollen Stadthalle auf. Foto: Harald Krille

Umrahmt wurde das Treffen in der Bad Blankenburger Stadthalle von der Band der Landeskirchlichen Gemeinschaft Jena, dem Ensemble »Neue Töne« aus Pößneck und einem Auswahlposaunenchor des Thüringer Gemeinschaftsbundes; letztmalig geleitet von Ralf Splittgerber, langjähriger Musikreferent der Landeskirchlichen Gemeinschaften in Mitteldeutschland. Er wird in Kürze mit seiner Familie als Prediger der Stadtmission sowie Leiter einer Gemeindemusikschule in das pfälzische Pirmasens wechseln.

Harald Krille