Das Böse wird zum Schluss besiegt

24. April 2017 von redaktionguh  
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Puppenspielerin Anne-Christin Jost bringt in ihrer neuesten Inszenierung in origineller Weise das Leben Martin Luthers den Menschen nahe.

Wer lässt sich bei den Endvorbereitungen zu einem Theaterstück schon gerne in die Karten schauen? Puppenspielerin Anne-Christin Jost hat damit kein Pro­blem. Sie lädt mich zu einem Besuch in ihre Werkstatt ein.

Während ich mich umschaue, grübelt die Akteurin, wie sie aus einem Pappkarton am besten ein Schreibpult falten kann. »Dann wird es noch holzfarben gestrichen und ein Tintenfass kommt noch oben auf«, resümiert sie heiter. Die Lösung ist gefunden. Wieder ist ein Requisit für das Marionetten-Spiel rund um das Leben und die Botschaft Martin Luthers fast fertig. »Ende des Monats ist Premiere, bis dahin muss alles passen«, erfahre ich. Dann werden 20 Marionetten-Akteure, bewegt von nur zwei Händen, Szenen aus dem Leben des Reformators den Besuchern nahebringen. Alles muss bis zur Aufführung genau durchdacht werden.

Blick in die Werkstatt: Puppenspielerin Anne-Christin Jost aus Frankenhain (Ilm-Kreis) bereitet ein Spiel mit Marionetten über das Leben Martin Luthers vor. Rechts im Bild der Reformator. Fotos: Rosso di Sera

Blick in die Werkstatt: Puppenspielerin Anne-Christin Jost aus Frankenhain (Ilm-Kreis) bereitet ein Spiel mit Marionetten über das Leben Martin Luthers vor. Rechts im Bild der Reformator. Fotos: Rosso di Sera

Das Textmanuskript gibt es schon lange. Es wurde von Hans-Joachim Köhler verfasst. Der Titel »Gott sei’s gelobt, getrommelt und gepfiffen: Ein feste Burg ist unser Gott!« verspricht viel Spannung. Anne-Christin Jost berichtet, dass das Stück in drei Ebenen spielt. Im Himmel, auf der Erde und in der Hölle. Es gibt Engel und als Gegenspieler Teufel. Sie wollen auf die Gedanken Martins Einfluss nehmen. Am Anfang lernen die Zuschauer Luther als Schuljungen kennen. Später erleben sie ihn bei einem Gewitter auf einem Feld in Stotternheim nahe Erfurt, in Wittenberg, Worms und auf der Wartburg.

»Bei den Vorbereitungen und der Planung habe ich mir immer überlegt, wie sah die Welt zu Zeiten Luthers aus. Wie waren die Menschen gekleidet, wie haben sie sich damals die Hölle vorgestellt. Ich habe in Büchern und im Internet nach Zeichnungen gesucht, um mir ein Bild davon zu machen«, berichtet die Frau, welche den Marionetten Leben einhaucht. Es war ein langer Entstehungsprozess.

Im Sommer 2016 hat sie dann mit der praktischen Umsetzung begonnen. Szene für Szene entstanden die notwendigen Figuren und Requisiten. »Man muss an so vieles denken. Beispielsweise, von welcher Seite welche Puppe in Aktion tritt. Ich stehe ja hinter der Kulisse und muss alles spiegelverkehrt im Kopf haben.«

Die Akteurin ist handwerklich ein wahres Multitalent. Sie malt die Hintergründe, baut Möbel, schneidert die Kleidung, zeigt mir, wie die Hände für die Marionetten entstehen. »Zum Glück kann ich bei den Marionetten auf meinen Fundus zurückgreifen«, betont sie. Und so werden kurzerhand die Heiligen Drei Könige aus dem Weihnachtsprogramm zu Soldaten umgestaltet.

Als nächste Arbeiten stehen die Fertigstellung der gemalten Hintergrundbilder und der letzte Schliff für die Engel auf der Tagesordnung. Während die Kulissen trocknen, geht es zügig bei der Gestaltung der Engel weiter.

Und wie wird der Text umgesetzt? Das ganze Stück über das Leben und Wirken Martin Luthers besteht aus Psalmen, Textergänzungen, Hintergrundmusik und Geräuschen, wie dem Donner während des Gewitters. Letztere kommen vom Band, die Texte werden live gesprochen. »Es ist ein Programm, von Menschen für Menschen. Deshalb muss ich mich nicht starr an das Skript halten. Besonders, wenn ich vor Kindern spielen werde, muss ich reagieren. Auch mal auf Zwischenrufe und Kommentare eingehen«, erläutert mir Anne-Christin Jost ihre Umsetzung des Luther-Stoffes.

Und was ist das Ziel des Marionetten-Luther-Spiels? Puppenspielerin Jost: »Ein Spiel der Marionetten gegen die Angst. Zum Schluss wird das Böse – der Teufel – besiegt. Die Zuschauer sollen verstehen: Gott nimmt die Menschen an, wie sie sind. Gott liebt alle Menschen, auch die mit Fehlern und Schwächen.«

Rosso di Sera

Jubelnder Empfang und böse Vorahnung

22. Februar 2016 von redaktionguh  
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Passionsspiel: Im fränkischen Tettau wird die Leidensgeschichte Jesu auf die Bühne gebracht

Seit November proben über 70 Akteure aus Thüringen und Franken gemeinsam – auch über konfessionelle Grenzen hinweg.
Jesus, in den Augen der Bevölkerung der Messias, Wundertäter und Retter, wird jubelnd in Jerusalem empfangen. Sie rufen ihm die traditionellen Hosanna-Rufe zu, breiten Palmenzweige und Kleidung auf dem Weg aus. Das jüdische Volk hofft, dass er sie von den römischen Besatzern befreien wird. Später werden es die gleichen Menschen sein, die lautstark vom Präfekten Pilatus die Kreuzigung Jesu fordern. Triumphale Freude, Verrat, Leid und Tod liegen in der Passionsgeschichte ganz nah beieinander. Und dies möchten die über 70 Akteure der Tettauer Passionsspiele den Zuschauern ganz nah vor die Augen bringen.

Bei seinem triumphalen Einzug in Jerusalem wird Jesus – gespielt von Jörg Schrepfer – gefeiert wie ein König. Fotos (4): Rosso di Sera

Bei seinem triumphalen Einzug in Jerusalem wird Jesus – gespielt von Jörg Schrepfer – gefeiert wie ein König. Fotos (4): Rosso di Sera

Seit November treffen sie sich in der Regel zweimal wöchentlich in dem kleinen Ort gleich hinter der thüringisch-fränkischen Grenze bei Ludwigsstadt. Die Tettauer Passionsspiele verbinden die Menschen in der fränkischen Rennsteigregion, auch über konfessionelle Grenzen hinweg. Aus allen umliegenden Orten engagieren sich Laiendarsteller, um die Passion Jesu auf die Bühne zu bringen. Sie möchten Spuren des Glaubens bei den Menschen in der Region hinterlassen.

Die noch junge Tradition der Passionsspiele geht auf ein von Laiendarstellern gespieltes Stück zur Fastenzeit zurück. Bereits in den Jahren 2001, 2003 und 2006 waren die Tettauer, damals unter der Regie von Erika Hämel, mit den Aufführungen sehr erfolgreich. Für die Neuauflage nach zehnjähriger Pause im März 2016 hat nun Lydia Müller die Gesamtleitung übernommen. Das Drehbuch, welches für die erste Aufführung 2001 von Erika Hämel und dem damaligen Tettauer Pfarrer Bernhard Nikitka verfasst wurde, wird auch für die Neuauflage der Passionsspiele als Vorlage dienen. Veranstalter ist die evangelische Kirchengemeinde, als Schirmherrin konnte Regionalbischöfin Dorothea Greiner gewonnen werden.

Doch wie sehen die Aktiven dieses dramatische Schauspiel der Geschichte? Lassen wir sie selbst zu Wort kommen.

Lydia Müller,
Regie und Gesamtleitung

»Dreimal haben wir bereits die Passionsspiele zur Aufführung gebracht. Nur, die letzte Aufführung ist zehn Jahre her. In den vergangenen Vorstellungen durfte ich die Rolle der Maria spielen. Eine Rolle, die mein Leben sehr geprägt hat. Jetzt habe ich die Leitung übernommen. Ich bin stolz, dass wir ein so tolles Team aus Darstellern, Sängern und Helfern sind. Sie sind kreativ, packen alle mit zu. Das Besondere, in der hiesigen Festhalle sind wir vom Wetter unabhängig. Wir können die Passion zur richtigen Zeit aufführen. Und wenn man das Stück emotional betrachtet: Die Zeit ist wieder reif für eine Aufführung. Alle Punkte von damals – Hohn, Spott, Verrat, Trauer und Erlösung – treffen auch auf die heutige Gesellschaft zu.«

Jörg Schrepfer,
Jesus

»Ich spiele schon seit vielen Jahren im Amateurtheater. Doch als ich gefragt wurde, ob ich den Jesus-Part übernehmen würde, habe ich um Bedenkzeit gebeten. Es geht nicht um irgendeine Person in einem Stück. Es ist die Hauptrolle und dazu noch Jesus. Aus meinem christlichen Glauben heraus habe ich dann ›ja‹ gesagt. Als Darsteller möchte ich den Zuschauern nahebringen, was Jesus geleistet hat, dass er, um uns Erlösung zu schenken, am Kreuz gestorben ist. In der letzten Zeit habe ich des Öfteren wieder die Bibel in die Hand genommen, darin gelesen. Ich möchte die Rolle so authentisch spielen wie möglich. Als Mensch mit dem Namen Jörg Schrepfer.«

Christiane Fiedler,
Maria

»Ich war auch schon bei den früheren Aufführungen mit dabei. Und jetzt, das erste Mal, als Maria. Als Mutter von drei Kindern ist man schon so manche Situation gewöhnt. Aber die Rolle der Maria in der Passion übersteigt dies bei weitem. Eine Herausforderung, mit der man stetig wächst. Besonders die Szene unterm Kreuz geht mir sehr nahe. Hier wird der Mann meiner Freundin – Jesusdarsteller Jörg – gekreuzigt. Jesus hing damals schuldlos am Kreuz, für die Fehler der Menschen. Und dies möchte ich den Gästen der Passionsspiele durch meine Rolle verdeutlichen. Und ich sehe auch oft, dass die Besucher zu Tränen gerührt sind. Auch viele der »starken« Männer zeigen dann Gefühle.«

Anja Knabner,
Chorleitung

»Es ist ein gewaltiges Projekt. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Chores wurde der Wunsch angeregt, die Passionsspiele wieder zum Leben zu erwecken. Auch eine besondere Herausforderung. Eigens dazu wurden die Lieder überarbeitet, teilweise in dreistimmige Chorsätze transponiert. Die Chormitglieder müssen singen und spielen. Mit der Musik sollen beim Publikum Emotionen geweckt werden. Sie soll ins Herz treffen, berühren. Die Gäste sollen denken, sie sind nicht in der Tettauer Festhalle, sondern live in Jerusalem.«

Jörg Zech,
Ortspfarrer

»Jeder Pfarrer darf glücklich darüber sein, dass solch ein Glaubens-Projekt in seiner Kirchengemeinde umgesetzt wird. Es ist gelebter christlicher Glaube. Ich muss ausdrücklich betonen, auch wenn die evangelische Gemeinde der Veranstalter der Passionsspiele ist, so wird seitens der Kirche nichts vorgeschrieben. Wichtig ist auch, dass den Menschen verdeutlicht wird, das Osterfest mit der Auferstehung Jesu ist das wichtigste Fest der
Christenheit.«

Rosso di Sera

Aufführungen in der Tettauer Festhalle sind am 5., 6., 11., 12. und 13. März. Informationen über die Evangelische Kirchengemeinde Tettau, Telefon (09 2 69) 229, E-Mail <pfarramt.tettau@elkb.de>

Kartenbestellungen sind auch im Internet möglich:

www.live-kartenshop.de/kartenshop/