Wo mein Glaube wurzelt

9. Juli 2018 von redaktionguh  
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Reportage: Die kleine Kirchengemeinde Prösen steht vor großen Herausforderungen, doch es tut sich etwas.

Wie schön es hier ist, denke ich manchmal, wenn ich zu Besuch in Prösen (Kirchenkreis Bad Liebenwerda), meinem Geburtsort, bin. Zwischen Wiesen und Feldern führen Radwege von Ort zu Ort. Ein Floßkanal durchfließt das Dorf, zu beiden Seiten des Ufers Birken und Sträucher. Als Kind konnte ich meiner Heimat nicht viel Schönes abgewinnen. Etwa im Alter von zehn bis zwölf Jahren beschloss ich: »Hier bleibe ich nicht.«

Meine Kirche: 1751 erbaut und jetzt schmuck renoviert, die Kirche in Prösen. Heiligabend ist sie bis auf den letzten Platz gefüllt. An den übrigen Sonntagen kommen leider nur wenige Menschen, zur monatlichen Andacht meist nur eine Teilnehmerin. Kleines Foto. Fotos. Sabine Kuschel

Meine Kirche: 1751 erbaut und jetzt schmuck renoviert, die Kirche in Prösen. Heiligabend ist sie bis auf den letzten Platz gefüllt. An den übrigen Sonntagen kommen leider nur wenige Menschen, zur monatlichen Andacht meist nur eine Teilnehmerin. Kleines Foto. Fotos. Sabine Kuschel

Nach der Wende zogen viele Menschen wegen fehlender Arbeit und mangelnder Perspektive weg. In den 1950er-Jahren zählte das Dorf mehr als 3 000 Einwohner. Heute sind es nur noch etwa 1 900. Deutlich sichtbar ist der Bevölkerungsschwund auf dem Friedhof. Präsentierte er sich einst als ein Meer von Blumen – eine Grabstelle so schön bepflanzt wie die andere – breitet sich mehr und mehr eine riesiges leeres Areal aus. Im hinteren Teil nimmt zwar die Zahl der Urnengräber zu und viele Prösener bevorzugen ein platzsparendes und pflegeleichtes Gemeinschaftsgrab. Dennoch täuschen diese nicht darüber hinweg, dass das Dorf schrumpft.

Dieser Prozess macht auch der Kirche zu schaffen. Bis 2002 gab es zwei Pfarrstellen, die nach und nach weiter reduziert wurden, erzählt Pfarrer Otto-Fabian Voigtländer. Seit 2012 hat er nur noch eine halbe Pfarrstelle. Zu 50 Prozent unterrichtet er Religion in der Schule in Prösen und Elsterwerda.

Früher gehörten die drei Gemeinden Prösen, Wainsdorf und Stolzenhain zum Pfarrbereich. Mittlerweile zählen neun Dörfer mit fünf Predigtstätten dazu: Prösen und Wainsdorf, Stolzenhain, Oschätzchen, Würdenhain, Prieschka, Reichenhain, Haida und Saathain. Die Zahl der Kirchenmitglieder ist in der Region seit 2012 von 992 auf 850 gesunken. »Etwa zwei Prozent wie überall in der Landeskirche«, erklärt der Pfarrer.

Nach der Wende galt die Region als abgehängt. Mittlerweile hat sich etwas geändert, die Menschen fehlen zwar noch, aber Arbeit gäbe es in der Region genug, so die Beobachtung des Pfarrers. »Die Behauptung, es gibt keine Ausbildungs- und Arbeitsplätze stimmt nicht«, sagt er. »Alle Handwerker, die ich kenne, suchen händeringend Auszubildende.« Viele junge Leute ziehen zum Studium weg. Und die Menschen, die um die Wende vor 25 Jahren weggegangen sind, fehlen heute, bedauert Voigtländer. »Die waren damals 18, 19 Jahre alt. Deren Kinder würden jetzt hier eine Ausbildung machen.«

Die Prösener religiös anzusprechen ist nicht leicht. »Was den Gottesdienstbesuch anbetrifft, kann ich das bestätigen«, sagt der Pfarrer. »Im Verhältnis zur Zahl der Mitglieder kommen in Prösen die wenigsten zum Gottesdienst, acht bis zehn. »Es ist frustrierend. Manchmal bin ich traurig.«

Elsterwerda-Grödel-Floßkanal: Prösen ist ein Ortsteil der Gemeinde Röderland im Landkreis Elster-Elbe im Süden von Brandenburg.

Elsterwerda-Grödel-Floßkanal: Prösen ist ein Ortsteil der Gemeinde Röderland im Landkreis Elster-Elbe im Süden von Brandenburg.

So traurig der Blick auf die Situation stimmen mag – allem Widerschein zum Trotz beginnt hier und dort doch ein Pflänzchen zu sprießen. Es gab Jahrgänge ohne einen einzigen Konfirmanden. 2017 ließen sich zehn Jugendliche konfirmieren, in diesem Jahr waren es zwölf. »Herr Voigtländer hat eine wunderbare Art mit jungen Menschen umzugehen, sie zu motivieren. Ich weiß das von meinem Enkel«, erzählt Monika Theile, Gemeindekirchenrätin in Stolzenhain. »Über die Jahre hat sich etwas entwickelt. Jetzt kommen die ersten Früchte«, so die erfreuliche Bilanz der Kirchvorsteherin.

Die Kirche steht mancherorts vor der enormen Herausforderung, in vielen teilweise weit verstreuten, kleiner werdenden Gemeinden das Leben aufrecht zu erhalten. Mit reduziertem Umfang an Pfarrstellen. So auch hier.

In jedem Ort für sich will Gemeindeleben gefördert, Tradition aufrechterhalten und zugleich Neues integriert werden.

In Prösen und den übrigen Dörfern geht das so: In jeder Kirche wird wenigstens einmal monatlich zum Gottesdienst eingeladen. Zusätzlich lädt der Pfarrer jeden Monat in jedem Ort zu einer Abendandacht ein. An diesem Angebot, so der Pfarrer, wolle er festhalten, selbst wenn – wie in Prösen – oft nur eine einzige Frau teilnimmt. Ein Frühstückstreffen findet auf regionaler Ebene statt. Für jeden Ort ist im Jahr zumindest ein Höhepunkt angesagt. In Stolzenhain ist das die Osternacht mit Osterfeuer. Prösen feiert im Juni ein Johannisfest und im November findet der Martinsumzug statt. In Würdenhain gibt es am 6. Dezember eine Nikolausmusik mit anschließendem Grillen. Eine beliebte regionale Veranstaltung ist das Wickeln von Adventskränzen im Dezember.

»Nur ein Höhepunkt in jedem Ort«, betont der Pfarrer, »damit es für die Ehrenamtlichen nicht zu viel wird.«

Prösen ist der Ort, wo der Glaube an Gott und Jesus Christus in mein Herz gepflanzt wurde. Ich wünsche der jungen Generation, dass ihr dies auch geschieht. Es gibt Anzeichen, dass diese Hoffnung vielleicht nicht aus der Luft gegriffen ist. Wie Voigtländer sagt, nehmen in Prösen viele Kinder am Religionsunterricht teil. Kinder, deren Eltern nicht zur Kirche gehören. Indem sie ihren Nachwuchs zum Religionsunterricht schicken, eröffnen sie ihm die Chance, Gott näher zu kommen.

Die Mehrheit der Kinder, die beim Krippenspiel mitmachen, kommt ebenfalls aus nichtchristlichen Elternhäusern. Die Lust, biblische Geschichten aufzuführen, ist offensichtlich.
Ein Krippenspiel im Jahr, das reicht den jungen Leuten in Oschätzchen nicht. »Denen gefällt das so gut, dass sie noch ein Passionsspiel zusätzlich aufführen«, erzählt der Pfarrer. Seit nunmehr fünf Jahren wird karfreitags die Passionsgeschichte gegeben.

Wiederum leben allein im Pfarrbereich Prösen mehr als 70 Familien, die zwar der Kirche angehören, jedoch ihre Kinder nicht getauft haben, so Voigtländer. Potenzieller Nachwuchs, der vielleicht darauf wartet, angesprochen zu werden. Sie werden in nächster Zeit von der Kirchengemeinde einen Brief erhalten mit einer Einladung. Und eventuell sind sie dann bei dem nächsten Höhepunkt schon mit dabei. Der ist am 26. August in Würdenhain geplant. Dort wird zu einem großen Tauffest eingeladen.

Sabine Kuschel

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Immer am Ball

8. Juli 2018 von redaktionguh  
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Sport und Kirche: Anna Mittermayer möchte dies gern miteinander verbinden. Sie ist Pfarrerin in Sandersdorf (Kirchenkreis Wittenberg) und Sportbeauftragte in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Mit ihr sprach Sabine Kuschel.

Welche Rolle spielt denn im Pfarrhaus der Sportbeauftragten die Fußballweltmeisterschaft?
Mittermayer:
Die Weltmeisterschaft spielt nicht die Hauptrolle. Wir gucken die Spiele, manchmal nebenbei. Fußball spielt bei meinem Freund und mir keine große Rolle, weil wir diesen Hype ungern mitmachen wollen. Im Vergleich zu anderen Sportarten wird Fußball zu sehr gefördert. Das finden wir sehr schade. Wir sind mit Leib und Seele Basketballer.

Warum braucht die Kirche eine Sportpfarrerin?
Mittermayer:
Leider hat die Kirche nur eine Sportbeauftragte. Das ist der kleine Unterschied. Also ich bin Sportbeauftragte, nicht -pfarrerin. Die Sportbeauftragte wird gebraucht, damit Kirche in alle Bereiche ausstrahlen kann. Auch in den Sport. Und die Kirche kann vom Sport lernen. Zum Beispiel bei der Arbeit mit Ehrenamtlichen und beim Umgang mit Mitgliedern. Die Kirche braucht den Sport und der Sport braucht die Kirche. Es gibt Christen, die Sport machen und Sportler, die christlich sind. Sie haben andere Themen als die Sportler ohne Glauben.

Sportlich im Talar: Pfarrerin Anna Mittermayer in der Sandersdorfer Kirche St. Marien.  Fotos: Sabine Kuschel/ pixabay CC0 Creative Commons

Sportlich im Talar: Pfarrerin Anna Mittermayer in der Sandersdorfer Kirche St. Marien. Fotos: Sabine Kuschel/ pixabay CC0 Creative Commons

Der Mensch besteht aus Leib und Seele. Und es ist nötig, immer auch auf den Leib zu achten. Kirchliche Veranstaltungen finden meistens im Sitzen statt. Deutschland krankt am Rücken. Allein da müsste man schon Präventivmaßnahmen ergreifen. Spiritualität und Bewegung ist ein Thema, das noch sehr belächelt wird, das man aber durchaus ausbauen könnte.

Woran denken Sie konkret?
Mittermayer:
Es gibt schon vielfältige Angebote, die nur nicht vernetzt sind: Tanz und Spiritualität, Yoga. Es ist ratsam, den Geist hin und wieder frei werden zu lassen durch körperliche Übungen, durch Sport.

Blick-1-27-2018Mit Kindern und Jugendlichen erlebnispädagogisch zu arbeiten, ist heute viel mehr wert, als im Kreis zu sitzen und nachzudenken. Weil die Jugendlichen in der Schule schon genug nachdenken und sitzen müssen. Stichwort: Vertrauen. Wie und warum kann ein Mensch Gott vertrauen? Darüber sprechen wir nicht. Auf dem Konficamp in Wittenberg haben wir das geübt:
Einer legt sich auf eine Luftmatratze, die von den Konfis hochgehoben und eine gewisse Strecke getragen wurde. Wer auf der Matratze liegt, muss darauf vertrauen, dass niemand loslässt.

Mein Hauptanliegen ist zunächst, ein Programm zu entwickeln und festzuschreiben, warum man Kirche und Sport braucht. Das Konzept ist fast fertig. Dann will ich ein Netzwerk aufbauen von Menschen, die Lust haben, in dem Bereich weiter zu denken und zu arbeiten. Mein großer Traum ist eine Sportkirche.

Wie soll die aussehen?
Mittermayer:
In ihr sollen Elemente des Glaubens mit dem Sport verbunden werden. Also zum Beispiel steht der Taufstein in der Mitte und um ihn eine Art von Kneipp-Becken. Damit man auf dem Weg zum Taufstein diese Erfrischung, das Neuwerden durch die Taufe erleben kann. Oder ich stelle mir eine Art Baumboxsack vor, ein Boxer in Form eines Baumes. Wenn man wütend ist, braucht man eben eine Kanalisation der Wut, und da könnte man boxen. Und bei der Frage: Woher kommt die Hilfe? erfahren: Sie kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Weil man merkt, dass man mit beiden Beinen wieder fest auf dem Boden steht, geerdet ist.

Denkbar ist eine Ausstellung mit Bibelzitaten, über die Sportler nachdenken. Es gibt eine »Sportlerbibel«, wo Bibelstellen mit Aussagen von Sportlern verknüpft sind. Sowas stell ich mir vor.

Die Bibel sagt wenig über Sport.
Mittermayer:
Ja, leider. Es gibt etwa zwei Zitate von Paulus.

Blick-2-27-2018Warum wollten Sie Pfarrerin werden?
Mittermayer:
Das ist immer eine schwierige Frage. Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich machen sollte und dann dachte ich, der Glaube hatte mir als Jugendlicher viel bedeutet, aber ich habe als junger Mensch in der Kirche keinen Ort gefunden. In Mecklenburg hatten wir keine Junge Gemeinde. Die Gottesdienste waren für Jugendlichen auch nicht so ansprechend. Ich habe gedacht, du kannst meckern oder es ändern. Ich habe mich fürs Ändern entschieden und Theologie studiert.

Der Glaube wurde ihnen im Elternhaus vermittelt?
Mittermayer:
Ja, meine Großeltern, meine Mutter waren Christen. Wir sind zwar nicht jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Aber ich bin mit dem Christentum, mit Gebeten großgeworden. Zum Beginn des Studiums merkte ich dann – als ich Menschen aus anderen Ecken Deutschlands traf – dass ich einen großen Wissensrückstand habe. Das ist aber auch eine große Chance. Ich war nicht vorgeprägt von irgendwelchen Bildern. Ich war noch ganz offen, was den Glauben betraf. Das war rückblickend schwierig, weil ich viel nachholen musste im Studium, aber für den eigenen Glauben und das eigene Pfarrerbild war es von Vorteil, nicht aus einer typischen Pfarrersfamilie zu kommen.

Was machen Sie als Pfarrerin am liebsten?
Mittermayer:
Konfiarbeit. Auch Beerdigungen mache ich gern. Weil, wenn ich die richtigen Worte finde, kann ich die Leute trösten. Deswegen find ich Beerdigungen eigentlich ganz schön.

Noch viel lieber würde ich mit den Vereinen im Umkreis zusammenarbeiten. Mit der Stadt, mit dem Basketballverein. Das Netzwerken außerhalb des kirchlichen Raums würde mir Spaß machen. Dafür muss ich aber noch mehr Zeit finden.

Blick-3-27-2018Sie wirken hier in einem säkularen Gebiet …
Mittermayer:
Total. Manchmal glaube ich, hier ist der entchristlichste Landstrich. Das müssen wir akzeptieren. Wir dürfen den Menschen keine Vorwürfe machen. Meine Generation hat keine Berührung mehr zur Kirche. Das heißt nicht, dass sie Religion ablehnt. Viele Menschen, denen ich begegne durch den Sport, fragen interessiert nach. Ich erlebe keine Gleichgültigkeit, sondern Offenheit. Ich denke, wenn man die richtigen Ideen hat, die richtigen Projekte plant, den Zeitgeist trifft, kann man Menschen gewinnen.

In Ihrem Sportverein sind Sie mit vielen Menschen zusammen, die nicht der Kirche angehören. Wie werden Sie dort als Pfarrerin wahrgenommen?
Mittermayer:
Zum Glück wurde ich am Anfang nie als Pfarrerin wahrgenommen. Das ist das Schöne. Man kommt in den Verein als Mensch, der Basketball mag. Was man beruflich macht, ist zweitrangig. Das finde ich angenehm.

Als ich gesagt habe, dass ich Pfarrerin bin, war die erste Reaktion: »Ach, das hätte ich nicht gedacht. Du bist so normal, oder so weltlich.« Ich glaube, es wird gut aufgenommen. Viele fragen nach: darfst du denn das? Daran merke ich, dass in den Köpfen der Menschen ein veraltetes Bild von Kirche existiert.

Was dürften Sie denn nach deren Ansicht als Pfarrerin nicht?
Mittermayer:
Bier trinken nach dem Sport. Oder sie fragen: Darfst du denn einen Freund vor der Ehe haben? Also Fragen, die sich unsere Generation nicht mehr so stellt. Meistens war der zweite Satz: Kann ich bei dir auch beichten? Zwar ist das oft mit einem Augenzwinkern gesagt, aber ich glaube, dass die Menschen, wenn sie wirklich ein Problem haben, wüssten: zu der können wir gehen. Sie versteht uns, sie ist jemand, der zuhören kann.

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Frühjahrsputz beim Datenschutz

2. Juli 2018 von redaktionguh  
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Die Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) hat in fast allen Bereichen für erhöhten Arbeitsaufwand gesorgt. Welche Auswirkungen hat das in den Kirchengemeinden? Sabine Kuschel sprach darüber mit Kirchenrechtsrat Thomas Brucksch, Leiter des Referats für Allgemeine Rechtsfragen im Landeskirchenamt der EKM.


Was ändert sich mit der DSGVO für die Kirchengemeinden?
Brucksch:
Zunächst möchte ich erwähnen, dass es Datenschutz auch schon vor dem 24. Mai gab. Seit den 1970er Jahren existieren Datenschutzgesetze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie waren dem staatlichen Datenschutzrecht nachgebildet. Mit einem eigenen Datenschutzrecht können kirchliche Besonderheiten besser abgebildet werden.

Wichtig ist, dass der Artikel 91 der neuen DSGVO festlegt, dass die Kirchen weiterhin ihr Recht anwenden können, wenn sie es mit der Datenschutzverordnung in Einklang bringen. Dafür steht das neue Datenschutzgesetz der EKD, das innerhalb der evangelischen Kirche und der Diakonie zur Anwendung kommt. Bei den inhaltlichen Vor­aussetzungen für die Datenverarbeitung hat sich fast nichts geändert. Das meiste, was zuvor datenschutzrechtlich zulässig war, ist geblieben. Was zuvor unzulässig war, ist es jetzt auch.

Wenn sich wenig ändert, bleibt dann für die Gemeinden alles beim Alten?
Brucksch:
So weit würde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen. Das Problem ist, viele wussten gar nicht, was datenschutzrechtlich zulässig ist oder nicht. Datenschutzrecht ist aufwendig, das ist ein Problem. Viele fragen sich jetzt, dürfen wir das. Die Frage inhaltlich zu klären, ist aufwendig.

Thomas Brucksch. Foto: EKM

Thomas Brucksch. Foto: EKM

Ich vergleiche die Situation mit einem Frühjahrsputz beim Datenschutz. Es ist zu fragen, was die Gemeinden dazu auf ihren Webseiten sagen, wie sie mit Fotos im Gemeindebrief und Internet umgehen und welche Daten im Gemeindebrief veröffentlicht werden. Verändert hat sich die »Bürokratie« um die eigentliche Datenverarbeitung herum. Eingeführt wurde beispielsweise eine sogenannte Rechenschaftspflicht. Datenverarbeitende Stellen sollen umfassend darüber Auskunft geben können, was sie mit personenbezogenen Daten machen. Auf kirchengemeindlicher Ebene passiert da aber nicht so viel, weil in den neuen kirchlichen Regelungen Schwellenwerte für bestimmte Pflichten eingebaut wurden.

Heißt das, dass die Kirchengemeinden mit etwas Sorgfalt eigentlich nichts falsch machen können?
Brucksch:
Wahrscheinlich erfüllt man nie alle Vorgaben des Datenschutzes. Fatal wäre, wenn wir deshalb darauf überhaupt nicht achten würden. Ein Großteil der Fragen löst sich schon mit gesundem Menschenverstand. Wenn man sich kundig macht und zu einem verantwortlichen Umgang kommt, hat man seinen Teil erfüllt.

Gibt es eine Aufsicht?
Brucksch:
Der Datenschutzbeauftragte der EKD ist auch in der EKM die unabhängige Datenschutzaufsicht und nicht der staatliche Datenschutzbeauftragte.

Bieten Sie den Kirchengemeinden Hilfe an?
Brucksch:
Ja, seit Mitte Mai nehmen wir erheblichen Nachfragebedarf wahr. Wir bieten verschiedene Schulungen und Fortbildungsveranstaltungen im Landeskirchenamt an, geben Einführungen in den Kirchenkreisen. Informationen, Termine und Ansprechpartner finden sich auf unserer Website.

Bei der EKM-Archivtagung war der Datenschutz Thema. Welche Relevanz hat das neue Gesetz für die Archive?
Brucksch:
Grundsätzlich gilt: Datenschutzrecht schützt lebende Personen aus Fleisch und Blut. Auch im staatlichen Recht. Die Archive betrifft das neue Gesetz deshalb nur eingeschränkt. Was in den Akten der Archiven steht, sind Sachverhalte, die so lange her sind, dass man zumeist davon ausgehen kann, dass die betreffenden Personen verstorben sind. Damit sind die Angaben datenschutzrechtlich nicht mehr relevant. Mit dem Tod endet die Anwendbarkeit des Datenschutzrechtes. Der Verstorbene ist nicht rechtlos, aber es greifen andere rechtliche Kategorien.

Kirchenbücher aus dem 18. Jahrhundert unterliegen nicht mehr dem Datenschutzrecht, sondern dem Archivgesetz.

www.ekmd.de/kirche/themenfelder/datenschutz.html

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Gott, Vater – mein Fels, meine Zuflucht

11. Mai 2018 von redaktionguh  
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Gottesbild: Die Bibel verbietet, uns Bilder von Gott zu machen. Und hält sich selbst nicht daran.

Manchmal versuche ich, mich in Nichtchristen hineinzuversetzen. Was mag in ihnen vorgehen, wenn sie ihre gläubigen Mitmenschen betend erleben? Zu einem Gott beten, der für Atheisten nicht sichtbar, nicht erklärbar, nicht vorstellbar, nicht existent ist? Ob ihnen die sprachlichen Versuche von Christen, Gott zu definieren, absurd, verrückt vorkommen?

Gott, der Herr, ein Vater, mein Fels, meine Zuflucht. Gott ist Liebe, Güte, Barmherzigkeit. Obwohl die Bibel mehrfach ermahnt, sich kein Bild von Gott zu machen, tun wir dies unentwegt. Wir können nicht anders. Wenn wir Gott suchen, danach fragen, wie er ist, entstehen in unserem Kopf Bilder. Nicht immer geeignete, wofür die antiquarische Vorstellung von Gott als altem Mann mit langem weißen Bart ein banales Beispiel ist. Dieses Bild mag festhalten, dass Gott schon vor aller Zeit war und über unser aller Tod hinaus in Ewigkeit sein wird. Zum Glauben ermutigt es nicht unbedingt. Um diese Gefahr scheint die Bibel zu wissen, wenn sie uns ermahnt: »Dass ihr euch nicht … irgendein Bildnis macht, das gleich sei einem Mann oder einer Frau.« (5. Mose, 4,16)

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Psalm 139, Vers 5. Foto: rupbilder – stock.adobe.com

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Psalm 139, Vers 5. Foto: rupbilder – stock.adobe.com

Erstaunlicherweise ist die Vorstellung von Gott als dem uralten Großvater nicht aus den Köpfen zu verbannen. Selbst im aufgeklärten 21. Jahrhundert erleben Gemeindepädagogen, dass Kinder – aufgefordert, Gott zu malen – diesen besagten Mann mit Rauschebart zu Papier bringen.

Die Heilige Schrift, die uns auffordert, nur ja keine Bilder von Gott zu machen, hält sich selbst nicht an diese Maßgabe. In vielerlei Gestalt betritt Gott die Bühne. Er pflanzt den Garten Eden, wirkt also als Gärtner. Als »meinen Hirten« beschreibt ihn Psalm 23. Gott hat Augen, Ohren, Hände, Füße, ein Herz. Er kann Mitleid fühlen und zornig werden. Alles Vergleiche, die Gott menschlich erscheinen lassen. Und es gibt andere: Gott ist ein Berg, ein Fels, Quelle. Oder abstrakte: Gott ist Liebe, Licht, Güte. Und doch kann jede dieser Metaphern nur ein menschlicher Versuch sein, zu beschreiben, wer Gott ist, wie er wirkt. Es sind Hilfskonstruktionen für den Glauben.

Die biblischen Bilder von Gott drücken die religiösen Erfahrungen der Menschen mit Gott aus. Wer sich in seinem Leben getragen fühlt, gewiss ist, nicht ins Bodenlose zu fallen, dem geht die Anrede Gottes als Vater mühelos über die Lippen. Gott ist wie der Vater, der sein Kind in die Luft wirft und sicher mit beiden Armen auffängt.

Umgekehrt: Manche Menschen haben mit dem eigenen Vater schlechte Erfahrungen gemacht und projizieren ihre Wünsche von einem guten Vater auf Gott. Den sie sich anders als den eigenen Vater nur als einen liebenden vorstellen wollen.

Von schwerer Krankheit geheilt werden, nach monatelanger Verzweiflung neue Hoffnung schöpfen, aus einer Sackgasse herausfinden – in solchen Situationen spüren Menschen, dass Gott wirkt und sprechen dann von ihrem Helfer in der Not.

Wenn ich mich an einem sonnigen Maitag auf die Parkbank setze und sehe, wie die Natur in voller Pracht erblüht ist, welch ein Wunder! Jeder Gärtner weiß, dass er Hand anlegen muss, aber das Wachsen und Gedeihen liegt nicht in seiner Macht. Gott, der Vater, der für seine Familie sorgt. Gott, der verspricht, »ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet« (Jesaja 66,13), um ein biblisches Beispiel anzubringen, in dem Gott mütterliche Züge zugedacht werden.

Die Bibel bietet uns zahlreiche Bilder an, die unsere Fantasie beflügeln und uns eine Glaubenshilfe sein können. Manche verlieren mit dem Zeitgeist und der Mode ihre Aussagekraft, um diese vielleicht irgendwann wieder zurückzugewinnen. Zugleich dürfen wir nicht vergessen, unsere Metaphern von Gott, so vielgestaltig sie sein mögen, bleiben nur der menschliche Versuch, Gott zu fassen. Kein Vergleich, kein Bild, kein Begriff reicht aus, um ihn zu beschreiben.

Denn: »Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen!« (1. Könige 8,27 b)

Sabine Kuschel

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Der Frieden im Kleinen

13. März 2018 von redaktionguh  
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Der Frieden ist ein schwieriges Geschäft. Umstritten ist, welche Wege zum Frieden führen oder mit welchen Mitteln er erreicht werden kann. Für Unfrieden in der Friedensbewegung sorgt die Personalie Uwe Steimle. Der prominente Dresdener Kabarettist und Schauspieler sollte Schirmherr der diesjährigen Ökumenischen Friedensdekade werden. Doch wenige Tage nach seiner Ernennung hatten die Initiatoren der Friedensdekade die Zusammenarbeit mit dem Humoristen aufgekündigt. Als Grund führen sie an, Steimle lasse keine eindeutige Distanz zu rechtspopulistischen Positionen beziehungsweise zur Pegida-Bewegung erkennen.

Ich vermag nicht einzuschätzen, ob Steimle, der als Kabarettist hohe Popularität genießt, die richtige Persönlichkeit für die Friedensdekade wäre. Was mir aber an dem Vorgang aufstößt, ist die Intoleranz. Hier beansprucht eine kleine Gruppe innerhalb der Friedensbewegung die Meinungshoheit. Nur weil Steimle, der von sich selbst sagt, er sei nicht rechts und habe mit beiden Stimmen links gewählt, im Verdacht steht, Sympathien für Pegida zu hegen, disqualifiziert ihn das für ein Friedensengagement.

So ist es also bestellt um die christliche Friedensbewegung in Deutschland. Nur wer hundertprozentig in das Schema passt, darf mitmachen. Wer jedoch eine Position vertritt, die nicht dem vermeintlichen Mainstream entspricht, wird ausgegrenzt. Diejenigen, die unter dem Deckmantel des Christlichen von anderen Toleranz einfordern, sind es selbst am wenigsten. Darüber sind zu Recht viele empört und üben harsche Kritik an der Friedensdekade. Der Vorgang zeigt einmal mehr – und das ist das Fatale an der Sache – dass die Toleranz auf der Strecke geblieben ist.

Sabine Kuschel

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Jetzt ist Schluss!

2. Februar 2018 von redaktionguh  
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Wann ist Weihnachten vorbei? Je nachdem. Für die einen nach dem 2. Weihnachtsfeiertag, für die anderen am 6. Januar. In diesem Jahr endete die Weihnachtszeit am 27. Januar. Ab 2019 konstant am 2. Februar. Warum? Ein Blick in den kirchlichen Festkalender.

Was den Beginn der Weihnachtszeit anbetrifft, herrscht Klarheit. Wenn uns Mitte Oktober oder gar schon Ende September in den Supermärkten bunt eingewickelte Schokoladenweihnachtsmänner und Pfefferkuchenherzen anlachen, empören sich Christen: Das ist zu früh! Der Weihnachtsfestkreis beginnt am 1. Advent und nicht, wenn die Schokoladenindustrie und der Handel den Umsatz ankurbeln wollen.

So eindeutig der Beginn der Weihnachtszeit ist, so unterschiedlich sind die Auffassungen über deren Ende. Die meisten wissen nicht so recht, wann sie den Herrnhuter Stern und die Lichterketten abhängen sollen. Manche halten den Dreikönigstag am 6. Januar für das Ende von Weihnachten, andere Lichtmess am 2. Februar.

Richtig ist: Bisher markierte der Sonnabend vor dem Sonntag Septuagesimä das Ende der Weihnachtszeit, also jährlich zu einem anderen Zeitpunkt. Mit dem Kirchenjahr 2018/19 ändert sich diese Ordnung der evangelischen Kirchen, erklärt Professor Alexander Deeg, Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts in Leipzig. »Die Idee war, die Epiphanias- beziehungsweise Weihnachtszeit ›stabil‹ zu halten. Als Termin bot sich der 2. Februar an«, so der Theologieprofessor. Damit also jeder weiß, wann die erzgebirgischen Holzkrippen und die Lauschaer Glaskugeln in Kartons gehören, und der Termin nicht jährlich variiert, steht ab 2019 fest: Die Weihnachtszeit endet konstant am 2. Februar.

Weihnachten ist gegessen, der Osterhase steht in den Startlöchern … Fotos: Lars Koch–stock.adobe.com/Montage: Adrienne Uebbing

Weihnachten ist gegessen, der Osterhase steht in den Startlöchern … Fotos: Lars Koch–stock.adobe.com/Montage: Adrienne Uebbing

Die Termine für Weihnachten und Epiphanias stehen fest im Kalender: 25. Dezember und 6. Januar. Der Ostertermin aber ändert sich von Jahr zu Jahr. Er ist abhängig vom ersten Frühlingsvollmond, der in diesem Jahr am 31. März ist. Am Tag darauf, ein Sonntag, feiern wir Ostern. Der Ostersonntag ist immer der erste Sonntag nach dem Frühlingsvollmond. Der Frühlingsvollmond ist der erste Vollmond nach dem 20. März. Der Termin liegt jährlich zwischen dem 21. März und dem 19. April. Damit ist das frühestmögliche Osterdatum der 22. März, das späteste der 25. April. Wenn das Osterdatum variiert, entfallen unterschiedlich viele Sonntage auf die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern. Die sechs Passionssonntage vor Ostern wiederum – Invokavit, Reminiszere, Okuli, Lätare, Judika, Palmarum – stehen fest. Bisher gab es vor Invokavit drei feste Sonntage vor der Passionszeit: Septuagesimä, Sexagesimä und Estomihi.

Je nachdem, ob Ostern auf einen früheren oder späteren Termin fällt, dauert die Epiphaniaszeit mal länger, mal kürzer. Der letzte Sonntag nach Epiphanias, der die Weihnachtszeit abschließt, lag bisher immer vor Septuagesimä. Weihnachten endete also bisher am Sonnabend vor Septuagesimä. Das ist ab dem nächsten Kirchenjahr, das am 1. Advent 2018 beginnt, neu: Der Weihnachtsfestkreis schließt zu Lichtmess. Im Bewusstsein vieler Menschen ist der »Tag der Darstellung des Herrn« als Ende der Weihnachtszeit fest verankert. Das für diesen Tag vorgesehene Evangelium Lukas 2,22–24(25–35) berichtet, wie Jesus 40 Tage nach der Geburt in den Tempel gebracht wird, »um ihn dem Herrn darzustellen«.

Wie Alexander Deeg ergänzt, geht der Begriff Lichtmess zurück auf den mittelalterlichen Brauch, die bei Prozessionen und Umzügen mitgetragenen Kerzen zu weihen. In der Reformationszeit sei an Lichtmess als dem Abschluss des Weihnachtfestkreises festgehalten worden. Zudem kennzeichnete das Datum auch den Beginn des bäuerlichen Jahres. In vielen katholischen Gemeinden würde Lichtmess als das offizielle Ende der Weihnachtszeit angesehen, so der Theologe, auch wenn nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil Weihnachten bereits mit dem ersten Sonntag nach Epiphanias abschließt. Wenn nun auch für die evangelischen Kirchen Weihnachten mit Lichtmess seinen Abschluss findet, werde an ökumenische Traditionen angeknüpft. Und last not least, es wird in einer Zeit, in der alles beliebig ist, aber kaum jemand weiß, woran man sich halten kann, ein Fixpunkt gesetzt, der Orientierung schenkt.

Sabine Kuschel

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Spielball der Mächtigen

19. Januar 2018 von redaktionguh  
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Das Jahr 1988 ist für Stephan Krawczyk ein denkwürdiges Jahr. Im Januar wurde der Liedermacher verhaftet, im Febuar in die Bundesrepublik abgeschoben.

Heute, mit der zeitlichen Distanz von 30 Jahren, ordnet er das Unrecht und Leid, das ihm in der DDR widerfahren ist, als eine Bereicherung ein. Es seien Erlebnisse, Erfahrungen, sagt er, über die er immer wieder aufgefordert werde zu berichten. Der Liedermacher Stephan Krawczyk, 1955 in Weida (Kirchenkreis Gera) geboren, war in der DDR ein erfolgreicher, beliebter Künstler. Nachdem er 1981 den Hauptpreis beim DDR-Chansonwettbewerb gewonnen hatte, stieg er in eine Künstlerriege auf, die viele Vorteile genoss. Der Künstler nutzte seine privilegierte Position, um auf die Probleme in der DDR aufmerksam zu machen.

Wegen seiner kritischen Texte wurde ihm die Zulassung als Berufsmusiker entzogen. Seine Heimat, die DDR, wo er sein Publikum hatte, wollte er jedoch nicht verlassen. Auftreten konnte der Künstler nur noch in Kirchen. Mit seinen Liedern wurde er Ende der 1980er-Jahre zu einer prominenten Persönlichkeit der DDR-Opposition.

1988 ist für ihn ein denkwürdiges Jahr. Am 17. Januar wurde er verhaftet, am 2. Februar in die Bundesrepublik abgeschoben.

»Vom DDR-Knast auf die Titelseite des Spiegels«, kommentiert er seine unfreiwillige Ankunft in der Bundesrepublik. Es sei für ihn persönlich und künstlerisch nicht leicht gewesen, sich zurechtzufinden. Gestört habe ihn, dass dem Geld eine so große Bedeutung beigemessen wurde, während in der DDR die Frage nach einem sinnerfüllten Leben wichtiger gewesen sei.

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Die Rolle der Kirche in der DDR sieht der Künstler heute kritisch. Als Symbolfigur des Widerstands gegen die Diktatur sei er damals als Spielball benutzt worden. »Es muss geklärt werden, was damals gewesen ist, welche Absprachen es zwischen Staat und Kirche gegeben hat.« Denn solange die Geschehnisse aus der Vergangenheit »nicht aufgeklärt werden«, kämen sie aller fünf oder zehn Jahre, jedes Mal, wenn ein Jubiläum ansteht, wieder hoch. Er ist mit der Aufarbeitung der kirchlichen Vergangenheit sehr unzufrieden.

Das Verhältnis der Kirche zum Staat in der DDR sei bis heute nicht geklärt worden. Es habe Ungereimtheiten gegeben, die aus seiner Sicht nach der Wende zu schnell bereinigt worden seien. Wie er sagt, gibt es noch vieles, über das bislang nicht gesprochen wurde. »Das ist eine Botschaft an die Oberen.« Krawczyk war froh und dankbar, dass er trotz seines Berufsverbots in Kirchen auftreten durfte und hier ein Forum und dankbares Publikum fand. »Kirche ist für mich ein Ort, an dem über die wesentlichen Dinge im Leben der Menschen gesprochen werden sollte. »Aber es wird heute immer so dargestellt, als hätten uns alle mit offenen Armen empfangen.« Es seien nur wenige gewesen, die ihm die Kirchentüren öffneten. »Die Kirche wird so hingestellt, als hätte sie auf der Seite der Revolution gestanden. Davon war bei vielen nichts zu spüren, die waren angepasst wie alle anderen.«

Krawczyk hat es geschafft, sich nach der Wende als Liedermacher und Schriftsteller zu etablieren. Von ihm sind etliche Bücher und CDs auf dem Markt. Nach wie vor begleitet er die gesellschaftliche Situation kritisch und ärgert sich über manche Entwicklungen wie zum Beispiel die Digitalisierung, die sich negativ auf die Sprache auswirke.

Im März erscheint von ihm eine neue CD. Einen Gedichtband hat er soeben abgeschlossen, für den er noch einen Verlag sucht. Außerdem liegen einige Manuskripte in der Schublade und warten auf ihre Veröffentlichung.

Sabine Kuschel

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Alles kann Gebet sein: Schweigen, singen, arbeiten

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete. Keines bleibt ohne Wirkung.

Das Gebet ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Für sehr viele Menschen – Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen – ist es fest in den Tagesablauf integriert. Ihnen gegenüber steht insbesondere in Deutschland eine hohe Zahl von Atheisten, Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch sogar sie schicken gelegentlich, wenn sie verzweifelt sind und nicht ein noch aus wissen, ein Stoßgebet zum Himmel. Für manche Christen wiederum ist es nicht selbstverständlich, regelmäßig zu beten. Und schon Paulus merkte, »denn wir wissen nicht, was wir beten sollen« (Römer 8,26 b).

Beten will geübt sein

Selbst die vermeintlichen Profis in Sachen Gebet, die Theologen und Pfarrer, haben zuweilen ihre Schwierigkeiten damit. »Ich bin kein Gebetomat, ich lasse mich ablenken, treiben«, so Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof für den Propstsprengel Stendal-Magdeburg. Er hat sich für den Gebetskalender der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) starkgemacht.

Der Gebetskalender, der abonniert werden kann, lädt Einzelne und Gemeinden ein, die darin formulierten Anliegen aufzunehmen und vor Gott zu bringen. Der Gebetskalender wird jeweils für zwei Monate veröffentlicht. Gestaltet wird er reihum von den Propsteien Gera-Weimar, Stendal-Magdeburg, Eisenach-Erfurt, Meiningen-Suhl, dem Reformierten Kirchenkreis, Halle-Wittenberg und dem Landeskirchenamt.

Wie Hackbeil erklärt, sammeln die Kirchenkreise ihre Vorschläge für Gebetsanliegen, die Superintendenten beraten darüber und treffen eine Auswahl. Die Anliegen nehmen die gesellschaftliche Situation auf sowie das, was die Landeskirche und die Propsteien beschäftigt, so der Theologe. Die Resonanz sei bislang gleichbleibend, wünschenswert wäre eine größere Beteiligung.

»Gebet bleibt nie ohne Wirkung, auch wenn ich sie nicht sehe«, ist Ulrike Köhler, Seelsorgerin im Kloster Volkenroda, überzeugt.

Gebete werden erhört

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

»Das ist manchmal unheimlich«, so die Erfahrung von Kirchenrat Andreas Möller, verantwortlich für Gemeindeentwicklung in der EKM. Als ihm vor etlichen Jahren die Pfarrstelle am Lutherhaus Jena angeboten wurde, lehnten er und seine Frau zunächst ab. »Es sprach vieles dagegen«, erzählt er. »Dann haben wir alle Bedenken im Gebet ausgesprochen und Gott gebeten, wenn er will, dass wir nach Jena gehen, soll er irgendetwas tun. Wir waren bestürzt, als sich im Laufe von etwa acht Wochen alle Probleme in Luft auflösten.«

Ebenso gibt es die Erfahrung, dass Gebete nicht erhört werden. Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat. Das wäre furchtbar, denn zuweilen wenden sich Menschen mit bösen, abwegigen, irrsinnigen Erwartungen an ihn. Manchmal könne das Gebet zu einer neuen Einsicht führen, ganz banal, wie es Ulrike Köhler beschreibt. Wenn sie eine Erkältung hat und darum bittet, gesund zu werden, dies aber nicht eintritt, frage sie sich, ob sie nur etwas mehr Geduld aufbringen und einfach nur stillhalten solle.

Aber auch schwer kranke Menschen bitten vergeblich um Heilung. In solchen Fällen fordere sie die Betreffenden auf, so Köhler, näher hinzuschauen und akzeptieren zu lernen, dass unser Leben endlich ist. Aus Sicht der Seelsorgerin eine zumutbare Aufforderung, »wenn wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen«. Sie ist sich sicher: »Wir haben einen Gott, der Wunder tut. Aber wir können nicht darüber verfügen, dass er Wunder tut.«

Beten lernen

Wie lernt ein Mensch beten? »Ich bin noch klein, mein Herz ist rein, es soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Amen« Unzählige Mütter haben ihren Kindern dieses Gebet beigebracht. Bestenfalls geht das Ritual so im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut über.

»Ich erinnere mich, wie die Eltern den festgelegten Gebeten freie Worte hinzufügten«, berichtet Andreas Möller. Diese freien Worte seien für ihn sehr eindrücklich gewesen, ehrlich und authentisch. Im Ferienlager, wenn er sich nach Hause sehnte, habe er sich darauf besonnen, den erlernten Gebeten freie Worte hinzuzusetzen.

Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete, um nur einige zu nennen.

In bestimmten Situationen sei es für Menschen, beispielsweise für Politiker, wichtig, wenn für sie gebetet wird, betont Hackbeil. »Es gehört zu unserem Auftrag, für die Obrigkeit zu beten statt Ratschläge zu geben.« Ebenso tröste es Kranke, wenn sie wissen, dass die Seelsorgerin sie in ihr Gebet einschließe. Persönlich schätze er das Gebet als große Hilfe im Leben. Es verbinde mit anderen Menschen, mit der Schöpfung. »Und es gibt mir Kraft, Dinge auszuhalten.«

Im Kloster Volkenroda wird täglich drei Mal zum Gebet eingeladen. 7.30 Uhr steht der Morgengottesdienst auf dem Programm, mittags das Gebet für Frieden und abends Fürbitten.

In einen inneren Dialog treten, ein Stoßgebet oder Schweigen, sich Gott nur hinhalten ohne Absichten – alles ist Gebet.

»Manche sagen, Gesang ist die höchste Form des Gebets«, ergänzt Andreas Möller. Mit dem Körper zu beten, etwa die Arme zu erheben, sei ebenfalls eine Möglichkeit, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen.

Zur hohen Schule gehört das Herzensgebet, ein immerwährendes Gebet, bei dem im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird: Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.

Und selbst die Arbeit könne Gebet sein, so Ulrike Köhler. Wenn ich in allem, was ich tue, Gott suche, sei das Gebet. »Ich bin Mitschöpfer, darf an Gottes Schöpfung mitgestalten.« Mit dieser inneren Ausrichtung könne das Arbeiten zum Gebet werden.

Sabine Kuschel

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Auf’s Kreuz gelegt

14. Januar 2018 von redaktionguh  
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Das lege ich Jesus auf’s Kreuz« – als vor etlichen Jahren eine junge Frau, die einer Freikirche angehört, sagte, sie lege grundsätzlich alle ihre Sorgen, die kleinen wie die großen, im Glauben, dass Jesus sie trägt, auf dessen Kreuz, dachte ich im ersten Moment: Sie macht es sich sehr einfach. Kurze Zeit später wurde ich bei einer Andacht in der Passionszeit eines Besseren belehrt.

In der Kapelle lag ein großes Kreuz und die Gäste waren aufgefordert, ihre Sorgen und Probleme »Jesus auf’s Kreuz zu legen«. Ich war durchaus skeptisch und zögerte zunächst. Schließlich beteiligte ich mich an dem Ritual, kniete nieder, legte die Stirn auf das Holz und vertraute im Gebet Jesu meine Sorgen an. Die Wirkung dieser Geste war verblüffend. Als ich mich wieder aufrichtete, hatte ich tatsächlich das untrügliche Gefühl, alles, was mich zuvor bedrückt hatte, war auf dem Holzkreuz zurückgeblieben.

Eine bemerkenswerte Erfahrung und ein Beweis, wie stark Rituale wirken können. Beten, religiöse Gesten und Handlungen wollen geübt sein. Katholiken sowie Christen in Freikirchen sind diesbezüglich geübter, weil für sie Rituale eine größere Rolle spielen als für uns Protestanten. Nicht zu Unrecht wird uns vorgehalten, zu »verkopft« zu sein. In jedem Fall lohnt es sich, einen Blick auf die Glaubenspraxis von Christen anderer Konfessionen zu werfen. Dass sie weniger Schwierigkeiten haben, auf andere Menschen zuzugehen, um von ihrem Glauben zu erzählen, und ansteckend wirken, betont auch das auf der Glaubenskonferenz »Mehr« in Augsburg verfasste Manifest Mission. Es geht auf die Notwendigkeit missionarischer Aktivitäten ein und fordert auf, den Glauben neu zu entdecken, ihn klar und mutig zu verkündigen.

Sabine Kuschel

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Der Mensch denkt …

26. November 2017 von redaktionguh  
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Als ich Montag früh nach dem Abbruch der Sondierungsgespräche hörte, dass die Kanzlerin sich einen Tag zum Nachdenken ausbedungen hatte, war mein erster Impuls ein Stoßgebet: Möge ihr Gott bei ihrer Entscheidung helfen. Es ist keineswegs verwunderlich, dass die Parteien mit so extrem unterschiedlichen Positionen keinen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Dass sie sich auf eine Gratwanderung begeben, war von Anfang an klar. Dennoch sah es so aus, als könnte der Spagat gelingen.

Was nun? Theoretisch sind vielleicht noch nicht alle Varianten für eine Regierungsbildung ausgeschlossen. Der Gedanke an Neuwahlen jedenfalls bereitet mir durchaus Kopfzerbrechen. Denn schon die Entscheidung im September war nicht leicht und würde es jetzt erst recht nicht.

»Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.« Dieser Vers 6 im 1. Korintherbrief 12 gehört zu meinen Lieblingsworten der Bibel. Aber was hat er mit der politischen Konstellation bei uns zu tun? Hier sind menschliches Verhandlungsgeschick, hohes Verantwortungsbewusstsein und politischer Weitblick gefragt. Außerdem: Gott hätte Wichtigeres zu tun. Warum sollte er sich um unser wohlhabendes, mit vielen Ressourcen ausgestattetes Land kümmern, während in anderen Regionen Menschen unfassbares Leid widerfährt? Verursacht von Menschen.

Ich weiß: Unsere Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart, sie webt sich zusammen und ist immer auch das Ergebnis des Wirkens von Menschen – verstrickt in Schuld. Und doch: Über dieser Erkenntnis und über all jenen Erfahrungen, die sich partout nicht erklären lassen, steht die Zusage: Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.«

Sabine Kuschel

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