Der Frieden im Kleinen

13. März 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Der Frieden ist ein schwieriges Geschäft. Umstritten ist, welche Wege zum Frieden führen oder mit welchen Mitteln er erreicht werden kann. Für Unfrieden in der Friedensbewegung sorgt die Personalie Uwe Steimle. Der prominente Dresdener Kabarettist und Schauspieler sollte Schirmherr der diesjährigen Ökumenischen Friedensdekade werden. Doch wenige Tage nach seiner Ernennung hatten die Initiatoren der Friedensdekade die Zusammenarbeit mit dem Humoristen aufgekündigt. Als Grund führen sie an, Steimle lasse keine eindeutige Distanz zu rechtspopulistischen Positionen beziehungsweise zur Pegida-Bewegung erkennen.

Ich vermag nicht einzuschätzen, ob Steimle, der als Kabarettist hohe Popularität genießt, die richtige Persönlichkeit für die Friedensdekade wäre. Was mir aber an dem Vorgang aufstößt, ist die Intoleranz. Hier beansprucht eine kleine Gruppe innerhalb der Friedensbewegung die Meinungshoheit. Nur weil Steimle, der von sich selbst sagt, er sei nicht rechts und habe mit beiden Stimmen links gewählt, im Verdacht steht, Sympathien für Pegida zu hegen, disqualifiziert ihn das für ein Friedensengagement.

So ist es also bestellt um die christliche Friedensbewegung in Deutschland. Nur wer hundertprozentig in das Schema passt, darf mitmachen. Wer jedoch eine Position vertritt, die nicht dem vermeintlichen Mainstream entspricht, wird ausgegrenzt. Diejenigen, die unter dem Deckmantel des Christlichen von anderen Toleranz einfordern, sind es selbst am wenigsten. Darüber sind zu Recht viele empört und üben harsche Kritik an der Friedensdekade. Der Vorgang zeigt einmal mehr – und das ist das Fatale an der Sache – dass die Toleranz auf der Strecke geblieben ist.

Sabine Kuschel

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Jetzt ist Schluss!

2. Februar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Wann ist Weihnachten vorbei? Je nachdem. Für die einen nach dem 2. Weihnachtsfeiertag, für die anderen am 6. Januar. In diesem Jahr endete die Weihnachtszeit am 27. Januar. Ab 2019 konstant am 2. Februar. Warum? Ein Blick in den kirchlichen Festkalender.

Was den Beginn der Weihnachtszeit anbetrifft, herrscht Klarheit. Wenn uns Mitte Oktober oder gar schon Ende September in den Supermärkten bunt eingewickelte Schokoladenweihnachtsmänner und Pfefferkuchenherzen anlachen, empören sich Christen: Das ist zu früh! Der Weihnachtsfestkreis beginnt am 1. Advent und nicht, wenn die Schokoladenindustrie und der Handel den Umsatz ankurbeln wollen.

So eindeutig der Beginn der Weihnachtszeit ist, so unterschiedlich sind die Auffassungen über deren Ende. Die meisten wissen nicht so recht, wann sie den Herrnhuter Stern und die Lichterketten abhängen sollen. Manche halten den Dreikönigstag am 6. Januar für das Ende von Weihnachten, andere Lichtmess am 2. Februar.

Richtig ist: Bisher markierte der Sonnabend vor dem Sonntag Septuagesimä das Ende der Weihnachtszeit, also jährlich zu einem anderen Zeitpunkt. Mit dem Kirchenjahr 2018/19 ändert sich diese Ordnung der evangelischen Kirchen, erklärt Professor Alexander Deeg, Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts in Leipzig. »Die Idee war, die Epiphanias- beziehungsweise Weihnachtszeit ›stabil‹ zu halten. Als Termin bot sich der 2. Februar an«, so der Theologieprofessor. Damit also jeder weiß, wann die erzgebirgischen Holzkrippen und die Lauschaer Glaskugeln in Kartons gehören, und der Termin nicht jährlich variiert, steht ab 2019 fest: Die Weihnachtszeit endet konstant am 2. Februar.

Weihnachten ist gegessen, der Osterhase steht in den Startlöchern … Fotos: Lars Koch–stock.adobe.com/Montage: Adrienne Uebbing

Weihnachten ist gegessen, der Osterhase steht in den Startlöchern … Fotos: Lars Koch–stock.adobe.com/Montage: Adrienne Uebbing

Die Termine für Weihnachten und Epiphanias stehen fest im Kalender: 25. Dezember und 6. Januar. Der Ostertermin aber ändert sich von Jahr zu Jahr. Er ist abhängig vom ersten Frühlingsvollmond, der in diesem Jahr am 31. März ist. Am Tag darauf, ein Sonntag, feiern wir Ostern. Der Ostersonntag ist immer der erste Sonntag nach dem Frühlingsvollmond. Der Frühlingsvollmond ist der erste Vollmond nach dem 20. März. Der Termin liegt jährlich zwischen dem 21. März und dem 19. April. Damit ist das frühestmögliche Osterdatum der 22. März, das späteste der 25. April. Wenn das Osterdatum variiert, entfallen unterschiedlich viele Sonntage auf die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern. Die sechs Passionssonntage vor Ostern wiederum – Invokavit, Reminiszere, Okuli, Lätare, Judika, Palmarum – stehen fest. Bisher gab es vor Invokavit drei feste Sonntage vor der Passionszeit: Septuagesimä, Sexagesimä und Estomihi.

Je nachdem, ob Ostern auf einen früheren oder späteren Termin fällt, dauert die Epiphaniaszeit mal länger, mal kürzer. Der letzte Sonntag nach Epiphanias, der die Weihnachtszeit abschließt, lag bisher immer vor Septuagesimä. Weihnachten endete also bisher am Sonnabend vor Septuagesimä. Das ist ab dem nächsten Kirchenjahr, das am 1. Advent 2018 beginnt, neu: Der Weihnachtsfestkreis schließt zu Lichtmess. Im Bewusstsein vieler Menschen ist der »Tag der Darstellung des Herrn« als Ende der Weihnachtszeit fest verankert. Das für diesen Tag vorgesehene Evangelium Lukas 2,22–24(25–35) berichtet, wie Jesus 40 Tage nach der Geburt in den Tempel gebracht wird, »um ihn dem Herrn darzustellen«.

Wie Alexander Deeg ergänzt, geht der Begriff Lichtmess zurück auf den mittelalterlichen Brauch, die bei Prozessionen und Umzügen mitgetragenen Kerzen zu weihen. In der Reformationszeit sei an Lichtmess als dem Abschluss des Weihnachtfestkreises festgehalten worden. Zudem kennzeichnete das Datum auch den Beginn des bäuerlichen Jahres. In vielen katholischen Gemeinden würde Lichtmess als das offizielle Ende der Weihnachtszeit angesehen, so der Theologe, auch wenn nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil Weihnachten bereits mit dem ersten Sonntag nach Epiphanias abschließt. Wenn nun auch für die evangelischen Kirchen Weihnachten mit Lichtmess seinen Abschluss findet, werde an ökumenische Traditionen angeknüpft. Und last not least, es wird in einer Zeit, in der alles beliebig ist, aber kaum jemand weiß, woran man sich halten kann, ein Fixpunkt gesetzt, der Orientierung schenkt.

Sabine Kuschel

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Spielball der Mächtigen

19. Januar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Das Jahr 1988 ist für Stephan Krawczyk ein denkwürdiges Jahr. Im Januar wurde der Liedermacher verhaftet, im Febuar in die Bundesrepublik abgeschoben.

Heute, mit der zeitlichen Distanz von 30 Jahren, ordnet er das Unrecht und Leid, das ihm in der DDR widerfahren ist, als eine Bereicherung ein. Es seien Erlebnisse, Erfahrungen, sagt er, über die er immer wieder aufgefordert werde zu berichten. Der Liedermacher Stephan Krawczyk, 1955 in Weida (Kirchenkreis Gera) geboren, war in der DDR ein erfolgreicher, beliebter Künstler. Nachdem er 1981 den Hauptpreis beim DDR-Chansonwettbewerb gewonnen hatte, stieg er in eine Künstlerriege auf, die viele Vorteile genoss. Der Künstler nutzte seine privilegierte Position, um auf die Probleme in der DDR aufmerksam zu machen.

Wegen seiner kritischen Texte wurde ihm die Zulassung als Berufsmusiker entzogen. Seine Heimat, die DDR, wo er sein Publikum hatte, wollte er jedoch nicht verlassen. Auftreten konnte der Künstler nur noch in Kirchen. Mit seinen Liedern wurde er Ende der 1980er-Jahre zu einer prominenten Persönlichkeit der DDR-Opposition.

1988 ist für ihn ein denkwürdiges Jahr. Am 17. Januar wurde er verhaftet, am 2. Februar in die Bundesrepublik abgeschoben.

»Vom DDR-Knast auf die Titelseite des Spiegels«, kommentiert er seine unfreiwillige Ankunft in der Bundesrepublik. Es sei für ihn persönlich und künstlerisch nicht leicht gewesen, sich zurechtzufinden. Gestört habe ihn, dass dem Geld eine so große Bedeutung beigemessen wurde, während in der DDR die Frage nach einem sinnerfüllten Leben wichtiger gewesen sei.

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Die Rolle der Kirche in der DDR sieht der Künstler heute kritisch. Als Symbolfigur des Widerstands gegen die Diktatur sei er damals als Spielball benutzt worden. »Es muss geklärt werden, was damals gewesen ist, welche Absprachen es zwischen Staat und Kirche gegeben hat.« Denn solange die Geschehnisse aus der Vergangenheit »nicht aufgeklärt werden«, kämen sie aller fünf oder zehn Jahre, jedes Mal, wenn ein Jubiläum ansteht, wieder hoch. Er ist mit der Aufarbeitung der kirchlichen Vergangenheit sehr unzufrieden.

Das Verhältnis der Kirche zum Staat in der DDR sei bis heute nicht geklärt worden. Es habe Ungereimtheiten gegeben, die aus seiner Sicht nach der Wende zu schnell bereinigt worden seien. Wie er sagt, gibt es noch vieles, über das bislang nicht gesprochen wurde. »Das ist eine Botschaft an die Oberen.« Krawczyk war froh und dankbar, dass er trotz seines Berufsverbots in Kirchen auftreten durfte und hier ein Forum und dankbares Publikum fand. »Kirche ist für mich ein Ort, an dem über die wesentlichen Dinge im Leben der Menschen gesprochen werden sollte. »Aber es wird heute immer so dargestellt, als hätten uns alle mit offenen Armen empfangen.« Es seien nur wenige gewesen, die ihm die Kirchentüren öffneten. »Die Kirche wird so hingestellt, als hätte sie auf der Seite der Revolution gestanden. Davon war bei vielen nichts zu spüren, die waren angepasst wie alle anderen.«

Krawczyk hat es geschafft, sich nach der Wende als Liedermacher und Schriftsteller zu etablieren. Von ihm sind etliche Bücher und CDs auf dem Markt. Nach wie vor begleitet er die gesellschaftliche Situation kritisch und ärgert sich über manche Entwicklungen wie zum Beispiel die Digitalisierung, die sich negativ auf die Sprache auswirke.

Im März erscheint von ihm eine neue CD. Einen Gedichtband hat er soeben abgeschlossen, für den er noch einen Verlag sucht. Außerdem liegen einige Manuskripte in der Schublade und warten auf ihre Veröffentlichung.

Sabine Kuschel

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Alles kann Gebet sein: Schweigen, singen, arbeiten

15. Januar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete. Keines bleibt ohne Wirkung.

Das Gebet ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Für sehr viele Menschen – Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen – ist es fest in den Tagesablauf integriert. Ihnen gegenüber steht insbesondere in Deutschland eine hohe Zahl von Atheisten, Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch sogar sie schicken gelegentlich, wenn sie verzweifelt sind und nicht ein noch aus wissen, ein Stoßgebet zum Himmel. Für manche Christen wiederum ist es nicht selbstverständlich, regelmäßig zu beten. Und schon Paulus merkte, »denn wir wissen nicht, was wir beten sollen« (Römer 8,26 b).

Beten will geübt sein

Selbst die vermeintlichen Profis in Sachen Gebet, die Theologen und Pfarrer, haben zuweilen ihre Schwierigkeiten damit. »Ich bin kein Gebetomat, ich lasse mich ablenken, treiben«, so Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof für den Propstsprengel Stendal-Magdeburg. Er hat sich für den Gebetskalender der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) starkgemacht.

Der Gebetskalender, der abonniert werden kann, lädt Einzelne und Gemeinden ein, die darin formulierten Anliegen aufzunehmen und vor Gott zu bringen. Der Gebetskalender wird jeweils für zwei Monate veröffentlicht. Gestaltet wird er reihum von den Propsteien Gera-Weimar, Stendal-Magdeburg, Eisenach-Erfurt, Meiningen-Suhl, dem Reformierten Kirchenkreis, Halle-Wittenberg und dem Landeskirchenamt.

Wie Hackbeil erklärt, sammeln die Kirchenkreise ihre Vorschläge für Gebetsanliegen, die Superintendenten beraten darüber und treffen eine Auswahl. Die Anliegen nehmen die gesellschaftliche Situation auf sowie das, was die Landeskirche und die Propsteien beschäftigt, so der Theologe. Die Resonanz sei bislang gleichbleibend, wünschenswert wäre eine größere Beteiligung.

»Gebet bleibt nie ohne Wirkung, auch wenn ich sie nicht sehe«, ist Ulrike Köhler, Seelsorgerin im Kloster Volkenroda, überzeugt.

Gebete werden erhört

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

»Das ist manchmal unheimlich«, so die Erfahrung von Kirchenrat Andreas Möller, verantwortlich für Gemeindeentwicklung in der EKM. Als ihm vor etlichen Jahren die Pfarrstelle am Lutherhaus Jena angeboten wurde, lehnten er und seine Frau zunächst ab. »Es sprach vieles dagegen«, erzählt er. »Dann haben wir alle Bedenken im Gebet ausgesprochen und Gott gebeten, wenn er will, dass wir nach Jena gehen, soll er irgendetwas tun. Wir waren bestürzt, als sich im Laufe von etwa acht Wochen alle Probleme in Luft auflösten.«

Ebenso gibt es die Erfahrung, dass Gebete nicht erhört werden. Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat. Das wäre furchtbar, denn zuweilen wenden sich Menschen mit bösen, abwegigen, irrsinnigen Erwartungen an ihn. Manchmal könne das Gebet zu einer neuen Einsicht führen, ganz banal, wie es Ulrike Köhler beschreibt. Wenn sie eine Erkältung hat und darum bittet, gesund zu werden, dies aber nicht eintritt, frage sie sich, ob sie nur etwas mehr Geduld aufbringen und einfach nur stillhalten solle.

Aber auch schwer kranke Menschen bitten vergeblich um Heilung. In solchen Fällen fordere sie die Betreffenden auf, so Köhler, näher hinzuschauen und akzeptieren zu lernen, dass unser Leben endlich ist. Aus Sicht der Seelsorgerin eine zumutbare Aufforderung, »wenn wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen«. Sie ist sich sicher: »Wir haben einen Gott, der Wunder tut. Aber wir können nicht darüber verfügen, dass er Wunder tut.«

Beten lernen

Wie lernt ein Mensch beten? »Ich bin noch klein, mein Herz ist rein, es soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Amen« Unzählige Mütter haben ihren Kindern dieses Gebet beigebracht. Bestenfalls geht das Ritual so im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut über.

»Ich erinnere mich, wie die Eltern den festgelegten Gebeten freie Worte hinzufügten«, berichtet Andreas Möller. Diese freien Worte seien für ihn sehr eindrücklich gewesen, ehrlich und authentisch. Im Ferienlager, wenn er sich nach Hause sehnte, habe er sich darauf besonnen, den erlernten Gebeten freie Worte hinzuzusetzen.

Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete, um nur einige zu nennen.

In bestimmten Situationen sei es für Menschen, beispielsweise für Politiker, wichtig, wenn für sie gebetet wird, betont Hackbeil. »Es gehört zu unserem Auftrag, für die Obrigkeit zu beten statt Ratschläge zu geben.« Ebenso tröste es Kranke, wenn sie wissen, dass die Seelsorgerin sie in ihr Gebet einschließe. Persönlich schätze er das Gebet als große Hilfe im Leben. Es verbinde mit anderen Menschen, mit der Schöpfung. »Und es gibt mir Kraft, Dinge auszuhalten.«

Im Kloster Volkenroda wird täglich drei Mal zum Gebet eingeladen. 7.30 Uhr steht der Morgengottesdienst auf dem Programm, mittags das Gebet für Frieden und abends Fürbitten.

In einen inneren Dialog treten, ein Stoßgebet oder Schweigen, sich Gott nur hinhalten ohne Absichten – alles ist Gebet.

»Manche sagen, Gesang ist die höchste Form des Gebets«, ergänzt Andreas Möller. Mit dem Körper zu beten, etwa die Arme zu erheben, sei ebenfalls eine Möglichkeit, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen.

Zur hohen Schule gehört das Herzensgebet, ein immerwährendes Gebet, bei dem im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird: Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.

Und selbst die Arbeit könne Gebet sein, so Ulrike Köhler. Wenn ich in allem, was ich tue, Gott suche, sei das Gebet. »Ich bin Mitschöpfer, darf an Gottes Schöpfung mitgestalten.« Mit dieser inneren Ausrichtung könne das Arbeiten zum Gebet werden.

Sabine Kuschel

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Auf’s Kreuz gelegt

14. Januar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Das lege ich Jesus auf’s Kreuz« – als vor etlichen Jahren eine junge Frau, die einer Freikirche angehört, sagte, sie lege grundsätzlich alle ihre Sorgen, die kleinen wie die großen, im Glauben, dass Jesus sie trägt, auf dessen Kreuz, dachte ich im ersten Moment: Sie macht es sich sehr einfach. Kurze Zeit später wurde ich bei einer Andacht in der Passionszeit eines Besseren belehrt.

In der Kapelle lag ein großes Kreuz und die Gäste waren aufgefordert, ihre Sorgen und Probleme »Jesus auf’s Kreuz zu legen«. Ich war durchaus skeptisch und zögerte zunächst. Schließlich beteiligte ich mich an dem Ritual, kniete nieder, legte die Stirn auf das Holz und vertraute im Gebet Jesu meine Sorgen an. Die Wirkung dieser Geste war verblüffend. Als ich mich wieder aufrichtete, hatte ich tatsächlich das untrügliche Gefühl, alles, was mich zuvor bedrückt hatte, war auf dem Holzkreuz zurückgeblieben.

Eine bemerkenswerte Erfahrung und ein Beweis, wie stark Rituale wirken können. Beten, religiöse Gesten und Handlungen wollen geübt sein. Katholiken sowie Christen in Freikirchen sind diesbezüglich geübter, weil für sie Rituale eine größere Rolle spielen als für uns Protestanten. Nicht zu Unrecht wird uns vorgehalten, zu »verkopft« zu sein. In jedem Fall lohnt es sich, einen Blick auf die Glaubenspraxis von Christen anderer Konfessionen zu werfen. Dass sie weniger Schwierigkeiten haben, auf andere Menschen zuzugehen, um von ihrem Glauben zu erzählen, und ansteckend wirken, betont auch das auf der Glaubenskonferenz »Mehr« in Augsburg verfasste Manifest Mission. Es geht auf die Notwendigkeit missionarischer Aktivitäten ein und fordert auf, den Glauben neu zu entdecken, ihn klar und mutig zu verkündigen.

Sabine Kuschel

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Der Mensch denkt …

26. November 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Als ich Montag früh nach dem Abbruch der Sondierungsgespräche hörte, dass die Kanzlerin sich einen Tag zum Nachdenken ausbedungen hatte, war mein erster Impuls ein Stoßgebet: Möge ihr Gott bei ihrer Entscheidung helfen. Es ist keineswegs verwunderlich, dass die Parteien mit so extrem unterschiedlichen Positionen keinen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Dass sie sich auf eine Gratwanderung begeben, war von Anfang an klar. Dennoch sah es so aus, als könnte der Spagat gelingen.

Was nun? Theoretisch sind vielleicht noch nicht alle Varianten für eine Regierungsbildung ausgeschlossen. Der Gedanke an Neuwahlen jedenfalls bereitet mir durchaus Kopfzerbrechen. Denn schon die Entscheidung im September war nicht leicht und würde es jetzt erst recht nicht.

»Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.« Dieser Vers 6 im 1. Korintherbrief 12 gehört zu meinen Lieblingsworten der Bibel. Aber was hat er mit der politischen Konstellation bei uns zu tun? Hier sind menschliches Verhandlungsgeschick, hohes Verantwortungsbewusstsein und politischer Weitblick gefragt. Außerdem: Gott hätte Wichtigeres zu tun. Warum sollte er sich um unser wohlhabendes, mit vielen Ressourcen ausgestattetes Land kümmern, während in anderen Regionen Menschen unfassbares Leid widerfährt? Verursacht von Menschen.

Ich weiß: Unsere Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart, sie webt sich zusammen und ist immer auch das Ergebnis des Wirkens von Menschen – verstrickt in Schuld. Und doch: Über dieser Erkenntnis und über all jenen Erfahrungen, die sich partout nicht erklären lassen, steht die Zusage: Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.«

Sabine Kuschel

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Der Trauer einen Raum geben

26. November 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Gesprächskreis für früh verwaiste Eltern

Ein Kind während der Schwangerschaft, unter der Geburt oder kurz danach zu verlieren, ist für die Eltern ein trauriges Ereignis. Darüber zu sprechen, war lange Zeit ein Tabu. Doch seit einigen Jahren entwickelt sich eine Gesprächs- und Trauerkultur, die den betroffenen Müttern und Vätern die Möglichkeit einräumt, über ihr Schicksal sprechen und trauern zu können. Das Team des Weimarer Sophien- und Hufeland-Klinikums lädt diese »früh verwaisten Eltern« alle zwei Monate jeweils am letzten Mittwoch eines Monats zu einem Gesprächskreis ein. Die in diesem Jahr initiierte Zusammenkunft – das erste Gespräch fand im September statt – gebe den Eltern die Möglichkeit zu trauern, betont Klinikseelsorgerin Dorothea Knetsch. Das sei wichtig, denn der Tod eines früh verlorenen Kindes begleite die Eltern zeitlebens.

Für Kinder, die weniger als 500 Gramm wiegen und vor oder während der Geburt sterben, besteht keine Bestattungspflicht. Dennoch bietet das Sophien- und Hufeland-Klinikum für diese sogenannten Sternenkinder drei Mal jährlich eine anonyme Bestattung an. Die Zahl der Fehl- und Totgeburten – Kinder unter 500 Gramm ohne Vitalzeichen – beträgt in der Weimarer Klinik im Jahr etwa 90 bis 100. »Das sind beispielweise Kinder, die schwer erkrankt sind, sich nicht weiterentwickeln und im Mutterleib versterben«, erklärt Astrid Preuß, Eltern- und Patientenberaterin am Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar. Oder Fehlgeburten, die sich in einer sehr frühen Schwangerschaftswoche ereignen. »Manchmal hört das kindliche Herz in einer weiter fortgeschrittenen Schwangerschaftswoche auf zu schlagen«, schildert Astrid Preuß mögliche Ursachen für den frühen Tod der kleinen Lebewesen.

Ob Eltern in einer frühen oder fortgeschrittenen Schwangerschaftswoche ihr Kind verlieren – immer sei das für Eltern schwer zu bewältigen. Die anonyme Bestattung auf dem Friedhof helfe ihnen, den Schmerz und die Trauer zu verarbeiten. »Sie erleben, ihr Kind wird würdevoll bestattet.«

Die Bestattung beginnt mit einer Andacht in der Kapelle, beschreibt Dorothea Knetsch. Danach wird der Kindersarg zur Grabstätte getragen. Für die Eltern sei es wichtig, zu wissen, wo ihr Kind begraben liegt, und dass sie diesen Ort der Trauer besuchen können.

An der Gesprächsrunde im September nahmen Mütter und Väter teil, die vor zwei bis drei Jahren ihr Kind verloren hatten. Nach einem Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke hatten sie die Gelegenheit, den Namen ihres verstorbenen Kindes zu nennen. Ein wichtiges Ritual, meint die Seelsorgerin, denn die Namensnennung helfe bei der aktiven Auseinandersetzung mit dem Tod des Kindes. Beide Mitarbeiterinnen des Weimarer Klinikums, Dorothea Knetsch und Astrid Preuß, sind froh, dass es nun auch in Weimar eine Begegnungsmöglichkeit für Betroffene gibt. Sie heißen »früh verwaiste Eltern« zu dem Gesprächskreis willkommen. Das nächste Treffen ist am 29. November, 19.30 Uhr, in der Caféteria des Sophienhauses, Trierer Straße 2 a, in Weimar.

Sabine Kuschel

Kontakt:
Dorothea Knetsch, Mobil (01 71) 7 14 95 88, E-Mail <d.knetsch@klinikum-weimar.de>;
Astrid Preuß, Telefon (0 36 43) 57 16 00, E-Mail <a.preuss@klinikum-weimar.de>

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Hier bleibe ich keine 14 Tage«

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Porträt: Axel Kramme, Rektor der Stiftung Sophienhaus

Es ist ein trüber, nebeliger Novembertag 1975, an dem Axel Kramme das erste Mal – damals als Krankenpflegeschüler – das Weimarer Sophienstift betritt. Als er den dunklen, spärlich beleuchteten Gang entlanggeht, denkt er: »Hier bleibe ich keine 14 Tage.« Doch aus den 14 Tagen sind inzwischen 42 Jahre geworden. In dem Raum, in dem er einst als Krankenpflegeschüler begann, sitzt er noch heute – als Rektor und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Sophienhaus Weimar, 1875 gegründet.

Die verzweigte Einrichtung ist nicht leicht zu überschauen. Der Rektor erklärt: »Die Stiftung hat zwei Töchter, das Sophien- und Hufelandklinikum und die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein.« Die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein besteht seit 2009. Sie zählt zu den größten Diakonieträgern in Thüringen. Mehr als 120 Einrichtungen bieten »alle Dienste von der Wiege bis zur Bahre«, wie es Kramme umschreibt, also zu ihr gehören unter anderem Kindertagesstätten, Werkstätten für Menschen mit Behinderung, Schulen und Altenheime. Partner der Stiftung Sophienhaus Weimar sind die Evangelische Stiftung Christophorushof in Altengesees, das Michaelisstift Gefell und die Diakonie Stetten.

Die Stiftung Sophienhaus Weimar ist eine anerkannte diakonische Einrichtung, ein großes Unternehmen. »An dieser Entwicklung hat Axel Kramme großen Anteil«, betont Henrich Herbst, Superintendent im Kirchenkreis Weimar. Anerkennenswert sei, dass aus dem Sophienhaus ein modernes Versorgungskrankenhaus geworden ist, das größte konfessionelle in Thüringen, so Herbst. In der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein sind 2 200 Mitarbeiter beschäftigt, im Krankenhaus arbeiten etwa 1 000 Menschen.

Die Geschichte der Stiftung Sophienhaus ist eine von Wachstum und Expansion, die Axel Kramme maßgeblich mitgestaltet hat. Ein Meilenstein war 1998 die Zusammenführung des städtischen und diakonischen Krankenhauses in Weimar, bei der es galt, unterschiedliche Kulturen miteinander zu verbinden. Einige Jahre später jedoch verkauft die Stadt ihre Anteile und steigt aus dem Projekt Krankenhaus aus. Um das Haus als evangelisches weiterführen zu können, wird das Marienstift Arnstadt zu 50 Prozent Mitinhaber. Auf dem Gelände des Sophienhauses entstehen ein Altenhilfezentrum und eine Schule für geistig behinderte Kinder, die Johannes-Landenberger-Schule.

Rektor Axel Kramme in seinem Büro. Vor über 40 Jahren saß er hier erstmals, als Krankenpflegeschüler. Foto: Sabine Kuschel

Rektor Axel Kramme in seinem Büro. Vor über 40 Jahren saß er hier erstmals, als Krankenpflegeschüler. Foto: Sabine Kuschel

Axel Kramme ist 1957 in Friedrichroda geboren. Im Jugendalter prophezeite ihm ein Theologe, dass er später Pfarrer würde. Damals denkt Kramme: »Der spinnt.« Er wird Diakon. Bei diesem Beruf schwebt ihm ein Mann vor, der mit Gitarre, langhaarig und Pfeife rauchend unterwegs ist – ein Gegenbild zur FDJ. Voraussetzung für die Diakonenausbildung ist ein »handfester« Beruf, also entscheidet er sich für die Krankenpflege. Weil er den Wehrdienst verweigert, kommt er im Herbst 1975 an das evangelische Sophienhaus Weimar. Nach der Krankenpflegerausbildung leistet er Wehrersatzdienst als Bausoldat, danach studiert er an der Predigerschule in Erfurt Theologie. Nach einer kurzen Station im Pfarramt kehrt er zurück ins Sophienhaus. Seit 1996 ist er Rektor und Vorstandsvorsitzender.

»Es gab immer Menschen, die es mir zugetraut haben, eine größere Aufgabe zu übernehmen«, sagt er. Und an jeder Entwicklungsstufe habe er vor dem »Kairos« gestanden, dem günstigen Zeitpunkt für Entscheidungen. Als Leiter eines großen Unternehmens gibt es viele Entscheidungen zu treffen. Zugute komme ihm in dieser Position, dass er sehr lange und mit viel Geduld zuhören und schweigen könne.

Irgendwann ist es dann Zeit, auf den Punkt zu kommen. Er schätzt sich als entscheidungsfreudig ein, nach entsprechender Bedenkzeit zögert er nicht, Entscheidungen zu treffen und umzusetzen.

Fehlentscheidungen? Gibt es nach seinen Worten. Geht es ums Personal, sei es nicht immer leicht, die richtige Wahl zu treffen. Wenn sich jedoch herausstellt, dass eine Stelle falsch besetzt wurde, bemühe er sich konsequent, den Schritt rückgängig zu machen.

Was sind die Herausforderungen der nächsten Jahre? Der Geist der diakonischen, der christlichen Einrichtung soll spürbar bleiben. Bei den Mitarbeitern, die keinen kirchlichen Hintergrund haben, gehe es nicht darum, zu missionieren, wohl aber, ihnen die christlichen Grundlagen und Werte nahezubringen. Unabhängig davon, ob sie der Kirche beitreten oder nicht, »sollen sie positive Erfahrungen mit dem Christentum machen«.

Sabine Kuschel

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Ihr gedachtet es böse zu machen

25. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Christen in der DDR: Elly Lange gerät in der DDR als Schuldirektorin in Konflikt mit der SED-Ideologie. Ihr beruflicher Weg bricht abrupt ab. Die Folgen begleiten die 92-Jährige bis heute.

Wenn Elly Lange (Jahrgang 1925) auf ihr Leben zurückblickt und sich dabei an das erlittene Unrecht in der DDR erinnert, greift sie immer wieder auf ihre schriftlichen Ausführungen zurück. Sie helfen ihr, Gedächtnislücken zu schließen. In der Vergangenheit hat sie im Schreiben ein Ventil gefunden. Dramatische Situationen, einschneidende Ereignisse hat sie schriftlich festgehalten und sich damit den Schmerz von der Seele geschrieben, die Erschütterungen abgefangen.

Der berufliche Weg der 92-Jährigen ist in der DDR abrupt abgebrochen. Die Folgen begleiten sie bis heute. Elly Langes berufliche Laufbahn beginnt mit der Lehrerausbildung von 1942–1944. »Die ganze Klasse wurde – wir waren 18 Jahre alt – in die NSDAP überführt.« Als sie nach dem Kriegsende in den Schuldienst eintreten will, wird ihr nahegelegt, dass dies nur möglich sei, wenn sie einer antifaschistischen Partei beitritt. Sie wird Mitglied der SED, überzeugt von deren Idealen. »Ich glaubte an einen humanistischen Sozialismus.« Mit dieser Einstellung steht ihr in der DDR eine berufliche Karriere an der Schule offen. 1952 bekommt sie einen Vertrag als Schuldirektorin – und schon gerät sie in den ersten schweren Konflikt. Bei einer Festveranstaltung soll sie auf der Bühne verlesen, »dass wir auch mit der Waffe unseren Aufbau in der DDR verteidigen würden«. Das will sie nicht, sie gibt die Schulleitung ab, arbeitet als Lehrerin.

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Der nächste Konflikt folgt einige Jahre später. 1958 wird sie kommissarisch zur Parteisekretärin ernannt. Es ist die Zeit, in der die DDR-Regierung mit der Einführung der Jugendweihe einen harten Kampf gegen die Kirche führt. Eine Kollegin – Genossin – soll fristlos entlassen werden, weil sie sich auf die Seite der christlichen Schüler gestellt hatte. Elly Lange soll als Parteisekretärin diesen Vorgang leiten. »Die Stunde meiner Entscheidung.« Sie solidarisiert sich als Christin mit ihrer Kollegin und verkündet: »Ich erkenne, dass ich nicht in die Partei gehöre.« Die Mitgliedschaft ist damit noch nicht beendet, aber: »Das war ein Durchbruch zu innerer Freiheit, den ich als Hochgefühl erlebte. Ich konnte nach Depressionen und schlaflosen Nächten wunderbar schlafen, erkannte aber, dass ich keinen Boden mehr hatte in dem, was mich bislang trug.«

Sie kündigt und will der Familie Priorität geben. Eine ganz private Entscheidung, forciert durch persönliche Schicksalsschläge: Zwei Fehlgeburten, eines der Kinder lebte einige Stunden und starb. Sie will Abstand gewinnen und sie wünscht sich ein Kind. Sie und ihr Mann adoptieren einen kleinen Jungen, anderthalb Jahre alt. Als dieser fünf Jahre alt ist, reicht ihr Mann die Scheidung ein. Sie kehrt zurück in den Schuldienst.

Ihr Sohn kommt in die Schule, wo sich zeigt, dass er trotz normaler Intelligenz Schwierigkeiten hat. Sie will eine gute Mutter sein, fühlt sich aber alleinerziehend überfordert, sucht nach einem Ausweg. »Menschenskind«, denkt sie eines Abends, »es muss doch nicht der Lehrerberuf sein!« Sie entdeckt ein Inserat, das ihr wie ein Lichtblitz erscheint, und folgt ihm: Sie erlernt die Fußpflege. Sie scheidet aus dem Schuldienst und löst ihre Mitgliedschaft zur SED wegen ihres christlichen Glaubens – eine folgenschwere Entscheidung. Eigentlich wollte sie nach der Ausbildung teilweise als Fußpflegerin arbeiten und daneben Vertretungsdienste in der Schule übernehmen. Doch die Tür zur Schule ist verschlossen. Auf dem Schulamt wird ihr ein Papier gezeigt, in dem zu lesen ist, dass sie wegen ihrer »psychopathischen Konstitution« im gesamten Bereich der Volksbildung von einer Anstellung ausgeschlossen sei.

Sie beginnt in einem Kinderheim als Küchenhilfe. »Es war gut für mich, vom Obergeschoss runterzukommen«, schätzt sie heute selbstkritisch ein. Ehemalige Lehrerkollegen fragen: Wo bist du hingeraten? Von der Schuldirektorin zur Küchenhilfe! Eine Kollegin empfiehlt sie als Fürsorgerin im Gesundheitswesen. Bei einer Vorstellung sagt man ihr, sie müsse zuvor einen mittleren medizinischen Beruf erlernen. Die Frage, ob sie auch zu alten Menschen gehen würde, bejaht sie. So landet sie in einem Pflegeheim mit katastrophalen Zuständen. »Der 1. August 1968 ist für mich ein Schicksalstag. Er führte in ein anderes Leben«, hält sie in ihren Aufzeichnungen fest.

Die Schuldirektorin, hochqualifiziert, der nach dem Parteiaustritt und ihrem Bekenntnis zum christlichen Glauben eine psychopathische Konstitution angehängt wird, verschlägt es in ein abbruchreifes Pflegeheim mit schockierenden Missständen!

»Die größte Herausforderung meines Lebens!« Sie stellt sich ihr. Packt kräftig zu, stemmt sich gegen den Schlendrian, will die Not der hilfsbedürftigen alten Menschen lindern. Sie eckt an. Doch sie verbucht auch Erfolge. Nach einer Eingabe an den Staatsrat der DDR, in der sie menschenwürdige Bedingungen für Heimbewohner und Personal einklagt, wird das Pflegeheim abgerissen. Sie kommt auf eine andere Station, wo sie unter besseren Bedingungen arbeiten kann. Ein Ende des Unrechts, der Demütigungen und der Schikanen? Dazu ist ein Obergutachten nötig, welches die psychopathische Konstitution als nichtig erklären und ihr damit die Fähigkeit für den Schuldienst bescheinigen soll.

Sie bekommt dieses Obergutachten, das ihr die Tür zur Schule wieder öffnen soll. Sie tut es bedingt. Ihr wird eine Anstellung als Erzieherin für stationär betreute Kinder in der Nervenklinik mit einem Gehalt von 1 000 DDR-Mark angeboten. Ihr bisheriger Verdienst auf der Pflegestation beträgt 250 Mark. Dennoch: Sie lehnt ab.

Hier in etwa endet die böse Phase ihrer Verfolgung in der DDR. Nach dem Beruflichen Rehabilitierungsgesetz wird ihr die Zeit vom 1. März 1968 bis 31. Dezember 1970 als Verfolgungszeit angerechnet.

Die DDR ist indes noch lange nicht an ihr Ende gekommen. Elly Lange bezeichnet ihre Entscheidung, weiterhin sozial tätig zu bleiben, als eine Sternstunde ihres Lebens. Sie glaubt, ihre Berufung erkannt und Gottes Wille befolgt zu haben. Und nach dem erlittenen Unrecht kann sie sagen: Die Menschen wollten es böse machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. (1. Mose 50,20)

Nichtsdestotrotz bekommt sie mit dieser gebrochenen Berufsbiografie nur eine geringe Rente. Wäre sie Lehrerin oder Schuldirektorin geblieben, würde diese vermutlich höher ausfallen.

2011 soll die Miete um zehn Euro erhöht werden. Bei einer Rente in Höhe von 661 Euro ist das für sie viel Geld. Doch es geschieht etwas Überraschendes. Ein Pfarrer im Westen – er hatte den 2010 im MDR gezeigten Film »Der Mut der Anständigen« gesehen, in dem auch Elly Lange auftrat, meldet sich. Der Theologe ist von dem Schicksal dieser resoluten Frau so berührt, dass er ihr helfen will. Monatlich bekommt sie eine finanzielle Unterstützung von ihm – über seinen Tod hinaus. »Das große Wunder meines Lebens.«

Sabine Kuschel

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Die Taufe – kostbares Geschenk

25. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Warum lassen Eltern ihr Kind taufen, warum begehren Erwachsene die Taufe? Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Taufe ist kein Talisman und viel mehr als ein schönes Familienfest.

Die Taufe begründet die Gemeinschaft zwischen dem Täufling und Jesus Christus und sie stellt den Täufling damit zugleich in die Gemeinschaft der Getauften, der christlichen Gemeinde. Aber die Gemeinde lebt in einer säkularen Gesellschaft, in der die meisten Menschen nicht getauft sind. Selbst in Familien, in denen zumindest ein Ehepartner der Kirche angehört, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Kinder getauft werden. Nicht die alten Menschen, die sterben, seien der hauptsächliche Grund für den Mitgliederschwund der Kirche. Viel mehr ins Gewicht falle, dass Kinder aus Familien mit mindestens einem konfessionell gebundenen Elternteil nicht getauft würden. Diese Erkenntnis habe ihn aufgerüttelt, sagt der Weimarer Pfarrer Sebastian Kircheis. Und – zum Nachdenken und Handeln inspiriert.

Mit Elbewasser getauft: Im Fluss bei Dessau-Roßlau taufte Pfarrer Stephan Grötzsch von der Christusgemeinde Großkühnau-Ziebigk am Sonntag den kleinen Leonard Lanfer – sicher gehalten von seinem Onkel und Paten Andreas Lanfer – gemeinsam mit drei weiteren Kindern und einem Jugendlichen. Foto: Lutz Sebastian

Mit Elbewasser getauft: Im Fluss bei Dessau-Roßlau taufte Pfarrer Stephan Grötzsch von der Christusgemeinde Großkühnau-Ziebigk am Sonntag den kleinen Leonard Lanfer – sicher gehalten von seinem Onkel und Paten Andreas Lanfer – gemeinsam mit drei weiteren Kindern und einem Jugendlichen. Foto: Lutz Sebastian

Um der Traditionsvergessenheit etwas entgegenzusetzen und um Kontakt herzustellen zu Menschen, die nur eine lose oder gar keine Verbindung zur Kirchengemeinde halten, ist in Weimar ein Programm entwickelt worden: Wenn ein Kind geboren wird, erhalten die Eltern einen Brief, der ihnen signalisiert: Kirche ist für Sie da, wenn Sie es wünschen. Im nächsten Jahr werden die Eltern der nun ein- bis zweijährigen Kinder erneut angeschrieben und zu einem Vormittag in der Kirchengemeinde eingeladen, an dem über ein Thema, etwa über frühkindliche Erziehung, gesprochen wird. Im dritten Jahr folgt die Einladung zu einem Tauf- oder Tauf­erinnerungsfest. Ein solches wurde in Weimar vergangenen Sonntag gefeiert.

Christen sind in der säkularen Gesellschaft eine Minderheit. Wenn Eltern ihr Kind taufen lassen wollen, stehen sie häufig vor einer Schwierigkeit. Wer soll Pate sein? Im Freundes- und Bekanntenkreis findet sich niemand, der Mitglied einer christlichen Kirche ist. Wenn niemand für das Patenamt infrage kommt, kann dies ein Kirchenältester, ein Gemeindemitglied übernehmen. »Theoretisch, vom Neuen Testament her die beste Lösung«, meint Pfarrer Matthias Ansorg vom Amt für Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Aber doch nicht so praktikabel, da meistens die persönliche Beziehung fehle.

In Weimar hat sich eine andere Variante etabliert: das Taufzeugenamt. Für Menschen, die nicht christlich getauft sind, aber die für das Kind Verantwortung übernehmen wollen. »Es geht dabei auch um das Wohl des Kindes«, betont Pfarrer Hardy Rylke. Es fehle zwar das Element der christlichen Unterweisung. »Aber ich vertraue dem Heiligen Geist«, sagt der Pfarrer. »Wir taufen in die Gemeinde. Eltern, die ihr Kind taufen lassen, tun dies nicht ohne Grund. Ich vertraue darauf, dass die Gemeinschaft der Getauften trägt.«

Warum lassen Eltern ihr Kind taufen, warum begehren Erwachsene die Taufe? Die Spannbreite, warum Menschen ihre Kinder oder sich selbst taufen lassen, ist groß. Manche sehen darin so etwas wie einen Talisman, der vor Gefahren schützt. Von dieser Erfahrung berichtet beispielsweise Barbara Reichert, Militärpfarrerin in Sondershausen. Wie sie sagt, lassen sich bei fast jedem Auslandseinsatz Soldaten taufen. Die Soldaten seien bei Einsätzen in Krisengebieten auf der Suche, sie treffen wichtige Entscheidungen im Angesicht lebensbedrohlicher Gefahren, sie fragen nach Schutz, Begleitung und Segen. In der Taufe sehen sie dies.

»Die Gründe für das Taufbegehren sind so vielfältig wie die Welt«, so die Beobachtung von Pfarrer Rylke. Er kennt Eltern, die selbst nicht konfessionell gebunden sind und dennoch für ihr Kind die Taufe wollen. »In dem Falle ist ein christlicher Pate wichtig«, bemerkt Rylke. Mitunter steht einfach der Wunsch nach einem schönen Familienfest im Vordergrund. Oder die existenziellen Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Schuld und Tod brechen sich Bahn, wie es die Militärseelsorgerin des Öfteren erlebt.

Die Taufe ist kein Talisman und sie ist viel mehr als ein schönes Familienfest. »Ich sage immer, sie ist das kostbarste Geschenk«, so Rylke. Das Sakrament der Taufe begründet die Gemeinschaft mit Jesus Christus und eröffnet im Angesicht von Schuld und Tod eine neue Lebensperspektive im Glauben.

Sabine Kuschel

nächste Seite »