»Hier bleibe ich keine 14 Tage«

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Porträt: Axel Kramme, Rektor der Stiftung Sophienhaus

Es ist ein trüber, nebeliger Novembertag 1975, an dem Axel Kramme das erste Mal – damals als Krankenpflegeschüler – das Weimarer Sophienstift betritt. Als er den dunklen, spärlich beleuchteten Gang entlanggeht, denkt er: »Hier bleibe ich keine 14 Tage.« Doch aus den 14 Tagen sind inzwischen 42 Jahre geworden. In dem Raum, in dem er einst als Krankenpflegeschüler begann, sitzt er noch heute – als Rektor und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Sophienhaus Weimar, 1875 gegründet.

Die verzweigte Einrichtung ist nicht leicht zu überschauen. Der Rektor erklärt: »Die Stiftung hat zwei Töchter, das Sophien- und Hufelandklinikum und die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein.« Die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein besteht seit 2009. Sie zählt zu den größten Diakonieträgern in Thüringen. Mehr als 120 Einrichtungen bieten »alle Dienste von der Wiege bis zur Bahre«, wie es Kramme umschreibt, also zu ihr gehören unter anderem Kindertagesstätten, Werkstätten für Menschen mit Behinderung, Schulen und Altenheime. Partner der Stiftung Sophienhaus Weimar sind die Evangelische Stiftung Christophorushof in Altengesees, das Michaelisstift Gefell und die Diakonie Stetten.

Die Stiftung Sophienhaus Weimar ist eine anerkannte diakonische Einrichtung, ein großes Unternehmen. »An dieser Entwicklung hat Axel Kramme großen Anteil«, betont Henrich Herbst, Superintendent im Kirchenkreis Weimar. Anerkennenswert sei, dass aus dem Sophienhaus ein modernes Versorgungskrankenhaus geworden ist, das größte konfessionelle in Thüringen, so Herbst. In der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein sind 2 200 Mitarbeiter beschäftigt, im Krankenhaus arbeiten etwa 1 000 Menschen.

Die Geschichte der Stiftung Sophienhaus ist eine von Wachstum und Expansion, die Axel Kramme maßgeblich mitgestaltet hat. Ein Meilenstein war 1998 die Zusammenführung des städtischen und diakonischen Krankenhauses in Weimar, bei der es galt, unterschiedliche Kulturen miteinander zu verbinden. Einige Jahre später jedoch verkauft die Stadt ihre Anteile und steigt aus dem Projekt Krankenhaus aus. Um das Haus als evangelisches weiterführen zu können, wird das Marienstift Arnstadt zu 50 Prozent Mitinhaber. Auf dem Gelände des Sophienhauses entstehen ein Altenhilfezentrum und eine Schule für geistig behinderte Kinder, die Johannes-Landenberger-Schule.

Rektor Axel Kramme in seinem Büro. Vor über 40 Jahren saß er hier erstmals, als Krankenpflegeschüler. Foto: Sabine Kuschel

Rektor Axel Kramme in seinem Büro. Vor über 40 Jahren saß er hier erstmals, als Krankenpflegeschüler. Foto: Sabine Kuschel

Axel Kramme ist 1957 in Friedrichroda geboren. Im Jugendalter prophezeite ihm ein Theologe, dass er später Pfarrer würde. Damals denkt Kramme: »Der spinnt.« Er wird Diakon. Bei diesem Beruf schwebt ihm ein Mann vor, der mit Gitarre, langhaarig und Pfeife rauchend unterwegs ist – ein Gegenbild zur FDJ. Voraussetzung für die Diakonenausbildung ist ein »handfester« Beruf, also entscheidet er sich für die Krankenpflege. Weil er den Wehrdienst verweigert, kommt er im Herbst 1975 an das evangelische Sophienhaus Weimar. Nach der Krankenpflegerausbildung leistet er Wehrersatzdienst als Bausoldat, danach studiert er an der Predigerschule in Erfurt Theologie. Nach einer kurzen Station im Pfarramt kehrt er zurück ins Sophienhaus. Seit 1996 ist er Rektor und Vorstandsvorsitzender.

»Es gab immer Menschen, die es mir zugetraut haben, eine größere Aufgabe zu übernehmen«, sagt er. Und an jeder Entwicklungsstufe habe er vor dem »Kairos« gestanden, dem günstigen Zeitpunkt für Entscheidungen. Als Leiter eines großen Unternehmens gibt es viele Entscheidungen zu treffen. Zugute komme ihm in dieser Position, dass er sehr lange und mit viel Geduld zuhören und schweigen könne.

Irgendwann ist es dann Zeit, auf den Punkt zu kommen. Er schätzt sich als entscheidungsfreudig ein, nach entsprechender Bedenkzeit zögert er nicht, Entscheidungen zu treffen und umzusetzen.

Fehlentscheidungen? Gibt es nach seinen Worten. Geht es ums Personal, sei es nicht immer leicht, die richtige Wahl zu treffen. Wenn sich jedoch herausstellt, dass eine Stelle falsch besetzt wurde, bemühe er sich konsequent, den Schritt rückgängig zu machen.

Was sind die Herausforderungen der nächsten Jahre? Der Geist der diakonischen, der christlichen Einrichtung soll spürbar bleiben. Bei den Mitarbeitern, die keinen kirchlichen Hintergrund haben, gehe es nicht darum, zu missionieren, wohl aber, ihnen die christlichen Grundlagen und Werte nahezubringen. Unabhängig davon, ob sie der Kirche beitreten oder nicht, »sollen sie positive Erfahrungen mit dem Christentum machen«.

Sabine Kuschel

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Ihr gedachtet es böse zu machen

25. September 2017 von redaktionguh  
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Christen in der DDR: Elly Lange gerät in der DDR als Schuldirektorin in Konflikt mit der SED-Ideologie. Ihr beruflicher Weg bricht abrupt ab. Die Folgen begleiten die 92-Jährige bis heute.

Wenn Elly Lange (Jahrgang 1925) auf ihr Leben zurückblickt und sich dabei an das erlittene Unrecht in der DDR erinnert, greift sie immer wieder auf ihre schriftlichen Ausführungen zurück. Sie helfen ihr, Gedächtnislücken zu schließen. In der Vergangenheit hat sie im Schreiben ein Ventil gefunden. Dramatische Situationen, einschneidende Ereignisse hat sie schriftlich festgehalten und sich damit den Schmerz von der Seele geschrieben, die Erschütterungen abgefangen.

Der berufliche Weg der 92-Jährigen ist in der DDR abrupt abgebrochen. Die Folgen begleiten sie bis heute. Elly Langes berufliche Laufbahn beginnt mit der Lehrerausbildung von 1942–1944. »Die ganze Klasse wurde – wir waren 18 Jahre alt – in die NSDAP überführt.« Als sie nach dem Kriegsende in den Schuldienst eintreten will, wird ihr nahegelegt, dass dies nur möglich sei, wenn sie einer antifaschistischen Partei beitritt. Sie wird Mitglied der SED, überzeugt von deren Idealen. »Ich glaubte an einen humanistischen Sozialismus.« Mit dieser Einstellung steht ihr in der DDR eine berufliche Karriere an der Schule offen. 1952 bekommt sie einen Vertrag als Schuldirektorin – und schon gerät sie in den ersten schweren Konflikt. Bei einer Festveranstaltung soll sie auf der Bühne verlesen, »dass wir auch mit der Waffe unseren Aufbau in der DDR verteidigen würden«. Das will sie nicht, sie gibt die Schulleitung ab, arbeitet als Lehrerin.

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Der nächste Konflikt folgt einige Jahre später. 1958 wird sie kommissarisch zur Parteisekretärin ernannt. Es ist die Zeit, in der die DDR-Regierung mit der Einführung der Jugendweihe einen harten Kampf gegen die Kirche führt. Eine Kollegin – Genossin – soll fristlos entlassen werden, weil sie sich auf die Seite der christlichen Schüler gestellt hatte. Elly Lange soll als Parteisekretärin diesen Vorgang leiten. »Die Stunde meiner Entscheidung.« Sie solidarisiert sich als Christin mit ihrer Kollegin und verkündet: »Ich erkenne, dass ich nicht in die Partei gehöre.« Die Mitgliedschaft ist damit noch nicht beendet, aber: »Das war ein Durchbruch zu innerer Freiheit, den ich als Hochgefühl erlebte. Ich konnte nach Depressionen und schlaflosen Nächten wunderbar schlafen, erkannte aber, dass ich keinen Boden mehr hatte in dem, was mich bislang trug.«

Sie kündigt und will der Familie Priorität geben. Eine ganz private Entscheidung, forciert durch persönliche Schicksalsschläge: Zwei Fehlgeburten, eines der Kinder lebte einige Stunden und starb. Sie will Abstand gewinnen und sie wünscht sich ein Kind. Sie und ihr Mann adoptieren einen kleinen Jungen, anderthalb Jahre alt. Als dieser fünf Jahre alt ist, reicht ihr Mann die Scheidung ein. Sie kehrt zurück in den Schuldienst.

Ihr Sohn kommt in die Schule, wo sich zeigt, dass er trotz normaler Intelligenz Schwierigkeiten hat. Sie will eine gute Mutter sein, fühlt sich aber alleinerziehend überfordert, sucht nach einem Ausweg. »Menschenskind«, denkt sie eines Abends, »es muss doch nicht der Lehrerberuf sein!« Sie entdeckt ein Inserat, das ihr wie ein Lichtblitz erscheint, und folgt ihm: Sie erlernt die Fußpflege. Sie scheidet aus dem Schuldienst und löst ihre Mitgliedschaft zur SED wegen ihres christlichen Glaubens – eine folgenschwere Entscheidung. Eigentlich wollte sie nach der Ausbildung teilweise als Fußpflegerin arbeiten und daneben Vertretungsdienste in der Schule übernehmen. Doch die Tür zur Schule ist verschlossen. Auf dem Schulamt wird ihr ein Papier gezeigt, in dem zu lesen ist, dass sie wegen ihrer »psychopathischen Konstitution« im gesamten Bereich der Volksbildung von einer Anstellung ausgeschlossen sei.

Sie beginnt in einem Kinderheim als Küchenhilfe. »Es war gut für mich, vom Obergeschoss runterzukommen«, schätzt sie heute selbstkritisch ein. Ehemalige Lehrerkollegen fragen: Wo bist du hingeraten? Von der Schuldirektorin zur Küchenhilfe! Eine Kollegin empfiehlt sie als Fürsorgerin im Gesundheitswesen. Bei einer Vorstellung sagt man ihr, sie müsse zuvor einen mittleren medizinischen Beruf erlernen. Die Frage, ob sie auch zu alten Menschen gehen würde, bejaht sie. So landet sie in einem Pflegeheim mit katastrophalen Zuständen. »Der 1. August 1968 ist für mich ein Schicksalstag. Er führte in ein anderes Leben«, hält sie in ihren Aufzeichnungen fest.

Die Schuldirektorin, hochqualifiziert, der nach dem Parteiaustritt und ihrem Bekenntnis zum christlichen Glauben eine psychopathische Konstitution angehängt wird, verschlägt es in ein abbruchreifes Pflegeheim mit schockierenden Missständen!

»Die größte Herausforderung meines Lebens!« Sie stellt sich ihr. Packt kräftig zu, stemmt sich gegen den Schlendrian, will die Not der hilfsbedürftigen alten Menschen lindern. Sie eckt an. Doch sie verbucht auch Erfolge. Nach einer Eingabe an den Staatsrat der DDR, in der sie menschenwürdige Bedingungen für Heimbewohner und Personal einklagt, wird das Pflegeheim abgerissen. Sie kommt auf eine andere Station, wo sie unter besseren Bedingungen arbeiten kann. Ein Ende des Unrechts, der Demütigungen und der Schikanen? Dazu ist ein Obergutachten nötig, welches die psychopathische Konstitution als nichtig erklären und ihr damit die Fähigkeit für den Schuldienst bescheinigen soll.

Sie bekommt dieses Obergutachten, das ihr die Tür zur Schule wieder öffnen soll. Sie tut es bedingt. Ihr wird eine Anstellung als Erzieherin für stationär betreute Kinder in der Nervenklinik mit einem Gehalt von 1 000 DDR-Mark angeboten. Ihr bisheriger Verdienst auf der Pflegestation beträgt 250 Mark. Dennoch: Sie lehnt ab.

Hier in etwa endet die böse Phase ihrer Verfolgung in der DDR. Nach dem Beruflichen Rehabilitierungsgesetz wird ihr die Zeit vom 1. März 1968 bis 31. Dezember 1970 als Verfolgungszeit angerechnet.

Die DDR ist indes noch lange nicht an ihr Ende gekommen. Elly Lange bezeichnet ihre Entscheidung, weiterhin sozial tätig zu bleiben, als eine Sternstunde ihres Lebens. Sie glaubt, ihre Berufung erkannt und Gottes Wille befolgt zu haben. Und nach dem erlittenen Unrecht kann sie sagen: Die Menschen wollten es böse machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. (1. Mose 50,20)

Nichtsdestotrotz bekommt sie mit dieser gebrochenen Berufsbiografie nur eine geringe Rente. Wäre sie Lehrerin oder Schuldirektorin geblieben, würde diese vermutlich höher ausfallen.

2011 soll die Miete um zehn Euro erhöht werden. Bei einer Rente in Höhe von 661 Euro ist das für sie viel Geld. Doch es geschieht etwas Überraschendes. Ein Pfarrer im Westen – er hatte den 2010 im MDR gezeigten Film »Der Mut der Anständigen« gesehen, in dem auch Elly Lange auftrat, meldet sich. Der Theologe ist von dem Schicksal dieser resoluten Frau so berührt, dass er ihr helfen will. Monatlich bekommt sie eine finanzielle Unterstützung von ihm – über seinen Tod hinaus. »Das große Wunder meines Lebens.«

Sabine Kuschel

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Die Taufe – kostbares Geschenk

25. August 2017 von redaktionguh  
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Warum lassen Eltern ihr Kind taufen, warum begehren Erwachsene die Taufe? Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Taufe ist kein Talisman und viel mehr als ein schönes Familienfest.

Die Taufe begründet die Gemeinschaft zwischen dem Täufling und Jesus Christus und sie stellt den Täufling damit zugleich in die Gemeinschaft der Getauften, der christlichen Gemeinde. Aber die Gemeinde lebt in einer säkularen Gesellschaft, in der die meisten Menschen nicht getauft sind. Selbst in Familien, in denen zumindest ein Ehepartner der Kirche angehört, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Kinder getauft werden. Nicht die alten Menschen, die sterben, seien der hauptsächliche Grund für den Mitgliederschwund der Kirche. Viel mehr ins Gewicht falle, dass Kinder aus Familien mit mindestens einem konfessionell gebundenen Elternteil nicht getauft würden. Diese Erkenntnis habe ihn aufgerüttelt, sagt der Weimarer Pfarrer Sebastian Kircheis. Und – zum Nachdenken und Handeln inspiriert.

Mit Elbewasser getauft: Im Fluss bei Dessau-Roßlau taufte Pfarrer Stephan Grötzsch von der Christusgemeinde Großkühnau-Ziebigk am Sonntag den kleinen Leonard Lanfer – sicher gehalten von seinem Onkel und Paten Andreas Lanfer – gemeinsam mit drei weiteren Kindern und einem Jugendlichen. Foto: Lutz Sebastian

Mit Elbewasser getauft: Im Fluss bei Dessau-Roßlau taufte Pfarrer Stephan Grötzsch von der Christusgemeinde Großkühnau-Ziebigk am Sonntag den kleinen Leonard Lanfer – sicher gehalten von seinem Onkel und Paten Andreas Lanfer – gemeinsam mit drei weiteren Kindern und einem Jugendlichen. Foto: Lutz Sebastian

Um der Traditionsvergessenheit etwas entgegenzusetzen und um Kontakt herzustellen zu Menschen, die nur eine lose oder gar keine Verbindung zur Kirchengemeinde halten, ist in Weimar ein Programm entwickelt worden: Wenn ein Kind geboren wird, erhalten die Eltern einen Brief, der ihnen signalisiert: Kirche ist für Sie da, wenn Sie es wünschen. Im nächsten Jahr werden die Eltern der nun ein- bis zweijährigen Kinder erneut angeschrieben und zu einem Vormittag in der Kirchengemeinde eingeladen, an dem über ein Thema, etwa über frühkindliche Erziehung, gesprochen wird. Im dritten Jahr folgt die Einladung zu einem Tauf- oder Tauf­erinnerungsfest. Ein solches wurde in Weimar vergangenen Sonntag gefeiert.

Christen sind in der säkularen Gesellschaft eine Minderheit. Wenn Eltern ihr Kind taufen lassen wollen, stehen sie häufig vor einer Schwierigkeit. Wer soll Pate sein? Im Freundes- und Bekanntenkreis findet sich niemand, der Mitglied einer christlichen Kirche ist. Wenn niemand für das Patenamt infrage kommt, kann dies ein Kirchenältester, ein Gemeindemitglied übernehmen. »Theoretisch, vom Neuen Testament her die beste Lösung«, meint Pfarrer Matthias Ansorg vom Amt für Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Aber doch nicht so praktikabel, da meistens die persönliche Beziehung fehle.

In Weimar hat sich eine andere Variante etabliert: das Taufzeugenamt. Für Menschen, die nicht christlich getauft sind, aber die für das Kind Verantwortung übernehmen wollen. »Es geht dabei auch um das Wohl des Kindes«, betont Pfarrer Hardy Rylke. Es fehle zwar das Element der christlichen Unterweisung. »Aber ich vertraue dem Heiligen Geist«, sagt der Pfarrer. »Wir taufen in die Gemeinde. Eltern, die ihr Kind taufen lassen, tun dies nicht ohne Grund. Ich vertraue darauf, dass die Gemeinschaft der Getauften trägt.«

Warum lassen Eltern ihr Kind taufen, warum begehren Erwachsene die Taufe? Die Spannbreite, warum Menschen ihre Kinder oder sich selbst taufen lassen, ist groß. Manche sehen darin so etwas wie einen Talisman, der vor Gefahren schützt. Von dieser Erfahrung berichtet beispielsweise Barbara Reichert, Militärpfarrerin in Sondershausen. Wie sie sagt, lassen sich bei fast jedem Auslandseinsatz Soldaten taufen. Die Soldaten seien bei Einsätzen in Krisengebieten auf der Suche, sie treffen wichtige Entscheidungen im Angesicht lebensbedrohlicher Gefahren, sie fragen nach Schutz, Begleitung und Segen. In der Taufe sehen sie dies.

»Die Gründe für das Taufbegehren sind so vielfältig wie die Welt«, so die Beobachtung von Pfarrer Rylke. Er kennt Eltern, die selbst nicht konfessionell gebunden sind und dennoch für ihr Kind die Taufe wollen. »In dem Falle ist ein christlicher Pate wichtig«, bemerkt Rylke. Mitunter steht einfach der Wunsch nach einem schönen Familienfest im Vordergrund. Oder die existenziellen Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Schuld und Tod brechen sich Bahn, wie es die Militärseelsorgerin des Öfteren erlebt.

Die Taufe ist kein Talisman und sie ist viel mehr als ein schönes Familienfest. »Ich sage immer, sie ist das kostbarste Geschenk«, so Rylke. Das Sakrament der Taufe begründet die Gemeinschaft mit Jesus Christus und eröffnet im Angesicht von Schuld und Tod eine neue Lebensperspektive im Glauben.

Sabine Kuschel

Kleine Stadt ganz groß

19. Mai 2017 von redaktionguh  
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Unglaublich: Die Lutherstadt hat sich verändert. Reges Treiben in den Straßen. Freundliche Fassaden und freundliche Menschen. Das protestantische Rom lebt. Eindrücke kurz vor Beginn des ganz großen Ansturms.

Ankunft am Hauptbahnhof in Lutherstadt Wittenberg. Zwei Wochen vor dem Festwochenende. Am Bahnhof begrüßt der 27 Meter hohe Aussichtsturm mit dem Umschlag der neuen Luther-Bibel auf den Außenseiten die Gäste. Und Lärm, denn vor dem Bahnhof wird gebaut wie überall in der Stadt.

Der Weg bis ins historische Zentrum zieht sich. Wer jedoch dort angekommen ist, staunt. Man fühlt sich in das mittelalterliche Wittenberg versetzt, wie es Yadegar Asisi in seinem Panorama »Luther 1517« darstellt. Bunt und turbulent. Überall gibt es etwas zu schauen und zu entdecken. Die Stadt brummt. Handwerker hämmern, bohren und zimmern. Alle paar Schritte eine Baustelle, Absperrungen hier und dort. Wer Wittenberg vor einem Jahr einen Besuch abstattete, glaubt sich zu irren. Sollte das der Ort sein, wo vor 500 Jahren die Reformation ihre Geburtsstunde erlebte und von hier aus ihren Lauf um die Welt nahm? Am Abend waren die Bürgersteige hochgeklappt. Nichts los, langweilig, kaum Leute. Das ist heute nicht mehr so. Es brodelt.

Countdown: In einer zwei Meter großen Erdkugel auf dem Wittenberger Marktplatz ist ein Zähler eingebaut, auf dem die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Eröffnung der Weltausstellung Reformation am Sonnabend angezeigt werden. Im Hintergrund die Türme vom Alten Rathaus (links) und der Stadtkirche (rechts). Foto: Adrienne Uebbing

Countdown: In einer zwei Meter großen Erdkugel auf dem Wittenberger Marktplatz ist ein Zähler eingebaut, auf dem die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Eröffnung der Weltausstellung Reformation am Sonnabend angezeigt werden. Im Hintergrund die Türme vom Alten Rathaus (links) und der Stadtkirche (rechts). Foto: Adrienne Uebbing

Touristen sind zuhauf in der historischen Altstadt unterwegs, die mit Schlosskirche, Stadtkirche St. Marien, Melanchthonhaus und Luthergedenkstätten, um nur einige der Sehenswürdigkeiten zu nennen, viel zu bieten hat. Die Stadtführer haben reichlich zu tun, etliche bieten ihren Rundgang in Englisch an. Offensichtlich sind zahlreiche Gäste von weither angereist. Cafés und Restaurants, die vor Monaten noch nach Gästen Ausschau hielten, sind heute gut besucht – bei schönem Wetter an Tischen draußen.

Vor dem Alten Rathaus wird die Marktbühne aufgebaut, wo am 20. Mai die Weltausstellung Reformation mit einem Gottesdienst eröffnet wird. Der Titel der Ausstellung »Tore der Freiheit« steht sinnbildlich für die Tore, die mit der Reformation aufgestoßen wurden. Noch bedarf es einiger Fantasie, um sich vorzustellen, wie an den Plätzen, wo heute Bauzäune stehen und Kräne agieren, eine große Freilichtbühne mit Pavillons zu Andachten, Podiumsdiskussionen, Konzerten und anderen Veranstaltungen einladen wird.

Um die Innenstadt in den Wallanlagen entstehen sieben »Torräume« für die Themen Globalisierung, Jugend, Spiritualität, Ökumene und Religion, Kunst und Kultur, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Die Organisation der Weltausstellung im Freien, bei der in den nächsten sechzehn Wochen unterschiedliche Fragen erörtert werden, ist eine logistische Herausforderung. Angelika Beer aus Berlin gehört zum Team der Organisatoren. Sie koordiniert die Themenwochen. Was veranlasste die junge Frau, sich für diese Aufgabe zu bewerben? Wie sie erzählt, sehnte sie sich danach, etwas aufbauen zu wollen. Nach ihrem Studium – Theologie, Religions-und Kulturwissenschaft – arbeitete sie zunächst einige Jahre im Kulturbüro der Evangelischen Kirche in Deutschland und dann in einem Krankenhaus, wo sie Sterbende begleitete. Im Gegensatz dazu leiste sie jetzt in Wittenberg, wo an allen Ecken und Enden etwas Neues entsteht, Aufbauarbeit. Und das ist nicht nur im übertragenen Sinn zu verstehen.

Ökumene und Religion ist der Schwerpunkt im Torraum 6. Von dem zukünftigen Pavillon steht bislang nur das Gerüst aus Balken. Davor beobachtet eine Reisegruppe das Baugeschehen und rätselt, was mit dem Pavillon nach dem Jubiläum geschehen wird. »Bleibt das stehen oder werden Sie das wieder abbauen«, ruft jemand nach oben. Die Antwort des Handwerkers ist schwer zu verstehen.

Angelika Beer erklärt: Fast alles, was für das Reformationsjubiläum aufgebaut wird, verschwinde danach wieder. Schade eigentlich. Aber sich darüber Gedanken zu machen, ist jetzt noch nicht die Zeit. Denn erst einmal heißt es für die Besucher der Kirchentage: Auf geht’s nach Wittenberg.

Sabine Kuschel

Der Gesellschaftsreformer

8. Mai 2017 von redaktionguh  
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Mit Blick auf Europa können wir von Martin Luther noch eine Menge lernen, findet Klaus-Rüdiger Mai. Mit dem Schriftsteller sprach Sabine Kuschel.

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Herr Mai, Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern als Historiker und Philosoph mit Martin Luther. Was interessiert Sie an ihm?
Mai:
Wir machen einen Fehler, wenn wir Luther als Theologen im heutigen Sinne verstehen. Denn heute ist die Theologie eine Fachwissenschaft – wie Medizin, Geschichte, Philosophie und Physik. Im Mittelalter war sie Allgemeinwissenschaft. Alle Fächer gingen in Theologie über. Für alle alltäglichen und wissenschaftlichen Fragen galt immer die Autorität der Theologie. Ich würde Martin Luther aus heutiger Sicht als Gesellschaftsreformer, Gesellschaftsdenker sehen. Er hat über alles nachgedacht und geschrieben: über Bildung, über Wirtschaft, über Eheleben, Kriegswesen, um nur einige Beispiele zu nennen – Themen, die nicht unbedingt Kernthema von Theologie sind. Insofern hat mich, wenn ich mich mit dieser Zeit beschäftige, Luther interessiert.

Was ist in Ihren Augen die besondere Leistung Luthers?
Mai:
Luthers Ansatz von der Freiheit eines Christenmenschen ist für mich das Gründungsdokument des modernen Europas. Wer nicht genauer hinschaut, mag das übertrieben finden. Aber die Grundlage unserer modernen Gesellschaft beruht auf dem Individuum, auf dem Bürger. Genau das hat Luther definiert. Nämlich die Freiheit der Bürger. Das begeistert mich an dem Reformator. Er ging vom Individuum aus, vom Christen, der die Gnade des Glaubens hat.

Der Gerechte lebt aus Glauben allein. Das heißt auch, er ist nicht Masse, nicht Verfügbarkeit, sondern ein Einzelner, der sich dieses Geschenkes bewusst werden sollte. Luther definiert in seiner Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, was Freiheit ist. Er sagt: Der Christenmensch ist frei und keinem untertan. Und er sagt: Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und aller Dinge und jedem untertan. Damit meint er, dass der Christ eine Verantwortung für die Schöpfung hat. Und deswegen ist Luthers Freiheitsbegriff der modernste. Er balanciert Freiheit, Gewissen und Verantwortung aus. Ich habe in den nachfolgenden 500 Jahren nichts Klareres, Besseres als Luthers Definition gefunden.

Wir können also von Luther noch etwas lernen?
Mai:
Unbedingt! Die Vorstellung von einem Zentralstaat war Luther fremd. Dass es ein Zentrum in Rom gibt, dem alle zuzuarbeiten haben, hat Luther nicht akzeptiert. Er denkt, modern gesprochen, föderaler, regionaler. Seinen Widerstand gegen Rom, gegen eine über allem thronende Macht, wo der Christ, der Untertan als Einzelner nicht mehr vorkommt, finde ich nahezu modern. Wenn wir heute in Europa über zentrale oder regionale Strukturen, über ein EU-Brüssel oder ein Europa der Regionen reden, können wir von Luther eine ganze Menge lernen.

Die nationale Sonderausstellung beleuchtet Luthers Verhältnis zu den Deutschen. Dabei geht es in besonderer Weise um seine Bibelübersetzung …
Mai:
Es gab bereits Bibelübersetzungen ins Deutsche. Die fanden aber keinerlei Anwendung. Denn es war zu Zeiten des Reformators und davor verpönt, die Bibel zu lesen. Martin Luther hatte im Kloster Schwierigkeiten, weil man nicht verstanden hat, warum er so oft, so intensiv die Bibel studierte. Die Kirche fürchtete, dass die Bibel falsch verstanden werden konnte, sie sorgte sich um ihre Deutungshoheit. Deswegen sollten die Leute nicht in die Bibel schauen. Luther aber sagte: Alle Christen sind gleich, es gibt keinen Unterschied zwischen den Christen, zwischen dem Bauern, der ein Christ ist, und dem Papst, keine Über- und keine Unterchristen. Wenn sich alle mit der Bibel beschäftigen sollen, dann muss sie auch für alle verständlich sein.

Luther verbindet seine Bibelübersetzung mit der Forderung an jeden Christen, sie täglich zu lesen. Auch aus diesem Grund tritt er dafür ein, dass alle lesen und schreiben lernen. Die Bibelübersetzung wiederum wird notwendig, damit dieses Ziel erreicht werden kann.

Illustrationen: www.3xhammer.de

Illustrationen: www.3xhammer.de

Da er möchte, dass die Leute die Bibel auch verstehen, »schaut er dem Volk aufs Maul«. Luthers Sprachgenie gilt noch immer als unerreichbar und als Vorbild …
Mai:
Martin Luther hatte ein unglaubliches Gehör für Dialoge, für die Ausdrucksweise der Menschen. Das hat zu tun mit seiner Herkunft. Er ist in der sehr vitalen, sehr vielgestaltigen wirtschaftlichen Welt des Erzbergbaus in Mitteldeutschland groß geworden. Dort entwickelte er das Gespür für die deutsche Sprache, die damals noch keine Literatur- und Kultursprache war. Kultur- und Wissenschaftssprache war Latein.

Mit anderen Worten, Luther hat mit seiner Bibelübersetzung die Volkssprache auf ein literarisches Niveau gehoben, ohne dass dabei die Verständlichkeit verlorenging, ohne dass die Sprache dadurch abstrakt, blutleer wurde, ohne dass sie ihre Verhaftung im Alltagsleben der Menschen einbüßte.

Die Menschen des Mittelalters waren von Angst gepeinigt. Theologisch ist Luther zu der Erkenntnis gelangt, dass der Christ nichts leisten, keine Werke vollbringen muss. Er ist gerecht aus Glauben. Das war das Neue, das Befreiende …
Mai:
Luthers Erkenntnisse öffneten zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Tore und Türen zu einem neuen, sehr praktischen Lebensverständnis. Auch Luther hatte zunächst Angst vor Jesus Christus, der für ihn ein schrecklicher Richter war. Aber er kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Gottes Gerechtigkeit vollkommen anders funktioniert, als es bisher gelehrt wurde. Erstens entdeckt Luther in Christus den Liebenden und zweitens begreift er, dass der Gerechte aus Glauben allein lebt. Diese Vorstellung schiebt die ganze Ablasspraxis, die ganze Werkgerechtigkeit vollkommen beiseite. Das bringt eine ungeheure Befreiung. Albrecht Dürer, der ein großer Verehrer von Luther war, schreibt deshalb: »Martin Luther hat mich befreit.«

Luther wies den Menschen seiner Zeit, die in Glaubensbedrängnissen litten, einen neuen Weg. Deswegen diese plötzliche Begeisterung vieler Zeitgenossen für Luther und für das, was er sagte.

Die zehnjährige Beschäftigung mit der Reformation treibt gelegentlich sonderbare Blüten. Wie geht es Ihnen damit?
Mai:
Na ja, ich würde mir Luther nicht als Playmobil kaufen und hinstellen. Aber dem Reformator schadet das nicht. Solche Blüten dürfen jedoch nicht zum Gegenstand ernsthafter Kritik erhoben werden. Ich stimme nicht in die Kritik einiger Kirchenhistoriker ein, die eine zu große Oberflächlichkeit festzustellen meinen. Meine Kritik richtet sich gegen einen anderen Effekt, der eintritt, wenn zehn Jahre lang gefeiert wird. Man wird mäklig. Und dann fängt man an, die dunklen Seiten der Reformation und Luthers aufdecken zu wollen und kippt ahistorisch wohl eher selbst schwarze Farbe hin, als dass man tatsächlich dunkle Stellen ausfindig macht.

Überdies habe ich manchmal den Eindruck, dass die Funktionäre der EKD verführt zu sein scheinen, nicht Martin Luther, sondern sich selbst in der Reformationsdekade zu feiern.

Ich hingegen möchte Martin Luther feiern, indem ich die Aktualität seines Denkens und Handelns immer aufs Neue entdecke.

Klaus-Rüdiger Mai (Jahrgang 1963) ist Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. In seinen Sachbüchern beschäftigt er sich mit religiösen und gesellschaftspolitischen Fragen. Zwei Bücher über Martin Luther stammen aus seiner Feder.

• Mai, Klaus-Rüdiger: Martin Luther – Prophet der Freiheit. Romanbiografie, Kreuz Verlag, 448 S., ISBN 978-3-451-61226-8, 22 Euro (siehe Rezension Seite 13)
• Mai, Klaus-Rüdiger: Gehört Luther zu Deutschland? Herder Verlag, 208 S., ISBN 978-3-451-34846-4, 19,99 Euro

Luther und die Deutschen

5. Mai 2017 von redaktionguh  
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Eine weitere nationale Sonderausstellung anlässlich des Reformationsjubiläums hat seit dieser Woche an einem symbolträchtigen Platz ihre Türen geöffnet.

Die Ausstellung »Luther und die Deutschen« führt an einen authentischen Ort der Reformation, auf die Wartburg in Eisenach, wo Luther nach dem Reichstag in Worms 1521 als Junker Jörg Zuflucht fand. Präsentiert werden dort rund 300 Exponate aus den Beständen der Wartburg-Stiftung sowie von nationalen und internationalen Leihgebern.

»Die Wartburg als Erinnerungsort und Nationaldenkmal ist geeignet, um das Verhältnis von Luther zu den Deutschen der vergangenen 500 Jahre zu beleuchten«, so sieht es der Kurator Dr. Marc Höchner. Bereits seit etwa drei Wochen wird im Burghof ein besonderes Ausstellungsobjekt präsentiert: der originalgetreu nachgebaute Kobelwagen, mit dem Luther damals unterwegs war.

Wie hat die Reformation die Deutschen und die deutsche Geschichte beeinflusst? Wie wandelte sich das Bild Luthers, je nach den gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten? Diesen Fragen nähert sich die Schau in drei großen Abschnitten, wobei die gesamte Burg nicht nur Ausstellungsraum, sondern zugleich auch Exponat sei, so der Kurator.

Die nationale Sonderausstellung »Luther und die Deutschen« auf der Wartburg in Eisenach ist bis 5. November 2017 täglich von 8.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet. www.3xhammer.de/eisenach/

Die nationale Sonderausstellung »Luther und die Deutschen« auf der Wartburg in Eisenach ist bis 5. November 2017 täglich von 8.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet. www.3xhammer.de/eisenach/

Interviews mit Besuchern der Wartburg und mit Experten vermitteln den Ausstellungsbesuchern zu Beginn Einblicke in das, was Luther den Menschen bis heute zu sagen hat. Das erste Kapitel der Schau beschäftigt sich mit der Wartburg, erläutert die geschichtlichen Ereignisse, die dazu führten, dass Luther hierherkam, und was ihn hier umtrieb: die Übersetzung großer Teile der Bibel. Dieses weltgeschichtliche Ereignis dokumentieren Erstausgaben der Übersetzung des Neuen Testamentes, die 1522 erschienen sind. Wie es mit der Wartburg weiterging, nachdem Luther sie verlassen hatte, und bis zu ihrem Umbau im 19. Jahrhundert, wird ebenfalls thematisiert.

Den Einfluss der Reformation auf theologisch-geistiger Ebene beleuchtet der zweite Abschnitt der Ausstellung. Was war das Neue an Luthers Lehre? Was sind die kultur- und geistesgeschichtlichen Folgen? Die älteste Ausgabe des Liedes »Ein feste Burg ist unser Gott« beispielsweise veranschaulicht die Bedeutung des Kirchengesangs im Luthertum. Der Einfluss der Reformation auf das Bildungswesen wird am Beispiel der Universität Jena gezeigt. Ihre Gründung, so Höchner, sei eine direkte Folge der Reformation. Entwicklungen nach Luthers Zeiten, wie Pietismus, Aufklärung und katholische Reformbewegungen, die bis heute ausstrahlen, werden erklärt.

Die Ausstellung widmet sich im dritten Teil den politischen Folgen der Reformation. Sie zeichnet die politische Dynamik des 16. und 17. Jahrhunderts nach – einer Epoche, geprägt von Auseinandersetzungen und Kriegen; bis schließlich nach dem Dreißigjährigen Krieg im Heiligen Römischen Reich drei anerkannte Konfessionen existierten: Luthertum, reformierte Kirche und katholische Kirche.

Abschließend nimmt die Schau die jüngere Vergangenheit, das Lutherbild des 19. und 20. Jahrhunderts, in den Blick. Wie Höchner erläutert, trat dann der Theologe, Prediger und Kirchenmann in den Hintergrund, und Luther wurde als Gründungsfigur des deutschen Nationalstaates betrachtet und dementsprechend negativ beurteilt. Mit diesem Problem seien die beiden deutschen Staaten nach 1945 unterschiedlich umgegangen, wie die Ausstellung darstellt.

Sabine Kuschel

Aussaat im Frühjahr

9. April 2017 von redaktionguh  
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Die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden ist für die Verantwortlichen eine Herausforderung. Denn der Umgang mit pubertierenden Jugendlichen ist alles andere als einfach. Jede noch so scheinbar unverfängliche Bemerkung des Pfarrers löst bei den Teenagern Kichern aus. Und manchmal sind die Geschenke wichtiger als die Segenshandlung.

Wer an seine eigene Konfirmation vor vielen Jahren denkt, erinnert sich, dass diese Lebensphase damals nicht ganz unkompliziert war. Aber die Konfirmation gehört im Rückblick dazu und sie war zeitlich richtig platziert. Auch wenn der eine oder die andere lediglich der Tradition folgte und das bewusste Ja zum christlichen Glauben vielleicht nicht im Vordergrund stand.

Die Wege, wie Menschen zum Glauben kommen, sind sehr unterschiedlich. Manche – auch Konfirmierte – finden erst als Erwachsene einen Draht zu Gott. In einem Alter, in dem sich eine gewisse Anzahl ehemaliger Konfirmanden bereits von der Kirche verabschiedet hat. Für etliche junge Erwachsene ist die Konfirmation der letzte Kontakt zur Kirche.

Vielen Menschen bleibt der Zugang zur Religion zeitlebens verschlossen. Welch ein Glück, wenn Christen ein Leben lang aus ihrem Glauben Kraft schöpfen können. Das Gleichnis vom Sämann erzählt eindrücklich, wie es im Glauben zugehen kann. Ob der Samen aufgeht und Früchte trägt, hängt von der Beschaffenheit des Bodens und der Umgebung ab.

Den Pfarrern und Gemeindepädagogen geht es mit der Konfirmation so ähnlich wie dem biblischen Sämann. Sie säen im Frühjahr, zu einem Zeitpunkt, der bestens geeignet ist. In einer Zeit, in der die Jugendlichen nach Orientierung und Halt suchen.

Sabine Kuschel

Wege zum Glauben finden

7. April 2017 von redaktionguh  
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Die Konfirmation bedeutet ein bewusstes Ja zum christ­lichen Glauben und zur Kirche. Können junge Menschen im Alter von 14 Jahren eine solche Entscheidung treffen? Wie kann der Konfirmandenunterricht ihnen dabei helfen?

Es ist fraglich, ob 14 das günstigste Alter für die Konfirmation ist«, meint Stefan Brüne, Referent für schulbezogene Arbeit im Kinder- und Jugendpfarramt Magdeburg. Er beruft sich auf Erkenntnisse der Hirnforschung, die besagen, dass das Gehirn in diesem Alter komplett umgebaut werde. Achtklässler könnten Wissen nicht richtig aufnehmen. Ihre Risikobereitschaft sei enorm, während Kontrollmechanismen nicht funktionierten. »Die Jugendlichen laufen heute als Punk herum, treten morgen dem Verein bei, übermorgen einem anderen.« Sie probieren Neues aus, um herauszufinden, was für sie wichtig ist. Mit der Konfirmation erwarte die Kirche: »Jetzt stell dich zu uns.« Welches Alter für einen solchen Schritt das richtige ist, könne und sollte bedacht werden. Der Sozialpädagoge findet die Diskussion darüber zwar wertvoll, hält sie allerdings für rein theoretisch, denn die Konfirmation mit 14 habe eine lange Tradition, an der die Eltern unbedingt festhalten wollten. Sie wünschten so sehr, dass in diesem Lebensabschnitt eine Feier stattfinde, weil sie darin ein Übergangsritual hin zum Erwachsenwerden sehen.

Es gebe Gründe für und gegen die Konfirmation mit 14. Dafür spreche, so Brüne, dass Jugendliche in diesem Alter Orientierung brauchen. In der Vorbereitung auf die Konfirmation könnten sich die Konifs an Erwachsenen orientieren, die nicht ihre Eltern sind. Das Vertrauen zu einer anderen erwachsenen Person, die Werte vermitteln und religiöses Verständnis wecken wolle, könne in dieser Zeit ein Regulativ sein.

Konfirmation mit 14 – aber zum Christsein bewusst bekannt hat sich »The Voice of Germany«-Finalteilnehmer Jonny vom Dahl (das Foto zeigt ihn beim Auftritt mit Yvonne Catterfeld bei der Präsentation ihres neuen Albums) nach eigenem Bekunden erst Jahre später. Foto: Maik Schuck

Konfirmation mit 14 – aber zum Christsein bewusst bekannt hat sich »The Voice of Germany«-Finalteilnehmer Jonny vom Dahl (das Foto zeigt ihn beim Auftritt mit Yvonne Catterfeld bei der Präsentation ihres neuen Albums) nach eigenem Bekunden erst Jahre später. Foto: Maik Schuck

Ob die Teenagerzeit das richtige Alter für die Konfirmation ist – dieser Streit sei alt, sagt Steffen Weusten, Dozent für die Arbeit mit Konfirmanden am Pädagogisch-Theologischen Institut in Drübeck. »Mit 13- oder 14-Jährigen hat niemand gern zu tun – in der Schule nicht und auch sonst nicht.« Es sei jedoch als positives Zeichen zu werten, dass die Kirche gerade in dieser schwierigen Lebensphase die Beziehung zu den Jugendlichen nicht abbrechen lässt. »Sie bauen die Erlebnisse und Erfahrungen ihrer Kindheit um; das macht den Umgang mit ihnen schwierig, aber auch wichtig.« Die jungen Menschen würden entscheiden, ob Religion etwas für sie ist. »Wenn sie älter sind, kann man leichter mit ihnen arbeiten, aber dann sind alle wichtigen Entscheidungen gefallen«, argumentiert Weusten

Nach Stefan Brünes Erfahrung interessieren sich 14-Jährige mehr für die Veränderungen in ihrem Körper; Freunde und Freundinnen sind wichtiger als Mathematik und alles andere. Wenn dies auch auf den Konfirmanden­unterricht zutrifft – wie soll er gestaltet werden, damit Konfirmanden ein bewusstes Ja zu ihrem christlichen Glauben finden können? Sollen die Verantwortlichen sich an den Bedürfnissen und Interessen der Konfis orientieren? Geht es um Wissensvermittlung? Oder sollte das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund stehen?

Eine gute Gemeinschaft sei auf dem Weg zum Glauben die wichtigste Brücke, betont Weusten. Das bedeute nicht, dass die Vermittlung von Inhalten zu vernachlässigen sei. Die Psalmen, die Zehn Gebote und andere klassische Bibeltexte seien Mittel, um den jungen Leuten die Bedeutung des christlichen Glaubens zu erschließen. Ob Konfirmanden den Psalm 23 lernen, sei zweitrangig, wichtig sei vielmehr, wie sie ihn aufnehmen. Ob der Psalm oder andere Bibelabschnitte für die jungen Leute zu einem relevanten Text werden.

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gebe es eine große Bandbreite an Formen der Konfirmandenarbeit. Kirchengemeinden, Pfarrer und Kirchenvorstände bestimmen selbstständig, worauf sie den Schwerpunkt legen. Die meisten entscheiden sich für kognitive Methoden, vermitteln also Inhalte. »Das kann man machen«, räumt Weusten ein. Ein Kriterium für einen guten Unterricht sei diese Praxis nicht. Entscheidend sei, ob die Konfirmanden ihren Weg im Glauben finden. Grundlage dafür sieht Weusten im Erleben einer guten Gemeinschaft untereinander sowie zwischen Konfirmanden und Verantwortlichen.

Sabine Kuschel

Seelsorge im Riesenrad

19. März 2017 von redaktionguh  
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Seit zehn Jahren bereitet sich die Kirche auf das Reformationsjubiläum vor. Dass bei einer so langen Vorbereitung, an der sehr viele Menschen beteiligt sind, die Ideen nur so sprudeln, versteht sich von selbst. Da verwundert es nicht, wenn die Veranstalter nun einen Sommer der Superlative, das größte Fest aller Zeiten versprechen. Vorige Woche stellten sie ihr umfangreiches Programm vor.

In der kleinen Stadt Wittenberg, wo vor 500 Jahren die Reformation ihren Anfang nahm, wird die Welt zu Gast sein. Mindestens eine halbe Million Besucher werden erwartet. In 16 Wochen sind etwa 2 000 Veranstaltungen geplant. Sieben Großveranstaltungen zu sieben Themen sollen den aktuellen Bezug zur Reformation herstellen. Als teuerstes Projekt gilt die Kunstschau »Luther und die Avantgarde« im Alten Gefängnis, wo 68 national und international renommierte Künstler ihre Sicht auf die Reformation darstellen. Ein 20 Meter hohes Riesenrad soll Raum für Seelsorge bieten.

Event über Event. Die Organisatoren hatten einen großen Vorteil, der gewiss nicht alltäglich ist. Während andernorts meistens die Mittel knapp sind – in Wittenberg fließt das Geld in Strömen. Warum auch nicht! Wenn deutlich gemacht werden kann, dass die Reformation auch heute noch für Politik und Gesellschaft wie für den einzelnen Menschen von Bedeutung ist.

So schön Ideenreichtum und so einladend die Vielfalt der Projekte sein mögen – was wird bleiben? Der Augustinermönch hatte einst die befreiende Einsicht, dass Jesus Christus, die Bibel und die Gnade Gottes im Leben alles sind. Werden die Besucher in Wittenberg, wenn sie das Seelsorgeriesenrad besteigen, eine ähnlich existenzielle Erfahrung machen? Wenn ja, wäre das Jubiläum wirklich ein großes Fest.

Sabine Kuschel

Sorgenfresser

19. Februar 2017 von redaktionguh  
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Ich wusste gar nicht, was ein Sorgenfresser ist, als mein Patenkind sich einen solchen wünschte. Eine Plüschfigur, dessen Schlund sich mit einem Reißverschluss öffnen lässt und dem Kinder gern ihren Kummer – auf einen Zettel notiert oder aufgemalt – übergeben. Raphael ist acht Jahre alt. Er geht in die zweite Klasse. Am Ende der ersten Klasse war deutlich, dass das Lesen ihm schwerfällt. Deshalb musste er sogar im Urlaub an der Ostsee jeden Tag üben.

Ob ihm ein Sorgenfresser helfen könnte? Auf einen Zettel schrieb Raphael: »Ich muss besser lesen können« und vertraute seinen Kummer dem Fachmann für Sorgen im blau-weiß gestreiften Anzug an. Als ich mich nach einiger Zeit erkundigte, ob es Anzeichen für das erfolgreiche Wirken des Sorgenexperten gebe, wies mich Raphael zurecht: »Das geht nicht so schnell!« Natürlich, sich einzig und allein auf den kleinen Helfer zu verlassen, wäre zu kurz gedacht. Der Junge muss weiterhin täglich Lesen üben.

Eines Abends die Überraschung. Raphael rief an, um mir zu erzählen, dass das Zettelchen, auf dem er seinen Kummer notiert hatte, aus dem Bauch des Sorgenfressers verschwunden sei. Augenscheinlich aufgefressen. »Und wie geht’s mit dem Lesen?«, fragte ich zurück. »Gut«, antwortete der Junge.

Wenn ich mit meinem eigenen Latein am Ende bin, müssen noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sein. Die kindliche Hoffnung muss nicht, aber kann religiös gedeutet werden. Gott will unsere Sorgen tilgen, denn in der Bibel steht: Alle eure Sorgen werft auf den Herrn. Nun ist dieser biblische Rat für einen Achtjährigen wahrscheinlich noch nicht nachzuvollziehen. Dafür »wirft« das Kind seinen Kummer in den Sorgenfresser und signalisiert, dass es auf eine Kraft hofft, die außerhalb seiner selbst liegt.

Sabine Kuschel

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