Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Es gibt keinen Plan fürs Sterben

24. November 2015 von redaktionguh  
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Besuch im Hospiz Stendal zeigt: Vielfalt auch am Lebensende

Sie können anrührende und lebensbejahende Geschichten erzählen: Schwester Ramona Höppner-Nitsche, Pflegedienstleiterin im Evangelischen Hospiz Stendal, und Pfarrer Ulrich Paulsen, der die Bewohner – und bisweilen auch das Team – seelsorgerisch betreut. Schon viele Menschen haben die zwei auf ihrem letzten Weg, an ihren letzten Tagen, Wochen und Monaten begleitet und stellen fest: Es gibt keinen Plan für das Sterben. Da sind diejenigen, die »leicht sterben«, und die, die am Leben hängen – unabhängig davon, ob alt oder jung, vom Glauben getragen oder nicht. Das Sterben ist so groß in seiner Vielfalt wie das Leben in seiner Buntheit.

Im Hospiz Stendal werden die Menschen vorbehaltlos so angenommen, wie sie sind. Hier können sie ihren Rhythmus leben, die ihnen verbleibende Zeit bewusst erleben und gestalten. Sie erfahren Zuwendung, Verständnis, Geborgenheit und Respekt, äußern Wünsche, knüpfen Freundschaften und behalten ihre kostbare Selbstbestimmtheit. Die Themen Sterben und Tod stehen in dieser Gemeinschaft keineswegs im Mittelpunkt. Wichtiger sind vielen Bewohnern stattdessen beispielsweise gemeinsame Mahlzeiten, bei denen durch das Miteinander das Essen plötzlich wieder schmeckt.

Margaretha Spinder (Mitte) ist seit einigen Wochen Gast im Stendaler Hospiz. Ramona Höppner-Nitsche (re.) und Pfarrer Paulsen haben stets ein offenes Ohr für sie, bei ihnen findet sie Verständnis, Beistand, Fürsorge. Fotos: Adrienne Uebbing

Margaretha Spinder (Mitte) ist seit einigen Wochen Gast im Stendaler Hospiz. Ramona Höppner-Nitsche (re.) und Pfarrer Paulsen haben stets ein offenes Ohr für sie, bei ihnen findet sie Verständnis, Beistand, Fürsorge. Foto: Adrienne Uebbing

Entscheidend für die Lebensqualität ist in den meisten Fällen zudem die professionelle Behandlung von Schmerzen, Atemnot oder Angstzuständen.

Die pro Jahr etwa 100 Gäste im Hospiz kommen aus einem Umkreis von circa 60 Kilometern und werden von 13 Pflegekräften rund um die Uhr verlässlich, professionell und »mit großer Liebe und Fürsorge«, wie Pfarrer Paul­sen betont, versorgt. Ergänzt wird das stationäre Angebot durch ein Netzwerk von 60 ehrenamtlichen ambulanten Hospizhelfern (Paulsen: »ein Geschenk des Himmels«) sowie drei Mitarbeiter für die spezialisierte ambulante palliative Versorgung (SAPV).

Die Gründe für den Einzug ins sta­tionäre Hospiz sind vielfältig: Eine junge Mutter wünschte sich zum Beispiel, dass ihre Kinder sie in der häuslichen Umgebung in »gesunder« Erinnerung behalten, weil sie ja nach ihrem Tod dort weiter wohnen werden. Ein Vater, dessen längst erwachsene Kinder weit entfernt leben und beruflich stark eingespannt sind, wollte Entlastung für sie und für sich. Manchmal sind auch die Symptome einer Krankheit so stark, dass der Patient nicht zu Hause bleiben kann, weil niemand in seinem Umfeld mehr zur Ruhe kommt und die letzte gemeinsame Zeit eine nicht zu schulternde Belastung für alle zu werden droht. Überhaupt spiele die seelische Unterstützung der Angehörigen eine wichtige Rolle in der Hospizarbeit, so Schwester Ramona.

Fotos: Adrienne Uebbing

Foto: Adrienne Uebbing

Er fällt schwer, der Schritt über die Schwelle des Hospizes, doch: »Welch ein Segen, dass es dieses Haus gibt«, bringt es ein Eintrag im Buch der Erinnerung auf der Homepage auf den Punkt. Und eine Familie schreibt darin: »Durch die große Entfernung zwischen Stendal und unserem Wohnort (…) konnten wir nicht immer bei ihm sein und trotzdem wussten wir, dass er bei euch liebevoll umsorgt wird und nicht alleine ist.«
Eine große Rolle am Lebensende spielen Träume, so Pfarrer Paulsen. Doch mitunter seien es auch nur Kleinigkeiten, die einem Schwerstkranken wichtig sind. Da gab es zum Beispiel den älteren Herrn, der zum Sterben ins Hospiz kam und dessen Herzensanliegen es war, sein Auto vor dem Haus geparkt zu wissen. Angesichts der Irrationalität dieses Wunsches stieß er bei seinen Angehörigen auf Unverständnis, aber Pfarrer Paulsen fand eine Parklücke vor dem Hospiz und der Mann starb wenige Stunden später, ruhig und mit dem Autoschlüssel in seiner Hand.

Da war das Paar, das nach vielen Jahrzehnten ohne Trauschein nun heiraten wollte. Möglichst unbemerkt sollte das geschehen, so dass Schwester Ramona den Brautstrauß in einer Tüte ins Hospiz schmuggeln musste. Und auch wenn es zunächst den Anschein hatte, als verschlafe der Bräutigam die Zeremonie, belehrte er alle durch sein kraftvolles »Ja« eines Besseren.

Nicht selten sei auch detektivisches Gespür gefragt, zum Beispiel, wenn ein Gast den Wunsch äußert, ein klärendes Gespräch, eine Versöhnung mit jemandem herbeizuführen, mit dem er sich vor Jahren heillos zerstritten hat und dessen Verbleib er nicht kennt. Da hängt sich Schwester Ramona auch schon mal stundenlang ans Telefon, macht sich auf Spurensuche und lässt nicht locker, bis sie den für den Bewohner so wichtigen Kontakt hergestellt hat und dieser Frieden schließen kann. Sie sieht glücklich aus, als sie das erzählt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-stendal.de