Zum Surfen in die Kirche

19. August 2016 von redaktionguh  
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Ein umstrittener Vorstoß: Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz will in ihren Gebäuden künftig kostenloses freies WLAN anbieten.

Den Namen Fabian Kraetschmer sollten Sie sich merken. Fabian Kraetschmer ist der Mann, der Deutschland das kostenlose freie WLAN (drahtloses lokales Netzwerk) bringt. Zumindest erst einmal dem Nordosten, dem Arbeitsgebiet des 36-Jährigen. Seit 2014 leitet Kraetschmer das IT-Referat der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Er ist Fachmann, kein Theologe, aber er hat eine Vision: Seine Landeskirche soll der größte Anbieter von offenem WLAN in Deutschland werden.

Kontaktaufnahme im Wandel der Zeiten: In seinem berühmten Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle stellte Michelangelo Buonarroti Adam dar, der seinen Zeige- finger ausstreckt, um Gott zu erreichen; Gottvater seinerseits lässt den Lebensfunken auf Adam überspringen. Erreichbarkeit heute, das heißt oftmals, erreichbar über  das Internet – demnächst auch jederzeit in der Kirche? Fotos: Wikipedia und godspot.de/Collage: G+H

Kontaktaufnahme im Wandel der Zeiten: In seinem berühmten Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle stellte Michelangelo Buonarroti Adam dar, der seinen Zeige- finger ausstreckt, um Gott zu erreichen; Gottvater seinerseits lässt den Lebensfunken auf Adam überspringen. Erreichbarkeit heute, das heißt oftmals, erreichbar über das Internet – demnächst auch jederzeit in der Kirche? Fotos: Wikipedia und godspot.de/Collage: G+H

Möglich machen soll dies die Initiative »Godspot«. Der einprägsame Name kombiniert den englischen Begriff für einen öffentlichen drahtlosen Internetzugriffspunkt (hotspot) mit dem englischen Wort für Gott (god). Wobei sich der Nutzer auch einmal verhören und »good« statt »god« verstehen darf. Denn »good«, also gut, finden die Macher die Idee, Hotspots in den Häusern des Herrn einzurichten. Andere finden sie weniger »good«. Was die EKBO für 3 000 Gebäude auf ihrem Gebiet – neben Kirchen zum Beispiel auch Pfarrhäuser oder evangelische Schulen – plant, hat längst auch in den übrigen Landeskirchen die Diskussion angeregt.

Im Kern sind es drei Argumente, die von den »Godspot«-Kritikern vorgebracht werden: Ablenkung, Anbiederung und die Sorge um gesundheitliche Gefahren. Vor Letztgenanntem warnt Werner Thiede, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er verweist auf Studien, wonach die WLAN-Taktung die Zellprozesse negativ beeinflussen könnte – und zwar bereits billionenfach unterhalb des in Deutschland zulässigen Grenzwertes. Für die Kirche gelte ob der unklaren Risiken das Vorsorge-Prinzip – Vorsicht also. Thiede weist außerdem darauf hin, dass Kirchen durch Hotspots zur »Bannmeile« für Menschen mit Elektrosensibilität werden. Menschen also, die eine besondere Empfindsamkeit gegenüber elektromagnetischer Strahlung und Magnetfeldern haben.

Das zweite Argument gilt der Ablenkung. Was, wenn die Gläubigen dem Gottesdienst nicht mehr folgen, sie lieber auf ihr Smartphone als zur Kanzel schauen? »Dann haben wir ein Predigtproblem und kein ›Godspot‹-Problem«, heißt die Antwort von Fabian Kraetschmer auf diese häufig gestellte Frage.

Und dann ist da noch die Sorge um die Anbiederung. Muss sich die Kirche mittels freiem WLAN für Besucher attraktiv machen – muss sie also mit denselben Mitteln buhlen wie etwa Café-Betreiber um ihre Kundschaft?

Bedenklich ist vor allem das Gesundheitsargument. Das allerdings weniger wegen der kurzen Zeit, die Gläubige in der Woche in der Kirche verbringen, als wegen der vielen Stunden, die sie am Arbeitsplatz oder daheim von WLAN umgeben sind. Auch die Ablenkung ist nicht von der Hand zu weisen. In Theatern und vor Konzerten wird das Publikum mittlerweile routiniert gebeten, »abzuschalten«. Das Bedienen von Smartphones stört auch in diesem, der Freizeit gewidmeten Umfeld, wo es in aller Regel keine Hotspots gibt, wo Menschen also ihren mobilen Zugang zum Internet nutzen.

Weil bei diesem aber alle bewegten Datenpakete kosten und er zudem oft langsamer ist als eine WLAN-Verbindung, sind Hotspots so beliebt. Und in anderen Ländern auch weit verbreiteter als in Deutschland. Das liegt an dem erst kürzlich gekippten Gesetz über die Störerhaftung, welches die Anbieter von Hotspots bisher verantwortlich machte für strafbare Handlungen, die von Dritten über ihre Leitungen begangen werden. Nun, da diese Unsicherheit abgeschafft ist, herrscht Nachholbedarf im Lande. Hier könnte sich die Kirche tatsächlich anschicken, flächendeckend freien Zugang zum Internet zu verschaffen. Die Infrastruktur mit Gebäuden in jedem Dorf ist vorhanden, die technischen Hürden und Kosten sind zu bewältigen.

Es wäre ein Experiment, ein Sich-offen-Zeigen für eine neue Idee. Auch wenn die nicht jeder so himmlisch findet wie Fabian Kraetschmer.

Susann Winkel

Die Hoffnung stirbt zuletzt

5. März 2013 von redaktionguh  
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Andreas Burdel, Koordinator beim diakonischen Projekt Arbeit durch Management

Ich weiß, was es heißt, keine Arbeit zu haben, nicht flexibel zu sein«, so Andreas Burdel, Koordinator beim Projekt Arbeit durch Management/Patenmodell, einer Initiative des Diakonischen Werkes Berlin-

Andreas Burdel. Foto: Sabine Kuschel

Andreas Burdel. Foto: Sabine Kuschel

Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Burdel kennt die Erfahrung, am Arbeitsplatz überflüssig zu sein. Er ist Beamter bei der Deutschen Telekom, die aber hat seit Jahren keine Arbeit mehr für ihn. Als Beamter ist er allerdings nicht kündbar, muss sich um seinen Lebensunterhalt keine Sorgen machen, denn die Telekom bezahlt sein Gehalt weiter. Eine Aufgabe indes hat Burdel in dem Projekt der Diakonie gefunden. Sie macht ihm Freude und er erachtet sie als notwendig. »Bei mir fällt das Hobby mit dem Beruf zusammen«, sagt er. Anliegen des Projektes Arbeit durch Management/Patenmodell ist es, arbeitslosen Menschen einen Job zu verschaffen. Nach Angaben der Diakonie hat das Patenmodell seit 1998 mehr als 3000 Menschen einen Arbeitsplatz vermitteln können. Diese positive Bilanz betrifft jedoch nicht die südthüringische Region, wo Burdel tätig. Was die Arbeitslosigkeit anbetrifft, ist der Landkreis Sonneberg der zweitbeste in Deutschland. Durch die Nähe zu Bayern findet so mancher im benachbarten Bundesland einen Job und pendelt. Das hat auch Burdel lange Zeit getan. »Zehn Jahre bin ich jeden Tag nach Bamberg gefahren.« Doch Menschen mit geringer Qualifizierung und dazu ohne Fahrerlaubnis können von solchen Möglichkeiten nicht profitieren. Burdel spricht von den »Verlierern der Wende«. Solange die Spielzeugproduktion in Sonneberg zu DDR-Zeiten noch florierte, mangelte es hier nicht an Arbeit. Auch Menschen ohne hohe Qualifikation hatten keine Mühe, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, zum Beispiel indem sie Teddys stopften. Aber diese Zeiten sind längst vorbei. Burdel zeigt die Liste eines von vielen Bildungsträgern mit mehr als 70 Namen von Leuten, die an einer Arbeitsförderungsmaßnahme teilnehmen. Dahinter stehen Menschen, die alle eine Festanstellung suchen und auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben. Das Projekt Arbeit durch Management versucht Abhilfe zu schaffen. Das Prinzip heißt Patenschaft. Ehrenamtliche Jobpaten betreuen und begleiten Arbeitslose bei der Suche nach einem Job. Sie helfen beim Schreiben der Bewerbungen, geben Ratschläge für Bewerbungsgespräche, ermitteln die Stärken und Schwächen ihrer Klienten. Und die Jobpaten leihen den Betreffenden ihr Ohr für persönliche Probleme und Nöte.

Burdels Anlaufstelle sind die verschiedenen Bildungsträger in der Region, wo er Gespräche mit Arbeitssuchenden führt und auf die Möglichkeit einer Patenschaft hinweist. Er arbeitet derzeit mit 40 Jobpaten, denen er Klienten vermittelt, momentan ebenfalls 40. In seinem Suhler Büro liest der Koordinator auch die Stellenanzeigen. Einen Job konnte er allerdings bisher noch für niemanden finden. »Der Arbeitsmarkt gibt das momentan nicht her.« In anderen Städten wie Berlin oder Erfurt sehe das anders aus, so der Koordinator. Seinen Kollegen dort gelinge es öfter, jemanden in Lohn und Brot zu bringen. Trotzdem resigniert Burdel ob dieser Situation nicht. »Man darf nicht in Wochen und Monaten, sondern muss in Halbjahresschritten denken.« Er lobt die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter und der Arbeitsagentur und ist froh, dass Arbeitsförderungsmaßnahmen bis zu dreimal verlängert werden können. Für jemanden, der bislang nirgendwo eine Anstellung fand, sei das ein Vorteil. Und während dieser Zeit kann auch die Jobpatenschaft eine Hilfe sein, indem die Klienten Selbstwertgefühl gewinnen, ihre Stärken entdecken und spüren, dass sich jemand um sie kümmert. Trotz der geringen Erfolgsquote sieht Burdel seine Arbeit positiv. »Ich habe viel Hoffnung vermitteln können.«

Sabine Kuschel

Biografisches
Andreas Burdel wurde 1954 in Zeitz geboren. Nach der 10. Klasse erlernte er den Beruf eines Freileitungsmonteurs mit Abitur. Es folgte die Armeezeit, danach studierte er Elektrotechnik. Im Mai 1989 übersiedelte er mit seiner Familie in die Bundesrepublik. Dort bekam er eine Anstellung bei der Deutschen Telekom AG. Nach der Wende kehrten die Burdels wieder nach Thüringen zurück.
­Burdel fuhr täglich zur Arbeit nach Ansbach, Coburg und Bamberg. »Dann kam die große Strukturreform bei der Telekom. Seitdem bin ich übrig«, sagt er.
Nachdem er in verschiedenen Projekten gearbeitet hatte, ist er seit zwei ­Jahren für die Berliner Diakonie in Südthüringen tätig.