Jetzt wird’s schmalkaldisch!

25. Januar 2017 von redaktionguh  
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Reformations-Ausstellung zeigt aktuelle Arbeiten Thüringer Künstler in der FBF-Galerie

Zu Beginn ein kleines Gedanken­experiment, eine Reise zurück in das Jahr 1537. Jene Familie, die in besagtem Jahr in der Gillersgasse 2 in Schmalkalden, gleich hinter der Stadtkirche St. Georg, gelebt hat, dürfte durch die Fenster des urigen Fachwerkhauses des Öfteren Martin Luther gesehen haben. Durch einen Seiteneingang gelangte der Reformator in die Paramenten-Kammer über der Sakristei, wo er sich in den kalten Februartagen während der Morgengottesdienste aufwärmen konnte.

Die Lutherstube gibt es immer noch im 480. Jahr nach der größten Tagung des Schmalkaldischen Bundes, als Luther sein geistliches Testament in Artikelform vorstellte. Ebenso blieb das rote Fachwerkhaus erhalten. Dort ist seit August 2010 die FBF-Galerie untergebracht, deren besonderes Augenmerk den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Kunst gilt. Wer heute den großen Lichthof im Obergeschoss des Mittelalterbaus betritt, der richtet seinen Blick abermals auf den Reformator.

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Die neue Sonderausstellung heißt im Kurzen »Schmalkaldisch. Protestantisch« – und im umso längeren Untertitel »Zeitgeschichtliche Reflexionen zu Martin Luther 2017. Malereien, Grafiken, Collagen, Reliefs und Skulpturen«. Aber es kommt ohnehin mehr auf den Kurztitel an. Der soll lautmalerisch auf die Schmalkaldischen Artikel verweisen. Theologisch ein echtes Pfund, mit dem sich im Jubiläumsjahr 2017 wuchern lassen sollte. Touristisch allerdings eher Randnotiz. Weshalb es klug ist, die Schau der Flut an Jubiläumsbeiträgen voranzustellen. Noch ist die Aufmerksamkeit größer.

Die von Norbert Krah und dem Verein der Forschungs- und Bildungs-Fördergesellschaft (FBF) ist nicht kunsthistorisch konzipiert, sondern fußt auf einem weit zu fassenden Thema. Diesmal waren Thüringer Künstler aufgefordert, sich im lutherischen Geist mit aktuellen Problemen zu befassen. Ein Bezug zu Luthers Artikeln? Ist eher nicht auszumachen.

Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit
Der Auftrag brachte Arbeiten hervor, die sich um Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit drehen. Etwa das Grafikblatt »Moschee am Lutherweg« von Edmond Garn aus Floh-Seligenthal oder die drei Digital-Collagen des Meiningers Dietrich Ziebart, die an die Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik erinnern: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

So weit, so schlüssig: Mithilfe der Werke, die sich unten im Vortragsraum und oben auf der Galerieebene verteilen, wird eine ästhetisch anregende Atmosphäre geschaffen, die nutzbar ist für Vorträge, Gespräche, Debatten. Ein Reigen an Begleitveranstaltungen ist geplant.

Hier nun löst sich die Ausgangsidee in Beliebigkeit auf. Neben den Werken, die nach der Themenvorgabe für diese Ausstellung entstanden sind, ist allerhand zu sehen, was irgendwie mit Luther zu tun hat. Zum Beispiel eine ganze Reihe Flugschriften aus dem 16. Jahrhundert, Nachdrucke von Werken der beiden Cranachs oder von Hans Holbein dem Jüngeren, die polemisch mal für, mal wider den Reformator Partei ergreifen. Dazu Grafiken aus einer Mappe von 14 DDR-Künstlern, die 1983 anlässlich des 500. Geburtstags von Luther herausgegeben wurde. Zudem einige Kaltnadelradierungen zur Reformation vom Maler und Grafiker Harald R. Gratz (Schmalkalden), datiert auf das Jahr 2008.

Wer nun als Besucher beim Betrachten dieser Fülle ein Déjà-vu-Erlebnis hat (frz.: »schon gesehen«), der irrt nicht: Zahlreiche Exponate entstammen der 2012 gezeigten FBF-Ausstellung »Ich bin so frei«. Damals wurde an die Verkündung der Schmalkaldischen Artikel vor 475 Jahren erinnert und von einem guten Dutzend hiesiger Künstler die Verbreitung von Luthers Glaubenslehre in 50 Variationen dargestellt. Nun sind weitere dazugekommen.

Norbert Krah und die Mitstreiter der FBF-Galerie bieten Künstlern der Region eine Plattform zur Präsentation ihrer Arbeiten, geben selber Werke in Auftrag, kaufen kontinuierlich für ihre Sammlung an. So wird viel Schönes möglich, aufwendige Kunstbücher ebenso wie die Fertigung von Glasfenstern für die Galerie von Wolfgang Nickel, die dort verbleiben können.

Susann Winkel

»Schmalkaldisch. Protestantisch« ist bis Ende Juni in der FBF-Galerie Schmalkalden zu sehen, Führungen auf Anfrage, E-Mail <prof.dr.n.krah@gmx.de>

Luther gab die Erlaubnis

4. April 2016 von redaktionguh  
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Sonderausstellung in Schmalkalden: Philipp von Hessen und seine Doppelehe

Einem wenig bekannten Kapitel der Reformation widmet sich aktuell eine Sonderausstellung im Museum Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden: der Doppelehe des Philipp von Hessen.

Margarethe von der Saale. Diesen Namen sollten Sie sich merken, so kurz vor dem runden Jubiläum der Reformation. Als Martin Luther 1517 seine Thesen anschlägt, ist das Fräulein aus Sachsen noch gar nicht geboren. 22 Jahre später aber wird sie ihm und allen Mitstreitern des neuen Glaubens Kopfzerbrechen bereiten. Warum, das erklärt aktuell eine große Sonderausstellung im Museum Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden. Wobei Margarethe darin nur eine Nebenrolle zukommt. Im Mittelpunkt steht der Mann, der für sie alles aufs Spiel setzte: Landgraf Philipp von Hessen (1504–1567).

Im August 1539 lernt Philipp Margarethe kennen, ein Hoffräulein im Gefolge seiner Schwester Elisabeth von Rochlitz. Sie ist schön, liebreizend, 17-jährig. Er ist doppelt so alt, hochstrebend, vor allem aber ist er verheiratet. Seit 1524 schon mit Christine von Sachsen. Das ausgehende Mittelalter kennt für solche Fälle eine akzeptierte Lösung: das Konkubinat (eheähnliche Gemeinschaft ohne Eheschließung).

Die Ausstellung auf Schloss Wilhelmsburg arbeitet Historie mit modernen Mitteln auf. Foto: Susann Winkel

Die Ausstellung auf Schloss Wilhelmsburg arbeitet Historie mit modernen Mitteln auf. Foto: Susann Winkel

Der Landgraf wählt eine andere Lösung: Er heiratet Margarethe. Mit der erbetenen Erlaubnis von Martin Luther und Philipp Melanchthon. Warum er das tut, liegt im Halbschatten der Geschichte. Es mag wahre Liebe gewesen sein, es mag eine Gewissensfrage gewesen sein, es mag eine Reaktion auf die Forderungen von Margarethes Mutter gewesen sein, die ihre Tochter nicht in Sünde geben wollte.

Auf jeden Fall war es eine riskante Entscheidung: Mit dieser Doppelehe verstößt Landgraf Philipp gegen das Recht der Kirche wie gegen das Gesetz des Reiches – auf Bigamie steht Todesstrafe. Zu dieser wird es zwar nicht kommen, aber er ist fortan angreifbar, angewiesen auf die Gunst und Gnade des katholischen Kaisers Karl V.

Ausgerechnet er, Philippus Magnanimus – Philipp der Großmütige. Ein mutiger Politiker, mutiger Kriegsherr, mutig gegen Kaiser und Papst, mutig für die Sache der Reformation. Während die Reformatoren den neuen Glauben noch von der Kanzel verkünden, macht er bereits damit Staat. Mit gerade 23 Jahren gründet er die Marburger Universität, die älteste protestantische Hochschule. Er begründet die Diakonie und löst mit der Einführung der Konfirmation den Streit um Kinder- und Erwachsenentaufe. Als Moderator vermittelt er zwischen den Anhängern der beiden reformatorischen Lager um Martin Luther und Huldrych Zwingli. Mit Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen führt er als Hauptmann den erstarkenden Schmalkaldischen Bund an.

Was wohl möglich gewesen wäre für die Reformation ohne das Kapitel Doppelehe – diese Frage steht am Anfang der Ausstellung. Sie setzt den Schwerpunkt auf das Jahr 1540, in dem sich Philipp vom großmütigen Gegner des Kaisers zum kleinmütigen Bittsteller wandelt. Ein Jahr, in dem die außen- wie innenpolitische Lage für die Protestanten eine selten günstige war. Stattdessen kommt es wenig später zum Schmalkaldischen Krieg, zur Niederlage, Jahren der demütigenden Haft.

Kurator Dr. Kai Lehmann erzählt dieses Kapitel der Reformation vor allem mit ihren handelnden Personen, sie begleiten den Besucher als lebensgroße Figuren. Weil es an Exponaten mangelt – das Museum verfügt über keine entsprechende Sammlung –, darf das Geschehen spielerisch erkundet werden. So zeigen etwa Dominosteine, welche Person in dieser Geschichte eine andere zum Sturz bringen könnte. Am Ende stürzt vor allem Landgraf Philipp. Politisch. Seine beiden Frauen halten ihm die Treue. Bis dass der Tod sie scheidet.

Susann Winkel

Bis zum 8. Januar 2017 im Museum Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden zu sehen; geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr.

Land des zweiten Blicks

24. März 2015 von redaktionguh  
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Der Kirchenkreis Bad Liebenwerda im Porträt

Auf der Landkarte wirkt der Kirchenkreis wie eingeklemmt zwischen Sachsen-Anhalt und Sachsen. Wie ein großes »L« liegt er ganz in Brandenburg. Im Propstsprengel Halle-Wittenberg ist er der kleinste. Aber der mit den meisten Gemeindegliedern. Prozentual.

Doch an ihm kleben Vorurteile. Große Gebiete gehören zur Niederlausitz. Niederlausitz? Ist das nicht Bergbau, Energie und ihre Folgen? Ist das nicht Technik und Restloch, weites Land und Wölfe? Die Vorurteile scheinen so stark, dass es derzeit schwer ist, die viereinhalb vakanten Pfarrstellen im Kirchenkreis zu besetzen.

Es ist ein eigenwillig schöner Landstrich. Ziemlich im Norden, in Herzberg, wurde 1538 von Philipp Melanchthon eine Schulordnung für das örtliche Gymnasium verfasst. In den nächsten Jahren wurde sie in ganz Deutschland übernommen. Karl-Heinz Nickschick, Superintendent des Kirchenkreises, nennt so etwas »Reformationsstätte der zweiten Reihe«.

Weiter im Süden dann Mühlberg. Die Stadt an der Elbe, der Ort des Wasserwunders 2002, als die Wasser an der Deichkrone Halt machten. Und Ort der berühmten Schlacht, die den Schmalkaldischen Krieg beendete. Weltgeschichte am Elbeufer, die bald in einem Reformationsmuseum gewürdigt wird.

Karl-Heinz Nickschick ist seit 2007 Superintendent des Kirchenkreises Bad Liebenwerda. Foto: Stefan Körner

Karl-Heinz Nickschick ist seit 2007 Superintendent des Kirchenkreises Bad Liebenwerda. Foto: Stefan Körner

Ein kleiner Schwenk nach Osten. Schon von Weitem überragen zwei Schornsteine das flache Land mit seinen Gräben und Feldern wie spargelschmale Leuchttürme ohne Licht: Über dem 2 800-Seelen-Dorf Plessa thront ein stillgelegtes Kraftwerk. Hinter dem Ort wurde die erste Abraumförderbrücke der Welt aufgestellt.

Zwischen Elsterwerda, Lauchhammer und Ortrand liegt der Schraden, eine alte Kulturlandschaft. Hier hielt sich noch lange das Sorbische. Bis ins 19. Jahrhundert hinein, wurde in manchen Dörfern noch sorbisch gepredigt. Auch Frösche sollen hier, in den feuchten Gegenden des Schraden, gefangen worden sein. Bis ins 19. Jahrhundert hat es einen Froschjäger gegeben, »der die für die Küche dienlichen Frösche auffsuchte«, wie es heißt.

Doch die Landschaft des Kirchenkreises, von der Superintendent Karl-Heinz Nickschick ob ihrer Weite begeistert spricht, die Technik und die Historie erzählen nur die halbe Geschichte. Nickschick meint, dass der Kirchenkreis im großen Konzert der anderen Kirchenkreise keine so große Rolle spiele. Er spricht von ländlicher Prägung. Davon, dass es keine richtige Stadt und kein gewachsenes Zentrum gibt. Er weiß um die Nöte einer Region, in der die Landwirtschaft nicht mehr so dominiant ist wie vor der Zeit des Bergbaus. Und dass nach dem Aus des Bergbaus oft nur Löcher und Ruinen, auch in den Biografien, blieben. Er weiß auch von den Schwierigkeiten des Religionsunterrichtes in einem Bundesland, das ab der 7. Klasse LER (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde) eingeführt hat und in dem Religion in der Grundschule, die hier bis zur sechsten Klasse geht, freiwillig ist und nicht überall angeboten wird.

All das könnte entmutigend sein, wäre da nicht der zweite Blick. Der Blick auf die Menschen. Auf das vermeintlich Kleine, auf das Treue und Verwechselbare, wie es Nickschick nennt. Und damit meint er nicht nur die eigensinnigen Engagements wie den Pfarrgarten in Saxdorf, der zu den schönsten Gärten Brandenburgs zählt. Vielmehr meint Karl-Heinz Nickschick das Urvertrauen vieler Menschen auf den Dörfern. Ein Vertrauen, das sich nicht von großen Hypes und Events, von Festen und Projekten irremachen lässt. »All die Machbarkeitsgeschichten, Fundraising, Public Relation und Effizienzdenken funktionieren hier im Kirchenkreis nicht so richtig«, sagt Nickschick. Stattdessen gibt es eine Fachreferentin für Ehrenamtlichkeitsarbeit, die all die Freiwilligen stärkt. Denn Engagement gebe es viel. Nur oft eher unauffällig.

Matthäus Merian schrieb 1650 in seiner »Topographia Germaniae«: »Liebenwerda hat ein Superintendentz / auch ein Schloß / vnnd schönes Jagen.« Noch heute ist Liebenwerda, inzwischen zum Bad aufgestiegen, Sitz der Superintendentur. Vor 15 Jahren ist der Kirchenkreis aus drei Altkreisen hervorgegangen. Doch die unterschiedlichen Kulturen merke man noch heute, so Nickschick. Die Zusammenarbeit der Regionen werde unterstützt aber nicht erzwungen. »Was wachsen soll, das wächst schon.«

Der Superintendent wirkt gelassen. Auch was die Zukunft anbelangt. Es ist weniger der bevorstehende Ruhestand und die Aussicht auf mehr Zeit in seiner Rockband (»Ich spiele Bass und Keyboard. Das ist gut: Da stehe ich nicht in der ersten Reihe.«). Er ist gelassen, weil er den zweiten Blick gewagt hat und den Kirchenkreis und seine Menschen kennt. »Ob es den Kirchenkreis in zehn Jahren in dieser Form noch gibt, ist fast unerheblich. Denn das entscheidende Christsein geschieht nicht in Gremien – da auch. Es geschieht auch nicht auf großen Festen – da auch. Es geschieht aber vor allem dort, wo sich Menschen versammeln.«

Stefan Körner

Schokolade, Bananen, Socken …

26. Januar 2015 von redaktionguh  
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Der Eine-Welt-Laden in Schmalkalden hat ein beträchtliches Stammpublikum

Auf dem Etikett an den grauen Filzhausschuhen in Größe 36 steht »Mongolei«. Frauen in Viscri in Siebenbürgen in Rumänien haben die wild gemusterten Kindersocken gestrickt. Aus dem Nepal stammen die Strümpfe. Die halbe Welt passt in die Sockenschale neben der Kasse und die ganze in den hübschen Laden gleich hinter der Stadtkirche St. Georg in Schmalkalden. Herbeigeholt zu fairen Bedingungen für die Erzeuger. An diesem späten Januarnachmittag möchte niemand Socken kaufen. Dafür Kaffee und Gummibärchen; ein Kunde fragt nach handgearbeitetem Schmuck. Der passende findet sich nicht in den bunt bestückten Regalen, aber Stefan Svoboda bestellt ihn.

Seine Frau Andrea führt den Laden seit einigen Jahren. Sie übernahm ihn, als das Angebot zu groß geworden war, um es weiterhin nur ehrenamtlich über den Eine-Welt-Verein des Kirchenkreises zu vertreiben. Es gibt Stammkunden, die extra wegen eines ganz bestimmten Gewürzes in das Geschäft in der Gillersgasse 1 kommen. Und es gibt die Touristen, die ein Andenken suchen. Als größerer Abnehmer kauft die Kirchengemeinde ein, ebenso Pfarrer. Die Auswahl ist üppig: von Bio-Bananen über Wein und Kunsthandwerk bis zu Musikinstrumenten.

Ob wirklich alles fair abläuft bei ihrer Herstellung, überprüft Andrea Svoboda gern selbst vor Ort. Dafür fliegt sie auf die Philippinen oder auch nach Peru, um eine Keramikerin zu besuchen, von der sie Waren bezieht. Zurück in Schmalkalden berichtet sie bei Themenabenden von ihren Erfahrungen, sensibilisiert für den fairen Handel. »Wir sind überzeugt, dass nur Hilfe zur Selbsthilfe weltweit etwas bewirkt«, sagt Stefan Svoboda.

Andrea Svoboda betreibt in Schmalkalden einen Weltladen mit Fair-Trade-Produkten. Ihr Mann Stefan sucht für eine Kundin die passenden Socken. Sie stammen aus der Mongolei, Rumänien und Nepal. Andrea Svoboda überprüft die Ware in Herkunftsländern gern selbst. Foto: Susann Winkel

Andrea Svoboda betreibt in Schmalkalden einen Weltladen mit Fair-Trade-Produkten. Ihr Mann Stefan sucht für eine Kundin die passenden Socken. Sie stammen aus der Mongolei, Rumänien und Nepal. Andrea Svoboda überprüft die Ware in Herkunftsländern gern selbst. Foto: Susann Winkel

Seit der Fair-Trade-Gedanke in den frühen Neunzigerjahren vor allem auch durch Pfarrer in die neuen Bundesländer getragen wurde, hat sich allerhand verändert. Gerade jüngere Kunden seien gut informiert, kaufen bewusst ein, so Stefan Svoboda. Kunden wie Elisa Reuther, 31 Jahre, aus Ilmenau. »Mir ist der Gedanke der Nachhaltigkeit wichtig. Produkte gehören ordentlich bezahlt, die Erzeuger in den Herkunftsländern sollen von ihnen – besser – leben und wirtschaften können, ihre Arbeitsbedingungen verbessert werden.« Wenn die Wahl besteht, kauft sie bevorzugt Fair-Trade-Waren – Schokolade, Südfrüchte, Kinderbekleidung, Saft. Auch deshalb, weil fairer Handel häufig mit ökologischer Herstellung einhergeht, was wichtig ist für Elisa Reuther, die seit einem Jahr vegetarisch lebt.

Die Produkte mit dem blau-grün-schwarzen Fair-Trade-Siegel findet sie in Bio-Läden, auf Bio-Märkten, oft auch im Supermarkt, vor allem bei Tegut ist die Auswahl vielfältig. »Ich hoffe, dass die großen Handelsketten damit nicht nur ihr Gewissen beruhigen«, sagt Birgit Tasler aus Meiningen. Vor 18 Jahren hat sie begonnen, sich mit dem fairen Handel zu beschäftigen; der Auslöser war ein Beitrag für den Gemeindebrief über das damals noch nicht allzu bekannte Thema. Fair gehandelter Honig, Schokolade, Kaffee, Tee, Bananen und Rosen stehen regelmäßig auf ihrem Einkaufszettel, weil die Qualität stimmt und weil es ein Zeichen setzt.

»Man kann als Konsument mehr tun, als viele denken«, weiß auch Anna Gann aus Meiningen. Ihr ist besonders wichtig, wie die Produkte hergestellt werden. »Bio-Baumwolle bedeutet nicht automatisch, dass auch die Löhne bei der Verarbeitung stimmen.« Neben Lebensmitteln kauft sie für sich und ihre Familie auch »Fair Wear« – fair gehandelte Kleidung. Unabhängig arbeitende Organisationen, Siegel und das Internet machen die Suche und Information stetig leichter. Ein wenig Mühe macht es trotzdem, nach bestem Wissen und Gewissen auszuwählen. Und nicht immer findet man das Passende. Socken aus fairem Handel zum Beispiel seien schwierig zu bekommen. Im Internet. Im Weltladen in Schmalkalden liegt ein ganzer Korb voll damit. Aus grober Wolle und Filz. Ideal – für die ganz kalten Wintertage.

Susann Winkel

»Gott hat uns getragen«

17. Februar 2014 von redaktionguh  
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Vorgestellt: Andrea Schiel, ausgezeichnet mit der »Thüringer Rose«

Ohne ihren Glauben an Gott kann sich Andrea Schiel ihr Leben nicht vorstellen. Er trägt sie in der Familie, im Beruf und in ihrem jahrelangen ehrenamtlichen Engagement.

Im Herbst wurde Andrea Schiel aus Fambach (Kirchenkreis Schmalkalden) mit der »Thüringer Rose« geehrt, einer Auszeichnung des Thüringer Ministeriums für Soziales, Familie und Gesundheit. Mit der »Thüringer Rose« werden Menschen gewürdigt, die sich in langjähriger gemeinnütziger und überdurchschnittlicher Weise für Schwächere einsetzen. Die Auszeichnung erinnert an die Heilige Elisabeth.

Der Glaube ist für Andrea Schiel eine wichtige Stütze. Foto: Juliane Hassan

Der Glaube ist für Andrea Schiel eine wichtige Stütze. Foto: Juliane Hassan

»Ich hab’ mich sehr darüber gefreut«, sagt Andrea Schiel. »Denn ich hab’ die Medaille stellvertretend für alle angenommen, die tagtäglich im Kleinen und Verborgenen viel für andere tun. Es gibt manches, was ich gemacht habe, was aber keinen Namen hat«, versucht die 52-Jährige ihr vielfältiges Engagement zu beschreiben, für das sie ausgezeichnet wurde. Sie selbst sieht es als selbstverständlich an, füreinander da zu sein, sich gegenseitig zu helfen, ein offenes Ohr zu haben. In den ersten Jahren ihrer Ehe engagierte sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Ingolf beim »Blauen Kreuz«. Sie hatten immer ein offenes Haus, offen für Menschen, die Rat in einer schwierigen Lebenslage suchten oder nur eine Übernachtungsmöglichkeit.

»Mein Mann und ich wussten, dass wir unser Leben auf den Glauben gründen wollten«, erzählt Andrea Schiel. Als sie noch ein junges Paar waren, sprachen sie oft über Fragen des Glaubens. Was sind unsere Werte? Worauf wollen wir bauen? Wie wollen wir unsere Kinder erziehen?

Zu Andrea Schiels Grundhaltung gehört auch die Dankbarkeit. Sie selbst kennt Krankheit und Verlust und ist dankbar für das Leben mit ihrer großen Familie. Das Ehepaar hat sieben eigene Kinder und drei Pflegekinder sowie fünf Enkelkinder. Alle Kinder hat Andrea Schiel zu Hause betreut.

Vor zehn Jahren begann sie ehrenamtlich, sich als Hospizbegleiterin ausbilden zu lassen. Heute ist die gelernte Krankenschwester Leiterin des Ambulanten Hospizdienstes in Schmalkalden. »Ich bin dankbar für diesen Werdegang. Und dafür, dass mein Mann vor anderthalb Jahren seine Arbeit aufgegeben hat und wir die Rollen getauscht haben. Er kümmert sich nun um Kinder und Haushalt, damit ich meinen neuen Beruf ausfüllen kann. Scheinbar dachte man, wer eine so große Familie organisieren kann, der könne auch den Hospizdienst mit aufbauen. »Ich bin ins kalte Wasser gesprungen und heute bin ich die Hospizfrau«, sagt sie mit strahlenden Augen.

Einen Traum hat die »Hospizfrau« noch: Nur zu gern würde sie mit ihrem Mann eine Art Wohngemeinschaft gründen. »Ein Haus für Jung und Alt, in dem alle unter einem Dach wohnen und doch jeder für sich Platz hat. Ein Zusammenleben in Würde bis ins hohe Alter, mit Kindern und Tieren. »Ich weiß nicht, ob das mal was wird, aber geträumt haben mein Mann und ich immer«, erzählt sie. Mancher Traum sei in Erfüllung gegangen, einige jedoch nicht. »Ich bin dankbar für unser Leben, und ich bin Gott dankbar, der uns immer getragen hat – egal was war.«

Juliane Hassan

Der Krieg im Kirchenbuch

8. Januar 2014 von redaktionguh  
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Ausstellung in Schmalkalden über den Dreißigjährigen Krieg

Jahrelang hat sich Kai Lehmann mit alten Kirchenbüchern beschäftigt. Dabei kam der Historiker aus Schmalkalden in den schier unleserlichen Handschriften nicht nur alten Familiengeschichten auf die Spur. Zugleich lernte er frühere Jahrhunderte als Summe eines facettenreichen Alltags kennen. Sein dazu vor fünf Jahren veröffentlichtes Buch steht nunmehr in Schloss Wilhelmsburg Pate für eine außergewöhnliche Ausstellung zum Dreißigjährigen Krieg. Unter dem schlichten Motto »Leben und Sterben« zeichnet die Schau in Schmalkalden vom großen Krieg zwischen 1618 und 1648 ein gleichermaßen erhellendes wie erschreckendes Bild. »Die Kirchenbücher machen das Jahrhundert nach der Reformation aber auch erlebbar als eine unspektakuläre Zeit«, sagt Lehmann, der seit zehn Jahren Museumsdirektor auf der Wilhelmsburg ist. Für die Menschen gehörten dazu kleine und große Freuden ebenso wie persönliches Leid und private Sorgen.

Die Schau »Leben und Sterben« zeichnet ein gleichermaßen erhellendes wie erschreckendes Bild. – Foto: Museum Schloss Wilhlemsburg Schmalkalden

Die Schau »Leben und Sterben« zeichnet ein gleichermaßen erhellendes wie erschreckendes Bild. – Foto: Museum Schloss Wilhlemsburg Schmalkalden

Zahlreiche Anhaltspunkte dafür sind überliefert in Kirchenbüchern, die in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert die einzigen amtlichen Register mit konkreten Angaben zu Personen waren. Deshalb lasse sich die Lebenswirklichkeit in der frühen Neuzeit mit den Stationen Geburt, Hochzeit, Familiengründung und Tod anhand dieser Aufzeichnungen nahezu lückenlos nachzeichnen. Staatliche Standesämter zum Führen von Geburts-, Tauf- und Sterberegistern wurden in Deutschland erst nach der Reichsgründung von 1871 eingerichtet. »Kirchenbücher vermitteln uns ein völlig anderes Bild als Chroniken oder alte Akten«, sagt Lehmann. In der Ausstellung zum Dreißigjährigen Krieg ergibt sich die Perspektive der »kleinen Leute« aus der Zusammenschau all dieser Quellen. Authentische Protagonisten machen sie lebendig: Während die Familie um Wilhelm Liebaug für das städtische Leben in Schmalkalden steht, repräsentieren Georg Heller und die Seinen aus dem nahe gelegenen Dorf Fambach die Situation auf dem Land.

Die einzelnen Lebensstationen seien alle durch Dokumente belegt, versichert Lehmann. Im Rundgang korrespondieren sie mit einer Umwelt, die sich mit ihren vielen Reglementierungen als geradezu modern erweist. Es gab Festlegungen zur Nutzung der Backhäuser und zum erlaubten Weinverbrauch bei Taufen, die Kosten für medizinische Behandlungen waren ebenso vorgeschrieben wie etwa die Waldnutzung, erläutert Lehmann. Der Krieg habe jedoch für die Menschen in der Region die vorgegebenen und überschaubaren Bahnen dramatisch verändert. Die einschneidenden Veränderungen begannen 1634 mit der massenhaften Einquartierung von Soldaten. »In diesem Krieg gab es kein Gut und Böse«, sagt Lehmann: »Egal, ob protestantische oder katholische Heere das Land durchzogen – im Gepäck hatten sie immer Gewalt, Krankheit, Hunger und Tod.« Die damit verbundenen Gräueltaten und Schrecken sind auf Texten beschrieben und auf Zeichnungen dokumentiert, die ein drastisches Abbild der damaligen Geschehnisse geben.

Die historischen Bilder stammen aus den 1638 in England erschienenen »Lamentations of Germany«. Die Klagelieder des englischen Geistlichen Philip Vincent entstanden offenbar unter dem Eindruck einer Reise durch das kriegsverwüstete Deutschland. Auf Deutsch seien diese Aufzeichnungen und Darstellungen bisher nie veröffentlicht worden, so Lehmann.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Die Ausstellung wird bis 15. Dezember 2014 gezeigt. Bis 31. März und ab 1. November ist das Schlossmuseum täglich außer montags von 10 bis 16 Uhr geöffnet, vom 1. April bis 31. Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr.

www.museumwilhelmsburg.de

Das »peinliche Bekenntnis«

2. Juli 2012 von redaktionguh  
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Disput und Symposium zu 475 Jahren Schmalkaldische Artikel im Ort ihres Entstehens

Im ökumenischen Disput: Kardinal Karl Lehmann (Mitte), Bischof Martin Hein (rechts), moderiert von Uwe Michelsen, Theologe und Fernsehredakteur aus Hamburg. Foto: Sascha Bühner

Im ökumenischen Disput: Kardinal Karl Lehmann (Mitte), Bischof Martin Hein (rechts), moderiert von Uwe Michelsen, Theologe und Fernsehredakteur aus Hamburg. Foto: Sascha Bühner

An historischen Orten lässt sich trefflich streiten – zumal mit hochkarätigen Disputanten. Als solche trafen in der Stadtkirche St. Georg in Schmalkalden der Kasseler Bischof Martin Hein und der Mainzer Kardinal Karl Lehmann aufeinander, um über die Schmalkaldischen Artikel der Protestanten von 1537 zu diskutieren. Steilvorlagen dazu bietet die lutherische Bekenntnisschrift zur Genüge. Denn neben dem Bekenntnis zu gemeinsamen Wurzeln enthält sie auch heftige Attacken Martin Luthers gegen die damalige Papstkirche. Angesichts dieser »zeittypischen Grobianismen« fiel denn auch in Vorbereitung der Festwoche in Schmalkalden, das aus historischen Gründen zur kurhessischen Kirche gehört, gelegentlich das Wort vom »peinlichen Bekenntnis«.

Kardinal Lehmann nahm »den Grobianismus Luthers« beim Podium am vorigen Donnerstag dennoch ­gelassen. Er finde es »sehr gut«, dass das Jubiläum dieser »schwierigen Bekenntnisschrift« in der Stadt, in der sie vor 475 Jahren unterzeichnet wurde, feierlich begangen wird. Auch im ökumenischen Dialog könne man an den Artikeln »nicht einfach vorbeigehen«. Dabei zeigte er sich überzeugt, dass die Ökumene trotz der Irritationen nach dem Deutschland-Besuch des Papstes von 2011 weiterhin auf einem guten Weg ist. Das Verhältnis der ­großen christlichen Kirchen könne niemand hinter die Ergebnisse der Gespräche in den vergangenen sechs Jahrzehnten »zurückdrehen«. Und die Enttäuschung vieler Protestanten nach dem Treffen mit Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster sei nicht zuletzt die Folge eines ins Maßlose ­gesteigerten Erwartungsdrucks auf evangelischer Seite gewesen. Hinzu kamen nach dem Treffen am 23. September in Erfurt »unverständliche Pannen der Kommunikation«, räumte der Kardinal ein.

Insgesamt aber gelte unverändert: »In der Ökumene muss man immer kämpfen.« Der kurhessische Bischof Martin Hein würdigte die Ökumene der vergangenen 60 Jahre als »eine ­Erfolgsgeschichte«. Mit ihr seien »sehr vielen Brücken über den Graben ­zwischen uns« entstanden. »Die Gemeinde wird diesen Graben wahrscheinlich gar nicht kennen«, fügte Hein unter Hinweis auf Gemeinsamkeiten im Zeugnis und in der gemeindlichen Praxis hinzu. Gleichwohl gebe es weiterhin »fundamentale Unterschiede« wie etwa im Amtsverständnis der Kirche, die in den nächsten Jahrzehnten »wohl nicht überwunden« werden. »Wir möchten als Kirche akzeptiert werden«, betonte der evangelische Bischof. Generell aber müsse man die theologische Theorie von der Gemeindepraxis unterscheiden, bekräftigte Hein unter dem Beifall der Zuhörer in der Stadtkirche: »Von den Gemeinden wird nicht erwartet, dass wir uns permanent mit uns selbst und unseren Schwierigkeiten befassen.«

Das Schmalkalder »Gespräch über die Reformation« eröffnete das Symposium »Profil und Abgrenzung«, auf dem Theologen und andere Wissenschaftler in der Wilhelmsburg über die aktuelle Bedeutung der Schmalkaldischen Artikel diskutierten. Teilnehmer waren unter anderem Burkhard zur Nieden (Marburg), Volker Leppin (Tübingen), Friederike Nüssel (Heidelberg), Josef Freitag (Erfurt), Joseph Parsalaw aus Tansania und der Jenaer Universitätsrektor Klaus Dicke. Er habe, sagte Kardinal Lehmann, »viel Verständnis« für ein stärkeres Profil: »Sonst gibt es keine Identität.«
Thomas Bickelhaupt

Volltönende Osterglocke

8. April 2012 von redaktionguh  
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Schmalkaldens »Große Oster« hat eine bewegte Geschichte

Angemessener als mit einer echten Osterglocke kann Ostern wohl kaum eingeläutet werden. Genau das geschieht alljährlich in Schmalkalden, wo im Nordturm der Stadtkirche Sankt Georg die »Große Oster« hängt, wie die größte Bronzeglocke Südthüringens allgemein genannt wird. Ob der auf dem Glockenkorpus prangende Name »Große Osterglocke« und das Osterfest in einem Zusammenhang stehen, ist indes nicht bekannt. In den Annalen der Stadt- und der Kirchengeschichte ist nichts darüber zu finden, wie es zu diesem Namen kam. Auch der renommierte Glockenkundige Werner Scholz aus Wasungen muss passen: »Es gibt weder Überlieferungen noch eine wissenschaftliche Begründung.«

Die »Große Oster« der Stadtkirche St. Georg in Schmalkalden gilt als die größte Bronzeglocke Südthüringens. – Fotos: Jürgen Glocke

Die »Große Oster« der Stadtkirche St. Georg in Schmalkalden gilt als die größte Bronzeglocke Südthüringens. – Fotos: Jürgen Glocke

Gesichert hingegen ist die bewegte Geschichte der 1852 von Robert Mayer in Ohrdruf gegossenen »Großen Oster«, worauf bereits die Zeilen »1555 sah mich entstehen; 1847 sah mich untergehen; 1852 sah mich neuerstehen« der Glockeninschrift hindeuten.

Eine erste »Große Oster«, 1555 auf Veranlassung von Georg Ernst Graf von Henneberg gegossen, hieß zunächst »Stiftsglocke« und hing in der Stiftskirche auf dem Schmalkalder Schlossberg. Im Zuge des Baus des neuen Schlosses durch Landgraf Wilhelm IV. von Hessen und des Abrisses der alten Burganlage nach 1583 kam die 46 Zentner schwere Stiftsglocke auf die Stadtkirche. Von 15 Männern soll sie in siebenstündiger Arbeit auf Walzen vom Berg hinab in die Stadt transportiert worden sein. Es bedurfte umfangreicher Erweiterungsarbeiten am Turm und ein neuer Glockenstuhl musste gebaut werden, ehe die Glocke im September 1589 an ihren Platz im Nordturm der Stadtkirche gezogen werden konnte. Bis 1847 verrichtete sie dort ihren Dienst. Beim Trauerläuten für Kurfürst Wilhelm II. von Hessen (über vier Wochen täglich eine Stunde lang) erlitt sie allerdings einen Sprung im Material und konnte nicht mehr benutzt werden. Erst fünf Jahre später, im August 1852, wurde sie durch die neue »Große Oster« ersetzt. Deren turbulenteste Zeit dürfte das Jahr 1942 gewesen sein, als sie in ihrem kulturellen Wert von Gruppe D in Gruppe C zurückgestuft und damit freigegeben war zur »Zuführung an die Rüstungsindustrie«. Quasi in letzter Minute konnte sie, bereits demontiert und zum Abtransport bereitstehend, dank glücklicher Umstände und beherzt handelnder Persönlichkeiten der Stadt vor dem Schmelzofen bewahrt werden.

Und so ertönt die »Große Oster« bis heute an hohen Festtagen – sowohl zusammen mit drei weiteren Glocken des fünfstimmigen Geläuts als auch solistisch. Gerade wenn sie allein geläutet wird, kommt die ganze Schönheit ihres Klanges zur Geltung. Obwohl mit 3,6 Tonnen Gewicht und einem Durchmesser von 1,82 Meter bei Weitem nicht an die Maße der »Gloriosa« im Erfurter Dom heranreichend, die knapp 11,5 Tonnen auf die Waage bringt und 2,56 Meter im größten Durchmesser misst, zählt die »Große Oster« aber doch zu den größten frei schwingenden Glocken Thüringens. Was ihre Resonanzfreudigkeit anbelangt, ist sie »unter den Großglocken des Landes eine der schönsten, die zudem durch eine sehr lange Nachklangzeit und fantastisch aufeinander abgestimmte Teiltöne auffällt«, wie Glockenexperte Werner Scholz hervorhebt.

Da verwundert es nicht, dass die »Große Oster« für ihre Verehrer einen ähnlichen Rang hat wie der »Dicke Pitter« im Kölner Dom oder die bereits erwähnte »Gloriosa« für die Ihren. Wie diese beiden gewaltigen Glocken ringt auch die Stimme der »Großen Oster« den Menschen Bewunderung und Ehrfrucht ab. Zum Gottesdienst am Ostersonntag ist sie wieder mehrfach zu hören: 9.45 Uhr und 10 Uhr während des Vorläutens solistisch und im Zusammenklang dann um 10.10 Uhr im Hauptläuten.

Jürgen Glocke

Luther und die Hexen

24. Dezember 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Sonderausstellung in Schmalkalden stellt die Rolle Martin Luthers als Befürworter der Hexenverfolgungen infrage.

 
LutherunddieHexenSeine markigen Worte haben Gehör im einfachen Volk gefunden. Martin Luther, der Lobpreiser von Wein, Weib und Gesang, wird gern auch als eine jener historischen Autoritäten belangt, die den tausendfachen Mord an vermeintlichen Hexen billigten, ihn sogar einforderten.
 
Ein populäres Missverständnis, wie Kai Lehmann, Direktor des Schmalkaldener Museums, betont. Zwar habe Luther als Kind seiner Zeit durchaus an die Existenz von Hexen und die von ihnen ausgehende Gefahr geglaubt und deren Verhör und Bestrafung verlangt. Doch: »Hätte man sich in den protestantischen Gebieten an die Worte Luthers gehalten, dann hätte es zumindest keine Massenverfolgungen geben dürfen«, sagt Lehmann.
 
Die gab es aber sehr wohl, wie eine Sonderausstellung in der Hofstube von Schloss Wilhelmsburg in detektivischer Detailarbeit darlegt. Rund 300 Akten rollen Hexenprozesse aus dem Thüringer Süden noch einmal auf, über Gerüchte, peinliche Verhöre bis hin zur peniblen Abrechnung der Prozesskosten, welche die Angeklagten oder deren Angehörige selbst zu tragen hatten.
 
Neben dem Grauen und der Angst jener Zeit verbürgen die Zeugnisse einen auffälligen Gegensatz: Während im nahe gelegenen Meiningen 250 Hexen der Prozess gemacht wurde, ging in der Herrschaft Schmalkalden nur eine einzige Hexe im Jahr 1597 ins Feuer. Vier weitere Verfahren endeten ohne Todesurteil, wenngleich mit dem bitteren Los der Landesverbannung.
 
Der Druck von unten, die Suche nach Sündenböcken für Schicksalsschläge, sei in der einen wie der anderen Stadt vorhanden gewesen, erklärt Lehmann. Doch in Schmalkalden habe es »eine extreme Verfolgungsunwilligkeit der Obrigkeit« gegeben. »Sie haben mit der ›Freiheit eines Christenmenschen‹ entschieden, so wie es Luther gesagt hat.« Darüber hinaus habe der Reformator in Hiob eine Leitfigur gesehen: Gott lässt Schaden als Prüfung zu.
 
So warnte Luther seine Zuhörer in einer Predigt vom 12. September 1529 vor zu großer Ängstlichkeit, »dass ihr eine irgendwo auftretende Pustel oder Krankheit gleich den Zauberern zuschreibt«.
 
Für Kurator Kai Lehmann ergibt sich daraus im Umkehrschluss, dass viele Anzeigen gegen Hexen wegen vermeintlichem Schadenszauber – etwa verdorbener Ernten – im Sinne Luthers gar nicht zulässig waren. Zumal die Bezichtigungen bei genauerem Hinsehen überwiegend aus dem familiären Umfeld der Beklagten kamen und daher andere Beweggründe vermuten lassen.
 
Wichtigstes Argument, dem Reformator die historische Bürde des Hexenverfolgers zu nehmen, sei jedoch sein Zweifel am Hexenflug und Hexentanz. Beide Vergehen musste eine angeklagte Hexe aber im Verhör gestehen, um eindeutig überführt werden zu können. Mit fatalen Folgen: Ihre Peiniger zwangen die Frauen (und wenigen Männer), andere Hexen zu bezichtigen, die ihnen beim Hexensabbat begegnet seien.
 
Durch diese Besagung, meist eine Denunziation unter Folter, wurden weitere Hexenprozesse ausgelöst – eine verhängnisvolle Kette, die sich anhand der Akten für viele Verfolgungshochburgen im Südthüringer Raum belegen lässt. Doch solche Kettenprozesse hätte es, so Lehmann, gar nicht geben dürfen, hätte man der Skepsis des Reformators gegenüber diesen Elementen des Hexenkultes Beachtung geschenkt.
 
Keine Besagung und keine Anzeigen wegen Schadenszauber – das wäre der Garaus für jegliche Massenverfolgungen von Hexen gewesen. Mit ihrer etwas konstruiert wirkenden Beweisführung wird es die Ausstellung nicht leicht haben, an den einpräg­samen Sätzen Martin Luthers zum Thema Hexen zu rütteln. Eine Aufforderung, das gängige Lutherbild gerade in der Reformationsdekade einmal unaufgeregt auf den Prüfstand zu stellen, ist sie jedoch allemal.
 
Susann Winkel
 
Die Ausstellung »Luther und die Hexen« ist bis 15. Januar 2013 auf Schloss Wilhelmsburg Schmalkalden zu sehen. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr, Informationen unter Telefon: 03683/403186 

Wenn Bücher auf Reisen gehen

19. Dezember 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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In Schmalkalden wird zum öffentlichen Buchtausch aufgerufen.
 
Buchtausch-22
 
Es sind nur wenige Schritte, weg von den hübsch geschmückten Buden des Schmalkalder Herrscheklasmarktes und die Stufen hinauf in das Foyer des historischen Rathauses der Fachwerkstadt. Dort, umgeben von den Wappen der Mitglieder des Schmalkaldischen Bundes, finden Touristen wie Einheimische Lektüre für lange Winterabende – zum Mitnehmen, ohne dass ein Händler damit ein Geschäft machen möchte.

Die Bücher, es sind etwa zwei Dutzend, stapeln sich in den Windungen eines S-förmig geschwungenen Regals. Ein »Gebetsbuch für die ganze Familie« ist darunter, auch ein Werk mit dem Titel »Gottes Häuser oder die Kunst, Kirche zu bauen und zu verstehen«. Kinderbücher finden sich in der illustren Sammlung, beispielsweise »Spaghetti mit Schokosoße« von Ruth Löbner, das von den Herausforderungen einer Patchworkfamilie erzählt. Oder dicke Romane wie »Gran Via: Spanische Vorkommnisse«.

Das Bücherregal ist eines von 18 Buchstaben, die in Kirchen, Gemeindehäusern, Museen oder Burgen in Eisenach, Apolda, Berlin, Hannover, Weimar, Torgau, Wittenberg, Suderburg in der Lüneburger Heide, in Rheinfelden, Magdeburg, Köln, Heidelberg, Eisleben, Frankfurt am Main, Breklum, Augsburg und eben auch dem südthüringischen Schmalkalden eine neue Heimstatt gefunden haben. Zusammengesetzt ergeben sie die ­ersten Worte aus dem Johannes-Evangelium: »Am Anfang war das Wort«.

Mit ihnen begann Martin Luther vor einem halben Jahrtausend seine Übersetzung des Neuen Testaments. Der sinnträchtige Bibelspruch ist zugleich das Motto, unter dem in den kommenden sechs Jahren die Aktivitäten zum Lutherjahr 2017 gebündelt werden. Ausstellungen, Symposien, Bühnenstücke wie Konzerte, die sich mit dem Thesenanschlag und seinen Folgen auseinandersetzen, erhalten auf diese Weise eine einprägsame ­gemeinsame Dachmarke, welche die verschiedenen Jahresthemen wie das aktuelle »Reformation und Musik« zusammenführt.

Gestartet wurde die bundesweite Kampagne Ende Oktober in Berlin, von wo aus die 18 Regale mit insgesamt rund 500 Büchern in die Republik verschickt wurden. Sie sollen sich in den kommenden Monaten und ­Jahren im Land verbreiten, so wie es die Botschaft der Reformation im frühen 16. Jahrhundert tat. Die Verteilung der Bücher, die überwiegend in kirchlichen Verlagen erschienen, ist kostenlos nach dem Prinzip des sogenannten Bookcrossing organisiert. Bei diesem »Freilassen« von Büchern darf jeder Interessent eines der Werke, die zur Identifikation einen Aufkleber tragen, an der ausgewiesenen Buchzone mitnehmen, also beispielsweise aus dem Rathaus von Schmalkalden. Ohne zu bezahlen. Als Gegentausch eigene Bücher in dem S-förmigen ­Regal zurückzulassen ist zwar erwünscht, aber nicht verpflichtend.

Noch tun sich die Schmalkalder ein wenig schwer mit dem Tauschhandel. Und so wartet denn im zweiten Monat nach Beginn der Aktion immer noch überwiegend die originale Bücherausstattung auf Lesefreudige, die ihren Bummel über den Herrscheklasmarkt für ein wenig Lektürenachschub unterbrechen.

Susann Winkel