Daddeln mit Suchtpotenzial
1. Juli 2011 von redaktionguh
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Wenn das schnelle Geld lockt: Glücksspiel ist für manchen eine Leidenschaft. Doch das kann sich verhängnisvoll auswirken. Foto: picture-alliance
Spielsucht wird in der Öffentlichkeit häufig unterschätzt. Dabei kann sie schwerwiegende psychosoziale Folgen haben und ganze Familien in den Ruin treiben. Beratungsstellen versuchen, Betroffenen zu helfen.
Bilder von betuchten Spielern die in Casinos horrende Geldbeträge verzocken, sind aus Filmen bestens vertraut. Dass jedoch auch eine behandlungsbedürftige Spielsucht im eigenen Umfeld bestehen kann, wird von vielen Menschen unterschätzt. Ohnehin sind es in Mitteldeutschland weniger Casinos, denen gefährdete Männer und Frauen erliegen, sondern die als »einarmige Banditen« berüchtigten Spielautomaten. In ganz Deutschland sollen mehr als 200.000 dieser »Geld-Gewinn-Spielgeräte« in gut 12.000 Spielhallen und Gaststätten in Betrieb sein.
»Total aufgeregt« sei Frau L. im April 2010 zum ersten Gesprächstermin in Erfurt gekommen, erinnert sich Silke Schwab von der Schuldnerberatungsstelle der »Caritas-Region Mittelthüringen«. Kreditraten, Telefonkosten und andere Verbindlichkeiten konnte die Reinigungskraft nicht mehr begleichen. Eigentlich hätte sie mit ihrem Lohn und dem ihres Ehemannes auskommen können – wenn er sich nicht jeden Monat vorab bis zur Hälfte und manchmal auch mehr von seinem Chef auszahlen ließ, um seine Spielsucht zu finanzieren. So lief das seit dem Jahr 2000.
Häufig würden Gläubiger Inkasso-Büros mit dem Eintreiben der Schulden des Geldes beauftragen, die dann ihrerseits weiteren psychischen Druck auf die Betroffenen ausüben, warnte Schwab. Die Pädagogin und Diplom-Sozialarbeiterin stellte das Fallbeispiel bei einem »Fachtag« am 23. Juni in Magdeburg vor. Eingeladen dazu hatte die Landeskoordinationsstelle Glücksspielsucht im Land Sachsen-Anhalt.
Landeskoordinator Marcel Christoph schätzt, dass derzeit allein in Sachsen-Anhalt 10.000 Glücksspielsüchtige leben. Hinzu kämen etwa 15.000 Menschen, die als gefährdet gelten. Bei rund drei Vierteln der Spielsüchtigen, die in Kliniken und Beratungsstellen Hilfe suchen, wird eine Abhängigkeit in Verbindung mit Spielautomaten vermutet. Im Jahr 2007 wurde in den Beratungsstellen in Sachsen-Anhalt bei 136 Personen die Diagnose Spielsucht gestellt, 2009 waren es bereits 225. »Wünschenswert« sei eine höhere Anzahl von Fachberatern, sagt Christoph. Nach der Klärung des Suchtproblems folgt zumeist auch die Schuldnerberatung.
Im Vergleich etwa zur Drogensucht bestehe die Gefahr bei einer Spielsucht zwar nicht so sehr unmittelbar für die Gesundheit der Betroffenen, erklärt Christoph. Die psychosozialen Folgen aber seien nicht weniger erheblich. Sie reichten von schweren Depressionen bis zum Suizid. Über eine Projektfinanzierung wird speziell für Spielsucht jeweils eine 50-Prozent-Stelle bei der Magdeburger Stadtmission, in Halle bei der Arbeiterwohlfahrt sowie in Wernigerode bei der Diakonie-Krankenhaus Harz GmbH finanziert. Grundsätzlich ist aber jede Suchtberatungsstelle ein Anlaufpunkt für Spielabhängige.
Auch nach Einschätzung der Diakonie Mitteldeutschland stellen die Spielautomaten das größte Problem bei der Spielsucht dar. Ursache seien möglicherweise die gegenüber Casinos geringeren Kontrollen einer Abhängigkeit von Kunden. Durch die Beteiligung an einem Bundesprogramm gibt es in Thüringen allein 20 diakonische Beratungsstellen für Spielsucht. Für den Freistaat rechnet die dortige Fachstelle Glücksspielsucht mit 8.000 Süchtigen.
Frau L. hat sich von ihrem Mann getrennt und ist aus dem gemeinsamen Haus in eine eigene Wohnung gezogen. Im Februar dieses Jahres stellte sie einen Insolvenzantrag, es wurde ein Regulierungsplan aufgestellt – insgesamt hatten sich fast 50000 Euro Schulden angesammelt. Herr L. aber kam erst im September 2010 in die Schuldnerberatung, als seine Frau längst ausgezogen war.
Karsten Wiedener
www.gluecksspielsucht-lsa.de
www.gluecksspielsucht.info
Über die Verhältnisse
10. Juni 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Der Gang zu einer Schuldnerberatungsstelle ist für viele Betroffene die einzige Chance, um aus dem Teufelskreis immer neuer Schulden herauszukommen. Foto: epd-bild
Soziales: Beratungsstellen der Diakonie helfen Menschen, die in Geldnot geraten sind.
Immer mehr Menschen in Sachsen-Anhalt und Thüringen sind hoch verschuldet und müssen Insolvenz
anmelden. Für sie ist der Gang zur Schuldnerberatung häufig der letzte Ausweg.
Ein Sprichwort sagt: »Am Ende vom Geld ist noch zu viel Monat übrig.« Wie viel Wahrheit hinter diesen amüsanten Worten steckt, erleben die Mitarbeiter in den Schuldnerberatungsstellen der Diakonie Mitteldeutschland jeden Tag. Menschen in der Krise, ohne Geld und ohne Aussicht auf Besserung. Manche sind froh, dass ihnen geholfen wird, andere erweisen sich als beratungsresistent oder kommen erst, wenn es zu spät ist. Mit der aktuellen Finanzkrise haben die Geldprobleme aber wenig zu tun. Sie haben vielfältige Ursachen.
Johannes Spenn ist Referent für Gesellschaftliche Integration in Halle und für die Schuldnerberatung zuständig. 13 Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen mit einzelnen Außenstellen arbeiten in Sachsen-Anhalt und Thüringen unter dem Dach der Diakonie Mitteldeutschland. Die Zahl ist seit Jahren konstant, obwohl der Bedarf stetig steigt. Spenn hat in der jüngsten Vergangenheit einen Trend beobachtet. »Es kommen immer mehr Jugendliche zu uns«, sagt er. »Sie haben meist keinen Schulabschluss und keine Ausbildung. Sie sind Menschen ohne Zukunft.« Sie plagen sich mit Handyrechnungen und der Tatsache, täglich über ihre Verhältnisse zu leben. »Sie sind jung und wollen sich alles leisten«, erklärt Spenn. »Aber die Realität holt sie irgendwann ein.«
Neben den Jugendlichen ist es die Generation 50 plus, die immer häufiger mit Geldsorgen kämpft. Ihr Einkommen kann die laufenden Kosten wie Miete, Energie oder Telefon nicht decken. Auch Langzeitarbeitslose kommen in die Beratung. Aussichten auf eine feste Arbeit und damit auf eine Chance, den Schuldenstrudel hinter sich zu lassen, haben die wenigsten. Doch auch wer das offizielle Rentenalter erreicht hat, kann nicht immer durchatmen. »Auch hier stehen Einkommen und Ausgaben oft in keinem gesunden Verhältnis«, weiß der 58-Jährige. »Hier rächen sich die gebrochenen Erwerbsbiografien.«
Der Einstieg zum Dasein als Schuldner ist meist klassisch. Über Arbeitslosigkeit, Schicksalsschläge, Trennungen oder Scheidungen führen die Wege der in Not geratenen Menschen in die Schuldnerberatung. Die Privatinsolvenz ist oft die einzige Lösung. Seit 1999 können Privatpersonen (keine Unternehmer) Insolvenz anmelden und müssen dabei sechs Jahre lang so viele Schulden abbezahlen wie möglich. In dieser Zeit darf der Schuldner von seinem monatlichen Einkommen 990 Euro behalten. Nach den sechs Jahren kann bei Gericht ein Antrag auf Restschuldbefreiung gestellt werden. »Viele geraten aber auch in finanzielle Not, weil sie sich Dinge leisten, die sie nicht bezahlen können«, sagt Spenn. Auch der Anstieg der Lebenshaltungskosten ist ein entscheidender Faktor. »Es ist wie in einem Hamsterrad.«
Dafür sprechen auch die Zahlen der Statistiker. Die Thüringer Amtsgerichte zählten allein im ersten Quartal dieses Jahres 699 Verbraucherinsolvenzen. Das entspricht einem Anstieg von 8,5 Prozent (oder 55 Verfahren) gemessen am Vorjahreszeitraum. Die renommierte Wirtschaftsauskunftei Bürgel gibt für Sachsen-Anhalt 1171 Privatinsolvenzen im selben Zeitraum an, was einem Zuwachs von mehr als 14 Prozent entspricht. Bundesweit wurden im ersten Quartal 34710 Privatinsolvenzen und damit knapp 14 Prozent mehr als vor einem Jahr gezählt. Für das gesamte Jahr prognostiziert Bürgel bis zu 140.000 Verbraucherinsolvenzen.
Der Erfolg der Schuldnerberatung hängt von der Komplexität des Problems ab. Als Anbieter von Beratungsdiensten erwartet die Diakonie Mitteldeutschland auch weiterhin eine entsprechende finanzielle Förderung, um die Angebote möglichst qualitätsgerecht anbieten zu können. Ganz wichtig: Die Beratungsleistungen müssen für die Nutzer kostenfrei bleiben, denn gerade dadurch zeichnet sich Beratung in freier Trägerschaft aus. »Wir kämpfen mit der Politik um den Leistungserhalt, um den Status quo«, bringt es Diakonie-Sprecher Frieder Weigmann auf den Punkt. Er glaubt: »Trotz der Zunahme von privater Überschuldung wünschen Kommunen und Gebietskörperschaften nicht mehr Beratungsstellen.« Denn auch bei ihnen ist am Ende vom Geld noch zu viel Monat übrig.
Sabrina Gorges






