Die Taufe – kostbares Geschenk

25. August 2017 von redaktionguh  
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Warum lassen Eltern ihr Kind taufen, warum begehren Erwachsene die Taufe? Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Taufe ist kein Talisman und viel mehr als ein schönes Familienfest.

Die Taufe begründet die Gemeinschaft zwischen dem Täufling und Jesus Christus und sie stellt den Täufling damit zugleich in die Gemeinschaft der Getauften, der christlichen Gemeinde. Aber die Gemeinde lebt in einer säkularen Gesellschaft, in der die meisten Menschen nicht getauft sind. Selbst in Familien, in denen zumindest ein Ehepartner der Kirche angehört, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Kinder getauft werden. Nicht die alten Menschen, die sterben, seien der hauptsächliche Grund für den Mitgliederschwund der Kirche. Viel mehr ins Gewicht falle, dass Kinder aus Familien mit mindestens einem konfessionell gebundenen Elternteil nicht getauft würden. Diese Erkenntnis habe ihn aufgerüttelt, sagt der Weimarer Pfarrer Sebastian Kircheis. Und – zum Nachdenken und Handeln inspiriert.

Mit Elbewasser getauft: Im Fluss bei Dessau-Roßlau taufte Pfarrer Stephan Grötzsch von der Christusgemeinde Großkühnau-Ziebigk am Sonntag den kleinen Leonard Lanfer – sicher gehalten von seinem Onkel und Paten Andreas Lanfer – gemeinsam mit drei weiteren Kindern und einem Jugendlichen. Foto: Lutz Sebastian

Mit Elbewasser getauft: Im Fluss bei Dessau-Roßlau taufte Pfarrer Stephan Grötzsch von der Christusgemeinde Großkühnau-Ziebigk am Sonntag den kleinen Leonard Lanfer – sicher gehalten von seinem Onkel und Paten Andreas Lanfer – gemeinsam mit drei weiteren Kindern und einem Jugendlichen. Foto: Lutz Sebastian

Um der Traditionsvergessenheit etwas entgegenzusetzen und um Kontakt herzustellen zu Menschen, die nur eine lose oder gar keine Verbindung zur Kirchengemeinde halten, ist in Weimar ein Programm entwickelt worden: Wenn ein Kind geboren wird, erhalten die Eltern einen Brief, der ihnen signalisiert: Kirche ist für Sie da, wenn Sie es wünschen. Im nächsten Jahr werden die Eltern der nun ein- bis zweijährigen Kinder erneut angeschrieben und zu einem Vormittag in der Kirchengemeinde eingeladen, an dem über ein Thema, etwa über frühkindliche Erziehung, gesprochen wird. Im dritten Jahr folgt die Einladung zu einem Tauf- oder Tauf­erinnerungsfest. Ein solches wurde in Weimar vergangenen Sonntag gefeiert.

Christen sind in der säkularen Gesellschaft eine Minderheit. Wenn Eltern ihr Kind taufen lassen wollen, stehen sie häufig vor einer Schwierigkeit. Wer soll Pate sein? Im Freundes- und Bekanntenkreis findet sich niemand, der Mitglied einer christlichen Kirche ist. Wenn niemand für das Patenamt infrage kommt, kann dies ein Kirchenältester, ein Gemeindemitglied übernehmen. »Theoretisch, vom Neuen Testament her die beste Lösung«, meint Pfarrer Matthias Ansorg vom Amt für Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Aber doch nicht so praktikabel, da meistens die persönliche Beziehung fehle.

In Weimar hat sich eine andere Variante etabliert: das Taufzeugenamt. Für Menschen, die nicht christlich getauft sind, aber die für das Kind Verantwortung übernehmen wollen. »Es geht dabei auch um das Wohl des Kindes«, betont Pfarrer Hardy Rylke. Es fehle zwar das Element der christlichen Unterweisung. »Aber ich vertraue dem Heiligen Geist«, sagt der Pfarrer. »Wir taufen in die Gemeinde. Eltern, die ihr Kind taufen lassen, tun dies nicht ohne Grund. Ich vertraue darauf, dass die Gemeinschaft der Getauften trägt.«

Warum lassen Eltern ihr Kind taufen, warum begehren Erwachsene die Taufe? Die Spannbreite, warum Menschen ihre Kinder oder sich selbst taufen lassen, ist groß. Manche sehen darin so etwas wie einen Talisman, der vor Gefahren schützt. Von dieser Erfahrung berichtet beispielsweise Barbara Reichert, Militärpfarrerin in Sondershausen. Wie sie sagt, lassen sich bei fast jedem Auslandseinsatz Soldaten taufen. Die Soldaten seien bei Einsätzen in Krisengebieten auf der Suche, sie treffen wichtige Entscheidungen im Angesicht lebensbedrohlicher Gefahren, sie fragen nach Schutz, Begleitung und Segen. In der Taufe sehen sie dies.

»Die Gründe für das Taufbegehren sind so vielfältig wie die Welt«, so die Beobachtung von Pfarrer Rylke. Er kennt Eltern, die selbst nicht konfessionell gebunden sind und dennoch für ihr Kind die Taufe wollen. »In dem Falle ist ein christlicher Pate wichtig«, bemerkt Rylke. Mitunter steht einfach der Wunsch nach einem schönen Familienfest im Vordergrund. Oder die existenziellen Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Schuld und Tod brechen sich Bahn, wie es die Militärseelsorgerin des Öfteren erlebt.

Die Taufe ist kein Talisman und sie ist viel mehr als ein schönes Familienfest. »Ich sage immer, sie ist das kostbarste Geschenk«, so Rylke. Das Sakrament der Taufe begründet die Gemeinschaft mit Jesus Christus und eröffnet im Angesicht von Schuld und Tod eine neue Lebensperspektive im Glauben.

Sabine Kuschel

Kirche mit zwei Gemeinden

3. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Nach sechsjähriger Bauzeit ist es so weit: An diesem Sonntag wird Weimars Stadt­kirche St. Peter und Paul wieder eingeweiht.

Mit rund 200 000 Besuchern pro Jahr gehört sie zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Thüringens. Nur übertroffen von der Wartburg und der Gedenkstätte Buchenwald. 3,47 Millionen Euro wurden in die Grundsanierung der Kirche gesteckt. Der größte Teil waren öffentliche Fördergelder.

Doch immerhin 1,36 Millionen kamen von der Kirchengemeinde und ihren Spendern, vom Kirchenkreis Weimar und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Viel Geld für ein Denkmal zur Freude der Touristen – doch wie sieht es mit der dazugehörigen Gemeinde aus?

Weimars Stadtkirche St. Peter und Paul wird von den meisten Touristen »Herderkirche« genannt, weil der Theologe und Philosoph Johann Gottfried Herder hier von 1776 bis zu seinem Tode im Jahre 1803 als Generalsuperintendent wirkte. Ebenso wie das dahinterliegende Wohnhaus Herders gehört sie als Teil des »Klassischen Weimars« seit 1998 zum Welt­kulturerbe. – Foto: Harald Krille

Weimars Stadtkirche St. Peter und Paul wird von den meisten Touristen »Herderkirche« genannt, weil der Theologe und Philosoph Johann Gottfried Herder hier von 1776 bis zu seinem Tode im Jahre 1803 als Generalsuperintendent wirkte. Ebenso wie das dahinterliegende Wohnhaus Herders gehört sie als Teil des »Klassischen Weimars« seit 1998 zum Welt­kulturerbe. – Foto: Harald Krille

Pfarrer Sebastian Kircheis wehrt sich, die beiden Gruppen gegeneinander auszuspielen. »Wir haben uns entschieden, auch die touristischen Gäste als ›Gemeinde auf Zeit‹ zu verstehen und ihnen entsprechende Angebote zu unterbreiten«, stellt er klar. Und die werden angenommen. So erfreut sich das tägliche Mittagsgebet vor dem Nagelkreuz guten Zuspruchs, oft nehmen ganze Reisegruppen daran teil. Ähnliches gilt für die Vespern am Sonnabendabend. Und auch bei den durchschnittlich 120 bis 150 Gottesdienstbesuchern macht Kircheis einen großen Anteil fremder Besucher aus. »Absoluter Renner sind dabei unsere 12 bis 18 Kantatengottesdienste im Jahr.«

Doch auch ohne Musik und Worte spricht die Kirche Menschen an. Nicht zuletzt durch ihren berühmten Cranach-Altar. Oft beobachte er Besucher, die zunächst in Sachen »Weimarer Klassik« die Kirche aufsuchen, berichtet Kircheis. »Sie stehen vielleicht fünf Minuten vor Herders Grab, aber dann eine halbe Stunde und länger vor dem vom Glauben sprechenden Altarbild.«

Neben einer Küsterinnenstelle konnten durch Besucherspenden, Verkauf von Büchern sowie Einnahmen bei Führungen je eine halbe Hausmeister- und Verwaltungsstelle finanziert werden. Doch ohne die rund 30 ehrenamtlichen Helfer, die die eigentlichen Träger der »Offenen Kirche« sind, wären Aufsicht, Verkauf und Führungen nicht zu realisieren.

Was zugleich den Übergang zur zweiten Gemeinde, der Ortsgemeinde, markiert. Etwa 4 000 Mitglieder zählen der der Stadtkirche zugeordnete Herder- sowie der Johann Friedrich-Bezirk der Kirchengemeinde Weimar. Die Johanneskirche als Filialkirche sowie das Herder-Gemeindezentrum neben der Stadtkirche stehen der Gemeindearbeit zur Verfügung.

»In den vergangenen Jahren ist neben einer großen Jungen Gemeinde und der umfangreichen kirchenmusikalischen Arbeit ein Schwerpunkt mit der stadtübergreifenden Arbeit mit Kindern und Eltern entstanden«, sagt Kircheis. Im Rahmen eines Taufprojekts werden dabei etwa alle Eltern evangelischer Kinder angeschrieben und zu Veranstaltungen und Gesprächsgruppen eingeladen, unter anderem zu einem monatlichen Kinder-Sonnabend, der den Eltern »kinderfreie« Zeit und den Kleinen neben Spiel und Spaß auch spirituelle Erfahrungen bietet.

Und dass neben dem Bachchor die Evangelische Singschule unter Kantor Johannes Kleinjung inzwischen rund 120 junge und jüngste Sängerinnen und Sänger vereint, darf angesichts der reichhaltigen Angebote in der Stadt Weimar durchaus auch als Zeichen für eine lebendige Gemeindearbeit gewertet werden.

Harald Krille

Das Programm am 4. Dezember
10 Uhr: Festgottesdienst mit heiligem Abendmahl unter Beteiligung der Singschule und des Bach-Chores, Predigt: Landesbischöfin Ilse Junkermann
15 bis 18 Uhr: »Rollendes Gemeindefest« in der Stadtkirche und im Herderzentrum mit einer Kinderkirchenrallye, Spezialführungen durch den Kirchenraum (unter anderem mit der leitenden Architektin Anja Löffler), Musik zum Hören und Mitsingen, Filmvorführung über die Innensanierung und natürlich Kaffee und Kuchen, Kinderpunsch und Glühwein

Die Ankunftssinfonie Gottes

23. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Eine Weihnachtsmeditation von Sebastian Kircheis

Weihnachten. Was kommt einem da zuerst in den Sinn? Bilder, Gerüche, Worte? Bei mir sind es die Klänge – von den Pauken und Trompeten des Bach’schen Oratoriums bis hin zum schlichten Kinderweihnachtslied. Die Weihnachtsgeschichte gleicht einem facettenreichen Musikstück. Für mich ist sie die Ankunftssinfonie Gottes.

Ihr erster Satz muss wohl Andante (gehend) heißen; denn die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte voller Bewegung: Maria, Josef, Hirten, Engel. Alle sind in Bewegung. Maria und Josef: Ihr Gehen klingt nach Andante doloroso. Ein Gehen mit Schmerzen. Es sind nicht nur die Schmerzen der anstehenden Geburt, es sind auch die Schmerzen, die aus der Abweisung kommen und die sie mit allen teilen, die »keinen Raum in der Herberge« finden, damals und heute. Das andere Andante spielen uns die Hirten, ein Andante con spirito, ein beseeltes Gehen, dessen Ziel die Notbehausung ist, in der Gott Platz in unserer Welt findet.

»Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen« (Lukas 2,19). – Das Holz- relief eines einstigen Flügelaltars, der um 1500 entstand, zeigt die »Heiligen Sippe« (Heilige Familie)  in Zimmern bei Bad Langensalza. Maria mit dem Kind (Foto) und Josef werden umgeben von zwei Schwestern der Maria und deren Familie. Foto: Andreas Heimler

»Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen« (Lukas 2,19). – Das Holz- relief eines einstigen Flügelaltars, der um 1500 entstand, zeigt die »Heiligen Sippe« (Heilige Familie) in Zimmern bei Bad Langensalza. Maria mit dem Kind (Foto) und Josef werden umgeben von zwei Schwestern der Maria und deren Familie. Foto: Andreas Heimler

Und ganz sicher gehört zu diesem ersten Satz das Andante maestoso (erhaben). Die himmlischen Boten spielen es in die Weihnachtsgeschichte hinein: »Siehe, ich verkündige euch große Freude. Euch ist heute der Heiland geboren. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.« Nur an diesem einen Punkt des Geschehens klingt das göttliche Maestoso auf. Was für eine Bewegung. Reinhold Stecher hat für das Kommen Gottes in die Welt den Begriff vom »Lift des Heils« geprägt. Er ist seit Jahrtausenden auf dem Weg zu uns hinunter durch die Menschheitsgeschichte. Er senkt sich durch die Etagen des Sehnens und Ahnens der Religionen und durch die Stockwerke der Verheißungen der Propheten. Er setzt in der Heiligen Nacht auf der Erde auf: im Erdgeschoss des Universums, mitten im Milieu menschlicher Armut und Verlorenheit. Dazu hören die einfachen Hirten das Maestoso aus Gottes Ankunftssinfonie. So findet die Bewegung Gottes zu uns Menschen ihr erstes Ziel.

Der zweite Satz der Ankunftssinfonie sollte Misterioso – geheimnisvoll – heißen: »Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich.« So fasst Luther im Lied das Geheimnis des Weihnachtsgeschehens. Und Bach kann sich angesichts dessen gar nicht genug wundern: »Wer kann die Liebe recht versteh’n, die unser Heiland für uns hegt? Ja, wer vermag es einzusehen, wie ihn der Menschen Leid bewegt.« Kein Weg scheint dieser Liebe zu weit, kein Stall zu schmutzig, keine Krippe zu hart. Von den ersten, die davon hören, heißt es: Sie wunderten sich. Sich wundern, staunen, das ist der Weg, sich diesem Geheimnis zu nähern. Was geschieht im Misterioso? Der »Lift des Heils« setzt sanft auf, die Tür öffnet sich, und das Kind winkt uns zu sich hinein, damit es mit uns wieder auffahren kann. Wenn wir die Fahrt mit ihm wagen, auch durch dunkle, beklemmende und bedrückende Etagen, will er uns hinaufbringen bis zum »Dachgarten der Herrlichkeit« (Stecher). Um uns diesem Geheimnis zu öffnen, müssen wir auf den 3. Satz der Ankunftssinfonie hören:

Contemplativo (besinnlich): So soll Weihnachten sein. Maria macht es vor: »Sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.« Können wir das wieder lernen? Unsere Zeit ist schnell und reizüberflutet. Da braucht es ein bewusstes Innehalten, ein starkes Ritardando, Verlangsamen. Aber es lohnt, den Satz einzustudieren. Denn auf diesem Weg wird eine Wahrheit zu meiner Wahrheit, erschließt sich das Geheimnis der Christgeburt in mein Leben hinein, kommt das Kind in der Krippe auch in meinem Herzen an und beginnt mein Reden, Handeln und meinen Weg mitzubestimmen: »Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still, er betet an und es ermisst, dass Gottes Lieb unendlich ist.«

Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Von den Hirten heißt es: »Da sie es gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus. Sie priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.«

Die Gestaltung des letzten Satzes der Ankunftssinfonie Gottes liegt ganz bei uns. Unsere Kirche zeichnet sich dadurch aus, dass sie zu vielen drängenden Problemen wie Krieg und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung con moto (bewegt) Stellung nimmt. Wenn es aber um die Fragen des Heils und der Erlösung für uns Menschen geht, musizieren wir oft sotto voce (mit halber Stimme, geflüstert). Traurig wäre, wenn man einst über dem Teil der Ankunftssinfonie, der ganz uns gehört, ein Tacet (schweigt) fände.

Ich wünsche allen Lesern, dass bei ihnen die Ankunftssinfonie Gottes zum Klingen kommt: Andante – bewegt vom Misterioso, dem weihnachtlichen Geheimnis Gottes; Contemplativo – mit Zeit und Ruhe, damit der Weihnachten Geborene mit seiner Liebe ihr Herz erreicht. Und dass sie diese Liebe zum Klingen bringen, ganz gleich ob piano (leise) oder forte (laut), con fuoco (mit Feuer) oder con grazia (mit Anmut). Hauptsache, es geschieht con spirito – beseelt von Gott, dem ewigen Vater und seinem Sohn Jesus Christus.

Der Autor ist Pfarrer in Weimar und ehemaliger Kruzianer.

Unterwegs nach Lobetal

9. September 2012 von redaktionguh  
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Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir,
führt mich durch alle Straßen, da ich sonst irrte sehr.
Er reicht mir seine Hand, den Abend und den Morgen tut er mich wohl versorgen,
wo ich auch sei im Land.
Evangelisches Gesangbuch 365, Strophe 1

Unwillkürlich steigen die Vertrauensbilder des 23. Psalms auf: das »Führen auf rechter Straße«, der »bereitete Tisch«. Daneben schwingt ein anderer vertrauenserfüllter Text mit – Luthers Erklärung zum 1. Glaubensartikel: »Ich glaube, dass … Gott … mit allem, was nottut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt.« Hier spricht kein naives Gemüt. Der Autor kennt »schwere Zeit«, »Widerwärtigkeit«, »Leid« und Enttäuschung durch Menschen! Davon singt er in der »Ich-Form«!

Sebastian Kircheis

Sebastian Kircheis

Ludwig Helmbold wurde im damals neuen lutherischen Glauben erzogen und erfuhr das als kostbares aber auch angefochtenes Gut. Als Magister, seit 1562 Professor der Philosophie in Erfurt, erfährt er höchste Anerkennung, als der Kaiser ihn zum »poeta laureatus« (zum lorbeergekrönten Dichter) erhebt. Später muss er auf Betreiben katholischer Kreise die Arbeit an der Universität aufgeben und in seiner Heimatstadt Mühlhausen neu beginnen.

In einer Lyoner Melodie findet er die Traumpartnerin zum Text. Sie kommt nicht leichtfüßig fröhlich daher. Das Vertrauen hat sich bewähren müssen.

Helmbold wechselt vom »Ich« zum »Wir« und schließlich zum »Ihr«. Wohin will er uns führen? Zum Gotteslob! Der Mensch bringt anerkennend zu Gott zurück, was er von ihm empfangen hat. So verwandelt Loben unser Leben in eine neue Qualität hinein. Wir können es auszuprobieren: »Lobt ihn mit Herz und Munde, welchs er uns beides schenkt. Das ist ein sel’ge Stunde, darin man sein gedenkt; denn sonst verdirbt all Zeit, die wir zubringn auf Erden. Wir sollen selig werden und bleibn in Ewigkeit.«

Pfarrer Sebastian Kircheis, Weimar

Welches Lied singen wir heute?

21. Mai 2011 von redaktionguh  
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Singt dem Herrn ein neues Lied,  denn er tut Wunder.
Psalm 98, Vers 1

Kantate 2011 – welchen Text sollte das neue Lied haben, das die Kirche in unserem mitteldeutschen Raum singt? Ist es ein österliches Halleluja, ein großes Gloria? So gern ich das anstimmen und gleich das Loblied auf alle Sänger und Chöre nachschicken würde, ist das wirklich dran?

Sebastian Kircheis, Pfarrer in Gera

Sebastian Kircheis, Pfarrer in Gera

Mein Lied an diesem Wochenende heißt: Kyrie eleison – Herr, erbarme dich! Ich erfahre: Tagtäglich kehren Menschen unserer Kirche den Rücken. Kinder christlicher Eltern werden nicht getauft, getaufte Jugendliche werden nicht konfirmiert. Das sind nur die Symptome dafür, dass es unserer Verkündigung und unserem Dienst trotz guten Willens an Prägekraft und Relevanz mangelt. Wo gewinnen wir beides?

Kyrie eleison!

Ich nehme heute eine tiefe Verunsicherung wahr im Blick auf unser Bekenntnis. »Ist der Tod Jesu heilsnotwendig?«, fragen manche irritiert. »Wie kann ein liebender Vater von seinem Sohn ein solches Opfer verlangen? Und was ist das mit der Auferstehung?« Sind der Besuch der Ostergottesdienste und die vielen verschlossenen Kirchen am Ostermontag für uns eine Problemanzeige?

Christe eleison!

Und ich erlebe eine ungeheure Gleichgültigkeit gegenüber der Verkündigung unseres Glaubens. Sie reicht hinein bis in die Familien der sogenannten Kerngemeinde, bis in die Familien von Mitarbeitern im Verkündigungsdienst, sie ist bei so manchem Menschen zu finden, der in unserer Kirche angestellt ist. Das schmerzt.

Kyrie eleison!

Dagegen hilft kein Aktionismus, da hilft auch keine Kampagne. Sind wir mit unserem Latein am Ende? Und – mal ehrlich – erwarten wir noch Wunder? Kann es vielleicht sein, dass unser Herr darauf wartet, dass wir unsere Ratlosigkeit bekennen und ihn, der ja selbst Weg, Wahrheit und Leben ist, um sein Erbarmen bitten?

Ich glaube, es ist an der Zeit! Und dann sollte unser Lied eine lange Pause machen und ihm darin den Raum lassen für seine Wunder!

Sebastian Kircheis

Fruchtbare Tränen gegen die große Traurigkeit

19. November 2010 von redaktionguh  
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Die mit Tränen säen,  werden mit Freuden ernten.
Psalm 126, Vers 5

Sebastian Kircheis, Pfarrer in Gera

Sebastian Kircheis, Pfarrer in Gera

Unaussprechlich groß ist der Schmerz des Mackenzie, der seine Tochter durch ein furchtbares Verbrechen verloren hat. Die »große Traurigkeit« hat ihn im Griff, als ihn die Einladung Gottes in die Hütte erreicht, in der das Unfassbare geschah.

William Paul Young lässt den Leser des Romans »Die Hütte« teilnehmen an der Verwandlung, die mit Mackenzie während des Wochenendes mit Gott vor sich geht. Seine Tränen werden von Gott gesammelt und schließlich auf das Grab des Mädchens geträufelt. »Wo sie den Boden berührten, sprossen sofort Blumen hervor und öffneten im hellen Sonnenlicht ihre Knospen.« Eine besondere Träne fällt auf die Mitte des Grabes, und sofort sprosst da ein kleiner Baum auf, breitet seine Zweige aus und fängt an zu blühen: »Das ist der Baum des Lebens, der in deinem Herzen wächst!«, erfährt der trauernde Vater.

Das Geheimnis des Glaubens heißt Verwandlung: Leid, Schmerz, Geschrei und Tod haben nicht das letzte Wort in unserem Leben. Die Tränen der »großen Traurigkeit« wird Gott selbst abwischen und alles neu machen. Unglaublich!

Und doch zieht sich diese Botschaft durch die Bibel, wie ein roter Faden. Unser Psalm spricht ebenso davon wie die Seligpreisungen der Bergpredigt: »Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.« Oder das letzte Buch der Bibel: »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen …«

Wer in diesen Tagen den Schmerz wieder spürt, den der Tod eines Menschen ausgelöst hat, wem die Tränen wieder kommen und wer die Angst verspürt, die Dunkelheit könnte sich endgültig auf seine Seele legen, der lasse seine Tränen in Gottes Hände fließen. Er will verwandeln: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Das ist kein Gesetz, sondern Geheimnis des Glaubens.

Jesus Christus – Garant des Lebens – steht dafür ein, dass menschliche Tränen fruchtbar werden und dass der Baum des Lebens wieder blühen und wachsen kann, damit wer mit Tränen sät, mit Freuden ernten wird.

Sebastian Kircheis

Kunst und Kirche im Dialog

8. Oktober 2010 von redaktionguh  
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Zum dritten Mal lädt der Kirchenkreis Gera zur kulturellen Pilgertour ein.
 
»Prototyp einer Seele« heißt die Skulptur von Bernard Divendal in der Kirche von Kaimberg. (Foto: Erik Buchholz)

»Prototyp einer Seele« heißt die Skulptur von Bernard Divendal in der Kirche von Kaimberg. (Foto: Erik Buchholz)

Kaimberg ist ein kleines Dorf im Kirchenkreis Gera. Von 300 Einwohnern gehören noch sechs zur evangelischen Kirche. Doch an diesem Sonntag sitzen 30 Besucher in den Bänken der ehemaligen Gutskirche. Sie sind zu einem Konzert gekommen, das im Rahmen des Projektes »Nimbus – Kunst in Dorfkirchen – Pilgern um Gera« vom 4. September bis 17. Oktober an sieben Wochenenden in sieben Gotteshäusern stattfindet – und dabei ebensoviele Positionen zeitgenössischer Kunst präsentiert. Hierzu ist ein ansprechend gestalteter Flyer erschienen, der in den Kirchen und der Tourist-Information der Otto-Dix-Stadt ausliegt.

Das Wort »Nimbus« (lateinisch »dunkle Wolke«) steht für das besondere Ansehen einer Sache, einer Person oder einer Personengruppe.

Bereits zum dritten Mal lädt der Kirchenkreis zu einem Stationenweg in zwei Abschnitten ein, der westlich des Elstertals von Niederndorf über Frankenthal nach Dürrenebersdorf führt und östlich die Orte Liebschwitz, Taubenpreskeln, Kaimberg und Thränitz ansteuert. Pfarrer Sebastian Kircheis vom Initiativkreis »Pilgern um Gera« sieht hierin eine gute Möglichkeit, Wandern, Radfahren, Pilgern und das Erleben von Kunst miteinander zu verbinden. Im Maler und Zeichner Erik Buchholz (41) hat man dafür einen idealen Partner gefunden, dem die Dorfkirchen und Orte am Rande der Stadt am Herzen liegen. Nicht ohne Grund wurde er kürzlich zum Ortsteilbürgermeister von Frankenthal gewählt.

»Auch in diesem Jahr konnten wir für dieses ungewöhnliche Projekt namhafte Künstlerinnen und Künstler gewinnen, die sich mit ihrer Arbeit auf die sakralen Räume einlassen und die Besucher und Pilger in den Dialog über die Jahrhunderte mit einbinden wollen«, freut sich Buchholz.

In der Kirche von Kaimberg, deren Ausstattung aus dem Spätbarock und Rokoko fast unverändert erhalten ist, steht eine Skulptur des niederländischen Künstlers Bernard Divendal mit dem Titel »Seele«. Dieser bemüht sich in ernsthafter und zugleich humorvoller Weise um die »Materialisierung eines uralten Phänomens, das in vielen Religionen und Weltanschauungen, in der Kunst sowie in der Philosophie auftaucht«.

Pfarrer Roland Geipel, seit 2004 im Ruhestand, betreut das Kaimberger Gotteshaus. Sein Engagement begann mit einem Vortrag zum »Tag des offenen Denkmals« und ist seither nicht mehr abgerissen. Enorm wichtig sei die Einstudierung des Krippenspiels geworden, »das gewissermaßen das Dorf gemeinsam aufführt«. Auch wenn im Kircheninneren inzwischen Gerüste aufgebaut sind, ist die Skulptur Bernhard Divendals noch zugänglich.

Michael von Hintzenstern