Macht und Ohnmacht

1. April 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Frühjahrskonferenz der Gefängnisseelsorger befasste sich mit Suizid

Die Selbstmordrate im Strafvollzug ist sechs bis acht Mal höher als in der Gesellschaft. Eine große Herausforderung für die Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorger der mitteldeutschen Landeskirche. Auf deren Frühjahrskonferenz vom 22. bis 24. März in Neudietendorf »Macht und Ohnmacht im Gefängnis« stand das Thema Suizid im Mittelpunkt.

Foto: Miguel Saavedra, sxc.hu

Foto: Miguel Saavedra, sxc.hu

Ausgehend von ihrer Studie »Suizide im Thüringer Strafvollzug (1994 bis 2008)« erläuterte dies Heike Ludwig, Professorin an der Fachhochschule Jena, an Beispielen. Um dem Gefühl der Ohnmacht zu begegnen, sei es bereits während der Untersuchungshaft wichtig, als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen, betonte in diesem Zusammenhang Pfarrer Ulrich Huppenbauer, Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tonna. Jeder Gefangene habe die Möglichkeit, einen Antrag für ein Gespräch mit einem Gefängnisseelsorger zu stellen. Darüber hinaus sei es wichtig, auf die Inhaftierten zuzugehen und in den Aufschlusszeiten das Gespräch zu suchen, sagt Pfarrer Hosea Heckert, der für die JVA Gera und Hohenleuben sowie die Jugendstrafanstalt Ichtershausen zuständig ist. Auch wenn die meisten Insassen keiner Kirche angehörten, stünden doch 95 Prozent dem Kontakt mit einem Pfarrer aufgeschlossen gegenüber.

Neben Einzelgesprächen prägen Gottesdienste und Bibelgesprächskreise die Arbeit. Letztere bieten die Möglichkeit, Brücken in die einzelnen Biografien zu bauen. In den Gesprächsgruppen werde oftmals sehr intensiv diskutiert, stellten die Gefängnisseelsorger übereinstimmend fest. Um die Ohnmacht der Verurteilten zu meistern, sei auch die liturgische Form des Gottesdienstes sowie das gemeinsame Singen hilfreich.

Die Gefängnisseelsorger sind zugleich Ansprechpartner für Menschen, die schuldig geworden sind, für deren Angehörige und für die Bediensteten in den Haftanstalten. Besonders wichtig ist es, ein Vertrauensverhältnis zu den Inhaftierten aufzubauen. Denn aufgrund ihrer Schweigepflicht sind die Seelsorger die einzigen Gesprächspartner, denen sie sich hundertprozentig anvertrauen können.

Im Zusammenhang mit der immer umfangreicheren Berichterstattung über Verbrechen in den Medien werde in der Gesellschaft der Ruf nach Vergeltung wieder lauter. Während früher das Ziel der Resozialisierung oberste Priorität hatte, stehe jetzt die Sicherheit an erster Stelle, erklärten die Seelsorger. Um die Inhaftierten schrittweise wieder in die Außenwelt zu begleiten, seien aber vertrauensbildende Maßnahmen wie Freigänge hilfreich, was oftmals jedoch an personellen Problemen scheitere.

In Neudietendorf wurde auch ein neuer Vorstand gewählt. Vorsitzende wurde Pfarrerin Jana Büttner (JVA Burg), zudem gehören ihm Hosea Heckert, Ulrich Huppenbauer und Friedhelm Kasparick (JVA Halle) an.

Michael von Hintzenstern

Predigen mit den Händen

Die Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge hat in der Kirche an Bedeutung gewonnen

Gehörlose und Schwerhörige brauchen andere Formen der Kommunikation. In der Evangelischen Kirche in
Mitteldeutschland kümmern sich ausgebildete Seelsorger um die Betroffenen und ihre Belange.

Gebärdensprachdolmetscherin Andrea Michelmann zeigt die Gebärde für das Verbundensein mit Gott. 	Foto: Viktoria Kühne

Gebärdensprachdolmetscherin Andrea Michelmann zeigt die Gebärde für das Verbundensein mit Gott. Foto: Viktoria Kühne

Elisabeth Strube singt mit der Gemeinde ein Lied. Ihr Mund formt Buchstaben und Laute, die Hände machen Zeichen in der Luft. Alle singen ohne Worte. Es ist die Gebärdensprache, die an diesem Sonntag im Januar die Gemeinde in Halberstadt zusammenkommen lässt. Zwölf Gemeindemitglieder sind versammelt, um gemeinsam den Gottesdienst in der Gebärdensprache zu ­feiern. Einige haben ihre hörenden Angehörigen mitgebracht. Der grelle Polylux sorgt dafür, dass der Liedtext an der Wand abgebildet wird.

»Ich zei­ge damit auch Bilder«, sagt Elisabeth Strube, die seit Oktober als Pfarrerin für Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge der EKM in Halberstadt arbeitet. Man braucht die 52-Jährige nur ein Weilchen zu beobachten, und der Funke der Begeisterung springt über. »Ich liebe diese Sprache«, sagt sie und lacht. Nach dem Gottesdienst gibt es Kaffee und Kuchen. »Alle haben sich einen Monat nicht gesehen und sich viel zu erzählen«, sagt die Pfarrerin, die sich um den Norden der EKM kümmert.

In den vergangenen Jahren hat Gottes Wort in der Welt der Stille immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die kommunikative Grenze zwischen der Welt der Hörenden und der Schwerhörigen und Gehörlosen wurde erfolgreich aufgeweicht. Die Botschaft Jesu Christi ist längst in der Welt der Gebärdensprachler angekommen. »Glaube und Kirche sind inzwischen nicht mehr nur ein Gut der Hörenden«, sagt Andreas Konrath, EKM-Landespfarrer für Gehörlose und Schwerhörige, aus Saara.

Die genaue Zahl der Gehörlosengemeinden in der EKM ist ebenso vage bis unbekannt wie die Zahl der Betroffenen. Im Jahr 2006 wurde für die ehemalige Kirchenprovinz Sachsen eine Zahl von 5.000 gehörlosen Menschen angegeben. Die Zahl der Schwerhörigen liegt im Dunkeln. »Leider kann es nicht genau beziffert werden, weil sie in ihren Ortsgemeinden angemeldet sind«, weiß Seelsorger Konrath. Gottesdienste in Gebärdensprache werden seinen Angaben zufolge derzeit in 18 Orten der EKM angeboten. »Die Seelsorger und auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter erreichen immer mehr Gläubige. Das macht uns froh.«

Zusammen mit Elisabeth Strube hat Konrath eine Fachtagung vorbereitet, die vom 11. bis 14. Januar in Neudietendorf veranstaltet wurde. Ihr Ziel: Glaube soll nicht nur durch die »gesprochene« Predigt die Menschen erreichen, sondern auch durch einen Wink oder ein Handzeichen. Das viertägige Treffen diente dem Erfahrungsaustausch und der Weiterbildung der Pfarrer und Mitarbeiter der Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge. Das Tagungsmotto bildete ein Zitat von Dr. Helen Keller, selbst gehörlos und blind: »Nicht-Sehen trennt von den Dingen, Nicht-Hören trennt von den Menschen.«

»Schwerhörige sind davon abhängig, dass die kirchlichen Mitarbeiter ihnen die Teilhabe am Gemeindeleben ermöglichen«, erklärt Pfarrer Konrath. »Oft fühlen sie sich jedoch im Nachteil, weil sie nur partiell informiert werden.« Gerade bei Gruppenveranstaltungen würden sie schnell ins Hintertreffen geraten. Die Folge sind Missverständnisse, Kommunikationsprobleme und Einschränkungen der persönlichen Lebensqualität. Schätzungsweise 15 Millionen Menschen in ganz Deutschland hören schwer, vorwiegend sind es Ältere.
Für Gehörlose ist die Gebärdensprache etwas Vertrautes, ein Mittel, mit dem sie aus ihrer »Parallelwelt« nach draußen kommunizieren. Seit acht Jahren ist diese Form der Sprache gesetzlich anerkannt. Und auch wenn schon viel erreicht ist, geht die Arbeit für Landespfarrer Konrath und seine Kolleginnen und Kollegen weiter. »Taubblinde sind besonders ausgegrenzt und die Gemeinden können nur ganz selten mit ihnen richtig umgehen«, sagt er. Auch ihren Problemen wollen sich die Tagungsteilnehmer zuwenden. »Wir müssen schauen, was die Betroffenen wollen und wie wir ihnen als Partner begegnen können.«

Elisabeth Strube hat den letzten Gottesdienstteilnehmer an diesem Sonntagnachmittag verabschiedet – mit einer netten Geste. Sie ist zuversichtlich, dass sich Schwerhörige und Gehörlose in Zukunft nicht mehr ­ausgegrenzt fühlen müssen. »Ich bin geduldig und sicher, dass auf dem ­Gebiet etwas Großes wachsen wird.«

Sabrina Gorges