Das Bild des Alters
22. Oktober 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Warten auf Besuch. Trauer um einen geliebten Menschen. Nachlassen der Kräfte. Seelsorge an hochbetagten Menschen wird für unsere Kirchengemeinden immer wichtiger. Foto: Elisabeth Rawald/Fotolia.com
Seelsorge: Die älter werdende Gesellschaft fordert von der Kirche ein neues Engagement.
Noch ist die Altenseelsorge wenig entwickelt. Aber der Bedarf an Seelsorgern in den Seniorenheimen und -wohnanlagen ist bereits vorhanden.
Ein schönes Zimmer, eigene Möbel, der Blick geht auf die sich langsam färbenden Laubbäume vor dem Fenster. Die Pfarrersfrau lebt seit einem Jahr im Senioren- und Pflegeheim. Ihr Mann war nach einer schweren Erkrankung schon ein halbes Jahr zuvor ins Nachbarzimmer gezogen. »Jetzt geht es mir wieder gut«, sagt der betagte Pfarrer. Aber wohlfühlen könne er sich nicht. Vor allem eins bedrücke ihn sehr: Im privat geführten Heim spiele Kirche kaum eine Rolle. Einmal im Monat ist Gottesdienst. Zu wenig, empfindet das Ehepaar. Es wünscht sich mehr geistliches Leben, auch Seelsorge.
Altenseelsorge sei vor allem Zuhören, betont der 85-Jährige. »Ein Ortspfarrer kann kein Seniorenzentrum betreuen. Dazu hat er einfach keine Zeit.« Da seien Leute, die es mit der Umstellung vom Leben »draußen« schwer haben, Menschen mit gebrochenen Biografien und Fragen nach dem, was ihr Leben ausgemacht hat und ausmacht. Auch solche, die vor Jahrzehnten aus der Kirche ausgetreten sind und nun gern wieder Kontakt hätten. »Wenn ich so ein Haus betreuen will, muss ich mindestens alle 14 Tage einen Nachmittag dreingeben«, ist der ehemals sehr aktive Pfarrer sicher.
Unsere Gesellschaft wird älter, die Menschen erreichen ein immer höheres Lebensalter. Das ist keine neue Erkenntnis. Die Seelsorge an alten Menschen ist aber noch wenig entwickelt. »Es gibt natürlich auch ein gefühltes Defizit«, sagt Theresa Rinecker vom Seelsorgeseminar in Weimar, weil die Gesundheit viele Betätigungsmöglichkeiten einschränkt. Aber es gebe auch die Fragen: Was ist in meinem Leben offen geblieben? Dass hier viel Zeit gebraucht wird, sieht die Fachfrau wohl.
In der mitteldeutschen Kirche wird das Problem erkannt. Der Kirchenkreis Mühlhausen hat eigens eine Projektstelle geschaffen. Erst einmal für drei Jahre, sagt Superintendent Andreas Piontek. In Bad Langensalza waren drei Altenheime entstanden und nur eine Pfarrstelle im Plan. Die drei Jahre hätten gezeigt, »dass hier ein großer Bedarf an Seelsorge besteht und dass Kirche sich diesem Problem zunehmend stellen muss«. Man wolle nun schauen, wie solch eine Stelle im Plan fest verankert werden könne. Im Kirchenkreis Mühlhausen besuchen zudem zwei Pfarrerinnen einen Aufbaukurs Altenseelsorge in Bethel bei Bielefeld. Unsere Landeskirche habe noch kein entsprechendes Angebot, bedauert Piontek.
Auch im Kirchenkreis Altenburger Land wurde im August dieses Jahres eine Projektstelle für Altenseelsorge eingerichtet. Ulrich Götz betreut drei Pflegeheime, Menschen im betreuten Wohnen und ist zudem im Krankenhaus tätig. »Da war bisher eine Lücke«, sieht auch der 58-jährige Pfarrer. Noch ist er mit dem Aufbau seiner Arbeit beschäftigt, trifft aber auf viel Offenheit bei den Heimleitungen.
Kirchenrätin Barbara Killat vom Magdeburger Kirchenamt, Referat Seelsorge, sieht ebenfalls, dass der Bedarf deutlich höher ist als das Angebot. Das Arbeitsfeld sei jedoch schwierig. Es gibt Hochbetagte, die noch in ihren Wohnungen leben. Andere sind in Wohnanlagen oder in Heimen. Zudem gäbe es oft große Unsicherheit im Umgang mit Demenzkranken. Prinzipiell seien jedoch erst einmal die Ortspfarrer für die Altenheime zuständig. Hier könne auch ehrenamtlicher Besuchsdienst viel helfen. In Magdeburg zum Beispiel wird ein Fahrdienst organisiert – zu Gottesdiensten oder Veranstaltungen. Gemeindeglieder holen ältere Menschen ab, ein Taxi-Dienst wird in Anspruch genommen, finanziert durch Spenden. Oder der Hausmeister fährt die Senioren von ihrer Wohnanlage zur Kirche, erläutert die zuständige Pfarrerin Brigitte Enke. »Das organisiert sich von allein.«
Unterschiedliche Bedürfnisse von alten Menschen erfordern unterschiedliche Angebote. Kirche muss jedoch noch mehr leisten, nämlich ein positives Bild des Alters und vom Altern vermitteln. Ältere Menschen sind nicht nur »Pflegefälle« oder Konsumenten der Pharmaindustrie. Sie sind in erste Linie Gottes Ebenbild und haben ein Recht auf Würde.
Dietlind Steinhöfel
Macht und Ohnmacht
1. April 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Frühjahrskonferenz der Gefängnisseelsorger befasste sich mit Suizid
Die Selbstmordrate im Strafvollzug ist sechs bis acht Mal höher als in der Gesellschaft. Eine große Herausforderung für die Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorger der mitteldeutschen Landeskirche. Auf deren Frühjahrskonferenz vom 22. bis 24. März in Neudietendorf »Macht und Ohnmacht im Gefängnis« stand das Thema Suizid im Mittelpunkt.

Foto: Miguel Saavedra, sxc.hu
Neben Einzelgesprächen prägen Gottesdienste und Bibelgesprächskreise die Arbeit. Letztere bieten die Möglichkeit, Brücken in die einzelnen Biografien zu bauen. In den Gesprächsgruppen werde oftmals sehr intensiv diskutiert, stellten die Gefängnisseelsorger übereinstimmend fest. Um die Ohnmacht der Verurteilten zu meistern, sei auch die liturgische Form des Gottesdienstes sowie das gemeinsame Singen hilfreich.
Die Gefängnisseelsorger sind zugleich Ansprechpartner für Menschen, die schuldig geworden sind, für deren Angehörige und für die Bediensteten in den Haftanstalten. Besonders wichtig ist es, ein Vertrauensverhältnis zu den Inhaftierten aufzubauen. Denn aufgrund ihrer Schweigepflicht sind die Seelsorger die einzigen Gesprächspartner, denen sie sich hundertprozentig anvertrauen können.
Im Zusammenhang mit der immer umfangreicheren Berichterstattung über Verbrechen in den Medien werde in der Gesellschaft der Ruf nach Vergeltung wieder lauter. Während früher das Ziel der Resozialisierung oberste Priorität hatte, stehe jetzt die Sicherheit an erster Stelle, erklärten die Seelsorger. Um die Inhaftierten schrittweise wieder in die Außenwelt zu begleiten, seien aber vertrauensbildende Maßnahmen wie Freigänge hilfreich, was oftmals jedoch an personellen Problemen scheitere.
In Neudietendorf wurde auch ein neuer Vorstand gewählt. Vorsitzende wurde Pfarrerin Jana Büttner (JVA Burg), zudem gehören ihm Hosea Heckert, Ulrich Huppenbauer und Friedhelm Kasparick (JVA Halle) an.
Michael von Hintzenstern
Predigen mit den Händen
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Die Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge hat in der Kirche an Bedeutung gewonnen
Gehörlose und Schwerhörige brauchen andere Formen der Kommunikation. In der Evangelischen Kirche in
Mitteldeutschland kümmern sich ausgebildete Seelsorger um die Betroffenen und ihre Belange.

Gebärdensprachdolmetscherin Andrea Michelmann zeigt die Gebärde für das Verbundensein mit Gott. Foto: Viktoria Kühne
Elisabeth Strube singt mit der Gemeinde ein Lied. Ihr Mund formt Buchstaben und Laute, die Hände machen Zeichen in der Luft. Alle singen ohne Worte. Es ist die Gebärdensprache, die an diesem Sonntag im Januar die Gemeinde in Halberstadt zusammenkommen lässt. Zwölf Gemeindemitglieder sind versammelt, um gemeinsam den Gottesdienst in der Gebärdensprache zu feiern. Einige haben ihre hörenden Angehörigen mitgebracht. Der grelle Polylux sorgt dafür, dass der Liedtext an der Wand abgebildet wird.
»Ich zeige damit auch Bilder«, sagt Elisabeth Strube, die seit Oktober als Pfarrerin für Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge der EKM in Halberstadt arbeitet. Man braucht die 52-Jährige nur ein Weilchen zu beobachten, und der Funke der Begeisterung springt über. »Ich liebe diese Sprache«, sagt sie und lacht. Nach dem Gottesdienst gibt es Kaffee und Kuchen. »Alle haben sich einen Monat nicht gesehen und sich viel zu erzählen«, sagt die Pfarrerin, die sich um den Norden der EKM kümmert.
In den vergangenen Jahren hat Gottes Wort in der Welt der Stille immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die kommunikative Grenze zwischen der Welt der Hörenden und der Schwerhörigen und Gehörlosen wurde erfolgreich aufgeweicht. Die Botschaft Jesu Christi ist längst in der Welt der Gebärdensprachler angekommen. »Glaube und Kirche sind inzwischen nicht mehr nur ein Gut der Hörenden«, sagt Andreas Konrath, EKM-Landespfarrer für Gehörlose und Schwerhörige, aus Saara.
Die genaue Zahl der Gehörlosengemeinden in der EKM ist ebenso vage bis unbekannt wie die Zahl der Betroffenen. Im Jahr 2006 wurde für die ehemalige Kirchenprovinz Sachsen eine Zahl von 5.000 gehörlosen Menschen angegeben. Die Zahl der Schwerhörigen liegt im Dunkeln. »Leider kann es nicht genau beziffert werden, weil sie in ihren Ortsgemeinden angemeldet sind«, weiß Seelsorger Konrath. Gottesdienste in Gebärdensprache werden seinen Angaben zufolge derzeit in 18 Orten der EKM angeboten. »Die Seelsorger und auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter erreichen immer mehr Gläubige. Das macht uns froh.«
Zusammen mit Elisabeth Strube hat Konrath eine Fachtagung vorbereitet, die vom 11. bis 14. Januar in Neudietendorf veranstaltet wurde. Ihr Ziel: Glaube soll nicht nur durch die »gesprochene« Predigt die Menschen erreichen, sondern auch durch einen Wink oder ein Handzeichen. Das viertägige Treffen diente dem Erfahrungsaustausch und der Weiterbildung der Pfarrer und Mitarbeiter der Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge. Das Tagungsmotto bildete ein Zitat von Dr. Helen Keller, selbst gehörlos und blind: »Nicht-Sehen trennt von den Dingen, Nicht-Hören trennt von den Menschen.«
»Schwerhörige sind davon abhängig, dass die kirchlichen Mitarbeiter ihnen die Teilhabe am Gemeindeleben ermöglichen«, erklärt Pfarrer Konrath. »Oft fühlen sie sich jedoch im Nachteil, weil sie nur partiell informiert werden.« Gerade bei Gruppenveranstaltungen würden sie schnell ins Hintertreffen geraten. Die Folge sind Missverständnisse, Kommunikationsprobleme und Einschränkungen der persönlichen Lebensqualität. Schätzungsweise 15 Millionen Menschen in ganz Deutschland hören schwer, vorwiegend sind es Ältere.
Für Gehörlose ist die Gebärdensprache etwas Vertrautes, ein Mittel, mit dem sie aus ihrer »Parallelwelt« nach draußen kommunizieren. Seit acht Jahren ist diese Form der Sprache gesetzlich anerkannt. Und auch wenn schon viel erreicht ist, geht die Arbeit für Landespfarrer Konrath und seine Kolleginnen und Kollegen weiter. »Taubblinde sind besonders ausgegrenzt und die Gemeinden können nur ganz selten mit ihnen richtig umgehen«, sagt er. Auch ihren Problemen wollen sich die Tagungsteilnehmer zuwenden. »Wir müssen schauen, was die Betroffenen wollen und wie wir ihnen als Partner begegnen können.«
Elisabeth Strube hat den letzten Gottesdienstteilnehmer an diesem Sonntagnachmittag verabschiedet – mit einer netten Geste. Sie ist zuversichtlich, dass sich Schwerhörige und Gehörlose in Zukunft nicht mehr ausgegrenzt fühlen müssen. »Ich bin geduldig und sicher, dass auf dem Gebiet etwas Großes wachsen wird.«
Sabrina Gorges






