Citypfarrerin als Scharnier zwischen Stadt und Kirche

9. Juni 2018 von redaktionguh  
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Premiere: Neue Kreispfarrstelle an der Marktkirche in Halle unterstützt Gemeindepfarrerin

Beim Fototermin scherzen Ulrike Scheller und Simone Carstens-Kant und lächeln so viel, dass sie zwischendurch die Gesichtsmuskeln lockern müssen. Keine Frage: Zwei fröhliche Christinnen werden im Gottesdienst am 10. Juni als neue Pfarrerinnen für die Marktkirche in Halle eingesegnet (Beginn: 14 Uhr).

Die 53-jährige Simone Carstens-Kant, die als Pfarrerin im Eisleber Zentrum Taufe mit einer eher projektbezogenen Stelle betraut war, kehrt in Halle in den klassischen Gemeindedienst zurück und wird Marktkirchenpfarrerin. Sie folgt auf Sabine Kramer, die zum Jahresanfang als Direktorin an das Predigerseminar Wittenberg gewechselt war. Ulrike Scheller (42), die Gemeindepfarrerin in Bad Lauchstädt im Kirchenkreis Merseburg gewesen ist, wird Citypfarrerin.

Fröhliches Duo: Citypfarrerin Ulrike Scheller (li.) und Marktkirchenpfarrerin Simone Carstens-Kant. Am 10. Juni werden sie eingesegnet. – Foto: Katja Schmidtke

Fröhliches Duo: Citypfarrerin Ulrike Scheller (li.) und Marktkirchenpfarrerin Simone Carstens-Kant. Am 10. Juni werden sie eingesegnet. – Foto: Katja Schmidtke

Die Kreispfarrstelle für Cityarbeit ist neu geschaffen worden und auf sechs Jahre befristet. Für Halle und die Landeskirche soll sie einzigartig sein, sagt Superintendent Hans-Jürgen Kant. »Die Citypfarrstelle ist das Scharnier zwischen Stadt und Kirche«, erklärt er. Weil die Marktkirche als die Kirche der Stadt gilt und es viele Schnittpunkte zur nicht-kirchlichen Öffentlichkeit gibt, trennt der Kirchenkreis die innergemeindlichen und die nach außen strahlenden Aufgaben auch personell.

Noch gleichen die konkreten Aufgaben eher einem weißen Blatt Papier und Citypfarrerin Scheller meint, dass sie darauf zunächst mehr Fragen als Antworten notieren wird. Sie will sich auf die Suche nach neuen Formen abseits des klassischen Gottesdiensts begeben, sie will wissen, was die Menschen der Kirche zu sagen haben. Ein Ausschuss aus Wissenschaftlern, evangelischen und katholischen Pfarrern, Kirchenältesten und Vertretern sozialer Einrichtungen und der Stadt Halle will die Arbeit der Citykirchenpfarrerin begleiten.

Die Marktkirchengemeinde ist mit 3 800 Gliedern, darunter Hunderte Studenten, die größte und eine der jüngsten Gemeinden in Halle. Zudem profitiert sie von der Entwicklung, dass die Menschen wieder ins Zentrum der Stadt ziehen. Die Gemeinde wächst. Diese Argumente überzeugten letztlich auch die Kreissynode, die Citykirchen-Stelle mit einem Umfang von 75 Prozent einzurichten. Pfarrerin Carstens-Kant freut sich über engagierte Ehrenamtliche in der Gemeinde. So kümmern sich Gemeindekirchenrat und Förderverein um die millionenschweren Bauarbeiten zur Sicherung des Kirchengewölbes.

Carstens-Kant möchte sich den drei gemeindeeigenen Kindergärten und den im Bereich der Kirche liegenden Altenheime widmen, sie in die Gemeinde einbinden und gemeinsam neue Formate entwickeln. Die Marktkirche, ergänzt Kirchenältester Ulrich Maurach, werde oft nur als Gebäude wahrgenommen. Dass sie mehr ist als eine Sehenswürdigkeit, dass Kirche aus Menschen besteht, dies klar zu machen, sei eine der wichtigsten Aufgaben.

Katja Schmidtke

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Pfarrerinnen für die City

5. März 2018 von redaktionguh  
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Halle-Saalkreis: Ulrike Scheller und Simone Carstens-Kant wechseln an die Marktkirche

Neue Zeiten brechen für die hallesche Marktkirchengemeinde an: Nachdem im Dezember 2016 der langjährige Pfarrer Harald Bartl in den Ruhestand verabschiedet worden ist und Pfarrerin Sabine Kramer zu Jahresbeginn als Direktorin des Predigerseminars nach Wittenberg wechselte, steht die Gemeinde vor einem personellen und auch inhaltlichen Wandel. Im Juni werden Simone Carstens-Kant, bislang Pfarrerin an Luthers Taufkirche in Eisleben, und die Bad Lauchstädter Pfarrerin Ulrike Scheller ihren Dienst an der Marktkirche beginnen.

Damit wird Realität, wofür der Kirchenkreis Halle-Saalkreis bereits im Herbst 2014 die Weichen stellte: Die Kirche »Unser Lieben Frauen«, Schnittstelle zwischen Gemeindearbeit, Stadtkultur und Touristik und mit ihren 3 800 Mitgliedern die größte Gemeinde der Stadt, erhält eine Citypfarrstelle.

Personeller Neubeginn in Halle: Simone Carstens-Kant (links) und Ulrike Scheller werden im Sommer ihren Dienst an der Marktkirche, hier vom Hallmarkt aus gesehen, beginnen. Fotos: Kirchenkreis, Katja Schmidtke, Knut Scheller

Personeller Neubeginn in Halle: Simone Carstens-Kant (links) und Ulrike Scheller werden im Sommer ihren Dienst an der Marktkirche, hier vom Hallmarkt aus gesehen, beginnen. Fotos: Kirchenkreis, Katja Schmidtke, Knut Scheller

Ulrike Scheller wurde vom Kirchenkreis für sechs Jahre mit der neu eingerichteten Pfarrstelle betraut. Ihre Arbeit soll in der gesamten Stadt Ausstrahlung entfalten. Wie dies genau aussehen wird, ob mit einem Schwerpunkt Kultur oder als Stadtteilarbeit, das muss sich finden. »Das Arbeitsfeld ist noch nicht ausdefiniert. Das lässt viel Freiheit«, sagt die 42-Jährige. Sie will sich in Halle auf die Suche nach neuen Formen der Verkündigung machen. Im Pfarrbereich Bad Lauchstädt (Kirchenkreis Merseburg), wo Scheller sieben Jahre tätig war, gelang dies beispielsweise mit thematischen Abendgottesdiensten. Für eine Predigt dieser Reihe wurde sie 2016 mit dem Ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet.

Die Citypfarrstelle wird 75 Prozent einer Vollzeitstelle umfassen, zu 25 Prozent wird Scheller für den Kirchenkreis an der Organisation der ökumenischen Lebenswendefeiern mitarbeiten. Dies sei der Citykirchen-Arbeit nicht unähnlich: Auch hier geht es um die Öffnung der Kirche in die Stadt.

Dieses Ziel verbindet Ulrike Scheller und Simone Carstens-Kant, die die Gemeindepfarrstelle an der Marktkirche im Sommer aufnehmen soll. Nach einem Gemeindeabend und einem Gottesdienst Mitte Februar hatte der Gemeindekirchenrat mehrheitlich sein Einverständnis mit dem Besetzungsvorschlag der Landeskirche erklärt. Abschließend entscheidet die landeskirchliche Personalkommission.

Die 55-jährige Carstens-Kant hat bislang die eher projektbezogene Pfarrstelle am Zentrum Taufe in Eisleben inne und freut sich auf die Herausforderung. Es habe sich im Gemeindegespräch gezeigt, wie vielfältig das geistliche Leben an der Marktkirche ist und dass doch ein Ziel eint: Die Sehnsucht, Menschen zu erreichen. Carstens-Kant und Scheller wollen hierbei zusammenarbeiten. Die Chemie zwischen ihnen stimmt, sehr fröhlich sei ein erstes Telefonat verlaufen. Als ein Signal, gemeinsam der Stadt Bestes zu suchen, wollen sie sich in einem Gottesdienst in ihre Ämter einführen lassen.

Auch Kirchenältester Gottfried Koehn begreift die Zusammenarbeit zwischen Carstens-Kant und Scheller als zusätzliche Chance. »Die Intensivierung der persönlichen Seelsorge und die weitere Öffnung der Kirche in die Stadt ist unser gemeinsames Ziel«, sagte er.

Bis die Frauen im Sommer ihre Arbeit aufnehmen, wird die Gemeinde erstmals in ihrer 500-jährigen Geschichte mit den Herausforderungen der Vakanz konfrontiert. Denn auch Vikar Helfried Maas hat die Gemeinde bereits verlassen und seinen Entsendungsdienst in Wiehe (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) angetreten. Vertretungspfarrer ist seit 1. Januar

Peter Kästner. Katja Schmidtke

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Fallen lassen, gehalten werden

28. August 2017 von redaktionguh  
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Zentrum Taufe: Im Reformationsjahr kommen Tausende Gäste nach Eisleben, ein besonderer fehlt

Es ist ein ungewöhnlich stiller Moment in der Eisleber Petri-Pauli-Kirche. Nur wenige Besucher streifen durch den hellen Innenraum mit dem Wellenmuster im Fußboden und im Fensterglas, den Sitzbänken aus Obstbaumholz und dem im Boden eingelassenen Taufbrunnen. »Sonst ist hier viel mehr los«, sagt Pfarrerin Simone Carstens-Kant und lacht. Und schon steht eine Reisegruppe im Portal, Südkoreaner. Und eine Viertelstunde später Gäste aus dem sachsen-anhaltischen Finanzministerium. Sie wollten eigentlich nur in die Luther-Gedenkstätten – und bekamen dort den Tipp, Luthers Taufkirche zu besuchen. Während unter Christen vieler Konfessionen das »Zentrum Taufe« ein Begriff ist, müssen Touristen oft darauf aufmerksam gemacht werden.

Seit fünf Jahren gibt es das »Zentrum Taufe« in der völlig neu gestalteten Kirche. Mehr als eine Million Euro wurde investiert und eine Projektstelle für die besondere geistliche Arbeit geschaffen. Petri-Pauli ist weiterhin Gemeindekirche, Iris Hellmich ist Gemeindepfarrerin, während Simone Carstens-Kant vor allem für die thematische Arbeit rund um die Taufe zuständig ist.

So wichtig die Taufe als Eintritt in die christliche Gemeinschaft ist, so wenig wissen die Getauften oft über ihre eigene Taufe. In jüngster Zeit werden landauf, landab öfter Tauferinnerungsandachten gehalten. Auch das »Zen­trum Taufe« fügt sich in die Sehnsucht vieler Christen ein. Wenn bei Andachten den Gläubigen das Wasserkreuz auf die Stirn gezeichnet wird, fällt es selbst der Pfarrerin schwer, dieses besondere Gefühl zu beschreiben. Es gehe um Erinnerung, um Gemeinschaft und um Körperlichkeit – gerade in der wortbasierten evangelischen Kirche, gerade in der vernunftbetonten Zeit. »Das Wort ist wichtig, und das ist gut so. Aber wir sind arm an Zeichen«, sagt Carstens-Kant.

Der Taufbrunnen ist das Zentrum in der Eisleber Petri-Pauli-Kirche: Pfarrerin Simone Carstens-Kant berichtet, dass sich die meisten erwachsenen Täuflinge gegen das Taufbecken und für den Brunnen entscheiden und dann tatsächlich mit Hilfe zweier Begleiter in das Wasser, das übrigens Leitungswasser ist, eintauchen. Foto: Maik Schumann

Der Taufbrunnen ist das Zentrum in der Eisleber Petri-Pauli-Kirche: Pfarrerin Simone Carstens-Kant berichtet, dass sich die meisten erwachsenen Täuflinge gegen das Taufbecken und für den Brunnen entscheiden und dann tatsächlich mit Hilfe zweier Begleiter in das Wasser, das übrigens Leitungswasser ist, eintauchen. Foto: Maik Schumann

Im vergangenen Jahr kamen 42 000 Menschen ins »Zentrum Taufe«. In diesem Jahr sind es bereits 52 000 Besucher. »Und es werden bis Jahresende sicherlich mehr als 60 000 werden«, blickt Simone Carstens-Kant voraus. Auch über das Reformationsjubiläum hinaus würden die Menschen kommen, vor allem Christen aus Südkorea, den USA, aus Schweden, Norwegen, Polen oder Tschechien. Geschätzte drei Viertel aller Besucher sind Christen.

Um alle willkommen zu heißen, hält die Kirchengemeinde die Türen sonntags von 11.30 bis 16 Uhr und montags bis samstags 10 bis 18 Uhr offen, zwei Stunden länger als früher. Insgesamt 15 Ehrenamtliche kümmern sich darum.

Aber natürlich erinnern sich Menschen in Petri-Pauli nicht nur an ihre Taufe – regelmäßig lassen sie sich auch taufen. Säuglinge eher klassisch am Taufbecken, Erwachsene fast immer im Brunnen. Man gelangt über eine Treppe hinab, begleitet von Pfarrer und einem Assistenten, und taucht dann ein. Ein Zeichen: Man kann sich bei Gott fallen lassen, wird gehoben und ist geborgen.

Als Ministerpräsident Reiner Haseloff zum Sachsen-Anhalt-Tag das »Zentrum Taufe« besuchte, zeigte er sich tief beeindruckt und ermutigte die Gemeinde, für diese Taufen zu werben. »Wir finden es gut, wenn die Taufe heute ein besonderer Tag in einer Familie ist und so gefeiert wird. Aber gerade in unserer Diaspora-Lage ist es auch schön, wenn die Taufe in der Gemeinde stattfindet, zu der man gehört«, sagt Simone Carstens-Kant. Das konnte der Katholik Haseloff gut verstehen.

Über einen Gast würde sich Simone Carstens-Kant besonders freuen, bevor ihre Projektstelle zum 31. Juli 2018 ausläuft und in eine halbe Stelle umgewandelt wird. Gerade zum Reforma­tionsjubiläum vermisst die Pfarrerin die Aufmerksamkeit der EKD für die Taufe als Teil lutherischer Theologie. Zwei Mal hat sie dem Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm geschrieben und keine Antwort erhalten. Dabei, so erinnert Carstens-Kant, feiern wir 2017 nicht nur 500 Jahre Thesenanschlag, sondern auch zehn Jahre Taufanerkennung in elf christlichen Kirchen Deutschlands.

Katja Schmidtke

Das große Christusfest

2. Juni 2017 von redaktionguh  
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Gutes Wetter, gute Atmosphäre, gutes Programm. Leider entsprach die Resonanz nicht den Erwartungen. Das trübt den ansonsten strahlenden Erfolg des Himmelfahrtswochenendes etwas ein. Der Versuch einer Bilanz:

Von unseren Korrespondenten

Weit weniger verkaufte Karten als erhofft, dennoch zufriedene Veranstalter: Der Verein Reformationsjubiläum hat zum Abschluss der sechs Kirchentage auf dem Weg in acht mitteldeutschen Städten eine insgesamt positive Bilanz gezogen. Atmosphärisch seien die Veranstaltungen in Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Halle/Eisleben, Jena/Weimar und Dessau-Roßlau ein voller Erfolg gewesen. Allerdings seien deutlich weniger Karten verkauft worden als erhofft, erklärte der Verein in Wittenberg.

In Leipzig zählte der Verein 15 000 Kartenverkäufe. »Wir haben auf das Dreifache der Zahlen hingearbeitet«, räumte Geschäftsführer Hartwig Bodmann ein. Bei den anderen Kirchentagen auf dem Weg sähen die Zahlen ähnlich aus. Die größte Einzelveranstaltung war mit 6 000 Besuchern die Flussinszenierung »Unseres Herrgotts Kanzlei« mit Schiffsprozession in Magdeburg.

Höhepunkt: 6 500 Bläser begleiteten den Gesang der 120 000 Teilnehmer beim Abschluss der Kirchentage in den Elbauen vor den Toren Wittenbergs. Foto: Carsten Stolze, r2017

Höhepunkt: 6 500 Bläser begleiteten den Gesang der 120 000 Teilnehmer beim Abschluss der Kirchentage in den Elbauen vor den Toren Wittenbergs. Foto: Carsten Stolze, r2017

Als sommerliches Open-Air-Vergnügen in historischer Kulisse erlebten viele Erfurter und Kirchentagsgäste den Kirchentag. Vor allem die Großveranstaltungen auf dem Domplatz zogen die Menschen an. Was bei den kostenfreien Veranstaltungen im Freien funktionierte, ging bei anderen Veranstaltungen nicht auf. Die Bilanz des Kartenverkaufs sähe schlecht aus, hieß es seitens des Veranstalters. Aus Sicht des Kirchenkreises Erfurt haben sich die langjährigen Vorbereitungen auf den Kirchentag trotzdem gelohnt. Man habe als Kirche selbstbewusst und fröhlich unter den Augen der Öffentlichkeit gefeiert, sagte Erfurts Senior Matthias Rein. Das könne als klares Angebot in die Gesellschaft hinein verstanden werden. Zudem blieben auch einige konkrete Projekte erhalten. Dazu zählte für Rein neben der vom Kirchentag in Auftrag gegebenen Komposition »Enchiridion-Echo« die Glocke für den Ortsteil Salomonsborn.

Auch in Magdeburg blieben im Gegensatz zu Dessau die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurück. Trotz interessanter Themen bei Podien und Gesprächsrunden fanden sich manchmal nur eine Handvoll Besucherinnen und Besucher ein. Als Magneten erwiesen sich vor allem die Angebote am Abend, wie die Eröffnungsgottesdienste und -abende, Konzerte oder gemeinsame Mahlzeiten. Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig sieht durch die Kirchentage das Selbstbewusstsein der evangelischen Gemeinden in Ostdeutschland gestärkt. Er dankte allen Helfern und Unterstützern des Kirchentages. »Es war eine wunderbare Atmosphäre und Leichtigkeit. Die sollten wir für die kommende Zeit in unseren Alltag mitnehmen.«

»Der riesige Aufwand hat sich gelohnt«, bilanziert Simone Carstens-Kant, Pfarrerin im Zentrum Taufe Eisleben. Mit Halle und Eisleben fand ein Kirchentag in einer der am stärksten entkirchlichten Regionen Deutschlands statt. Gerade einmal jeder zehnte Einwohner von Halle gehört der evangelischen Kirche an. In Eisleben sind es noch weniger. Eine besondere Gemeinschaft erlebten kirchliche wie nichtkirchliche Teilnehmer beim Willkommensfest »Kultur in den Höfen«. Resonanz erfuhren Konzerte, wie das Kantatenprojekt »Luther«. Weitaus weniger Zuspruch auch hier bei den vielfältigen Angeboten – wie Bibelarbeiten, Vorträgen oder Workshops. Mitwirkende, Helfer und Teilnehmer zeigten sich dennoch zufrieden, lobten das intensive Miteinander und die fami­liäre Atmosphäre. Überhaupt, die Begegnungen unter freiem Himmel waren, dank des sommerlichen Wetters, das Markenzeichen der Kirchentage. Nicht nur bei den »Anna-Amalia-Tischgesellschaften« in der Weimarer Innenstadt wurde dabei die »Gretchenfrage« gestellt. Mit 2 000 Einzelveranstaltungen konnten es die Kirchentage auf dem Weg mit dem Berliner Kirchentag durchaus aufnehmen. Leider nicht mit der Besucherzahl.

(epd, G+H)

Zur Taufe ganz unter Wasser

5. Dezember 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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In der Eisleber Petrikirche nimmt das Taufzentrum weiter Gestalt an.

Mit Schleifmaschinen geben die Bauarbeiter dem neuen Betonfußboden in der Petrikirche den letzten Schliff.	(Foto: Jürgen Lukaschek)

Mit Schleifmaschinen geben die Bauarbeiter dem neuen Betonfußboden in der Petrikirche den letzten Schliff. (Foto: Jürgen Lukaschek)

»Das Projekt macht mich schon neugierig«, sagt Katja Sirek. Die Religionslehrerin aus Oldenburg ist mit einer Gruppe von Kollegen unterwegs auf den Spuren Martin Luthers.

In Eisleben machen sie auch in der Petrikirche Station, in der der spätere Reformator am 11. November 1483 getauft wurde und die derzeit zum Zentrum Taufe umgebaut wird. Die Kirche, erklärt Pfarrerin Simone Carstens-Kant, wird restauriert und bekommt einen neuen Betonfußboden. 

Seit Wochen herrscht hier emsige Betriebsamkeit. Damit der Fußboden nicht reißt, sind zwei Schichten Bewehrungsstahl verlegt und miteinander verbunden worden. Dazwischen sorgt eine Heizschleife für eine Temperierung des Fußbodens.

Martin Zickert aus Osnabrück findet vor allem die Kombination des modernen Materials mit einem Sakralbau aus dem 16. Jahrhundert spannend. »Es ist schon toll, dass die Kirche zum Reformationsjubiläum so herausgeputzt wird«, sagt er.

Doch nicht bei allen kommt das Vorhaben gut an. Vor allem in der Lutherstadt selbst ist das Projekt in der Vergangenheit auf Widerspruch gestoßen. Die Kritiker reiben sich in erster Linie an dem Ganzkörpertaufbecken, das in den Boden eingelassen wird.

Auch bei den Gästen aus Niedersachsen stößt das Becken, das bislang nur der Form nach zu erahnen ist, auf die stärksten Nachfragen. Wie das denn konkret ablaufen soll in dem 70 Zentimeter tiefen Taufbecken, will ein Teilnehmer der Studienfahrt wissen.

Bereitwillig steht Simone Carstens-Kant, die die Projektstelle für das Taufzentrum innehat, den Besuchern Rede und Antwort. Zu diesen Taufen werde frisches Wasser in das Becken eingelassen, erklärt sie, außerdem gebe es dazu spezielle, blickdichte Taufgewänder. Wichtig sei, dass die Zeremonie in einem »schönen liturgischen Rahmen« ablaufen könne, unterstreicht die Theologin. Niemand werde zu solch einer Taufe genötigt.

Da zuletzt gerade bei den Erwachsenen im Osten der Wunsch nach Fluss- oder Seetaufen gestiegen sei, »ist überhaupt die Idee entstanden«, erklärt die Pfarrerin. Mit Massentaufen und Busladungen amerikanischer Touristen rechnet sie dabei nicht. Wichtiger sei vielmehr, dass durch das Zentrum die Tauferinnerung in besonderer Weise gepflegt werden könne.

»Die Besucher«, so Carstens-Kant, sollen dazu angeregt werden, sich mit der Taufe auseinanderzusetzen und zu fragen, was diese für sie heute bedeute. Luther habe die Menschen dazu aufgefordert, täglich an die eigene Taufe zu denken.

»In seiner Taufkirche möchten wir Einheimische und Besucher in besonderer Weise dazu einladen«, erklärt die Projektleiterin. Das kann durch Gottesdienste wie Thomasmessen oder zu Ostern geschehen, aber auch durch Tauf- und Glaubenskurse, Bildungs- oder Kulturangebote, zählt sie auf. In einer Region, in der die Kirchlichkeit niedrig ist, sei das auch ein missionarischer Anspruch.

Nach gut anderthalb Stunden müssen die Religionslehrer aus Niedersachsen weiter. Am nächsten Tag stehen die Lutherstätten in Thüringen auf dem Programm. »Ich«, sagt Katja Sirek, »will auf jeden Fall noch einmal herkommen, wenn die Kirche fertig ist.«

Lange zu warten braucht sie nicht. Die Einweihung des Zentrums Taufe in Eisleben ist für den 29. April 2012 vorgesehen.

Martin Hanusch

»Wir haben hier andere Bedingungen als am Jordan«

3. Februar 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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AFF-Architekten

 
Die geplante Umgestaltung von Luthers Taufkirche in Eisleben sorgt weiter für Zündstoff – Verantwortliche stellten sich den Fragen.
 

»Das ›Zentrum Taufe‹ ist nichts, was in die Kirche hineingebaut wird.« Schon zum Auftakt des Gemeindeabends versucht Pfarrerin Iris Hellmich die Gemüter zu beruhigen. Die Petrikirche in Eisleben bleibe auch künftig eine Kirche, in der das Thema Taufe in den Mittelpunkt gestellt werde. Zugleich verbindet die Pfarrerin, die seit einem halben Jahr in Eisleben tätig ist, das Projekt mit einer Hoffnung: »Wir wollen uns öffnen und Neues wagen.« Derzeit hätten die ­Arbeiten im Inneren begonnen, berichtet die Pfarrerin weiter.

Etwa 60 Gemeindeglieder und Besucher sind an diesem 27. Januar in den Gemeinderaum neben der Petrikirche gekommen, um zu erfahren, wie es mit Luthers Taufkirche weitergehen soll. Christian Fuhrmann vom EKM-Kirchenamt, der die Moderation übernommen hat, will herausbekommen, was es für Meinungen in der Gemeinde gibt. Denn seit dem Bekanntwerden der Pläne für die spätgotische Hallenkirche schlagen die Wellen hoch. Im Internet und in Leserbriefen machen Kritiker ihrem Unmut Luft. »Wir sind ja durchaus für das Zentrum Taufe«, meint eine Besucherin, »aber muss das Taufbecken wirklich kommen?« Das erinnere fatal an Stuttgart 21, ergänzt eine andere.

Es ist vor allem das in den Boden eingelassene große Becken, an dem sich die Geister scheiden. Während die Verantwortlichen in der Gemeinde dafür werben – auf diese Weise könne die unterschiedliche Praxis gemäß der Tauf­agende vom Übergießen bis zum Untertauchen, von der Kinder- bis zur Erwachsenentaufe erfahrbar gemacht werden – sehen die zumeist ­älteren Kritiker darin eine »Verschandelung der Kirche«. Die hat allerdings bereits in den 1980er Jahren einen massiven Umbau erfahren.

Insbesondere die Informationspolitik stößt bei den Anwesenden auf Kritik. »Es ist schlecht, dass wir erst heute über dieses Thema sprechen«, bemängelt Heinrich Prohl. Es hätte nicht so eine große Unruhe entstehen brauchen, wenn die Gemeinde rechtzeitig »mitgenommen worden wäre«, findet Annette Weißenborn. Zwar räumt die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, Nikola Falkenberg, an dieser Stelle Versäumnisse ein. Zugleich weist sie darauf hin, dass die Entwürfe öffentlich vorgestellt worden seien.

Es gibt aber auch grundsätzliche Bedenken. Gerhard Hunal etwa bringt Einwände gegen die Ganzkörpertaufe vor. »Wir haben doch hier ganz andere Bedingungen als am Jordan.« Andere Kritiker wollen wissen, wie es sich bei dem offenen Taufbecken mit der Sicherheit verhält, ob es eine Treppe für die Täuflinge geben wird oder wie sich das stehende Wasser hygienisch und auf das Raumklima auswirkt.

Auch die Folgekosten werden thematisiert. Der Energiebedarf für die Heizung, moniert Günter Schauseil, passe überhaupt nicht zur landeskirchlichen Kampagne »Klimawandel – Lebenswandel«.

Auf die geballten Anfragen folgen die gebündelten Antworten. So wird eine ausfahrbare Treppe ebenso erklärt wie der Einbau einer Umkleidekabine in die Sakristei. Zudem solle eine Temperierung der Bodenplatte dafür sorgen, dass sich das Raumklima sogar verbessert.

Auch den Einwand, dass die Förderung Abgängigkeiten schaffen, wollen die Mitglieder des Gemeindekirchenrates nicht gelten lassen. Andere Gemeinden würden sich nach einer zweckgebundenen 100-Prozent-Fremdfinanzierung eines solchen Millionenprojektes sehnen. Dass das schadhafte Dach der denkmalgeschützten Kirche damit nicht gefördert werden könne, sei zwar ärgerlich, aber nicht zu ändern. Dass es keine Änderung des Projektes mehr geben kann, wird ebenfalls klar. Bis zum 31. Dezember 2010 hätten die Aufträge ausgelöst werden müssen, um die Mittel zu bekommen, erklärt die Gemeindekirchenratsvorsitzende.

Die Pfarrerin der Projektstelle, Simone Carstens-Kant, wünscht sich nun die Beteiligung aus der Gemeinde, um das Zentrum mit Leben zu füllen. »Uns liegt daran, dass etwas in dieser ­Kirche passiert.« Auch der Moderator des Abends kann der Diskussion etwas Positives abgewinnen. »Es ist gut, sagt Christian Fuhrmann, dass hier so intensiv über die Taufe diskutiert wird.«

Martin Hanusch