Für unlösbare Fälle

15. Juli 2018 von redaktionguh  
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Für viele Katholiken ist es selbstverständlich, ihre Anliegen der Fürsprache eines spezialisierten Heiligen anzuvertrauen. Der »Schlamperltoni« Antonius von Padua hilft oft aus, wenn die Karten kurz vorm Theaterbesuch unauffindbar sind. Der heilige Christopherus wurde zu Ferienbeginn von manch einem gebeten, die Reise zu beschirmen. Und dass die heilige Anna eine wirkmächtige Fürsprecherin ist, wenn ein Gewitter hereinbricht, na, das hat schon Martin Luther gewusst.

Auch meinem Mann riet ich einst, als er sich Sorgen um das Gelingen des Staatsexamens machte, ein solches Stoßgebet. Ich empfahl den Heiligen Judas Thaddäus. Nicht zu verwechseln mit dem »Verräter-Jünger« Judas Ischariot, soll gerade er in schweren, schier aussichtslosen Anliegen helfen. Das Examen gelang und auch mein eher rational veranlagter Mann musste zugeben: »Der Thaddäus, der kann was.«

Warum also hat Bundesinnenminister Horst Seehofer nicht auch diesen Weg gewählt, um sein Anliegen einer veränderten Asylpolitik auf den Weg zu bringen? Als Katholik hätte ihm diese Möglichkeit doch vor Augen stehen müssen. Stattdessen legte der Asylstreit mit der Pfarrerstochter Angela Merkel und das Theater um Rücktritt und doch nicht Rücktritt, um Europa- und Nationallösungen das Land fast drei Wochen innenpolitisch lahm.

Heraus kam ein fader Kompromiss der Schwesterparteien und schließlich auch mit dem Koalitionspartner SPD. Da wurden alte Ideen aufgewärmt, die schon einmal ad acta gelegt worden waren. Und ob das alles wirklich so umsetzbar ist, hängt immer noch vom Einverständnis der europäischen Partner ab. Ausgang weiterhin unklar. Das hätte der Heilige Judas Thaddäus nun wirklich weitaus besser gekonnt.

Diana Steinbauer

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»Verfolgung« gestrichen

26. März 2018 von redaktionguh  
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Jahresbericht zur »Aufarbeitung« vorgelegt

Der mittlerweile dritte Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe (IMAG) »Aufarbeitung« der rot-rot-grünen Thüringer Landesregierung ist in Erfurt vorgelegt worden. Bei der Vorstellung hat Kultur-Staatssekretärin Babette Winter (SPD) vor übertriebenen Hoffnungen bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte gewarnt. Die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur und ihren Folgen führe nicht dazu, dass die Köpfe vermeintlicher Täter »auf dem Silbertablett« präsentiert würden, sagte sie.

Die seriöse Beschäftigung mit dem Thema »sei kein Sprint, sondern ein Lauf über eine längere Strecke«. Als einen ersten Erfolg sieht Winter, dass der Themenbereich »Christen in der DDR« nach der Gründung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe mit den Kirchen »aktiv angegangen« worden sei. Die Arbeitsgemeinschaft gab sich den Namen »Christen, Kirchen und andere christliche Religionsgemeinschaften im DDR-Unrechtsstaat – Diskriminierung von Christen in der DDR und ihre Wirkungsgeschichte« (AG Christen). Ihr gehören Kirchenvertreter und Wissenschaftler an.

Mit Blick auf die historische Dimension des Begriffs »Christenverfolgung« habe die AG davon Abstand genommen, im Zusammenhang mit den Erfahrungen in der DDR allgemein von »verfolgten Christen« zu sprechen, heißt es weiter in dem Bericht.

Für missverständlich hält der Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Christian Dietrich, die Formulierung. Er könne sich nicht vorstellen, dass die Landesregierung gegenüber Betroffenen erklären möchte, dass der Begriff »Verfolgung« nicht zu ihrem Schicksal passe, so Dietrich gegenüber der Kirchenzeitung.

Man solle vielmehr die Perspektive wechseln, schlug Dietrich vor: »Wenn die Exekutive ein Urteil fällt, dann sollte es die Rechtsverhältnisse in der DDR betreffen«. Die verfassungsmäßig zugesagte Glaubens- und Gewissensfreiheit habe es in der SED-Herrschaft nie gegeben. Opfer dieser Politik seien letztlich alle Bürger gewesen. »Ihres Glaubens wegen verfolgt wurden Einzelne, zeitweise allerdings in großer Zahl«, so Dietrich weiter.

Anders als bei seinen beiden Vorläufern, soll das Papier bei seiner dritten Auflage auch im Plenum von den Abgeordneten diskutiert werden.

(epd/G+H)


Nur individuelle Lösungen

Kolloquium: Wie Wasserschäden an Kirchen vermieden werden können

Zwei Mal in kurzer Zeit wurden Kirchengebäude direkt oder indirekt von Hochwasser geschädigt. Für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) war es der Grund, 2015 ein Forschungsprojekt zu initiieren. Mit welchen Strategien lassen sich Gebäudeschäden vermeiden, lautete die Frage. Zudem wurden verschiedene Formen von Vertikalsperren aus den vergangenen 15 Jahren auf ihre Tauglichkeit hin untersucht.

Partner bei dem dreijährigen Forschungsprojekt waren das Institut für Diagnostik und Konservierung an Denkmalen in Sachsen und Sachsen-Anhalt (IDK) sowie das Institut für Geowissenschaften und Geographie im Fachgebiet Hydro- und Umweltgeologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Das Fazit der Fachleute: Die eine Lösung für alle von Hochwasser und steigendem Grundwasser betroffenen Kirchen gibt es nicht. Lösungen müssen immer individuell gefunden werden.

In der Regel, so die Architektin Susanne Bähre vom Baureferat der EKM, seien Kirchen im Mittelalter an hochwassersicheren Standorten erbaut worden. Doch es gebe auch Ausnahmen sowie Schäden durch den späteren Anstieg des Grundwassers. Sie stellte beim Abschlusskolloquium in Halle die Kirchen vor, die für das Forschungsprojekt ausgewählt worden waren.

Da ist die um 1280 erbaute Backsteinkirche im altmärkischen Räbel an der Elbe. In ihr stand nicht nur das Hochwasser. Weil die Apsis zum Teil vom Jahrhunderte später errichteten Elbdeich umschlossen ist, kam es zu Schimmelbefall und Holzfäulnis.
Die romanische Kirche in Sydow im Elbe-Havel-Winkel liegt zwar weit weg von Flüssen, aber steigendes Grundwasser schädigt sie. Die 1207 erbaute Kirche in Gottesgnaden bei Calbe wurde vom Saale-Hochwasser überflutet, die 1717 erbaute Kirche in Gruna in Nordsachsen vom Elbe-Hochwasser.

Die Kirche in Ostrau bei Halle, die in der Elsteraue liegt, erlitt Schäden durch schwankendes Grundwasser. Und die romanische Neumarktkirche in Merseburg hat ein Problem, weil sich ihr Fußbodenniveau fast in Höhe des Saale-Pegels befindet.

Professor Wolfgang Gossel (MLU)stellte die Methoden vor, mit denen Kirchen vor Wasserschäden bewahrt werden können. In Ostrau etwa wären Pumpen eine Lösung, um Schäden durch Grundwasseranstieg bei Hochwasser zu vermeiden. In Gruna könnte der Einbau einer kapillarbrechenden Schicht helfen (eine Schicht aus grobem Kies unter der Gründungssohle der Kirche, um den Aufstieg von Grundwasser ins Mauerwerk zu verhindern).

Hochwasser an der Hochstraße in Halle im Juni 2013, hinten die Kirche St. Georgen. Damals wurden historische Hoch- wasserstände verzeichnet. Die Saale hatte am Pegel Trotha die Marke von acht Metern überschritten, der höchste Wert seit mehreren hundert Jahren. Foto: epd-bild

Hochwasser an der Hochstraße in Halle im Juni 2013, hinten die Kirche St. Georgen. Damals wurden historische Hoch- wasserstände verzeichnet. Die Saale hatte am Pegel Trotha die Marke von acht Metern überschritten, der höchste Wert seit mehreren hundert Jahren. Foto: epd-bild

Die Kirche in Sydow bekam Probleme mit dem Wasser nach dem Elbe-Deichbruch 2013 bei Fischbeck. Diese hingen mit der unzureichenden Pflege des alten Grabensystems zusammen, so der Fachmann. Um die Kirche und die Häuser des Dorfes trocken zu halten, müssten die Gräben instand gehalten werden.

Gossel betonte, dass alle Maßnahmen wie Brunnen, kapillarbrechende Schichten, Vertikalsperren im Mauerwerk oder die Pflege von Gräben immer auf das Gebäude zugeschnitten sein müssten. Bei Hochwasser müssten Notstromaggregat und Pumpen schnell einzubauen sein. Auch deren regelmäßige Wartung sei erforderlich.

Matthias Zötzl (IDK) zeigte am Beispiel von Putzmusterflächen in der Merseburger Neumarktkirche deren unterschiedliche Wirksamkeit auf. Auch zu Mörtelsorten oder zum Einbau von Vertikalsperren könne er keine generelle Empfehlung geben. Vor Baubeginn müsse immer genau erforscht werden, woher das Wasser im Gemäuer komme. Und die Frage, ob Mauerwerk total abgedichtet werden müsse oder ob es »atmen« dürfe, sei unter Baufachleuten umstritten.

In der Diskussion kamen die »Handreichung für den Katastrophenfall – insbesondere Hochwasser« und der »Objektbezogene Maßnahmeplan bei Hochwasser« der EKM zur Sprache. Erfahrungen aus dem Jahr 2013 hätten gezeigt, dass im Ernstfall jeder mit sich selber beschäftigt sei, hieß es da. Umso wichtiger sei es, vorab genau zu planen und die Verantwortlichkeiten festzulegen, betonte Susanne Bähre.

Angela Stoye

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Damenprogramm

11. August 2017 von redaktionguh  
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Grande Dame der Diakonie: Brigitte Schröder, Gründerin und langjähriger Motor der Grünen Damen und Herren, eine der größten Organisa­tionen für Ehrenamtliche, der Kranken- und Alten-Hilfe.

Alles fing damit an, dass sich in den 60er-Jahren eine deutsche Außenministergattin auf Reisen im üblichen Damenprogramm langweilte: Brigitte Schröder (1917–2000) schlug vor, in Washington Krankenhäuser zu besichtigen. Sie war die Frau des damaligen Chefdiplomaten Gerhard Schröder (CDU) – nicht zu verwechseln mit dem späteren SPD-Bundeskanzler – und hatte bereits als engagierte Lokalpolitikerin in Düsseldorf ein Herz für soziale Themen gezeigt.

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nun also inspizierte sie US-Kliniken und lernte die »Pink Ladies« kennen. Die Ehrenamtlichen in rosa Kitteln besuchten die Patienten. »Und da sah ich die Lücke in Deutschland«, erinnerte sich Schröder später. »So kam es zu den Grünen Damen bei uns.«

Seit 1969 besuchen auch in Deutschland Ehrenamtliche Menschen in Altenheimen und Krankenhäusern, machen kleine Besorgungen, haben Zeit für ein Gespräch, trösten und hören zu. Ihr Erkennungszeichen sind Kittel in Lindgrün – denn das Rosa der Washingtoner Ideengeberinnen missfiel Schröder, nüchtern, wie sie war. Derzeit sind mehr als 8 000 Grüne Damen und rund 700 Grüne Herren für die Evangelische Kranken- und Alten-Hilfe (eKH) im Einsatz.

Schröder wurde vor 100 Jahren, am 28. Juli 1917, in Breslau als Tochter eines Bankiers geboren. Die Ehe mit Gerhard Schröder im Jahr 1941 konnte nur mit einer Sondergenehmigung geschlossen werden, da sie zwei jüdische Großelternteile hatte. Die Mutter von drei Kindern galt als energisch und organisationsbegabt und knüpfte auch bei der Gründung der Grünen Damen und Herren schnell die entscheidenden Fäden. Alles begann im Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf, in dessen Kuratorium sie saß und wo sie eine Gruppe Einsatzbereiter um sich versammelt hatte. »Am Anfang bin ich schon von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren, habe Klinken geputzt«, erinnerte sie sich später. Jede Stationsschwester musste überzeugt, jedes Haus musste Stück für Stück erobert werden, bis das »Lieblingskind« der zupackenden Frau zum unverzichtbaren Dienst an heute mehr als 750 Krankenhäusern und Altenheimen im gesamten Bundesgebiet werden konnte. Fast im Alleingang organisierte Schröder von Bonn aus, dass Ehrenamtliche auf Station vorlasen, zu Spaziergängen luden und kleinere Dienste erledigten. Erst 1992 kam in der Zentrale ein Geschäftsführer hinzu. Die eKH wuchs. Die Mitarbeiterschaft ist keineswegs nur evangelisch, die Arbeit ökumenisch.

Der gemeinsame Nenner heißt: christliche Nächstenliebe. 1979 fand sich der erste Grüne Herr. Heute sind rund zehn Prozent Männer. Krankenhäuser und Altenheime beteiligten sich an der Finanzierung der Nebenkosten.

Schröders Nachfolgerinnen im Vorstand, Gabriele Trull und inzwischen Käte Roos, haben die eKH in einen eingetragenen, gemeinnützig anerkannten Verein überführt und nach dem Tod der Gründerin die Brigitte-Schröder-Stiftung gegründet. Die Geschäftsstelle ist in Berlin. Immer noch finanziert sich die eKH hauptsächlich durch Spenden. Man steht nach eigenen Angaben in freundschaftlichem Austausch mit der 1971 gegründeten Katholischen Krankenhaus-Hilfe. Und immer stehen neue Aufgaben an: etwa die Begleitung von Menschen mit Demenz oder mit Migrationshintergrund.

Brigitte Schröder starb im Jahr 2000 in Bonn. »Meine schönsten Momente sind natürlich immer die, wenn neue eKH-Gruppen zu uns stoßen«, sagte sie 1996. »Ich habe ja schon immer auf der positiven Seite gelebt. Das ist mein Lebensprinzip.« (epd)

Ebba Hagenberg-Miliu

ekh-deutschland.de

Herausgehobene Opfergruppe

2. September 2016 von redaktionguh  
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Christen in der DDR: Die Aufarbeitung des SED-Unrechts hat sich die Thüringer Regierungskoalition auf die Fahnen geschrieben und sie war Thema beim ökumenischen Gesprächsforum im Erfurter Augustinerkloster.

Der Bericht der Landesregierung zum Stand der Aufarbeitung der SED-Diktatur in Thüringen umfasst 36 Seiten. Christen spielen darin keine große Rolle. Sie seien keine herausgehobene Opfergruppe, erklärte Thüringens Kultur-Staatssekretärin Babette Winter (SPD) gegenüber der Kirchenzeitung. Diese Aussage hatte für Irritationen gesorgt. Jeder Bereich des öffentlichen Lebens in der DDR befand sich im ideologischen Würgegriff und wurde vor allem für Christen zur Bewährungsprobe.

Unwillkürlich den Blick nach oben lenkt das Portal des Collegium maius in Erfurt, ein Meisterwerk spätgotischer Steinmetzkunst. Besucher sind erstmalig zum Tag der offenen Tür am 10. September ins Landeskirchenamt eingeladen. Foto: Adrienne Uebbing

Unwillkürlich den Blick nach oben lenkt das Portal des Collegium maius in Erfurt, ein Meisterwerk spätgotischer Steinmetzkunst. Besucher sind erstmalig zum Tag der offenen Tür am 10. September ins Landeskirchenamt eingeladen. Foto: Adrienne Uebbing

»Wir erwarten eine öffentliche Debatte und eine klare Positionierung aller Parteien zum Thema ›Christen unter der DDR-Diktatur‹«, erklärte Oberkirchenrat Christhard Wagner. Das damalige Unrecht müsse benannt und die Geschichten derer erzählt werden, die, so Wagner, »erhobenen Hauptes leben wollten und bereit waren, dafür Repressionen zu erdulden«. Was das für Christen in der DDR bedeutete, zeigten der Historiker Friedemann Stengel (Martin-Luther-Universität Halle) und Sebastian Holzbrecher (Universität Erfurt) auf. Das christliche Bekenntnis in der Schule war Grundlage für Diskriminierung, die Wehrdienstverweigerung aus christlicher Überzeugung wurde kriminalisiert und viele Betroffene, vor der Bausoldatenregelung 1964, sogar inhaftiert. Aufstiegs­chan­cen waren nicht selten an den Kirchenaustritt und den Eintritt in die SED geknüpft. In allen Bezirken der DDR, so Sebastian Holzbrecher, habe es Überwachungs- und Zersetzungsmaßnahmen gegen Christen gegeben.

Für Friedemann Stengel ist dieses Kapitel der DDR-Geschichte keinesfalls aufgearbeitet. Der promovierte Theologe ist Wissenschaftler und Zeitzeuge. Die Schwierigkeit sei, so Stengel, ein einheitliches Bild zu zeichnen. Denn genau das war die perfide Vorgehensweise der Staatsführung. Es gab beim Umgang mit Christen kein Schema, nach dem immer verfahren wurde. Ganz willkürlich sind Menschen in ihren Lebens- und Arbeitsbereichen eingeschränkt worden. Viele Christen durften nicht auf eine weiterführende Schule und damit später auch keine Universität besuchen. Anderen jedoch wurde es gewährt. Gerade das macht es heute so schwer, die Opferrolle der Betroffenen abzuleiten.

Friedemann Stengel betonte zugleich, auch die Kirche müsse sich den eigenen Verstrickungen in dieser Zeit stellen und darüber reden, wo man Christen im Stich gelassen habe. »Die Verletzungen der Betroffenen sitzen tief«, weiß der Wissenschaftler. »Und diese unverheilten Wunden prägen unsere Gesellschaft bis heute.« Dass reihenweise Biografien gebrochen wurden, darüber dürfe nicht geschwiegen werden, hieß es aus dem Publikum. Man müsse Betroffenen endlich ihre Würde zurückgeben.

Die Aufarbeitung solle von der wissenschaftlichen Ebene endlich auch in die Gesellschaft eindringen. »Es wäre Aufgabe der Politik, diesen Diskurs anzustoßen«, erklärte Friedemann Stengel. Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), betonte den Willen der Koalition zur Aufarbeitung. Er, der aufgrund seines christlichen Glaubens weder Mitglied der Jungen Pioniere noch der FDJ gewesen war und auch den Wehrdienst bei der NVA verweigert hatte, kennt die Schikanen aus eigenem Erleben. Warum Christen im Bericht der Landesregierung nicht als Opfergruppe herausgehoben wurden, konnte sich Tiefensee auch nicht erklären. Über die Christenfeindlichkeit in der DDR reden und vor allem miteinander reden – das sei dringliche Aufgabe von Politik, Kirche und Gesellschaft.

Vergangene Woche sagte Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) dem epd: »Für mich gibt es die Opfergruppe der Christen in der DDR.« Das Aufklärungsinteresse der Landesregierung in dieser Frage, so Ramelow, sei eindeutig und nachweisbar. Er bedauerte, dass die Formulierung von Staatssekretärin Winter zu Irritationen geführt habe. »Ich sehe das eher als Aufruf zum Dialog denn zu seiner Beendigung«, so Ramelow. Ein Gesprächsangebot, auf das die Christen in Thüringen lange gewartet haben.

Diana Steinbauer

Einblicke

16. Mai 2016 von redaktionguh  
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Wer macht was 2017

Die zahlreichen Veranstaltungen zum 500. Reformationsjubiläum im Jahr 2017 werden von kirchlichen und staatlichen Institutionen organisiert. Übersicht in das komplexe Geflecht bringen drei Organisationen, die inzwischen alle in Wittenberg residieren:

Behält den Überblick: Reformationsbotschafterin Margot Käßmann. Foto: Steffen Schellhorn

Behält den Überblick: Reformationsbotschafterin Margot Käßmann. Foto: Steffen Schellhorn

Die Geschäftsstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) »Luther 2017 – 500 Jahre Reformation« arbeitet seit 2008 in Wittenberg. Sie ist zentraler Ansprechpartner für kirchliche Akteure, Gemeinden und Einzelpersonen. Die Geschäftsstelle plant zudem eigene Projekte zu den Themenjahren der seit 2008 laufenden Lutherdekade. Zudem wurde die Evangelische Wittenbergstiftung gegründet.

Die Staatliche Geschäftsstelle »Luther 2017« wird finanziert von der Bundesregierung und sieben Bundesländern, darunter Sachsen-Anhalt und Thüringen. Sie kümmert sich um die Infrastruktur. Dazu gehört die Sanierung der Luthergedenkstätten wie der Kirchen in Wittenberg, des Geburtshauses Luthers in Eisleben und der Wartburg. Dazu kommen politische Bildung, wissenschaftliche Forschung sowie die Tourismusförderung.

Beide Geschäftsstellen werden gemeinsam geführt von zwei paritätisch besetzten Gremien: dem Kuratorium und dem Lenkungsausschuss. Im Kuratorium, dem der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm vorsteht, werden die übergreifenden Konzeptionen festgelegt. Im Lenkungsausschuss geht es um die Koordination der Vorhaben. Hinzu kommt der wissenschaftliche Beirat mit 24 Wissenschaftlern. Er und die vier Arbeitsgruppen »Ausstellungen«, »Musik«, »Tourismus und Öffentlichkeitsarbeit« sowie »Schule und Bildung« begleiten die Lutherdekade inhaltlich. Beide Geschäftsstellen vergeben die Lizenz für das Logo »Luther 2017«.

Verein »Reformationsjubiläum 2017«: Der sogenannte Durchführungsverein wurde gegründet von der EKD und dem Deutschen Evangelischen Kirchentag. Er organisiert die Umsetzung und Planung der kirchlichen Großveranstaltungen, wie des europäischen Stationenweges, des internationalen Konfirmanden-Camps, der Weltausstellung Reformation und des großen Gottesdienstes zum Abschluss des Kirchentags am 28. Mai 2017 auf den Elbwiesen in Wittenberg. Im Leitungskreis, der die inhaltliche Verantwortung trägt, arbeiten Vertreter von EKD, Kirchentag, Landeskirchen, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, der europäischen Protestanten, des Lutherischen Weltbunds und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Den Vorsitz dieses Beschlussgremiums hat der rheinland-pfälzische Justizminister Gerhard Robbers (SPD) inne.

Wiebke Rannenberg (epd)

Übertragung in heutige Sprache

29. Februar 2016 von redaktionguh  
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Sachsen-Anhalt fördert die Wiederaufführung des Zerbster Prozessionsspiels

Genau 40 000 Euro umfasst der Zuwendungsbescheid, den der sachsen-anhaltische Kultusminister Stephan Dorgerloh am 12. Februar dem Zerbster Bürgermeister Andreas Dittmann (beide SPD) überreichte. Das Geld ist für die geplante Wiederaufführung des spätmittelalterlichen Zerbster Prozessionsspiels gedacht. Es sei ein historischer Moment, wenn man solch alte Tradition wiederbegründe, sagte der Minister bei der Übergabe in Zerbst. Nach allem was zurzeit bekannt sei, handele es sich bei dem Prozessionsspiel um das älteste im deutschsprachigen Raum, so Dorgerloh. 1480 findet sich die erste Erwähnung, 1521 wurde es zuletzt gezeigt.

Archivarin Juliane Bruder zeigt die Originaltexte des Zerbster Prozessionsspiels. Foto: Sebastian Siebert

Archivarin Juliane Bruder zeigt die Originaltexte des Zerbster Prozessionsspiels. Foto: Sebastian Siebert

Die Wiederentdeckung des Textes in den Zerbster Archiven im Jahr 2012 nannte er einen Glücksfall. Denn vor dem Reformationsjubiläum 2017 sei für Zerbst noch nach einer Möglichkeit gesucht worden, die Rolle, die die Stadt damals hatte, heute wieder sichtbar zu machen. Was ihn besonders im Antrag beeindruckt habe, den Dittmann in seinem Amt eingereicht hatte, sei die Argumentation, dass Zerbst das Prozessionsspiel damals geschenkt bekommen habe, weil die Zeiten unsicher seien und die Menschen etwas brauchten, das ihnen Sicherheit gebe. »Möglicherweise leben wir wieder in so einer Zeit, in der wir noch nicht wissen, was kommt«, sagte er. Vielleicht sei es deswegen gut, so ein Spiel aufzuführen. Zudem trage es auch dazu bei, das Wertefundament der Bibel, auf das sich viele zurzeit berufen, wieder genauer kennenzulernen. Möglicherweise sei es ein Prozessionsspiel, das sich weiterentwickelt.

Soweit denke der Bürgermeister noch nicht, gestand dieser. Zunächst wolle man sehen, dass die erste Wiederaufführung gelinge. Der erste Schritt, die Übertragung des Textes in die heutige Sprache, sei erfolgreich verlaufen. Jeder, der sich dafür interessiere, könne den Text nun leicht verständlich lesen. »Wir wollen das auch nicht eins zu eins übertragen«, sagte Dittmann, sondern an die heutige Zeit anpassen. Der Zeitplan sei ehrgeizig.

Das Spiel soll am Wochenende des Denkmaltages 2017 (8. bis 10. September) aufgeführt werden. Entgegen dem Brauch aus dem Spätmittelalter, bei dem die Zerbster Bürger an verschiedenen Orten die biblischen Szenen zeigten, soll das Spiel 2017 an einem Ort aufgeführt werden: in der Ruine der Nicolaikirche. Dort sollen Bürger aus der Einheitsgemeinde das Spiel zum Leben erwecken. Rund 82 000 Euro, so die Kalkulation, sollen für das Spiel verwendet werden. Hauptsächlich werden diese für die Bühne und Aufführungstechnik sowie für Werbung benötigt.

»Wir wollen beim Kirchentag in Wittenberg großformatig für das Spiel werben«, so Bürgermeister Dittmann. Denn nirgendwo sonst würden so viele Menschen aus der Zielgruppe an den Plakaten vorbeilaufen. Für Kostüme sei auch etwas Geld eingeplant, »aber da wir das Spiel ja in die heutige Zeit transponieren wollen, werden wir dafür vielleicht gar nicht viel Geld brauchen«. Die noch benötigte Summe soll über weitere Fördermittel, die beantragt sind, und über Spenden eingeworben werden.

Sebastian Siebert

Hoffnungen und Perspektiven

28. September 2015 von redaktionguh  
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Die Stiftung »Entschlossene Kirchen« im Kirchenkreis Zerbst feiert ihren zehnten Geburtstag

Was tun, wenn die Kirchengemeinden immer kleiner werden und mit dem Erhalt ihrer Kirchen überfordert sind? Zum Beispiel in Luso, wo die Zahl der Gemeindeglieder von 13 auf sieben gesunken ist und es keine lebendige Gemeinde mehr gibt. Oder in der Weinberggemeinde Garitz, die bei 200 Gemeindegliedern stagniert, aber vier Kirchen erhalten muss. Aufgeben und verfallen lassen geht unter anderem aus Gründen des Denkmalschutzes nicht. Vorsorgen schon.

»Es geht nicht ums Schönreden, sondern um Hoffnung, aus der eine Perspektive entsteht«, sagt der Zerbster Pfarrer Thomas Meyer. Vor zehn Jahren war er als Kreisoberpfarrer des Kirchenkreises Zerbst für 61 Dorfkirchen zwischen Elbe und Fläming mitverantwortlich. Der Gedanke, was aus den vielen schönen Gebäuden wird, wenn die Zahl der Gemeindeglieder sinkt und Gemeinden sterben, trieb ihn und andere schon damals um.

Blick in die Osterkirche im Dorf Trüben, die der Köthener Kunstmaler Hartmut Rogge gestaltete. Die Besucher können mit den Jüngern am Tisch sitzen. Bis 2017 soll eine erlebnispädagogische Ausstellung zur Passion Jesu vollendet werden. In verschiedenen Stationen rund um die Kirche werden Ereignisse vom Einzug Jesu in Jerusalem bis zu Kreuzigung und Auferstehung Jesu nachgestaltet. Foto: Kirchenstiftung

Blick in die Osterkirche im Dorf Trüben, die der Köthener Kunstmaler Hartmut Rogge gestaltete. Die Besucher können mit den Jüngern am Tisch sitzen. Bis 2017 soll eine erlebnispädagogische Ausstellung zur Passion Jesu vollendet werden. In verschiedenen Stationen rund um die Kirche werden Ereignisse vom Einzug Jesu in Jerusalem bis zu Kreuzigung und Auferstehung Jesu nachgestaltet. Foto: Kirchenstiftung

Den Anstoß zur Stiftung »Entschlossene Kirchen« gab der SPD-Politiker Holger Hövelmann. Gegründet wurde sie am 26. September 2005 in Polenzko als eine Unterstiftung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Ihre Vorsitzende ist bis heute die Kunsthistorikerin Sonja Hahn aus Garitz.

Eine solche Stiftung – als Flächenstiftung mit Einzelobjekten – gibt es in Deutschland nicht noch einmal. 3 000 Euro »Eintritt« musste eine Kirchengemeinde aufbringen. »Der Gedanke der ›Altersvorsorge‹ war vielen einsichtig, und so sind fast 90 000 Euro zusammengekommen«, erinnert sich der Pfarrer, der heute Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung ist. Eine Summe, mit der keiner gerechnet hätte. 50 000 Euro wären für die Stiftungsgründung erforderlich gewesen. Heute sind 45 Kirchen an der Stiftung beteiligt.
Doch der künftige Erhalt der Gebäude, die durch Sanierungsarbeiten in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend in gutem Zustand sind, ist nur ein Zweck der Stiftung. Es geht auch um Unterstützung der Kirchen, bei denen denkmalpflegerischer Mehraufwand besteht, wie bei den Bleiglasfenstern der Kirche in Düben oder für die Barockkirche in Neeken, weil es für Innenrestaurierungen kaum Fördermittel gibt.

»Hier müssen wir die Mittel ganz gezielt einsetzen, weil die Kapitaldecke nicht so groß ist«, sagt Sonja Hahn. Weitere Schwerpunkte sind die Öffentlichkeitsarbeit und die Unterstützung bei der Öffnung der Kirche auch außerhalb der Gottesdienste, »damit die Menschen wissen, was sie für Schätze in ihren Dörfern haben«, so die Kunsthistorikerin. Über zehn Kirchen sind rund um die Uhr geöffnet, andere haben feste Öffnungszeiten. Weitere sind zu Themenkirchen mit einem bestimmten Schwerpunkt umgestaltet worden: die Osterkirche in Trüben, die Weihnachtskirche in Polenzko oder die Gesangbuchkirche in Luso.
Zentraler Ort ist das Dorfkirchenmuseum in der ehemaligen Stärkefabrik in Garitz, von wo aus die Kirchentouren durch die Region starten. Diese bietet die Stiftung auf Anfrage und mit deutschlandweitem Erfolg an. Allein in diesem Jahr gab es bis zum Sommer rund 700 Teilnehmer. »Diese Entwicklung haben wir vor zehn Jahren nicht vorhersagen können«, freut sich Sonja Hahn.

(Rad-)Touristen, die in der Region unterwegs sind, hinterlassen oft auch interessante Einträge in den Gästebüchern. Dorfbewohner nutzen ihre Kirchen außerhalb der Gottesdienste zur Zwiesprache mit Gott. »Unsere Kirchen sind keine Museen. Man ist in ihnen nicht allein; Gott ist schon da.« Mit der Jubiläumsfeier am 26. September wird auch die Dübener Kirche zur offenen Kirche erklärt. In einem Gottesdienst am 27. September in der Kirche von Lindau soll ein Stiftskapitel ins Leben gerufen werden. In ihm sollen sich Menschen zusammenfinden, die die Stiftung intensiv unterstützen wollen.

Angela Stoye

26. September, St. Petri in Düben, 17 Uhr: Jubiläumsfeier. Den Festvortrag hält Kirchenpräsident Joachim Liebig zum Thema »Heilige Orte in (h)eiliger Zeit«. Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff (CDU) hat sein Kommen angekündigt. Als Vertreterin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz spricht Kathleen Rottmann, als Mitbegründer der Stiftung der Landtagsabgeordnete Holger Hövelmann (SPD). Die musikalische Ausgestaltung übernimmt das Ensemble Broken Consort Dessau.
27. September, Kirche in Lindau, 10 Uhr: Gottesdienst mit Gründung des Stiftskapitels

www.entschlossene-kirchen.de

Gebet allein sichert keine Arbeitsplätze

3. September 2015 von redaktionguh  
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Interview: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im Gespräch mit der Kirchenzeitung »Glaube+Heimat«

Es ist für viele noch immer schwer vorstellbar: Ein Vertreter der Linkspartei führt die Landesregierung. Er verzichtete bei seiner Einführung auf den Gottesbezug im Amtseid, bezeichnet sich dennoch als gläubiger Christ. Trotzdem ist er nicht immer im Gleichklang mit den Vorstellungen seiner Kirche. Dietlind Steinhöfel und Harald Krille sprachen mit Bodo Ramelow.

G+H: Herr Ministerpräsident, viele unserer Leser haben Probleme, Ihr christliches Bekenntnis und die Zugehörigkeit zu einer Partei mit atheistischer Tradition zu vereinbaren.
Ramelow:
Bevor ich dieser Partei beigetreten bin, habe ich sie einer Prüfung unterzogen, um zu klären, inwieweit Atheismus ein Grundsatz dieser Partei sei. Und die Partei Die Linke oder damals noch die PDS ist durchaus keine atheistische Partei, sondern eine grundsätzlich weltanschaulich neutrale Partei. Und ich erinnere daran: Schon im März 1990, also noch in der DDR-Zeit, hat der Parteivorstand der SED-PDS in einem seiner ersten Beschlüsse die Bitte um Entschuldigung gegenüber den Christinnen und Christen in der DDR ausgesprochen.

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

G+H: Aber es gibt durchaus religionsfeindliche Töne aus den Reihen der Linken.
Ramelow:
Also wenn man über religionsfeindliche Tendenzen reden möchte, dann gibt es die auch in anderen Parteien. Ich kann nur sagen, sicher ist die Linke eine durchaus muntere und diskussionsfreudige Partei in Sachen Religion. Aber es gab und gibt eine starke Arbeitsgemeinschaft der Christinnen und Christen bei der Partei Die Linke und bereits vorher bei der PDS. Die Arbeitsgemeinschaft ist auch seit Jahren auf dem Evangelischen Kirchentag mit einem Stand vertreten.

G+H: Nun hat aber gerade Ihr Verzicht auf die religiöse Bekräftigungsformel bei Ihrer Amtseinführung viele unserer Leser sehr verstört. Was hat Sie dazu bewogen?
Ramelow:
Das war eine tiefgehende, vor meinem Gewissen zu verantwortende Entscheidung, die ich nicht erst vor meiner Vereidigung als Ministerpräsident getroffen habe. Schon viele Jahre vorher habe ich mich dafür entschieden, den Staat und meinen Glauben voneinander zu trennen. Und das bedeutet für mich: Wenn ich ein staatliches Amt übernehme, werde ich die mir vorgeschriebene Eidesformel wählen und mich zu den Gesetzen unseres Staates und der Gleichrangigkeit und Akzeptanz jedes Menschen bekennen. Ich werde mich immer auch zu meinem persönlichen Glauben bekennen und ihn verteidigen, aber ich werde das nicht mit meinem staatlichen Amt verbinden.

Der zweite Grund: Ich bin mit sehr vielen Muslimen und Juden befreundet. Und sowohl Juden als auch die Muslime waren während meiner Vereidigung auf der Tribüne. Und dann steht doch die Frage, welcher Gott ist in der Bekräftigungsformel gemeint? In der abendländischen Tradierung meint es den christlichen Gott, was ich aber für eine Verkürzung halte. Ich sehe den Gottesbegriff durchaus universeller.

G+H: Die institutionelle Trennung von Staat und Kirche ist unbestritten. Doch besteht für Christen nicht gerade die Herausforderung, bewusst als glaubende Menschen das Leben, die Gesellschaft und auch die Politik zu gestalten?
Ramelow:
Das tue ich ja. Nebenbei: Es haben noch nie so viele Menschen auch mit mir über meinen Glauben geredet, wie nach dem Verzicht auf die religiöse Eidesformel. Und ich sage auch ausdrücklich: Es war meine persönliche Entscheidung und ich respektiere jeden Menschen, der die Eidesformel mit dem Gottesbezug wählt.

G+H: Manche sehen in Ihrem Verzicht ein Einknicken vor den religionskritischen Kräften Ihrer Partei.
Ramelow:
Das ist eine ehrabschneidende Behauptung! Weil es mir die Ehre nimmt, dass ich selber eine Gewissensentscheidung getroffen habe.

G+H: Welchen Einfluss hat Ihr persönlicher Glaube auf Ihr Handeln als Politiker und Ministerpräsident?
Ramelow:
Mein Glaube gibt mir zunächst mal meine innere Festigkeit, verbunden mit einem Grundvertrauen. Wenn es freilich darum geht, bei der Kali und Salz AG eine feindliche Übernahme zu verhindern und 2200 Arbeitsplätze in Thüringen zu sichern, dann bekomme ich das nicht mit Gebet geregelt. Das geht nur, indem ich gemeinsam mit den Betriebsräten und den Anteilseignern eine sehr klare politische Linie entwickle. Aber in all dem lässt mich der Wertekanon unseres Glaubens ein Stück weit gelassener sein. Zudem habe ich schon zu oft in meinem Leben an der Grenze zwischen Leben und Tod gestanden. Spätestens da steht ja die Frage, ob du ein Gottvertrauen hast oder ob du verzweifelst. Das Gutenberg-Massaker hier in Erfurt war so ein Punkt, wo ich sage, der Glaube und die offenen Kirchen in Erfurt haben uns in dieser Situation gestärkt in der städtischen Gemeinschaft, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung atheistisch oder laizistisch oder wie wohl die meisten einfach nur glaubensfern ist.

G+H: Zu Beginn der Sitzungswochen gibt es im Landtag die ökumenischen Andachten. Nehmen Sie als Ministerpräsident daran teil?
Ramelow:
Schon seit 1999 nehme ich daran teil und das tue ich auch als Ministerpräsident weiter. Das war am Anfang etwas spannungsgeladen, weil mancher kurioserweise dachte, ein Linker kann doch mit Gott und Glauben und Christentum nichts am Hut haben.

G+H: Da sitzen Sie dann auch mit Ihrer Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht zusammen. Beeinflusst das Ihr Verhältnis?
Ramelow:
Ich denke, wer miteinander betet, geht miteinander vielleicht etwas nachdenklicher um. Nach dem Amtsantritt von Christine Lieberknecht 2009 gab es einen entscheidenden Punkt, der in Thüringen viel verändert hat. Unmittelbar danach hat sie mich eingeladen, dass wir nach Pößneck fahren und gemeinsam Gesicht zeigen gegenüber den Neonazis. Die wollten damals das dortige Schützenhaus zu einer neuen Wallfahrtsstätte machen. Da hat mich Christine Lieberknecht angerufen und hat gesagt, morgen ist eine Demo in Pößneck, lass uns da gemeinsam hinfahren. Am Ende waren alle Fraktionsvorsitzende dort, aber von ihr ging die Initiative aus.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Als 2011 das Atomkraftwerk von Fukushima explodierte, hat sie noch in der Nacht mit mir telefoniert. Dann hat sie eine Regierungserklärung vorbereitet und die Linksfraktion hat sie bestärkt, darin bestimmte Aussagen öffentlich zu treffen. Das sind Dinge, die hat es außerhalb von Thüringen so nie gegeben. Und die werden außerhalb nie wahrgenommen. Deswegen ist es für mich selbstverständlich, mit Christine Lieberknecht auch im Gottesdienst zu sitzen. Manche finden das komisch, aber als Christ finde ich es eher komisch, dass man das komisch finden kann.

G+H: Wie sehen sie grundsätzlich das Verhältnis zwischen Staat und der Institution Kirche? Im Blick auf die Kritik der katholischen Kirche an der Besetzung einer Professorenstelle in Bayern haben sie kürzlich deutlich Ihren Protest formuliert.
Ramelow:
Da bleibe ich auch dabei. Was geht den katholischen Klerus ein Soziologieprofessor an einer staatlichen Hochschule an? Nach meinem Dafürhalten nichts. Etwas anderes wäre es bei einer katholischen Schule oder einer evangelischen Schule. Da entscheidet selbstverständlich der Schulträger, wer dort Lehrer ist und wer nicht. Mir geht es um die saubere Trennung. Auf der anderen Seite bereiten wir gerade im Blick auf das Reformationsjubiläum die “Kirchentage auf dem Weg” vor, die wir erheblich aus dem Etat des Landes unterstützen. Und mit Verlaub, das kann man Ihren Lesern auch mal sagen, schon seit zwei Landtagswahlen steht die Vorbereitung für das Lutherjubiläum im Wahlprogramm der Linkspartei in Thüringen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Im Blick auf das kirchliche Arbeitsrecht haben Sie aber dezidierten Dissens zur Haltung der Kirchen.
Ramelow:
Ich erzähle Ihnen mal ein konkretes Beispiel: Im Unstrut-Hainich-Kreis haben Diakonie und Caritas das Hainich-Klinikum übernommen. Dazu gehört auch eine Abteilung für den Maßregelvollzug, also eine hoheitliche Aufgabe. Und da wird dann das kirchliche Arbeitsrecht eingeführt, nach dem nur noch derjenige die Belange der Mitarbeiter vertreten darf, der zu einer christlichen Kirche gehört. Und wen trifft es? Den bisherigen Personalratsvorsitzenden, ein ehemaliges CDU-Mitglied, der heute zu meiner Partei gehört und Sprecher unserer Landesarbeitsgemeinschaft Laizismus ist. Der darf nicht mehr kandidieren, fliegt raus aus der Mitbestimmung. Da sage ich ganz entschieden: Ich halte das kirchliche Arbeitsrecht jenseits des Verkündigungsbereiches für nicht mehr zeitgemäß. Und das sage ich als Gläubiger, nicht als Ministerpräsident. Es wird immer dann schwierig, wenn unsere Kirche als Trägerin in staatliche Aufgaben hineingeht und das auf einmal überlagert mit den Regeln unserer Glaubensgemeinschaft. Darüber wünsche ich mir eine offene Debatte.

G+H: Wir hätten noch ein Reizwort in der Staat-Kirche-Debatte: die Staatsleistungen.
Ramelow:
Da bin ich ganz tiefenentspannt. Wer ins Grundgesetz schaut, findet darin die übernommenen Paragrafen aus der Reichsverfassung von 1919. Und da steht ganz klar, dass diese Staatsleistungen durch eine entsprechende gesetzliche Regelung final abgelöst werden sollen. Und die einzige Partei, die das bisher immer wieder thematisiert hat, ist meine Partei. Auch dies ist kein Ausdruck von Partei-Atheismus, sondern es geht um einen Verfassungsauftrag. Das vergessen die meisten. Vor jeder Initiative meiner Partei habe ich darüber auch mit unseren Bischöfen in Thüringen gesprochen. Dabei hatten wir immer Einigkeit darin, dass es eine Frage der Ablöseformel ist.

G+H: Zunehmend wird die Meinung propagiert, dass durch die seit Jahren andauernden Zahlungen die staatlichen Enteignungen im Zuge der Säkularisierung von 1803 mittlerweile abgezahlt seien.
Ramelow:
Das höre ich immer wieder aus ganz verschiedenen Lagern. Da kann ich immer nur sagen, die Linke im Bundestag ist die einzige Fraktion, die dazu einen gesetzeskonformen Regelantrag vorgelegt hat. Denn es geht um eine Ewigkeitsgarantie, nicht um eine Schuld, die man irgendwann abgezinst hat. Wenn, dann kann man darüber diskutieren, ob der fünffache, der zehnfache oder der fünfzehnfache Jahresbetrag als dauerhafte Ablösung angemessen ist. Dazwischen ist irgendwo die Spannbreite, die man verfassungsgerecht ermitteln und belegen muss.

G+H: Ein weiteres Thema, das unsere Leser bewegt, ist die Frage des Betreuungsgeldes bzw. des in Thüringen nun wieder abgeschafften Landeselterngeldes.
Ramelow:
Ja, weil das Elterngeld nur für die Familien bezahlt wurde, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen, und das Geld dafür letztlich dem Ausbau der Kindertagesstätten vorenthalten wurde. Im Gegenzug stiegen dann die Kindergartengebühren. Da wollen wir gegensteuern und dafür sorgen, dass die Kitas ausreichend finanziert werden. Es geht auch nicht darum, einen Zwang zur staatlichen Betreuung von Kinder auszuüben. Jeder kann frei entscheiden, das Angebot anzunehmen oder nicht. Das Problem ist dabei allerdings, dass der Bund bedauerlicherweise viele Dinge der Kindererziehung über Steuerfreibeträge so geregelt hat, dass Familien mit geringem Einkommen davon nicht profitieren können. Entschuldigung, aber da darf ich sagen, dass im Bund eine Partei regiert, die vorne mit “C” beginnt …

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Ein Fragekomplex unserer Leser betrifft das Stichwort »Gerechtigkeit für Opfer der SED-Diktatur«. Beispielsweise für Schüler, denen wegen ihres Engagements in der Jungen Gemeinde bestimmte Berufsausbildungen oder ein Studium verwehrt wurden und die nunmehr geringere Renten erhalten.
Ramelow:
Ja, diese Fälle sind mir alle bekannt. Und ja, wir werden in dieser Angelegenheit immer wieder beim Bund vorstellig. Unsere jetzige Finanzministerin Heike Taubert (SPD) hat sich beispielsweise ganz stark dafür eingesetzt, dass es den Entschädigungsfond für Opfer von Jugendwerkhöfen gibt. Wenn sie da nicht schon in der letzten Legislatur als Sozialministerin dafür gekämpft hätte, wäre das alles in den Entschädigungstopf für Opfer der westdeutschen Jugendeinrichtungen der 1950er-Jahre gegangen. Genauso drücken und schieben wir immer wieder in der Frage des Rentensystems. Da wurde bei der Überleitung vieles nicht berücksichtigt. Zum einen ist die Ausgleichsrente für SED-Opfer viel zu niedrig, zum anderen gibt es weitere benachteiligte Gruppen – denken sie nur an die Absicherung für geschiedene DDR-Frauen oder mithelfende Ehefrauen in Familienbetrieben. Da ist bis heute nichts geregelt.

G+H: Zum Abschluss – was wünschen Sie sich als Ministerpräsident für Ihre Kirche und von Ihrer Kirche?
Ramelow:
Ich wünsche mir für die Kirche, dass sie nicht aus den ökonomischen Zwängen die Türen zu viel und zu oft zumacht. Wir brauchen mehr offene Türen, wie es einst unser leider schon verstorbener Bruder Christian Führer in Leipzig vorgemacht hat. Wer aus der DDR-Kirche mit der Kerze in der Hand auf die Straße rausgegangen ist, der musste mehr Mut aufbringen als alle Westdeutschen jemals in den letzten 50 Jahren. Doch das war nur möglich mit Kirchen, die trotz Stasi-Durchseuchung immer noch genügend Räume gefunden und geöffnet haben. Und das alte Signet »Schwerter zu Pflugscharen« hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Und dann würde ich mir von meiner Kirche noch ein Stück weit mehr Ökumene wünschen. Das sind wir, glaube ich, in Vorbereitung des Reformationsjubiläums allen Christen schuldig. Weil klar ist, dass Luther keine neue Kirche wollte, sondern eine Reform der Kirche.

Jesus: links, rechts oder grün?

3. August 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Gesellschaft: Die Position der evangelischen Kirche im politischen Spektrum

Zu viel Zeitgeist, zu weit links –  die politischen Äußerungen der Kirche stehen immer wieder in der Kritik.

Die evangelische Kirche passt sich zu sehr dem Zeitgeist an, um den Anschluss nicht zu verpassen.« Der das sagt, möchte seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Als kirchlicher Mitarbeiter sei seine Sorge groß, von der kirchlichen Mehrheitsmeinung – politisch links der Mitte, wie er sagt – in die rechte Ecke gedrängt zu werden. Noch deutlicher wird der Thüringer Bundestagsabgeordnete Tankred Schipanski (CDU): »Dass die evangelische Kirche links der Mitte steht, bestätigt sich im täglichen politischen Leben. Es gibt Spitzenpolitiker in der Kirchenleitung, die die Kirche für parteipolitische Ziele instrumentalisieren.«

Die evangelische Kirche – eine politisch linke Institution? Es ist ein Vorwurf, der sich immer wieder an den gesellschaftspolitischen Äußerungen der Kirche entzündet – sei es Energiepolitik, Flüchtlingsfragen oder Mindestlohn. Wie links steht die Kirche und was heißt das eigentlich – links?

Die heilige Elisabeth wendet sich den Schwachen zu (nach Matthäus 25, Verse 34 bis 46), wie den Fremden und (li.) und den Gefangenen. Fotos: Ulrich Kniese

Die heilige Elisabeth wendet sich den Schwachen zu (nach Matthäus 25, Verse 34 bis 46), wie den Fremden und (li.) und den Gefangenen. Fotos: Ulrich Kneise

Eine eindeutige Definition fällt schwer in einer Zeit, in der die CDU klassisch linke Themen wie den Mindestlohn mit auf den Weg bringt oder für die Energiewende votiert. Auch die, die sich selbst politisch links einstufen, haben keine Defintion parat. Jens Eberhard Jahn aus Leipzig ist Vorstandsmitglied des Bundes religiöser Sozialisten in Deutschland (BRSD). »Es gibt bei uns so viele Meinungen wie Mitglieder. Einig sind wir uns, dass linke Politik auf die Gleichberechtigung der Menschen zielt, auf Emanzipation von Unterdrückung und Entfremdung.« Verhältnisse wie im real existierenden Sozialismus lehnt er ab. Echte linke Politik sei immer machtkritisch. Der BRSD versuche vielmehr, »die Interessen der Unterprivilegierten zur Sprache zu bringen, die Ursachen von Armut, Verelendung und ökologischer Krise zu benennen«.

In dieser Hinsicht, so Jahn, stehe »die evangelische Kirche tatsächlich links«. »Ich habe den Eindruck, dass die politischen Äußerungen der kirchlichen Funktionsträger nicht die Meinung der Basis widerspiegeln«, meint Tankred Schipanski. Die Position der Kirche links der Mitte trage zur Entfremdung der Mitglieder von der Kirche bei. Doch die Basis der Kirche ist mehrheitlich eher sozialdemokratisch: So würden 34,2 Prozent der Protestanten SPD, 24,2 Prozent CDU, 12,1 Prozent die Grünen und nur 2,2 Die Linke wählen. Dennoch verstoße die Kirche, so Schipanski, gegen das Gebot politischer Neutralität: »Die Kirche ist weder Gewerkschaft noch Partei.« Auch der atheistische Humanistische Verband Deutschland stößt in dasselbe Horn: »Mit jeder Verweltlichung und Anpassung an den ›Zeitgeist‹ verlieren die Kirchen an Bindungskraft.« Das Problem der Kirche ist in dieser Sicht weder die Positionierung links der Mitte, sondern die politischen Äußerungen überhaupt.

Christhard Wagner ist Beauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland beim Thüringer Landtag. »Ich kenne diesen Vorwurf seit 30 Jahren. Es heißt, wir sollten uns als Kirche um das Eigentliche kümmern. Wer das sagt, sollte in der Bibel schauen, was drin steht«, sagt er und fragt, was denn die Früchte des Glaubens seien, wenn nicht Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. »Dieses galt schon in der DDR, als das nicht links, sondern staatsfeindlich war.« Wagner stören die Etiketten links und rechts. »Es gibt Anschlussmöglichkeiten in alle Parteien. Wer aber sagt, der Einsatz für Flüchtlinge, gegen Rechtsextremismus oder für Kirchenasyl seien linke Positionen, dem sage ich: Das ist nicht links, sondern evangelisch.«

Der BRSD beruft sich auf die Bergpredigt, Konservative wie Tankred Schipanski betonen, jede ihrer politischen Entscheidungen sei biblisch begründbar. Die Frage nach links oder rechts ist innerkirchlich also auch eine Frage des Bibelverständnisses.

Und die Basis? Die sieht das politische Engagement der Kirche insgesamt kritisch. So hat die fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD ergeben, dass nur wenige Mitglieder an politischen Themen interessiert sind, sondern von der Kirche eher die Beschäftigung mit den existentiellen Fragen des Lebens erwarten. Und diese stehen jenseits von links oder rechts.

Stefan Körner

»Keine rückwärtsgerichtete Sache«

12. Mai 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

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Der Wörlitzer Toleranz-Weg verbindet seit vergangenem Sonntag zahlreiche Stationen jüdischen Lebens in der Stadt

Das Zeremonienhaus am Jüdischen Friedhof, das Geburtshaus von Itzig Hirsch Cohn, der die erste Landessparkasse Anhalts in Dessau gründete, und die von Martin Weinstein gestiftete Schulturnhalle: In Wörlitz sind etliche Spuren von Menschen jüdischen Glaubens zu finden. Diese und weitere Stationen verbindet seit dem 3. Mai ein Toleranz-Weg. Sich der Geschichte der Juden und der Jüdischen Gemeinde im Ort widmend, gab es zu seiner Eröffnung einen Gottesdienst in der Kirche St. Petri und eine Psalm-Lesung an der Gedenkstätte am Jüdischen Friedhof.

Die Synagoge ließt Fürst Franz nach römischem Vorbild errichten. 1790 wurde sie eingeweiht und bis etwa 1900 genutzt. Fotos: Andreas Behling

Die Synagoge ließt Fürst Franz nach römischem Vorbild errichten. 1790 wurde sie eingeweiht und bis etwa 1900 genutzt. Fotos: Andreas Behling

»Heute einen Toleranz-Weg zu gestalten, ist keine rückwärtsgerichtete Sache. Auch heute ist Toleranz noch immer kein allgemeines Gut«, würdigte Pfarrer Thomas Pfennigsdorf die Initiative. Sie basiert auf einem Projekt aus dem Jahr 2014, das Auszubildende der Euro Akademie Dessau-Roßlau mit dem Modellprojekt »SEMInar_Pro«, dem Multikulturellen Zentrum Dessau und der Zeitreise-Manufaktur Magdeburg zusammenführte. Begleitet vom Pfarrer i. R. Dietrich Bungeroth, wurde sie nun umgesetzt vom Kulturbund Wörlitz, der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri und der Moses-Mendelssohn-Gesellschaft Dessau.

Einen Bogen von John Locke über Gotthold Ephraim Lessing und Voltaire bis hin zum Fürsten Franz von Anhalt-Dessau schlagend, die sich auf ihre Weise mit dem Toleranz-Begriff beschäftigten – Locke und Voltaire philosophisch, Lessing im »Nathan der Weise« dramatisch und der Fürst geradezu »erfahrbar und begehbar« im von ihm begründeten Gartenreich –, verband Pfarrer Pfennigsdorf die Toleranz mit der Liebe. Die Liebe eifere nicht, blähe sich nicht auf, lasse sich nicht erbittern. »Die Liebe schließt die Toleranz mit ein.« Wenn also in der Einladung zur Eröffnung des Toleranz-Weges zu lesen war, dass Toleranz eine gute Gabe Gottes sei, so könne er ergänzen: »Die Liebe ist die beste Gabe Gottes. Die Liebe ist Gott selbst.«

Es komme darauf an, meinte Thomas Pfennigsdorf, die Menschen, die tagtäglich versuchen übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen, »aufzurichten, damit sie in Würde, Selbstachtung und Toleranz leben können«. Vor der Synagoge knüpften mehrere Redner an ihn an. Der Landtagsabgeordnete Holger Hövelmann (SPD) rief in Erinnerung, dass Deutschland menschlich wie wirtschaftlich immer dann am erfolgreichsten gewesen sei, wenn Toleranz wahrhaftig praktiziert wurde. Wer vor Verfolgung und Krieg die Flucht ergriffen habe, dem müsse man ein Bleiberecht und eine Zukunft einräumen.

Der Oranienbaum-Wörlitzer Bürgermeister Uwe Zimmermann (Linke) meinte, von den etwa 220 in Vockerode untergebrachten Flüchtlingen ahne man deren Religionen nur zum Teil. Das verunsichere vielleicht manchen. Für die übergroße Mehrheit könne er indes sagen, dass sie sich sehr tolerant verhalte. Wissen – vermittelt auch über die Tafeln des Denkmalpfads an den Häusern – sei die Grundvoraussetzung für Toleranz, schätzte er ein. Dies war ganz im Sinne Bernd Ulbrichs von der Dessauer Moses-Mendelssohn-Gesellschaft. Toleranz dürfe nicht als bloße Duldung eines anderen Standpunkts verstanden werden, sagte er. Vielmehr bilde sie die Basis für eine geistige Begegnung, aus der Neues erwachse: »Toleranz als Weg, ein Toleranz-Weg eben.«

Andreas Behling

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