Finanzen: Vieles wird in einen Topf geworfen

27. August 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Oberkirchenrat Stefan Große über Fakten und Vorurteile bezüglich der Staatsleistungen

Regelmäßig im Sommer veröffentlicht die Humanistische Union Berechnungen zu den Staatsleistungen für die evangelischen Landeskirchen und die katholischen Diözesen. Sie betragen in diesem Jahr für die EKM rund 39,9 Millionen Euro. Katja Schmidtke sprach darüber mit dem Finanzdezernenten, Oberkirchenrat Stefan Große.

Viele Medien übernehmen den Ton der Pressemitteilung der Humanistischen Union. Ärgert Sie das?
Große:
Es ist das gute Recht der Humanistischen Union, ihre Meinung öffentlich zu vertreten. Dass das regelmäßig im Sommerloch erfolgt, spricht für sich. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, verschweigt die Humanistische Union bewusst oder unbewusst, dass man die Dinge sauber trennen muss, um eben nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Falsches wird nicht durch ständiges Wiederholen richtig.

Stefan Große. Foto:  Stephan Kurzke

Stefan Große. Foto: Stephan Kurzke

Mich enttäuscht, dass Medien relativ ungeprüft derartige Inhalte übernehmen. Die Korrektivaufgabe, die Journalisten haben, sollte doch verhindern, einfach ideologische, anti-kirchliche Reflexe zu verstärken.

Was sollte differenziert werden?
Große:
Gerne werden bei der Kirchenfinanzierung Staatsleistungen, Kirchensteuern und die Leistungen aufgrund des Subsidiaritätsprinzips, also Leistungen für die Wohlfahrtspflege, in einen Topf geworfen.

Erstens: Die Staatsleistungen. Sie sind letztlich Pachtersatzleistungen für säkularisiertes Kirchenvermögen infolge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803. Der Staat hat Land von der Kirche bekommen, und damit war die Kirche nicht mehr in der Lage, sich aufgrund der Pachterlöse von diesem Land zu finanzieren. Der Staat erfüllt damit eine Rechtsverpflichtung gegenüber der Kirche. Das haben die Weimarer Reichsverfassung und später das Grundgesetz so übernommen.

Zweitens: Die Kirchensteuer. Sie wird oft herangezogen, um eine zu enge Verflechtung zwischen Staat und Kirche in Deutschland zu belegen. Im Kern ist die Kirchensteuer das Gegenteil. Sie hat die direkte Staatsfinanzierung abgelöst und ist im Grunde nichts anderes als ein Mitgliedsbeitrag, den der Staat im Auftrag der Kirche erhebt. Für diese Dienstleistung bekommt der Staat drei Prozent des Kirchensteueraufkommens. Im digitalen Zeitalter, wo das mit relativ wenig Aufwand verbunden ist, ist das ein guter Satz.

Sie sprachen auch von Leistungen nach dem Subsidiaritätsprinzip. Was verbirgt sich dahinter?
Große:
Das sind öffentliche Mittel, die der Staat als Kostenerstattung an freie Träger der Wohlfahrtspflege zahlt, etwa dafür, dass sie Kindergärten, Pflegeheime oder Krankenhäuser betreiben. Solche Gelder bekommen die AWO, das Rote Kreuz, die Volkssolidarität, die Waldorfschulen und eben auch die kirchlichen Träger. Dies als besondere Unterstützung der Kirchen herauszustellen, ist falsch.

EKD-weit machen die Staatsleistungen zwei Prozent der Einnahmen aus. Wie sieht das in der EKM aus?
Große:
In Mitteldeutschland ist das deutlich höher, aber das hat einen Grund. In den frühen 1990er-Jahren wurden in den Staatskirchenverträgen u. a. die Staatsleistungen neu verhandelt und per Gesetz in Kraft gesetzt. Im Rahmen dieser Verhandlungen haben sich Kirche und Staat neu verständigt und sich dabei aufeinander zu bewegt. Das ging natürlich nicht ohne Zugeständnisse auf beiden Seiten. Dies also zum Vorwurf: Staatsleistungen wären ein alter Zopf. Nein, in den neuen Ländern liegen ihnen moderne Verträge zu Grunde – und Verträge sind zu erfüllen. Wir leben in einem Rechtsstaat.

Natürlich würden wir uns Ablöseverhandlungen nicht verschließen. Der Bundesgesetzgeber ist nach Artikel 140 Grundgesetz der eigentliche Verpflichtete für ein Ablösegrundsätze-Gesetz. Es sollte einen länderübergreifenden einheitlichen Maßstab geben, mit dem klar ist, wie die Staatsleistungen abgelöst werden und dass keine (Teil-) Enteignung stattfindet.

Was meinen Sie damit?
Große:
Rein juristisch bedeutet Ablösung nicht, das Recht zu entziehen und dann zu schauen, welcher Ersatz zu zahlen ist. Ablösung bedeutet, die juristische Hingabe einer Leistung an Erfüllungsstatt, also der Ersatz der abzulösenden Leistung durch eine neue, die Ablöseleistung. Wir sind die Letzten, die sich solchen Verhandlungen verschließen würden. Das hat die EKD übrigens deutlich erklärt.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


———————————————————————————

Kirche zu verkaufen


Bitterfelder Gemeinde kann sich Unterhalt von zwei Kirchen und Gemeindehaus nicht leisten

Die Bauermeister-Gedächtniskirche ist in Stein gemeißelte Geschichte. Sie erzählt nicht nur, wie Kirchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurden – im neogotischen Stil, mit fantasiereichen Wandbemalungen, bunten Bleiglasfenstern und geschnitzter Kanzel. Das ist nicht außergewöhnlich, ähnliche Kirchen stehen in Dessau, Halle oder im Bitterfelder Zentrum. Nein, die Bauermeister-Gedächtniskirche am Rande der Stadt, in der ehemaligen Kraftwerkssiedlung Deutsche Grube erzählt ein Stück Industrie- und Sozialgeschichte.
Gebaut von 1905 bis 1907, war die Kirche zunächst eine Privatkirche, bezahlt vom Unternehmer Louis Bauermeister, der eine Kohlegrube und Tonröhrenfabrik betrieb. Bauermeister und besonders seine Frau galten als sozial, und so ließ der Unternehmer einen Kindergarten, eine Schule und eben eine Kirche errichten. Denkmalschützer schwärmen, ein industriegeschichtliches Denkmal wie die neogotische Kirche in der Deutschen Grube gebe es in Sachsen-Anhalt kein zweites Mal.

Der Bitterfelder Pfarrer Johannes Toaspern erzählt diese Geschichte gerne und mit viel Enthusiasmus, aber allein aus Begeisterung heraus lässt sich kein Kirchengebäude unterhalten.
In der Kraftwerkssiedlung, zu der noch in den 1950er-Jahren eine starke christliche Gemeinde gehörte, leben inzwischen kaum mehr Christen. Nach der Wende zogen viele, die im Wolfener Neubaugebiet groß geworden sind, in die Siedlung. Menschen, die kaum christlich sozialisiert sind, schildert der Pfarrer. Inzwischen wird eine Handvoll Gemeindeblättchen verteilt, ein Aufruf vor vier Jahren, was mit der Kirche geschehen solle, blieb ohne Reaktion, und sonntags kamen so wenige zum Beten und Singen zusammen, dass seit Frühjahr 2017 keine Andachten und Gottesdienste mehr in der Bauermeister-Gedächtniskirche gefeiert werden.

Nun will die Gemeinde das Gotteshaus verkaufen. »Ich liebe diese Kirche. Je länger, desto mehr«, sagt der Pfarrer. Aber der Prediger und Seelsorger ist längst auch zum Immobilienmanager geworden. Denn die Gemeinde mit ihren 1 000 Mitgliedern kann sich auf Dauer nicht alle Gebäude leisten. Im Bitterfelder Zentrum soll die ebenfalls um die Jahrhundertwende errichtete Stadtkirche saniert und zum Gemeindezentrum umgebaut werden. Ist das geschehen, möchte die Gemeinde das Lutherhaus von 1928 veräußern – ein riesiges Haus mit Saal, Pfarrwohnung, Mietwohnungen, Büro- und Sozialräumen, Freitreppe und Terrasse.

Seit dem Frühjahr wirbt Johannes Toaspern für die Bauermeister-Gedächtniskirche. Zeitungen und Fernsehen berichteten und einige Interessenten haben sich gemeldet. Denkbar ist vieles: Die Weiternutzung als Kirche durch Freikirchen oder orthodoxe Christen, die Heimstatt für eine Communität, Wohnhaus und Ateliers für Künstler oder eine »Hochzeits-Event-Kirche«. Konkrete, ernstgemeinte Angebote mit einer überzeugenden Nutzung gibt es bislang nicht. Einen Preis hat die Kirchengemeinde nicht festgelegt. »Der Preis ist abhängig vom Nutzungskonzept«, so Pfarrer Toaspern.

Katja Schmidtke

Wie sich die EKM entwickelt hat

13. August 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Nach dem Rückblick auf den Brief aus Halle zur Kirchenfusion (Nr. 27, S. 5) wollte Leserin Christiane Paul wissen, wie sich die Vereinigung der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Thüringen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in den vergangenen 15 Jahren entwickelt hat. Brigitte Andrae, Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKM, und der Leiter des Finanzdezernates, Oberkirchenrat Stefan Große, antworten.

Hat sich das Zusammenlegen von zwei Kirchen auch innerhalb der EKD ausgewirkt?
Andrae:
Der Prozess des Zusammenschlusses der Kirchenprovinz Sachsen und der Thüringer Landeskirche ist innerhalb der EKD mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Das hing sicher auch damit zusammen, dass eine Vereinigung von Landeskirchen ein eher seltener Vorgang ist.

Außerdem schlossen sich zwei Kirchen zusammen, die nach Gemeindegliederzahlen annähernd gleich groß waren sowie unterschiedlichen Konfessionen und damit unterschiedlichen konfessionellen Zusammenschlüssen (UEK und VELKD) angehörten. Die EKM ist die einzige Landeskirche innerhalb der EKD, die Mitglied beider konfessioneller Zusammenschlüsse ist. Innerhalb dieser, wie auch innerhalb der EKD, hat die EKM eine wichtige Stimme.

Wie zeigt sich das?
Andrae:
Ich nenne einige Beispiele: Unsere Kirchenverfassung gilt als eine der modernsten innerhalb der EKD und war Vorbild für andere Kirchenverfassungen wie die der Nordkirche 2012. Unsere Erfahrungen im praktischen Umgang mit verschiedenen Bekenntnisgrundlagen werden immer wieder nachgefragt.

Wir haben eine Vereinheitlichung wichtiger rechtlicher Regelungen innerhalb der EKD angeregt. So ging der Anstoß, ein EKD-weit einheitliches Pfarrdienstgesetz zu schaffen, von der damaligen, aus beiden Vorgängerkirchen bestehenden Föderation aus.

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Zu nennen sind auch unsere innovativen Vorhaben und Projekte wie die Erprobungsräume, das Pachtvergabeverfahren, für das die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit erhielt, oder das erst kürzlich preisgekrönte Projekt »Vereinheitlichung und Optimierung des Personalmanagements nach dem Zusammenschluss der evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland«. Diese Beispiele wären ohne die mit dem Zusammenschluss gewonnenen Ressourcen so nicht möglich gewesen. Nachgefragt werden auch unsere praktischen Erfahrungen als Kirche in einem stark säkularisierten Umfeld von anderen Landeskirchen. Die Ausgestaltung und weitere Entwicklung der EKM wird daher nach wie vor mit Interesse verfolgt. Gelegentlich machen wir dabei die Erfahrung, dass unsere Stimme, wie die anderer östlicher Landeskirchen auch, nicht ausreichend gehört wird. Es bleibt also eine wichtige Aufgabe, auf unsere spezielle kirchliche und gesellschaftliche Situation immer wieder hinzuweisen.

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Konnte die vereinigte Kirche stärker ausstrahlen?
Andrae:
Das gerade Gesagte möchte ich mit dem Hinweis ergänzen, dass die EKM ein wichtiger Player im Dialog mit staatlichen Stellen auf Landes- und kommunaler Ebene und mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft ist. Auch dafür einige Beispiele:

So nehmen Landesbischöfin Ilse Junkermann und andere Leitungsverantwortliche auf allen Ebenen unserer Landeskirche regelmäßig zu wichtigen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens Stellung. Die EKM, ihre Kirchenkreise und Gemeinden öffnen mit ihren Veranstaltungen Räume für den öffentlichen Diskurs. Das gilt beispielsweise auch für das Landeskirchenamt in Erfurt, das seit 2011 zusammen mit zwei Kooperationspartnern zu der Reihe »Collegium maius Abende« einlädt. Und mit der Übernahme der Trägerschaft für die Opferberatung »ezra« (für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt) 2012 hat die EKM ein wichtiges Signal gesetzt.

Wurden die Hoffnungen auf Einsparungen erfüllt? Oder wurden diese durch Mehrausgaben an anderer Stelle nicht erreicht?
Große:
Der Zusammenschluss der beiden ehemaligen Teilkirchen zur EKM hatte einen wichtigen Kernprozess: die Strukturanpassung im übergemeindlichen Bereich. Ziel war es, die Explosion der Ausgaben oberhalb der Gemeinden zu vermeiden, Einsparungen nachzuweisen, Doppelstrukturen zu überprüfen sowie innovative Ansätze und eine qualitätsvolle Arbeit im Landeskirchenamt sowie den unselbstständigen Werken und Einrichtungen zu ermöglichen.

Stefan Große. Foto: EKM

Stefan Große. Foto: EKM

Mit Beschluss der Landessynode vom 10. November 2010 wurde dieser flächendeckende Prozess abgeschlossen. Die Ziele wurden erreicht. Die Kostendisziplin im Landeskirchenamt und den unselbstständigen Werken und Einrichtungen wurde befördert. Das gilt insbesondere für den anschließenden Prozess der Organisationsentwicklung im Landeskirchenamt.

Welche Veränderungen gibt es?
Große:
Mit dem Haushalt 2014 haben wir Finanzbudgets eingeführt, die sich an der Organisationsstruktur des Landeskirchenamtes orientieren. Damit steht den Dezernaten und der Landesbischöfin für ihre Bereiche ein Gesamtbetrag (Budget) zur Verfügung, mit dem alle anfallenden Ausgaben zu decken sind. Damit wird die Eigenverantwortung der Dezernate gestärkt, sie werden zu einer sparsamen Haushaltsführung motiviert und die laufende Bewirtschaftung wird durch die Deckungsfähigkeit der Personal- und Sachkosten auf der Ebene des jeweiligen Budgets erleichtert.

Was bedeuten die Veränderungen für die Kirchenkreise und -gemeinden?
Große:
Mit der Neufassung des Finanzgesetzes konnten wir eine bessere Umsetzung der Vorgaben aus der Verfassung erreichen. Es gewährleistet den solidarischen, sparsamen, wirtschaftlichen und transparenten Einsatz aller kirchlichen Mittel und setzt auf das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Kirchengemeinden gemäß der jeweils eigenen spezifischen Situation.

Besonders hervorzuheben ist, dass verbindlich geregelt ist, dass der Löwenanteil der kirchlichen Mittel zur Finanzierung der Aufgaben der Kirchengemeinden und Kirchenkreise einzusetzen ist. Das passiert in den jährlichen Haushaltsplänen, mit denen in den vergangenen Jahren stets der Nachweis geführt wurde, dass diese Regelung mit durchschnittlich 77 Prozent der Plansumme strikt eingehalten wird. Ganz besonders erwähnenswert ist auch, dass die EKM im Finanzgesetz die Finanzierung des Verkündigungsdienstes der Kirchengemeinden und Kirchenkreise in den Mittelpunkt rückt. Veränderungen dort bedeuten automatisch die gleichen Veränderungen im Bereich der Landeskirche. Das ist auch der Grund dafür, dass im Etat 2019 die Kürzungen im Verkündigungsdienst im gleichen Verhältnis den landeskirchlichen Anteil an der Plansumme betreffen.

Ich betone: Ohne die Kirchenfusion wären derartige Regelungen zugunsten der Kirchengemeinden und Kirchenkreise nicht gelungen, ganz abgesehen davon, dass die jeweilige Teilkirche für sich drastischer hätte einsparen müssen und die Qualität ihrer Werke und Dienste wie auch der landeskirchlichen Verwaltung nicht hätte halten oder gar ausbauen können.

Benötigt die EKM weiterhin drei Leitungsebenen, wo doch die Gemeinden zum Fusionieren aufgefordert werden, um Personal zu sparen? Käme die Landeskirche nicht mit Bischof oder Bischöfin und Superintendenten aus?
Andrae:
Was ist das für ein merkwürdiges Kirchenbild? Als Juristin verweise ich auf unsere Kirchenverfassung. Die Grundbestimmungen heben hervor, dass die EKM in den vielfältigen Formen von Gemeinden und Diensten lebt und die verschiedenen Rechtsformen (Ebenen) als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft eine innere und äußere Einheit bilden. Innerhalb dieser Einheit nehmen die verschiedenen Ebenen ihre jeweiligen Aufgaben eigenverantwortlich wahr.

Oder ist gemeint, dass es keine Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe mehr in der EKM geben soll? Dem würde ich widersprechen. Das regionalbischöfliche Amt hat eine wichtige Scharnierfunktion zwischen der landeskirchlichen Ebene und den Kirchenkreisen und Gemeinden. Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe haben Anteil an der geistlichen Leitung der EKM, sie begleiten die Mitarbeitenden in ihrem Dienst, repräsentieren Kirche auch gegenüber staatlichen Stellen und der Gesellschaft.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Wohin die Kirchensteuer geht

24. November 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Unerwartet: Die Einnahmen sprudeln, dank der guten Konjunktur. Und das, obwohl die Mitgliederzahlen sinken. Was haben die Kirchengemeinden vom Geldsegen?

Bei der Herbsttagung der Landessynode geht es immer auch um die Finanzen. Oberkirchenrat Stefan Große, der Finanzdezernent der EKM, hat schon andere Zeiten erlebt. Derzeit kann er seinen Bericht gelassen angehen. Die Kasse stimmt. Wie schon im vergangenen Jahr wird auch diesmal wieder ein Überschuss ausgewiesen. Die Einnahmen durch die Kirchensteuer, 54 Prozent der sogenannten Plansumme, sind in Folge höher als prognostiziert.

Die Kirchensteuer allein mache es aber nicht, so Große. »Die EKM hängt am Tropf der Westkirchen.« Ohne den Finanzausgleich, das Solidarsystem der EKD – 26 Prozent des kirchlichen Haushalts –, sähe es schlecht aus. Hinzu kommen noch die Staatsleistungen, eine Art Pachtzins für einst vom Staat enteignetes Kirchenland. Dabei handelt es sich im Übrigen nicht um staatliche Almosen. Sie sind Verpflichtungen nach den Verträgen mit den Bundesländern, die zu Beginn der 90er-Jahre geschlossen wurden, und werden für die Besoldung und Versorgung von Pfarrern und Kirchenbeamten eingesetzt.

Ohne Umwege: In der Friedenskirche in Kittelsthal im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen können Spender direkt entscheiden, wo ihr Geld ankommt. Foto: Mirjam Petermann

Ohne Umwege: In der Friedenskirche in Kittelsthal im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen können Spender direkt entscheiden, wo ihr Geld ankommt. Foto: Mirjam Petermann

In Summe stehen der Landeskirche 200 Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Auf die 733 000 Mitglieder umgerechnet sind das 275 Euro Plansumme pro Gemeindeglied. Die Zahlen stammen aus dem Entwurf des Haushaltsplans, über den das Kirchenparlament auf der Herbsttagung berät und entscheidet.

Der überwiegende Teil des Plansummenanteils (210 Euro) steht den Kirchengemeinden und -kreisen zur Verfügung. Große betont, dass aber auch aus dem allgemeinen landeskirchlichen Anteil Aufgaben finanziert werden, die die Arbeit in den Gemeinden ergänzen und stärken. Der überwiegende Teil der Plansumme müsse sogar den Kirchenkreisen direkt oder indirekt zur Verfügung gestellt werden. Das sei im EKM-Finanzgesetz zwingend geregelt. Der Anteil für die allgemeinen Aufgaben der Landeskirche beinhalte beispielsweise Aufwendungen für die Ausbildung von Pfarrern, Gemeindepädagogen und Lektoren, für die Notfallseelsorge oder die Kinder- und Jugendarbeit sowie die Öffentlichkeitsarbeit. »Von jedem eingenommenen Euro gehen etwa 76 Cent in die Kirchenkreise und Gemeinden«, so der Finanzdezernent.

Eine Regelung, die die EKM von anderen Landeskirchen unterscheidet, ist die Tatsache, dass der landeskirchliche Anteil, also die Mittel, die dem Landeskirchenamt zur Erfüllung der Aufgaben zur Verfügung stehen, an die Entwicklung der Kosten im Verkündigungsdienst gekoppelt sind. Das heißt, wenn 2019 durch Einsparungen weniger Geld in die Kirchenkreise überwiesen wird, muss auch das Landeskirchenamt im gleichen prozentualen Verhältnis sparen. Das sorge dafür, erklärt Große, dass der allgemeine landeskirchliche Anteil nicht zu Lasten der Kirchengemeinden aufgebläht werde. Diese Koppelung gelte
»in guten, wie in schlechten Zeiten«.

Insgesamt werden ab Januar 2019, wenn das geänderte Finanzgesetz in Kraft tritt, 80 bis 90 Stellen in den 38 Kirchenkreisen wegfallen. Schon jetzt sind die Kreissynoden damit beschäftigt, darüber zu beraten und Stellenpläne zu entwerfen.

Die gute Konjunktur dürfe nach Großes Worten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die sinkenden Mitgliederzahlen und der Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den nächsten Jahren voll durchschlagen werden. Die Landeskirche und die Kirchenkreise seien jedoch vorbereitet. Große sieht eine gute Basis, »nüchtern, aber angstfrei weiterzumachen« und die Einsparziele zu erreichen.

Bei immer weniger hauptamtlichen Mitarbeitern in den Gemeinden müsse sich die inhaltliche Ausrichtung verändern, so wie das bei den »Erprobungsräumen« versucht werde. »Wir wollen Räume eröffnen, Neues denken und dabei optimistisch und fröhlich Gottes Wort verkündigen.«

Willi Wild

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Schluss mit Klimpern?

25. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Kollekte: Die Kirchengemeinden ärgern sich über Gebühren für Münzgeld bei Banken und Sparkassen – und suchen nach Lösungen.

Mal sind es 189,33 Euro, mal 267,94 Euro, am Gründonnerstag waren es nur 13,57 Euro: die Beträge, die Sonntag für Sonntag in der evangelischen Reglergemeinde in Erfurt im Kollekten-Körbchen landen, sind höchst unterschiedlich. Insgesamt aber freut sich Pfarrerin Gabriele Lipski: »Unsere Gemeinde spendet richtig viel.« Seit einiger Zeit ist diese Freude aber getrübt. Denn wenn Ga­briele Häußler vom Gemeindebüro die gespendeten Münzen montags bei der Bank einzahlen will, werden dafür seit Kurzem Gebühren fällig.

Die Sparkasse Mittelthüringen nimmt das Münzgeld nur noch in verschließbaren Sicherheitsbeuteln an. Pro Beutel müssen zehn Euro gezahlt werden. Entsprechend fielen die Reaktionen in der Gemeinde aus: »Alle Kreise waren wirklich entsetzt und haben gesagt: Das kann doch nicht wahr sein!«, sagt die Pfarrerin.

Kleingeld für große Aufgaben: Gemeindehaus oder Orgelsanierung – Kirchengemeinden sind auf Spenden angewiesen. – Foto: Markus Wetterauer

Kleingeld für große Aufgaben: Gemeindehaus oder Orgelsanierung – Kirchengemeinden sind auf Spenden angewiesen. – Foto: Markus Wetterauer

Kein Einzelfall. Das Problem mit den Gebühren fürs Geldzählen betrifft inzwischen fast alle Gemeinden in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Finanzdezernent Stefan Große nennt ein Beispiel: So hat die Kirchengemeinde Wittenberg im vergangenen Jahr stolze 1 800 Euro an Gebühren gezahlt. »Das erschwert das traditionelle Kollekten-Sammeln erheblich«, sagt er.

Die Sparkasse nennt zwei Gründe für die Gebühren. Zum einen hat die EU die Kreditinstitute verpflichtet, die eingezahlten Münzen auf Falschgeld zu kontrollieren. Das ist aufwendig und damit teuer. Zum anderen waren die bisher verwendeten Zählautomaten für Münzgeld oft kaputt, erklärt Sparkassen-Sprecherin Ka­tharina Höhne: »Das lag daran, dass mit dem Geld häufig Fremdkörper hineingelangt sind. Da ist ein Stückchen Stroh von den Körbchen mit reingekippt worden. Da ist mal ein bisschen Dreck dabei, eine Büroklammer oder Spielgeld.« Die Folge: Die Zählautomaten mussten ständig gereinigt und repariert werden. Jetzt zählt eine Firma im Auftrag der Sparkasse das Geld. Die Kosten dafür werden an die Kunden weitergegeben. Inzwischen werden bei so gut wie allen Kreditinstituten Gebühren für Münzgeld fällig – nur bei den Filialen der Bundesbank kann noch kostenlos gezählt werden.

Auch bei der Sparkasse Mittelthüringen hat sich die Situation etwas entspannt. Nach Protesten aus den Gemeinden werden jetzt pro Münzbeutel nicht mehr zehn, sondern nur noch drei Euro an Gebühren fällig, wie Pfarrer Ricklef Münnich erläutert, der Pressesprecher des ev. Kirchenkreises Erfurt. Außerdem gibt es nach seinen Angaben als Zugeständnis des Kreiskirchenamts an die Gemeinden die Möglichkeit, die Kollekten nicht mehr jede Woche, sondern nur noch alle zwei bis drei Wochen einzuzahlen. Auch dadurch ergeben sich noch mal niedrigere Gebühren. »Die Sparkasse ist uns entgegengekommen«, sagt Münnich. »Das ist vertretbar.«

Auch Sparkassen-Sprecherin Höhne wirbt um Verständnis. »Natürlich sind Kirchen und Vereine davon möglicherweise besonders betroffen«, sagt sie. »Aber wir haben diese Gebühren nicht aus reiner Willkür festgelegt oder um besonders viel Geld zu verdienen, sondern einfach, um die Kosten zu decken, die mit diesem Angebot entstanden sind.« Wenn für andere Dienstleistungen wie Telefon oder Internet Gebühren fällig werden, würden diese ja von den Kirchen oder Vereinen auch gezahlt.

Keine Frage: Auch Regler-Pfarrerin Gabriele Lipski findet die niedrigeren Gebühren besser. Zufrieden ist sie dennoch nicht. »Ich würde mir natürlich wünschen, dass es nichts kostet. Denn das sind Spendengelder. Kein Mensch hat daran Gewinn. Schön ist das nicht.« Deshalb hat sie sich mit Gemeindegliedern überlegt, ob es Alternativen gibt. Eine Idee: viele kleine Händler brauchen Münzgeld zum Wechseln, und müssen dafür bei den Banken auch zahlen. So entstand die Überlegung, »eine Art Win-win-Situation zu schaffen: Wir tragen zu den Händlern unser Geld und die geben uns Scheine dafür«, sagt Lipski, schränkt aber gleich ein: »Das ist alles sehr mühsam. Es muss jemand rollen und hinbringen und wir müssen immer einen Händler haben, der das gerade braucht.« Auch kleine Spenden-Chips, die vorher im Gemeindebüro gekauft werden und dann in den Klingelbeutel geworfen werden, hält sie für deutlich umständlicher als Bargeld.

»Eine Patentlösung gibt es nicht«, sagt auch EKM-Finanz-Chef Stefan Große. In kleineren Gemeinden wechseln manchmal Ehrenamtliche die gesammelten Münzen in Scheine, die danach ohne Gebühren aufs Konto eingezahlt werden können, berichtet er. In Kirchen mit vielen Touristen als Besucher, wie der Taufkirche in Eisleben, könnte ein elektronischer Opferstock die Lösung sein. »Hier fallen aber auch Anschaffungskosten an«, gibt Große zu bedenken. Wie er sieht auch Sparkassen-Sprecherin Katharina Höhne künftig im Spenden per Bank-Karte oder Handy eine Möglichkeit. Bei kleineren Beträgen ist das ohne Geheimzahl oder Unterschrift machbar.

Schweden hat seit etlichen Jahren Erfahrung damit. Dort stehen in vielen Kirchen »Kollektomaten«. Die Geräte sehen so ähnlich aus wie Geldautomaten. Gottesdienst-Besucher spenden mit ihrer Bank-Karte. Am Bildschirm wählen sie den Betrag und den Zweck (Orgel-Reparatur, neue Gesangbücher oder vielleicht doch lieber Brot für die Welt?). Wer seine Steuer-Nummer eingibt, bekommt gleich noch eine Spenden-Quittung fürs Finanzamt dazu.

Pfarrerin Lipski will, wie die meisten ihrer Kollegen, zumindest vorläufig am traditionellen Kollekten-Modell mit Körbchen und Münzen festhalten. »Mir ist noch keine bessere Lösung eingefallen«, sagt sie, und fügt lachend dazu: »Außer, dass alle nur noch Scheine einwerfen.«

Markus Wetterauer

Verantwortliche Finanzplanung

29. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Finanzbericht: Kirchensteuer, Finanzausgleich, Staatsleistungen. Die Einnahmenseite in der EKM entwickelt sich gut. Trotzdem bremst der Finanzdezernent die Euphorie.

Auch wenn der EKM im kommenden Jahr allein über die Netto-Kirchensteuereinnahmen eine Million Euro mehr als vorgesehen zufließen, sei das rettende Ufer noch längst nicht erreicht, so Stefan Große. »Die Struktur unserer Einnahmen ist noch immer fragil«, warnt der Oberkirchenrat. Die Landeskirche finanziere sich nur zu 55 Prozent aus eigenen Kirchensteuereinnahmen. Die andere Hälfte stamme aus dem Finanzausgleich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und den Staatsleistungen. Um den Finanzausgleich nicht zu gefährden, gelte es, den EKD-Solidarpakt auch in Zukunft einzuhalten. Die Mindeststandards einer verantwortlichen Finanzplanung müssten weiter erfüllt werden. Auch sei die Versorgungslücke der Vergangenheit noch nicht geschlossen, erläuterte der Finanzdezernent. Bis 2019 seien die neuen Stellenbemessungskriterien im Verkündigungsdienst umzusetzen. Die EKM stehe dadurch vor »zwingenden Kürzungen, auch im landeskirchlichen Bereich«.

Fotos: epd-bild; Claudia Hautumm/pixelio.de; Tim Reckmann/pixelio.de; EKD – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

Fotos: epd-bild; Claudia Hautumm/pixelio.de; Tim Reckmann/pixelio.de; EKD – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

Und so Große weiter: »Mit dem Haushalt 2017 wollen wir die Finanzierung der Aufgaben von Heute mit der Schaffung von finanziellen Spielräumen für Morgen zusammenbringen.« Die Kirchensteuereinnahmen sollen für Investitionen beispielsweise in den Schulinvestitionsfonds und die Gemeinde-Erprobungsräume genutzt werden. Der kirchlichen Basis kommen direkt 121,7 Millionen Euro zugute.

Insgesamt sieht der Haushalt rund 76,5 Prozent der Plansumme für die Kirchenkreise und Kirchengemeinden vor. Der Landeskirche mit ihren Werken und Einrichtungen verbleiben damit für ihre Aufgaben rund 20 Prozent der Plansumme.

Foto: Timo Klostermeier/pixelio.de – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

Foto: Timo Klostermeier/pixelio.de – Grafik: G+H/Adrienne Uebbing

In Zukunft sei allerdings nicht mehr mit einem Zuwachs an Kirchensteuereinnahmen zu rechnen, prognostiziert der Finanzdezernent. Die mittelfristige Finanzplanung zeige, dass momentan der Zenit überschritten sei, und die Kirchensteuer in den nächsten Jahren moderat sinken werde. Im Sommer sagte Große in einem Gespräch mit »Glaube + Heimat«, dass im Jahr 2025 mit etwa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahlern zu rechnen sei. »Damit werden die Einnahmen sinken, und wir müssen die Ausgaben anpassen«, so seine Einschätzung.

Willi Wild

www.ekmd.de/kirche/landessynode/tagungen

Leergut braucht Querdenker

8. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

EKM-Projekt zur Internationalen Bauausstellung Thüringen 2023

Die Wertschätzung von Leergut erfordert Aufmerksamkeit und macht Arbeit, zahlt sich aber nicht nur an der Kasse des Supermarktes aus. Ähnlich ist es mit der Nutzung leerstehender Kirchengebäude.

Die Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen macht »Stadtland« zu ihrem Thema und hat hier fünf Schwerpunkte gesetzt. Eine der sogenannten IBA-Baustellen heißt »LeerGut«. Ihr gilt 2016 besondere Aufmerksamkeit. Die eingangs erwähnten Erfahrungen am Flaschenautomaten des Einkaufszentrums sind dabei durchaus relevant.

Mit diesem Flyer werben die EKM und die IBA Thüringen für die Auftaktveranstaltung am 19. März um 14 Uhr in der Kaufmannskirche Erfurt: Dort wird das Querdenker-Projekt vorgestellt und Interessierte können sich über Möglichkeiten zur Beteiligung informieren. Foto: EKM

Mit diesem Flyer werben die EKM und die IBA Thüringen für die Auftaktveranstaltung am 19. März um 14 Uhr in der Kaufmannskirche Erfurt: Dort wird das Querdenker-Projekt vorgestellt und Interessierte können sich über Möglichkeiten zur Beteiligung informieren. Foto: EKM

Leer stehende Gebäude sind in Stadt und Land anzutreffen. Für Marta Doehler-Behzadi, Geschäftsführerin der IBAThüringen, sind sie wertvolle Produkte geistiger Leistung und menschlicher Arbeit, deren Potenziale erkannt werden müssen und mit denen anders umzugehen sei, als sie ungenutzt verfallen zu lassen oder gar abzureißen. Sie seien »leer und gut«, verbaute, geronnene Geschichte, die eine Zukunft verdient. Kirchen, so hob sie hervor, seien hier die prominentesten Beispiele.

»Perspektiven für kirchliche Gebäude – Aufgabe? Abgabe? Wandel?« lautet das Thema des EKM-Projekts für die IBA Thüringen. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sei ein Riese hinsichtlich Fläche und Gebäudezahl, aber ein Zwerg, wenn man auf die Zahl der Gemeindeglieder schaue. Rund 20 Prozent aller Kirchen der Evangelischen Kirche Deutschlands stehen hier, aber nur vier Prozent ihrer Mitglieder wohnen in Sachsen-Anhalt und Thüringen. »Da wird die Diskrepanz deutlich«, erklärte Oberkirchenrat Stefan Große. Deshalb habe man dankbar die IBA-Chance erfasst und möchte den Prozess nun selbst mit dem offenen internationalen Ideenwettbewerb »Stadtland: Kirche. Querdenker für Thüringen 2017« befördern. »Wir sind auf frische, ungewöhnliche Impulse angewiesen«, so der Finanzdezernent der EKM. Bei der Erhaltung der Kirchen kam man in den letzten Jahrzehnten gut voran. Die etwa 400 Kirchbauvereine in der EKM erwiesen sich dabei als engagierte Partner. Wenn dann aber Fragen zur Nutzungsperspektive für die geliebte Dorfkirche gestellt würden, fielen die Antworten dünner aus, so seine Erfahrung. Auch manch interessante Tagung gehe an der Wirklichkeit ostdeutscher Probleme vorbei. »Wir wollen es wie Luther machen und dem Volke aufs Maul schauen«, so Große.

Und zum Reformationsjubiläum erhoffe man sich 500 Beiträge, von denen drei bis fünf die Möglichkeit der Realisierung bis zum IBA-Finale 2023 erhalten sollen. Vom Wettbewerbsstart am 19. März und den Modalitäten der Teilnahme werden wir in der Kirchenzeitung berichten.

Direkt vor der Kaufmannskirche steht der Querdenker Martin Luther und betrachtet das bunte Einkaufsgetümmel zu seinen Füßen. Auf dem Denkmalssockel ist Psalm 118, Vers 17 zu lesen: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herren Werk verkündigen.« Ihm würde es an einer Idee für die Nutzung unserer Kirchen nicht mangeln.

Uta Schäfer

Der Wind weht, wo er will

16. November 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Energiewende: Der Strombedarf der EKM soll auf ökologische Weise selbst erzeugt werden

Wenn etwas Unsichtbares etwas Sichtbares bewegt, dann meint man in der Kirche meist den Heiligen Geist. Unsichtbar, immateriell und stark ist auch der Wind, mit dem der Heilige Geist oft verglichen wird. Die Kraft des Windes will man sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zu nutze machen.

Manchmal passen alte Weisheiten einfach. Auch bei erneuerbaren Energien. Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.« Oder, aktueller: Wind­räder. Die EKM macht genau dies: Windräder bauen und betreiben. Mit einem eigenen Unternehmen, dem »EKM-StromVerbund«. Wie aber wird eine Landeskirche Stromproduzent?

Drübeck, 2010: Die Herbsttagung der Landessynode stimmt einem Beschluss des Umwelt-Ausschusses zu. »Die Landessynode bittet den Landeskirchenrat zu prüfen, ob die EKM (…) eigene Investitionen in erneuerbare Energien vornehmen kann«, hieß es da. In der folgenden Frühjahrstagung in Wittenberg sollte die Synode einen abschließenden Beschluss fassen. Sechs Tage vor Synodenbeginn bebte in Fukushima die Erde. Der entstandene Tsunami und dessen Folgen sind bekannt. Auch auf die Energiepolitik hierzulande. Die Investition in erneuerbare Energien wird von den Synodalen bei neun Gegenstimmen und elf Enthaltungen abgesegnet. Im Herbst 2011 beschließt das Kollegium des Landeskirchenamtes (LKA) in Erfurt die Gründung eines eigenen kirchlichen Unternehmens – auf Empfehlung einer renommierten Wirtschaftsprüfergesellschaft. Im Folgejahr wurde der »EKM-StromVerbund« aus der Taufe gehoben, der sich um die beschlossenen Investitionen kümmern soll. Die Pläne für eine solche Unternehmensgründung bestanden schon lange vor dem Synodalbeschluss, wie Oberkonsistorialrat Diethard Brandt vom Referat für Grundstücke der EKM gegenüber »Glaube+Heimat« erklärte.

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Stefan Große, Finanzdezernent der EKM, sagte im November 2011 kurz nach dem Beschluss: »Die EKM verbraucht jährlich 33 Millionen Kilowattstunden Strom. Unser Ziel ist es, genauso viel Strom auf ökologische Weise selbst zu erzeugen.« Neu an dem Vorschlag war, selbst in die Energieerzeugung zu investieren. Zwar drehen sich seit Mitte der 1990er Jahre bereits rund 140 Windräder auf Kirchengrundstücken. Aber bisher gehört keines davon der Kirche selbst. Mit der Gründung des »EKM-StromVerbundes« sollte sich das ändern.

Derzeit betreibt das kirchliche Unternehmen drei Wind­energieanlagen. Zwei in der Nähe von Halle und ein drittes im Kirchenkreis Gotha. In Planung sind weitere in Brandenburg, Nordhausen und Gera. Der selbst produzierte Kirchenstrom beläuft sich derzeit auf jährlich etwa 15 Millionen Kilowattstunden.

Kein billiges Unterfangen. Der Einstieg in die Welt der Strom­erzeuger kostete die EKM bisher rund 11,7 Millionen Euro. Finanziert wurde dies durch Kirchenbanken, der Eigenanteil von 20 Prozent (rund 2,3 Millionen Euro) stammt aus dem Grundvermögensfonds der EKM. In diesen Fonds fließen die Gewinne zurück. Im Jahr 2014 waren es gut 1,5 Millionen Euro. Für Thomas Wick, Sachbereichsleiter Landwirtschaft im Referat für Grundstückswesen des LKA in Magdeburg, ist diese innerkirchliche Wertschöpfungskette entscheidend. Er erklärt: »Die Kirchengemeinde, auf deren Grund die Windräder errichtet werden, bekommt Pacht von der Landeskirche. Finanziert wird alles durch die Kirchenbank, kirchliche Fonds geben das Eigenkapital, in die die Einnahmen zurückfließen und am Ende gibt es Kirchenstrom.« Energie von der Kirche für die Kirche.

In einer ersten Ausbauphase soll der Stromverbrauch der verfassten Kirche, in der zweiten
auch der Verbrauch der diakonischen Einrichtungen (insgesamt 55 Millionen Kilowattstunden) aus kircheneigenen Windkraftanlagen gedeckt werden. Diethard Brandt kann sich auch eine kirchliche Direktvermarktung vorstellen. Die EKM wäre dann nicht nur Stromerzeuger, sondern auch -anbieter. Doch Brandts Blick in die Zukunft wirkt ein wenig gedämpft. »Lange kommunale Planungszeiträume und die zunehmende Zurückhaltung von Kirchengemeinden bei der Bereitstellung kirchlicher Grundstücke behindern neue Projekte.«

Doch Windenergieanlagen haben auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Im Durchschnitt werden die Betriebskosten mit 2,5 bis 4 Prozent der Investitionskosten beziffert – ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Und: Nach Recherchen des Südwestrundfunks sind viele Windkraftanlagen unrentabel. Die Auslastung eines Windrades wird in Volllaststunden gerechnet. Gut 1 700 Volllaststunden gelten dabei als Richtwert, um rentabel zu wirtschaften. Nur werde dieser oft verfehlt. Gründe können mangelnder Wind oder verfehlte und zu hoch angesetzte Windgutachten sein. So berichten Betreiber aus Süddeutschland, dass ihre Windertragsgutachten um 20 bis 35 Prozent zu hoch angesetzt seien. Weniger Wind bedeutet weniger Rendite. Dabei nehmen die Erträge mit der Windgeschwindigkeit nicht linear ab oder zu, sondern potentiell. Was also passiert, wenn die EKM-Windräder in die Verlustzone geraten? Aus welchen Töpfen müsste dann Geld genommen werden? »Das wird nicht passieren«, sagt Thomas Wick. Bisher sei das Unternehmen profitabel, auch wenn 2014, das erste volle Betriebsjahr, ein schwaches Jahr war. Außerdem sei die Laufzeit auf 20 Jahre angesetzt. Windarme Jahre können so durch die regionale Verteilung der Anlagen aufgefangen werden. Ein ursprünglich für die Herbsttagung der Synode geplanter Bericht über die Erträge der Anlagen kann aber, so heißt es aus dem Landeskirchenamt, leider noch nicht vorgelegt werden.

In der Kirche fließen nun nicht mehr nur Ströme des lebendigen Wassers. Sondern auch eigens produzierter grüner Strom. So lange der Wind weht.

Stefan Körner

Den Auftrag vor Augen haben

23. April 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Landessynode: Vom 16. bis 18. April tagte die Landessynode der EKM im Kloster Drübeck

Die neue Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland scheute sich nicht, von Anfang an Tacheles zu reden.

Neben einem Wahlmarathon stand ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung der ersten Zusammenkunft der II. Landessynode der EKM: die Veränderungen im Finanzgesetz. Finanzdezernent Stefan Große erläuterte die Änderungen am vergangenen Freitag vor der Synode in Drübeck. Die anschließende Aussprache zeigte, dass die neuen Synodalen kein Blatt vor den Mund nehmen und die Probleme am Schopfe packen.

Zur konstituierenden Tagung der II. Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) war ein Wahlmarathon zu bewältigen. Foto: Frank Drechsler

Zur konstituierenden Tagung der II. Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) war ein Wahlmarathon zu bewältigen. Foto: Frank Drechsler

Die Überprüfung des Finanzgesetzes der EKM, zu dem sich Kirchengemeinden, -kreise und Gremien vom 1. April bis 30. Juni 2014 in einem Stellungnahmeverfahren äußern konnten, ist abgeschlossen und zahlreiche Vorschläge sind aufgenommen. Am 1. Januar 2016 soll es in Kraft treten.

Zuerst die gute Nachricht: Die derzeit hohen Kirchensteuereinnahmen verschaffen der Landeskirche Luft. Die Erhöhung der Gemeindegliederzahlen pro Pfarrstelle von 1 200 auf 1 350 kann dadurch bis einschließlich 2018 aufgeschoben werden. Geplant war die Umsetzung schon ab nächstem Jahr. Die drei Jahre können jedoch kein Ruhekissen sein, sondern müssen für ein Umdenken und Suchen nach neuen Wegen genutzt werden. Darin waren sich die Synodalen und die Vertreter der Kirchenleitung einig. Denn 2019 stehe noch mal eine Kürzung um 75 Pfarrstellen an, wenn die Kirchenmitgliederzahl weiter sinkt. Die demografische Situation und die Abwanderung aus den Regionen legen dies nahe.

Der Synodale Ulrich Neundorf mahnte eine ehrliche Debatte an. »Was hindert uns daran, über eine ›Perspektive 2030‹ nachzudenken, ohne gleich ein Gesetz verabschieden zu müssen.« Ihn wie auch andere Synodale bedrückte, dass »Städte begünstigt werden und Druck auf die kleineren Kirchenkreise ausgeübt wird, sich zusammenschließen«.

Darüber müsse man langfristig reden und nicht scheibchenweise drehen. Volker Wilde kritisierte: »Mir fehlen die Visionen. Wir schrauben nur innerhalb unseres Systems. Wir müssen Mut haben, den Problemen ins Auge zu sehen.« Und Ernst-Ulrich Wachter fragte: »Schrumpfen die da oben genauso wie wir?« Für die klaren Worte bedankte sich Stefan Große ausdrücklich. Er unterstrich, dass die Finanzierung der kirchlichen Arbeit mit dem Finanzgesetz und den aus der Erfahrung gewachsenen Änderungen des Gesetzes auf einem guten Weg sind. So wird zukünftig zum Beispiel beim Kreis­anteil für allgemeine Aufgaben nicht nur die Zahl der Einwohner, sondern auch die der Gemeindeglieder berücksichtigt. Man müsse jedoch langfristig denken, so Große.

Dass das Problem nicht nur am fehlenden Geld liegt, machte der Synodale Wilfried Kästel deutlich. »Die Kirche hat kein Finanzproblem, sondern ein Glaubensproblem«, zitierte er den derzeitigen Leiter der Finanzabteilung der EKD, Thomas Begrich.

Angesichts der munteren Debatte kann man mit einer sehr kreativen Arbeit der II. Landessynode rechnen. Das macht Hoffnung, wie von Synodalen und kirchenleitenden Vertretern zu hören war. Landesbischöfin Ilse Junkermann brachte es auf den Punkt: »Ich bin sehr froh über die Diskussion. Wir können nicht nach dem bisherigen Vorgehen einfach weiter abbauen, sondern wir müssen umbauen. Aber wir haben keine Patentrezepte.« Mit Blick auf die große Belastung der Mitarbeitenden sagte sie: »Alle sind erschöpft, aber wir sollen das Frohmachende verkündigen! Wir haben einen Auftrag in der Welt. Meine Sorge ist, dass wir durch die Sorge um uns selbst diesen Auftrag nicht mehr sehen.«

Dietlind Steinhöfel

Alle Dokumente unter: www.ekmd.de

Post von der Bank – kein Grund zur Unruhe

20. Mai 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Kirchensteuer auf Kapitalerträge wurden schon immer erhoben – nur das Verfahren ist neu

Haben Sie auch Post von Ihrer Bank oder Versicherung erhalten wegen der Kirchensteuer? In Deutschland sind auf Kapitalerträge, also zum Beispiel auf Zinsen, Steuern zu zahlen. Festgelegt ist auch, dass, genau wie bei der Lohnsteuer, neun Prozent dieser Kapitalertragssteuer noch als Kirchensteuer zu entrichten sind. Neu ist das nicht. Das Verfahren dazu wird allerdings zum 1. Januar 2015 geändert. Die Sache hat für viel Verwirrung gesorgt. Der Finanzdezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Oberkirchenrat Stefan Große, erläutert.

OKR Stefan Große gibt Auskunft. Foto: Harald Krille

OKR Stefan Große gibt Auskunft. Foto: Harald Krille

Herr Große, was ändert sich ab 2015?
Große:
Die Erhebung der Kirchensteuer auf Kapitalerträge wird automatisiert. Für Sie als Bankkunde entfällt der Auftrag zum Einbehalt der Kirchensteuer oder die Einbeziehung der Kirchensteuer in die Steuererklärung.

Wer muss denn Kirchensteuer auf Kapitalerträge entrichten?
Große:
Nur Kirchenmitglieder. Und auch nur, wenn die Kapitalerträge über den Freibeträgen liegen, also mehr als 801 Euro betragen, bei Verheirateten mehr als 1 602 Euro im ganzen Jahr. Das ist nicht neu. Nur das Erhebungsverfahren verändert sich.

Was heißt das konkret an einem Beispiel?
Große:
Wer beispielsweise 1 000 Euro Zinsen und Dividenden im Jahr erhält, zahlt darauf knapp fünf Euro Kirchensteuer. Handelt es sich um ein gemeinsam veranlagtes Ehepaar, sind bei 1 000 Euro weder Kapitalertragssteuern noch Kirchensteuer fällig, weil dies unter dem Freibetrag liegt.

Wie funktioniert das neue Verfahren praktisch?
Große:
Banken erhalten erstmals im Herbst dieses Jahres vom Bundeszentralamt für Steuern das für die Erhebung notwendige Religionsmerkmal, also den Hinweis, ob und welcher Kirche jemand angehört. Die Bank führt dann die Kapitalertragssteuer und die Kirchensteuer automatisch ab. Bisher musste jeder bei der Steuererklärung selbst daran denken und seine Kapitalerträge angeben.

Die Belange des Datenschutzes sind gewahrt. Man kann der Datenweitergabe widersprechen – für das Jahr 2015 bis zum 30. Juni 2014.

Was passiert, wenn ich als Kunde widerspreche?
Große:
Dann erhält die Bank vom Bundeszentralamt für Steuern einen neutralen Wert und behält keine Kirchensteuer ein. Allerdings müssen Sie in Ihrer Steuererklärung im folgenden Jahr diese Angaben selbstständig nachholen.

Wenn jemand Fragen zur Kirchensteuer hat?
Große:
… sollte er unser gebührenfreies Kirchensteuertelefon nutzen, einfach anrufen: (08 00) 7 13 71 37.

Die Fragen stellte Ralf-Uwe Beck.

Weitere Informationen auch im Internet:

www.ekmd.de

Gemeinsam die Zukunft gestalten

23. Februar 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Interview: Nach fünf Jahren Evangelische Kirche in Mitteldeutschland und zwei Jahren mit neuem Finanzgesetz (Teil 2)

Über die Entwicklung in der EKM sprachen Dietlind Steinhöfel und Harald Krille mit Finanzdezernent Stefan Große und Personaldezernent Michael Lehmann (siehe Nummer 7, Seite 5).

Derzeit sind die Kirchensteuereinnahmen aufgrund der guten Konjunktur unerwartet hoch. Doch in der Gesellschaft werden die Rufe nach einem Wegfall des staatlichen Kirchensteuereinzugs und der Staatsleistungen immer lauter. Beunruhigt das den Finanzchef?
Große:
Diese Rufe waren schon mal zu hören. Ob sie wirklich lauter werden, weiß ich gar nicht. Nicht alles, was diskutiert wird, wird sofort in Gesetzgebung umgesetzt. Zunächst darf ich darauf verweisen, dass die Kirchen einen Rechtsanspruch auf Staatsleistungen haben. Der Verfassungsauftrag zur Ablösung ist ein Auftrag an den Staat. Ablösung heißt nicht ersatzloser Wegfall, sondern Aufhebung gegen Entschädigung. Dazu braucht es aber ein vom Bundestag erlassenes Ablösegrundgesetz. Wenn der Staat sich zu einem solchen durchringen würde, würde sich unsere Kirche selbstverständlich verfassungsgemäß verhalten und wäre gesprächsbereit. Für eine Änderung beim Kirchensteuereinzug ist eine verfassungsverändernde Mehrheit im Bundestag nötig. Der staatliche Einzug der Kirchensteuer genannten Mitgliedsbeiträge hat sich bewährt. Er ist Ausdruck der Trennung von Staat und Kirche. Deshalb sehe ich diese Mehrheit nicht. Mein Problem sind nicht die Rechtspositionen, sondern der Rückgang der Gemeindemitglieder und damit der Kirchensteuerzahler aufgrund der Demografie.

Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: Harald Krille

Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: Harald Krille

Wir evaluieren gerade das Finanzgesetz und stellen Hochrechnungen an zunächst einmal bis 2025. Was darüber hinausgeht, ist mit Prognosen nur sehr schwer zu fassen. Jetzt haben wir gute Jahre und müssen – gut biblisch – für die mageren vorsorgen. Ich möchte deshalb auf den Bericht der Landesbischöfin vor der Synode verweisen, in dem inhaltlich der Umbaugedanke stark betont wird. Für mich stellt sich die Frage, wie wird sich nach den Prognosen unsere Finanzkraft entwickeln und wie muss letztlich dann die Personalsituation gestaltet werden? Auch die EKM kann nicht mehr ausgeben, als sie einnimmt. Dazu kommt: Zwar stammen 80 Prozent unserer Einnahmen aus Kirchensteuern, aber 30 Prozent davon kommen über den EKD-Finanz­ausgleich aus »reicheren« Landeskirchen. Die Staatsleistungen machen bei uns etwa 20 Prozent aus. Das ist keine gesunde Struktur.

Dieser Finanzausgleich wird ja auch zunehmend von den Geberkirchen infrage gestellt …
Lehmann:
Es mag provokant klingen: Wenn man mal in die benachbarten Landeskirchen schaut – nach Hannover, Braunschweig, Bayern – und die Pfarrer dort fragt, für wie viele Gemeindeglieder sie zuständig sind, sind das im Schnitt mehr als 3 000. Es geht dabei ja nicht nur etwa um die Zahl der Gottesdienste. Auch die Zahl der Besuche und der Kasualien, also Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Beerdigungen, erhöht sich ja beträchtlich mit der Zahl der Gemeindeglieder. Wenn man Pfarrer von 3 500 Gemeindegliedern ist, gibt es andere Herausforderungen, als wenn man 1 250 hat. Dass sie mit uns solidarisch sind, hängt natürlich mit der geringen Kirchlichkeit in unseren Breiten zusammen und der großen Fläche, das sehen die Geberkirchen durchaus. Wir sind gut dran, dass wir so solidarische Nachbarn haben.

In unserer Kirche gibt es ja beides – krass minderheitskirchliche und durchaus volkskirchliche Regionen. Die landeskirchlichen Kriterien für die Zuweisung von Personalmitteln an die Kirchenkreise versuchen dem Rechnung zu tragen. Von da an aber ist es Aufgabe der Kirchenkreise, die Stellen in ihrem Bereich angemessen zu verteilen. Und wenn ich das richtig sehe, schaffen sie das mit ziemlich hoher Qualität. Dennoch gibt es Erwartungen, dass die Landeskirche für diese oder jene Aufgabe finanzielle Verantwortung übernimmt. Das konterkariert aber die Entscheidung, die Verteilung der Stellen vor Ort in die Hand der Kirchenkreise zu legen. Für die verbleibenden Ausgleichsmaßnahmen bleiben uns die genannten 30 Pfarrstellen für besondere Aufgaben. Sicher – mehr wäre immer schön.

Große: Das neue Finanzsystem hat diese Diskussion natürlich auch provoziert. Das ist ein ganz bewusster Prozess, weil wir überzeugt sind, dass es richtig ist, die Kirchenkreise als eigenverantwortlich planende und selbstgestaltende Größen zu stärken. Es kann eben nicht von Erfurt aus bestimmt werden, was im Einzelnen in Salzwedel oder Hildburghausen passiert.

Der Tübinger Theologieprofessor Eberhard Jüngel etwa sieht die Zukunft der Kirche in freikirchlichen Strukturen, in denen Gemeinden weitgehend selbstständig sind. Sein Greifswalder Kollege Michael Herbst hat diese Sicht erst vor wenigen Tagen beim Willow-Creek-Leitungskongress in Leipzig bestätigt. Macht man sich auch in der EKM Gedanken um die grundsätzlichen Strukturen der Zukunft?
Lehmann:
Ja, sicher. Zum Beispiel werden wir noch in diesem Jahr ein geschlossenes Forum, eine Art »Internetkonvent« ans Netz gehen lassen, wo genau solche Zukunftsfragen durch die Betroffenen selbst offen und barrierefrei diskutiert werden können.

Ich selbst sehe die Freikirchlichkeit zurückhaltend. Denn einerseits ist unsere Kirchenstruktur ja da. Ob wir sie brauchen, ist vielleicht die falsche Frage. Wir sollten fragen: Wozu kann sie dienen, wenn sie schon da ist? Wie fördert sie das Leben der Gemeinde? Ich bin nicht davon überzeugt, dass kongregationalistische Strukturen, also die vollständige Selbstständigkeit der Gemeinden, das Zukunftsmodell sind. Denn das bedeutet eine Form von Selbstverantwortung einer Gemeinde, für die wir hier weder die Tradition noch die Kultur haben.

Oberkirchenrat Stefan Große. Foto: Harald Krille

Oberkirchenrat Stefan Große. Foto: Harald Krille

Stellen Sie sich vor, es finden sich nicht genügend Gemeindeglieder, die für den Unterhalt der Kirche und der dazugehörigen Pfarrstelle sorgen. Wenn das in Amerika passiert, wird ein Schloss vor die Kirche gehängt und sie wird verkauft. Versuchen Sie das mal in Mitteldeutschland! Das geht nicht: Wir haben viele schöne alte Kirchen. Und wie viele konnten in den letzten 20 Jahren saniert werden. Auf der anderen Seite sehen wir ja, dass das Finanzgesetz den Gemeinden die Verantwortung für 25 Prozent der Personalkosten in die Hand legt. Hier wächst eine neue Aufmerksamkeit der Gemeinden für die Stellenplanung ihres Kirchenkreises.

Große: Die Frage ist auch, würden freikirchliche Strukturen der Unabhängigkeit der Verkündigung des Evangeliums dienen oder nicht? Ich wage zu behaupten: Nein. Wenn nämlich der Pfarrer einige Male nicht so gepredigt hat, wie es dem Großspender in der Gemeinde gefällt, dann gibt der sein Geld vielleicht in eine andere Gemeinde. Diese Abhängigkeit hätte ich nicht gerne.

Lehmann: Unsere synodale Kirchenstruktur ist ein Schatz, den wir vielleicht manchmal deshalb so wenig schätzen, weil er uns selbstverständlich ist.

Große: Und sie erzeugt eine große Transparenz. Wir haben lange Diskussionsprozesse auf allen Ebenen zu den wirklich wichtigen Fragen geführt. Ich erinnere an die Verfassung oder das Finanzgesetz. Damit wurde auch eine starke Akzeptanz erreicht.

Dennoch, ist nicht ein Kulturwandel hin zu mehr Eigenverantwortung der Gemeindemitglieder nötig?
Große:
Natürlich, das ist ein wichtiger Punkt. Da sind wir schon mittendrin. Es war ein großer Streitpunkt im Finanzgesetz, ob denn die Kirchenkreise so viel Verantwortung tragen sollen. Es gab etliche, die gesagt haben: Wir wollen diese Verantwortung nicht. Es ist ja manchmal auch bequemer, wenn man sagen kann: Das hat die Landessynode so entschieden, da können wir gar nicht mehr viel machen hier im Kirchenkreis oder hier in der Kirchengemeinde.
Ein anderes Thema ist der Gemeindebeitrag. Wir haben das Gemeindebeitragsgesetz im letzten Jahr erneuert. Dazu gibt es eine Handreichung, wo genau diese Eigenverantwortung der Kirchengemeinden betont wird und konkrete Hilfen angeboten werden. Denn alles, was dabei gesammelt wird, bleibt in der Gemeinde vor Ort und schafft ihr Spielräume.

Dazu wünsche ich mir viele anregende Diskussionen und vor allem gute Ideen.

Bei all dem hören wir immer wieder auch die Klagen von Pfarrern, die sich überlastet und ausgebrannt fühlen. Zu Unrecht?
Lehmann:
Nein, das ist nicht von der Hand zu weisen. Und es greift einem natürlich ans Herz. Man muss sehen, dass es in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen fortwährenden Strukturwandel gegeben hat. Es ist ja nicht so, dass die Stellen mit einem Mal zusammengefasst wurden. Sondern es kam eine Gemeinde dazu, dann ein nächstes Dorf, dann drei Dörfer. Und jedes Mal muss sich die Pfarrerin oder der Pfarrer den Dienst neu organisieren, sich quasi neu erfinden. Da kann Erschöpfung wachsen.

Wir nehmen das sehr ernst. Wir haben mit dem Instrument der Mitarbeitergespräche darauf reagiert, damit wenigstens einmal im Jahr nachgefragt wird: Wie geht es dir eigentlich? Und was brauchst du? Wir sind dabei das Pastoralkolleg inhaltlich neu auszurichten. Drübeck ist ein guter Ort für Abstand und Einkehr. Wir wollen mit diesem Pastoralkolleg Ordinierte am Anfang, in der Mitte und am Ende ihres Dienstes begleiten. Wir haben deshalb auch Kurse eingeführt, die auf den Ruhestand vorbereiten. Da werden Fragen gestellt: Wie geht das, von 100 auf Null? Welche Dienste will ich fortan ehrenamtlich übernehmen? Wie ist es, wenn man im Pfarrhaus wohnen bleibt? Sollte man einen Ortswechsel vollziehen?

Das sind heikle Fragen, vor denen viele zurückschrecken, vor denen aber alle eines Tages stehen. Und bei den Bilanz- und Orientierungstagen kommen Pfarrerinnen und Pfarrer zusammen, um zurück- und vorauszuschauen und sich darüber miteinander auszutauschen.

nächste Seite »