Der Blasierte war hochmütig, die Jungens waren demütig

11. August 2018 von redaktionguh  
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

1. Petrus 5, Vers 5

Der ältere Herr, Blouson in rentnerbeige, gut behütet mit dunkelbraunem Cord, ist sichtlich bewegt. Oder aufgeregt. Schließlich spricht er in die Kamera des Lokalsenders. »Die Jungens gehör’n tüchtig belohnt. Für jeden ein’n Eisbecher. Mindestens. Aber die kennt ja keiner, die Jungens. Verschwunden sind se.« Er unterstreicht seine Verwunderung mit einer ausladenden Geste seiner Hand, in der er seinen Stock trägt.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Die Kamera wackelt, der Praktikant hat kurz Sorge, der Stock träfe ihn. Der Interviewer fragt, woher die Spendierlaune käme. Und der ältere Herr erzählt. Wie er am Bahnhof stand und von ferne sah, wie ein noch älterer Herr kollabierte. Herz und Hitze, Hitze und Herz. Er wollte helfen, sei aber nicht mehr so gut zu Fuß. »Sie verstehen?« Aber da standen plötzlich »die Jungens«. Zwischen »elf« und »fuffzehn«, wie er in die Kamera sagt. Und machen alles ganz schnell – Herzdruckmassage, Notarzt rufen, Notarzt lotsen. »Respekt«, sagt der ältere Herr. »Wo man doch immer nur Schlechtes von der Jugend hört.«

Auf dem Bahnsteig neben dem Wiederbelebungsknäuel stand noch ein jüngerer Mann. »Sah blasiert aus, der Bursche.« Der Kamerapraktikant weiß nicht recht, was blasiert ist, aber er kennt die Geschichte aus der Zeitung. Da hatte sich der Blasierte als Lebensretter hingestellt. Mit Bild, Pomp und Pomade. Das hatte der ältere Herr gelesen und wollte das nun richtigstellen: Der blasierte Bursche habe denen, die Hilfe leisteten, nur sein Handy geliehen. Mehr nicht. »Ne Sauerei ist das«, sagt er in die Kamera. »Sich mit fremden Lorbeeren schmücken.« Und während der eine sich schmückte, machten sich die Jungs aus dem Staub. Der Kollabierte war auf dem Weg ins Krankenhaus, da verschwanden die Jungs einfach. »Denen gehört das Lob. Und ein Eisbecher.« Das müsse die Stadt wissen, sagt der ältere Herr im Blouson. Er setzt nach: »Der Blasierte, der war hochmütig. Die Jungens aber, die waren richtig demütig.« Und der Kamerapraktikant wundert sich über die alten Worte. Aber was der Herr meint, das weiß er schon.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

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Ich habe es so satt!

4. August 2018 von redaktionguh  
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!

Psalm 33, Vers 12

Ich habe es so satt. Ich habe es satt zu hören, dass Juden verachtet und verprügelt werden, weil sie ihre Kippa tragen. Ich habe es satt, dass in der Öffentlichkeit des Internets totgeglaubte antisemitische Verschwörungstheorien wieder aus ihren Löchern kriechen wie Maden aus verdorbenem Fleisch.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Ich habe es satt zu lesen, dass arabischstämmige Jugendliche einem anderen zusetzen, weil dieser einen Davidsstern trägt. Und ich habe es satt, wie die vermeintlichen Verteidiger eines christlichen Abendlandes mit dem Zeigefinger auf ebendiese zeigen, sie zu Sündenböcken machen und vom Antisemitismus in den eigenen Reihen abzulenken versuchen. Ich habe es satt, dass sich die alte Losung »Kauft nicht beim Juden« unter dem Deckmantel einer Boykottbewegung wieder Bahn bricht. Und ich habe es satt, dass »Jude« noch immer ein Schimpfwort ist und dass es mich fast nicht wundert, wenn ich lese, dass gut die Hälfte aller Deutschen unter die Shoah einen »Schlussstrich« ziehen will oder hierzulande
gut 20 Prozent antisemitischen Verschwörungstheo­rien anhängen.

Ich habe es satt, wie sich rechte Extremisten, denen im öffentlichen Diskurs ein kalter Wind ins Gesicht weht, als neue Juden stilisieren, die verfolgt und ausgegrenzt würden. Damit lügen sie nicht nur schamlos, sondern bespucken all die Opfer. Ich habe es satt zu lesen, dass die Anhänger einer Partei, die für sich selbst reklamiert, jüdisches Leben in Deutschland besonders schützen zu wollen, mit 55 Prozent überproportional oft der These zustimmen, Juden hätten zu viel Einfluss. Ich habe es satt, dass sich die Lüge als Wahrheit verkleidet. Immer und immer wieder.

Aber ich habe es nicht satt – und werde es hoffentlich nie satt haben – zu glauben, dass Gottes Wahrheit wahr ist und bleibt. Dass Gott ein besonderes Augenmerk auf sein Volk hat, das er sich erwählte. Ich habe es nicht satt zu glauben, dass Gottes Verheißung und Versprechen zuverlässig sind. So lange, bis all das ein Ende hat und endlich Frieden ist zwischen Völkern, Religionen, Ländern.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

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Leise Hoffnungsklänge gegen die Schwarzmalerei

3. Juni 2017 von redaktionguh  
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Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.

Sacharja 4, Vers 6

Manchmal muss man einfach glauben wollen. Ein bisschen naiv und blauäugig sein, vielleicht auch ein wenig verrückt. Denn wer klagt und jammert, wer sich beschwert und schwarzmalt, der hat, so scheint es, die Realität auf seiner Seite. Und es ist ein Kinderspiel, dem eigenen Pessimismus Nahrung zu geben. Dazu reichen offene Ohren und offene Augen: um zu sehen und zu hören, dass es bergab geht. Und das immer schneller und unaufhaltsam. Überall. Wie ein mächtiges Tosen übertönt die Schwarzmalerei alle leisen Hoffnungsklänge. Wer sich dagegenstellt, der habe nur noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt, heißt es. Alles wird den Bach runtergehen: Unsere Gesellschaft, unsere Gemeinde, wir selbst.

Stefan Körner, Vikar in Gera

Stefan Körner, Vikar in Gera

Die Hoffnungsklänge sind wie ein leises Flüstern gegen die Schwarzmaler und Pessimisten, gegen die vermeintlichen Realisten und selbsternannten Aufgeklärten. Vielleicht liegt auch ein wenig Trotz darin, wenn jemand von Hoffnung spricht. Ein Trotz, der ahnt und hofft, der ersehnt und erspürt, dass unsere Welt nicht verloren ist. Ein Trotz, der glaubt, dass Zahlen und Statistiken, Daten und Analysen keine Naturgesetze sind, denen wir uns zu fügen haben.

Trotzdem glauben. Ich glaube an Frieden und Gerechtigkeit. Ich glaube an das Gute auf dem Seelengrund eines jeden Menschen. Ich glaube, dass wir auch jetzt, in dieser irren Zeit, Gottes Zärtlichkeit nahe sind. Ich glaube, dass wir nicht verloren sind. Ich glaube, dass ich glauben kann, auch wenn um mich herum die Schwarzmalerei mächtig tost. Ich glaube, dass da unsichtbar in dieser Welt etwas wirkt – zärtlich, zerbrechlich und sanft. Dass sich da heilig und geistvoll die Welt verwandeln lässt. Manchmal muss man einfach glauben wollen. Trotzig vielleicht. Oder naiv und blauäugig. Gegen die Stimme der vermeintlich Vernünftigen, gegen die vermeintlichen Realisten. Gegen die Heere und Kräfte.

Und manchmal muss man ein wenig verrückt sein, um gegen die lärmenden Klänge der Schwarzmaler anzuflüstern und gegen den Augenschein zu glauben: Gott ist da!

Stefan Körner, Vikar in Gera

Jeden Tag wartet sie, denn er versprach: »Ick komm torügg«

27. Mai 2017 von redaktionguh  
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Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.

Johannes 12, Vers 32

Salz und Algen. Wie das Meer halt so riecht. Der Geruch legt sich auf die Stadt wie eine Decke. Für die, die als Gäste hierher kommen, ist es der Duft der Weite. Der Duft des Unendlichen, das hinter der Linie aus Meer und Himmel immer weitergeht und nur erfühlt werden kann.

Stefan Körner, Vikar in Gera

Stefan Körner, Vikar in Gera

Für sie riechen Algen und Salz nach Abschied, nach ihrem Mann, dem alten Matrosen mit der Anker- und Meerjungfrauentätowierung auf dem Unterarm. »Tschüss, min Herzing«, hat er gesagt, als er ging.

Und, als er ihre Tränen sah, da schob er hinterher: »Ick komm torügg.« Gegen seine Gewohnheit gab er ihr einen Kuss. Aber er kommt doch zurück? Er hat es versprochen. Jeden Tag geht sie runter zum Pier. Sieht, wie die Schiffe anlanden, ihre Ladung löschen, wieder ablegen. Sieht, wie die Männer müde von Bord gehen und weiterlaufen. Zu ihren Frauen. Nach Hause. Seit Jahren geht sie runter zum Pier. Nur einmal war sie nicht im Hafen in all der Zeit. Da lag sie krank daheim. Aber schon nach einem Tag ging sie wieder ans Wasser, trotz ihres Fiebers.

Die anderen Frauen haben aufgegeben, auf sie einzureden: Der Sturm, das kalte Meer, die unendliche blauschwarze Tiefe. Kein Schiff mehr auf keinem Radar. Die Seenotrettung, die nach Tagen hingeschmissen hat. »Find dich damit ab«, haben sie gesagt. »Die See hat ihn geholt«, haben sie gesagt. Salz und Algen. Wie sie liebt und wie sie wartet. Von seinem Kuss und seinem Versprechen lebt. Die anderen Frauen staunen, wie sie dieses Versprechen, wie sie die Hoffnung trägt. Er ist doch weg, was soll das alles noch? Wie verrückt das doch ist, auf ein uraltes Versprechen hin zu glauben, zu hoffen. Auf etwas zu bauen, was niemand sieht und so gegen jeden Augenschein spricht.

Seit Jahren geht sie wieder nach Hause ohne ihn. Macht immer zur selben Zeit für sie beide eine frische Thermoskanne Kaffee. Schön stark, wie er ihn mag. Und schön heiß. Im Fenster schaltet sie, wenn es dunkelt, den kleinen Leuchtturm an. Er leuchtet die ganze Nacht. »Damit er heimfindet, wenn er kommt.«

Stefan Körner

Brennglastag: Als sich das Leben für mich entschieden hat

5. März 2016 von redaktionguh  
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Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein;
wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Johannes 12, Vers 24

Bruder, weißt du noch? Dieser Tag, an dem alle Fäden zusammenliefen? Du nennst diesen Tag heute noch den »Brennglastag«. Dir schien es, als liefe dein ganzes bisheriges Leben auf diesen einen Tag hinaus und erschiene wie in einem Brennglas. Du sagtest: »An diesem Tag hat sich das Leben für mich entschieden.«

Du warst lange krank, Bruder. Über Jahre. Du weißt es, deine Seele trägt die Narben immer noch. Narben, die keiner sieht. Auch wenn du seit diesem Tag heiler geworden bist. Wir hatten uns oft unterhalten, über deine Krankheit. Aber auch über Gott. Wie fragwürdig war er dir geworden. Du hast immer wieder, einmal schwach, einmal lautstark, gegen den Gott deiner Kindheit protestiert. Gegen den Mächtigen, den König, den Hellleuchtenden. Du protestiertest gegen die Majestät, gegen den Thron, gegen den Glanz. Dort wo du warst, Bruder, da war es dunkel. Die Bilder von Gott, der alles sieht und alles wendet – sie schienen nicht hinein in dein Dunkel. Oder sie schienen an dir vorbei und du bliebst im Schatten. Einmal sagtest du zu mir: »Einen solchen Gott will ich nicht. Besser, er wäre …« Du erschrakst über deinen Gedanken und unterbrachst dein Reden. »… tot?«, ergänzte ich fragend und zögernd nicktest du.

Stefan Körner, Vikar in Gera

Stefan Körner, Vikar in Gera

An diesem Tag, dem »Brennglastag« – und du weißt nicht mehr, warum – starb dieser Gott, wie du zuerst sagtest. Später hast du dich korrigiert: »Nein, nicht Gott ist gestorben. Sondern die Bilder von ihm, die so stumm waren mir gegenüber.«

Mein Bruder! Ganz tief im Dunkel, unter den dicken Schichten der Angst, hast du Gott gefunden. Tief unten. Leidend und verwundet wie du. Einen vernarbten Gott. Wochen später las ich dir ein Dich­terwort: »Gott wartet anderswo – wartet – ganz am Grund von Allem. Tief. Wo die Wurzeln sind. Wo es warm ist und dunkel.« Du nicktest müde, aber zufrieden. Ich sah dich lächeln. »In mir«, sagtest du dann, »ist etwas gestorben.« Und ich dachte lächelnd dabei: »Und jetzt, Bruder, lebe!«

Stefan Körner, Vikar in Gera

Leben im Umbruch: Schau nach vorn!

27. Februar 2016 von redaktionguh  
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Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Lukas 9, Vers 62

Der Boden hinter dir ist gezeichnet. Die Erde liegt offen da. Manchmal hat die Pflugschar schwarze, fruchtbare Erde nach oben gebracht. Manchmal scharfkantige Steine. Das Feld liegt wie verwundet, doch du weißt, dass die Krume aufgebrochen werden muss, damit auf der Brache Wachsen möglich wird. Damit es Leben geben kann, sind Risse, Furchen, Brüche nötig. Das Untere muss nach oben gekehrt, die Härten des Bodens durchbrochen werden. Du weißt: es muss in die Tiefe gehen. Fällt der Samen auf ungepflügtes Land – er wird nicht aufgehen.

Stefan Körner, Vikar in Gera

Stefan Körner, Vikar in Gera

Und du musst weiter. Immer weiter. Die Furche, die gezogen ist, ist gezogen. Der Pflug duldet keine Korrektur. Es geht nicht, einfach umzukehren. Was getan ist, ist getan. Es gab Meter, da warst du ungenau und ungeduldig. Es gab Meter, da warst du lieblos. Und es gab Meter, da hast du mit dem Blick zurück gepflügt. Man sieht es den Furchen an. Vieles sieht nicht so aus, wie es sein sollte. Und es wird doch – möge der Himmel Segen dazu geben – Frucht bringen. Es ist dieses Vertrauen, dass dir so oft fehlt. Wo deine Gedanken an der gebrochenen Krume hängen, an den Steinen oder den schiefen Bahnen deines Pflugs. Die Erinnerung schiebt sich vor deine Augen, dein Blick wird unklar für das, was ist, und das, was kommt. Du trauerst und bedauerst die Unachtsamkeit der vergangenen Meter und wirst dabei unachtsam. Du stimmst ein Lamento an über das Schiefe und eilig durch den Boden Gezogene und ziehst wieder schief und eilig. Du klagst über die Fehler hinter deinem Rücken und fehlst bei jedem neuen Schritt.

Und du musst weiter. Immer weiter. Die Furche, die gezogen ist, ist gezogen. Du wirst es nicht mehr ändern können. Sieh dich nicht um. Vertraue dem, was hinter dir liegt, denn es gibt deinem Pflug die Richtung vor. Dieses Wissen muss reichen. Du weißt, dass du gut bist, wenn du aufrecht in den Zeiten stehst: Dem vertrauend, was hinter dir liegt. Das mutig in den Blick nehmend, was kommt. Und ganz da zu sein, wo du hingehörst – ins Jetzt.

Stefan Körner, Vikar in Gera

Der Wind weht, wo er will

16. November 2015 von redaktionguh  
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Energiewende: Der Strombedarf der EKM soll auf ökologische Weise selbst erzeugt werden

Wenn etwas Unsichtbares etwas Sichtbares bewegt, dann meint man in der Kirche meist den Heiligen Geist. Unsichtbar, immateriell und stark ist auch der Wind, mit dem der Heilige Geist oft verglichen wird. Die Kraft des Windes will man sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zu nutze machen.

Manchmal passen alte Weisheiten einfach. Auch bei erneuerbaren Energien. Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.« Oder, aktueller: Wind­räder. Die EKM macht genau dies: Windräder bauen und betreiben. Mit einem eigenen Unternehmen, dem »EKM-StromVerbund«. Wie aber wird eine Landeskirche Stromproduzent?

Drübeck, 2010: Die Herbsttagung der Landessynode stimmt einem Beschluss des Umwelt-Ausschusses zu. »Die Landessynode bittet den Landeskirchenrat zu prüfen, ob die EKM (…) eigene Investitionen in erneuerbare Energien vornehmen kann«, hieß es da. In der folgenden Frühjahrstagung in Wittenberg sollte die Synode einen abschließenden Beschluss fassen. Sechs Tage vor Synodenbeginn bebte in Fukushima die Erde. Der entstandene Tsunami und dessen Folgen sind bekannt. Auch auf die Energiepolitik hierzulande. Die Investition in erneuerbare Energien wird von den Synodalen bei neun Gegenstimmen und elf Enthaltungen abgesegnet. Im Herbst 2011 beschließt das Kollegium des Landeskirchenamtes (LKA) in Erfurt die Gründung eines eigenen kirchlichen Unternehmens – auf Empfehlung einer renommierten Wirtschaftsprüfergesellschaft. Im Folgejahr wurde der »EKM-StromVerbund« aus der Taufe gehoben, der sich um die beschlossenen Investitionen kümmern soll. Die Pläne für eine solche Unternehmensgründung bestanden schon lange vor dem Synodalbeschluss, wie Oberkonsistorialrat Diethard Brandt vom Referat für Grundstücke der EKM gegenüber »Glaube+Heimat« erklärte.

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Stefan Große, Finanzdezernent der EKM, sagte im November 2011 kurz nach dem Beschluss: »Die EKM verbraucht jährlich 33 Millionen Kilowattstunden Strom. Unser Ziel ist es, genauso viel Strom auf ökologische Weise selbst zu erzeugen.« Neu an dem Vorschlag war, selbst in die Energieerzeugung zu investieren. Zwar drehen sich seit Mitte der 1990er Jahre bereits rund 140 Windräder auf Kirchengrundstücken. Aber bisher gehört keines davon der Kirche selbst. Mit der Gründung des »EKM-StromVerbundes« sollte sich das ändern.

Derzeit betreibt das kirchliche Unternehmen drei Wind­energieanlagen. Zwei in der Nähe von Halle und ein drittes im Kirchenkreis Gotha. In Planung sind weitere in Brandenburg, Nordhausen und Gera. Der selbst produzierte Kirchenstrom beläuft sich derzeit auf jährlich etwa 15 Millionen Kilowattstunden.

Kein billiges Unterfangen. Der Einstieg in die Welt der Strom­erzeuger kostete die EKM bisher rund 11,7 Millionen Euro. Finanziert wurde dies durch Kirchenbanken, der Eigenanteil von 20 Prozent (rund 2,3 Millionen Euro) stammt aus dem Grundvermögensfonds der EKM. In diesen Fonds fließen die Gewinne zurück. Im Jahr 2014 waren es gut 1,5 Millionen Euro. Für Thomas Wick, Sachbereichsleiter Landwirtschaft im Referat für Grundstückswesen des LKA in Magdeburg, ist diese innerkirchliche Wertschöpfungskette entscheidend. Er erklärt: »Die Kirchengemeinde, auf deren Grund die Windräder errichtet werden, bekommt Pacht von der Landeskirche. Finanziert wird alles durch die Kirchenbank, kirchliche Fonds geben das Eigenkapital, in die die Einnahmen zurückfließen und am Ende gibt es Kirchenstrom.« Energie von der Kirche für die Kirche.

In einer ersten Ausbauphase soll der Stromverbrauch der verfassten Kirche, in der zweiten
auch der Verbrauch der diakonischen Einrichtungen (insgesamt 55 Millionen Kilowattstunden) aus kircheneigenen Windkraftanlagen gedeckt werden. Diethard Brandt kann sich auch eine kirchliche Direktvermarktung vorstellen. Die EKM wäre dann nicht nur Stromerzeuger, sondern auch -anbieter. Doch Brandts Blick in die Zukunft wirkt ein wenig gedämpft. »Lange kommunale Planungszeiträume und die zunehmende Zurückhaltung von Kirchengemeinden bei der Bereitstellung kirchlicher Grundstücke behindern neue Projekte.«

Doch Windenergieanlagen haben auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Im Durchschnitt werden die Betriebskosten mit 2,5 bis 4 Prozent der Investitionskosten beziffert – ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Und: Nach Recherchen des Südwestrundfunks sind viele Windkraftanlagen unrentabel. Die Auslastung eines Windrades wird in Volllaststunden gerechnet. Gut 1 700 Volllaststunden gelten dabei als Richtwert, um rentabel zu wirtschaften. Nur werde dieser oft verfehlt. Gründe können mangelnder Wind oder verfehlte und zu hoch angesetzte Windgutachten sein. So berichten Betreiber aus Süddeutschland, dass ihre Windertragsgutachten um 20 bis 35 Prozent zu hoch angesetzt seien. Weniger Wind bedeutet weniger Rendite. Dabei nehmen die Erträge mit der Windgeschwindigkeit nicht linear ab oder zu, sondern potentiell. Was also passiert, wenn die EKM-Windräder in die Verlustzone geraten? Aus welchen Töpfen müsste dann Geld genommen werden? »Das wird nicht passieren«, sagt Thomas Wick. Bisher sei das Unternehmen profitabel, auch wenn 2014, das erste volle Betriebsjahr, ein schwaches Jahr war. Außerdem sei die Laufzeit auf 20 Jahre angesetzt. Windarme Jahre können so durch die regionale Verteilung der Anlagen aufgefangen werden. Ein ursprünglich für die Herbsttagung der Synode geplanter Bericht über die Erträge der Anlagen kann aber, so heißt es aus dem Landeskirchenamt, leider noch nicht vorgelegt werden.

In der Kirche fließen nun nicht mehr nur Ströme des lebendigen Wassers. Sondern auch eigens produzierter grüner Strom. So lange der Wind weht.

Stefan Körner

Zeigt euer Herz!

31. August 2015 von redaktionguh  
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Der Mob wütet und schäumt. Im sächsischen Heidenau blockieren Nazis die Zufahrt zu einer Flüchtlingsunterkunft und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. »Deutschland den Deutschen, Ausländer raus«, skandieren sie, während Anwohner dazukommen und das Schreckliche begaffen. Bilder, die an den Anfang der 1990er Jahre erinnern, als Unterkünfte für Asylbewerber im ganzen Land brannten. Der rechtsextremistische Terror schlägt mehr und mehr um sich. Es sind Bilder, die fassungslos machen. Diese Bilder gehen Hand in Hand mit Einschüchterungen von Unterstützern und Helfern, mit Anschlägen auf Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren und mit dem überschäumenden Hass in den Kommentarspalten und sozialen Medien.

Für uns Christen müsste es ein Leichtes sein, sich gegen all das zu engagieren. Jesus selbst hat uns aufgetragen, wie in einer solchen Situation zu handeln ist: »Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen«, sagt er in Matthäus 25, Vers 35 und fährt fort: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.«

Doch auch das scheint in christlichen Kreisen beileibe nicht selbstverständlich zu sein. Und es ist auch traurig, immer wieder auf Jesus und unser Christ-Sein verweisen zu müssen. Denn unabhängig des Glaubens und der Weltanschauung ist es ein Gebot der Menschlichkeit, unseren Mitmenschen aus anderen Ländern, die bei uns Hilfe suchen, zur Seite zu stehen und ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Jeder Mensch, der seine Menschlichkeit noch nicht zu Grabe getragen hat, muss aufstehen gegen den braunen Mob, gegen die Hetze, gegen den Hass und die Dummheit, die aus alldem spricht. Und an vorderster Stelle müssen alle die, die mit Ernst Christen sein wollen, stehen und sich engagieren. Liebe Geschwister: Zeigt euer Herz!

Stefan Körner

Faszination Nacht

10. August 2015 von redaktionguh  
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Kultur: Die dunklen Stunden des Tages sind anziehend und erschreckend zugleich


Die »langen Nächte« von Museen oder Kirchen sind ein enormer Publikumsmagnet. Doch was macht die Zeit zwischen Sonnenuntergang und -aufgang so attraktiv?

Sie war schon ganz am Anfang da. Mit ihr gingen aus dem Chaos hervor: Gaia, die Göttin der Erde; Ereberos, der Gott der Unterwelt; Tartaraos, die Unterwelt persönlich, und Eros, der Gott der Liebe. Sie selbst aber wird die fruchtbarste von allen sein. Sie, Nyx, die Göttin der Nacht, hat viele Kinder: Luft (Aither) und Tag (Hemera) ebenso wie den Tod (Thanatos), den Schlaf (Hypnos) oder die Träume (Oneroi). So zumindest erzählt es Hesiod in seiner »Theogonie« (um 700 vor Christus). Die alten Mythen sind der zu Geschichten geronnene Erfahrungsschatz der Menschen. Und so ist Nyx, die Göttin der Nacht, ein Zeugnis für die Faszination, die seit Menschengedenken die Nacht ausübt.

Im Sommer werden viele Veranstaltungen in die Nacht verlegt: Nächte der Museen, der Wissenschaft oder der Kirchen (15. August in Halle, 22. August in Halberstadt und am 8. August in Köthen). Und es liegt nicht allein an den kühleren Temperaturen nach Sonnenuntergang. Die Nacht selbst fasziniert. Sie ist ebenso bedrohlich wie anziehend, Ort der Angst wie der Kreativität. Die Nacht, so der mittelalterliche Volksglaube, ist die Zeit der dunklen Mächte, Teufel und Dämonen.

Die Mystifizierung der Nacht begann mit der Romantik. Die Künstler dieser Epoche knüpften dabei einerseits an den Volksglauben – die Nacht als Ort dunkler Mächte – an, deuteten sie aber andererseits radikal um. So wie bei Novalis (1772–1801) und seinen »Hymnen an die Nacht«. In der ersten Hymne heißt es: »Himmlischer als jene blitzenden Sterne / In jenen Weiten / Dünken uns die unendlichen Augen / Die die Nacht / In uns geöffnet.« Die Dunkelheit der Nacht wird zu einem Ort, an dem der Mensch religiöse Erfahrungen macht, in dem er dem Irrationalen begegnet und damit auch sich selbst und seinen eigenen, dunklen Seiten. Die Nacht wird in dieser Sicht zu einem Spiegel der menschlichen Seele. Das wusste schon der Autor der Geschichte vom Kampf Jakobs am Jabbok (1. Mose 32), einer der faszinierndsten biblischen Nacht-Texte.

Die Hallenser Pauluskirche ist einer von rund 50 Veranstaltungsorten der 15. Halleschen Nacht der Kirchen am 15. August. Foto: fragger2104 – flickr.com

Die Hallenser Pauluskirche ist einer von rund 50 Veranstaltungsorten der 15. Halleschen Nacht der Kirchen am 15. August. Foto: fragger2104 – flickr.com

Die romantischen Künstler wie Novalis aber grenzten sich mit ihrer Umdeutung der Nacht vor allem von der Aufklärung ab, die nicht zufällig im Englischen »enlightenment« – Erleuchtung – heißt. Alles Dunkle und Irrationale galt den Aufklärern als suspekt. Die Vernunft müsse all dies durchdringen und rational erhellen. Für Romantiker wie Novalis ein unangenehmer Gedanke: Zu viel Licht macht das Leben ungemütlich, zu viel Aufklärung macht es fad. Der Mensch braucht das Dunkle, das Ängstigende und Irritierende, um ganz Mensch zu sein.

Die verstörende Dimension der Nacht hängt auch an ihrer Verbindung zum Tod, wie schon die griechische Mythologie wusste: Der Tod ist ein Sohn der Nacht (Nyx), sein Bruder ist der Schlaf. Jeder Schlafende ist schon mit einem halben Fuß im Totenreich. »Komm, o Tod, du Schlafes Bruder«, heißt es in der Kantate »Ich will den Kreuzstab gerne tragen« von Johann Sebastian Bach. Die christliche Tradition stellt dem Todesdunkel der Nacht das Licht der Hoffnung entgegen. »Ich bin das Licht der Welt«, sagt Jesus (Johannes 8, Vers 12). Vor allem in der Osternacht wird dies seit alters her symbolkräftig sichtbar, wenn das Osterlicht das Dunkel zerschneidet wie ein Tuch.

Wenn heute durch Events die Nacht immer mehr zum Tag gemacht wird, so ist dies auch eine Art Eroberung des Dunkels, ein Agieren gegen Schlaf und Tod, die beiden Kinder der Nacht. Doch dort, wo die Nacht mit Events und Veranstaltungen verstopft wird, droht sie entzaubert zu werden. Wer das Licht schätzen will, muss sich der Dunkelheit hingeben und die Nacht aushalten. So wie Astronomen in den Städten eine Lichtverschmutzung beklagen, würden Romantiker heute wohl gegen eine Eventverschmutzung protestieren.

Vielleicht aber können gerade die Kirchennächte deshalb ein Erfolg sein: Weil sie bei guter Gestaltung der Nacht ebenso Raum geben wie dem Licht des Glaubens. Und dieses Licht vertreibt nicht nur die Nacht, sondern auch ihr Kind, den Tod.

Stefan Körner

Jesus: links, rechts oder grün?

3. August 2015 von redaktionguh  
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Gesellschaft: Die Position der evangelischen Kirche im politischen Spektrum

Zu viel Zeitgeist, zu weit links –  die politischen Äußerungen der Kirche stehen immer wieder in der Kritik.

Die evangelische Kirche passt sich zu sehr dem Zeitgeist an, um den Anschluss nicht zu verpassen.« Der das sagt, möchte seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Als kirchlicher Mitarbeiter sei seine Sorge groß, von der kirchlichen Mehrheitsmeinung – politisch links der Mitte, wie er sagt – in die rechte Ecke gedrängt zu werden. Noch deutlicher wird der Thüringer Bundestagsabgeordnete Tankred Schipanski (CDU): »Dass die evangelische Kirche links der Mitte steht, bestätigt sich im täglichen politischen Leben. Es gibt Spitzenpolitiker in der Kirchenleitung, die die Kirche für parteipolitische Ziele instrumentalisieren.«

Die evangelische Kirche – eine politisch linke Institution? Es ist ein Vorwurf, der sich immer wieder an den gesellschaftspolitischen Äußerungen der Kirche entzündet – sei es Energiepolitik, Flüchtlingsfragen oder Mindestlohn. Wie links steht die Kirche und was heißt das eigentlich – links?

Die heilige Elisabeth wendet sich den Schwachen zu (nach Matthäus 25, Verse 34 bis 46), wie den Fremden und (li.) und den Gefangenen. Fotos: Ulrich Kniese

Die heilige Elisabeth wendet sich den Schwachen zu (nach Matthäus 25, Verse 34 bis 46), wie den Fremden und (li.) und den Gefangenen. Fotos: Ulrich Kneise

Eine eindeutige Definition fällt schwer in einer Zeit, in der die CDU klassisch linke Themen wie den Mindestlohn mit auf den Weg bringt oder für die Energiewende votiert. Auch die, die sich selbst politisch links einstufen, haben keine Defintion parat. Jens Eberhard Jahn aus Leipzig ist Vorstandsmitglied des Bundes religiöser Sozialisten in Deutschland (BRSD). »Es gibt bei uns so viele Meinungen wie Mitglieder. Einig sind wir uns, dass linke Politik auf die Gleichberechtigung der Menschen zielt, auf Emanzipation von Unterdrückung und Entfremdung.« Verhältnisse wie im real existierenden Sozialismus lehnt er ab. Echte linke Politik sei immer machtkritisch. Der BRSD versuche vielmehr, »die Interessen der Unterprivilegierten zur Sprache zu bringen, die Ursachen von Armut, Verelendung und ökologischer Krise zu benennen«.

In dieser Hinsicht, so Jahn, stehe »die evangelische Kirche tatsächlich links«. »Ich habe den Eindruck, dass die politischen Äußerungen der kirchlichen Funktionsträger nicht die Meinung der Basis widerspiegeln«, meint Tankred Schipanski. Die Position der Kirche links der Mitte trage zur Entfremdung der Mitglieder von der Kirche bei. Doch die Basis der Kirche ist mehrheitlich eher sozialdemokratisch: So würden 34,2 Prozent der Protestanten SPD, 24,2 Prozent CDU, 12,1 Prozent die Grünen und nur 2,2 Die Linke wählen. Dennoch verstoße die Kirche, so Schipanski, gegen das Gebot politischer Neutralität: »Die Kirche ist weder Gewerkschaft noch Partei.« Auch der atheistische Humanistische Verband Deutschland stößt in dasselbe Horn: »Mit jeder Verweltlichung und Anpassung an den ›Zeitgeist‹ verlieren die Kirchen an Bindungskraft.« Das Problem der Kirche ist in dieser Sicht weder die Positionierung links der Mitte, sondern die politischen Äußerungen überhaupt.

Christhard Wagner ist Beauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland beim Thüringer Landtag. »Ich kenne diesen Vorwurf seit 30 Jahren. Es heißt, wir sollten uns als Kirche um das Eigentliche kümmern. Wer das sagt, sollte in der Bibel schauen, was drin steht«, sagt er und fragt, was denn die Früchte des Glaubens seien, wenn nicht Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. »Dieses galt schon in der DDR, als das nicht links, sondern staatsfeindlich war.« Wagner stören die Etiketten links und rechts. »Es gibt Anschlussmöglichkeiten in alle Parteien. Wer aber sagt, der Einsatz für Flüchtlinge, gegen Rechtsextremismus oder für Kirchenasyl seien linke Positionen, dem sage ich: Das ist nicht links, sondern evangelisch.«

Der BRSD beruft sich auf die Bergpredigt, Konservative wie Tankred Schipanski betonen, jede ihrer politischen Entscheidungen sei biblisch begründbar. Die Frage nach links oder rechts ist innerkirchlich also auch eine Frage des Bibelverständnisses.

Und die Basis? Die sieht das politische Engagement der Kirche insgesamt kritisch. So hat die fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD ergeben, dass nur wenige Mitglieder an politischen Themen interessiert sind, sondern von der Kirche eher die Beschäftigung mit den existentiellen Fragen des Lebens erwarten. Und diese stehen jenseits von links oder rechts.

Stefan Körner

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