Fest in Frauenhand

21. August 2017 von redaktionguh  
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Reformationsjubiläum: Frauen feiern in Wittenberg und fordern Veränderung

Mehrere hundert Frauen aus 18 Nationen haben sich am Sonnabend auf dem Wittenberger Marktplatz zu einem Frauenfestmahl zusammengefunden. Zwischen den Statuen von Martin Luther und Phillip Melanchthon ging es der weiblichen Hälfte der Menschheit darum, »nicht nur aufzutischen, sondern sich vor allem einzumischen«, wie Carola Ritter, Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland, formulierte. Sie gehörte zu den Organisatorinnen der fröhlichen Zusammenkunft. Deren Motto »ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied« war einem Songtext des Liedermachers Gerhard Schöne entliehen und lud ein zu schmackhaften Gerichten, anregenden Gesprächen und gemeinsamem Gesang.

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

»Dass wir hier stehen, ist eine Wirkung der Reformation«, bekundete Landesbischöfin Ilse Junkermann und fügte selbstbewusst hinzu, dass durch Luthers Diktum von der Priesterschaft aller Glaubenden »alle gleichermaßen berufen sind – zu allen Ämtern der Kirche«. Doch vielerorts gilt es dies immer noch durchzusetzen. Kaum jemand weiß das besser als Jana Jeruma Grinberga. Sie wurde 2009 zur ersten Bischöfin der lutherischen Kirche in Großbritannien berufen. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands wäre ihr dies inzwischen verwehrt, denn 2016 sind auf Beschluss der dortigen Synode Frauen wieder vom Pfarramt ausgeschlossen worden. Inzwischen ist die gebürtige Lettin Grinberga als Kaplanin der Anglikanischen Kirche in Riga tätig, ein Stachel im Fleisch der konservativen Kirchenvertreter in ihrem Heimatland. »Es stehen uns noch einige Kämpfe bevor«, bekundet sie im Gespräch und sprühte dabei vor Energie. Das Frauentreffen an der Wiege der Reformation gebe Kraft und es helfe, »einander zu stärken«.

Auch unter deutschen evangelischen Theologen gebe es Stimmen, die über »zu viel Sopran« auf den Kanzeln klagten, sprang ihr die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, bei; sie erinnerte zudem an die Reaktionen, als vor 25 Jahren Maria Jepsen zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin weltweit gewählt wurde. Jepsen war beim Frauenfestmahl dabei und wurde von den Anwesenden mit großem Beifall begrüßt und gefeiert. Sie sei »Vorbild und Mut machendes Beispiel für viele Frauen« gewesen, so die Lettin Grinberga.

Dass es in Sachen Geschlechtergerechtigkeit auch noch andere Baustellen gibt, betonte Gisela Hoffmann, die zusammen mit etwa 30 anderen Frauen aus Stuttgart und Umgebung angereist war. Die Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder hatte sich über Jahrzehnte ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert und etwas zum Festmahl mitgebracht – ihren Rentenbescheid. Der sei ein trauriges Beispiel für die Geringschätzung weiblichen Engagements jenseits der Lohnarbeit.

Es gehe darum, »fortzusetzen, was erreicht wurde und möglichst viele Frauen mit ins Boot zu holen«, fand Andrea Klose. Die Wittenbergerin arbeitet in einer Bäckerei am Marktplatz in der Lutherstadt und war spontan als Vertreterin des Bereichs »ein Törtchen« für die verhinderte Starköchin Sarah Wiener eingesprungen. Für »ein Lied« sorgten die Theologin und Musikwissenschaftlerin Sybille Fritsch-Oppermann sowie »Brass Feminale«, eine eigens zum Frauenfesttag gegründete Formation, bestehend aus acht Bläserinnen aus allen Teilen Deutschlands.

Die Reformation gehe weiter, so Landesbischöfin Ilse Junkermann, »dafür sind wir ein Zeichen heute«. Und noch »ein Wörtchen« gab sie den Frauen mit auf den Weg: »Wir haben keine Angst vor Veränderung.«

Stefanie Hommers


»Liebe Kirche, ich verlasse dich nicht«

13. April 2015 von redaktionguh  
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Die Barockkirche in Burgkemnitz ist architektonisches Kleinod und kulturelles Zentrum

Thomas Kunath war 1987 zum ersten Mal in der kleinen Barockkirche von Burgkemnitz (Kirchenkreis Wittenberg). Der damals stellvertretende Direktor der Dessauer Musikschule gab hier ein Orgelkonzert, war begeistert von der Atmosphäre und entsetzt angesichts des baulichen Zustandes des 1722 erbauten Gotteshauses. »Von draußen rieselte Flugasche ins Haus, drinnen rieselten Farbschollen vom bemalten hölzernen Tonnengewölbe der Decke.« Auch Karin Spelzig, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, hatte es das Kirchlein mit dem anmutigen »Burgkemnitzer Himmel« sofort angetan, als sie 1977 in die Gemeinde zog. »Es war Liebe auf den ersten Blick«, bekennt sie. Als dem Dachstuhl das Schicksal drohte, nicht mehr gerettet werden zu können, habe sie geweint – und dem Gebäude ein Versprechen gegeben: »Ich verlasse dich nicht.«

Blick in den Himmel der Burgkemnitzer Barockkirche. Foto: Stefanie Hommers, Förderverein Barockkirche Burgkemnitz

Blick in den Himmel der Burgkemnitzer Barockkirche. Foto: Stefanie Hommers, Förderverein Barockkirche Burgkemnitz

Dass die Kirche, ein selten gewordenes Beispiel ländlicher barocker Innenarchitektur, heute wieder in heiteren Farben erstrahlt und darüber hinaus ein lebendiges sakrales wie auch kulturelles Zentrum geworden ist, dessen Anziehungskraft weit über die Region hinausreicht, ist nicht zuletzt der Initiative und dem Engagement dieser beiden Menschen zu verdanken. Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern des bereits im Oktober 1990 ins Leben gerufenen Kuratoriums zur Erhaltung der Barockkirche Burgkemnitz, aus dem zwei Jahre später der heutige Förderverein hervorging.

Rund 690 000 Euro sind in die Sanierung geflossen, 90 000 Euro davon hat der Förderverein erbracht. 150 Konzerte, zahlreiche Orgelvespern, insgesamt 270 musikalische Aufführungen stehen in der Bilanz des Vereins. Matthias Eisenberg war schon mehrfach zu Gast und auch als Korrespondenzstandort der Zerbster Fasch-Festtage kann die Kirche punkten. »Wir wollen mit der Musik große Kunst bieten«, unterstreicht Kunath. Neben namhaften Solisten öffne das Gotteshaus dem Nachwuchs Tür, Tor und Orgelempore. Immer zum Tag der Deutschen Einheit, ebenso zu Weihnachten hole man alles zusammen, »was Beine und Instru­mente hat«, beschreibt Karin Spelzig lächelnd das große Spektrum. Manche Künstler könnte man freilich nicht für einen Auftritt gewinnen; »dazu ist der Raum mit seinen 200 Plätzen zu klein«, bedauert Thomas Kunath.

Gleichwohl können die Fördervereinsmitglieder mit Fug und Recht behaupten, dem Schicksal mancher kleinen Kirche nicht nur entronnen zu sein, sondern die Gegenwart klangvoll gestaltet zu haben. »Das Haus sollte nicht traurig, kalt und leer bleiben«, meint Thomas Kunath, »wir wollten eine lebendige Kirche haben. Das ist eindrucksvoll gelungen. Wer sich davon überzeugen will, sollte sich den 19. April vormerken (15 Uhr). Unter dem Titel »Die Hoboen thun eine treffliche Wirkung« erklingt Kammermusik für Holzbläser, Streicher und Basso continuo im Rahmen der 13. Internatio­nalen Fasch-Festtage Zerbst mit dem Ensemble »Capell und Taffel-Music« unter Leitung von Ludger Rémy.

Stefanie Hommers

Feiertag für Leib und Seele

1. Oktober 2014 von redaktionguh  
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17 Täuflinge begehen mit 250 Gästen in Zahna das Kirchenkreisfest

Taufe ist prickelnd« – Das Motto des fünften Kirchenkreisfestes des Kirchenkreisfestes Wittenberg am vergangenen Sonntag in Zahna war wohlgewählt. Und das nicht allein, weil in dem Flämingstädtchen Mineralwasser mit Prickeleffekt für den Gaumen hergestellt wird. Rund 250 Besucher nutzen die Zusammenkunft, um einzutauchen in ein vielfältiges Gemeinschaftserlebnis; 17 von ihnen, um durch die Taufe einen Bund mit Gott zu schließen. Zur Freude von Superintendent Christian Beuchel, der den Tauf- und Festgottesdienst leitete: »Eine Taufe ist für einen Pfarrer immer etwas ganz besonders Schönes.«

Theaterszene in der Kirche in Woltersdorf bei Zahna: Sybille sucht eine neue Frisur und erlebt eine Verwandlung. Foto: Achim Kuhn

Theaterszene in der Kirche in Woltersdorf bei Zahna: Sybille sucht eine neue Frisur und erlebt eine Verwandlung. Foto: Achim Kuhn

»Taufe ist cool« – mit bunter Kreide geschrieben prangte der Satz auf einem farbenfrohen Gemälde, mit dem die jungen Besucher des Festes eine Innenwand der Kirche kreativ gestaltet hatten. Herzen und Hände sind darauf zu sehen, Boote, Fische und nicht zuletzt ein ausgesprochen fröhliches Taufkind mit breitem Lachen. Alles abwaschbar, aber eigentlich, findet Zahnas Ortsbürgermeister Hans Helmar Mordelt, »muss das bleiben«, zeige es doch dass Kirche auch ein Raum für Kreativität ist.

Theaterstück regte zum Nachdenken an

Ausgesprochen kreativ hatten die Organisatoren des Festes auch das Thema Taufe bei der Gestaltung von sechs Touren durch die Umgebung aufgegriffen. Eine führte nach Woltersdorf. In dem kleinen, frisch renovierten klassizistischen Gotteshaus wurden die zahlreich erschienenen Gäste bereits erwartet – von der »Frau mit den nassen Haaren«. Die Idee zu dem Theaterstück stammt vom Zahnaer Pfarrer Matthias Schollmeyer, präsentiert wurde es vom Ambulanten Kirchentheater aus Halle.

Die Frau mit den nassen Haaren heißt Sybille und ist, wie ihr Name verrät, eine Suchende. Sie betritt den zum Friseursalon umgestalteten Altarraum mit dem schönen Namen »Heute Ruhetag« und erlebt eine Verwandlung, die weit über die Wirkung einer neuen Frisur hinausgeht. Geschickt werden Rituale einer modernen Wellnesswelt samt ihrer Wasch- und Reinigungsrituale mit den Motiven der Taufe verwoben. Manchem Zuschauer stockt hörbar der Atem angesichts der gewagten Vermischung von der profanen mit der geistlich religiösen Ebene – etwa wenn suggeriert wird, dass es sich beim Chef des Friseursalons, von seiner Angestellten nur respektvoll »der Meister« genannt, um Jesus Christus handelt, dessen Abbild mit wallendem Haar den säkularen Salon und das Gotteshaus gleichermaßen zieren. Dass das Stück gleichwohl mehr berührt als schockiert, ist der Musikauswahl (»Letzte Lieder« von Richard Strauß) ebenso zu verdanken, wie einer Melange, die zwar mutig und munter ihr Spiel mit den verschiedenen Ebenen treibt, aber doch nie respektlos wirkt. Das Bühnengeschehen verharrt in einem Schwebezustand, der es dem Betrachter überlässt, Assoziationen zu entwickeln und seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Derart geistig angeregt durfte sich im Anschluss auch der Magen laben. Im Festzelt vor der Zahnaer Kirche gab es vor der Abschlussandacht Kaffee und Kuchen und nicht zuletzt einen anregenden Austausch über die verschiedenen Touren. »Ich bin von der Atmosphäre, die hier herrscht, absolut begeistert«, bekannte Wolfgang Proske. Man erlebe hier Gemeinschaft und in der fühle er sich auch als katholischer Christ aufgehoben, unterstrich der Mann aus Zahna.

Stefanie Hommers