Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Orgel in der Box spielt ganz von selbst

11. September 2017 von redaktionguh  
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Zauberkasten: Tragbares Miniinstrument kann alle Choräle

Im Büro von Stendals Superintendenten Michael Kleemann steht ein Zauberkasten. Rund 40 mal 50 mal 20 Zentimeter klein ist er und spielt auf Knopfdruck »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Macht hoch die Tür« oder »Gelobt sei Gott im höchsten Thron«. Die Nummer eines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch wird eingegeben, ebenso die Anzahl der Strophen und ob ein Vorspiel gewünscht ist. Los geht es. »Eine Orgel in der Box«, sagt Superintendent Kleemann: »Wir nutzen sie regelmäßig in Gottesdiensten ohne Kantor.«

In ländlichen Kirchenkreisen, wo Kantoren oder ehrenamtliche Organisten große Wegstrecken zurücklegen müssen und somit gar nicht alle Gottesdienste bespielen können, sorgt die Orgelbox für musikalische Begleitung der singenden Gemeinde – ohne das geringe Volumen und die beschränkte Steuerungsfähigkeit eines sonst oft verwendeten tragbaren CD-Spielers.
Neben der Idee und der Technik ist eine weitere Besonderheit der Orgel in der Box ihre Herkunft: Sie ist in der Altmark entwickelt worden und wird dort produziert.

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Der Tischler Manfred Hoffrichter hat sich nach der Wende selbstständig gemacht, fertigte zunächst Gehäuse für Orgeln. Aber als Musiker und Tüftler interessierte er sich schon bald für das Innenleben. Heute fertigt die Hoffrichter Orgel GmbH, beheimatet in Salzwedel, Nischenprodukte: Elektronische Orgeln, eine Synthese aus analoger und digitaler Technik mit individuellen Lösungen.

Weil er nebenbei selbst Orgel spielt, weiß er um die Nöte der Kirchenmusiker-Zunft. »Wenn ein Organist fehlt oder eine Orgel nicht spielbar ist, dann bietet sich die Orgel in der Box an«, sagt er. Zielgruppe seien weniger die Kirchenmusiker – die kauften eher eine mobile Blockorgel. Vielmehr würden Pfarrer angesprochen, die sonntags auf den Dörfern unterwegs sind und Gottesdienste auch mit kleinen Gemeinden feiern: »Dann ist der Pfarrer oft der Einzige, der laut singt und das auch noch ohne Begleitung.« Die Orgelbox unterstützt ihn.

Auf einem Chip sind die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs abgespeichert. Der Klang habe ausreichend Volumen und Lautstärke für Kirchenräume. »Die Box ist so laut wie eine elektronische Orgel«, so Hoffrichter. Die Geschwindigkeit lässt sich stufenlos regeln, anders als beim Kofferradio bleibt die Tonhöhe gleich. Und gibt es doch einen Organisten, aber keine spielbare Orgel, lässt sich an die Box auch eine Klaviatur anschließen.

(kas)

Glaube ohne Heimat

30. Juni 2017 von redaktionguh  
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Kirche in der Region – ihre Situation ist unterschiedlich, je nachdem, ob die Kirche auf dem Land oder in der Stadt ihre Heimat hat. Zwei Beispiele aus der mitteldeutschen Landeskirche.

Wenn Michael Kleemann, Superintendent im Kirchenkreis Stendal, einer ländlichen Region, die Lage beschreibt, klingt das dramatisch. »In den vergangenen zehn Jahren haben wir im Landkreis Stendal etwa ein Fünftel der Einwohner verloren.« Die Landflucht und der demografische Wandel machen der Region und der Kirche zu schaffen. Was bindet Menschen an einen Ort und was veranlasst sie, wegzugehen?

Mit dieser Frage habe sich auch der Kirchentag auf dem Weg in Weimar und Jena beschäftigt, erzählt Kleemann. »Für Beheimatung ist wichtig, ob es eine lebendige Gemeinschaft gibt.« Das heißt, ob junge Familien an einem Ort auf ebensolche treffen. Wenn es in den Dörfern keine Arbeit gibt, Kindertagesstätten fehlen und Schulen schließen, zieht es die Menschen in die Stadt. »In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren werden hier weniger Menschen leben, und es fehlt ein probates Mittel, um diesen Wandel aufzuhalten«, so die Prognose des Theologen.

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Von dieser schmerzhaften Entwicklung ist in einer Stadt wie Magdeburg nicht so viel zu spüren. Während die Mitgliederzahlen auf dem Land sinken, halten sie sich im Kirchenkreis Magdeburg konstant. »Wir profitieren von dem rückläufigen Trend in ländlichen Regionen«, sagt Pfarrer Ronny Hillebrand, stellvertretender Superintendent im Kirchenkreis Magdeburg.

Denn die Menschen, die aus den Dörfern fliehen, zieht es in die Stadt. Für die stabilen Zahlen in den Kirchengemeinden sorgen zum einen junge Leute, die zum Studium nach Magdeburg kommen. Zum anderen seien es die alten Menschen in den Alten- und Pflegeheimen, die ursprünglich in ländlichen Regionen lebten.

Wenn die Kirchenzugehörigkeit abnimmt, hat das Einfluss auf die Stellenpläne. In der Region zwischen Havelberg und Genthin habe es bis Ende der 1960er-Jahre noch 22 Pfarrstellen gegeben, erklärt Kleemann. Heute seien es nur noch drei. Und deren Bestand sei stark gefährdet.

Das sei für die Kirche eine große Herausforderung. 2019 rechne man mit deutlich weniger Geld. Also sieht der Stellenplan einen weiteren Abbau von Pfarrstellen vor. Kleemann fragt: Was aber heißt das für die Gemeinden? Für die Kirchenmusik? Für die missionarische Ausstrahlung? Für die Kinder- und Jugendarbeit? Wie er sagt, bereiten ihm diese Fragen nachhaltig Sorgen. »Das macht einen atemlos«, so sein Kommentar. Kleemann ist seit 1995 Super­intendent im Kirchenkreis Stendal, der Dienstälteste, wie er sagt. Seit er das Amt innehat, habe ihn vorrangig die Arbeit an Strukturen beschäftigt. Mehr als 20 Jahre struktureller Um- und Rückbau! Ermüdung mache sich bemerkbar.

»Die im Stellenplan 2019 vorgesehene Reduzierung betrifft uns nicht«, sagt hingegen Ronny Hillebrand. Dank der stabilen Zahlen im Kirchenkreis und einer vorausschauenden Planung. Die meisten Pfarrer arbeiten Teilzeit. Vollzeitstellen gäbe es nur wenige. Der Stellenplan schreibe 23 Pfarrstellen vor, von den derzeit etwa 25 besetzten Stellen müssten also zwei gestrichen werden. Doch mit der Teilzeitregelung seien die bereits jetzt schon eingespart, erklärt der Pfarrer.

Auf dem Land sind freilich auch positive Signale zu erkennen: Engagierte Menschen und viele Ideen, berichtet Kleemann. Eine Idee heißt: Baufasten im Kirchenkreis. »In den vergangenen 25 Jahren sind Millionen und Abermillionen ins Bauen investiert worden«, erläutert der Superintendent. »Wir sind flächenmäßig gut bestellt. Wir haben gute Einnahmen aus den Ländereien.«

Allerdings ist er unzufrieden, weil diese Einnahmen in den Baulastfonds fließen. Stattdessen wünscht sich Kleemann, dass die Kirche mit den finanziellen Mitteln kreativ umgeht und nach anderen Regelungen sucht. Dass etwa die Einnahmen aus den Ländereien nicht nur in den Baulastfonds fließen, sondern auch für Personalkosten verwendet werden können. Einen entsprechenden Antrag werde der Kirchenkreis an die Landessynode richten.

Sabine Kuschel

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von redaktionguh  
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Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

Gespräche am Küchentisch

17. April 2016 von redaktionguh  
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Frühjahrssynode: Im Kirchenparlament wird debattiert, um Formulierungen gerungen und werden Entscheidungen gefällt

Kloster Drübeck, zwischen Ilsenburg und Wernigerode im Harz, ist ein idyllischer Ort der Einkehr – und im Frühjahr Tagungszentrum der Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Das Mobiltelefon zeigt »kein Netz« und auch der klostereigene, drahtlose Internetzugang scheint auf den Modus Kontemplation eingestellt. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich die Eignung für die Tagung eines Kirchenparlaments. Gerade weil hier die Uhren langsamer gehen und die mediale Ablenkung durch die Klostermauern abgehalten wird, muss man sich real begegnen, sei es in der Klosterkirche, in der großen und kleinen Scheune, bei den gemeinsamen Mahlzeiten oder abends in der Weinstube. Anders als bei der Herbstsy­node in Erfurt geht es längst nicht so geschäftsmäßig zu, und auch der Bericht der Bischöfin scheint von der Kloster­idylle inspiriert.

Sie hat zur Illustration eine Farbe gewählt: rosa. Nicht die rosarote Brille, sondern die seltene liturgische Nebenfarbe. Nur zweimal im Kirchenjahr, am 2. Sonntag der Passionszeit und am 4. Advent, ist sie vorgesehen. In der Erläuterung der Liturgischen Konferenz heißt es dazu: »Wegen des freudigen Charakters des Tages kann das Violett zum Rosa aufgehellt sein.« Rosa, gleich Kleinmädchenkultur? Nein, für die Bischöfin steht die Farbe für das Evangelium: »Mitten in unser Leiden, mitten in Schweres und Dunkles hinein lässt Gott das Licht des unvergänglichen Lebens leuchten.« Gottes Lebenskraft gebe dem Leiden und der Not eine Perspektive. Und so die Bischöfin weiter: »Es geht darum, dass wir unsere Träume nicht vergessen.« Die Welt sei nicht rosarot und der Mensch nicht perfekt, aber die liturgische Farbe rosa, das mit heller Freude durchmischte Violett, mitten in der Passions- und Bußzeit, stehe für Hoffnung und Perspektive. »Gottes Lebenskraft, stärker als alle Not, stärker als der Tod«, so Junkermann. Dass sie die Entwicklung in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) durchaus nicht nur rosig betrachtet, daraus machte die Landesbischöfin keinen Hehl. Der Optimierungsdruck gaukle vor, dass es optimale Lösungen gäbe, man müsse sich nur genug anstrengen. Ein Leben unter Dauerdruck schade aber dem Einzelnen und letztlich der Gesellschaft. Junkermann plädierte für Küchentischgespräche anstelle von Patentrezepten oder schnellen Lösungen.

Mit dem Motiv »Ort der Geborgenheit« zur Jahreslosung illustrierte Landesbischöfin Ilse Junkermann ihren Bericht. Die Karte ist zu beziehen bei EFiD Evangelische Frauen in Deutschland. Foto: Three red apples Dawn D. Hanna / Getty Images

Mit dem Motiv »Ort der Geborgenheit« zur Jahreslosung illustrierte Landesbischöfin Ilse Junkermann ihren Bericht. Die Karte ist zu beziehen bei EFiD Evangelische Frauen in Deutschland. Foto: Three red apples Dawn D. Hanna / Getty Images

Nicht am Küchentisch, aber im Plenum wurde konstruktiv und kontrovers diskutiert. Wie über den Antrag des Jenaer Theologieprofessors Manuel Vogel. Die Landessynode möge sich den Einschätzungen der Extremismusforscher Oliver Decker und Matthias Quent anschließen und die Alternative für Deutschland (AfD) als »eine in Teilen rechtsextreme Partei« bezeichnen. Der Stendaler Superintendent Michael Kleemann teilte zwar die Einschätzung Vogels, hielt aber das Kirchenparlament nicht für den passenden Rahmen eines solchen Beschlusses. Der Erfurter Journalist und Historiker Jan Schönfelder meinte, dass die Synode kein Etikett für eine Partei vergeben sollte. Dem widersprach der Synodale Philipp Huhn. Der aus Hessen stammende Vertreter des Landesjugendkonvents hatte sieben Jahre Björn Höcke, den heutigen AfD-Fraktionsvorsitzenden im Thüringer Landtag, als Klassenlehrer. Für ihn, Huhn, sei die AfD eine »Nazipartei«, von der man sich distanzieren müsse.

Der Magdeburger Richter Jan Lemke hielt es für bedenklich, lediglich die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Extremismusforscher in einem Synodenbeschluss zu bestätigen. Das sei so, als würde sich die Landessynode einer ärztlichen Diagnose anschließen. Die Arnstädter Superintendentin Angelika Greim-Harland sieht die Gefahr, dass mit der Etikettierung der AfD Gemeindemitglieder ausgegrenzt würden. Auch Landesbischöfin Ilse Junkermann wollte nicht pauschal die Menschen, die die AfD gewählt hatten, verurteilen. Allerdings müssten die menschenfeindlichen und antidemokratischen Standpunkte deutlich benannt werden. Das sei im kritischen und zugleich respektvollen Gespräch auch mit Menschen, die extreme und extremistische Ansichten verträten, möglich und notwendig.

Für den Eisenacher Regionalbischof, Propst Christian Stawenow, könne für Christen nur der durch die Liebe tätige Glaube Maßstab sein. Er halte die AfD für rechtsextrem und menschenfeindlich, damit für Christen nicht wählbar. Die klaren Worte der Bibel ließen keine Spielräume, ergänzte ein anderer Synodaler. Der Elbingeroder Pfarrer Ernst-Ulrich Wachter gab zu bedenken, dass, bei einer Stigmatisierung der AfD, die Bindung einzelner an die Partei sich erst recht manifestieren könnte. Ziel müsse aber eher die Schwächung der AfD sein. Er sprach sich dafür aus, den Antrag auch auf andere rechtsextreme Gruppierungen auszudehnen.

Der Antrag wurde im Ausschuss für ökumenische, gesamtkirchliche und Öffentlichkeitsfragen beraten. Der Beschluss, zum Ende der Landessy­node verabschiedet, liest sich dann so: »Wir beobachten, dass rechtsextreme, menschenfeindliche und demokratieverachtende Positionen nicht nur von Teilen der AfD, sondern auch von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft und aus christlichen Gemeinden vertreten werden.« Die Synode tritt gegen Ausgrenzung und Abwertung von Minderheiten, die Verrohung der politischen Kultur sowie die zunehmende Gewaltbereitschaft ein. Gedankt wird allen demokratischen Kräften, die rassistischen und diskriminierenden Äußerungen widersprechen und eine klare Haltung zeigen.

Willi Wild

www.ekmd.de/kirche/landessynode/tagungen

Noch nicht barrierefrei

21. Februar 2016 von redaktionguh  
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Landtagswahl: Behindertenbeauftragter informiert in Neinstedt über politische Teilhabe

Kein Versuchsballon sollte die Veranstaltung in der Evangelischen Stiftung Neinstedt sein, sondern ein deutliches Zeichen, so der Landesbehindertenbeauftragte Sachsen-Anhalts, Adrian Marevoet. In fünf Einrichtungen zwischen Wittenberg und dem Südharz beantworten er und Laura Lubinski von der Landeszentrale für politische Bildung alle Fragen rund um die Landtagswahl am 13. März. Was Maerevoet kategorisch unterstreicht: »Wir sagen hier nicht, wen Sie wählen sollen.«

In der Evangelischen Stiftung Neinstedt dürfen die Bewohner schon einmal probehalber ihre Stimme abgeben. Am 13. März wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Foto: Uwe Kraus

In der Evangelischen Stiftung Neinstedt dürfen die Bewohner schon einmal probehalber ihre Stimme abgeben. Am 13. März wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Foto: Uwe Kraus

Für Maerevoet, der nicht zwischen Gesunden und Menschen mit Handicap unterscheiden mag, sind die Rechte der Klientel, die er engagiert vertritt, »in diesem Land noch nicht perfekt umgesetzt«. Dass er so durch die Lande tourt im Vorfeld von Wahlen, das ist neu. Wer fragt schon, ob Mitbürger, die blind, taub, von Epilepsie, Beinamputation oder Downsyndrom betroffen sind, wählen können und überhaupt dürfen? Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte rügt sogar, dass Deutschland von allen Staaten der Europäischen Union Menschen mit einer geistigen Behinderung am stärksten von der politischen Teilhabe ausschließe. Hindert eine Behinderung Mitbürger am Politisch-Sein? Warum sollen die Bewohner der Neinstedter Stiftung nicht wählen dürfen, wer künftig ihr Blindengeld per Gesetz kürzt, ihre Betreuungssätze anhebt oder das Geld genehmigt, um die Werkstätten zu renovieren. Um die Bewohner und Mitarbeiter der Stiftung besser politisch zu informieren, sollen in den kommenden Wochen die Direktkandidaten des Wahlkreises 30 Neinstedt besuchen und Rede und Antwort stehen, kündigt Stiftungsvorstand Hans Jaekel an.

Adrian Maerevoet gibt sich redliche Mühe, seine Botschaft in der Evangelischen Stiftung Neinstedt rüberzubringen. Der Mann, der für die Belange von 260 000 Einwohnern Sachsen-Anhalts zuständig ist, weiß: Politische Mitbestimmung in Deutschland ist nicht barrierefrei. Und hunderte Wahllokale für den 13. März sind es ebenso nur bedingt. Mit ihrer Frage spricht Alexandra Schmidt ein weiteres Thema an: »Welche Partei hat ihr Wahlprogramm in leichter Sprache vorgelegt?« Maerevoet meint, »Einzelne, aber wir können hier nicht alle Programme vorstellen.« Er empfiehlt den Bewohnern der Evangelische Stiftung Neinstedt »einen Menschen ihres Vertrauens« mit in die Wahlkabine zu nehmen. Als Hilfsmittel kann eine Schablone mit Braille-Schrift beantragt werden. Die wird nur einmal genutzt und dann vernichtet. Zudem gibt es den Wahlzettel in einer Hörversion. Er rät zudem zur Briefwahl, um in aller Ruhe eine Entscheidung treffen zu können.

Wie all das Technische rund um die Wahl funktioniert, das erklärt auch Laura Lubinski von der Landeszentrale für politische Bildung. »Wahlbenachrichtigung – das ist die Karte mit zu viel Text«, sagt sie. Und die Wahl selbst: »Zwei Kreuze, falten, fertig«, umschreibt sie den Ablauf, den viele der Gäste des Forums in der Aula selbst testen möchten. In einer Wahlkabine und mit Stimmzetteln können sie die Wahl schon einmal ausprobieren.

Bei weiteren Fragen empfiehlt Adrian Marevoet noch eine auf Menschen mit Behinderungen abgestimmte Broschüre des Landes. »So einfach geht Wählen« heißt die Veröffentlichung in Großschrift.

Uwe Kraus

Weitere Termine: Am 24. 2., 10.30 Uhr in der Paul-Riebeck-Stiftung zu Halle und am 29. 2., 10.30 Uhr in der Borghardt Stiftung zu Stendal

Die guten Seelen von Gleis 1

7. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Gelebte Hilfsbereitschaft: Das Team der Bahnhofsmission Stendal erleichtert Reisenden das An- und Weiterkommen

Es gibt Menschen, die durch ihre Herzlichkeit berühren. Dazu gehört zweifelsohne Patricia Kalz, Leiterin der evangelischen Bahnhofsmission in Stendal.

Wer am Bahnhof Stendal ankommt und Hilfe braucht, ist bei Patricia Kalz und ihren neun ehrenamtlichen Mitstreitern gut aufgehoben. Ob sie eine Umsteigehilfe benötigen – das sind die meisten, denn es gibt keine Aufzüge – oder von einem Zugbegleiter mit Sack und Pack auf dem Bahnsteig abgesetzt worden sind; ob sie nicht lesen können oder als Flüchtlinge die deutsche Sprache noch nicht beherrschen: Für die guten Seelen der Bahnhofsmission gibt es keine »Mission impossible« (unlösbare Aufgabe), sie finden immer einen Weg.

So viele Helfer auf einmal – das ist auch für Sigrid Hain (2. v. re) außergewöhnlich. Sie fährt regelmäßig über Stendal und nimmt dort die Umsteigehilfe des Teams der Bahnhofsmission in Anspruch: Manfred und Patricia sowie Sabine Kalz, dahinter Eddi Perez (Mitarbeiter der Bundesbahn) und »Bufdi« Vanessa Dieme (v. li. n. re.). Foto: Adrienne Uebbing

So viele Helfer auf einmal – das ist auch für Sigrid Hain (2. v. re) außergewöhnlich. Sie fährt regelmäßig über Stendal und nimmt dort die Umsteigehilfe des Teams der Bahnhofsmission in Anspruch: Manfred und Patricia sowie Sabine Kalz, dahinter Eddi Perez (Mitarbeiter der Bundesbahn) und »Bufdi« Vanessa Dieme (v. li. n. re.). Foto: Adrienne Uebbing

Das Ehepaar Kalz könnte eigentlich den Ruhestand genießen. Acht Kinder haben die beiden gemeinsam großgezogen; mit 49 Jahren machte Patricia Kalz – »mal eben« – noch den LKW-Führerschein und fuhr mit einem 40-Tonner im Dienst einer Spedition kreuz und quer durch Europa. Ihr Mann war da schon einige Jahre als Kraftfahrer unterwegs. Kurze Zeit saßen sie auch Seite an Seite im Fahrerhaus.

Für den ruhigen Lebensabend war schon ein Wohnwagen angeschafft, um ohne Zeitdruck auf große Tour zu gehen. »Den haben wir aber schnell wieder verkauft«, erzählt Manfred Kalz. Die Eheleute sind eine Frau und ein Mann der Tat; das merkt man, wenn man mit ihnen spricht. Sie seien ein Leben lang arbeiten gewöhnt, da kam Müßiggang irgendwie nicht infrage. Und es gibt auch einen spirituellen Hintergrund für ihr Engagement in der Bahnhofsmission: »Im Gebet höre ich Gott, wie er mir sagt: Da will ich dich jetzt haben, da brauche ich dich.« Dieses Gottvertrauen trage sie, trotz einiger Schicksalsschläge, da sind sich beide einig.

Als Gemeindeleiterin Dorothee Oesemann von der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Stendal, der das Ehepaar angehört, sie 2011 für die Bahnhofsmission angeworben hat, konnten sie sich »ehrlich gesagt, gar nichts darunter vorstellen«. Zwischenzeitlich hatte Patricia Kalz Praktika bei verschiedenen diakonischen Einrichtungen absolviert, rückblickend eine gute Vorbereitung für ihre Arbeit. Denn oft haben sie es an Gleis 1 mit Menschen am Rande der Gesellschaft zu tun, mit Gestrandeten. Als nach einem Jahr Mitarbeit die Bitte an sie herangetragen wurde, die Leitung der Stendaler Bahnhofsmission zu übernehmen, habe sie zunächst abgewinkt. Und doch stellte sie sich schließlich der Herausforderung.

»Mein Leben ist ein Roman«, sagt Patricia Kalz lachend – und dank ihres Engagements bei der Bahnhofsmission kann sie dem noch so manches Kapitel hinzufügen. Sie erzählt von einem Niederländer, der mit Koffer und Klapprad aus dem IC aus Berlin »flog«. Sein Fehler: Er hatte das Rad vorher nicht angemeldet. Ganz verzweifelt sei der gewesen, weil er doch ein Vorstellungsgespräch in Arnheim hatte, so Patricia Kalz. Glücklicherweise hatte der junge Mann eine großräumige Tasche dabei, in die das Rad passte. Derart verpackt, durfte er es im nächsten Zug als Handgepäck mitführen. Vorher hatte ihm Patricia Kalz allerdings noch mit viel Überzeugungskraft die Weiterfahrt erstritten. »Seine Zukunft hängt doch davon ab«, habe sie dem Zugbegleiter zugerufen, und der hatte ein Einsehen und nahm den Holländer mit.

Diese Momente, in denen sie ganz konkret helfen können, bestärken sie in ihrem Tun: »Ich stehe morgens mit einem guten Gefühl auf und schlafe abends mit einem guten Gefühl ein«, bringt es die 18-jährige Vanessa Dieme, die derzeit hier ihren Bundesfreiwilligendienst ableistet, auf den Punkt. Die junge Frau in der blauen Weste, die sie als Teil des Teams ausweist, strahlt: »Ich bin stolz darauf, in der Bahnhofsmission zu arbeiten!« Manchmal hat es auch etwas von Abenteuer, dieses Ehrenamt. Einmal habe sie einen Mann mit gesundheitlichen Problemen entgegen der Regel kurzerhand selbst ins Abteil gebracht, weil der Zugbegleiter nicht greifbar war, so Patricia Kalz. Zu dumm nur, dass sie dann nicht mehr rechtzeitig aus dem Zug kam und bis Wolfsburg mitfahren musste …

Ihre Wege und die der Hilfesuchenden kreuzen sich nur; es sind also Geschichten ohne Anfang und Ende, die die Mitarbeiter der Bahnhofsmission erleben. So erfuhren sie nie, ob der junge Holländer bei seiner Bewerbung erfolgreich war oder der kranke Fahrgast sein Ziel erreicht hat. Das sei eigentlich schade. Manchmal komme aber doch im Anschluss ein Anruf, ein Dankeschön. Und das freut die Frauen und Männer in den blauen Westen jedes Mal.

Adrienne Uebbing

Geöffnet montags bis freitags, von 9 bis 17 Uhr. Umsteigehilfen können vorab vereinbart werden, Telefon (0 39 31) 4 10 82 89

www.kirchenkreis-stendal.de/bahnhofsmission

Auf dem Weg des Zusammenwachsens

25. November 2014 von redaktionguh  
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Nachgefragt: Drei Mitglieder der ersten EKM-Synode ziehen am Ende der Legislatur Bilanz

Vom 19. bis 22. November kommt die erste Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zu ihrer letzten Tagung zusammen. »Glaube + Heimat« befragte drei Synodale, was sie vor sechs Jahren motivierte, Mitglied des gemeinsamen »Kirchenparlaments« zu werden, auf welche Entwicklungen und Erfahrungen sie zurückblicken und worauf die Landeskirche künftig ihre Kraft und ihr Engagement richten sollte.

Ich bin seit 23 Jahren Pfarrerin in der Altmark. Als die Anfrage für die Mitarbeit in der Landessynode kam, habe ich mich gern zur Wahl gestellt und bin als Vertreterin des pfarramtlichen Dienstes gewählt worden. Ich habe meine Erfahrungen aus der Gemeindearbeit und auch aus kreiskirchlichen Verantwortungen in die Landessynode eingebracht.

Claudia Kuhn ist Pfarrerin in Osterburg, Kirchenkreis Stendal.

Claudia Kuhn ist Pfarrerin in Osterburg, Kirchenkreis Stendal.

Sehr gespannt war ich auf die Synodalen aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen und aus den doch ganz verschiedenen Regionen unserer Landeskirche von Arendsee bis Sonneberg. Der Dialog mit ihnen hat auch meine Arbeit vor Ort bereichert. Ich denke, wir sind in den vergangenen sechs Jahren ein gutes Stück zusammengewachsen, auch wenn es ganz unterschiedliche Traditionen gibt. »Als Gemeinde unterwegs« zog sich wie ein Leitgedanke durch unsere Tagungen. Auf diesem Weg haben wir ermutigende, manchmal auch enttäuschende Erfahrungen gemacht. Manche Entscheidungen wurden mühsam errungen, andere einstimmig getroffen. Besonders die Tätigkeit im Theologischen Ausschuss war mir wichtig. Mit unseren unterschiedlichen Hintergründen haben wir miteinander diskutiert und einen gemeinsamen Weg gesucht. Das war trotz aller Geschwisterlichkeit nicht immer einfach.

Die Arbeit der Gemeinden vor Ort im Blick zu behalten, sehe ich als eine besonders wichtige Aufgabe auch für die neue Landessynode, der ich allerdings nicht mehr angehören werde. Die gemeinsame Zeit war für mich eine sehr stärkende Erfahrung.

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Ulrike Rynkowski-Neuhof ist Professorin für Gesang und Stimmbildung an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Ulrike Rynkowski-Neuhof ist Professorin für Gesang und Stimmbildung an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Das war damals keine leichte Entscheidung, und ich habe mich im Vorfeld mit Freunden, Kollegen und sogar mit einigen meiner Studierenden beraten. Sie haben mir alle zugeredet, mich auf diese Weise zu engagieren. Und für mich war es in erster Linie ein Gefühl von Verantwortlichkeit für »meine Kirche«, in die ich mich trotz sehr knapper Freizeit nach Kräften einbringen wollte. Als Professorin der Musikhochschule schlägt natürlich mein Herz in besonderem Maße für die Kirchenmusik in unserer Landeskirche.

Ich zolle den vielen ehrenamtlichen Gemeindegliedern meinen besonderen Respekt für ihr großes und un­eigennütziges Engagement, ohne das Gemeindeleben gar nicht zu denken wäre. Und ich habe allerdings auch erfahren, dass für mich selbstverständliche Dinge »bei Kirchens« manchmal länger dauern.

Worauf die Landeskirche ihre Kraft und ihr Engagement setzen sollte, lässt sich schwer so verkürzt darstellen. Die Basis ist erst einmal eine gute, es beginnen die früheren Landeskirchen Thüringen und die Kirchenprovinz Sachsen in einer gemeinsamen mitteldeutschen Kirche zusammenzuwachsen. Es wird weiter der Anpassung bedürfen, ohne zu sehr zu vereinheitlichen. Qualitätvolle Kirchenmusik in unterschiedlichster Form, Jugendarbeit, Ökumene, die Thematik der Gleichstellung, die Darstellung oder besser noch die deutliche Positionierung unserer Kirche in der Gesellschaft, das wären einige der Zielrichtungen, die ich mir denken könnte.

Als ich 2002 in die zehnte und letzte Thüringer Landessynode gewählt und nach meiner Motivation gefragt wurde, nannte ich gegenüber »Glaube + Heimat« – schon mit Blick auf eine Föderation mit der damaligen Kirchenprovinz Sachsen – drei mir wichtige Schwerpunkte: die Gemeindesicht, das Bekenntnis und die Ökumene. Alle drei Themen sind mir weiter wichtig geblieben, und es gab Zeiten, da war mal mehr das eine, mehr das andere dran. Für mich gehören die drei Felder aber zusammen.

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Sabine Bujack- Biedermann ist Redakteurin bei der Ostthüringer Zeitung in Saalfeld.

Sabine Bujack- Biedermann ist Redakteurin bei der Ostthüringer Zeitung in Saalfeld.

Wirklich zufrieden wäre ich, wenn es uns gelungen wäre, den Gemeinden die Notwendigkeit und die Vorteile der Fusion zur EKM besser zu verdeutlichen. Leider wird sie dort mehr als Sparrunde und Bürokratie wahrgenommen, denn als Chance, mit weniger Gemeindegliedern und weniger Mitteln Neues zu gestalten. Der Gemeindekongress in Halle, der aus unserem Synodenthema »Als Gemeinde unterwegs« erwachsen ist, hat dazu ermutigende, kreative Möglichkeiten gezeigt.

Als Gemeindeglied aus dem Süden der EKM wünsche ich mir, dass es weiter solche Begegnungsmöglichkeiten für die gesamte Landeskirche wie zum Gemeindekongress gibt. Auch Bildung sollte unser ureigenes protestantisches Thema bleiben – mit einem klaren Profil. Außerdem halte ich es für unser christliches, ökumenisches Gebot, uns bei der Betreuung der Flüchtlinge zu engagieren, uns für Frieden ohne Waffen einzusetzen, unseren Reichtum nicht auf Kosten unserer Nachkommen und nicht so wohlhabenden Nachbarn zu mehren, sondern zu teilen.

Schweigend staunen lassen

29. September 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

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Kirche und Tourismus: Orte der Besinnung und Gastlichkeit oder Museen

Kirchen sind Anziehungspunkte für Touristen. Wie gehen Gemeinden damit um?

Das Gewimmel nervt, der Dom verspricht eine Verschnaufpause. In die Kirchenbank fallen lassen und abschalten, den Raum auf sich wirken lassen. Schön.

Anziehungspunkt für zahlreiche Touristen: der Naumburger Dom. Foto: Andrea Schachtschabel

Anziehungspunkt für zahlreiche Touristen: der Naumburger Dom. Foto: Andrea Schachtschabel

Dieses Bedürfnis nach Ruhe, nach Spiritualität, wächst, meint Christian Antz. Der Referatsleiter im Wirtschaftsministerium von Sachsen-Anhalt hat vor mehr als 20 Jahren die »Straße der Romanik« mit auf den Weg gebracht und prägte in jüngerer Vergangenheit den Begriff des spirituellen Tourismus. Reisen seien häufig vor allem Reisen ins Ich, hat er festgestellt. Und im großen Markt der Gesundheitsreisen gehe es bei der Hälfte der Angebote um die Gesundheit der Seele und des Geistes. »Aber der Kirche ist das Thema ein wenig abhandengekommen«, sagte er jüngst im Spiegelsaalgespräch in Magdeburg. Wer ein Gotteshaus besucht, besucht ein Denkmal und wird mit Informationen gefüttert. Erbaut 1372, die Kanzel von 1684, die Ausmalung 1854 erneuert … Der Kulturtourist erwartet solche Informationen. Oder vielleicht doch nicht (immer)? Zugetextet wird er, findet der Leiter des Arbeitskreises Kirche und Tourismus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Thomas Ritschel, auf demselben Podium. »Wir müssen herausfinden, was die Gäste wollen«, formuliert er eine Aufgabe für die gastgebenden Gemeinden. Er meint, dass Touristen- und Gemeindearbeit einem Konzept folgen müssen. Touristen, die als Gäste kommen, sollten als Chance begriffen werden, den Fremden etwas vom Glauben nahezubringen. Und dafür auch einfach den Raum wirken zu lassen. »Sie besuchen doch kein Museum!«

Doch mitunter wirkt die Kirche so. Allemal, wenn Eintrittsgeld bezahlt werden muss. Marianne und Wilfried Karge aus Wernigerode verzichteten deshalb auf den Besuch des Naumburger Doms – sie hatten einen Raum für stille Einkehr im Dialog mit den Kunstwerken gesucht und eine Pause für ihre müden Füße. »Wer Eintritt bezahlen muss, denkt zuerst in Abläufen. Wer eine Kirche betritt, soll aber zuerst staunen können«, wünscht sich der Stendaler Propst Christoph Hackbeil.
Offenbar muss Kirche die Gastgeberschaft neu lernen, diagnostiziert der Nicht-Kirchenmann Christian Antz. Für ihn als Tourismus-Experten wie als Christ sei es beispielsweise inakzeptabel, dass bei dem großen Volksfest Mariä Lichtmess im Dörfchen Glinde südlich von Magdeburg die Kirche zugeschlossen ist. Das Fest ist ein Spektakel mit Tausenden Besuchern – und die Gemeinde lasse sich diese Chance entgehen. Er plädiert dafür, dass der Tourismus als Methode begriffen wird, Menschen zu begleiten und für den Glauben zu begeistern. Im Urlaub treiben nahezu zwei Drittel der Gäste Seelenpflege, zitiert er Studien. »Die Menschen suchen das Authentische. Und die Kirche hat es«, ermuntert er.

Kirchenmann Thomas Ritschel sieht indes beim Selbstverständnis Gesprächsbedarf, damit Kirche ein guter Gastgeber sein kann. Wie sieht sie sich also gegenüber den Touristen, den Konzertbesuchern? Werden diese Besucher als Gemeinde auf Zeit gesehen, die Seelsorge suchen und zum Reden ermuntert werden? »Die EKM ist ein dauerhafter Ansprechpartner für die Organisatoren des Tourismus, wir bieten den Gemeinden Beratung an über offene Kirchen, Events, Vermarktung«, sagt er. Aus der Zusammenarbeit von Touristikern und kirchlicher Weiterbildung sei in Arnstadt der Pilgerweg »Auf den Spuren starker Frauen« entstanden, erzählt er. Und schlussfolgert: »Wir haben das Original – nicht nur die Orte, wir haben auch die Kompetenz und die Leute.«

Renate Wähnelt

Von der Altmark nach Amerika

23. September 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Ein Jugendprojekt führt in die USA und weckt in der Altmark neue Hoffnung für die Gemeindeentwicklung

Wenn ein Pfarrer über ein Projekt spricht und dabei von »Hoffnungsschimmer«, »veränderten Menschen« oder »Glück« redet, dann ist das entweder die übliche Rhetorik, schlichte Begeisterung über die eigene Arbeit, oder es ist tatsächlich wahr, was Thomas Vesterling, Pfarrer im Pfarrbereich Klein Schwechten (Kirchenkreis Stendal), erzählt.

Eine Jugendgruppe aus dem Pfarrbereich Klein Schwechten (Altmark) zu Besuch in den USA. Auf dem Programm der Begegnung standen diakonisches Arbeiten, Bildung und Tourismus. Foto: Thomas Vesterling

Eine Jugendgruppe aus dem Pfarrbereich Klein Schwechten (Altmark) zu Besuch in den USA. Auf dem Programm der Begegnung standen diakonisches Arbeiten, Bildung und Tourismus. Foto: Thomas Vesterling

Als Thomas Vesterling in die Altmark entsandt wurde, wollte er bald ein Konzept zur Gemeindeentwicklung erarbeiten. »Was in der Altmark an Veränderung kommt, ist häufig Rückbau«, so Vesterling. Die Gemeinden sollten aber zusammenwachsen und dies über ein gemeinsames Thema: die Jugendarbeit. »Die Menschen müssen spüren, dass es noch junge Menschen gibt und dass es sich lohnt, in sie zu investieren.« Thomas Vesterlings Blick ging über die Region hinaus und über den Atlantik. In den USA war er von 2010 bis 2011 Vikar. Die Kontakte aus dieser Zeit hat er genutzt und 2013 eine amerikanische Jugendgruppe in den Pfarrbereich eingeladen. »Das Jugendprojekt steht auf drei Säulen: diakonisches Arbeiten, Bildung und Spaß.«

»Das Jugendprojekt steht auf drei Säulen: diakonisches Arbeiten, Bildung und Spaß«

Kann der Besuch von amerikanischen Jugendlichen Hoffnungsschimmer für eine strukturschwache Region sein, wie Vesterling sagt? Der Pfarrer bejaht. Als die Gruppe aus den USA in der Altmark ankam, gab es noch zahlreiche Flutschäden zu beseitigen. Gemeinsam mit einheimischen Jugendlichen bauten sie unter anderem neue Wege auf einem Friedhof. »Dass junge Menschen aus einem anderen Land zu uns kommen und hier Zeit und Kraft investieren, war für viele ein Zeichen der Hoffnung«, erinnert sich Vesterling. Und die Amerikaner brachten einen eigenen Blick auf altmärkische Realitäten mit. Einerseits staunten sie, mit wie wenig die örtliche Kirche auskommen muss. Andererseits schauten sie unverstellt auf den Reichtum und die Chancen der Gemeinden. Das Projekt war ein Erfolg und wurde von der Bürgerstiftung ausgezeichnet.

Vesterling nutzte den Rückenwind für einen zweiten Teil: den Gegenbesuch in den USA. Gut 20 000 Euro wurden dafür eingeplant, 96 Prozent davon mussten selbst finanziert werden. Allein kaum zu stemmen. Aber durch die Gemeinden ging ein Ruck. »Man kann eine Erneuerung in der Gemeinde spüren. Aber auch ein großes Glück zum Beispiel bei den alten Menschen«, so Vesterling. Es kommen Spenden zusammen, sogar der Jagdverband gibt Geld. Das Projekt hat Hoffnung geweckt und strahlt aus. Vom 19. Juli bis zum 6. August konnten 17 junge Menschen aus dem Pfarrbereich in die USA reisen, zusammen mit einer Partnergruppe aus dem Rheinland.

Von der Altmark führte der Weg auf ehemalige Sklavenplantagen, zur Arbeit auf Feldern, zu Renovierungsarbeiten an einer Schule, nach Washington und New York. Auf den ersten Blick eine normale Auslandsreise.

»Was durch das Projekt im Pfarrbereich geschehen ist, lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken«

Um zu zeigen, was sie bewegte, erzählt Vesterling ein Beispiel: Ein Junge aus seiner Gruppe kam in den USA zu Gasteltern, die mehr als skeptisch waren. Der Gastvater mit jüdischen Wurzeln wollte nur ungern einen Deutschen beherbergen und die puerto-ricanische Mutter, die aus sehr einfachen Verhältnissen stammt, sorgte sich, den Ansprüchen eines Mitteleuropäers nicht gerecht werden zu können. Nach der Rückkehr aber kam ein Brief in die Altmark: Der Besuch habe das Bild von Deutschland verändert und die amerikanische Familie sei um einen Sohn reicher geworden. Und der altmärkische Junge habe sich bestätigt gefühlt wie kaum vorher.

Auch im Pfarrbereich klingt das Projekt nach. Es ist eine Jugendarbeit entstanden, die es vorher so nicht gab, die Gruppe auf dem Land ist via Facebook mit ihren Freunden in den USA vernetzt, und die Erfahrung in und mit Kirche hat gezeigt: Ich muss nicht anders sein, sondern ich bin so von Gott gewollt. »Das hat viele ungemein befreit und verändert«, so Vesterling. »Das bestätigen mir auch die Eltern hier.«

Doch Projekte wie diese sind immer Zusatzarbeit, auch wenn sie für Kirchengemeinden Erneuerung und Aufbruch bedeuten können. »Ich frage mich schon, wie wir so etwas noch besser verankern können.« Denn was durch diese Initiative geschehen sei, so Vesterling, ließe sich gar nicht in Zahlen ausdrücken.

Stefan Körner

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