Lust am Gestalten

12. August 2018 von redaktionguh  
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Zeit zum Innehalten und Reflektieren sollte sein, auch im hektischen Schulleben. Pia Kampelmann, Leiterin der Evangelischen Sekundarschule in Haldensleben, fand sie im Gespräch mit Renate Wähnelt.

Was hat Sie nach Haldensleben verschlagen?
Kampelmann:
Die Neugierde. 1991 wollte ich die neuen Bundesländer kennenlernen und übernachtete zufällig in Stendal. Dort las ich in der Zeitung, dass eine Jugendamtsleitung gesucht wurde, bewarb mich und wurde prompt genommen.

Ich finde es immer spannend, etwas Neues zu machen. Nach einem zweijährigen Intermezzo als Jugendamtsleiterin bei Hamburg übernahm ich gut zehn Jahre später ein Gymnasium in Brandenburg, aber die Fahrerei wurde auf die Dauer doch zu viel, sodass ich mich nach etwas Anderem umgesehen habe. Die Johannes-Schulstiftung hatte diese Stelle ausgeschrieben und wir wurden uns vor acht Jahren schnell einig.

Kurz vor den Ferien machte Ihre Schule Schlagzeilen, weil sie beste »Energiesparschule 2018« in Sachsen-Anhalt wurde und beim bundesweiten Online-Voting den 3. Platz belegte. Wie war es bei der Preisverleihung im Bundesumweltministerium?
Kampelmann:
Es war, insbesondere für unsere Schüler, schon sehr beeindruckend. Auch war schön zu sehen, wie so viele junge Leute aus 16 Bundesländern für ihr Engagement belohnt wurden.

Seit drei Schuljahren haben Sie eine Schule mit Passivhaus-Standard. Fördermittel machten den Umbau möglich. Da ist es leicht, Energiesparmeister zu werden.
Kampelmann:
Die beste Technik bringt nichts, wenn die Nutzer nicht richtig damit umgehen. Deshalb haben wir Workshops veranstaltet, Vorträge organisiert, auch die Eltern einbezogen. Mit der Landes-Energie-Agentur haben wir schon vor der Fertigstellung des Schulgebäudes Energiedetektive ausgebildet. Aber das wäre als singuläres Projekt zu wenig. So fließt das Thema überall in den Unterricht ein unter der großen Überschrift »Die Schöpfung bewahren«. Klingt doch auch viel schöner als »Energie sparen«. Es sind ganz viele kleine Bausteine im Alltag. Bisher haben wir 350 Tonnen Kohlendioxid weniger erzeugt als im gleichen Zeitraum vor der Sanierung und 90 Prozent der vorherigen Energie weniger verbraucht.

Da ziehen alle mit?
Kampelmann:
Das ist mit unseren Schülern wirklich gut möglich, da sie sich oft, besonders bei praktischen Dingen, viel interessierter zeigen als ihre Altersgenossen. Wir haben eine Schulgemeinschaft, in der es Freude macht zu arbeiten – manchmal sogar Spaß.

Natürlich gibt es auch schwierige Schüler und Situationen. Aber, und das ist etwas, was viele christliche Schulen auszeichnet: Wir sehen vor allem den Menschen, nicht was er an Leistung bringt. Das sage ich auch immer bei der Zeugnisausgabe: Die Noten sind nur ein ganz kleiner Teil von Euch.

Sie bieten u. a. Reha-Sport an. Ist die Schule inklusiv?
Kampelmann:
Was heißt inklusiv eigentlich? Ich glaube schon, dass wir hier noch vieles besser machen können, jedoch schon auf einem guten Weg sind. Aber manchmal denke ich, dass das Land die letzten Schritte eigentlich nur eingeleitet hat, um perspektivisch Geld zu sparen.

Wir haben ein Mädchen im Rollstuhl und weitere Kinder mit Einschränkungen, Adipositas ist in dieser bewegungsarmen Zeit auch nicht zu unterschätzen – nicht nur bei uns. In einem Trainingsraum üben wir mit diesen Kindern gezielt, parallel zum Sportunterricht, an dem sie nicht teilnehmen können: Laufband, Dehnübungen.

Es fehlt noch einiges an Geräten. Für die Anschaffung nutzen wir das Geld vom Landes-Energiesparmeister.

Die Schule entstand aus einer Elterninitiative. Wie wird sie angenommen?
Kampelmann:
Wir haben weit mehr Anfragen als Plätze. Aber wir wollen bewusst zweizügig bleiben mit höchstens 25 Kindern in einer Klasse. So ist das Gebäude angelegt. Die Schule ist überschaubar. Ich kenne noch jeden, auch wenn ich nicht alle Namen weiß.

Welche Kontakte haben Sie ins Umfeld und umgekehrt?
Kampelmann:
Da geht es uns so gut! Mit dem Kirchenkreis organisieren wir vieles gemeinsam: die Segensfeier für die 8. Klassen, den Bandworkshop mit der evangelischen Jugend, auch tagen die Synode und der Konvent manchmal bei uns, der Ortspfarrer ist Mitglied in der Arbeitsgruppe Tansania und fährt im kommenden Jahr mit den Schülern aus unserer Tansania-AG mit nach Afrika zu unserer Partnerschule Itamba High. Die Schule nutzt die Kirche für Gottesdienste, wir helfen einander; das ist eng verwoben und verzahnt.

Die meisten Eltern sind sehr zufrieden mit uns, auch wenn sich immer mal jemand beschwert, weil sein Kind eine Vier hat – wo er doch Schulgeld bezahlt. Eltern schätzen die christlichen Werte, auch wenn sie kirchenfern sind.Und die Zusammenarbeit mit den anderen Schulen und der Stadt genieße ich sehr.

Gelingt es, die Eltern einzubinden?
Kampelmann:
Vor ein paar Jahren sagte eine Mutter, dass ihr Kind ja nun Englisch lernt und sie das nicht kann. Seitdem gibt es einen Englischkurs für Eltern, inzwischen auch Spanisch mit einem jährlichen Ausflug nach England bzw. Spanien. Diese Kurse geben mir dann natürlich auch die Möglichkeit, ganz anders mit Eltern in Kontakt zu kommen und mich mit ihnen auszutauschen.

Manche Eltern haben Sorge, dass wir ihr Kind missionieren. Nein, wir bieten Brücken an. Ob die Menschen darüber gehen, müssen sie selbst entscheiden. Aus dieser Erfahrung heraus wollen wir im nächsten Jahr einen Religionskurs für Eltern anbieten. Über die Inhalte müssen wir noch diskutieren.

Auf der Homepage Ihrer Schule reiht sich Projekt an Projekt, Unterricht ist ja auch noch. Hat Ihr Tag und der der Schule mehr als 24 Stunden?
Kampelmann:
Es sind ja nicht immer Dinge und Projekte, die ich selbst mache; viele Ideen wie zum Beispiel die Ausbildung von Schülern zu Rettungsschwimmern oder der Etikette-und Benimmkurs sind Ideen aus dem Kollegium. Die Arbeit verteilt sich Gott sei Dank auf ganz viele Schultern und Gruppen, aber bestimmt finden mich meine Kollegen und Schüler manchmal ganz schön anstrengend, wenn ich wieder einmal eine neue Idee habe. Sie bremsen mich dann auch, und ich glaube, das ist auch gut so.

Am besten gelingen Vorhaben, wenn es innerhalb eines Handlungsrahmens die Freiheit gibt, selbstständig zu handeln. Und dabei Fehler machen zu dürfen – das ist ganz wichtig. Wenn was schief gelaufen ist, guckt man gemeinsam, wie man die Sache korrigiert. Das hat etwas mit Ehrlichkeit und Vertrauen zu tun. Ich bin dankbar, dass wir uns da innerhalb der Stiftung sehr frei bewegen können.

Bei aller Freiheit sind Sie auch für klare Ansagen. Darauf reagieren junge Leute meist störrisch.
Kampelmann:
Natürlich, auch das gehört zur Entwicklung der Persönlichkeit unbedingt dazu! Pädagogik bedeutet für mich auf jeden Fall stets, einerseits Grenzen zu setzen, andererseits den Kindern und Jugendlichen zu vertrauen und ihnen auch viel zuzutrauen. Auch deshalb können sie vieles selbst entscheiden.

Wir haben jede Woche unsere Schulversammlung mit ca. 300 Leuten. Lehrer, Klassensprecher, die Leitenden der Arbeitsgemeinschaften – das sind sowohl Lehrer als auch Schüler – und auch Gäste berichten dort, was Gutes und Schlechtes passiert ist. So wissen alle, was los ist und bestimmen mit.

Zum Beispiel?
Kampelmann:
Nach wiederholten Beschwerden über Schubsereien am Bäckerwagen schlug ich vor, eine Kamera zu installieren. Darüber haben dann die Klassen diskutiert und entschieden: Keine Kamera.

Diese Schulversammlung fordern die Kinder und Jugendlichen inzwischen auch ganz selbstverständlich ein. Und Ehemalige erzählten mir, dass ihnen das manchmal fehlt, vor allem das Segenslied zum Abschluss.

Was machen Sie nach Feierabend?
Kampelmann (schmunzelt):
Die Schule ist schon irgendwie gleichzeitig mein Hobby; aber es bleibt noch ein wenig Zeit für ein interessantes Fußballspiel, ein wenig Gartenarbeit und, viel zu selten, einen Besuch im Theater.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten – welche wären das?
Kampelmann:
Der Schulhof ist noch sehr langweilig. Ich hoffe, dass wir für die Gestaltung Fördermittel bekommen. Ich wünsche mir, dass das Miteinander so bleibt, dass Schüler und Lehrer und alle anderen Mitarbeitenden gern zur Schule kommen, dass Eltern weiter zur Beratung zu uns kommen, wenn sie Sorgen haben. Die Pubertät ist nicht immer einfach, das weiß ich aus eigener Erfahrung bei meinen Kindern.

Da dreht sich’s wieder um die Schule. Machen Sie denn Urlaub?
Kampelmann:
Wir fuhren dieses Jahr an die Nordsee. Die Kinder sind ja schon groß, kamen aber mit. Nach den zwei Wochen fühle ich mich 20 Jahre jünger als am Ende des Schuljahres.

Pia Kampelmann (58) stammt aus Dortmund und ist immer noch Anhängerin des BVB und des Ruhrgebiets. Seit 27 Jahren lebt die dreifache Mutter mit Partnerin in Stendal. Die Lehrerin für Deutsch und Englisch hat einen Abschluss in Erziehungswissenschaften sowie psychotherapeutische Kenntnisse. Vor ihrem Wechsel ins Jugendamt nach Stendal arbeitete sie als Erziehungsleiterin in einem Heim. Sie trägt ein kleines, silbernes Kreuz am Hals und ist katholisch.

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Angriffe nicht angemessen

12. Februar 2018 von redaktionguh  
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Landesbischöfin nimmt Landeskirchenrat in Schutz

Nach der persönlichen Erklärung des Stendaler Superintendenten Michael Kleemann zur verweigerten Verlängerung der Amtszeit der Landesbischöfin äußert sich Ilse Junkermann jetzt in einem Statement. Darin bekräftigt sie noch einmal, dass sie »die Entscheidung des Landeskirchenrats voll und ganz respektiere«. Der Landeskirchenrat (LKR) habe im Rahmen des Bischofswahlgesetztes gehandelt, so Junkermann. Darin steht, dass die Amtszeit bis zu fünf Jahre vor Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze einmalig um bis zu fünf Jahre verlängert werden kann. Dazu muss der Landeskirchenrat mit Zustimmung der Landesbischöfin einen entsprechenden Antrag an die Landessynode stellen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann  bei der Herbstsynode in Erfurt. Foto: Willi Wild

Landesbischöfin Ilse Junkermann bei der Herbstsynode in Erfurt. Foto: Willi Wild

In ihrer Stellungnahme verteidigt Junkermann den Landeskirchenrat gegen öffentliche Kritik. Sie halte die Angriffe weder für angemessen noch für begründet, so die Landesbischöfin, die dem Leitungsgremium vorsteht. »Dass Personalberatungen der Vertraulichkeit unterliegen, legt zugleich allen Beteiligten eine Last auf, die Last, dass die Beratungen und Entscheidungen von außen nur sehr begrenzt nachvollziehbar sind. Dies kann verständlicherweise manche Phantasien und Mutmaßungen befördern«, so Junkermann weiter.

Von Anfang an sei ihr bewusst gewesen, dass das Amt für eine befristete Zeit übertragen worden sei. »Ich selbst habe auf eine Beratung und Entscheidung, wie sie das bereits zitierte Gesetz vorsieht, großen Wert gelegt – gerade auch angesichts der Möglichkeit, dass der LKR sich gegen einen Antrag auf Amtszeitverlängerung aussprechen kann. Niemand hat mich mit diesem regulären Vorgang ›ins Messer laufen‹ lassen.« Sie habe auch von den Aspekten der Beratungen, die vor der Entscheidung in geheimer Abstimmung zusammengetragen worden seien, Kenntnis erhalten. Es liege in der Natur der Sache, so die Bischöfin weiter, dass nicht alle Gründe für sie nachvollziehbar seien.

»Besonders gefreut habe ich mich über die ausdrückliche Erklärung und Bitte des Landeskirchenrats um eine gute und konstruktive Zusammenarbeit bis zum Ende meiner Amtszeit im Sommer 2019.« Sie sei zuversichtlich, dass das auch gelinge.

Zur Kritik Kleemanns an der Form der Veröffentlichung der Entscheidung des Landeskirchenrats will sich die Landesbischöfin nicht öffentlich äußern. Das brauche eine interne Klärung, teilte sie mit.

(G+H)

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Landesbischöfin kannte Risiken

6. Februar 2018 von redaktionguh  
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Amtszeitverlängerung: Stendaler Superintendent will Missverständnisse aufklären

In einer persönlichen Erklärung hat der Stendaler Superintendent und das Mitglied des Landeskirchenrates, Michael Kleemann, Stellung zur öffentlichen Debatte über die Entscheidung des Landeskirchenrates, dem Antrag auf Amtszeitverlängerung von Landesbischöfin Ilse Junkermann nicht zu folgen, Stellung genommen. Der Brief, der der Kirchenzeitung vorliegt, ging an die Landesbischöfin, die Pröpste und das Kollegium des Landeskirchenamtes. Aus den Reaktionen auf die Entscheidung des Landeskirchenrates werde deutlich, so Klemann, »dass die Leitungsgremien unserer Kirche (Landessynode und Landeskirchenrat) nachhaltig beschädigt werden«. In Leserbriefen wurde der Landeskirchenrat beispielsweise mit einer Schlangengrube verglichen und Kleemann fühlt sich als Mitglied dieses Gremiums durch diese und ähnliche Äußerungen verletzt und beschädigt. Aus persönlicher Betroffenheit und nicht im Auftrag eines Gremiums will er deshalb Missverständnisse aufklären.

Ilse Junkermann

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Superintendent Michael Kleemann sieht Landeskirchenrat beschädigt  Foto: Doreen Jonas

Superintendent Michael Kleemann sieht Landeskirchenrat beschädigt Foto: Doreen Jonas

Nach Kleemanns Angaben gab es im Vorfeld offene und deutliche Gespräche mit der Landesbischöfin zu Chancen und Risiken einer Amtszeitverlängerung. »Da wurde niemand in ein offenes Messer geschickt«, so das Mitglied der Landessynode. Die Landesbischöfin habe gewusst, worauf sie sich einließ, als sie den Antrag auf Verlängerung stellte. Der Landeskirchenrat habe die Entscheidung weder leichtfertig noch vorschnell getroffen und unter absoluter Vertraulichkeit der Landesbischöfin kommuniziert. »Dass dies Enttäuschung und Traurigkeit ausgelöst hat, ist geradezu selbstverständlich und unterstreicht die Ernsthaftigkeit ihres Antrages«, schreibt Klemann weiter. Er kritisiert allerdings den Umgang mit der Entscheidung des Landeskirchenrats. Hätte die Landesbischöfin ihren Antrag nach der Entscheidung zurückgezogen, wäre das Verfahren gar nicht erst an die Öffentlichkeit gelangt. »Damit wären alle Beteiligten zumindest in der Öffentlichkeit unbeschädigt geblieben«, ist Kleemann überzeugt. Die Landesbischöfin habe sich selbst für einen anderen Weg entschieden und damit auch die Form der Veröffentlichung selbst gewählt und teilweise bestimmt.

Kleemann bittet in dem Schreiben um Verständnis, dass die Gründe für die Entscheidung des Landeskirchenrates nicht öffentlich gemacht werden. Es gehe dabei um den Persönlichkeitsschutz der Betroffenen. Es sei töricht, alte Klischees wie das »Ost-West«- oder »Mann-Frau«-Thema zu bemühen. Er wünsche sich, »dass wir wieder in Sachlichkeit und gegenseitigem Respekt zur Arbeit zurückfinden. Zu tun gibt es wahrlich genug.«

(G+H)

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Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


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Orgel in der Box spielt ganz von selbst

11. September 2017 von redaktionguh  
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Zauberkasten: Tragbares Miniinstrument kann alle Choräle

Im Büro von Stendals Superintendenten Michael Kleemann steht ein Zauberkasten. Rund 40 mal 50 mal 20 Zentimeter klein ist er und spielt auf Knopfdruck »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Macht hoch die Tür« oder »Gelobt sei Gott im höchsten Thron«. Die Nummer eines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch wird eingegeben, ebenso die Anzahl der Strophen und ob ein Vorspiel gewünscht ist. Los geht es. »Eine Orgel in der Box«, sagt Superintendent Kleemann: »Wir nutzen sie regelmäßig in Gottesdiensten ohne Kantor.«

In ländlichen Kirchenkreisen, wo Kantoren oder ehrenamtliche Organisten große Wegstrecken zurücklegen müssen und somit gar nicht alle Gottesdienste bespielen können, sorgt die Orgelbox für musikalische Begleitung der singenden Gemeinde – ohne das geringe Volumen und die beschränkte Steuerungsfähigkeit eines sonst oft verwendeten tragbaren CD-Spielers.
Neben der Idee und der Technik ist eine weitere Besonderheit der Orgel in der Box ihre Herkunft: Sie ist in der Altmark entwickelt worden und wird dort produziert.

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Der Tischler Manfred Hoffrichter hat sich nach der Wende selbstständig gemacht, fertigte zunächst Gehäuse für Orgeln. Aber als Musiker und Tüftler interessierte er sich schon bald für das Innenleben. Heute fertigt die Hoffrichter Orgel GmbH, beheimatet in Salzwedel, Nischenprodukte: Elektronische Orgeln, eine Synthese aus analoger und digitaler Technik mit individuellen Lösungen.

Weil er nebenbei selbst Orgel spielt, weiß er um die Nöte der Kirchenmusiker-Zunft. »Wenn ein Organist fehlt oder eine Orgel nicht spielbar ist, dann bietet sich die Orgel in der Box an«, sagt er. Zielgruppe seien weniger die Kirchenmusiker – die kauften eher eine mobile Blockorgel. Vielmehr würden Pfarrer angesprochen, die sonntags auf den Dörfern unterwegs sind und Gottesdienste auch mit kleinen Gemeinden feiern: »Dann ist der Pfarrer oft der Einzige, der laut singt und das auch noch ohne Begleitung.« Die Orgelbox unterstützt ihn.

Auf einem Chip sind die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs abgespeichert. Der Klang habe ausreichend Volumen und Lautstärke für Kirchenräume. »Die Box ist so laut wie eine elektronische Orgel«, so Hoffrichter. Die Geschwindigkeit lässt sich stufenlos regeln, anders als beim Kofferradio bleibt die Tonhöhe gleich. Und gibt es doch einen Organisten, aber keine spielbare Orgel, lässt sich an die Box auch eine Klaviatur anschließen.

(kas)

Glaube ohne Heimat

30. Juni 2017 von redaktionguh  
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Kirche in der Region – ihre Situation ist unterschiedlich, je nachdem, ob die Kirche auf dem Land oder in der Stadt ihre Heimat hat. Zwei Beispiele aus der mitteldeutschen Landeskirche.

Wenn Michael Kleemann, Superintendent im Kirchenkreis Stendal, einer ländlichen Region, die Lage beschreibt, klingt das dramatisch. »In den vergangenen zehn Jahren haben wir im Landkreis Stendal etwa ein Fünftel der Einwohner verloren.« Die Landflucht und der demografische Wandel machen der Region und der Kirche zu schaffen. Was bindet Menschen an einen Ort und was veranlasst sie, wegzugehen?

Mit dieser Frage habe sich auch der Kirchentag auf dem Weg in Weimar und Jena beschäftigt, erzählt Kleemann. »Für Beheimatung ist wichtig, ob es eine lebendige Gemeinschaft gibt.« Das heißt, ob junge Familien an einem Ort auf ebensolche treffen. Wenn es in den Dörfern keine Arbeit gibt, Kindertagesstätten fehlen und Schulen schließen, zieht es die Menschen in die Stadt. »In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren werden hier weniger Menschen leben, und es fehlt ein probates Mittel, um diesen Wandel aufzuhalten«, so die Prognose des Theologen.

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Von dieser schmerzhaften Entwicklung ist in einer Stadt wie Magdeburg nicht so viel zu spüren. Während die Mitgliederzahlen auf dem Land sinken, halten sie sich im Kirchenkreis Magdeburg konstant. »Wir profitieren von dem rückläufigen Trend in ländlichen Regionen«, sagt Pfarrer Ronny Hillebrand, stellvertretender Superintendent im Kirchenkreis Magdeburg.

Denn die Menschen, die aus den Dörfern fliehen, zieht es in die Stadt. Für die stabilen Zahlen in den Kirchengemeinden sorgen zum einen junge Leute, die zum Studium nach Magdeburg kommen. Zum anderen seien es die alten Menschen in den Alten- und Pflegeheimen, die ursprünglich in ländlichen Regionen lebten.

Wenn die Kirchenzugehörigkeit abnimmt, hat das Einfluss auf die Stellenpläne. In der Region zwischen Havelberg und Genthin habe es bis Ende der 1960er-Jahre noch 22 Pfarrstellen gegeben, erklärt Kleemann. Heute seien es nur noch drei. Und deren Bestand sei stark gefährdet.

Das sei für die Kirche eine große Herausforderung. 2019 rechne man mit deutlich weniger Geld. Also sieht der Stellenplan einen weiteren Abbau von Pfarrstellen vor. Kleemann fragt: Was aber heißt das für die Gemeinden? Für die Kirchenmusik? Für die missionarische Ausstrahlung? Für die Kinder- und Jugendarbeit? Wie er sagt, bereiten ihm diese Fragen nachhaltig Sorgen. »Das macht einen atemlos«, so sein Kommentar. Kleemann ist seit 1995 Super­intendent im Kirchenkreis Stendal, der Dienstälteste, wie er sagt. Seit er das Amt innehat, habe ihn vorrangig die Arbeit an Strukturen beschäftigt. Mehr als 20 Jahre struktureller Um- und Rückbau! Ermüdung mache sich bemerkbar.

»Die im Stellenplan 2019 vorgesehene Reduzierung betrifft uns nicht«, sagt hingegen Ronny Hillebrand. Dank der stabilen Zahlen im Kirchenkreis und einer vorausschauenden Planung. Die meisten Pfarrer arbeiten Teilzeit. Vollzeitstellen gäbe es nur wenige. Der Stellenplan schreibe 23 Pfarrstellen vor, von den derzeit etwa 25 besetzten Stellen müssten also zwei gestrichen werden. Doch mit der Teilzeitregelung seien die bereits jetzt schon eingespart, erklärt der Pfarrer.

Auf dem Land sind freilich auch positive Signale zu erkennen: Engagierte Menschen und viele Ideen, berichtet Kleemann. Eine Idee heißt: Baufasten im Kirchenkreis. »In den vergangenen 25 Jahren sind Millionen und Abermillionen ins Bauen investiert worden«, erläutert der Superintendent. »Wir sind flächenmäßig gut bestellt. Wir haben gute Einnahmen aus den Ländereien.«

Allerdings ist er unzufrieden, weil diese Einnahmen in den Baulastfonds fließen. Stattdessen wünscht sich Kleemann, dass die Kirche mit den finanziellen Mitteln kreativ umgeht und nach anderen Regelungen sucht. Dass etwa die Einnahmen aus den Ländereien nicht nur in den Baulastfonds fließen, sondern auch für Personalkosten verwendet werden können. Einen entsprechenden Antrag werde der Kirchenkreis an die Landessynode richten.

Sabine Kuschel

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von redaktionguh  
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Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

Gespräche am Küchentisch

17. April 2016 von redaktionguh  
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Frühjahrssynode: Im Kirchenparlament wird debattiert, um Formulierungen gerungen und werden Entscheidungen gefällt

Kloster Drübeck, zwischen Ilsenburg und Wernigerode im Harz, ist ein idyllischer Ort der Einkehr – und im Frühjahr Tagungszentrum der Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Das Mobiltelefon zeigt »kein Netz« und auch der klostereigene, drahtlose Internetzugang scheint auf den Modus Kontemplation eingestellt. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich die Eignung für die Tagung eines Kirchenparlaments. Gerade weil hier die Uhren langsamer gehen und die mediale Ablenkung durch die Klostermauern abgehalten wird, muss man sich real begegnen, sei es in der Klosterkirche, in der großen und kleinen Scheune, bei den gemeinsamen Mahlzeiten oder abends in der Weinstube. Anders als bei der Herbstsy­node in Erfurt geht es längst nicht so geschäftsmäßig zu, und auch der Bericht der Bischöfin scheint von der Kloster­idylle inspiriert.

Sie hat zur Illustration eine Farbe gewählt: rosa. Nicht die rosarote Brille, sondern die seltene liturgische Nebenfarbe. Nur zweimal im Kirchenjahr, am 2. Sonntag der Passionszeit und am 4. Advent, ist sie vorgesehen. In der Erläuterung der Liturgischen Konferenz heißt es dazu: »Wegen des freudigen Charakters des Tages kann das Violett zum Rosa aufgehellt sein.« Rosa, gleich Kleinmädchenkultur? Nein, für die Bischöfin steht die Farbe für das Evangelium: »Mitten in unser Leiden, mitten in Schweres und Dunkles hinein lässt Gott das Licht des unvergänglichen Lebens leuchten.« Gottes Lebenskraft gebe dem Leiden und der Not eine Perspektive. Und so die Bischöfin weiter: »Es geht darum, dass wir unsere Träume nicht vergessen.« Die Welt sei nicht rosarot und der Mensch nicht perfekt, aber die liturgische Farbe rosa, das mit heller Freude durchmischte Violett, mitten in der Passions- und Bußzeit, stehe für Hoffnung und Perspektive. »Gottes Lebenskraft, stärker als alle Not, stärker als der Tod«, so Junkermann. Dass sie die Entwicklung in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) durchaus nicht nur rosig betrachtet, daraus machte die Landesbischöfin keinen Hehl. Der Optimierungsdruck gaukle vor, dass es optimale Lösungen gäbe, man müsse sich nur genug anstrengen. Ein Leben unter Dauerdruck schade aber dem Einzelnen und letztlich der Gesellschaft. Junkermann plädierte für Küchentischgespräche anstelle von Patentrezepten oder schnellen Lösungen.

Mit dem Motiv »Ort der Geborgenheit« zur Jahreslosung illustrierte Landesbischöfin Ilse Junkermann ihren Bericht. Die Karte ist zu beziehen bei EFiD Evangelische Frauen in Deutschland. Foto: Three red apples Dawn D. Hanna / Getty Images

Mit dem Motiv »Ort der Geborgenheit« zur Jahreslosung illustrierte Landesbischöfin Ilse Junkermann ihren Bericht. Die Karte ist zu beziehen bei EFiD Evangelische Frauen in Deutschland. Foto: Three red apples Dawn D. Hanna / Getty Images

Nicht am Küchentisch, aber im Plenum wurde konstruktiv und kontrovers diskutiert. Wie über den Antrag des Jenaer Theologieprofessors Manuel Vogel. Die Landessynode möge sich den Einschätzungen der Extremismusforscher Oliver Decker und Matthias Quent anschließen und die Alternative für Deutschland (AfD) als »eine in Teilen rechtsextreme Partei« bezeichnen. Der Stendaler Superintendent Michael Kleemann teilte zwar die Einschätzung Vogels, hielt aber das Kirchenparlament nicht für den passenden Rahmen eines solchen Beschlusses. Der Erfurter Journalist und Historiker Jan Schönfelder meinte, dass die Synode kein Etikett für eine Partei vergeben sollte. Dem widersprach der Synodale Philipp Huhn. Der aus Hessen stammende Vertreter des Landesjugendkonvents hatte sieben Jahre Björn Höcke, den heutigen AfD-Fraktionsvorsitzenden im Thüringer Landtag, als Klassenlehrer. Für ihn, Huhn, sei die AfD eine »Nazipartei«, von der man sich distanzieren müsse.

Der Magdeburger Richter Jan Lemke hielt es für bedenklich, lediglich die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Extremismusforscher in einem Synodenbeschluss zu bestätigen. Das sei so, als würde sich die Landessynode einer ärztlichen Diagnose anschließen. Die Arnstädter Superintendentin Angelika Greim-Harland sieht die Gefahr, dass mit der Etikettierung der AfD Gemeindemitglieder ausgegrenzt würden. Auch Landesbischöfin Ilse Junkermann wollte nicht pauschal die Menschen, die die AfD gewählt hatten, verurteilen. Allerdings müssten die menschenfeindlichen und antidemokratischen Standpunkte deutlich benannt werden. Das sei im kritischen und zugleich respektvollen Gespräch auch mit Menschen, die extreme und extremistische Ansichten verträten, möglich und notwendig.

Für den Eisenacher Regionalbischof, Propst Christian Stawenow, könne für Christen nur der durch die Liebe tätige Glaube Maßstab sein. Er halte die AfD für rechtsextrem und menschenfeindlich, damit für Christen nicht wählbar. Die klaren Worte der Bibel ließen keine Spielräume, ergänzte ein anderer Synodaler. Der Elbingeroder Pfarrer Ernst-Ulrich Wachter gab zu bedenken, dass, bei einer Stigmatisierung der AfD, die Bindung einzelner an die Partei sich erst recht manifestieren könnte. Ziel müsse aber eher die Schwächung der AfD sein. Er sprach sich dafür aus, den Antrag auch auf andere rechtsextreme Gruppierungen auszudehnen.

Der Antrag wurde im Ausschuss für ökumenische, gesamtkirchliche und Öffentlichkeitsfragen beraten. Der Beschluss, zum Ende der Landessy­node verabschiedet, liest sich dann so: »Wir beobachten, dass rechtsextreme, menschenfeindliche und demokratieverachtende Positionen nicht nur von Teilen der AfD, sondern auch von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft und aus christlichen Gemeinden vertreten werden.« Die Synode tritt gegen Ausgrenzung und Abwertung von Minderheiten, die Verrohung der politischen Kultur sowie die zunehmende Gewaltbereitschaft ein. Gedankt wird allen demokratischen Kräften, die rassistischen und diskriminierenden Äußerungen widersprechen und eine klare Haltung zeigen.

Willi Wild

www.ekmd.de/kirche/landessynode/tagungen

Noch nicht barrierefrei

21. Februar 2016 von redaktionguh  
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Landtagswahl: Behindertenbeauftragter informiert in Neinstedt über politische Teilhabe

Kein Versuchsballon sollte die Veranstaltung in der Evangelischen Stiftung Neinstedt sein, sondern ein deutliches Zeichen, so der Landesbehindertenbeauftragte Sachsen-Anhalts, Adrian Marevoet. In fünf Einrichtungen zwischen Wittenberg und dem Südharz beantworten er und Laura Lubinski von der Landeszentrale für politische Bildung alle Fragen rund um die Landtagswahl am 13. März. Was Maerevoet kategorisch unterstreicht: »Wir sagen hier nicht, wen Sie wählen sollen.«

In der Evangelischen Stiftung Neinstedt dürfen die Bewohner schon einmal probehalber ihre Stimme abgeben. Am 13. März wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Foto: Uwe Kraus

In der Evangelischen Stiftung Neinstedt dürfen die Bewohner schon einmal probehalber ihre Stimme abgeben. Am 13. März wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Foto: Uwe Kraus

Für Maerevoet, der nicht zwischen Gesunden und Menschen mit Handicap unterscheiden mag, sind die Rechte der Klientel, die er engagiert vertritt, »in diesem Land noch nicht perfekt umgesetzt«. Dass er so durch die Lande tourt im Vorfeld von Wahlen, das ist neu. Wer fragt schon, ob Mitbürger, die blind, taub, von Epilepsie, Beinamputation oder Downsyndrom betroffen sind, wählen können und überhaupt dürfen? Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte rügt sogar, dass Deutschland von allen Staaten der Europäischen Union Menschen mit einer geistigen Behinderung am stärksten von der politischen Teilhabe ausschließe. Hindert eine Behinderung Mitbürger am Politisch-Sein? Warum sollen die Bewohner der Neinstedter Stiftung nicht wählen dürfen, wer künftig ihr Blindengeld per Gesetz kürzt, ihre Betreuungssätze anhebt oder das Geld genehmigt, um die Werkstätten zu renovieren. Um die Bewohner und Mitarbeiter der Stiftung besser politisch zu informieren, sollen in den kommenden Wochen die Direktkandidaten des Wahlkreises 30 Neinstedt besuchen und Rede und Antwort stehen, kündigt Stiftungsvorstand Hans Jaekel an.

Adrian Maerevoet gibt sich redliche Mühe, seine Botschaft in der Evangelischen Stiftung Neinstedt rüberzubringen. Der Mann, der für die Belange von 260 000 Einwohnern Sachsen-Anhalts zuständig ist, weiß: Politische Mitbestimmung in Deutschland ist nicht barrierefrei. Und hunderte Wahllokale für den 13. März sind es ebenso nur bedingt. Mit ihrer Frage spricht Alexandra Schmidt ein weiteres Thema an: »Welche Partei hat ihr Wahlprogramm in leichter Sprache vorgelegt?« Maerevoet meint, »Einzelne, aber wir können hier nicht alle Programme vorstellen.« Er empfiehlt den Bewohnern der Evangelische Stiftung Neinstedt »einen Menschen ihres Vertrauens« mit in die Wahlkabine zu nehmen. Als Hilfsmittel kann eine Schablone mit Braille-Schrift beantragt werden. Die wird nur einmal genutzt und dann vernichtet. Zudem gibt es den Wahlzettel in einer Hörversion. Er rät zudem zur Briefwahl, um in aller Ruhe eine Entscheidung treffen zu können.

Wie all das Technische rund um die Wahl funktioniert, das erklärt auch Laura Lubinski von der Landeszentrale für politische Bildung. »Wahlbenachrichtigung – das ist die Karte mit zu viel Text«, sagt sie. Und die Wahl selbst: »Zwei Kreuze, falten, fertig«, umschreibt sie den Ablauf, den viele der Gäste des Forums in der Aula selbst testen möchten. In einer Wahlkabine und mit Stimmzetteln können sie die Wahl schon einmal ausprobieren.

Bei weiteren Fragen empfiehlt Adrian Marevoet noch eine auf Menschen mit Behinderungen abgestimmte Broschüre des Landes. »So einfach geht Wählen« heißt die Veröffentlichung in Großschrift.

Uwe Kraus

Weitere Termine: Am 24. 2., 10.30 Uhr in der Paul-Riebeck-Stiftung zu Halle und am 29. 2., 10.30 Uhr in der Borghardt Stiftung zu Stendal

Die guten Seelen von Gleis 1

7. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Gelebte Hilfsbereitschaft: Das Team der Bahnhofsmission Stendal erleichtert Reisenden das An- und Weiterkommen

Es gibt Menschen, die durch ihre Herzlichkeit berühren. Dazu gehört zweifelsohne Patricia Kalz, Leiterin der evangelischen Bahnhofsmission in Stendal.

Wer am Bahnhof Stendal ankommt und Hilfe braucht, ist bei Patricia Kalz und ihren neun ehrenamtlichen Mitstreitern gut aufgehoben. Ob sie eine Umsteigehilfe benötigen – das sind die meisten, denn es gibt keine Aufzüge – oder von einem Zugbegleiter mit Sack und Pack auf dem Bahnsteig abgesetzt worden sind; ob sie nicht lesen können oder als Flüchtlinge die deutsche Sprache noch nicht beherrschen: Für die guten Seelen der Bahnhofsmission gibt es keine »Mission impossible« (unlösbare Aufgabe), sie finden immer einen Weg.

So viele Helfer auf einmal – das ist auch für Sigrid Hain (2. v. re) außergewöhnlich. Sie fährt regelmäßig über Stendal und nimmt dort die Umsteigehilfe des Teams der Bahnhofsmission in Anspruch: Manfred und Patricia sowie Sabine Kalz, dahinter Eddi Perez (Mitarbeiter der Bundesbahn) und »Bufdi« Vanessa Dieme (v. li. n. re.). Foto: Adrienne Uebbing

So viele Helfer auf einmal – das ist auch für Sigrid Hain (2. v. re) außergewöhnlich. Sie fährt regelmäßig über Stendal und nimmt dort die Umsteigehilfe des Teams der Bahnhofsmission in Anspruch: Manfred und Patricia sowie Sabine Kalz, dahinter Eddi Perez (Mitarbeiter der Bundesbahn) und »Bufdi« Vanessa Dieme (v. li. n. re.). Foto: Adrienne Uebbing

Das Ehepaar Kalz könnte eigentlich den Ruhestand genießen. Acht Kinder haben die beiden gemeinsam großgezogen; mit 49 Jahren machte Patricia Kalz – »mal eben« – noch den LKW-Führerschein und fuhr mit einem 40-Tonner im Dienst einer Spedition kreuz und quer durch Europa. Ihr Mann war da schon einige Jahre als Kraftfahrer unterwegs. Kurze Zeit saßen sie auch Seite an Seite im Fahrerhaus.

Für den ruhigen Lebensabend war schon ein Wohnwagen angeschafft, um ohne Zeitdruck auf große Tour zu gehen. »Den haben wir aber schnell wieder verkauft«, erzählt Manfred Kalz. Die Eheleute sind eine Frau und ein Mann der Tat; das merkt man, wenn man mit ihnen spricht. Sie seien ein Leben lang arbeiten gewöhnt, da kam Müßiggang irgendwie nicht infrage. Und es gibt auch einen spirituellen Hintergrund für ihr Engagement in der Bahnhofsmission: »Im Gebet höre ich Gott, wie er mir sagt: Da will ich dich jetzt haben, da brauche ich dich.« Dieses Gottvertrauen trage sie, trotz einiger Schicksalsschläge, da sind sich beide einig.

Als Gemeindeleiterin Dorothee Oesemann von der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Stendal, der das Ehepaar angehört, sie 2011 für die Bahnhofsmission angeworben hat, konnten sie sich »ehrlich gesagt, gar nichts darunter vorstellen«. Zwischenzeitlich hatte Patricia Kalz Praktika bei verschiedenen diakonischen Einrichtungen absolviert, rückblickend eine gute Vorbereitung für ihre Arbeit. Denn oft haben sie es an Gleis 1 mit Menschen am Rande der Gesellschaft zu tun, mit Gestrandeten. Als nach einem Jahr Mitarbeit die Bitte an sie herangetragen wurde, die Leitung der Stendaler Bahnhofsmission zu übernehmen, habe sie zunächst abgewinkt. Und doch stellte sie sich schließlich der Herausforderung.

»Mein Leben ist ein Roman«, sagt Patricia Kalz lachend – und dank ihres Engagements bei der Bahnhofsmission kann sie dem noch so manches Kapitel hinzufügen. Sie erzählt von einem Niederländer, der mit Koffer und Klapprad aus dem IC aus Berlin »flog«. Sein Fehler: Er hatte das Rad vorher nicht angemeldet. Ganz verzweifelt sei der gewesen, weil er doch ein Vorstellungsgespräch in Arnheim hatte, so Patricia Kalz. Glücklicherweise hatte der junge Mann eine großräumige Tasche dabei, in die das Rad passte. Derart verpackt, durfte er es im nächsten Zug als Handgepäck mitführen. Vorher hatte ihm Patricia Kalz allerdings noch mit viel Überzeugungskraft die Weiterfahrt erstritten. »Seine Zukunft hängt doch davon ab«, habe sie dem Zugbegleiter zugerufen, und der hatte ein Einsehen und nahm den Holländer mit.

Diese Momente, in denen sie ganz konkret helfen können, bestärken sie in ihrem Tun: »Ich stehe morgens mit einem guten Gefühl auf und schlafe abends mit einem guten Gefühl ein«, bringt es die 18-jährige Vanessa Dieme, die derzeit hier ihren Bundesfreiwilligendienst ableistet, auf den Punkt. Die junge Frau in der blauen Weste, die sie als Teil des Teams ausweist, strahlt: »Ich bin stolz darauf, in der Bahnhofsmission zu arbeiten!« Manchmal hat es auch etwas von Abenteuer, dieses Ehrenamt. Einmal habe sie einen Mann mit gesundheitlichen Problemen entgegen der Regel kurzerhand selbst ins Abteil gebracht, weil der Zugbegleiter nicht greifbar war, so Patricia Kalz. Zu dumm nur, dass sie dann nicht mehr rechtzeitig aus dem Zug kam und bis Wolfsburg mitfahren musste …

Ihre Wege und die der Hilfesuchenden kreuzen sich nur; es sind also Geschichten ohne Anfang und Ende, die die Mitarbeiter der Bahnhofsmission erleben. So erfuhren sie nie, ob der junge Holländer bei seiner Bewerbung erfolgreich war oder der kranke Fahrgast sein Ziel erreicht hat. Das sei eigentlich schade. Manchmal komme aber doch im Anschluss ein Anruf, ein Dankeschön. Und das freut die Frauen und Männer in den blauen Westen jedes Mal.

Adrienne Uebbing

Geöffnet montags bis freitags, von 9 bis 17 Uhr. Umsteigehilfen können vorab vereinbart werden, Telefon (0 39 31) 4 10 82 89

www.kirchenkreis-stendal.de/bahnhofsmission

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