Gemeinsam unterwegs zum Reformationsjubiläum
26. August 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Mitteldeutschland
Comments Off

Wollen in Sachen Luther 2017 intensiver zusammenarbeiten: die Kultusminister Stephan Dorgerloh aus Sachsen-Anhalt und Christoph Matschie aus Thüringen (v.l.). In Wittenberg wurde eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet. (Foto: Thomas Klitzsch)
Thüringen und Sachsen-Anhalt wollen ihre Zusammenarbeit auf dem Weg nach 2017 verstärken.
Unter dem alten Apfelbaum im Garten des Wittenberger Lutherhauses war eine große Kaffeetafel aufgebaut. Harmonisch sollte es aussehen, als Thüringens Kultusminister Christoph Matschie und sein Magdeburger Amtskollege Stephan Dorgerloh am Montagnachmittag eine Pressekonferenz zur Zusammenarbeit der mitteldeutschen Länder in der Reformationsdekade gaben. Denn künftig will man, allen bisherigen medialen Unkenrufen zum Trotz, gemeinsam auf den 500. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag zugehen.
»Ab sofort beteiligen sich auch Sachsen und Thüringen an der Finanzierung der Geschäftsstelle Luther 2017«, erklärte Stephan Dorgerloh. 65000 Euro pro Jahr wollen die beiden Länder künftig für das zentrale Koordinierungsbüro zur Verfügung stellen, das bislang vor allem von Sachsen-Anhalt getragen wurde. »Wir zeigen damit, dass wir zusammen mehr erreichen wollen«, betonte Matschie. »Thüringen steht zu seiner Verantwortung für die Reformationsdekade.«
Dazu unterzeichneten der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Stefan Rhein, und der Burghauptmann der Wartburg, Günter Schuchardt, eine Kooperationsvereinbarung. Obwohl beide Einrichtungen schon lange und erfolgreich zusammenarbeiten, werde so noch einmal »festgestellt, dass es auf dem Weg nach 2017 weitere gemeinsame Projekte geben wird«, sagte Dorgerloh.
Zu den Höhepunkten der künftigen Kooperation soll vor allem das Cranach-Jahr 2015 zählen: »Die Wartburg hat einen wunderbaren Bestand an Cranach-Werken«, so Dorgerloh. Sie sollten in das Programm des Cranach-Jahres ebenso eingebunden werden wie die Bestände in Gotha, Weimar, Jena und der anhaltischen Gemäldegalerie. Und das kommende Jahr der Reformationsdekade, das sich schwerpunktmäßig dem Thema Reformation und Musik widmen wird, soll in Eisenach eröffnet werden.
»Kein Land kann alleine die Arbeit der Reformationsdekade bewältigen«, sagte Matschie. Daher wolle man die bisherige Zusammenarbeit der Bundesländer in den kommenden Jahren deutlich verbessern. Von außen sei Mitteldeutschland sowieso als Lutherland wahrnehmbar. »Da spielen Ländergrenzen keine Rolle.«
Benjamin Lassiwe
Ein Bildungs- und Kulturprofi aus christlicher Verantwortung
18. April 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt plus

Visionen für Bildung: Stephan Dorgerloh (Foto: EKM/Seifert)
Stephan Dorgerloh, EKD-Beauftragter für die Lutherdekade, wird Kultusminister in Sachsen-Anhalt.
Mit langfristigen Bildungsprojekten kennt sich Stephan Dorgerloh bestens aus. Ob als Studienleiter der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg, als ihr langjähriger Direktor oder zuletzt als EKD-Beauftragter für die Lutherdekade, stets hat sich der 45-jährige Theologe aus christlicher Verantwortung bildungspolitisch engagiert. »Jetzt freue ich mich auf eine neue Aufgabe«, sagt er. Dabei muss der bisherige Prälat beweisen, dass er auch als Kultusminister in Magdeburg einen langen Atem hat. Am 19. April soll Dorgerloh das Amt von Birgitta Wolff (CDU) übernehmen, die künftig an der Spitze des Wirtschaftsressorts steht.
Ganz überraschend kommt der Wechsel des Lutherbeauftragten in die Politik freilich nicht. Bereits vor der letzten Landtagswahl 2006 gehörte der Theologe zum Kompetenzteam des SPD-Spitzenkandidaten Jens Bullerjahn. Zwei Dinge hat sich der Pfarrer, der 1998 in die SPD eingetreten ist, auf die Fahnen geschrieben. So will er den im Bildungskonvent angestoßenen Prozess aktiv mitgestalten. »Wir brauchen mehr Bildungsgerechtigkeit und mehr Qualität in den Schulen«, ist er überzeugt. Dass die Bereitschaft zu Reformen nicht sonderlich ausgeprägt ist, weiß Dorgerloh nur zu genau. Dennoch will er Veränderungen mit Augenmaß anstoßen und »die Menschen dabei mitnehmen«. Einen Schritt sieht er in der Einführung der Gemeinschaftsschule auf freiwilliger Basis, wenn also Eltern, Lehrer und Schulträger dazu bereit sind.
Sein zweites großes Thema wird ein Landeskulturkonzept für Sachsen-Anhalt sein. »Wir brauchen dringend eine Verständigung darüber, wo wir Schwerpunkte setzen wollen in einem vom demografischen Wandel gekennzeichneten Land.« Ein Kulturkonvent soll dabei helfen, Leitlinien über den Tag hinaus zu entwickeln. Ganz fremd ist ihm das Thema ohnehin nicht. Bevor er den Bildungsbereich übernommen hat, leitete er zwei Jahre lang den SPD-Fachausschuss Kultur. Zudem hat er schon als Akademiedirektor und Lutherbeauftragter einen engen Draht zu Kunst und Kultur gepflegt. In den Kirchen sieht er sogar einen der größeren Kulturträger.
Die Sorgen, er werde ihr gegenüber besonders distanziert agieren, um nicht den Eindruck zu erwecken, er bevorzuge die Kirche, teilt er nicht. Er werde eine professionelle Beziehung pflegen. Seine Herkunft will Dorgerloh dabei nicht verleugnen. »Wir haben einen katholischen Ministerpräsidenten und einen evangelischen Kultusminister, das ist doch eine schöne ökumenische Ausrichtung des Kabinetts«, findet er.
Zugleich freut sich der Politiker über weiter bestehende Berührungspunkte mit der Kirche und der Reformationsdekade. »Ich muss Luther ja nicht ganz ade sagen.« Schließlich werde er als Kultusminister in besonderer Weise weiterhin mit der Lutherdekade zu tun haben – nur eben auf der anderen Seite.
Martin Hanusch
Luther vom Sockel geholt
13. August 2010 von redaktionguh
Abgelegt unter Titelseite
Lutherdekade: An den Wittenberger »Lutherzwergen« scheiden sich die Geister.

Platzhalter: Am vergangenen Montag hat der Aktionskünstler Ottmar Hörl mit der Installation für die umstrittenen »Lutherzwerge« auf dem Wittenberger Marktplatz begonnen.
Der Countdown läuft: Bis Sonnabend sollen auf dem Wittenberger Marktplatz 800 ein Meter große Lutherfiguren aufgestellt werden. Bereits im Vorfeld hatte das Vorhaben des Aktionskünstlers Ottmar Hörl für einiges Aufsehen gesorgt.
Luther bunt und im Zwergenformat 800-fach auf dem Wittenberger Marktplatz – das polarisiert. In einem Internetforum der regionalen Tageszeitung sehen die Kommentatoren die Sache zunächst positiv. »Frischer Wind«, urteilt »Lizzy« und hofft auf mehr Touristen in Wittenberg. Was sie und auch »Wolfgang 63«, »K61«, »Sabine« und »Langhaarfan« bisher wohl noch nicht gehört haben: dass die Inszenierung auch von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mitverantwortet wird. Sie will mit den offiziell »Luther-Botschafter« genannten Figuren protestantische Inhalte vermitteln.
Werbeexperten zweifeln aber daran, dass die evangelische Botschaft ankommt. »Luther würde mit dem Tintenfass nach den Initiatoren werfen«, sagt der PR-Berater und frühere VW-Kommunikationschef Klaus Kocks. Die Aktion sei »peinlich und kontraproduktiv«, wettert er wie vor ihm der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer.
Kocks ist überzeugt, dass »Form und Art des Auftritts« im Widerspruch zu Luther und seiner Lehre stehen und dass die Aktion daher keine Werbung für Protestantismus machen kann. Die Kirche sollte sich gerade bei öffentlichkeitswirksamen Aktionen eher auf das Wort zurückbesinnen und Inhalte vermitteln, sagt der Politik- und Unternehmensberater. »Man muss sich mal vorstellen, der Platz vor dem Petersdom wäre mit Papstfiguren übersät«, sagt Kocks, der selbst der evangelischen Kirche angehört. »Was will man denn damit aussagen?«
Die Hamburgerin Eva Jung, die selbst Werbung für christliche Inhalte unter anderem für die Deutsche Bibelgesellschaft macht, bleibt ebenfalls skeptisch. »Das ist ein komischer Umgang mit Luther.« Die Kirche schaffe es nicht, aus ihren alten Gemäuern herauszukommen. »Zur entscheidenden Zeit war doch Luther ein junger Rebell«, sagt sie. Wenn der Reformator aber wie auf dem Wittenberger Denkmal, das Hörl für seine Aktion ins Miniaturformat kopierte, wieder als alter Mann gezeigt werde, führe dies auf die falsche Fährte.
Das wiederum findet der Wittenberger Superintendent Christian Beuchel überhaupt nicht. Die Aktion rege vielmehr dazu an, neu über Luther nachzudenken und über die Frage, welche Bedeutung er heute noch habe. »Ihn dazu vom Sockel zu holen, halte ich für eine gut Idee.«
Andere stößt dagegen ab, dass Luther im Anschluss der Aktion wie eine Heiligenfigur verkauft wird. Tatsächlich sollen die Figuren nach dem Abbau Mitte September für 250 Euro pro Stück veräußert und Hörls Kunstaktion dadurch refinanziert werden. PR-Berater Klaus Kocks spricht gar von einer »Kommerzialisierung des Glaubens« und »Tingeltangel mit Ablass«.
Prälat Stephan Dorgerloh, als EKD-Beauftragter in Wittenberg für die Aktionen in der Reformationsdekade bis 2017 verantwortlich, hört all die Kritik nicht zum ersten Mal. Er sagt, dass sich die Kirche, auch wenn sie das Projekt unterstütze und begleite, bei provozierender Kunst auch zurücknehmen müsse. »Und wo findet moderne Kunst schon hundertprozentige Zustimmung?« Schließlich sei die EKD auch finanziell nicht an der Aktion beteiligt. Der Künstler nehme das ganze Risiko auf sich, so Dorgerloh.
Der Beauftragte ist überzeugt, dass die Aktion bereits jetzt einen großen Teil des mit Hörl abgemachten evangelischen Auftrags erfüllt habe. So wird der Kirchenkreis Wittenberg gemeinsam mit dem Predigerseminar täglich viertelstündige Lesungen von Luthertexten auf dem Marktplatz veranstalten. Jeweils werktags von 17.45 Uhr lesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche, aber auch des Predigerseminars und der Evangelischen Akademie unter dem Motto »O-Ton Luther« Texte des Reformators vor. Sonntags beginnt die Lesung bereits um zwölf Uhr, dann kommt zudem Live-Musik dazu. »Das Kunstwerk ist also Anlass, sich inhaltlich mit Luther zu beschäftigen«, freut sich Dorgerloh.
Ob es gelingt, »wenigstens nachträglich dem ganzen Sinn zu verleihen«, sieht hingegen der ehemalige Superintendent Albrecht Steinwachs skeptisch. Auch Werbeexpertin Eva Jung bleibt zurückhaltend. Es gelte abzuwarten, worüber in Wittenberg mehr geredet wird: Über die Figuren oder über Luther. »Wenn die Diskussion sich mehr um die Zwerge dreht, ist sie eigentlich den Atem nicht wert.«
Corinna Buschow (epd/mkz)






