Mitten im Leben ein Ort zum Sterben

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Gemeinschaftsprojekt: In Jena beginnt in Kürze der Bau eines Hospizes, das von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragen wird.

Vom »Wohnzimmer« der Palliativstation des Universitätsklinikums Jena (UKJ) geht der Blick zur nahen Lobdeburg. Direkt vor dem Fenster leuchten Bäume und Hartriegelsträucher in Gelb und Rot. 2009 wurde dieser Komplex eröffnet, der sich als einzelnes Gebäude an das Ende der Magistrale anlehnt. Hierher kommen Menschen, die Linderung für ihre Leiden suchen. Heilung ist nicht mehr möglich. Dr. Ulrich Wedding hat diese interdisziplinäre Einrichtung mit einem Team von Internisten, Schmerztherapeuten, Psychologen, Seelsorgern und Pflegekräften aufgebaut. Die Betreuung ist komplex und schließt Angehörige mit ein.

Für den engagierten Arzt wird mit dem Bau des Hospizes nun eine Lücke in der Betreuung gefüllt, die eine Palliativstation nicht leisten kann. »Wenn es Menschen nicht möglich ist, in der häuslichen Umgebung zu sein, möchten wir einen Ort anbieten, wo sie sich zu Hause fühlen können. Es wird ihnen hier ermöglicht, sie selbst zu bleiben«, erklärt Ulrich Wedding.

Um das Projekt Hospiz auf den Weg zu bringen, hat sich am Nikolaustag 2014 eine Hospiz- und Palliativstiftung gegründet. Ihr gehören neben Sozialträgern wie der Diakonie, den Johannitern, der AWO, dem DRK und Reha aktiv 2000 auch die Kirchenstiftung St. Michael, die jenawohnen GmbH und zahlreiche Privatpersonen an.

Ein erster Spendenaufruf stieß auf breite Resonanz. Monat für Monat gehen Spenden ein, die jüngste mit einem fünfstelligen Betrag von der Heimstätten Genossenschaft. Die Idee, das Projekt auf breiten Schultern zu tragen, ist aufgegangen. »Wir haben versucht, ganz offen zu kommunizieren und die Nachbarschaft einzubeziehen«, sagt Ulrich Wedding, Vorstand der Stiftung.

Der Stadtrat hat 200 000 Euro Anschubfinanzierung bewilligt – einstimmig. Die Stiftung braucht eine halbe Million Euro für die Innenausstattung der 14 Zimmer; 12 sind für Patienten vorgesehen, zwei für Angehörige. Den Bau bewerkstelligt die Stadtwerke-Tochter jenawohnen, die das Objekt nach seiner Fertigstellung an den Mieter Hospiz übergibt.

In Würde sterben, dafür engagiert sich seit Jahren auch Claudia Koppe, die ihren Freund auf der Palliativstation begleitet hat. Sie erlebte in der schweren Zeit Hilfe durch die Mitarbeiter der Palliativstation, die sich intensiv kümmerten. Sie sah aber auch, dass Geld fehlte für jemanden, der außerhalb der stationären Versorgung individuelle Wünsche wie Vorlesen oder Besorgungen erfüllen kann. Der von ihr mitbegründete Verein »Leben heißt auch Sterben« organisierte inzwischen die zweite große Wohltätigkeitsveranstaltung, mit der das Thema in die Bevölkerung getragen wurde.

So soll es aussehen: Eingebettet im Grünen und in eine belebte Nachbarschaft gestaltete ein Architekturbüro aus Dortmund seine Vorstellung vom zukünftigen Hospiz in Jena. Der Entwurf konnte sich bei einem Wettbewerb durchsetzen. In einem Jahr soll die Einrichtung eröffnet werden. Entwurf: Gerber Architekten/jenawohnen

So soll es aussehen: Eingebettet im Grünen und in eine belebte Nachbarschaft gestaltete ein Architekturbüro aus Dortmund seine Vorstellung vom zukünftigen Hospiz in Jena. Der Entwurf konnte sich bei einem Wettbewerb durchsetzen. In einem Jahr soll die Einrichtung eröffnet werden. Entwurf: Gerber Architekten/jenawohnen

Die Beträge, die dabei eingespielt werden konnten, kamen der Palliativstation für diese zusätzliche Betreuung zugute. »Die Bewahrung der Individualität ist ganz wichtig. Die Betroffenen brauchen Zeit für die Umstellung auf die Krankheit. Deshalb haben wir die ›gute Seele‹ mitfinanziert. Aktuell sind wir gerade dabei, Friseure zu suchen. Denn das Aussehen spielt für die Würde eine große Rolle«, erzählt Claudia Koppe. Drei Friseure haben sich bereits gemeldet, die ehrenamtlich helfen wollen. Der Verein hat auch schon das Mitarbeiterteam zum Konzert eingeladen – als Anerkennung für die hervorragende Arbeit, die geleistet wird.

Als Claudia Koppes Freund auf der Palliativstation lag und es sich abzeichnete, dass er nicht mehr nach Hause kann, blieb das Hospiz in Bad Berka als einzige Möglichkeit. Sie ist froh, dass jetzt so eine Einrichtung in Jena entsteht: »Ich finde den Standort mitten im Wohngebiet genau richtig. Das Thema Sterben ist in unserer Gesellschaft so ausgegrenzt.«

Das Hospiz wird in Lobeda in unmittelbarer Nähe zur Lobdeburgschule und zu Wohnhäusern gebaut. »Ich persönlich finde das gut«, sagt Barbara Wrede, Leiterin der Einrichtung mit Grund-, Regel- und Gymnasialausbildung. »Es bringt einen anderen Ansatz zum Nachdenken über das Leben.« Als sie vor Jahren im Ethikunterricht das Sterben thematisierte, haben sich ein paar Schülerinnen dafür bedankt. Mit Kindern, die zu Besuch auf die Palliativstation kamen, hat Ulrich Wedding schon gute Erfahrungen gemacht.

Um das Gebäude wird ein grüner Gürtel geschaffen, der bis in die Innenhöfe hineinreicht. So können bewegungseingeschränkte Menschen noch die Außenwelt wahrnehmen.

Für die Betroffenen ist es ein Spagat zwischen Hoffnung und Verzweiflung. »Was mehr Gewicht hat, ist individuell sehr unterschiedlich. Manchen gelingt es, eine Gelassenheit zu entwickeln oder auf Gottvertrauen zu setzen«, erzählt Wedding. Zum Nikolaustag 2018 soll das Hospiz im Jenaer Stadtteil Lobeda eröffnet werden.

Doris Weilandt

www.hospiz-jena.de

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Lebensmut am Sterbebett

15. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Vor 35 Jahren wurde in der Schweiz der Verein Exit gegründet. Sein Ziel: Unheilbar kranke Menschen sollten (und sollen) den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen dürfen. Ein Jahr später, es war 1983, wurde in Deutschland an der Uniklinik Köln die erste Palliativstation gegründet. Ihr Ziel: Unheilbar kranke Menschen sollten (und sollen) am Lebensende selbstbestimmt und ohne Schmerzen auf ihren Tod warten dürfen.

Aus den zarten Anfängen hat sich ein immer dichteres Netz von Hospizarbeit entwickelt. Deren Verdienst: Tod und Sterben sind nicht mehr die gesellschaftlichen Tabuthemen, die sie einmal waren. Zwei Drittel der Deutschen wissen, worum es bei der Hospizarbeit geht. Immer häufiger können Sterbenskranke ihre letzten Tage im Hospiz verbringen.

In Ruhe in einer vertrauten Umgebung sterben zu dürfen, ist ein Segen – 66 Prozent der Deutschen wünschen sich das. Doch nur für jeden Vierten geht dieser Wunsch in Erfüllung. 40 Prozent der Menschen sterben im Krankenhaus, 30 Prozent im Pflegeheim. Die Wartelisten der Hospize sind oft lang. Es ist dringend nötig, dass Hospizarbeit gestärkt wird.

Doch genauso wichtig ist, dass Pflegeteams in Altenheimen und Krankenhäusern mehr Zeit bekommen für die Begleitung Sterbender. Eine Nachtschwester, die im Schnitt für 52 Heimbewohner zuständig ist, hat keine Zeit, um am Bett eines Sterbenden zu sitzen.

Der Tod ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Der Hospizarbeit ist es gelungen, dem Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen zu verschaffen. Er wird deshalb nicht zum Freund. Aber so wird für manche aus Todesangst am Ende vielleicht sogar: Lebensmut.

Susanne Schröder

Die Autorin ist Redakteurin beim Bayerischen Sonntagsblatt

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Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


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Hoffnung und Gewissheit

10. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.

Jeremia 17, Vers 14

Am Freitag kam sie auf die Palliativstation – sie will auch nicht mehr. Müde ist sie – müde des Lebens. Die Operationen konnten den Krebs nicht aufhalten; Heilung ausgeschlossen. Der Krebs hat vollständig von ihrem Körper Besitz ergriffen – im Kopf und in Gedanken.

Am Freitag kam sie auf die Palliativstation – wie lange sie dort leben wird, weiß sie nicht. Sicher ist, sie wird dort sterben. Jetzt ist sie auf Hilfe angewiesen – mehr denn je. Nicht für die Bewältigung der letzten Tage, sondern sie braucht Hilfe für die Seele. Ihr wird geholfen ­– von ihrer Familie und ihren Freunden. Sie sind ihr nahe, verabschieden sich und sagen »Auf Wiedersehen«. Nicht »Lebe wohl!«, sondern »Auf Wiedersehen«, denn sie werden sich wiedersehen. Auch sie können keine Heilung bewirken. Aber sie versuchen zu helfen.

Anna Mittermayer, Vikarin in Krina

Anna Mittermayer, Vikarin in Krina

Abends, wenn sie nicht einschlafen kann, ist sie alleine mit ihren Gedanken. Sie hat mit dem Leben abgeschlossen und wartet. Angst vor dem Tod hat sie nicht, nur vor dem Sterben. Sie hat Gottes Ruf vernommen. Gott, der sie zu sich heimruft. Für die vielen Menschen, die sie kennen, zu früh – sie wird nicht einmal mehr 65 Jahre alt werden. Doch sie spürt den Ruf Gottes zum Heimkommen und auch dies ist ihr eine Hilfe.

Bald wird sie die Palliativstation verlassen – ihr Lebensweg wird zu Ende sein – und auch die Schmerzen haben ein Ende. Sie wird es geschafft haben: »Heile du mich, Herr, so werde ich heil.« Letztlich wird sie Heilung erfahren. Heilung, auf die wir alle hoffen. Und es wird mehr sein als Heilung. Erlösung von dem Leiden, von den Anstrengungen und dem Bemühen der Ärzte um Linderung der Schmerzen.

Zurück bleiben die Familie und Freunde. Zurück bleiben die Trauer und die Leere. Zurück bleiben die Hoffnung und die Gewissheit. Die Hoffnung, dass sie jetzt bei Gott ist; die Gewissheit, dass ihr Heilung widerfahren ist.

Ich bitte dich, Gott, für ihre Familie und Freunde: Hilf du ihnen, so ist ihnen geholfen.

Anna Mittermayer, Vikarin in Krina

Deutlicheres Zeichen

24. Februar 2015 von redaktionguh  
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Oft im Leben liegen Welten zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und im Sterben ebenfalls. Nach einer Umfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes von 2012 wollen etwa zwei Drittel der Befragten zu Hause sterben.

Tatsache aber ist: Die meisten Menschen, nämlich etwa die Hälfte der über 800 000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland sterben, befinden sich im Krankenhaus, und rund 20 Prozent in stationären Pflegeeinrichtungen. Weit verbreitet ist die Angst, in der letzten Lebensphase – bei Demenz oder unerträglichem Leiden – Würde und Selbstbestimmung zu verlieren, anderen und sich selbst nur eine Last zu sein. Unbegründet ist diese Angst nicht. Und angesichts von quälendem Verfall wird immer wieder die Forderung laut, diese Phase »selbstbestimmt« und von Ärzten assistiert abkürzen zu können.

Zu Recht ist in vielen Ländern die Selbsttötung straffrei. Und kein Mensch sollte von anderen moralisch verurteilt werden, der diesen Weg bei grausamer Krankheit und Symptomen, die kaum zu lindern sind, einschlägt. Sterben ohne Leiden, »kurz und schmerzlos«, gibt es für die meisten nicht. Zu Recht sollte aber der ärztlich oder gewerblich assistierte Suizid in Deutschland verboten bleiben. Denn hilflosen Menschen gebührt ein besonderer Schutz. Sie sollen sich darauf verlassen können, dass diejenigen, die sie pflegen, ihre Wünsche und Werte respektieren. Dazu kann auch der Wunsch nach Abbruch medizinischer Behandlung gehören, wenn der Sterbende ihn äußert oder in seiner Patientenverfügung festgelegt hat.

Der Einsatz für die Würde der Sterbenden, den Ärzte, Pflegepersonal, Seelsorger, Mitarbeitende in Hospizen und ehrenamtlichen Hospizdiensten leisten, ist dagegen ein deutlicheres Zeichen. Ein deutlicheres Zeichen, als es die Legalisierung einer Tötung auf Verlangen oder die Beihilfe zum Suizid je sein könnte.

Angela Stoye

Leben lassen, sterben lassen

10. Mai 2014 von redaktionguh  
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Was ist ein selbstbestimmtes Leben? Was ein selbstbestimmter Tod? Die Antworten sind schwieriger als manche meinen, die vollmundig davon reden. In beiden Fällen geht es ums Leben und um Würde. Die »Woche für das Leben« der Kirchen stellt in diesem Jahr die Schutzwürdigkeit des Lebens in den Mittelpunkt.

»Du sollst nicht töten«, das fünfte Gebot gibt scheinbar eine eindeutige Richtlinie. Doch angesichts heutiger Medizintechnik, mit der zahlreiche lebensverlängernde Möglichkeiten verbunden sind, können Angehörige und Ärzte in Konflikt geraten. Ist bereits das Abstellen von Geräten Töten?

Jeder, der sich mit dem sogenannten selbstbestimmten Sterben auseinandersetzt, hat andere Gründe. Dazu gehört ganz sicher die Angst, »anderen zur Last« zu fallen. Sind alte Menschen nur Belastung? Hat nicht ein hilfsbedürftiger Mensch genauso seine Würde und ist Gottes geliebtes Geschöpf? Als Christen dürfen wir nicht zulassen, dass der Druck auf Alte und Kranke zunimmt und Leben nur nach Leistung beurteilt wird. Es wäre fatal, wenn ein »Aussortieren« am Lebensanfang und -ende zur Normalität würde.

Aber genauso müssen die Argumente jener, die für Straffreiheit in Sachen Sterbehilfe plädieren, gehört und ernst genommen werden. Was ist ihr Beweggrund? Warum ist für sie ein Leben als Pflegefall nicht mehr akzeptabel? Die »Woche für das Leben« kann den Austausch der Meinungen befördern. Die Kirche im Dorf und in der Stadt kann Mittelpunkt der Gespräche über leben lassen und sterben lassen werden. Wenn möglich über die »Woche für das Leben« hinaus. Zuhören ist da gefragt und nicht urteilen, schon gar nicht verurteilen. Das Leben am Anfang und am Ende gehört zu den wesentlichen Themen unserer Zeit, auf die es scheinbar immer weniger Antworten gibt. Trauen wir uns als Christen, mit Andersdenkenden diese zu suchen!

Dietlind Steinhöfel

Im ewigen Kreislauf der Schöpfung

29. März 2014 von redaktionguh  
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Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Johannes 12, Vers 24

Es sind die Kräfte des Frühlings, die den Menschen plötzlich ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Die Natur erwacht zu neuem Leben und bringt uns Hoffnung ins Herz.

Da möchte man am liebsten gar nichts mehr wissen vom Welken und Sterben. Unsere Gesellschaft bedient gern diese Vermeidungsstrategie: Warum sollte man erst den Tod Jesu bedenken, wenn man auch gleich bunte Ostereier und Freude haben kann?

Im ewigen Kreislauf der Schöpfung gibt es aber das eine nicht ohne das andere.

Jesus wusste, dass er sich nicht am Leid vorbeimogeln kann. Er hat uns aber auch gezeigt, dass das Leben nicht im Dunkel stehenbleibt, sondern sich wieder dem Licht entgegenstreckt.

Cornelia Bickelhaupt, Pastorin an der Kirche St. Trinitatis Sondershausen

Cornelia Bickelhaupt, Pastorin an der Kirche St. Trinitatis Sondershausen

Das Weizenkorn muss sterben, um zu einer fruchtbringenden Pflanze verwandelt zu werden, sagte er. Er wollte damit behutsam andeuten, dass sein Weg nicht am Sterben vorbeigeht, sondern nur da hindurch zu neuem Leben führen kann.

Das Weizenkorn wird in die Erde gelegt und stirbt. Es wartet dort, ruht und ist ganz allein. Das Korn in der Dunkelheit und Kühle der Erde sehnt sich nach Wärme und Licht. Ein winziger Keim reckt sich dem entgegen. Ein erstes Grün verheißt Hoffnung, und mit der Hoffnung wächst auch die Pflanze, um viele Körner zu tragen. Wer hätte das gedacht, dass in so einem kleinen Korn so große Möglichkeiten stecken, wenn man es loslassen und sterben lassen kann? So leuchtet uns in der Passionszeit schon von fern die Sonne am Ostermorgen.

Alles Sterben birgt die Hoffnung der Auferstehung in sich, auch wenn es uns schwerfällt und schmerzt und wir am liebsten gleich nur die reine Freude hätten. Jesus ist zu uns gekommen, damit wir das mit ihm erfahren können: Die Dunkelheit wird nicht bleiben. Das Licht ist stärker und verwandelt sie zu neuem Leben. Die Schöpfung zeigt es uns in jedem Frühling.

Cornelia Bickelhaupt, Pastorin an der Kirche St. Trinitatis Sondershausen

In den Sorgenhäusern des Lebens und des Sterbens

7. September 2013 von redaktionguh  
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Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
1. Petrus 5, Vers 7

Neben meinem Elternhaus stand eine Villa. Dort wohnte die feine Dame. Sie war alt, reich und trug Pelz im Winter. Während man bei uns die ­Kohlen vor den Hintereingang kippte, wurden sie bei ihr in den Keller getragen. Ich sehe die Männer noch vor mir. Tief gebeugt trugen sie die dicken ­Säcke auf dem Rücken. Die Arbeit war schwer, aber sehr begehrt. Denn am Ende bekam man dafür von der feinen Dame heimlich das bunte Geld aus dem Westen. Es war Gold wert. Damals.

Solche Träger sehe ich heute auch wieder. Nur sind keine Kohlen in ihren Säcken, sondern Sorgen. Die Sorgen der anderen. Und es gibt kein buntes Geld dafür. Ich sehe viele Träger ohne Lohn. Sie ­gehen in die Sorgenhäuser des Lebens und Sterbens: In die Klinik. Ins Pflegeheim. Ins Hospiz. Auch in die Häuser der bitteren Trauer. Dort füllen sie
ihre Säcke mit den Sorgen der Anderen. Manchmal einfach durch ihr Dasein und Schweigen.

Thomas Perlick, Pfarrer in Römhild

Thomas Perlick, Pfarrer in Römhild

Viele von ihnen tun das aus der Kraft solcher ­Bibelworte. Sie werfen ihre Sorgen auf IHN. Sie ­hoffen darauf, dass ER mit ihnen trägt. »Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.«

Was geschieht, wenn ich aus einer solchen Zusage lebe? Bin ich dann das Sorgengewicht meines Lebens los? Wohl kaum. Es ist eher so, als ob man eine schwere Last viele Kilometer lang getragen hat. Plötzlich spürt man, wie sie leichter wird. Ein Anderer trägt mit. Das ist eine wunderbare Erfahrung. Der Rücken streckt sich wieder durch. Das Laufen wird unbeschwerter. Und in den Königs­momenten der Lastenträgerei tanzt man nun sogar ein bisschen. Die Kraft dazu kommt aus der Erfahrung des ­mittragenden Christus und der Zusage: »Er sorgt für euch.«
Beides haben viele tief in ihren Herzen, wenn sie in die Sorgenhäuser des Lebens gehen. Sie füllen dort ihre Tragekörbe mit den Sorgen anderer. Als wären noch nicht genug eigene drin. Ich danke Gott, dass es diese Menschen gibt. Und den mittragenden Christus.

Thomas Perlick, Pfarrer in Römhild

Der letzte Schritt

9. Juni 2013 von redaktionguh  
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Sterbehilfe: Die Kunst des Sterbens – erdulden oder selbst Hand anlegen

Die Gewissheit, dass jeder sterben muss, geht einher mit der quälenden Ungewissheit, wie das sein wird. Können wir den Schritt aus dem Leben selbst gestalten?

Ich finde es anmaßend, einem Patienten mit unendlichen Schmerzen zu sagen, er dürfe nicht über Suizid nachdenken.« Die Magdeburger Klinikseelsorgerin Margitta Quast weiß, wovon sie spricht, als sie sich im Spiegelsaal-Gespräch zu Wort meldet. Das Evangelische Büro Sachsen-Anhalts und die Evangelische Akademie Wittenberg hatten eingeladen, unter dem Titel »Ars moriendi – Wie wollen wir sterben?« über das Sterben, über Suizid und die Beihilfe zum Selbstmord zu diskutieren.

Foto: Jean Kobben/Fotolia

Foto: Jean Kobben/Fotolia

Die christliche Ethik verbietet den Suizid generell, damit sei er groß geworden, sagte der Theologe im Ruhestand Harald Schultze. Dieser Meinung seien viele Theologen, antwortete der im Podium sitzende ­Theo­logie-Professor Knut Berner aus Bochum und verdeutlichte seine im Eingangsreferat geäußerte gegenteilige Ansicht: Suizid ist erlaubt, aber er sei nicht das Gebotene, unterstrich der Gast. Erlauben sei etwas anderes als Fürsprache. Selbst die Bibel verbietet den Selbstmord nicht. An sieben Stellen kämen Selbsttötungen vor – unkommentiert, weder befürwortend noch verurteilend. Wer nachforscht, findet sechs Stellen im Alten und eine im Neuen Testament. Das Matthäus-Evangelium berichtet lapidar von Judas: »Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich« (Matthäus 27,5). Soweit die theologische Theorie.

In der Praxis hat der zweite Gast im Podium beständig mit Krankheit und Sterben zu tun. Der Hospizdienst-Koordinator der Paul Gerhardt Diakonie Berlin, Klinikseelsorger und Pfarrer Uwe Weiß stellte nüchtern fest: »Ich habe über Jahre psychisch Kranke begleitet, da stellt sich die Frage ›erlaubt‹ nicht.«

Doch der Praktiker weitet auch den Blick: Eine Selbsttötung sei immer Ausdruck von Leid. »Darüber müssen wir als Christen reden, denn da haben wir etwas zu sagen. Als Theologen sind wir Fachleute für Leid. Denn Gott steht uns zur Seite, um das Leid zu erleichtern. Und zwar bis in den Tod.«

Angesichts von Sterben und Tod empfinden wir Ohnmacht. Quälend, wütend machend. Vielleicht resultiert aus diesem Gefühl in unserem ansonsten so gut plan- und bestimmbaren Leben der Wunsch, auch diese letzte Lebensphase ebenso gut planen und bestimmen zu können. Eben nicht mit dem Tod die Gestaltungsmacht aufgeben, die wir über unser Leben zu haben glauben. Berner wie Weiß achten die Selbstbestimmung hoch. Aber, so warnt Berner, es drohe eine Sogwirkung, dass der Suizid nicht nur gesellschaftsfähig, sondern sogar erwartet wird. »Wir müssen als Christen darauf hinwirken, dass er eben nicht das Gebotene ist!« Was nicht heißt, dass in konkreten Situationen der Wunsch, den Tod selbst herbeizuführen, einleuchtend ist.

Erlaubt ist es in Deutschland, ­einem Menschen dabei zu helfen. Beispielsweise ihm die notwendigen Mittel zu beschaffen. Aber geht die erlaubte Hilfe so weit, dass der Helfer dem Kranken, der nicht mehr selbst den Löffel halten kann, die Hand führt? Ethische und juristische Fragen türmen sich auf, in der Theorie wie im konkreten Einzelfall. Wie weit geht die Selbstbestimmung, wo wird der Sterbende fremdbestimmt? Dignitas oder Exit, Organisationen in der Schweiz, die Freitodbegleitung anbieten, verlangen ärztliche Gutachten, ehe sie helfen. Wird da nicht auch die viel gepriesene Selbstbestimmung eingeschränkt?

Theologisch ist es in Ordnung, die Selbstbestimmung zu achten und zu fördern, aber eine Aussage über gelingendes Sterben ist nicht möglich, stellte Knut Berner fest. Dem Tod sei nur Gottes Aktivität gewachsen; der Suizid aber fordere vom Menschen Aktivität gerade da, wo er sich endlich fallen lassen kann, mahnte er.

Es fällt schwer, Grenzen zu akzeptieren, konstatierte Landesbischöfin Ilse Junkermann, besonders die Grenze des Todes. Doch diese Akzeptanz sei nötig, um loslassen zu können. »Die Grenzerfahrung ist uns zum Teil verloren gegangen. Frühere Generationen hatten dafür Rituale«, stellte sie fest. Wem es im Leben nicht gelingt loszulassen, dem falle es auch im Sterben schwer, fügte sie hinzu. Insofern sei die Kunst des Sterbens, die Ars moriendi, eine Kunst des Lebens, eine Ars vivendi.

Renate Wähnelt

Flut gewaltiger als vor elf Jahren

9. Juni 2013 von redaktionguh  
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Kirchengemeinden bieten Hochwasseropfern Notunterkünfte an

Das Hochwasser in Mitteldeutschland geht in Thüringen zwar zurück. Die Lage in Sachsen-Anhalt hat sich jedoch noch nicht entspannt. So sind Parks und das Dessau-Wörlitzer Gartenreich bedroht. Der Ort Altjeßnitz bei Raguhn und der Ortsteil Jeßnitz West, beide in der Landeskirche Anhalts gelegen, sind überflutet. Jeßnitz selbst ist von der Außenwelt abgeschnitten. »Unser Mitgefühlt und unsere Gebete sind jetzt bei allen Menschen, die vom Hochwasser betroffen sind – in Anhalt und darüber hinaus«, sagte Kirchenpräsident Joachim Liebig. Noch sei es zu früh für konkrete Maßnahmen der Landeskirche. Die Pfarrerinnen und Pfarrer stünden jedoch für seelsorgerliche Anliegen zur Verfügung.

Foto: privat

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Für Betroffene des Hochwassers an der Weißen Elster im thüringischen Gera stehen seit Montag mehrere Notunterkünfte bereit. Neben Turnhallen biete auch das Evangelische Gemeindehaus in der Talstraße Unterkünfte an. Die ostthüringische Stadt erlebte die schwerste Naturkatastrophe seit 1954 und 1981. Teile der Innenstadt seien ebenso überflutet wie der Ortsteil Untermhaus. Das Lutherhaus und die dort angesiedelte Kirchenkreis­sozialarbeit stehen unter Wasser. Bei weiter steigenden Pegelständen sei mit der Trinitatiskirche die älteste ­Kirche der Stadt gefährdet. Auch der Regionalbischof des Sprengels Gera-Weimar, Propst Diethard Kamm, konnte seine Wohnung nicht betreten. Er rief dazu auf, als Christinnen und Christen im Gebet und mit praktischer Hilfe den Menschen beizustehen, die durch das Hochwasser in Not geraten sind.

In Thüringen haben die Wassermassen entlang von Saale, Weiße Elster, Ilm, Werra und selbst kleineren Flüssen Spuren der Verwüstung hinterlassen. Bersonders betroffen ist die ostthüringische Stadt Greiz, wo über 100 Menschen evakuiert wurden.

In Halle steht die Kindertagesstätte St. Georgen unter Wasser. Ungeachtet dessen helfen Pfarrer und Gemeindeglieder tatkräftig, gegen die Gefahr anzukämpfen. Außerhalb der Saalestadt, im Pfarrhaus Lochau, wurden Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Das sei bei Überflutung des Deichs gefährdet. Die Johannesgemeinde in Halle will bei Bedarf Notquartiere zur Verfügung stellen.

Großveranstaltungen wie Luthers Hochzeit in Wittenberg oder die Händelfestspiele mussten abgesagt werden. Die Elbe erwartet noch die Wassermassen aus Tschechien. Das Wasser aus Saale und Mulde könnte womöglich nicht abfließen. Somit ist das Bangen noch nicht vorüber.

(mkz)