Ein legendärer Bach-Flüsterer

1. Juli 2018 von redaktionguh  
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Kantaten-Akademie: Gesprächskonzerte mit Helmuth Rilling

Zum fünften Mal lädt Helmuth Rilling (85) junge Musikerinnen und Musiker aus aller Welt nach Weimar ein. In der Stadt, in der Johann Sebastian Bach von 1708 bis 1717 als Konzertmeister und Hoforganist wirkte, werden vom 29. Juli bis 11. August drei seiner Kantaten einstudiert und aufgeführt.

Im Dienste des Thomaskantors: Der Dirigent Helmuth Rilling im Konzert. Foto: Holger Schneider

Im Dienste des Thomaskantors: Der Dirigent Helmuth Rilling im Konzert. Foto: Holger Schneider

In den vergangenen vier Jahren wurden aus zahlreichen Bewerbungen jeweils 70 Musikerinnen und Musiker aus rund 20 Ländern ausgewählt, die mit immenser Begeisterung und großem musikalischen Talent in kürzester Zeit zu einem exzellenten Chor und Orchester zusammenwuchsen. Die 5. Weimarer Bachkantaten-Akademie wird von den Thüringer Bachwochen in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik »Franz Liszt« Weimar veranstaltet.

Mit den Teilnehmern sowie ausgesuchten Solistinnen und Solisten wird Helmuth Rilling nun erneut Kantaten in mehreren Gesprächs- und Abschlusskonzerten in Weimar, Eisenach und Leipzig aufführen und erklären.

Auf dem Programm stehen »Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht« (BWV 105), »Du Hirte Israel, höre« (BWV 104) und »Wir müssen durch viel Trübsal« (BWV 146). Solistisch aktiv sind Julia Sophie Wagner (Sopran), Lidia Vinyes Curtis (Alt), Martin Lattke (Tenor) sowie Tobias Berndt (Bariton). Chor und Orchester stehen unter der Leitung von Helmuth Rilling.

»Die den Proben folgenden Konzerte waren für Interpreten und Publikum in den vergangenen Jahren unvergessliche Erlebnisse«, sagt Christoph Drescher, Geschäftsführer und Festivalleiter der »Thüringer Bachwochen«. »Sie haben in eindrucksvoller Weise gezeigt, welche Aufgabe ein derartiges Projekt gerade an historischem Ort erfüllen kann: Jungen Menschen den Geist Bachs und das Wesen seiner Musik zu vermitteln, so dass sie in ihrer Heimat kaum wieder Bach spielen werden, ohne an diese Erfahrung zu denken«, so Drescher.

Helmuth Rilling ist zweifelsohne einer der großen Interpreten der Musik des Thomaskantors. Über die letzten fünfzig Jahre hat er mit zahllosen Konzerten, ausgewählten Ensembles und vielerlei Projekten für Aufsehen gesorgt. Er verantwortete die erste Einspielung des Bachschen Gesamtwerkes und schlug Brücken nach Osteuropa, Asien und Amerika.

Die heute weltumspannende Präsenz der Bachschen Musik würde es ohne Helmuth Rilling kaum geben. Rilling ist Gründer und langjähriger Leiter der Gächinger Kantorei und des Bach-Collegiums Stuttgart, der Internationalen Bachakademie Stuttgart und des Oregon Bach Festival (USA). Außerdem ist er Initiator von Bach-Akademien in aller Welt.
(G+H)

Das erste Konzerte der 5. Weimarer Bachkantaten-Akademie gastiert am 3. August, 18 Uhr, in der Stadtkirche St. Peter und Paul, Weimar.

www.thueringer-bachwochen.de

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In guter Hoffnung? In guter Hoffnung!

15. April 2018 von redaktionguh  
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Die ökumenische Initiative für den Lebensschutz steht in diesem Jahr unter dem Motto »Kinderwunsch. Wunschkind. Unser Kind!« und setzt sich kritisch mit der Pränataldiagnostik auseinander.

Wenn eine Frau bemerkt, dass sie schwanger ist, beginnt damit in aller Regel eine Zeit intensiver Gefühle. Auch wenn sich eine werdende Mutter auf ihr Kind freut, lassen Fragen, Sorgen und Befürchtungen nicht lange auf sich warten: Wie wird der Partner reagieren? Wird das Kind gesund sein? Kann ich in meiner derzeitigen Lebenssituation für ein Kind überhaupt richtig sorgen?

Mit dem Eintritt einer Schwangerschaft erweitert sich der Verantwortungsbereich werdender Eltern schlagartig. Plötzlich gibt es da noch jemanden, für den man verantwortlich ist, und zwar deutlich umfassender als in Beziehungen zwischen eigenständigen Menschen. Viele Paare erleben diese neue Verantwortung als verunsichernd und müssen erst lernen, mit ihr umzugehen.

Verantwortungsbewusste werdende Eltern fürchten nichts mehr, als für das Wohl ihres Kindes etwas zu versäumen. Insbesondere in schwangeren Frauen löst die völlige Abhängigkeit des entstehenden Kindes vom eigenen Leib und der eigenen Lebensführung häufig ambivalente Gefühle aus: Es ist beglückend, faszinierend, bedrängend, erstaunlich, irritierend und manchmal auch erschütternd, wenn eine bis dahin selbstbestimmt lebende Frau sich plötzlich leiblichen und seelischen Veränderungen überlassen muss, die sie nicht selbst in der Hand hat.

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Mit einem gewissen Maß an Kontrollverlust ist jede Schwangerschaft verbunden. Dass das entstehende Kind sich während der Schwangerschaft im Verborgenen entwickelt, ist nicht nur eine leibliche Gegebenheit, sondern verweist auf das grundsätzlich Unvorhersehbare jedes menschlichen Lebens.

Mehr Vertrauen

Gesteigerte Verantwortung in Verbindung mit weniger Kontrolle – in dieser verunsichernden Gefühlslage ein Ja zu dem entstehenden Kind zu finden, ist die Aufgabe, die werdende Eltern zu meistern haben. Sie stellt Anforderungen an persönliche Fähigkeiten ganz eigener Art: die Fähigkeit, dem Leben zu vertrauen, an eine gute Zukunft zu glauben und dem Unvorhersehbaren mit Hoffnung zu begegnen. In der Bibel wird diese Fähigkeit als Glaube bezeichnet: »Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« (Hebr 11, 1). Glaube und Hoffnung gehören zusammen.

Der Begriff der Hoffnung bezeichnet an sich schon eine positive Grundhaltung im Blick auf die Zukunft, wobei über die Wahrscheinlichkeit der Erfüllung noch nichts ausgesagt wird. Es gibt auch ganz irreale Hoffnungen. Wenn Menschen aber sagen, sie seien guter Hoffnung, dass dies oder jenes geschehe, dann verbirgt sich dahinter die Zuversicht, ja fast schon die Erwartung einer günstigen Entwicklung. Seit mehreren Jahrhunderten bezeichnet die Redewendung »guter Hoffnung sein« den Zustand einer Schwangerschaft. Damit wird Verschiedenes ausgesagt: dass die allermeisten Schwangerschaften positiv verlaufen, dass am Ende der Schwangerschaft etwas Gutes steht, nämlich die Geburt eines Kindes, und dass die gute Hoffnung die der Schwangerschaft angemessenste Haltung ist. Die gute Hoffnung als Grundhaltung in der Schwangerschaft muss sich aber immer wieder gegen Unsicherheit, diffuse Ängste und konkrete Befürchtungen durchsetzen.

Im Kontext von gesteigerter Verantwortung, grundsätzlicher Unvorhersehbarkeit und labilen Hoffnungen ist auch die Schwangerenvorsorge angesiedelt, der sich in Deutschland nahezu alle schwangeren Frauen unterziehen. Das hohe sittliche Verantwortungsbewusstsein werdender Eltern ist aus ethischer Sicht ein kostbares Gut.

Das Ziel der Schwangerenvorsorge ist es, die werdenden Eltern in ihrer guten Hoffnung zu unterstützen. Häufig tragen die regelmäßigen Untersuchungen auch dazu bei, Befürchtungen zu zerstreuen.

Viele Frauen erleben die engmaschige Kontrolle ihrer Schwangerschaft aber auch als belastend. Sie bekommen bei jedem neuen Kontrolltermin vor Augen geführt, was alles nicht stimmen könnte. Viele schwangere Frauen nehmen als Subtext der in Deutschland üblichen Schwangerenvorsorge wahr: Jede Schwangerschaft ist ein Risiko und es kann sehr viel passieren. Immer wieder sagen schwangere Frauen: »Ich getraue mich einfach nicht, mich auf das Kind zu freuen.« Ob die Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft die gute Hoffnung stärken oder untergraben, hängt wesentlich vom Vertrauensverhältnis zwischen dem medizinischen Fachpersonal (Arzt/Ärztin/Hebamme) und den werdenden Eltern ab. Kontrollen und Tests sind jedenfalls kein Ersatz für die in der Schwangerschaft notwendige Grundhaltung der guten Hoffnung. Diese lebt von Zuspruch und Vertrauen, sei es in den eigenen Körper, sei es in Gott.

Wieviel Wissen tut gut?

Die Grundhaltung der guten Hoffnung ist Angriffen von vielen Seiten ausgesetzt, denn bei einer Schwangerschaft reden außer dem Partner und dem Arzt noch viele andere mit: Eltern und Schwiegereltern, Freundinnen und Kolleginnen, Elternmagazine, Internetblogs und Werbeanzeigen. Aufgrund ihres Wunsches, alles richtig zu machen und nichts zu versäumen, informieren sich werdende Eltern heute eher zu viel als zu wenig. Überall begegnen sie Appellen an ihr Verantwortungsgefühl. Diese gehen weit über Vorsorgemaßnahmen hinaus und erwecken in den werdenden Eltern den Eindruck, dass auch die Durchführung pränataldiagnostischer Maßnahmen zu einer verantwortlichen Elternschaft gehöre.

Zahlreiche schwangere Frauen bzw. Paare nehmen die Pränataldiagnostik in Anspruch, weil sie sich ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen können. Sie möchten sicher sein, dass ihr Kind bestimmte Behinderungen nicht haben wird, und würden sich im Falle eines positiven Befundes für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Für diese Paare gehört das Wissen um die genetische Ausstattung ihres Kindes zu einer »selbstbestimmten« Schwangerschaft. Man muss fragen, ob diese Auffassung mit unseren Grundwerten und unserer Rechtslage vereinbar ist. Auch wenn sie dies nicht ist, sieht die Realität oftmals dennoch so aus.

Da pränataldiagnostische Untersuchungen aber auch Elternpaaren angeboten werden, für die ihr Kind eigentlich gar nicht zur Disposition steht, werden diese vor Entscheidungen gestellt, die sie nie treffen wollten: »Soll ich mich nicht doch versichern, dass das Kind gesund ist? Und was ist, wenn ich es nicht tue? Bin ich dann verantwortlich, wenn das Kind eine Behinderung hat? Werden die Leute denken: ›Selbst schuld‹?«

Der Druck steigt

Der Druck auf werdende Eltern, auch selektive vorgeburtliche Untersuchungen vornehmen zu lassen, ist in den letzten Jahrzehnten permanent gestiegen. Seit einigen Jahren steht Paaren schon in der Frühphase der Schwangerschaft eine Möglichkeit zur Verfügung, Chromosomenveränderungen und bestimmte genetische Veränderungen beim Embryo/Fötus an fetalen Zellen im mütterlichen Blut nachzuweisen. Diese Tests sind bisher nicht Bestandteil der Schwangerenvorsorge, aber sie werden von den pharmazeutischen Herstellern vor allem im Internet weltweit beworben.

Die Schlüsselbegriffe im Marketing der Anbieter sind Wissen, Information, Aufklärung und Gewissheit. Konstruiert werden Narrative von verantwortungsvollen und beschützenden Müttern, die sich umfassend informieren und keine Wissenslücke riskieren. Von den Namen der Präparate bis zu den Kernbotschaften der Werbetexte (»Gewissheit erlangen. Ohne Risiko für das Kind.«) macht sich die Werbung den Wunsch werdender Eltern, insbesondere werdender Mütter, nach einer gesunden und glücklichen Familie zunutze.

Durchgängig präsentieren die Pharmafirmen ihre Tests als einfach, harmlos und risikolos. Konsequent verschwiegen wird, dass für so gut wie keine der diagnostizierten Krankheiten eine Möglichkeit der Therapie besteht und der Abbruch der Schwangerschaft derzeit in fast allen Fällen die einzige Möglichkeit ist, die Geburt von Kindern mit den diagnostizierten Behinderungen zu verhindern. Die Tendenz in der Entwicklung der Pränataldiagnostik ist eindeutig: immer frühere Tests, immer mehr diagnostizierbare genetische Abweichungen, immer flächendeckendere Angebote.

Frauen, die guter Hoffnung sind, sollten sich klarmachen, wofür sie verantwortlich sind und wofür nicht. Gute Hoffnung berechtigt nicht zu einer für das Kind schädlichen, also verantwortungslosen Lebensführung. Aber von »verantwortlicher Elternschaft« kann auch nicht gesprochen werden, wo es darum geht, die Geburt von Kindern mit Behinderungen zu verhindern.

Für die genetische Ausstattung ihrer Kinder sind Eltern nicht verantwortlich. Sie müssen sie vor der Geburt auch nicht kennen. Manchmal stärkt Wissen die gute Hoffnung, manchmal aber auch nicht. Es gibt ein Recht auf Nichtwissen, wo das Wissen die Beziehung zum entstehenden Kind gefährden kann.

Manchmal brauchen schwangere Frauen Klarheit, um selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können, manchmal brauchen sie aber vor allem Unterstützung. Können Entscheidungen, die aus der Angst heraus getroffen werden, nachher mit einem behinderten Kind allein dazustehen, als »selbstbestimmt« bezeichnet werden? Die Sache mit der Verantwortung, mit dem Wissen und mit der Selbstbestimmung ist in der Schwangerschaft vielschichtig.

Eine Leitfrage für schwangere Frauen könnte sein: Was stärkt mich in meiner guten Hoffnung? Am Ende kommt es in der Schwangerschaft auf das an, worauf es im Leben immer ankommt, auf Glaube, Liebe und Hoffnung (1. Korinther 13,13).

Christiane Kohler-Weiß

Die Autorin ist Kirchenrätin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stuttgart.

Weitere Infos: www.woche-fuer-das-leben.de

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»An Bach lernen, was gut ist«

28. August 2016 von redaktionguh  
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Für unser vorletztes Sommer­interview traf Michael von Hintzenstern den führenden Bachkenner unserer Zeit, Professor Helmuth Rilling, am Rande der 3. Weimarer Bachkantaten-Akademie.

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Herr Professor Rilling, Sie haben einmal in einem Interview gesagt: »Müssen wir nur über Bach sprechen? Ich habe noch so viel anderes gemacht.« Wir wollen heute beides versuchen, aber dennoch mit dem Thomaskantor beginnen, da Sie gerade zur 3. Bachkantaten-Akademie in Weimar weilen und mit 72 Musikern aus 18 Nationen sieben Gesprächskonzerte an authentischen Bach-Orten durchführen. Es geht also einerseits um die Weiterbildung hochbegabter Interpreten und andererseits um die Vermittlung theologisch-musikalischer Inhalte seines Kantaten-Schaffens. Was bedeutet es, in solcher Mission im Lande Bachs unterwegs zu sein?
Rilling:
In einer Stadt wie Weimar ist man in vielfältiger Weise von Kultur geprägt. Und vielleicht ist Bach derjenige unter den geistigen Häuptern dieses Ortes, der in der Vergangenheit am wenigsten dazu gezählt wurde. Ich finde, es ist schön, bewusst zu machen, dass wir in einer Stadt sind, in der Bach fast zehn Jahre gearbeitet hat und in der er viele seiner schönsten Kantaten geschrieben hat. Insofern ist es mir eine Freude, hier zu sein.

Bei der 1. Bachkantaten-Akademie 2014 standen Werke im Fokus, die in Weimar komponiert worden sind, in diesem Jahr sind es Kantaten zum Michaelisfest, aber auch lutherische Messen. Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl?
Rilling:
Natürlich braucht man bei Bach nicht nach Qualität zu fragen. Das sind alles wunderbare Stücke. Ich dachte, dass es interessant sein müsste, den Zyklus der Michaeliskantaten ins Zentrum zu rücken. Das sind Kantaten, die man eigentlich normalerweise wenig hört, obwohl es sich um großartige Kompositionen handelt. Dasselbe gilt für die Kurz-Messen. Das sind ja nun auch Werke, in denen Bach nach dem Parodieverfahren gearbeitet hat. Wo er also Stücke, die er früher für Kantaten geschrieben hat, erneut für eine Messe benutzte. Dabei suchte er sicherlich Stücke aus, die ihm besonders gut erschienen.

Sie sagten einmal: »Wer Bachs Musik verstehen will, muss seine Kantaten kennen!« Zwischen 1970 und 1985 haben Sie alle eingespielt. Wollen Sie mit der von Ihnen entwickelten Form der »Gesprächskonzerte« den Hörern einen Schlüssel zu einem tieferen Verständnis seiner Musik in die Hand geben?
Rilling:
Nun, ich finde es sehr wichtig, dass man Bachs Musik genau kennt. Und bei den vielen Kantaten, die wir nun mal haben, ist das gar nicht so einfach. In den Gesprächskonzerten versuche ich darauf hinzuweisen, wo die geistliche Idee Bachs liegt, was er betont, was er wie interpretiert. Und auf der anderen Seite möchte ich die besondere Qualität dieser Stücke bewusst machen. Das kann man in diesen Gesprächskonzerten, die es schon seit langer Zeit gibt, wunderbar tun.

In den 1980er-Jahren waren Sie öfters in Japan unterwegs, zwischen 1986 und 2000 auch in Osteuropa. Wie waren dort Ihre Erfahrungen?
Rilling:
Zum Problem des Verstehens der Partituren kam hier noch das Problem der Verständlichkeit der Sprache hinzu. Natürlich ist das für einen deutschen Zuhörer, auch einen deutschen Interpreten, einfacher. Im Ausland muss man deshalb versuchen, genau darauf hinzuweisen, wie stark Bachs Musik von ihren Texten bestimmt ist.

Sommerlogo GuHIn Ihren Akademien begegnen sich Menschen verschiedener Nationen und Religionen. 1986 haben Sie als erster Deutscher nach dem Holocaust das Israel Philharmonic Orchestra dirigiert. Inzwischen nehmen auch Muslime an Ihren Akademien teil. Glauben Sie, dass der Musik Bachs so etwas wie eine einigende, harmonierende Kraft innewohnt?
Rilling:
Das könnte ich mir schon vorstellen. Das Interesse ganz verschiedener Menschen an der Musik Bachs und ihrem Verstehen ist unglaublich groß. Ich empfinde es als etwas Herrliches, dass hier junge Musiker aus allen Teilen der Welt zusammenkommen und durch die Liebe zur Musik Bachs miteinander verbunden sind. Und über die Probenarbeit hinaus eine großartige Gemeinschaft bilden.

Wie erfolgt denn die Auswahl?
Rilling:
Die Teilnehmer werden aus einer großen Zahl an Bewerbern ausgewählt, die auch Tonaufnahmen eingereicht haben. Von 200 sind am Ende etwa 70 eingeladen worden. Wir erwarten natürlich ein hohes Niveau, denn die Arbeit hier muss sehr schnell gehen. Chor und Orchester müssen die Sachen mühelos in kurzer Zeit einstudieren können. Und ich bin sehr froh, dass das wirklich wieder gelungen ist.

Zurück zu Ihren Anfängen – Sie haben 1954 als junger Chorleiter in Gächingen im Osten von Reutlingen eine Kantorei gegründet, die a cappella Werke von Heinrich Schütz, Dietrich Buxtehude oder Johann Pachelbel, aber auch moderne Kompositionen gesungen hat. Bach spielte da noch keine dominierende Rolle. Wann hat sich das geändert, gab es da vielleicht ein Initial-Erlebnis?
Rilling:
Ach, das kann man eigentlich nicht sagen. Wir haben damals sehr vieles musiziert, vor allem auch zeitgenössische Musik. Das war mir sehr wichtig. Aber Bach ist ja immer ein wunderbares Korrektiv. Man kann an ihm vor allem lernen, was gut ist. Für die Komponisten vergangener Zeiten oder auch heutzutage ist Bach ein ganz wichtiger Lehrer gewesen. Nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in der Betonung des Wesentlichen, was durch die Musik ausgesagt werden soll.

Sonne-webIhnen ist gelegentlich zum Vorwurf gemacht worden, dass Sie sich nicht der historischen Aufführungspraxis eines Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner oder René Jacobs angeschlossen haben. In welcher Tradition sehen Sie sich und welche Kriterien sind für Sie heute entscheidend?
Rilling:
Man muss natürlich Bescheid wissen – wie die von Ihnen genannten Kollegen – über die Aufführungspraxis zur Zeit der Komposition. Das halte ich für sehr wichtig und unabdingbar. Aber man sollte nicht in die Richtung gehen wollen, dass man denkt: Damit ist eigentlich alles getan. Das Wichtigste scheint mir, dass der Inhalt, der vom Komponisten der Musik gegeben wird, der Ausdruck, dass der nun in einer persönlichen Weise hörbar wird.

Die Musikwelt verdankt Ihnen mehr als nur Bach: Uraufführungen von Krysztof Penderecki, Arvo Pärt und Wolfgang Rihm, um nur einige Namen zu nennen. Zu erwähnen ist ebenso das »Requiem der Versöhnung«, das 50 Jahre nach Kriegsende von 14 zeitgenössischen Komponisten gestaltet wurde. Bedürfen biblische Texte immer wieder einer zeitgenössischen Auslegung bzw. Vertonung?
Rilling:
Ich finde es sehr wichtig, dass Komponisten unserer Zeit sich der Aufgabe stellen, geistliche Texte zu vertonen. Das ist nicht selbstverständlich, aber ich denke, es muss geschehen, sodass wir das Verständnis unserer Zeit in dieser Musik mit ihren alten und wertvollen Texten erkennen.

Wie finden Sie solche Komponisten?
Rilling:
Natürlich kennt man das Musikleben unserer Zeit und weiß, wer heute komponiert und in welcher Weise. Für mich war es wichtig, diese Menschen persönlich kennenzulernen. Ich erinnere mich, dass ich damals in der ganzen Welt herumgereist bin, mit diesen Leuten Gespräche geführt und sie davon überzeugt habe, dass sie diese Texte, die ich brauchte, vertonen sollten. Und die meisten haben mir auch zugesagt.

Das Werk J. S. Bachs nimmt eine zentrale Rolle im Leben von Helmuth Rilling ein. Er hat 1965 das Bach-Collegium Stuttgart gegründet, 1970 das Oregon Bach Festival in Amerika, 1981 die Bach-Akademie Stuttgart und mit der Einspielung von Bachs Gesamtwerk auf 172 CDs Maßstäbe gesetzt.

Gut gestimmte Freundschaft

25. April 2016 von redaktionguh  
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Seit 25 Jahren bemühen sich ein Thüringer und ein Schwabe um Orgeln der Region Eisenach

Es ist ein kühler Tag, als Gerhard Schiek aus Stuttgart sich Ende März wieder einmal auf den Weg ins thüringische Thal, einem Ortsteil des Bergstädtchens Ruhla im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen, begibt. Hier wartet bereits sein Freund Al­brecht Hanemann auf ihn. Die beiden Männer verbindet eine Leidenschaft: Das Orgelspiel und die Sorge um den Erhalt der Instrumente.

Seit 25 Jahren nimmt sich der ehemalige Orgelbaumeister aus dem Schwabenland eine Woche frei, um vor allem in den Dorfkirchen im Eisenacher Raum, wo das Geld in den Gemeinden knapp ist, etwas zu tun, damit die Orgeln funktionieren. Sein Freund Albrecht Hanemann begeisterte ihn dafür. Dieser spielt seit 57 Jahren Orgel und unternahm große Anstrengungen, die Klosterkirche zu Thal, eines der ältesten Gotteshäuser in Thüringen, nebst der darin befindlichen Orgel zu erhalten.

Gerhard Schiek (l.) und Albrecht Hanemann (r.) an der Orgel in Thal. Foto: Susanne Reinhardt

Gerhard Schiek (l.) und Albrecht Hanemann (r.) an der Orgel in Thal. Foto: Susanne Reinhardt

Alle 25 bis 30 Jahre sollte so ein Instrument gereinigt werden, heißt es unter den Fachleuten. Nun sei es wieder einmal an der Zeit, sind sich die beiden inzwischen 70 und 75 Jahre alten Herren einig. Ehe es die Gesundheit nicht mehr erlaube, wollten sie diesen Freundschaftsdienst noch einmal leisten und kehrten damit an den Ort zurück, an dem alles begann.

Albrecht Hanemann, gebürtiger Franke und Wahlthüringer, führte es kurz nach dem Mauerfall dienstlich ins Schwabenländle. Es war eine Dienstfahrt zu einer Firma, die Anlasser herstellte. In diesem Unternehmen traf er auf Gerhard Schiek, dessen damalige Ehefrau aus Halle/Saale kam und der sich deshalb für die aktuelle Situation »drüben« interessierte. Hanemann, der sich am Ende aufreibender und langjähriger Sanierungsarbeiten an der heimischen Klosterkirche befand, berichtete ihm, dass in Folge von massiven Wasserschäden auch die Orgel ausgebaut werden musste und es nun Schwierigkeiten gab, »sie wieder gangbar zu machen«.

Heute sehen es die beiden Männer fast schon als göttliche Fügung an, dass der engagierte Organist aus Thüringen ausgerechnet an diesem Tag mit einem gelernten Orgelbaumeister sprach. Gerhard Schiek arbeitete zwar in dieser Anlasser-Firma, hatte aber die Ausbildung eines Orgelbaumeisters genossen. Da viele Orgelbauunternehmen in seiner Gegend geschlossen wurden, musste er sich umorientieren. Aber die Liebe zur Arbeit war geblieben.

Ein Mann, ein Wort – der Stuttgarter reichte kurz darauf Urlaub ein und fuhr nach Thal. Dort wartete bereits Albrecht Hanemann mit zwei ABM-Kräften und Gemeindegliedern, die helfen wollten. Und so begann eine 25-jährige Männerfreundschaft. In den Jahren darauf kamen zehn weitere Orgeln im Altkreis Eisenach in den Genuss einer Reparatur, zuletzt in Deubach und Seebach. Natürlich sei man mit der uneigennützigen Absicht nicht bei jedem auf Sympathie gestoßen, warfen die Freizeit-Restauratoren ein. So mancher inzwischen aufstrebende Handwerksbetrieb fühlte sich übergangen. Aber die Missverständnisse habe man aufklären können. Denn die Kirchengemeinden, die ihre Hilfe in Anspruch nahmen, hätten sich nie eine Fachfirma leisten können und ihre Orgeln wären für immer verstummt.

Und nun habe man wohl auch genug getan.

Die Thaler Knauf–Orgel bekam jetzt noch einmal eine Generalüberholung, ehe sich ihre Pfleger zur Ruhe setzen. Mit einem Industriestaubsauger reinigten sie die Orgelpfeifen. Auch das Pedalwerk wurde neu justiert und die Orgel gestimmt. Schon nach ein paar Anschlägen konnten selbst ungeschulte Ohren den Unterschied vernehmen. Die Thaler Kirche, die – dank des unerschöpflichen Fleißes vieler freiwilliger Helfer – heute wieder ihren klösterlichen Charakter vorweist und verschiedene geschichtliche Epochen wiederspiegelt, ist auch wieder akustisch attraktiv. Ihre Orgel stammt übrigens aus dem Jahre 1884 und wurde von dem Großgesellen der Firma Knauf aus Tabarz mit solider Konstruktion gebaut.

Susanne Reinhardt

Anhalt in Stuttgart

17. Juni 2015 von redaktionguh  
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Dicht umlagert war der Stand im »Forum Reformation«, den die Stadt Dessau-Roßlau, die Landeskirche Anhalts und der Tourismusverband Anhalt-Dessau-Wittenberg beim Kirchentag in Stuttgart betreuten. Hier gab es Infos über Anhalt als Ort der Reformation und als Gastgeber eines »Kirchentages auf dem Weg« im Jahr 2017. Zudem präsentierte sich die Landeskirche mit dem großen Stand »Ökumene in der Mitte« auf dem Markt der Möglichkeiten gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sowie den Bistümern Magdeburg und Erfurt. Weiterhin wirkten 30 Posaunenbläserinnen und Posaunenbläser unter Leitung von Landesposaunenwart Steffen Bischoff bei insgesamt vier Gottesdiensten und Bibelarbeiten mit.

Foto: Johannes Killyen

Foto: Johannes Killyen

Stuttgarter Beobachtungen

13. Juni 2015 von redaktionguh  
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Kirchentag: Vom 3. bis 7. Juni diskutierten Christen mit Prominenz und untereinander über die Fragen unserer Zeit

Geprägt haben ihn Sonnenschein und frohe Gemeinschaft: Nun ist der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag Geschichte.

Aktivisten der atheistischen Giordano-Bruno-Stiftung verteilen in Stuttgarts Innenstadt Luftballons mit der Aufschrift »Gottlos glücklich«. Nicht weit entfernt davon wirbt ein Schild für »Kostenlose Heilung«. Denn »Jesus heilt auch heute noch«, wie eine Frau erklärt. Sektenprediger und Traktatverteiler aller Couleur sind unterwegs. Mittendrin die rund 97 000 Kirchentagsbesucher, in deren Programmheft auf Seite 12 gendergerecht erklärt wird, dass zwecks Diskussionsteilhabe in den Veranstaltungshallen »Saalmikrofoninnen und -mikrofone« zur Verfügung stehen. Beobachtung Nummer eins: Kirchentage sind immer auch ein bisschen verrückt.

»damit wir klug werden« stand als Losung über dem 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag und auf den roten Kirchentagsschals. Foto: Steffen Giersch

»damit wir klug werden« stand als Losung über dem 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag und auf den roten Kirchentagsschals. Foto: Steffen Giersch

Stuttgart bot zudem »eine historische Zäsur«, wie es Kirchentagspräsidentin Ellen Ueberschär vor der Presse bezeichnete: 8 000 Menschen versammelten sich am Donnerstag in der Porsche-Arena zum »Christustag«, der von Gruppen des innerkirchlichen Pietismus in Württemberg getragen wird. Zwar noch parallel und nicht voll integriert, aber immerhin nicht mehr als Gegenveranstaltung. Mit dabei ist das aus Sachsen stammende frühere Mitglied der Synode der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD), Gud­run Lindner. Sie stellt fest, dass die Kirche angesichts der nach Orientierung fragenden Menschen »sehr viel« sage. Zumeist aber bei einem »Einerseits und Andererseits« stehen bleibe. Für Christen sei es deshalb an der »Zeit, aufzustehen gegen Lehren, Ideologien und Kräften in Kirche und Gesellschaft, welche die Freiheit des Bekenntnisses einschränken wollen«. Die Anwesenden applaudieren der Frau, die gemeinsam mit dem gerade zum neuen sächsischen Landesbischof gewählten Pfarrer Carsten Rentzing Mitinitiatorin des Aufrufes »Zeit zum Aufstehen« ist.

Tosenden Applaus erhält auch Pastor Anatoli Uschomirski, Leiter einer Gemeinde von messianischen Juden in Stuttgart. Er übt harsche Kritik am Kirchentag, der messianischen Gruppen die Teilnahme am »Markt der Möglichkeiten« seit Jahren versagt. 1933 habe die Kirche den nationalsozialistischen »Arierparagrafen« übernommen und die christusgläubigen Juden ausgeschlossen. Heute würde aus anderen Gründen diese Gruppe vom größten Christentreffen ausgegrenzt. Doch steht einen Tag später ein theologisches Streitgespräch zwischen dem britischen messianischen Theologen Richard Harvey, dem jüdischen Publizisten Micha Brumlik und dem hannoverschen Landesbischof Ralf Meister auf dem Programm. Mehr als 700 Plätze bietet der voll besetzte Saal. Für die Simultanübersetzung des auf Englisch gehaltenen Hauptvortrages gibt es allerdings nur etwa 100 Kopfhörer. Beobachtung Nummer zwei: Der Kirchentag bleibt manchmal hinter seinen eigenen Maßstäben zurück.

Vorbei scheinen zudem die Zeiten der steil formulierten Forderungen an Politik und Gesellschaft, der einfachen Antworten. Antworten, die sich selten für die Umsetzung in die realen politischen oder wirtschaftlichen Gegebenheiten eigneten. Ein Beispiel dafür: Für viele unverständlich, war das »Zentrum Frieden« nicht Teil des offiziellen Kirchentagsprogramms, sondern von Friedensgruppen parallel organisiert. Dort konnte man altbekannte Forderungen wie die nach Abschaffung der Bundeswehr hören. Die Kirchentagsverantwortlichen aber legten Wert darauf, das Friedensthema »nicht im Getto« zu verhandeln, sondern auf allen Podien »differenziert zu diskutieren«, so Ueberschär.

Ob Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Soziologen Hartmut Rosa über die freie Marktwirtschaft stritt, Kanzlerin Angela Merkel sich den Fragen zur digitalen Zukunft oder Innenminister Thomas de Maizière sich der Kritik in Sachen Flüchtlinge und Asylbewerber stellte: Man war auf der engagierten Suche nach politikkompatiblen Antworten. Beobachtung Nummer drei: Der Kirchentag ist nachdenklicher und bescheidener geworden. Gutgetan hat ihm das allemal.

Harald Krille

Minderheit ohne Minderwertigkeit

6. Juni 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.

Lukas 10, Vers 16

Es ist Kirchentag in dieser Woche. In Stuttgart treffen sich Christinnen und Christen zu einem großen Fest des Glaubens. Und wie jedes Mal spielen Zahlen dabei keine ganz unwesentliche Rolle. Ich selbst bin an der Vorbereitung des Schlussgottesdienstes in Stuttgart beteiligt gewesen. Auch uns in der Vorbereitungsgruppe hat die Frage beschäftigt, wie viele Menschen sich dort am Sonntag versammeln werden. Schaffen wir die 100 000? Oder bleiben die Kameras besser doch im vorderen Bereich, da, wo alles noch gut gefüllt ist? Bilder von halbleeren Plätzen mit sich verlaufenden Grüppchen machen sich im Fernsehen nicht so gut.

Kathrin Oxen

Kathrin Oxen

Die Faszination der Zahlen kennen wir auch aus der Wirklichkeit unserer Gemeinden. Da kann man manchmal das Gefühl bekommen, wir seien als Christen nur so ein kleines, sich in der Weite des Landes beinahe verlaufendes Grüppchen. In der Wirklichkeit der ostdeutschen Landeskirchen sind wir das ja tatsächlich. Und in Stuttgart kann sich auch niemand wirklich vorstellen, wie das ist: Als Christin und als Christ von der Wiege bis zur Bahre, von der Taufe bis zur kirchlichen Beerdigung zu einer Minderheit zu gehören.

In der Minderheit zu sein, das ist das eine. Das Gefühl, deswegen minderwertig zu sein, ein anderes. Dieses Gefühl hat die Menschen, die zu Jesus gehören wollen, offenbar schon von Anfang an begleitet. Deswegen spricht Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern Mut zu, als er sie losschickt, die gute Botschaft weiterzusagen: »Wer euch hört, der hört mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich«, sagt er. Und meint: Auch wenn ihr das Gefühl habt, ihr verlauft euch in der Weite einer Welt, die am christlichen Glauben nicht sehr interessiert ist – wer euch begegnet, der begegnet mir. Das ist ein hoher Anspruch. Und ein noch größerer Zuspruch. Bei aller Faszination der Zahlen: Minderheitsgefühle sind durchaus realistisch, aber Minderwertigkeitsgefühle – die brauchen wir nicht zu haben!

Kathrin Oxen, Zentrum für evangelische Predigtkultur in Wittenberg

Glaube, Politik und Begegnung

1. Juni 2015 von redaktionguh  
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Kirchentag: Protestanten und Gäste begegnen sich vom 3. bis 7. Juni in Stuttgart

Zum 35. Mal lockt ab kommendem Mittwoch der Deutsche Evangelische Kirchentag. Diesmal in die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart.

Das Motto des größten Protestantentreffens passt: »Damit wir klug werden.« Gelten doch die Schwaben seit jeher als kluge, blitzgescheite Tüftler. Und schien noch im Laufe der 1990er Jahre der Kirchentag eine Art Auslaufmodell zu sein, so hat er, allen Unkenrufen zuwider, im vergangenen Jahrzehnt zu alter Beliebtheit zurückgefunden. Auch in der Neckarstadt werden wieder 100 000 Teilnehmer und Mitarbeiter erwartet.

Im Brennpunkt stehen kirchentagsüblich die großen Themen der Zeit: Da ist das Thema Entwicklungspolitik, zu dem unter anderen der indische Kinderrechtler und Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi und der Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan erwartet werden. Da wird das Thema Flüchtlinge und Asylpolitik eine große Rolle spielen. Und das Thema Krieg und Frieden, wozu 38 Friedensorganisationen und kirchliche Institutionen neben dem offiziellen Kirchentagsprogramm das »Zentrum Frieden« ins Leben gerufen haben. Es will angesichts der Diskussion um Deutschlands Verantwortung in der Welt »die Stimme des Pazifismus« auf dem Kirchentag zum Klingen bringen. Eine Menschenkette soll dabei am 6. Juni »ein deutliches Zeichen gegen Krieg, Atomwaffen und Kampfdrohnen« setzen. Zudem hat angesichts der Spannungen zwischen der Nato und Russland ein Initiativkreis eine neue Ostdenkschrift angekündigt. Zu den Initiatoren gehören der frühere Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Konrad Raiser, und der frühere Erfurter Propst Heino Falcke.

Mehr als 2 500 Veranstaltungen enthält das offizielle Programm des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild/Gerhard Bäuerle

Mehr als 2 500 Veranstaltungen enthält das offizielle Programm des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild/Gerhard Bäuerle

Und was wäre ein Kirchentag ohne handfesten Streit? Diesmal geht es, wie schon in den vergangenen Jahren im Hintergrund, um die Teilnahme von messianischen Juden am Kirchentag. Also von Juden, die Jesus von Nazareth als ihren Messias erkannt haben, sich aber nicht als »Heidenchristen«, sondern weiterhin als Teil des Judentums sehen. Die wachsende und stark missionarisch orientierte Gruppe sitzt seit Jahren zwischen allen Stühlen. Denn nicht nur vom offiziellen Judentum werden sie vehement abgelehnt, von dessen Seite dabei gar das böse Wort von der »Fortsetzung des Holocausts mit anderen Mitteln« zu hören ist. Sie sind auch den meisten evangelischen Landeskirchen und dem Kirchentag ein Dorn im Auge, da man sich dort dem christlich-jüdischen Dialog verpflichtet weiß. Erst 2014 bekräftigte das Kirchentagspräsidium seinen Glauben »an Gott als den Gott Israels in seiner bleibenden Verbundenheit mit dem Volk Israel«. Weshalb man Judenmission in jeder Form ablehne und solchen Gruppen keinen Platz einräumen werde.

Angesichts solch verhärteter Fronten überrascht zumindest, dass mit dem britischen Theologen Richard Harvey erstmals ein Vertreter der jüdisch-messianischen Bewegung bei einem Kirchentagspodium dabei ist. Er wird mit der ehemaligen EKD-Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx und dem jüdischen Erziehungswissenschaftler und Publizisten Micha Brumlik diskutieren. Und noch ein Novum gibt es in Stuttgart, das zugleich Zentrum des süddeutschen Pietismus ist: Der evangelikale »Christustag«, 1956 als eine Art pietistischer Gegenveranstaltung ins Leben gerufen, ist in diesem Jahr in das Programm des Kirchentages integriert. Dort wird mit Anatoli Uschomirski ebenfalls ein süddeutscher Leiter einer jüdisch-messianischen Gemeinde am offiziellen Programm beteiligt sein. Es scheint, dass das Gespräch zur Klärung des gegenseitigen Verhältnisses beginnt.

Doch jenseits von allem Streit um Theologie, Weltpolitik und Weltwirtschaft wird auch die 35. Auflage des Kirchentages vor allem ein fröhliches Glaubensfest werden. Mit täglichen Bibelarbeiten, mit einem hochkarätigen Kulturprogramm, mit Posaunenchören, mit Tanz und Gebet. Und mit vielen Begegnungsmöglichkeiten.

Zum Beispiel auf dem Markt der Möglichkeiten, auf dem die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, die Evangelische Landeskirche Anhalts sowie die katholischen Bistümer Erfurt und Magdeburg mit ihrem bewährten Zentrum »Ökumene in der Mitte« vertreten sind. Die ökumenische Präsentation hat in diesem Jahr eine neue Qualität erreicht. Unter dem Motto »Wir reformieren gerade« machen die beteiligten Partner deutlich, dass sich die Kirche wandeln muss, weil sich die Welt verändert.

Harald Krille

Ein Herz für die schwachen Starken

17. März 2015 von redaktionguh  
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Kirche und Unternehmer: Auch die vermeitlich Starken benötigen manchmal statt Kritik und Warnungen vielmehr den geistlichen Zuspruch

Wann finden Pfarrer den Weg zu Unternehmern? Zumeist wenn sie Spenden brauchen, sagt ein ehemaliger Oberlandeskirchenrat. Dabei brauchen auch die vermeintlich Starken oft genug geistliche Hilfe, wie Beobachtungen beim Kongress christlicher Führungskräfte zeigen.

Es begann vor 16 Jahren mit knapp 1 000 Teilnehmern im württembergischen Fellbach bei Stuttgart. Seither zieht der Kongress christlicher Führungskräfte regelmäßig alle zwei Jahre Menschen an, die in Kirche und Diakonie, Politik und Wirtschaft Verantwortung tragen oder als selbstständige Handwerker und Unternehmer kleinere oder größere Betriebe leiten. 3 200 waren es vor zwei Wochen in Hamburg.

Was macht diesen Kongress aus? Natürlich gibt es auch hier das Schaulaufen der Erfolgreichen, die von der Bühne herab Begeisterung versprühen, wie es kein professioneller Motivationstrainer besser könnte. Natürlich gehört das Netzwerken, das Kontakte-Suchen und -Pflegen, das Geschäfte-Anbahnen wie bei jedem anderen Wirtschaftstreffen dazu. Und natürlich sind da auch die Vertreter all der christlichen Hilfs- und Missionswerke unterwegs, die auf Kontakte zu und vor allem Spenden von den vermeintlich oder wirklich betuchten Unternehmerinnen und Unternehmern hoffen.

Für drei Tage suchten christliche Führungskräfte und solche, die es werden wollen, Austausch und Anregung unter Gleichgesinnten bei einem Kongress in Hamburg. Foto: idea/kairospress/Thomas Kretschel

Für drei Tage suchten christliche Führungskräfte und solche, die es werden wollen, Austausch und Anregung unter Gleichgesinnten bei einem Kongress in Hamburg. Foto: idea/kairospress/Thomas Kretschel

Doch da gibt es auch Überraschendes. Beispielsweise zwei kleine Holzhäuser im Kongresszentrum, die mit der Aufschrift »Segnungshäuser« versehen sind. Es geht dabei um das Angebot zu einem persönlichem Gebet und dem Zuspruch von Gottes Segen. In dem zwölfköpfigen Gebets- und Segnungsteam arbeiten Christen aus evangelischen Landeskirchen, aus der katholischen Kirche und aus Freikirchen zusammen. Und sie haben alle Hände voll zu tun, können den Ansturm zeitweilig kaum bewältigen. Es scheint unter Führungskräften ein großer Bedarf nach spirituellem Beistand zu bestehen.

Ähnliche Erfahrungen machen auch die Mitarbeiter des Seelsorge-, Beratungs- und Coachingangebotes. Hier geht es nicht nur um ein gemeinsames Gebet. Hier geht es oftmals richtig »zur Sache«, um Ehetragödien und Familienstreitigkeiten, um Ängste und Niederlagen, um Schuld und Sühne, Beichte und Buße, um Vergebung und Neuanfang.

»Der Bedarf ist ungeheuer«, bestätigt Harald Bretschneider. Der frühere Oberlandeskirchenrat aus Sachsen und einstige »Erfinder« der »Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher arbeitet seit mehreren Jahren im Seelsorgeteam des Führungskräftekongresses mit. Nicht nur, dass Beichte und Seelsorge in vielen Kirchengemeinden sowieso eine eher untergeordnete Rolle spielen. In Bezug auf das Verhältnis zu Führungskräften und Unternehmern sieht Bretschneider einen grundsätzlichen Mangel: »Sie kommen mit ihren Problemen in den Kirchengemeinden kaum vor.«

Natürlich: In manchen Predigten und kirchlichen Verlautbarungen wird gern die Stimme zu Fragen der Wirtschaft erhoben. Da werden dann mitunter die Banker in ihrer grenzenlosen Geldgier gegeißelt, da wird die soziale Verantwortungslosigkeit der Unternehmer beklagt oder auch nur ebenso einfach wie fromm vor der Gefahr des Reichtums gewarnt. Was sicher oft berechtigt sein mag.

Aber wo und mit wem können Unternehmer über die vielleicht zum Erhalt des Betriebes unumgänglichen Entlassungen reden? Wer steht verständnisvoll zur Seite, wenn ethische Fragen im konkreten Wirtschaftsleben beantwortet werden müssen? Wer hilft bei der Entscheidung, ob etwa bei Geschäften in östlichen oder südlichen Ländern um des Erhaltes von Arbeitsplätzen willen Schmiergelder bezahlt werden sollen?

»Viele Pfarrer finden den Weg zu Handwerkern und Mittelständlern in den Gemeinden nur, wenn die Kirchengemeinde Spenden für ein Großprojekt braucht«, resümiert Bretschneider. »Ich habe es schon früher in meiner Amtszeit getan und sage es auch heute immer wieder allen Pfarrerinnen und Pfarrern: Sucht den Kontakt zu den Unternehmern am Ort, hört euch ihre Probleme, ihre Sorgen und Nöte vorurteilsfrei an, steht als Gesprächspartner und Seelsorger zur Verfügung, besonders in auch in Krisenzeiten.«

Geradezu eine Bestätigung für diese Worte ist am letzten Kongresstag der Vortrag von Klaus Jost. Mehr als ein Jahrzehnt stand er an der Spitze der Intersport International, eines Verbundes von Sporthändlern, der mit 5 700 Fachgeschäften in 63 Ländern vertreten ist. Erst im September 2014 wurde der bekennende Protestant von den Mitglieder der Intersport-Gruppe für weitere drei Jahre als Präsident bestätigt. Doch im Herbst war Schluss: Wegen unüberbrückbarer Differenzen um den weiteren Weg kam es zum Zerwürfnis mit dem Aufsichtsrat. »Es war ein schlichter Rausschmiss«, kommentiert Jost es in Hamburg.

Er erlebte nicht nur die damit verbundene persönliche Demütigung. Nicht nur die Verurteilung zum plötzlichen Nichtstun zu Hause, den Verlust von Bedeutung und Anerkennung, den Abbruch von Beziehungen. Auch eine Reihe christlicher Werke und Organisationen, die ihn zu Vorträgen eingeladen hatten, nahmen diese plötzlich zurück, wie er berichtete.

Die rühmliche Ausnahme: der Kongress in Hamburg. Und so kann Jost in schlichten Worten sein Bekenntnis zum »ehrbaren Kaufmann« ablegen. »Was würde Jesus tun?«, sei für ihn immer die entscheidende Frage gewesen. Und er habe in seiner Gemeinde und seinem Hauskreis, in dem er mit seiner Frau gemeinsam ist, immer gespürt: »Ich bin angenommen und getragen, nicht weil ich ein Manager oder erfolgreich bin.« Diese Gewissheit habe ihm in Zeiten des Erfolges geholfen, sie helfe ihm auch, die Erfahrung des Scheiterns zu tragen.

Harald Krille

Friedliches Miteinander leben

16. September 2014 von redaktionguh  
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Die diesjährige Interkulturelle Woche, die vom 19. bis 28. September begangen wird, steht unter dem Motto »Gemeinsamkeiten finden, Unterschiede feiern«. Es plädiert für eine offene Gesellschaft, die Fremde nicht ausgrenzt und gegenseitiges Verständnis fördert. Landesbischöfin Ilse Junkermann, Magdeburg, dankt in ihrem Grußwort an die Kirchengemeinden für deren Einsatz und fantasievolle Aktionen und betont, dass Christen durch »Moderation von Gesprächsprozessen, durch Organisation von Veranstaltungen und nicht zuletzt durch die Begegnung und Kontaktpflege mit den neuen Nachbarn« wesentlich zu einem friedlichen Miteinander beitragen. Sie fordert dazu auf, bei den Bemühungen nicht nachzulassen. Denn die Anzahl der Menschen, die Zuflucht in Deutschland suchen, steige. »Diese Menschen erhalten außer Kindergeld und Leistungen im Krankheitsfall keinerlei Sozialleistungen. Insbesondere in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes in Deutschland können sich hieraus erhebliche Härten ergeben. Hier bitte ich Sie um Ihre tatkräftige Unterstützung«, so die leitende Geistliche der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.
Mitteldeutsch-37-2014Ausdrücklich würdigt Junkermann das Engagement, wenn Menschen in Not Kirchenasyl erbitten. »Danken möchte ich Ihnen für all die Stunden, in denen Sie sich für Menschen aus anderen Ländern engagieren und sich für sie einsetzen, mit ihnen Deutsch üben, sie auf Behörden begleiten, die Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen oder mit ihnen beim Tee zusammensitzen und reden. Danken möchte ich allen Kirchengemeinden, die sich einsetzen für Menschen aus anderen Ländern, die die Taufe begehren und diese Menschen selbstverständlich in die Gemeinde integrieren und für ihre Sorgen und Nöte, aber auch für ihre Freude ein offenes Ohr und Herz haben«, schreibt sie weiter.

Zahlreiche Kirchengemeinden werden sich auch in diesem Jahr wieder mit Angeboten an der Interkulturellen Woche beteiligen.

Der bundesweite Auftakt wird am 19. September in Stuttgart sein. In der Landeshauptstadt Thüringens, Erfurt, wird die Woche von Oberbürgermeister Andreas Bausewein am 20. September, 10 Uhr, in der Universität eröffnet. Zu einem interkulturellen Gottesdienst wird am 21. September (10 Uhr) in die Er­furter Predigerkiche eingeladen. Die Magdeburger Hoffnungsgemeinde feiert bereits am 14. September (10.30 Uhr) einen Gottesdienst mit Pfarrerin Cordula Haase und den Akteuren des »Café Krähe«, in dem sich Frauen aus unterschiedlichen Herkunftsländern treffen und kreativ gegen Ausländerfeindlichkeit und Ausgrenzung arbeiten.

Eine Internetseite bietet neben Programmhinweisen auch Bausteine für Gottesdienste, ein Materialheft, Hinweise auf Ausstellungen und gibt Büchertipps und vieles mehr. Weitere Veranstaltungen in Thüringen und Sachsen-Anhalt werden örtlich bekanntgegeben.

(mkz)

www.interkulturellewoche.de

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