Frischer Wind in der rauschenden Pappel

7. August 2017 von redaktionguh  
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Gemeinschaft im Grünen: Eisenacher Jugendhilfe organisiert ein Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche im Kleingarten

In der Kleingartenanlage »Rauschende Pappel« im Eisenacher Ortsteil Stregda hört man seit einigen Tagen nicht nur den Wind durch die Bäume rauschen, sondern auch Musik und Kinderlachen. Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft, Kulturen und Lebenslagen haben einen Schrebergarten zu ihrer eigenen grünen Oase erkoren.

Michele, Jessika und Samantha umringen Isabel Göring. Sie ist die Leiterin des Kinder- und Jugendzentrums Nordlicht innerhalb der Diako Kinder- und Jugendhilfe in Eisenach Nord, das die Mädchen mit etwa 60 weiteren Teenies besuchen. Jetzt in den Ferien können sie dort bereits frühstücken und den Tag verbringen.

Allerdings fehlte bisher die Möglichkeit, auch draußen im Grünen etwas zu unternehmen, vielleicht in einem Pool zu planschen oder eigenen Salat zu ernten. Denn dort, wo sich die Einrichtungen des Kindertreffs und des Jugendzentrums im Wohngebiet befinden, ist wenig Spielraum für solche Träume. »Isa«, wie die gelernte Kindergärtnerin aus Waltershausen von den Jugendlichen genannt wird, hatte deshalb schon immer den Wunsch gehegt, irgendwann einmal in der Nähe des Jugendclubs einen Garten nutzen zu können. »Die Kinder und Jugendlichen setzen sich überwiegend aus sozial benachteiligten Familien, Kindern und Jugendlichen mit Förderbedarf sowie mit Migrationshintergrund zusammen«, erklärt sie. Das Zusammentreffen verschiedener Kulturen, Religionen und Weltbilder sowie die Begegnung mit jungen Leuten mit geistigen Einschränkungen sei oft von Missverständnissen geprägt. Alle sollen nun mitmachen und vom neuen Gartenprojekt profitieren.

Feierliche Eröffnung: Michele, Jessika, Samantha und Anja vom Kinder- und Jugendtreff »Nordlicht« durchtrennen das gelbe Band. Foto: Susanne Reinhardt

Feierliche Eröffnung: Michele, Jessika, Samantha und Anja vom Kinder- und Jugendtreff »Nordlicht« durchtrennen das gelbe Band. Foto: Susanne Reinhardt

Unterstützung fanden die Ideengeber beim sich sozial engagierenden Eisenacher Rotary Club. Der Serviceclub übernimmt nämlich die Pacht, und brachte auch gleich noch eine Wasseruhr mit, damit der Verbrauch abgelesen werden kann und alles seine Ordnung hat. Der Garten selbst stand seit einiger Zeit leer. Er hatte einer älteren Dame gehört, berichtete Gartenvorstandsmitglied Thomas Prey, der Vater von Maximilian und Samantha ist, die gern im »Nordlicht« ihre Freizeit verbringen.

Im Herbst soll ein Teil der Wiese, auf der bisher nur ein alter Geräteschuppen und ein Obstbaum stehen, umgegraben werden. Darauf könnten Beete für Kräuter und Tomaten entstehen, für Spaghetti mit Tomatensoße, verstehe sich. Diese koche man dann gemeinsam und freue sich schon heute darauf. Der 17-jährige Martin aus der Wohngruppe freut sich ebenfalls. Er will Rasen mähen. Das mache ihm Spaß. Und das solle er dann auch dürfen, so die Betreuer. Ihnen gehe es vor allem darum, neben dem gemeinsamen Gärtnern einen wertschätzenden Umgang miteinander zu pflegen und die interkulturelle Kompetenz zu stärken.

Susanne Reinhardt

Aus besonderem Holz geschnitzt

19. Juni 2017 von redaktionguh  
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Lutherbuche: Steinbacher Kirchengemeinde ist stolz auf hölzerne Sitzgelegenheit

Dass die Steinbacher überzeugte Lutheraner waren, beweist die Geschichte. Nach einem verheerenden Brand im Jahre 1533, der fast alle Häuser und die Kirche vernichtete, war es das Gotteshaus, das die Bewohner als erstes wieder errichteten und schon 1536 einweihen konnten. Michael Leyh wurde als Maler erkoren, der die außergewöhnliche Wand- und Deckenmalerei entwarf und die Engel mit frohen Gesichtern und den Leidensweg Christi anders darstellte als in den meisten Kirchen üblich.

Außergewöhnlich wie die Kirche, das sind auch die Steinbacher. Einer davon ist Franz Malsch, der als »Mann für alle Fälle« auch über den Ruhestand hinaus von Ideen und geschichtlichem Wissen nur so sprudelt. Er ist es auch, der allen Zweiflern entgegentritt, die über den tatsächlichen Ort der Gefangennahme Luthers immer wieder neue Thesen entwerfen.

Die Buche nämlich, an der Martin Luther im Auftrag von Friedrich des Weisen zum Schein gefangen und dem Schlosshauptmann der Wartburg übergeben wurde, stand genau dort, wo wir Thüringer sie immer vermuteten. An dem Ort, an dem 1983 eine Nachfolgerin gepflanzt wurde und gedeiht. Der für Luther verhängnisvolle Baum fiel am 18. Juli 1841 einem orkanartigen Sturm zum Opfer, der mit einer Sonnenfinsternis einherging. Aus dem Holz entstanden Gebrauchsgegenstände, und dank des damaligen Pfarrers Johannes Ortmann stehen heute noch unterhalb der Burg in Bad Liebenstein lauter kleine Lutherbuchen. Er hatte nämlich vorausschauend Samen gesammelt und daraus Setzlinge wachsen lassen, die er dort pflanzte.

Franz Malsch zeigt die Orginialbelege zum Verbleib des Holzes der Luther­buche, dahinter zu sehen die Stühle für die Konfirmanden, die aus der Lutherbuche gefertigt worden waren. Foto: Susanne Reinhardt

Franz Malsch zeigt die Orginialbelege zum Verbleib des Holzes der Luther­buche, dahinter zu sehen die Stühle für die Konfirmanden, die aus der Lutherbuche gefertigt worden waren. Foto: Susanne Reinhardt

Andreas Malsch, genannt »Spitzersch Ress«, ein Steinbacher Naturbursche und Schreiner, hatte die Buche bereits 1760 gekauft, um sie vor der Verarbeitung zu Brennholz zu retten. Seine Erben galten als Retter der Lutherbuche. Es war ein Fest, als sie das nun getrocknete Holz unter großen Brimborium nach Steinbach brachten, wo es im Sägewerk zu langen Bohlen verarbeitet wurde. Anschließend kamen diese zum Trocknen auf den Schulboden und ein Teil auf den Kirchboden. Fünf Klafter Holz und dreißig Wellen Reisig blieben von dem einst riesigen Baum übrig. Aus den Bohlen wurden 1842 von einheimischen Handwerkern für die damals sieben Konfirmanden Stühle gemacht, die bis heute in der Sakristei der Kirche stehen.

Den Nachweis für die Echtheit, dass die Stühle wirklich aus der Lutherbuche entstanden sind, findet man an den Unterseiten der Sitze. Dort erkennt man deutlich den entsprechenden Vermerk und das Steinbacher Kirchensiegel aus der Zeit von 1842. Die Konfirmanden fertigten Lutherbilder an, die an den Rücklehnen aufgedruckt und nach wie vor gut erhalten sind. Auch Becher, Butterformen, Leuchter, Schneiderellen, Nadelbüchsen und Salzstreuer wurden aus der Lutherbuche gefertigt. Der damalige Pfarrer Ortmann hatte alles bis aufs Kleinste schriftlich festgehalten. Franz Malsch ist es nun zu verdanken, dass diese Briefe, Rechnungen und Listen nicht in Vergessenheit geraten. Mit Unterstützung der 93-jährigen Lydia Herrmann aus Schweina wurden die in Sütterlin geschriebenen Aufzeichnungen säuberlich übersetzt und gemeinsam mit allen Dokumenten in einer kleinen Ausstellung zum Nachlesen und Anschauen untergebracht.

Susanne Reinhardt

Wenn die Kirche aus allen Nähten platzt

26. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Bergweihnacht mit den »Rühler Lütern«: Die dritte Auflage der Idee von Ziegen-Alm-Öhi ist in Ruhla ein echter Renner geworden.

Ruhlas St.-Concordia-Kirche ist eine der wenigen noch original erhaltenen Winkelkirchen in Deutschland. Der dort tätige evangelische Pfarrer Gerhard Reuther sorgt mit kulturellen Angeboten dafür, dass sie nicht nur an besonderen Festtagen gut besucht ist. Zur Bergweihnacht aber standen und saßen Menschen, dicht an dicht gedrängt, sogar in Gängen.

Die »Rühler Lüter« sind einer der Hauptakteure dieses Events im Zwei-Jahres-Rhythmus, das nun zum dritten Mal aufgeführt wurde. Die Veranstaltung war zugleich das 16. geöffnete Türchen des »Lebendigen Adventskalenders« der Kirchengemeinde in der Bergstadt im nordwestlichen Thüringer Wald.

Die Idee für diesen besonderen Abend, der so viel Bodenständigkeit beinhaltet, stammt von dem singenden Wirt der Ruhlaer »Geißen Alm«, Dieter Koch. Er veranstaltete viele Jahre lang in seinem Gasthaus, genauso wie seine Kollegen von der »Ruhlaer Skihütte«, Adventssingen mit Zitherbegleitung. Aufgrund der großen Nachfrage reichten die örtlichen Platzverhältnisse aber dort nicht mehr aus. Und so entstand vor sechs Jahren die Idee, das Ganze in die Concordia-Kirche zu bringen.

In diesem Jahr jedoch schien auch diese vor Menschen zu bersten, obwohl beide Flügel geöffnet waren. Nicht nur ein großer, geschmückter Lichterbaum, der Adventskranz auf dem Taufstein und die vom Kerzenschein in warme Farben getauchte Kanzel sorgten für ein besonders festliches Ambiente. Die Bläser der Erbstromtal Musikanten, die davor platzierten Zitherspieler Horst und Andreas Seyfried mit dem singenden Wirt und seiner Tochter Katrin, zwei Gitarren- und eine Akkordeonspielerin rundeten das Bild ab. An der Orgel saß begabter Nachwuchs, der 13-jährige Silvo Slotosch.

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Die »Rühler Lüter« in ihrer farbenfrohen Tracht stimmten die Kirchenbesucher gesanglich ein. Auch moderne Interpretation von Weihnacht fehlte neben den heimatverbundenen Darbietungen nicht. Dafür sorgte ein Vater mit seinen drei Buben. Früher, so meinte der Geißen-Alm-Wirt, der mit seiner sonoren Stimme seine Tochter als Sopranistin bei weihnachtlichen Liedern aus ganz Europa begleitete und gleichzeitig durchs Programm führte, habe man manchmal überlegen müssen, ob man die Kirche überhaupt noch brauche. Heute aber könnte man durchaus überlegen, ob man nicht sogar anbauen sollte.

Dabei zeigen die Bergstädter ihre ganz eigene Art, um Traditionen aufrechtzuerhalten. Allein die »Rühler Lüter« als eine der Hauptakteure der Bergweihnacht haben bereits überorts für Aufsehen gesorgt. Es sind die Nachkommen dieser sieben jungen Burschen, denen einst nachgesagt wurde, im Glockenläuten sehr kunstfertig zu sein. Die beiden Hälften der infolge einer Erbteilung zu Herzogszeiten mit zwei Kirchen ausgestatteten Bergstadt konkurrierten darin.

Als Ruhlaer Messerschmiede 1730 ins brandenburgische Eberswalde auswanderten, sollen ein paar dieser fähigen Glockenläuter mitgelaufen und bis Arnstadt gekommen sein, wo sie Quartier nahmen. Um Kost und Logis bezahlen zu können, boten sie an, kunstfertig die Glocken zu läuten. Mit Erfolg: Auf dem Heimweg, der immerhin noch gleichviel 57 Kilometer zählte, schoben sie ein Fass Bier mit nach Hause, das sie von den Arnstädtern zum Dank erhalten hatten.

Im Jahre 1969 ließen sieben Urgesteine diese Geschichte wieder aufleben. Heute pflegen deren Söhne weiter diese Tradition. Zur Rühler Bergweihnacht sorgten die sieben für den lyrischen Teil des Abends und trugen Ruhlaer Schnorren und Lieder vor.

Als ein besonderer Höhepunkt sollte aber auch das von Katrin Koch gesungene »Ave Maria« in Begleitung des jungen Organisten und das Lied »Ich steh an deiner Krippen hier«, das Pfarrer Reuther als Solist darbrachte, nicht unerwähnt bleiben. Die Kollekte, die zur Bergweihnacht eingesammelt wurde, dient unter anderem der Anschaffung neuer Glocken, denn die heute in einem Glockenhaus neben der Winkelkirche auf dem angrenzenden Friedhof untergebrachten erzeugen nicht mehr den Wohlklang, für den sie einst berühmt waren.

Das ursprüngliche Bronzegeläut war dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen und später durch Stahlgussglocken ersetzt worden. Und an denen nagt inzwischen auch schon kräftig der Zahn der Zeit.

Susanne Reinhardt

Gut gestimmte Freundschaft

25. April 2016 von redaktionguh  
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Seit 25 Jahren bemühen sich ein Thüringer und ein Schwabe um Orgeln der Region Eisenach

Es ist ein kühler Tag, als Gerhard Schiek aus Stuttgart sich Ende März wieder einmal auf den Weg ins thüringische Thal, einem Ortsteil des Bergstädtchens Ruhla im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen, begibt. Hier wartet bereits sein Freund Al­brecht Hanemann auf ihn. Die beiden Männer verbindet eine Leidenschaft: Das Orgelspiel und die Sorge um den Erhalt der Instrumente.

Seit 25 Jahren nimmt sich der ehemalige Orgelbaumeister aus dem Schwabenland eine Woche frei, um vor allem in den Dorfkirchen im Eisenacher Raum, wo das Geld in den Gemeinden knapp ist, etwas zu tun, damit die Orgeln funktionieren. Sein Freund Albrecht Hanemann begeisterte ihn dafür. Dieser spielt seit 57 Jahren Orgel und unternahm große Anstrengungen, die Klosterkirche zu Thal, eines der ältesten Gotteshäuser in Thüringen, nebst der darin befindlichen Orgel zu erhalten.

Gerhard Schiek (l.) und Albrecht Hanemann (r.) an der Orgel in Thal. Foto: Susanne Reinhardt

Gerhard Schiek (l.) und Albrecht Hanemann (r.) an der Orgel in Thal. Foto: Susanne Reinhardt

Alle 25 bis 30 Jahre sollte so ein Instrument gereinigt werden, heißt es unter den Fachleuten. Nun sei es wieder einmal an der Zeit, sind sich die beiden inzwischen 70 und 75 Jahre alten Herren einig. Ehe es die Gesundheit nicht mehr erlaube, wollten sie diesen Freundschaftsdienst noch einmal leisten und kehrten damit an den Ort zurück, an dem alles begann.

Albrecht Hanemann, gebürtiger Franke und Wahlthüringer, führte es kurz nach dem Mauerfall dienstlich ins Schwabenländle. Es war eine Dienstfahrt zu einer Firma, die Anlasser herstellte. In diesem Unternehmen traf er auf Gerhard Schiek, dessen damalige Ehefrau aus Halle/Saale kam und der sich deshalb für die aktuelle Situation »drüben« interessierte. Hanemann, der sich am Ende aufreibender und langjähriger Sanierungsarbeiten an der heimischen Klosterkirche befand, berichtete ihm, dass in Folge von massiven Wasserschäden auch die Orgel ausgebaut werden musste und es nun Schwierigkeiten gab, »sie wieder gangbar zu machen«.

Heute sehen es die beiden Männer fast schon als göttliche Fügung an, dass der engagierte Organist aus Thüringen ausgerechnet an diesem Tag mit einem gelernten Orgelbaumeister sprach. Gerhard Schiek arbeitete zwar in dieser Anlasser-Firma, hatte aber die Ausbildung eines Orgelbaumeisters genossen. Da viele Orgelbauunternehmen in seiner Gegend geschlossen wurden, musste er sich umorientieren. Aber die Liebe zur Arbeit war geblieben.

Ein Mann, ein Wort – der Stuttgarter reichte kurz darauf Urlaub ein und fuhr nach Thal. Dort wartete bereits Albrecht Hanemann mit zwei ABM-Kräften und Gemeindegliedern, die helfen wollten. Und so begann eine 25-jährige Männerfreundschaft. In den Jahren darauf kamen zehn weitere Orgeln im Altkreis Eisenach in den Genuss einer Reparatur, zuletzt in Deubach und Seebach. Natürlich sei man mit der uneigennützigen Absicht nicht bei jedem auf Sympathie gestoßen, warfen die Freizeit-Restauratoren ein. So mancher inzwischen aufstrebende Handwerksbetrieb fühlte sich übergangen. Aber die Missverständnisse habe man aufklären können. Denn die Kirchengemeinden, die ihre Hilfe in Anspruch nahmen, hätten sich nie eine Fachfirma leisten können und ihre Orgeln wären für immer verstummt.

Und nun habe man wohl auch genug getan.

Die Thaler Knauf–Orgel bekam jetzt noch einmal eine Generalüberholung, ehe sich ihre Pfleger zur Ruhe setzen. Mit einem Industriestaubsauger reinigten sie die Orgelpfeifen. Auch das Pedalwerk wurde neu justiert und die Orgel gestimmt. Schon nach ein paar Anschlägen konnten selbst ungeschulte Ohren den Unterschied vernehmen. Die Thaler Kirche, die – dank des unerschöpflichen Fleißes vieler freiwilliger Helfer – heute wieder ihren klösterlichen Charakter vorweist und verschiedene geschichtliche Epochen wiederspiegelt, ist auch wieder akustisch attraktiv. Ihre Orgel stammt übrigens aus dem Jahre 1884 und wurde von dem Großgesellen der Firma Knauf aus Tabarz mit solider Konstruktion gebaut.

Susanne Reinhardt

Stillstand ist ihnen ein Gräuel

10. April 2016 von redaktionguh  
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Alte Uhrenwerker machten in Ruhla ein technisches Kulturgut wieder fit

Eine verrostete Kirchturmuhr in einer Uhrenstadt und dazu noch historisch wertvoll, als technisches Kulturgut zu verstehen? Das kann und darf nicht sein, sagten sich drei alte Uhrenwerker aus Ruhla, wussten aber zur damaligen Zeit noch nicht, wie viel Arbeit damit auf sie zukommt.

Seit gut einem Jahr läuft sie wieder, die Turmuhr der Concordia-Kirche zu Ruhla, die sich die Evangelische Kirchengemeinde im Jahre 1861 anlässlich ihres 200-jährigen Kirchenjubiläums leistete. Einst von Johann Jacob Auch, herzoglicher Hofuhrmacher aus Weimar, als zuverlässiger Zeitmesser gebaut, wurde sie nach einer Dachsanierung des Turmes im Jahre 1992, immer noch funktionstüchtig, aus Modernisierungsgründen ausrangiert und schmachtete bis 2012 auf dem Kirchboden ein eher vergessenes Dasein.

Seit 1861 in Funktion, seit 1992 fast vergessen

Doch Pfarrer und Gewerbeverein der Stadt Ruhla erinnerten sich daran, dass es sich um ein seltenes Uhrwerk handelt, das dort vor sich hin rostet. Und schließlich hatten sich einst die Ruhlaer auf ihre Kirchturmuhr gefreut, die es bis 1861 gar nicht gab. Das damals aufgrund mehrerer Erbteilungen gespaltene Ruhla besaß nämlich gleich zwei Kirchen. Die Concordia-Kirche ist die jüngere der beiden. In einer Jubiläumsschrift aus dem Jahre 1911 wird zur Finanzierung der dortigen Kirchturm­uhr von einer großen Opferfreudigkeit der Menschen berichtet.

Es handelte sich schließlich um ein Unikat, so wie alle Turmuhren aus der Werkstatt der Uhrmacher-Familie Auch. Die Besonderheit daran: Die Übertragung beim Gangwerk, dem Viertelstundenschlag und dem Stundenschlag, wird nicht mit einem mehrstufigen Zahnrad-Räderwerk, sondern nur mittels Schneckenrad und Schnecke ausgeführt. Eine der noch acht original funktionierenden Auch-Turmuhr-Werke findet man zum Beispiel im Erfurter Dom.

Als im Jahre 2013 der Förderverein Uhrentradition Ruhla die Uhr übernahm, befand sie sich in einem erbärmlichen Zustand. Der 2010 gegründete Verein will vor allem an die 150-jährige Tradition der Uhrenindustrie in der Bergstadt erinnern. Mit dem Erlös aus dem Verkauf eines Jubiläumsbuches, eines Kalenders und durch Spenden sollte die Restaurierung gelingen, dachte sich Artur Kamp, gelernter Uhrmacher, einst für die Forschung und Entwicklung in der Uhrenfabrik Ruhla zuständig. Nach der Wende und Gründung des Unternehmens Gardè fungierte er als Geschäftsführer, genauso wie sein Mitstreiter Rainer Paust, der außerdem langjährige Erfahrungen als Konstrukteur mitbringt. Der Dritte im Bunde ist Hubert Grimm, gelernter Werkzeugmacher in den Uhrenwerken und eifriges Vereinsmitglied.

1 200 Arbeitsstunden und viel Herzblut

Alle drei Herren steuern auf die 80 Jahre zu, aber mit der Zeit haben sie offensichtlich kein Problem. Eher erweckt es den Anschein, dass sie Stillstand, wörtlich genommen, richtig stört. Deshalb investierten sie 1 200 Stunden ihrer Freizeit und eine Menge Herzblut in das Objekt Kirchturmuhr. Dazu galt es, das Werk komplett in seine etwa 100 Bestandteile zu zerlegen, die Teile zu entfetten, zu entrosten, zu überarbeiten und neu zu lackieren. Und wieder zusammenzubauen. Neben der Arbeitszeit mussten zudem rund 13 000 Euro investiert werden.

Die Retter der Ruhlaer Kirchturmuhr: (v. l.) Hubert Grimm, Rainer Paust und Artur Kamp (von links) sind mit Recht stolz auf ihr vollbrachtes Werk. Fotos: Susanne Reinhardt

Die Retter der Ruhlaer Kirchturmuhr: (v. l.) Hubert Grimm, Rainer Paust und Artur Kamp (von links) sind mit Recht stolz auf ihr vollbrachtes Werk. Fotos: Susanne Reinhardt

Das Herzstück der Uhr bildet die Hemmung. Sie besteht aus Ankerrad und Anker. Ihre Aufgabe ist es, das 3,60 Meter lange Pendel in seiner schwingenden Bewegung zu halten, so, wie es im 17. Jahrhundert der berühmte englische Uhrmacher George Graham entwickelt hat. Vorteile dieser Mechanik sind geringere Reibungsverluste und Störungen bei der Pendelbewegung, erzählten die Fachleute.

Aufgrund der Länge des Pendels mussten sie sich einen der höchsten Punkte in einer stillgelegten Halle des Betriebsgebäudes suchen. Um die Uhr unabhängig vom täglichen Aufziehen zu machen, installierte man anstelle der meterlangen Antriebsseile, an denen die Gewichte hängen, Getriebemotoren. Damit die Uhr genau die Zeit anzeigen kann, wurde eine äquivalente Lösung gefunden. Alle zwei Tage wird das Pendel kurz angehalten, und ein im Funkkasten installierter Funkzeitempfänger startet das Pendel sekundengenau in der 59. Minute.

Zum Stundenschlag ertönen heute kleine Schiffsglocken

Das Zifferblatt der Uhr gleicht dem Original an der Kirche. Für die Glocken, die viertelstündlich und die volle Stunde anschlagen, wählte man aus Demonstrationsgründen kleinere Schiffsglocken. Nun soll das fertige und voll funktionstüchtige Kirchturm­uhr-Werk für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Gemeinsam mit dem Uhrenmuseum, das sich im Hause Gardé befindet, und der Stadt Ruhla wurde nach einem geeigneten Platz gesucht, auf dem eine bruchsichere, 3,50 Meter lange und 2,50 Meter breite sowie 4,50 Meter hohe Schauvitrine aufgestellt werden kann. Man entschied sich jetzt für einen Vorplatz am Klubhaus der Stadt Ruhla.

Zur Umsetzung des Vorhabens hat die Kommune nun einen Fördermittelantrag gestellt, aber ein Drittel der Kosten, rund 30 000 Euro, müssen durch Eigenmittel aufgebracht werden. Die drei Initiatoren hoffen, dass auch dies bis 2017 geschafft sein wird.

Susanne Reinhardt

www.uhrentradition-ruhla.de