Seife der Hoffnung

27. November 2017 von redaktionguh  
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Träume, keine Schäume: Mit einem ungewöhlichen Projekt unterstützt die Kirchen­gemeinde Rüdersdorf eine Manufaktur in Syrien.

Syrien ist für kostbare Seifen in aller Welt bekannt und die Seifenmanufaktur hat eine lange Tradition. Avedis Titizian stellt seine Seife nach alten Rezepten aus reinem Lorbeer- und Olivenöl her. Sie ist frei von künstlichen Duft- und Farbstoffen und enthält keine tierischen Fette. Diese Seife gehört im Jahre 2017 zu den Aktionen innerhalb des Projektes »Hilfe für Nahost«. Seit 2014 hilft Pfarrer Christian Kurzke aus Rüdersdorf im Kirchenkreis Gera mit verschiedenen Aktionen den geflohenen Menschen, die direkt in den Gebieten Nordirak, Syrien und Libanon leben. Auf große Unterstützung konnte und kann der Organisator dabei von der Landeskirche, kirchlichen Organisationen und vielen privaten Spendern zählen. 2017 sind 80 000 Euro von der Landeskirche in das Programm von Christian Kurzke geflossen. Die Mittel wurden im Rahmen des Kirchlichen Entwicklungsdienstes der EKM (KED) vom Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum zur Verfügung gestellt. Diese Gelder gingen an die christlichen Organisationen CAPNI (Christian Aid Program Northern Iraq) und an NESSL (The National Evangelical Synod of Syria and Lebanon). Damit werden Schülertransporte unterstützt. Diese bringen die Schüler aus entlegenen Dörfern zu den Bildungseinrichtungen der Hilfsorganisationen.

Versand: Pfarrer Christian Kurzke und Konfirmandin Lea Voigt sind fleißig dabei, die Bestellungen der »Seife der Hoffnung« einzupacken. Foto: Wolfgang Hesse

Versand: Pfarrer Christian Kurzke und Konfirmandin Lea Voigt sind fleißig dabei, die Bestellungen der »Seife der Hoffnung« einzupacken. Foto: Wolfgang Hesse

Pfarrer Christian Kurzke zeigt stolz die 2017 zusammengekommene Spendensumme in Höhe von 130 000 Euro. »Unser Hilfsprojekt ist mittlerweile so bekannt, dass Spenden aus allen Teilen Deutschlands auf unserem Konto eintreffen«, sagt der Gemeindepfarrer. »Eine größere Summe ging an die Poliklinik einer Kirchengemeinde in Minyara im Nordlibanon und an die Frauenarbeit von Pfarrer Abuna Jihad Nassif aus Homs, den wir in diesem Jahr persönlich hier in Rüdersdorf begrüßen durften.«

Die Hilfe ist ganz konkret für Menschen vor Ort bestimmt, wie etwa für den Manufakturbetrieb von Avedis Titizian. Der 34-Jährige gehört zu den Kriegsflüchtlingen aus Kessab, am Fuße des Musa Dagh, unweit von Aleppo. Er ist armenischer Christ und zählt zu den Nachkommen, die den Genozid 1915 überlebten. Drei Monate plünderten dschihadistische Truppen im Frühjahr 2014 systematisch die Stadt Kessab, zerstörten Häuser und Kirchen, bevor sie vertrieben wurden. Nur wenige ehemalige Bewohner kehrten nach Kessab zurück. Zwei Drittel der vormals 6 000 Einwohner gingen ins Ausland.

Neuanfang mit Hilfe aus dem Kirchenkreis Gera

Avedis Titizian stand nach seiner Rückkehr vor dem Nichts. Seine Manufaktur gab es praktisch nicht mehr, alles war zerstört oder gestohlen und es gab keine Entschädigung vom syrischen Staat. »Mit dem Bisschen, was mir geblieben ist, habe ich wieder angefangen Seife herzustellen«, berichtet Avedis Titizian. Niemand im Bürgerkriegsland kann jedoch heute seine hochwertige Seife kaufen. Deshalb unterstützt die Hilfe für Nahost Avedis Titizian, seine Seife in Deutschland zu verkaufen. Für 500 000 Kilogramm Seife werden ca. 10 000 Euro an die Manufaktur zurückgehen. »Wir hatten hier 3 500 Stück Seife und in den ersten 14 Tagen haben wir über 2 000 Stück davon verkauft«, freut sich Pfarrer Christian Kurzke.

»Das gelingt uns nur durch ein feinmaschiges Vertriebsnetz und den Online-Netzwerken von Diakonie, Kirchen und Gemeinden.« Die komplette Logistik von Verpackung bis hin zum Versand liegt im Gemeindebüro Rüdersdorf. »Ohne die Hilfe der Konfirmanden, den Kindern vom Chor und deren Eltern könnte ich das alleine nicht stemmen«, bemerkt Christian Kurzke.

Die »Seife der Hoffnung« ist, wie alle Aktionen von Pfarrer Christian Kurze, eine Hilfe für Flüchtlinge und Christen vor Ort, die in ihrer Heimat bleiben. Auch Avedis Titizian wollte nach Armenien auswandern. »Syrien ist meine Heimat. Ich liebe dieses Land und meine Eltern brauchen mich«, sagt er. »Mein größter Wunsch ist Frieden für Syrien. Mit dem Geld möchte ich meine Seifenmanufaktur erweitern und möglicherweise Arbeitsplätze schaffen. So kann ich meinem Land am besten helfen und auf Frieden hoffen.«

Wolfgang Hesse

Nähere Informationen unter E-Mail
<christiankurzke@web.de>

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Könnt ihr für uns beten?

23. September 2016 von redaktionguh  
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Syrien: Der Krieg wird immer schlimmer. Von Demokratie redet kaum noch jemand. Der evangelische Pfarrer von Aleppo hat nur noch eine Hoffnung. Und eine Bitte.

Am letzten Donnerstag im August gegen 11.45 Uhr erlebte Pfarrer Haroutune Selimian ein Wunder. Wieder eines. Mit Gas­flaschen gefüllte Raketen schlugen in der Nähe seiner armenisch-evangelischen Bethel-Kirche und ihrer Schule ein. Sechs Einwohner in der Nachbarschaft töteten sie. Aber in der evangelischen Kirche gingen nur farbige Fenster zu Bruch und die Schulbüros wurden verwüstet.

Unsagbares Leid. Nach einem Bombenangriff wird ein verletzter Junge aus einem eingestürzten Gebäude in Aleppo geborgen (Foto). In Aleppo sind 275 000 Menschen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen hängen an der türkisch-syrischen Grenze fest. Foto: picture alliance/abaca

Unsagbares Leid. Nach einem Bombenangriff wird ein verletzter Junge aus einem eingestürzten Gebäude in Aleppo geborgen (Foto). In Aleppo sind 275 000 Menschen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen hängen an der türkisch-syrischen Grenze fest. Foto: picture alliance/abaca

»Gott beschützte sein Haus«, schreibt Pfarrer Selimian danach. »Aber Sie können sich vorstellen, wie sich die Lehrer, Mitarbeiter und Schüler gefühlt haben, als sie die Raketen in ihre Richtung fliegen sahen und nicht wussten, wohin sie rennen sollten.« Es war das sechste Mal in diesem syrischen Bürgerkrieg, dass die in einem von Assad-Truppen gehaltenen Stadtviertel liegende evangelische Schule von Aleppo beschädigt wurde.

Fast jeden Tag Beschuss, viele Monate ohne Strom, Wasser, Telefon, Internet, und dazu ein schier unglaublicher Mangel an Öl, Benzin und Essen – so beschreibt Pfarrer Haroutune Selimian die Situation seiner Gemeinde im umkämpften Aleppo. Er kann jeden verstehen, der flieht. Trotzdem sagt er unablässig: »Die Kirche ist hier, um zu bleiben. Das ist der Ort, wo Gott uns haben will genau in dieser Zeit.«

Der Pfarrer ruft alle syrischen Autoritäten auf, endlich für Sicherheit zu sorgen. Doch es scheint ihm, als würde die schreckliche Lage nur noch immer schlimmer. Syrische Regierungstruppen schließen mit Unterstützung russischer Bomben den Belagerungsring um den Ostteil Aleppos, die zu großen Teilen islamistischen Rebellen schießen von dort zurück. Und die Christen fürchten die Islamisten. Der letzte Rest der demokratischen Bewegung, die am Anfang der syrischen Revolution gestanden hatte, wird zwischen diesen Fronten zermalmt.

Aber es gibt sie noch. Abdallah al-Khateeb (27) zum Beispiel, ein demokratischer Aktivist aus Yarmouk, einem Vorort von Damaskus. Der wird seit dem Frühjahr vom IS besetzt – und seit drei Jahren von Regierungstruppen belagert. »Sowohl das Regime als auch die Islamisten zielen ständig auf uns«, sagt Abdallah al-Khateeb gegenüber der Leipziger Organisation »Adopt a Revolution«, die Demokraten in Syrien unterstützt. Ende Juni traf ihn nachts auf offener Straße eine Kugel von IS-Terroristen. Ein gezielter Mordanschlag, sagt er. Der Grund: Al-Khateeb betreibt mit anderen Aktivisten freie Schulen, sie organisieren zivilen Widerstand und dokumentieren in Medien die Verbrechen beider Seiten.

Woher soll in all dem Grauen des syrischen Krieges noch Hoffnung kommen? »Ja, wir haben oft die Hoffnung auf den Menschen verloren«, gibt Pfarrer Selimian aus Aleppo zu. »Aber unsere Hoffnung auf Gott ist größer denn je. Wir haben gesehen, dass wir niemanden anderes haben.«

Hoffnung macht Haroutune Selimian, dass die Leiden der Syrer nicht vergessen sind. Gerade hat das evangelische Gustav-Adolf-Werk von Leipzig aus Spenden nach Aleppo überwiesen, Schule und Kirche sind wieder repariert. Hoffnung gibt ihm auch ein Blick zurück zu seinen armenischen Vorfahren. Nur wenige Alte und Waisen fanden nach dem Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren Zuflucht in Aleppo – und bauten doch in der Stadt etwas Großes auf. Auch die heutige Tragödie werde eines Tages überwunden sein, hofft der Pfarrer.

»Ich schreibe dies mit Tränen in meinen Augen«, so schickt Haroutune Selimian seine Nachricht von Aleppo auch nach Mitteldeutschland. »Könnt ihr für uns beten? Ohne euch und die Kirche in aller Welt sind wir verloren wie die Armenier, die durch den Völkermord gingen und von denen nur sehr wenige überlebten.«

Andreas Roth

Der Autor ist Redaktionsleiter der Kirchenzeitung »Der Sonntag« in Sachsen.

Das Leben der anderen

19. Juni 2016 von redaktionguh  
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Interreligiöser Dialog: »Wir müssen uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen« – Christen und Moslems begegnen sich

Dialog, aus dem Griechischen  für »sich unterhalten«, scheint einfach, wenn es um das Gespräch mit Gleichgesinnten geht. Doch wie funktioniert der Dialog der Religionen? Ein Selbstversuch.

Ein Schild am Kellereingang im Hinterhof, das war’s. Zur gängigen Vorstellung von einer Moschee passt dieser Ort nicht. Die schwere Kellertür steht offen. Drinnen Teppichboden, draußen stehen Schuhe. Dass sich hierher jemand zufällig verirrt, ist unwahrscheinlich. Ich bin verabredet mit Vertretern des Vereins »Haus des Orients« und mit Ramón Seliger, Vikar in der evangelischen Kirchengemeinde Weimar. Es soll um den interreligiösen Dialog gehen oder einfacher ausgedrückt, um Begegnung. Was wissen wir voneinander und wie leben wir unseren Glauben im Alltag? Ein spannendes Experiment. Osama Hegazy, promovierter Architekt aus Ägypten, bittet uns freundlich, auf dem Boden Platz zu nehmen. Im Hauptberuf kümmert er sich im Jobcenter als Vermittler um Flüchtlinge und Migranten aus arabischen Ländern. Für die Moschee und den Verein ist er ehrenamtlich tätig. Auch der Imam, der Vorbeter, Krim Seghiri aus Algerien. Der Prüftechniker arbeitet in der Woche in Augsburg. Zum Freitagsgebet ist er pünktlich in Weimar zurück.

Ramón Seliger (Mitte), Krim Seghiri (re.) und Osama Hegazy (li.) im »Haus des Orients« in Weimar – ein Pfeil an der Decke zeigt nach Mekka. Fotos: Harald Krille

Ramón Seliger (Mitte), Krim Seghiri (re.) und Osama Hegazy (li.) im »Haus des Orients« in Weimar – ein Pfeil an der Decke zeigt nach Mekka. Fotos: Harald Krille

Im Moment verbringen sie viel Zeit in der Moschee. Es ist Ramadan. Fünf Gebetszeiten pro Tag. Nach Sonnenuntergang darf gegessen und getrunken werden. Mit Sonnenaufgang wird gefastet und gebetet. Das ist diesmal eine besondere Herausforderung. Die Sonne geht bereits um 3 Uhr auf und erst nach fast 19 Stunden unter. »Das Leben im Ramadan ist anders«, erklärt Hegazy. Die Muslime leben in dieser Zeit wie eine Familie zusammen. Das Fasten ist eine gemeinsame religiöse Übung. Nur Kinder, Schwangere und Kranke sind ausgenommen. Der Ramadan sei ein Monat der Einkehr und Sammlung. So wie das wöchentliche Freitagsgebet. Sie treffen sich im »Haus des Orients«. So nennen sie den Versammlungsraum im Keller. 65 Quadratmeter, auf denen sich bis zu 150 Gläubige drängeln. Sie kommen aus Pakistan, Tunesien, Marokko, Libyen, Sudan, Eritrea, Irak, Syrien, Bangladesch, Indonesien oder aus europäischen Ländern. Die arabischen Worte des Vorbeters werden ins Deutsche, Englische und in Urdu, einer Sprache die in Pakistan und Indien gesprochen wird, übersetzt. Durch die Flüchtlinge ist der Raum viel zu klein geworden. Dicht stehen die Männer beim Freitagsgebet hintereinander.

Ramón Seliger hört interessiert zu. Der Vikar sucht den Kontakt zwischen der Kirchengemeinde und den Muslimen. Er will Beziehungen aufbauen, das Kennenlernen befördern. Nach dem Attentat von Paris hat er Muslime besucht und ihnen gesagt, dass er für sie bete. Er sieht im interreligiösen Dialog auf Gemeindeebene auch eine diakonische Dimension. Und er möchte das religiöse Leben der Muslime aus dem Hinterhof herausholen in die Öffentlichkeit. »Wir müssen uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen«, meint er. Osama Hegazy nickt: »Vor allem für unsere Kinder ist es wichtig, nicht isoliert aufzuwachsen.« Deshalb sei er froh, wenn es Begegnung zwischen den Religionen gäbe und wenn man sich in der Moschee oder in der Kirche treffen könne. Er selbst habe in Alexandria eine katholische Schule besucht. Für ihn ist wichtig, dass hier ein religiöses Leben deutscher Prägung entstehe und nicht islamische Traditionen aus anderen Ländern importiert würden.

»Ein Theologe, der hier ausgebildet wird, kann ganz anders entscheiden«, so Hegazy. Auch in der Gesellschaft sei Aufklärung nötig, ergänzt Seliger. »Die Sachbearbeiter auf den Ämtern können sich oft nicht vorstellen, welche Bedeutung die Religion für Menschen haben kann.« Deshalb wollen Osama Hegazy und Krim Seghiri ihr Haus offen halten und das Gespräch suchen. Für sie zählt zunächst der Mensch und nicht die Religionszugehörigkeit. In der Ausgrenzung sehen sie die größte Gefahr. Dadurch würden Menschen empfänglich für radikale Ansichten. Auch da sind sich der Vikar und der Imam einig, bei aller Unterschiedlichkeit.

Bevor sie auseinander gehen, werden Kontaktdaten ausgetauscht. Es soll eine Fortsetzung geben. Dann in einer Kirche und mit den Familien. Ein Anfang ist gemacht.

Willi Wild

Neues Zuhause nach der Flucht

3. Mai 2016 von redaktionguh  
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Im evangelischen Freizeitheim Thalwinkel leben Jugendliche aus Afghanistan und Syrien

Das historische Pfarrhaus in Thalwinkel hat seit einiger Zeit neue Bewohner. Als evangelisches Tagungs- und Jugendfreizeitheim bekannt, ist es nun das Zuhause für neun Jugendliche aus Syrien und Afghanistan im Alter zwischen 15 und 17 Jahren.

Ohne Eltern nach Deutschland gekommen, werden sie hier rund um die Uhr von neun Mitarbeitern der Diakonie Naumburg-Zeitz betreut. »Zu Beginn wussten wir nicht, wer und was uns da erwartet, gab es auch Ängste und Sorgen. Doch die Arbeit macht sehr viel Freude«, sagt Kathrin Schumann. Mittlerweile sei aus der Reserviertheit ein Vertrauensverhältnis entstanden. Man unterhält sich in Deutsch und Englisch, und wenn das nicht klappt, mit Händen und Füßen. Die deutsche Sprache lernen die Bewohner in Kursen in der Naumburger Volkshochschule sowie im Alltag mit den Betreuern. Vor allem das gemeinsame Essen bietet die Möglichkeit, vom Tag zu erzählen. Doch nicht jeder will berichten, was ihm auf der Flucht widerfahren ist, wie die aktuelle Lage im Heimatort ist. Oft gehen Bilder auf den Handys rum. Das Heimweh ist groß. »Sie brauchen einfach Zeit, sich gegenüber anderen zu öffnen«, weiß Alltagscoach Lisa Holetzek.

Das gemeinsame Essen ist für die jungen Flüchtlinge mehr als eine Mahlzeit: Es ist Gemeinschaft, Deutschunterricht und ein kleiner Familienersatz. Foto: Nicky Hellfritzsch

Das gemeinsame Essen ist für die jungen Flüchtlinge mehr als eine Mahlzeit: Es ist Gemeinschaft, Deutschunterricht und ein kleiner Familienersatz. Foto: Nicky Hellfritzsch

Aeman Dallol aus Syrien war der Erste, der im Januar einzog. Heute ist der 17-Jährige, der sehr gern kocht, der selbst ernannte Küchenchef des Hauses und zu einer Leitfigur für die anderen Jugendlichen geworden. Seine Familie lebt noch in Syrien. Als Jugendlicher hat er in einer Schuhfabrik gearbeitet. Sein Wunsch ist es, ein Praktikum in einer orthopädischen Schuhwerkstatt zu machen. Allgemein spiele die Zukunft der jungen Bewohner, die teils zuvor im Flüchtlingsheim im Maritim-Hotel in Halle untergebracht waren, eine ganz wesentliche Rolle. »Wir bereiten sie auf ihr späteres Leben vor. Wir erleben sie sehr motiviert. Sie wollen die Sprache und das alltägliche Leben in Deutschland kennenlernen«, erklärt Lisa Holetzek.

Großes Ziel sei es, dass sie eine Ausbildung in der Berufsschule aufnehmen. Doch die Abgeschiedenheit von Thalwinkel, Ortsteil der Stadt Bad Bibra und im Süden Sachsen-Anhalts gelegen, erweist sich als gewisser Nachteil. Die Wege nach Naumburg und Zeitz seien weit, mit dem Bus für Flüchtlinge mit nur ersten Sprachkenntnissen auch recht kompliziert, meinen die Diakonie-Mitarbeiter. Mit einem Kleinbus werden die Jugendlichen zu den Sprachkursen oder zum Sport gefahren. So wird in Freyburg geboxt, in Wetzendorf Volleyball und in Naumburg Fußball gespielt. Auch Ausflüge werden häufig gemacht. Die nähere Umgebung des Heimes erkundet die Gruppe oft selbstständig auf Fahrrädern.

Im Dorf ist das aktuelle Leben in und um das Jugendtagungsheim bekannt. »Vor dem Einzug der Flüchtlinge gab es eine Einwohnerversammlung. Und wie mit dem zuständigen Kreisjugendamt bestehen gute Kontakte zu hiesigen Einwohnern«, unterstreicht Mitarbeiterin Susanne Schultz. Selbst gebackener Kuchen oder Quarkbällchen werden als freundliche Geste aus der Nachbarschaft gereicht. »Die Jugendlichen haben im Gegenzug geholfen, die Friedhofsmauer herzurichten, auch aus Dankbarkeit heraus«, erzählt Lisa Holetzek. Für das Zusammenleben spielen nicht nur Respekt und Vertrauen eine Rolle. Es gibt klare Regeln wie Nachtruhe und Rauchverbot, Küchen- und Putzpläne. Die Jugendlichen pflegen zudem ihre Gebetszeiten. Im Herbst werden sie den kleinen Ort verlassen. Denn dann erfolgt der Umzug nach Bad Bibra, in die als Jugendheim umgebaute Kinderkrippe der Stadt.

Constanze Matthes

Neuer Kalter Krieg?

2. Mai 2016 von redaktionguh  
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Augustiner-Diskurs über die Herausforderungen deutscher Außenpolitik


Die Ukrainekrise, die völkerrechtswidrige Annexion der Krim und das Engagement Russlands für das Assad-Regime auf der einen und die Unterstützung der syrischen Rebellen durch die USA auf der anderen Seite: die Welt scheint auf einen neuen Kalten Krieg zuzusteuern, mit Blockbildung und Stellvertreterkriegen. Oder befinden wir uns gar schon in einem solchen? Darüber haben beim Augustiner-Diskurs im Erfurter Augustinerkloster Experten wie der Nahost-Kenner Rainer Hermann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Katja Maurer von der Hilfsorganisation »medico international« Ralf Beste, Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt sowie Jan van Aken (Linke) debattiert.

Katja Maurer und Rainer Hermann führten den Zuhörern die Situation in Syrien in bewegenden Bildern vor Augen. Hermann zeigte sich angesichts des anhaltenden Konfliktes und der weitreichenden Zerstörungen erschüttert, sieht aber derzeit keine Chance für eine andauernde und zu einem Frieden weisende Waffenruhe in Syrien. »Es sind zu viele Akteure mit unterschiedlichen Interessen dabei und keiner ist stark genug, um seine Interessen durchzusetzen.« Hermann verwies auf den Dreißigjährigen Krieg mit seinen furchtbaren Auswirkungen auf Europa. Erst als Millionen von Menschen getötet und Europa verwüstet war, waren die Kräfte der Akteure derart erlahmt, dass man zu einem Frieden bereit war, über alle Staaten- und Konfessionsgrenzen hinweg. Eine solche Entwicklung befürchtet der Nahost-Experte auch für Syrien. Derzeit werde ein Stellvertreterkrieg vom Iran und von Saudi-Arabien geführt um die Vorherrschaft im arabischen Raum. Der Westen habe die Lage zu lange falsch eingeschätzt.

Fehleinschätzungen gab Ralf Beste vom Auswärtigen Amt zu. Dennoch könne man die Situation zu Beginn des syrischen Bürgerkrieges mit der heutigen nicht vergleichen, so Beste.
»Für Demokratie und Menschenrechte zu sein ist gut, aber damit ist es nicht getan. Wir müssen das auch instrumentalisieren«, so Beste. Humanitäre Hilfe, diplomatische Verhandlungen und, wenn das nicht ausreiche, auch militärisches Eingreifen müsse in derartigen Konflikten angewandt werden, erklärte er.

Die außenpolitischen Entscheidungen der Bundesrepublik standen bei der Diskussion auf dem Prüfstein. Nicht nur in Syrien, auch im Verhältnis mit Russland sei viel falsch gemacht worden, darin waren sich die Teilnehmer einig. »Frieden in Europa gibt es nur mit Russland, nicht gegen Russland«, betonte van Aken. In einem Kalten Krieg befinde man sich derzeit nicht, aber man müsse alles tun, um einen solchen abzuwenden. Heute gelte es, die richtigen Weichen für Entscheidungen der Zukunft zu stellen.

Wie sehr die außenpolitische Lage in Ost und Nahost die Menschen beschäftigt, zeigten die zahlreichen Fragen aus dem Publikum. Spätestens seit die Flüchtlingswelle Tausende Menschen aus den Krisengebieten nach Europa geführt hat, sind es nicht mehr nur Nachrichtenmeldungen. Die Außenpolitik hat auch eine innenpolitische Komponente.

Diana Steinbauer

Fluchtgeschichten

24. April 2016 von redaktionguh  
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Ein einmaliges Projekt in Benneckenstein vorgestellt


Seit Monaten Fernsehbilder und Zeitungsberichte über Flüchtlinge. Alles weit weg? – Nein, Menschen mit diesem Schicksal leben direkt vor unserer Haustür. Das hat eine Gruppe von rund 20 Ehrenamtlichen erkannt, die am vergangenen Freitag in Benneckenstein einen interkulturellen Abend mit Syrern und Deutschen gestaltete. Seit Februar 2016 wohnen zwei syrische Familien im alten Pfarrhaus. Sie berichteten dem Publikum über ihre Flucht. Andererseits erinnerten sich auch Deutsche an ihre Fluchterlebnisse aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, in dem Fall Schlesien, und eine Fluchtgeschichte der jüngeren Vergangenheit, aus der DDR.

150 Besucher kamen ins Schützenhaus nach Benneckenstein. Foto: Heinz Noack

150 Besucher kamen ins Schützenhaus nach Benneckenstein. Foto: Heinz Noack

Es herrschte eine angespannte Stille bei den 150 Besuchern im Schützenhaus in Benneckenstein, als Khaled Altramesh von seiner Flucht aus Syrien berichtete. Bis Herbst 2015 lebte der 38-jährige Mann mit seiner Ehefrau Jawha und vier Kindern in Abu Kamal, einer Stadt am Euphrat im Osten Syriens. Als durch den Krieg dort kein normales Leben mehr möglich war, verließ die Familie das Heimatland. Es begann eine Odyssee über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich bis nach Deutschland. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, beendet Khaled Altramesh seine Fluchtgeschichte, die Stück für Stück ins Deutsche übersetzt worden war. Nicht nur seine syrischen Landsleute, die einen ähnlichen Fluchtweg hinter sich haben, blickten verständnisvoll. Auch Margot Papra aus Elbingerode konnte die Angst der Familie nachvollziehen. Sie erlebte vor 70 Jahren die Flucht aus ihrer Heimat Schlesien, wo sie 1938 geboren worden war. Ihre Kindheit verbrachte sie im Dörfchen Kamenz, das heute in Polen liegt. Ihr Sohn Detlef las den Erlebnisbericht seiner Mutter vor, der ins Arabische übersetzt wurde.

Die beiden Erlebnisberichte gehörten zu insgesamt sechs Fluchtgeschichten von einst und heute, die an diesem Abend sprichwörtlich unter die Haut gingen. Organisiert wurde der Abend von den ehrenamtlichen Helfern der evangelischen Kirchengemeinde Elbingerode, unter Federführung von Vikarin Ann-Sophie Schäfer.

»Die Stimmung im Harz ist nicht flächendeckend so«, sagte Ann-Sophie Schäfer. »Diese gut besuchte Veranstaltung ist leider nicht repräsentativ.« Aber ein sehr guter Anfang, über die Gemeinsamkeiten nachzudenken. In Elbingerode kam man über die Seniorenkreise auf das Thema Flucht zu sprechen. »Da gab es so viele Andockmöglichkeiten«, sagte Schäfer. »Das war ein Stein des Anstoßes. Nun erinnert man sich auch in den Familien und bei den Treffen an die Erlebnisse. Die Geschichten wurden aufgeschrieben, eine Publikation ist geplant.«

Eine syrische Band aus Wernigerode und der Harzer Singkreis gestalteten den Abend musikalisch aus. Im Anschluss konnten bei einem deutsch-syrischen Büfett persönliche Gespräche geführt und Kontakte vertieft werden.

Steffi Rohland

»Wir kommen mit Musik«

15. März 2016 von redaktionguh  
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Initiativen in Kamsdorf und Saalfeld bieten neue Integrationsmöglichkeiten für Flüchtlinge

Orientalische Klänge auf der Oud verweben sich mit europäischer Musik. Junge Leute der Saalfelder Musikschule spielen gemeinsam mit Abdallah Ghbash das von ihm komponierte Lied »For Syrian Children« für Oud und Zupfinstrumente. Astrid Pautzke vom Kunstraum Kamsdorf nennt dies: »Eine Brücke zwischen Orient und Okzident.« Grit und Sven Einsiedel, Astrid Pautzke sowie Jana und Fritz Bauer, die das Zupfinstrumenten-Ensemble »Querdas Saltandas« der Musikschule Saalfeld leiten, organisierten dieses gemeinsame Konzert mit Abdallah Ghbash.

Abdallah Ghbash will zwischen Deutschen und Flüchtlingen musikalische Brücken bauen. Foto: Wolfgang Hesse

Abdallah Ghbash will zwischen Deutschen und Flüchtlingen musikalische Brücken bauen. Foto: Wolfgang Hesse

Dem grausamen Spruch der IS-Terrormiliz »We’re coming to slaughter you (Wir kommen, um euch zu schlachten)« möchte Abdallah Ghbash sein Motto gegenüberstellen: »We’re coming with the music (Wir kommen mit der Musik)«. Mit Musik und Kunst möchte der begabte Musiker für Menschlichkeit und Völkerverständigung werben. Seine Lieder erzählen vom Streben der syrischen Menschen nach Freiheit, von der Situation der Flüchtlinge in türkischen Auffanglagern und vom Leid auf dem Weg über das Meer nach Griechenland.

Sechs Jahre studierte Abdallah Ghbash in Syrien Musik und die Oud, eine orientalische Kurzhalslaute. Wegen massiven politischen Drucks auf seine musikalische Arbeit durch den syrischen Sicherheitsapparat musste der Musiker 2011 Aleppo, seine Heimatstadt, verlassen. Während seines Exils entstanden zwei Alben, eingespielt in Jordanien und in Istanbul. Im Herbst letzten Jahres wurde seine Aufenthaltserlaubnis für die Türkei nicht verlängert. Deshalb nahm der 28-Jährige die beschwerliche Flucht über den Balkan bis nach Deutschland in Kauf und kam schließlich nach Saalfeld. Der eher unpolitische syrische Musiker wünscht sich für die Menschen in seiner Heimat und für den gesamten arabischen Raum ein Ende der Kriegshandlungen und einen friedlichen Wiederaufbau. Persönlich erhofft sich der Musiker, weiter studieren und endlich seine Ideen umsetzen zu können, was ihm in Syrien verwehrt blieb. »Mir liegt es sehr am Herzen, mit der Musik deutsche und geflohene Musiker, Deutsche und Flüchtlinge auf der Ebene von Mensch zu Mensch zusammenzubringen.« Den Menschen, die gegen die Kriegsflüchtlinge in Deutschland demonstrieren, möchte er die Botschaft mitgeben: »Demonstriert nicht gegen die Flüchtlinge, demonstriert gegen den Krieg, vor dem die Menschen fliehen müssen.«

»Musik und Kunst bilden bei der Integration eine Einheit«, meint Astrid Pautzke. »Viele Flüchtlinge bringen allein nur ihr künstlerisches Können mit nach Deutschland.« Seit Sommer 2015 bietet sie mit ihrem kreativen Projekt OASE im Kunstraum Kamsdorf eine Kunstwerkstatt an. »Es ist bereichernd, wenn man diese Menschen kennenlernen kann. Es ergeben sich beim gemeinsamen Arbeiten und Erzählen viele persönliche Kontakte.« Erste Arbeiten dieses Kunstprojektes von Flüchtlingen und Deutschen wurden in einer Ausstellung Ende November letzten Jahres gezeigt.

Wolfgang Hesse

www.kunstraum-kamsdorf.de

Übergriffe in Flüchtlingsheimen

8. Februar 2016 von redaktionguh  
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Die Meldung ging Anfang Januar durch die Medien: In der kleinen Flüchtlingsunterkunft im anhaltischen Ballenstedt hatte ein muslimischer Syrer einer Christin aus dem nordafrikanischen Eritrea gedroht: »Ich komme im Schlaf und schlachte dein Baby.« Auslöser war eine Diskussion über den Glauben, bei der die Frau sich wohl offen zu ihrem Christsein bekannte. Sie hatte den Mut, die Polizei zu verständigen, die die Drohung erst nahm. Der syrische Mann kam mitsamt seiner Familie zurück in das Aufnahmelager in Halberstadt.

Nicht ausblenden, sondern benennen

Ballenstedts Oberpfarrer Theodor Hering kennt die Frau von ihren gelegentlichen Gottesdienstbesuchen. Es ist in Ballenstedt bisher ein Einzelfall und Hering ist erstaunt über den Widerhall, den die Meldung in den Medien und in Netzwerken fand. Aber er erlebt auch, dass solche Vorfälle heruntergespielt werden. Sicher oft in guter Absicht, keine Ressentiments gegenüber Flüchtlingen im allgemeinen und Muslimen im besonderen zu schüren. »Aber man muss klar zur Kenntnis nehmen, dass es solche Fälle von Bedrohungen gibt, und sie nicht ausblenden, sondern beim Namen nennen«, so der Pfarrer. Die Situation der Christen in den muslimisch dominierten Flüchtlingsunterkünften sei eine große Herausforderung für die ehrenamtlichen Helfer.

Christen sind eine kleine Minderheit in Flüchtlingsunterkünften – viele berichten von Anfeindungen und Hass. Foto: privat

Christen sind eine kleine Minderheit in Flüchtlingsunterkünften – viele berichten von Anfeindungen und Hass. Foto: privat

Das bestätigt auch Cordula Haase, Migrationsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. In ihrem Arbeitsbereich wisse man »informell« um solche Bedrohungssituationen christlicher Asylbewerber und Flüchtlinge. »Informell« bedeute, dass man von derartigen Vorfällen zumeist nur im seelsorgerlichen Gespräch erführe. Besonders würden Ängste zunehmen, wenn ehemalige Muslime Kontakt zur christlichen Gemeinden finden, die Religion wechseln wollen und den Taufunterricht besuchen, so Haase.

Glaube soll außen vor bleiben

Die Beauftragte gibt offen zu, dass man bisher kaum wisse, wie mit den Problemen umgegangen werden kann. Und sie macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: In Sachsen-Anhalt bekämen kirchliche Mitarbeiter Probleme mit den Betreibern der Unterkünfte, wenn seelsorgerliche Anliegen thematisiert würden. »Solange wir nur rein karitative Hilfe anbieten, sind wir willkommen, aber sobald wir über unseren Glauben reden, soll das außen vor bleiben«, beschreibt sie die Situation. Selbst gedruckte Einladungen zu seelsorgerlichen Angeboten dürften in manchen Heimen nicht ausgelegt werden, beklagt Haase.

Dass dies in Thüringen anders ist, bestätigt Adelino Massuvira Joao. Der gebürtige Mosambikaner ist Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenkreises Suhl und gehört zum Beirat der großen Flüchtlingsunterkunft in der Stadt. Bedrohungen von christlichen Flüchtlingen erlebt er derzeit nicht. Den einzigen Fall im vergangenen Jahr sieht er vor allem als Folge der damals gravierenden Überbelegung des Wohnheimes. Gelegentliche Rangeleien hätten eher nationale Hintergründe, so Massuvira Joao.

Harald Krille

Hier darf man das Kreuz zeigen

1. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Flüchtlinge aus Altenburg waren auf den Spuren von Christen- und Judentum in Erfurt

Zu einer besonderen Begegnung kam es am Rande der EKM-Synode in Erfurt. Am 20. November empfing Präses Dieter Lomberg gemeinsam mit den Synodalen Bernhard Voget und dem Präsidium der Synode eine Besuchergruppe mit Flüchtlingen. Sie waren im Rahmen einer Studienfahrt in Erfurt, die vom Diakonat des Kirchenkreises Altenburger Land organisiert und von Superintendent Michael Wegner begleitet wurde. Im Vordergrund stand neben der Vertiefung der Deutschkenntnisse das Kennenlernen von Christen- und Judentum.

Einige der mitgereisten Afghanen, Eritreer, Iraner und Syrer leben schon seit mehreren Jahren in Deutschland, während andere erst vor wenigen Monaten in Thüringen angekommen sind. So unterschiedlich sind auch ihre Sprachkenntnisse. Fließendes Deutsch spricht der junge Syrer Gabriel, der im Alter von 17 Jahren mit seinem Bruder aus der Heimat geflohen ist. Von Dortmund kam er zunächst nach Eisenberg und dann ins Altenburger Land. Voller Stolz trägt er das Kreuz auf seiner Brust, das er hier nicht mehr verstecken muss. »Entweder man bezahlt als Christ mit Geld oder mit dem Leben, so ist das in Syrien«, berichtet er. Für den aramä­ischen Katholiken war die Besichtigung des Doms zweifelsohne der Höhepunkt der Reise.

Studienfahrt nach Erfurt: Anhand des Reliefs der Innenstadt Erfurts konnten die Teilnehmer noch einmal die Stationen ihres Weges durch die Landeshauptstadt nachvollziehen. Foto: Ilka Jost

Studienfahrt nach Erfurt: Anhand des Reliefs der Innenstadt Erfurts konnten die Teilnehmer noch einmal die Stationen ihres Weges durch die Landeshauptstadt nachvollziehen. Foto: Ilka Jost

Doch nicht nur er war beim Anblick des Gotteshauses sprachlos vor Staunen. Ehrfürchtig erklommen die zwei Frauen und sieben Männer die Domstufen und zückten wie auf Kommando ihre Smartphones für ein Erinnerungsfoto. Und auch die eigene Religion wurde zweitrangig und es gab keinerlei Berührungsängste beim Betreten des Gotteshauses. Zwei Muslime holten eine Münze aus der Tasche und zündeten eine Kerze an.

Beim anschließenden Besuch der Synode gab es einen Einblick in die Arbeit des Kirchenparlaments, wo natürlich die Flüchtlingshilfe ein Thema war. Präses Lomberg rief dazu auf, den Neuankömmlingen bei der Suche nach Räumlichkeiten behilflich zu sein, um Möglichkeiten zur Einkehr und zum Praktizieren ihrer Religionen zu bieten. Ein wichtiger Beitrag ist dabei die EKM-Initiative »Offene Kirchen« (siehe Seite 5 dieser Ausgabe).

Wie wichtig dies für die Flüchtlinge ist, konnten die Synodalen konkret erfahren. Die Eritreer Teame und Robel sind orthodoxe Christen und leben erst seit wenigen Monaten in Deutschland. Bisher beherrschen sie nur einige Wörter Deutsch und besuchen einen Sprachkurs. Sie erzählten von ihrer gefährlichen Flucht übers Mittelmeer und vom Leben in Eritrea, wo der 26-jährige Teame Priesterdiakon war. Der Glaube ist beiden sehr wichtig. In ihrer Heimat dauert ein Gottesdienst mehrere Stunden: mit Trommelklängen, viel Gesang und fröhlichen Tänzen. Bisher haben sie dafür in Altenburg noch keinen geeigneten Ort gefunden. Das soll sich bald ändern, verspricht Superintendent Michael Wegner.

Ilka Jost

Der König der Herzen

28. November 2015 von redaktionguh  
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Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.

Sacharja 9, Vers 9

Machthaber, die gerecht sind und helfen. Machthaber, die zuerst am Wohl ihrer Untertanen und am Frieden interessiert sind. An solchen Machthabern fehlt es an vielen Stellen und in vielen Ländern dieser Welt. Wir sehen solche, die rücksichtslose Diktaturen aufrechterhalten und Menschen unterdrücken. Wir sehen solche, die nur dem eigenen Profit nachjagen und darüber die Armut der Bevölkerung vergessen. Wir sehen solche, deren Herrschaft vor allem Gewalt, Zerstörung, Schrecken und Leid bringt. Denn Macht birgt immer auch die Gefahr, für eigene Interessen missbraucht zu werden.

Johannes Burkhardt, Vikar in Angelroda-Geratal

Johannes Burkhardt, Vikar in Angelroda-Geratal

Doch der Prophet Sacharja kündigt einen ganz anderen Herrscher an. Einen Gerechten und einen Helfer. Einen, der an den Menschen interessiert ist und ihr Leben zum Guten verändern möchte. Wie sehr wünsche ich mir so einen Herrscher zum Beispiel für Syrien. Aber, wie die Situation jetzt ist, würde er kein Gehör finden, könnte kaum etwas ausrichten.

»Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.« Es ist ein ganz persönlicher König, auf den unsere Aufmerksamkeit hier gerichtet wird. Dein König kommt zu dir. Es ist kein großer weltlicher Herrscher, kein Diktator, kein Machthaber, wie wir ihn sonst kennen. Es ist ein König, der seine Macht in unserem Inneren ausbreitet. Es ist Gott selbst. Nur er hat die Macht uns wirklich zu verändern, uns zu helfen. Seine Macht äußert sich nicht durch zeitlich begrenzte Unterdrückung und Gewalt, sondern durch seine Zuwendung, die uns Menschen einander nahe bringt. Wenn er kommt, verliert weltliche Herrschaft ihre zerstörerische Macht.

Der Advent ist die Zeit, in der wir in besonderer Weise in Erwartung auf unseren König Jesus Christus leben. Wir öffnen unsere Herzen, um ihn bei uns zu empfangen, damit er uns verändern kann. Damit er mit seiner Gerechtigkeit, seiner Hilfe und seinem Frieden in uns Raum gewinnt. Denn der mächtigste König ist nicht der, der ein Land oder eine Bevölkerung regiert. Sondern der, welcher in den Herzen der
Menschen regiert.

Johannes Burkhardt, Vikar in Angelroda-Geratal

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