Von Trostpflastern und offenen Armen gegen Verletzungen

25. Juni 2017 von redaktionguh  
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Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.

Matthäus 11, Vers 28

Wer kommt in meine Arme? Wer kennt es nicht, das Spiel aus Kindertagen? Meine Tochter steht einen Steinwurf von mir entfernt. Ein Kinderlächeln zieht sich über ihr Gesicht. Frech grinst sie mich mit ihrer Zahnlücke an. Ein Bein hat sie nach vorn gestellt. Sie wippt vor und zurück. Jetzt rennt sie los. Mit lautem Kichern kommt sie auf mich zu und wirft sich in meine offenen Arme. Volles Vertrauen. Ganzes Risiko. Ohne zu zögern. Nicht einen Moment denkt sie darüber nach, was alles passieren könnte. Die offenen Arme sind ihr Verheißung genug.

Pfarrer Ramón Seliger, Weimar

Pfarrer Ramón Seliger, Weimar

Dabei zeugen die Pflaster an ihren Knien wie Trophäen von ihrer Tapferkeit. Die grellen Farben können die blauen Flecken und Wunden kaum verbergen. Täglich kommen neue hinzu. Sie kennt den Schmerz nur zu gut. Aber auch das Gefühl, wieder aufgehoben und getröstet zu werden. Geborgen zu sein. Eben noch geweint und schon wieder mit einem Lächeln auf den Lippen. Ich lasse mich anstecken von ihrer Freude und bewundere, wie schnell die Tränen einem Lachen weichen können.

Obwohl ich längst keine bunten Pflaster mehr auf den aufgeschlagenen Knien trage, ist mir der Schmerz noch immer wohl vertraut. Der Schmerz zu scheitern, allein zu sein oder Schuld zu tragen. Der Schmerz, einen lieben Menschen zu verlieren oder einen anderen zu verletzen. Der Schmerz, der manchmal gar keinen Grund mehr kennt und die Tage dunkel machen kann. Mühselig und beladen. Auch die Angst vor dem Sturz ist ein Teil meines Lebens geworden. Darin bin ich Mensch und wünsche mir, dass mir einer mit offenen Armen begegnet. Einer, der mir die Tränen trocknet und bei dem ich Ruhe finden kann und angenommen werde, so wie ich bin.

Um ehrlich zu sein, fällt es mir inzwischen schwer, einfach loszurennen. Meist stolpere ich im Leben eher vorwärts. Und doch wünsche ich mir manchmal das Vertrauen, mir die offenen Arme Verheißung genug sein zu lassen. Ohne zu zögern und mit einem Lachen auf den Lippen.

Ramón Seliger