Gehen oder bleiben

21. Januar 2017 von redaktionguh  
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Heiligabendgottesdienst mit Krippenspiel. Neben mir sitzt eine junge Mutter mit ihrem kleinen Jungen, etwa drei bis vier Jahre alt. Als die Hirten den Gang entlang nach vorn ziehen, würdigt der Kleine sie nur mit einem kurzen Blick. Er ist anderweitig beschäftigt. Mit seinem Plüschtier. Hin und wieder ist sein Stimmchen zu vernehmen, aber ganz friedlich. Die ältere Frau allerdings neben dem Kind fühlte sich offenbar in ihrer Andacht gestört. Sie gab der Mutter zu verstehen, dass sie mit dem Kind, das so wenig Anteilnahme am Gottesdienst zeige, die Kirche verlassen müsse. Ärgerlich und energisch entgegnete die junge Frau: »Nein, Sie müssen gehen!«

Vielleicht eine etwas harsche Reaktion, aber ich stimmte der Mutter innerlich zu. Gottesdienst mit Kindern. Hier stellt sich die Frage, ob es gut ist, sie in Watte zu packen oder nicht – ein Schwerpunkt dieser Ausgabe –, auf eine ganz andere Weise. Was erwarten wir von den Jüngsten in unserer Gemeinde? Sind wir bereit, uns auf sie einzustellen, gelegentlich ein Stück zurückzustecken?

Sehr wohltuend und entlastend fand ich das Wort eines Pfarrers im Taufgottesdienst. Den Eltern, die abwechselnd mit ihrem Baby auf dem Arm in der Kirche auf- und abliefen, sagte er: »Laufen Sie ruhig hin und her, wenn das Ihr Kind tröstet. Das stört nicht!« Richtig! Das stört nicht. Anders ist es freilich, wenn ein Kind lauthals schreit und sich über längere Zeit nicht beruhigen lässt. Das ist dann ebenso störend wie ein heftiger Hustenanfall eines Erwachsenen. Wahrscheinlich ist es in dem Fall besser, den Raum zu verlassen.

Nun ist nicht jeder Gottesdienst für kleine Kinder geeignet, aber beim Krippenspiel oder bei einer Taufe gehören sie dazu. Auch wenn sie dem Geschehen noch nicht folgen können und manchmal Unruhe verbreiten. »Wehret ihnen nicht.«

Sabine Kuschel

Drei Mal tief untertauchen

1. September 2015 von redaktionguh  
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Am Elbufer in Brambach bei Dessau wird der Gottesdienst zum Tauffest


Acht Kinder wurden am vorigen Sonntag in der Elbe getauft. Das Ereignis zog auch Menschen an, die sonst nichts mit Kirche zu tun haben.

Der Sand drückt sich zwischen die Zehen der Gemeindemitglieder, die mit ihren Campingstühlen ans Elbufer kommen. Zum Taufgottesdienst gehen die vielen Menschen besser barfuß, denn das Wasser vom Fluss hat den Sand nass gemacht.

250 Menschen sind an diesem 23. August gekommen, um dem Taufgottesdienst beizuwohnen. Eltern, Verwandte und Freunde der acht Kinder, die getauft werden sollen, sind ans Ufer gegenüber der Brambacher Elbterrassen gefahren. Auch einzelne Radfahrer halten an und schauen zu.

Die zehnjährige Alexa Sparenberg ist mutig und lässt sich zu ihrer Taufe im Elbewasser von Pfarrer Stephan Grötzsch komplett untertauchen. Mit Nasezuhalten schafft sie es. – Foto: Markus Kowalski

Die zehnjährige Alexa Sparenberg ist mutig und lässt sich zu ihrer Taufe im Elbewasser von Pfarrer Stephan Grötzsch komplett untertauchen. Mit Nasezuhalten schafft sie es. – Foto: Markus Kowalski

»Mit solchen Gottesdiensten kann man die Schwellenangst erheblich senken für Leute, die sonst nichts mit Kirche zu tun haben«, sagt Pfarrer Stephan Grötzsch (49) aus der Dessauer Christusgemeinde, der sich den beigen Talar überzieht. Auf dem kleinen Sandstrand steht ein Altartisch, davor acht weiße Taufkerzen und dazu ein großes Holzkreuz. Der Gottesdienst beginnt, der Dessauer Posaunenchor bläst kräftig und begleitet die Lieder. Die Sonne scheint auf die Liedzettel der Gemeinde, einige haben Sonnenschirme mitgebracht, die der Wind immer wieder umpustet.

»Wir beginnen mit der Taufe«, sagt Grötzsch schließlich nach der Predigt, in der er von den Quellen im Leben und vom Durst nach Sinn gesprochen hatte. Alsbald steigt er knietief ins Wasser; die Familie Klemp kommt mit ihrer Tochter Luisa dazu. Sie ist erst sieben Monate alt, deswegen wird ihr das Elbewasser nur aufs Gesicht geträufelt. Vater Raiko Klemp hält die Tochter; für ihn ist die ganze Zeremonie neu: »Man kennt Taufen sonst nur aus dem Fernsehen, aber live dabei zu sein ist schon schön.« Für Mutter Pia Klemp ist der Tag auch ein Besuch in der früheren Kirchengemeinde, jetzt wohnt sie in Halle. »So haben wir eine Gelegenheit, uns selber zu verpflichten, unserer Tochter die Kirche nahezubringen. Und in der Natur getauft zu werden ist natürlich besonders schön.«

Schon werden die nächsten Kinder getauft. Alexa Sparenberg ist an der Reihe. »Sie gehört zu den ganz Mutigen«, sagt Pfarrer Grötzsch, sein Talar ist mittlerweile durchgeweicht. Er hält Alexandra an der Schulter fest, spricht die Taufworte und taucht sie komplett unter, ganze drei Mal: »Ich taufe dich auf den Namen des Vaters« – schwapp – »des Sohnes« – schwapp –»und des Heiligen Geistes« – schwapp. Die Gemeinde klatscht. Mit Nasezuhalten hat die Zehnjährige es geschafft. »Es war ein wunderbares Gefühl, auf diese Weise getauft zu werden«, resümiert Alexa. Sie hatte in der Christenlehre von der geplanten Gruppentaufe in der Elbe gehört. »Dann habe ich meine Eltern solange gefragt und überredet, bis sie zugesagt haben.«

Pfarrer Grötzsch nimmt neue Gemeindemitglieder schon länger auf diese unkonventionelle Weise auf: »Ich möchte diese urchristliche Tradition gern fortführen«. Die Idee dazu sei 2002 in seiner vorigen Pfarrstelle in Coswig entstanden. Mittlerweile tauft er einmal im Jahr an der Elbe. Dieses Sakrament in die Natur zu verlegen, ist auch eine politische Aussage: »Wir weisen damit auf die Schönheit der Schöpfung Gottes hin und setzen uns für den Erhalt der naturnahen Elbe ein.« Deswegen gibt es am 12. September auch wieder einen Elbekirchentag.

Als die acht Kinder getauft sind, stehen Täuflinge und Familien zusammen, empfangen den Segen und sprechen ein Gebet, ein spürbar tiefreligiöser Moment. Und doch schauen auch Interessierte zu: Am Wegesrand stehen einige Radfahrer, beobachten das Geschehen gespannt. Die anderen Kinder der Gemeinde spielen fröhlich am Ufer und werfen Sand ins Wasser. Aus einer Taufgemeinde, in der sehr unterschiedliche Menschen zusammengekommen sind, wird für einen kurzen Moment eine offene Kirche unter freiem Himmel.

Dann ist der Gottesdienst vorbei, das letzte Posaunenlied verklungen. Alle klappen ihre Stühle zusammen, tragen sie auf die benachbarte Wiese und picknicken dort.

Markus Kowalski

Vertrauter Klang

29. März 2013 von redaktionguh  
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Die Hoffnungsgemeinde fand ungewöhnliche Namen für ihre neuen Glocken

Mit der Glockenweihe beginnt Ostersonntag der Gottesdienst in der Hoffnungsgemeinde in Magdeburg. Die Christen in dem 40 Jahre alten Wohngebiet haben endlich ihr eigenes Geläut. Dabei war ursprünglich gar keine Glocke geplant. Doch auch wenn die Gemeinde erst entstand, Glocken mussten sein. So errichtete sie neben dem Gemeindezentrum einen Turm für zwei Glocken. Die waren aber nur geliehen. Die Christusgemeinde im Hopfengarten hatte nämlich Glocken, aber keinen Turm. Den konnte sie erst jetzt bauen. »Der Mietvertrag für die Glocken wurde langfristig gekündigt«, sagt Jörg Böhme, Vorsitzender des Gemeindebeirats.

Für die Gemeinde war klar, dass neue Glocken beschafft werden. Doch auch Fremde fragten nach, als das Läuten verstummt war. »Einer sagte, er vermisse das 18-Uhr-Läuten, wenn er in seinem Garten ist«, erinnert sich Jörg Böhme. Und freut sich, dass es nicht beim Fragen blieb. »An der Finanzierung beteiligten sich Leute, die nicht zur Gemeinde und nicht einmal zur Kirche gehören.«

Anfang der Woche stand der Turm, die Glocken sind eingebaut. Die Hoffnungsgemeinde ist wieder komplett. Foto: Viktoria Kühne

Anfang der Woche stand der Turm, die Glocken sind eingebaut. Die Hoffnungsgemeinde ist wieder komplett. Foto: Viktoria Kühne

Zunächst ging es nur um Glocken. Aber weil ein richtiges Geläut aus drei Glocken besteht, sollten es auch drei werden, nunmehr eigene. Dafür reichte der alte Turm jedoch nicht. So wurde das Vorhaben zwar teurer, doch die Spendenbereitschaft war groß. Gut 37000 Euro sind bisher zusammengekommen. Kirchenkreis, Landeskirche und Geld aus einer Erbschaft stehen zur Verfügung. Die Hoffnungen auf einen Zuschuss von Lotto-Toto und aus dem Glockenfonds der Ostdeutschen Sparkassenstiftung zerschlugen sich zwar, entmutigen ließ sich die Hoffnungsgemeinde aber nicht. Was noch fehlt, wird schon zusammenkommen.
Zum Guss der Glocken waren 25 der etwa 1200 Gemeindeglieder nach Lauchhammer gefahren. Wie viele jetzt den Aufbau des neuen Turms verfolgten, ist nicht feststellbar. Spannend war es, knapp der Zeitplan, zumal das Winterwetter alles andere als ideal zum Bauen ist. »Ach, die Kleingeister«, schmunzelt Jörg Böhme. Er hatte die Holzkonstruktion bereits ­gesehen; nachdem das Fundament gelegt war, musste der Turm, den das Architekturbüro Wehner entworfen hatte, nur noch aufgebaut werden.

Dass es wieder ein Geläut geben soll, war völlig unumstritten. »Über die Namen der Glocken gab es die umfangreichste Diskussion«, erinnert sich der Beiratsvorsitzende. Ungewöhnliche Glockennamen hat die ­Gemeinde gewählt. Mit »Frieden«, »Gerechtigkeit« und »Bewahrung der Schöpfung« erinnern sie an den konziliaren Prozess. Zu dessen Beginn entstand die Hoffnungsgemeinde, und er gab der Opposition in der DDR in den 1980er Jahren wichtige Impulse, die zum Fall der Mauer beigetragen haben dürften.

In der Osternacht lädt die Gemeinde zum Osterfeuer ein, dessen Licht vom neuen Leben künden soll. Das Licht wird in die dunkle Kirche getragen, wo eine Andacht gefeiert wird und sich Frauen und Männer taufen lassen. Ostersonntag läuten die Glocken.

Renate Wähnelt

Glockenweihe: 31. März, 10.30 Uhr, Krähenstieg 2, danach in der Kirche Gottesdienst. Osterfeuer und Taufgottesdienst: 30. März, 19.30 bis ca. 23 Uhr

Die Schule ist die Gemeinde

19. Mai 2012 von redaktionguh  
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In einem Gottesdienst in Erfurt wurden 23 Kinder und Erwachsene getauft

Nach und nach füllt sich der Altar mit Taufkerzen: 23 werden am Ende eines bewegenden Taufgottesdienstes dort stehen. Viele Gästesind am 12. Mai mit in die Erfurter ­Lutherkirche gekommen: zum ersten Taufgottesdienst der Evangelischen Grundschule Erfurt. Die Täuflinge sind Lehrerinnen, Mütter und Schüler mit Geschwistern. Feierlich gekleidet stehen sie im Altarraum, die kleinen und die großen Täuflinge. Schulpfarrerin Katharina Passolt hat das Tauffest gemeinsam mit Lehrern und Eltern zum Thema »Gott, du bist mein Schutz und mein Schirm« vorbereitet.

Aufgestellt für Gruppenfotos zur Erinnerung an das Tauffest. Foto: Burkhard Dube

Aufgestellt für Gruppenfotos zur Erinnerung an das Tauffest. Foto: Burkhard Dube

»Ich fand die Taufe heute sehr ergreifend und spüre diese Hülle der Geborgenheit«, sagt Andrea Willnauer (43), die mit ihrem Sohn Richard Conrad (9) zu den frisch Getauften gehört. Die Mutter stammt aus einem nichtkirchlichen Elternhaus. Aber sie habe schon länger mit dem Gedanken ­gespielt, sich mit Glaubensfragen zu beschäftigen. »Richard ging schon in den evangelischen Waldkindergarten, und ich habe erlebt, wie gut ihm das tut«, sagt die Mutter.

225 Schüler zählt die Grundschule, die vor drei Jahren eröffnet wurde. »Eine solche Schule macht Kirche besser erkennbar als vieles andere«, ist sich Marco Eberl sicher, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Schulstiftung, die Trägerin von 20 Schulen der EKM ist. »Unsere Schulen verändern auch unsere Kirche. Viele Eltern und Kinder haben keinen klassischen Zugang zur Gemeinde, für sie ist die Schule die Gemeinde. Sie bringen ganz andere Fragen mit, denen wir uns stellen müssen.« Im Schnitt sind 50 Prozent Kinder nicht evangelisch. In Erfurt sei der Anteil jedoch etwas höher. »Wir achten darauf, dass wir immer auch nicht konfessionell gebundene Kinder aufnehmen«, so Eberl. »Über die Kinder kommt die frohe Botschaft in die Gesellschaft zurück. Das macht mich glücklich.«

Die Evangelische Grundschule Erfurt habe ein deutliches evangelisches Profil entwickelt. Schulleiterin Cornelia Schäfer erläutert, dass regelmäßige Andachten, monatlich ein Gottesdienst und Gottesdienste zu den Festen des Kirchenjahres selbstverständlich seien. Auch der Kontakt zu den Erfurter Gemeinden sei ihr wichtig.

Die Segnung ihrer Kinder im Schulanfangsgottesdienst ha­be manche Eltern sehr beeindruckt, erzählt Pfarrerin Passolt. So seien diese Eltern auf sie zugekommen und wollten »gern Christen sein«. Der Impuls fürs Taufseminar kam also nicht von ihr. Nun lägen für ein zweites auch schon Anmeldungen vor. Der Kirchenkreis und die Kirchengemeinden gehen offen damit um und unterstützen sie.
Auch in anderen Schulen der Schulstiftung werden Kinder oder Mitarbeiter getauft, im vergangenen Schuljahr waren es 15 Mitarbeiter und Kinder an den Schulen in Gotha, Eisenach, Ufhoven, Merseburg, Hettstedt und natürlich auch Erfurt.

Für Katharina Passolt stellt sich die Frage: »Wie kommt es, dass in der Gemeinde die Hemmschwelle so groß ist? Das ist für mich eine Denkaufgabe.«

Dietlind Steinhöfel