Die fröhliche Dienstgemeinschaft

8. Juli 2017 von redaktionguh  
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Neustart: Pfarrer Christoph Stolte hat am 1. Juli sein Amt als Vorsitzender von Ostdeutschlands größtem Wohlfahrtsverband, der Diakonie Mitteldeutschland, angetreten. Katja Schmidtke sprach mit dem 51-Jährigen über einen außergewöhnlichen Sommer, reizvolle Perspektivwechsel und eine »fröhliche Dienstgemeinschaft«.

Reisen, Ruhe, Müßiggang: Sommerzeit ist Urlaubszeit. Bei Ihnen sieht das in diesem Jahr etwas anders aus. Ein außergewöhnlicher Sommer?
Stolte: Das ist er, zweifelsohne. Der Abschied von der Diakonie-Stadtmission Dresden, dazwischen eine Pause und dann der Start in der Diakonie Mitteldeutschland. Ich freue mich, bin neugierig, und natürlich ist da auch eine gesunde Anspannung bezüglich dessen, was auf mich zukommt.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Stolte: Der Reiz ist es, Diakonie aus der Verbandsperspektive wahrzunehmen und diese selbst einzunehmen, aufbauend auf den Erfahrungen, die ich aus der Vorstandsarbeit der Stadtmission Dresden mitbringe. Ich wechsele die Perspektive und bleibe dennoch in der Diakonie, wo ich mich mit Leidenschaft zu Hause fühle.

Fotos: Willi Wild, Katja Schmidtke

Fotos: Willi Wild, Katja Schmidtke

Was werden die großen Themen Ihrer Arbeit sein?
Stolte: Armut. Wo sind Menschen in Not, wo ist Teilhabe eingeschränkt, wo entwickelt sich Armut neu – all das werden wir beobachten und darauf nicht nur hinweisen, sondern an Lösungen mitarbeiten. Das Thema Altersarmut wird uns beschäftigen, weil immer mehr Menschen aufgrund gebrochener Berufsbiografien in den letzten 25 Jahren ihr Alter mit sehr kleinen Renten oder Grundsicherung bestreiten werden müssen.

Sie sprachen die gesellschaftliche Teilhabe an. Inklusion wird gerade heftig diskutiert, selbst diakonische Werke haben sich kritisch über die praktische Umsetzung geäußert. Ist das Bundesteilhabegesetz ein Spargesetz?
Stolte: Inklusion ist die große Vision von gleichberechtigter Teilhabe jedes Menschen. Diese Vision ist auch biblisch gut fundiert, aber sie konkret zu leben, ist die Herausforderung. Das neue Bundesteilhabegesetz richtet sich an Menschen mit Behinderungen und rückt den Einzelnen ins Zentrum. Jeder Mensch mit Behinderung soll sein Leben so gestalten, wie er möchte. Und wir müssen schauen, wie es in den Ländern, Landkreisen und Kommunen gelingt, dass der Einzelne an Gemeinschaft und Arbeit teilhaben kann. Das ist ein Entwicklungsprozess mit vielen kleinen Schritten. Die Gefahr ist, dass wir uns damit abfinden, dass ein Mensch mit Behinderung grundsätzlich am Rande des Existenzminimums lebt – und das reduziert gesellschaftliche Teilhabe um ein ganzes Stück.

Heute leben viele Menschen mit Behinderungen in Wohnheimen, arbeiten in Werkstätten. Das wird sich ändern.Wir werden eine größere Vielfalt an Betreuung haben, vom Wohnheim bis zu individuellen Formen. Keine ist grundsätzlich besser oder schlechter. Maßstab ist der einzelne Mensch und was er möchte. Das erfordert ein großes Umdenken, auch in der Gestaltung von Arbeit, Arbeitszeiten und Dienstplänen. In der Diakonie wird es zu geteilten Diensten führen, zu einer höheren Flexibilität von täglicher Dienstzeit, wir werden keine Dienstpläne mehr über acht Wochen hinweg festlegen können. Natürlich ist es ein Spannungsfeld, Unterstützung auf der einen Seite so zu gestalten, wie es der einzelne Mensch braucht, und auf der anderen Seite Arbeitszeiten festzulegen, die dem Lebens- und Familien­rhythmus von Mitarbeitern entsprechen.

Mit der Diakonie kamen Sie während Ihres Zivildienstes erstmals in Berührung und haben Ihre Berufslaufbahn nach Vikariat und Pfarrdienst bei der Diakonie in Dresden fortgesetzt. Haben Sie kulturelle Unterschiede bemerkt zwischen Ost und West?
Stolte: Kulturunterschiede, das ist mir ein zu starkes Wort. Natürlich gibt es unterschiedliche Lebenssituationen, denken Sie an das Thema Armut. Wir sind auf dem Weg in eine deutlich vielfältigere Gesellschaft, in diesen Lernprozessen sind westdeutsche Gesellschaften weiter. Ich bin am Rand des Ruhrgebiets aufgewachsen, bin mit den Kindern der ersten Gastarbeitergeneration zur Schule gegangen, das war für mich alles ganz normal. Die Entwicklung zu einer bunten Gesellschaft wird uns hier im Osten beschäftigen. Ich sehe darin viele Chancen. Wir werden uns alle verändern und voneinander lernen. Die Diakonie in den neuen Ländern ist flexibel und hat einen großen Erfahrungsschatz, wie mit gesellschaftspolitischen Veränderungen umzugehen ist.

Sie haben in Marburg, Göttingen und São Paulo studiert. Danach sind Sie nach Sachsen gegangen. Warum?
Stolte: Meine Frau und ich haben Freunde in Sachsen und waren schon als Schüler dort, der Osten war uns nicht unbekannt. Nach Ende des Studiums entschieden wir uns aus einem einfachen Grund dafür, nach Sachsen zu gehen: Neugier. Wir stellten uns damals die Frage, wo wir leben wollen, wo viel passiert und vieles möglich ist. Zu Beginn meines Vikariats im Sommer 1994 sind wir fröhlich nach Leipzig gezogen. Das war und ist gut und richtig. Wir sind gerne in diesem Teil Deutschlands, wir wollen bleiben. Hier ist Heimat, wir sind angekommen.

Sachsen-Anhalt und Thüringen kennen Sie bislang nicht so gut wie Sachsen. Worauf freuen Sie sich besonders?
Stolte: Darauf, die vielen kleinen, aber geschichtlich und kulturell prägenden Städte kennenzulernen. Da kommt mir zugute, dass ich diesen Sommer einige der insgesamt 1700 Einrichtungen der Diakonie Mitteldeutschlands besuchen werde.

Sommerlogo GuHIch war am 28. Mai bereits in Wittenberg, da ich leidenschaftlicher Posaunenspieler bin. Als einer der 6?000 Bläser habe ich mit meinem ältesten Sohn unter der sengenden Sonne schöne Musik gemacht. Das war eine wunderbare Erfahrung. Da sind wir angedockt an diese Region. Mit der Familie wollen wir uns im Sommer die Weltausstellung Reformation ansehen.

Wird Ihre Familie nach Halle ziehen?
Stolte: Ja, aber erst nächsten Sommer, damit unser Sohn noch in Sachsen Abitur machen kann und nicht kurz vorm Abschluss die Schule wechseln muss.

Wie verbringen Sie den Sommer?
Stolte: Ich genieße es, im Sommer nach der Arbeit viel draußen zu sein. Ich bin leidenschaftlicher Läufer. Sommerkonzerte, Open-Air-Kino, das finde ich reizvoll. Wir verreisen jedes Jahr an einen anderen Ort. Wohin, das wird im Herbst gemeinsam ausgehandelt. Dieses Jahr an die Nordsee. Wir fahren Rad und werden zusammen kochen – Dinge, für die wir im Alltag nicht so viel gemeinsame Zeit haben. Ferienbedingt ist mein erster Arbeitstag am 17. Juli.

Sie haben sich den Kollegen in der Geschäftsstelle in Halle bereits vorgestellt, eine Andacht gehalten. Was erwartet die rund 100 Mitarbeiter? Was sind Sie für ein Chef?
Stolte: Ich habe den Kollegen Mut gemacht: Gute Lösungen finden wir nur gemeinsam. Der große Reichtum liegt in uns: der Bandbreite der Männer und Frauen hier, der Bandbreite ihrer Berufe – Theologen, Pädagogen, Juristen, Betriebswirte. Jeder soll seine Fachlichkeit und Persönlichkeit einbringen, und meine Hoffnung ist, dass wir Lösungen erarbeiten, die mehr sind als die addierte Summe der Einzelgedanken. Als ich das bei der Andacht am 19. Juni sagte, habe ich in sehr offene, freundliche Gesichter geschaut.

Im Leitbild der Geschäftsstelle steht übrigens die wunderbare Kombination von »fröhlicher Dienstgemeinschaft«. Das drückt Leichtigkeit aus, Humor, gemeinsam auf dem Weg sein. Fröhlich unterwegs sein, auch bei schwierigen Themen, heißt beweglich genug zu sein, noch einmal anders zu denken.

Die Flüchtlingskrise hat in den Kirchen zu einem großen Aufschwung geführt. Sie hat gezeigt, was an ehrenamtlichem Potenzial vorhanden ist. Wie lässt sich das erhalten und fortsetzen?
Stolte: Die Kirchen waren sehr offen, mit anderen gesellschaftlichen Akteuren zusammenzukommen. Sie waren der Partner, der alle versammelt. Ich hätte noch vor drei Jahren gedacht, Kirche hätte da viel weniger Energie – und das in einer Gesellschaft, von der wir oft behaupten, jeder denke nur an sich. Das stimmt nicht. Gerade bei jungen Menschen war die Bereitschaft groß. Wir haben noch viel Potenzial, müssen uns aber umstellen. Vieles wird spontaner, flexibler, weniger strukturiert-organisiert. Die Diakonie kann dabei helfen, ich denke da an die Qualifizierung von Ehrenamtlichen und eine gute Vernetzung mit Hauptamtlichen.

Ihr Vorgänger, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, hat für einen Schulterschluss von Kirchengemeinden und Diakonie geworben. Wie sehen Sie das?
Stolte: Wir müssen davon wegkommen, in Strukturen zu denken. Da eine GmbH, ein Verein, eine Stiftung – das sind alles Hilfsformen, um unseren Auftrag gut zu verrichten. Theologisch ist Diakonie ein Teil der Kirche. Viele Mitarbeiter verstehen sich als Teil der Kirche, auch nichtkonfessionell Gebundene. Das Verständnis von Kirche und ihrer Diakonie zeigt sich bis in die EKM-Verfassung: Der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes ist Mitglied des Landeskirchenrats; auch, dass die Landessynode die letzte Entscheidung bei der Personalbesetzung hat, ist Ausdruck eines Gesamtverständnisses.

Und wie kommt dieses Verständnis an die Basis, an die Kirchengemeinden und diakonischen Werke?
Stolte: In Dresden habe ich dafür geworben, dass der Gottesdienst im Seniorenheim auch im Gemeindeblatt angekündigt wird, denn auch die diakonische Einrichtung ist ein Ort der Kirche. In vielen Gemeinden ist uns das gelungen und es kamen Menschen aus dem Stadtteil ins Pflegeheim, weil es näher ist oder die Zeit passender, weil das Heim barrierefrei ist oder man sowieso eine Nachbarin besuchen wollte. Und plötzlich wächst es ineinander.

Christoph Stolte stammt aus Unna (NRW). Er leistete seinen Zivildienst bei der Diakonie Bayern, studierte in Marburg und Göttingen evangelische Theologie und war Stipendiat des Lutherischen Weltbunds in São Paulo (Brasilien), wo er katholische Theologie studierte. 1994 begann er sein Vikariat in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Er war Gemeindepfarrer in der Region um Bautzen und acht Jahre Stadtjugendpfarrer von Dresden. Stolte leitete anschließend fast zehn Jahre lang die Diakonie-Stadtmission Dresden mit 1?400 Mitarbeitern. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Inklusion mit Augenmaß

3. Februar 2017 von redaktionguh  
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Kirche, Diakonie und Inklusion sind nahe Geschwister; Maßstab für das Gelingen von Inklusion ist immer der konkrete Mensch.

Wenn Inklusion heißt, Menschen mit Behinderungen zu einer höchstmöglichen Teilhabe mitten im Leben unserer Gesellschaft zu begleiten und die dafür notwendigen Strukturen zu schaffen, Kranken, schuldig Gewordenen, körperlich und seelisch Verletzten beizustehen, dann folgen Kirche und Diakonie den Spuren und dem Auftrag Jesu.

Sein Kompass ist eindeutig: Er hatte einen liebenden Blick für suchende, verletzte Menschen, für Menschen mit zweifelhaftem Ruf, für Marginalisierte und Traumatisierte. Jesu inniges Beten hat ihn nicht von der Nähe zu Menschen weg-, sondern geradewegs zu ihnen hingeführt.

»Mit dem Wort Inklusion wird ein Paradigmenwechsel markiert. Es geht nicht mehr um die Integration einer kleinen abweichenden Minderheitsgruppe in die ›normale‹ Mehrheit. Vielmehr soll die Gemeinschaft so gestaltet werden, dass niemand aufgrund seiner Andersartigkeit herausfällt oder ausgegrenzt wird«, formulierte der Vorsitzende des Rates der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, im Vorwort der Orientierungshilfe zur Inklusion. Illustration: Aktion Mensch

»Mit dem Wort Inklusion wird ein Paradigmenwechsel markiert. Es geht nicht mehr um die Integration einer kleinen abweichenden Minderheitsgruppe in die ›normale‹ Mehrheit. Vielmehr soll die Gemeinschaft so gestaltet werden, dass niemand aufgrund seiner Andersartigkeit herausfällt oder ausgegrenzt wird«, formulierte der Vorsitzende des Rates der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, im Vorwort der Orientierungshilfe zur Inklusion. Illustration: Aktion Mensch

Das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe hat Jesus in seiner jüdischen Glaubensüberlieferung vorgefunden und neu in den Mittelpunkt gerückt. In den Spuren Jesu haben viele eine erstaunliche Erfahrung gemacht: Wer versucht, ganz in Gott einzutauchen, sich ihm und seinem Willen (vgl. die Vaterunser-Bitte) zu überlassen, der taucht neben dem Menschen wieder auf. Und umgekehrt: Wer sich Menschen uneigennützig zuwendet und fremde Nähe zulässt, kann in diesen Begegnungen auch Gott beziehungsweise Jesus Christus finden. Christlicher Glaube öffnet die Sinne für die Gebrochenheit und Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens, für sündhafte Strukturen, die Menschen gefangen nehmen. Christlicher Glaube hat eine eigene Balance von Leidenschaft und Nüchternheit.

In der aktuellen Diskussion haben die Stichworte »inklusive Gesellschaft« und »inklusive Schulen« Konjunktur. Sie stehen für ein gutes Ziel – sie können aber auch zu Schlag-Wörtern werden, mit denen um sich »geschlagen« wird. Manchmal verstecken gut gemeinte Worte genau die Menschen und ihre Lebenssituation, die wir doch verbessern wollen, und die konkreten Strukturen, die dabei helfen oder bremsen.

In Thüringen wird ein neues »inklusives Schulgesetz« vorbereitet, das Förderschulen in sogenannte Kompetenzzentren umwandeln möchte. Bisher sind Eckpunkte des Gesetzes bekannt. Die Diskussion hierzu schlägt zu Recht hohe Wellen: Werden Förderschulen kurzerhand abgeschafft? Werden Regelschulen mit den notwendigen sachlichen und personellen Ressourcen für eine überzeugende inklusive Pädagogik ausgestattet? Kommen Kinder mit hohen Förderbedarfen unter die Räder? Soll die Diagnostik und damit auch Frühförderung und Prävention erst auf die Zeit nach dem Schuleintritt verschoben werden?

Inklusion mit Augenmaß heißt für mich: Einfache Lösungen gibt es nicht, dafür sind Menschen zu unterschiedlich. Es gibt nicht »die Behinderten«! Die Unterscheidung von körperlichen, seelischen, geistigen und Sinnesbehinderungen ist bestenfalls eine allererste Annäherung.

Ich erlebe in Diskussionen oft, dass schwer-, schwerst- und schwerstmehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche überhaupt nicht vorkommen. Die Hilfe- und Förderbedarfe sind komplex und anspruchsvoll. Also braucht es eine Vielzahl von fachlich kompetenten und evaluierten Angeboten. Für viele Kinder mit erhöhten Förderbedarfen braucht es auch in Zukunft geschützte Räume in bewährten Förderschulen. Genau hier wird für diese Kinder und Jugendliche passgenaue Inklusion verwirklicht.

Inklusion mit Augenmaß für mich: Maßstab für das Gelingen von Inklusion ist immer der konkrete Mensch, seine Bedarfe und die für ihn spürbaren Fortschritte. Von oben verordnete, pauschalisierte und vom Reißbrett administrierte Inklusionsmaßnahmen können das Gegenteil bewirken: Sie führen zu Inklusionsopfern. Eltern und Pädagogen haben mir von konkreten Leid- und Ohnmachtserfahrungen erzählt.

Schritte zu einer inklusiven Gesellschaft, Arbeitswelt und Bildung brauchen alle Akteure an Bord, insbesondere und zuerst die Betroffenen selbst, ihre Interessenvertretungen, ihre Verwandten und Freunde, die Fachkräfte vor Ort in den Förderschulen, die Lehrer- und Fachverbände, die freien Träger, Elternvertretungen, Verwaltungen und Parteienvertreter.

Klaus Scholtissek

Der Autor ist promovierter Theologe und Vorsitzender der Geschäftsführung der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein.

Noch nicht barrierefrei

21. Februar 2016 von redaktionguh  
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Landtagswahl: Behindertenbeauftragter informiert in Neinstedt über politische Teilhabe

Kein Versuchsballon sollte die Veranstaltung in der Evangelischen Stiftung Neinstedt sein, sondern ein deutliches Zeichen, so der Landesbehindertenbeauftragte Sachsen-Anhalts, Adrian Marevoet. In fünf Einrichtungen zwischen Wittenberg und dem Südharz beantworten er und Laura Lubinski von der Landeszentrale für politische Bildung alle Fragen rund um die Landtagswahl am 13. März. Was Maerevoet kategorisch unterstreicht: »Wir sagen hier nicht, wen Sie wählen sollen.«

In der Evangelischen Stiftung Neinstedt dürfen die Bewohner schon einmal probehalber ihre Stimme abgeben. Am 13. März wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Foto: Uwe Kraus

In der Evangelischen Stiftung Neinstedt dürfen die Bewohner schon einmal probehalber ihre Stimme abgeben. Am 13. März wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Foto: Uwe Kraus

Für Maerevoet, der nicht zwischen Gesunden und Menschen mit Handicap unterscheiden mag, sind die Rechte der Klientel, die er engagiert vertritt, »in diesem Land noch nicht perfekt umgesetzt«. Dass er so durch die Lande tourt im Vorfeld von Wahlen, das ist neu. Wer fragt schon, ob Mitbürger, die blind, taub, von Epilepsie, Beinamputation oder Downsyndrom betroffen sind, wählen können und überhaupt dürfen? Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte rügt sogar, dass Deutschland von allen Staaten der Europäischen Union Menschen mit einer geistigen Behinderung am stärksten von der politischen Teilhabe ausschließe. Hindert eine Behinderung Mitbürger am Politisch-Sein? Warum sollen die Bewohner der Neinstedter Stiftung nicht wählen dürfen, wer künftig ihr Blindengeld per Gesetz kürzt, ihre Betreuungssätze anhebt oder das Geld genehmigt, um die Werkstätten zu renovieren. Um die Bewohner und Mitarbeiter der Stiftung besser politisch zu informieren, sollen in den kommenden Wochen die Direktkandidaten des Wahlkreises 30 Neinstedt besuchen und Rede und Antwort stehen, kündigt Stiftungsvorstand Hans Jaekel an.

Adrian Maerevoet gibt sich redliche Mühe, seine Botschaft in der Evangelischen Stiftung Neinstedt rüberzubringen. Der Mann, der für die Belange von 260 000 Einwohnern Sachsen-Anhalts zuständig ist, weiß: Politische Mitbestimmung in Deutschland ist nicht barrierefrei. Und hunderte Wahllokale für den 13. März sind es ebenso nur bedingt. Mit ihrer Frage spricht Alexandra Schmidt ein weiteres Thema an: »Welche Partei hat ihr Wahlprogramm in leichter Sprache vorgelegt?« Maerevoet meint, »Einzelne, aber wir können hier nicht alle Programme vorstellen.« Er empfiehlt den Bewohnern der Evangelische Stiftung Neinstedt »einen Menschen ihres Vertrauens« mit in die Wahlkabine zu nehmen. Als Hilfsmittel kann eine Schablone mit Braille-Schrift beantragt werden. Die wird nur einmal genutzt und dann vernichtet. Zudem gibt es den Wahlzettel in einer Hörversion. Er rät zudem zur Briefwahl, um in aller Ruhe eine Entscheidung treffen zu können.

Wie all das Technische rund um die Wahl funktioniert, das erklärt auch Laura Lubinski von der Landeszentrale für politische Bildung. »Wahlbenachrichtigung – das ist die Karte mit zu viel Text«, sagt sie. Und die Wahl selbst: »Zwei Kreuze, falten, fertig«, umschreibt sie den Ablauf, den viele der Gäste des Forums in der Aula selbst testen möchten. In einer Wahlkabine und mit Stimmzetteln können sie die Wahl schon einmal ausprobieren.

Bei weiteren Fragen empfiehlt Adrian Marevoet noch eine auf Menschen mit Behinderungen abgestimmte Broschüre des Landes. »So einfach geht Wählen« heißt die Veröffentlichung in Großschrift.

Uwe Kraus

Weitere Termine: Am 24. 2., 10.30 Uhr in der Paul-Riebeck-Stiftung zu Halle und am 29. 2., 10.30 Uhr in der Borghardt Stiftung zu Stendal

Wer hört schon auf die Bibel?

20. Oktober 2014 von redaktionguh  
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Arm und Reich: In Deutschland stimmen die Relationen nicht mehr


Die Reichen werden reicher, die Masse wird ärmer. Mancher kann von seiner Arbeit nicht mehr leben. »Das geht so nicht weiter«, sagt ein Top-Manager. Und greift damit eine Warnung der Bibel auf.

Macht Geld glücklich? Immer wieder wird diese Frage gestellt. Die Menschen fangen an zu träumen, was sie alles machen würden, wenn sie nur das Geld dazu hätten. Das ist verständlich. Besonders aus dem Blickwinkel von jemandem, der keines oder nur wenig davon hat. Tatsächlich kann Geld aber Unglück heraufbeschwören. Vor allem, wenn es sehr ungleich verteilt ist.

So wie in Deutschland. Auf der einen Seite häufen einige wenige Menschen immer riesigere Geldberge an. Allein im vergangenen Jahr hat das Vermögen der 500 reichsten Deutschen laut einer Studie des Manager-Magazins um 19 Prozent auf knapp 400 Milliarden Euro zugenommen. Auf der anderen Seite die breite Masse, die seit Jahren einen Reallohnverlust hinnehmen muss: Zieht man die Inflation ab, sind Löhne und Gehälter seit dem Jahr 2000 gesunken.

Foto: erllre – fotolia.com

Foto: erllre – fotolia.com

Die Reichen werden immer reicher. Die Masse wird ärmer. Manch einer kann von seinem Lohn nicht mehr leben, obwohl er arbeitet: Immerhin sechs Prozent der erwerbstätigen Haushalte müssen ihre Einkommen mit Sozialleistungen aufstocken.

»Das ist ungerecht!« Das sagt diesmal nicht ein Gewerkschaftsfunktionär, eine Politikerin der Linken, die Sozialpfarrerin oder Papst Franziskus; daran hat man sich ja bereits gewöhnt. Nein, Timotheus Höttges ist es, der mit der Faust auf den Tisch schlägt. Höttges ist Vorstandsvorsitzender der Telekom Aktiengesellschaft, einer der Top-Manager der Republik. Ihm dürfte wohl kaum Neid oder Missgunst gegenüber den Wohlhabenden vorzuwerfen sein.

Ein »gewisses Maß an Ungleichheit« müsse man zulassen, erklärte Höttges kürzlich in der »Frankfurter Rundschau«. Gleichmacherei lähmt eine Gesellschaft. Aber: »Mein Eindruck ist, dass die Schere bereits zu weit auseinandergegangen ist.«

Beispiel: 100 Menschen stellen sich im Kreis auf, legen ihr Vermögen in die Mitte. Dann kommt einer von ihnen – einer! –, und nimmt ein Drittel davon an sich. Das sind mittlerweile die Verhältnisse in Deutschland, das einst stolz auf seinen Mittelstand war.

Schon im Alten Testament wettern die Propheten gegen eine solche überzogene Aufteilung des menschlichen Gemeinwesens. Genutzt hat es nichts: Bischöfe kleideten sich in Gold, während das Kirchenvolk hungerte. Prediger erfanden ein »Wohlstands-Evangelium«, das den Reichen als von Gott Begünstigten darstellte.

Dabei ist die Bibel prall voll mit der Warnung: Reichtum hat eine Tendenz zum Unglück. Sie erzählt vom reichen Kornbauern, der sich auf sein Vermögen verlässt und die Nacht nicht überlebt. Vom reichen Jüngling, der sich eher von Jesus als von seinen Gütern trennt.

Die Bibel verdammt nicht das Geld an sich. Aber sie sagt: Wer das Geld zum Navigationssystem für das Leben macht, wird in die Irre gehen. Sie nennt ein Beispiel, wie man die Richtung korrigieren kann: Sie erzählt vom reichen Zöllner Zachäus. Der begegnet Jesus. Und gibt anschließend die Hälfte seines Vermögens an die Armen.

Reichtum nicht anhäufen. Sondern alle daran teilhaben lassen. Darauf liegt Segen.

Gerd-Matthias Hoeffchen