Wenn die Kirche den Stress unterbricht

10. Juni 2018 von redaktionguh  
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Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.

Matthäus 11, Vers 28

Herr K. hatte einen Tag, den anstrengend zu nennen untertrieben gewesen wäre. Er war unterwegs auf Dienstreise in einer fremden Stadt. Sein Terminkalender war prall gefüllt. Allesamt wichtige Angelegenheiten. Jede mit Bedeutung für seine zukünftige Karriere. In seinem Inneren erzeugte dies ein gewisses Gefühl von Druck, das kurz davor war, in der Herzgegend spürbar zu werden. Er konnte es nicht ganz vertreiben, auch dadurch nicht, dass er seine Aufmerksamkeit auf Punkte lenkte, die bereits erfolgreich absolviert waren.

Constantin Plaul, Dipl.-Theol., Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Constantin Plaul, Dipl.-Theol., Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Um die Mittagszeit, als Herr K. gerade quer über den Marktplatz lief, fiel sein Blick auf eine nahe gelegene Kirche, deren Tür offenstand. Unwillkürlich verlangsamte er seine Schritte. Er hatte leichten Hunger und wollte sich eigentlich gerade etwas zu Essen holen. Stattdessen entschied er sich, in das Gotteshaus hineinzugehen.

Im Inneren empfing ihn eine gewisse Stille. Zunächst wollte sie nicht so recht zu Herrn K.s eigenem Inneren passen. Er setzte sich in eine der hölzernen Bankreihen. Seine Augen schweiften durch den dämmrigen Raum. An einer der hohen Säulen des Mittelschiffs blieben sie hängen und wanderten nach oben, bis an den Deckenrand und von dort in das Kreuzrippengewölbe hinein, ehe sie an einem von dessen Schlusssteinen schließlich zur Ruhe fanden. Herr K. bemerkte eine gewisse Spannung in seinem Nacken und senkte den Kopf wieder. Der Eindruck von Höhe blieb wie ein Nachbild in ihm zurück und schien ihn und die Dinge um ihn herum irgendwie schweben zu lassen.

Ihm kam sein nächstes Treffen in den Sinn. Er sprang aber nicht sogleich auf, sondern blieb kurz weiter sitzen. Jenes eigentümliche Gefühl von Höhe wirkte immer noch in ihm nach. Ihm wurde auf einmal bewusst, wie lange es her gewesen war, dass er so etwas das letzte Mal empfunden hatte. Dann stand Herr K. auf und ging zu seinem Termin.

Constantin Plaul

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