Wo ist Gott?

25. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Weihnachtsfrieden in Zeiten des Terrors

Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Vorbei die Besinnlichkeit bei Lebkuchen und Kerzenschein, der unbekümmerte Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, die heitere Gelassenheit am Glühweinstand. Alles zerstört, aus den Träumen der Weihnachtsromantik gerissen. Menschen schreien vor Schmerzen, Blut klebt an zerstörten Buden. Blaulicht und Martinshorn statt Weihnachtsstern und »Stille Nacht«. Das »O du fröhliche« bleibt im Halse stecken und »Friede auf Erden« klingt wie Hohn, angesichts des Schreckens vor der Berliner Gedächtniskirche.

Diese Kirche ist selbst ein Mahnmal, ein Ort der Erinnerung an menschliche Grausamkeit, Krieg, Zerstörung und Leid. Die Inschrift der großen Glocke lautet: »Eure Städte sind mit Feuer verbrannt.« (Jesaja 1,7) »Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird kein Ende haben.« (Jesaja 51,6). Wo sind da, bitteschön, Gerechtigkeit und ewiges Heil?

Mitten hinein wird Jesus geboren, in eine Welt voll Hass und Unfrieden. Das war vor 2 000 Jahren nicht anders als heute. »Euch ist heute der Heiland geboren« – was bedeutet das für eine Gesellschaft, die mehrheitlich nichts mehr mit dem Anlass des Weihnachtsfestes anfangen kann? Wer oder was kann trösten, Ängste nehmen, Hoffnung geben? Das hilflose Kind in der Krippe? Der gekreuzigte Christus?

Mir hilft, dass Gott uns zusagt, nahe zu sein: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, heißt es in der Jahreslosung 2016. Er steht uns bei, leidet mit uns, teilt unsere Ängste, und er will uns Hoffnung geben. Das Jesus-Baby ist ein Bild dafür. Er legt die Zukunft in unsere Hände. Wir sollen dieses zarte Pflänzchen der Liebe Gottes unter uns aufnehmen.

Gewalt eben nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe beantworten. Nur so kann Frieden werden. Gibt es eine Alternative? Alleine schaffen wir das nicht, aber: Der Herr ist nahe! Dieses Versprechen gilt, und die Gewissheit wünsche ich uns allen zum Fest und im neuen Jahr.

Willi Wild

Gegen die Angst

24. Juli 2016 von redaktionguh  
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Die EM vorbei und dann dieser gnadenlose Terrorakt in Frankreich – entsetzlich. Im vergangenen Jahr waren wir noch Charlie. Bagdad waren wir nicht. Man kann nicht allen Terror dieser Welt aushalten. Gewalt lähmt.

Mein Freund aus dem Irak sagt: »Meine Schwester war nahe bei dem Einkaufszentrum, als es in die Luft flog. Es war entsetzlich.« Er erinnert sich an das, was ihm selbst an Terror widerfahren ist: »Ich konnte solche Gewalt nicht aushalten. Ich bin geflohen.« Was nun, wenn die Franzosen beginnen zu fliehen? Was, wenn Berlin, Jena oder Erfurt Terrorziele werden? Wo sollen wir denn hin? »Am besten, man bleibt zu Hause«, sagt die Friseurin. Vermutlich dachten das die Menschen auf der Straße in Nizza auch.

Können wir den Männern, Frauen und Kindern, die vor genau dem Terror fliehen, wie wir ihn in Frankreich erleben, eine sichere Bleibe bieten? Und wenn wir sie alle dahin zurückschicken, wo sie herkommen – nach Tarsus und Mossul beispielsweise –, bliebe uns dann Nizza erspart? Wäre dann Bagdad erträglicher? Fragen ohne einfache Antwort. Sollen wir uns in den einzelnen Zellen einer Festung Europa verriegeln lassen? Die solche Behauptungen und Parolen verbreiten, bleiben den Beweis schuldig, dass es eine verantwortliche Lösung ist.

Können wir die Betroffenheit anders überwinden? Ja! Wir müssen die Hoffnung nähren. Zur Not mit kleinen Happen. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen. Wir müssen einander Hoffnung sein. So kann die Lähmung überwunden werden. »Nimm deine Trage und geh!« (Markus 2,11) Lassen wir uns das gesagt sein.

Jochen M. Heinecke

Der Autor ist Thüringer Landespolizeipfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Notfallseelsorger in Jena.

Papst trifft Patriarchen

21. Februar 2016 von redaktionguh  
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Ökumene: Die erste Begegnung von Oberhäuptern der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche

Fast 1 000 Jahre nach der Spaltung des Christentums gab es auf Kuba einen historischen Kirchengipfel.

Zeugnis geben von der Hoffnung, die uns erfüllt, das wollten die beiden Hierarchen auf Kuba. Zugegeben, die Erklärung in 30 Abschnitten ist in ihrer binnenkirchlichen Sprache nicht leicht zu lesen. Und manche haben sich auch gar nicht die Mühe gemacht. In einigen Kommentaren wird die Begegnung einfach als spektakuläres Ereignis benannt oder eingeordnet in die aktuelle weltpolitische Diskussionslage. Manche warnen gar Papst Franziskus, sich auf Patriarch Kyrill einzulassen, denn der sei ja Erfüllungsgehilfe Putins.

Treffpunkt Flughafen Havanna: »Wir sind Brüder, endlich«, sagte Papst Franziskus, nachdem er den Patriarchen Kyrill umarmt hat. Foto: picture alliance/Tass

Treffpunkt Flughafen Havanna: »Wir sind Brüder, endlich«, sagte Papst Franziskus, nachdem er den Patriarchen Kyrill umarmt hat. Foto: picture alliance/Tass

Dabei lohnt es sich, bei diesem Treffen der beiden Kirchenführer genauer hinzusehen und besonders genauer zu lesen. Denn es ging in dem Treffen eben nicht um die Durchsetzung eigener Positionen, sondern um »die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Kirchen, die wesentlichen Probleme der Gläubigen und die Aussichten zur Entwicklung der menschlichen Zivilisation«. Die Verfasser der Erklärung setzen sich für die verfolgten und vertriebenen Christen im Nahen Osten und in Nordafrika ein und unterstreichen gleichzeitig den notwendigen interreligiösen Dialog.

Die beiden Bischöfe rufen dazu auf, gegen Gewalt und Terrorismus für Frieden in den Ländern und zwischen den Völkern einzustehen. Sie benennen die tödliche Schere zwischen Arm und Reich und wenden sich gegen zügellosen Konsum. Jede Vereinnahmung des Glaubens für Krieg und Gewalt wird verurteilt. »Wir sind nicht Konkurrenten, sondern Geschwister«, sagen sie und meinen auch ein neues, gutes Miteinander von griechisch-katholischer und orthodoxer Kirche in der Ukraine. Die Kirchen wollen gegen Gewalt und für die Überwindung der Spaltungen in Kirche und Gesellschaft der Ukraine ihre Stimme erheben. Grund für dieses gemeinsame Engagement ist nicht nur die politische Lage, sondern die Einheit in Christus und die Verantwortung in der Nachfolge.

Dass man dieses wichtige Treffen nicht unter zu engem Horizont sehen darf, zeigt schon das beeindruckende Engagement von Papst Franziskus für eine Weiterentwicklung der Ökumene. Viele unkonventionelle Treffen mit verschiedenen christlichen Kirchen stehen dafür. Ein gemeinsamer Gottesdienst mit dem Lutherischen Weltbund am Reformationstag dieses Jahres ist geplant. Und Patriarch Kyrill ist »geistlicher Sohn« von Metropolit Nikodim, jenem großen Ökumeniker der Russisch-Orthodoxen Kirche, der 1978 in den Armen von Papst Johannes Paul I. starb. Kyrill war damals Mitglied der russischen Delegation in Rom.

Auch schickte die Russisch-Orthodoxe Kirche als einzige orthodoxe Kirche Beobachter zum Zweiten Vaticanum. Man darf nicht übersehen, dass das Treffen zwei Kirchen vereint, die ihre Verantwortung für die Welt wahrnehmen wollen. Das zeigte ihr Engagement im konziliaren Prozess und das war auch beim Treffen zwischen der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in München sichtbar. Und noch eins: Immer wieder wird in Verlautbarungen zum Treffen auf Kuba das symbolische Datum der Kirchenspaltung 1054 erwähnt. Symbolisch nenne ich es darum, weil es nicht die erste Spaltung der Christenheit war und es danach vielfältige Unionsbemühungen und Kontakte zwischen der Ost- und Westkirche gab.

Dazu kommt, dass 1054 die Russisch-Orthodoxe Kirche als selbstständige Kirche noch gar nicht existierte. Die zweifelsfrei wichtige Begegnung auf dem Flughafen in Havanna war die Begegnung des Papstes mit der größten, aber nicht einzigen orthodoxen Kirche. Wir werden sehen, welche Früchte dieses Treffen in der Ökumene und in der Welt spielen wird und wie es wohl bei dem Konzil aller orthodoxen Kirchen im Juni dieses Jahres aufgenommen wird.

Siegfried T. Kasparick

Der Autor ist Beauftragter für Reformation und Ökumene in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Türen auf, nur Mut!

14. Februar 2016 von redaktionguh  
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Es ist mittlerweile fast eineinhalb Jahrzehnte her, und jeder von uns hat sicher seine ganz eigene Erinnerung an den 11. September 2001. Mir hat sich dieser Tag fest ins Gedächtnis eingebrannt: Es war der erste Schultag unserer Tochter, ein Tag, auf den wir uns alle gefreut hatten. Dann verbreitete sich die Nachricht vom Terroranschlag in New York wie ein Lauffeuer. Einer der ersten Gedanken in meiner Fassungslosigkeit und verzweifelten Suche nach Beistand war, die Kinder zu nehmen und gemeinsam zum Gebet in die Kirche zu gehen. Es war ein ganz tiefes Bedürfnis, eine Sehnsucht.

Die Kirche war zu, alle Türen verschlossen. Auch ein Amerikaner mit seinen Söhnen stand davor. Sein Bruder war fast wöchentlich auf den entführten Flug gebucht, wie er aufgewühlt erzählte. Wir liefen zum Pfarrer, der ahnungslos die Türe öffnete. Ohne viele Worte gab er uns den Schlüssel zur Kirche; kurze Zeit später kam er nach und mit ihm auch andere auf ihrer Suche nach der tröstlichen Gemeinschaft mit Gott.

An eben diese Situation musste ich angesichts des auf der Synode gefassten Beschlusses zur Öffnung der Kirchen denken. Sicher, der 11. September 2001 war ein globaler Ausnahmezustand, aber jeder kennt doch Momente, in denen er Gott in seinem Haus nahe sein möchte. Und nicht vor verschlossenen Türen stehen.

Vor diesem Hintergrund müssten offene Kirchen eigentlich selbstverständlich sein. Gotteshäuser laden Menschen zum Glauben ein. Und zum Staunen. Aber sie sind keine Museen mit festgelegten Öffnungszeiten.

Wagen wir als Christen die Öffnung – einen Versuch ist es allemal wert.

Adrienne Uebbing

Alles beginnt mit der Sehnsucht

27. November 2015 von redaktionguh  
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1. Advent: »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit.« – Wie kommt Gott in unsere Welt voller Terror und Krieg?


Für die vier Adventssonntage hat die Redaktion Theologen um eine persönliche, geistliche Betrachtung zum Thema Ankunft gebeten.

Einer dieser Tage mit endlosem Nieselregen. Fürs Wochenende ist erster Schnee angesagt. Selbst der Hund geht nur mit mäßiger Begeisterung die Runde am späten Nachmittag. Anschließend verzieht er sich ins Körbchen. Ich setze mich an den Schreibtisch. Schon so früh dunkel. Erst einmal die Kerze auf der Fensterbank anzünden. Ich mag sie nicht besonders, die langen Abende mit früher Dunkelheit. Der Wunsch nach Wärme und Licht wird mich in den nächsten Wochen begleiten. Auch in den Melodien und Worten der Adventslieder: »O komm, o komm, du Morgenstern. Vertreib das Dunkel unsrer Nacht durch deines klaren Lichtes Pracht.« Innig singt sich das, voller Sehnsucht und zugleich besonnen und maßvoll. Eine Frage geht mir durch den Kopf: Gibt es so etwas wie besonnene, maßvolle Sehnsucht?

Aus der Dämmerung ist endgültig Dunkelheit geworden. Draußen unterwegs sein möchte ich jetzt nicht. Und weiß doch, dass gerade jetzt, in diesem Moment, so viele unterwegs sind. Oft nur mit leichtem Gepäck, aber schweren Herzens. Unterwegs auf einer der gefahrvollen Flüchtlingsrouten, die nach und durch Europa führen. Unterwegs zu Fuß, in Eisenbahnen, auf zerbrechlichen Booten in rauer See. Eine andere Melodie mit anderen Worten singt sich in Kopf und Herz: »Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort.« Das Boot des Adventsliedes als Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer? Das Schiff, das die teure Last trägt, die mit dem Christuskind schwangere Maria, ein Flüchtlingsboot in rauer See? Ist das Gottes Ankunft, sein Advent in diesen Wochen und Tagen? Kommt Gott so zu uns? Kommt Gott so in diese Welt mit ihren Nachrichten von Terror und Krieg, mit ihren Schrecken, die einem in die Glieder fahren, mit den verstörenden Verbrechen in Paris, aus Syrien und an viel zu vielen Orten der Erde?

»Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.« Ja, das ist sie, meine adventliche, meine maßlose Sehnsucht. Gott möge kommen, mitten in Krieg und Verfolgung, in die Elendsviertel dieser Erde und die Flüchtlingsdramen auf hoher See. Gott möge kommen, mitten in den Alltag unseres Lebens, in die verdrängten Probleme und zerplatzten Hoffnungen. In die Ängste und Sorgen an den Krankenbetten und den Verkaufsstellen der Tafeln. Der Heiden Heiland, er möge kommen und seinen Frieden und seine Gerechtigkeit Wirklichkeit werden lassen. Er möge kommen zu denen, für die er bestenfalls ein Relikt aus Kindertagen ist. Zu denen, die seiner Liebe nichts zutrauen. Zu denen, die sich selbst genug sind. Er möge kommen zu allen, die so sehnsüchtig darauf warten, selbst ankommen zu können.

Mein Mann stellt eine Tasse Tee neben mich. Sein Blick schweift über die Zeilen auf dem Computerbildschirm. »Zur Mystikerin noch werden du wirst«, sagt er lakonisch. Und erzählt von der antiken Dichterin Sappho. Vor über zweitausend Jahren schrieb sie auf der griechischen Insel Lesbos, heute eines der Ziele der Flüchtenden, die folgenden Zeilen: »Hebt den Türsturz, ihr Bauleute, höher, denn herein kommt der Bräutigam, viel größer als sonst große Leute!« Was ja nicht nur bedeutet, die Tür eines Hauses aus den Angeln zu heben, sondern den ganzen Eingang größer, breiter, höher zu machen. Das Haus wird danach nicht mehr so sein wie zuvor. Es wird sich verändern. Wie sich auch das Haus Europa verändert, wenn seine Grenzen nicht geschlossen werden, sondern geöffnet bleiben. Eingangsworte des wohl bekanntesten Adventsliedes stehen mir vor Augen: »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit.«

Wenn die Liebe Christi bei uns einzieht, dann ändert sich unser Leben. Das Kind, das in Gottes Namen unterwegs ist, ringt ja mit all dem, was unsere Türen klein und eng sein lässt: Mit der Konzentration auf uns selbst. Mit der Hoffnungslosigkeit, die nur auf das setzt, was machbar erscheint. Mit dem unbedingten Willen, das Beste für sich selbst zu wollen und anderen bestenfalls den Rest zu überlassen. Da ist sie wieder, diese adventliche Sehnsucht: »Ach, zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein.«

Draußen ist es jetzt still. Die Kerze auf der Fensterbank brennt beharrlich. Nein, in adventlichen Tagen gibt es keine maßvolle Sehnsucht. Wie schrieb doch die Dichterin Nelly Sachs: »Wo Sehnsucht sich erfüllt, dort bricht sie noch stärker auf – Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott, mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?«

Bevor ich zu Bett gehe, summt noch ein letztes Lied in mir. Leise singe ich seine erste Strophe: »Nun sei uns willkommen, Jesus, Herre Christ, der du zu uns von ferne gekommen bist. Nun sei uns willkommen, wärst du uns nicht geborn, wär’n wir hier auf Erden wohl allzumal verlorn. Kyrieleis.«

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Die Autorin ist Pröpstin des Sprengels Meiningen-Suhl.

Gebet ist Fernwärme von innen

23. November 2015 von redaktionguh  
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Zeugnis: Die Ewigkeit mehr in unser Heute einbinden und die gute Botschaft weitergeben

Der IS-Terror versetzt die westliche Welt in Angst und Schrecken. Der Versuch einer geistlichen Einordnung.

Was sind das für Wochen! Die Geschehnisse haben mich nach rationaler Aufnahme nun auch emotional erreicht.

Viele Jahrzehnte konnte ich in den verschiedensten Missionen um die Welt jetten. Dabei Menschen, Lebensweisen, Musik, Religionen und Kulturstätten zu studieren, war das größte Erlebnis. Doch eine große Zahl des (Welt-)Kultur-Erbes besteht nicht mehr. Kann man Geschichte zerstören? Sie lebt in Büchern – in gedruckter wie digitaler Form – weiter; das wird niemand auslöschen können. Die Frage stellt sich, ob man aus dem Geschehenen etwas lernt. Salomo schreibt im Buch Prediger: »Was geschehen ist, wird wieder sein. Was man getan hat, wird man später wieder tun. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen … es geschieht nichts Neues unter der Sonne.« – Ich befürchte, er behält recht.

Doch was sind die Vernichtungen materieller Güter gegen die Taten, die gegen Menschen gerichtet sind? Schreckliche Bilder der Hinrichtungen von Christen gehen um die Welt, und man blickt wie paralysiert auf die Fernsehschirme, Tablets oder Smartphones. Nahezu zeitnah ist man dabei und findet keine Worte. Christenverfolgungen gab es schon immer – doch noch nie in dieser Dimension. Der stillte Trost kommt in mir hoch, dass die grausam Ermordeten in der Ewigkeit sind. Die Freude darüber sollte überwiegen, doch die Traurigkeit hält stark dagegen. »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«, tröstet Jesus und zeigt auf, wie sehr sein Leben und Wirken für die Menschheit ewigkeitsbezogen war. »Wer an mich glaubt, der wird leben –
und ob er gleich stürbe«, sagt Jesus.

Das Wochenende in Paris hat gezeigt: Mittlerweile geht es nicht nur mehr um Christen, sondern gegen alle, die anderen Glaubens sind als die Täter selbst. Mensch gegen Mensch, die Werte schwinden. Was können wir dem bloß entgegensetzen? Wir dürfen die Dinge dieser Welt mit beeinflussender Wirkung vor Gott bringen. Das, was wir Gläubigen mitbekommen haben, um Geschehnissen eine andere Richtung zu geben, liegt in den Patellen (Kniescheiben). »Betet, dass es nicht im Winter geschieht«, sagt Jesus, als er die Endzeit beschreibt. Das heißt, wir können Dinge bewirken! Ernsthaftes Gebet ist immer auch Fernwärme für Menschen, die frieren. Innerlich wie auch äußerlich. Zum Beispiel auch für die, die an unseren Grenzen gerade auf ein besseres Leben hoffen.

Ich bin noch nicht da, wo ich einmal sein möchte, nämlich in der himmlischen Gemeinschaft mit Christus. Aber ich bin auch nicht mehr da, wo ich einmal war. Geprägt von all den vielen Jahren »ohne Gott« in Politik, Wirtschaft und Showbusiness, lebe ich im Heute und darf das Gelernte nun mit einbringen, um Menschen mit der guten Botschaft bekannt zu machen. Wie wunderbar, wenn all unser Schaffen und Reden täglich mehr mit dem Gedanken des Ewigkeitswertes behaftet wäre!

Waldemar Grab

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Der Autor Waldemar Grab
Waldemar Grab ist Journalist. Von 1976 bis 1982 war er Chef-steward der Kanzlermaschine von Helmut Schmidt, Redenschreiber für Politiker und Wirtschaftsmanager. Der Hobby-Pianist wurde von TV-Produzent Wolfgang Rademann in einer Hotelbar entdeckt und ging 1998 als Showpianist auf das ZDF-Traumschiff »MS Deutschland«. Über das Lesen eines Neuen Testamentes in der Schublade seiner Luxuskabine kam er 2002 zum Glauben an Christus, besuchte eine Bibelschule und gründete 2006 den Verein »Missionswerk Hoffnungsträger«. Auf Haiti baut er derzeit mit Partnern ein Kinderdorf auf und ist mit rund 200 Veranstaltungen pro Jahr auf Konzert-, Vortrags- und Predigttour in Deutschland unterwegs.

Wut, Trauer und Ratlosigkeit

22. November 2015 von redaktionguh  
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Geistliches Wort: Nach den Terroranschlägen in Paris am Freitag vergangener Woche bleiben viele Fragen

Die Zivilgesellschaft und die Christen brauchen Stärke und Geschlossenheit, um dem Terror entgegenzutreten.

Wäre der Herr nicht bei uns, wenn Menschen wider uns aufstehen, so verschlängen sie uns lebendig, wenn ihr Zorn über uns entbrennt« (Psalm 124, Verse 2 f.).

Wenn Schreckliches geschieht wie am vergangenen Freitag in Paris, greife ich zu den Psalmen. Mir fehlen die Worte. Wut, Entsetzen, Trauer und Ratlosigkeit breiten sich in mir aus.

Wut: Was erdreisten sich diese Mörder? Wer oder was gibt ihnen den Auftrag, wahllos andere Menschen zu ermorden – während eines Fußballspiels, in einem Konzertsaal, in einem Straßencafé?

»Gib ihnen nach ihrem Tun und nach ihren bösen Taten!« (Psalm 28,4 a). So betet ein Mensch in den Psalmen, und ich bin froh, dass solch ein Satz auch in der Bibel steht. Ich muss meine Wut nicht verdrängen, ich darf sie aussprechen – vor Gott.

Entsetzen: Mein Gott, was wäre, wenn ich in diesem Konzertsaal gesessen hätte? Und wenn ich unter den Überlebenden wäre: Würden mir die furchtbaren Bilder jemals wieder aus dem Kopf gehen? »Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst!« (Psalm 31,10).

Trauer: Meine Gedanken und Gebete sind bei allen Menschen, die persönlich von den Terroranschlägen betroffen sind. Ich bete für die Getöteten und die Verletzten und für ihre Familien und Freunde. Es bewegt mich, wenn ich an die vielen Traumatisierten denke unter den Opfern und Helfern. Kein Mensch ist fähig, solch ein Meer an Leid, Schmerz und bitterer Trauer zu ermessen.

Weltweit gedenken Menschen der Toten von Paris – so wie dieser Junge während einer Messe in der St.-Thomas-Kirche in Islamabad (Pakistan). Foto: picture alliance/Anjum Naveed

Weltweit gedenken Menschen der Toten von Paris – so wie dieser Junge während einer Messe in der St.-Thomas-Kirche in Islamabad (Pakistan). Foto: picture alliance/Anjum Naveed

Es ist gut, wenn Trauernde nicht allein bleiben müssen. Wir dürfen gemeinsam trauern, wir dürfen Anteil nehmen: Bei einer Trauerfeier, mit einer stummen Umarmung, mit einer entzündeten Kerze oder mit einem Gebet. Es gibt Situationen, die können wir nicht allein bestehen. »Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben« (Psalm 46,2).

Ratlosigkeit: Wird jetzt die staatliche Überwachung aller Bürgerinnen und Bürger immer weiter ausgebaut? Wird Europa den Terroristen in die Falle gehen und sich in einen Krieg ziehen lassen? Wird die Selbstgerechtigkeit unter uns neue Nahrung erhalten, die nicht zu sehen vermag, wo wir mitverantwortlich sind für Krieg, Armut, Fanatismus und Flucht in vielen Regionen dieser Welt? Mit unseren Waffenexporten, mit unserer Dominanz in den globalen Handelsbeziehungen und mit unserer kulturellen Arroganz gegenüber fremden Völkern gießen wir Öl in das Feuer, das die Terroristen gern am Brennen halten möchten! Werden jetzt alle Flüchtlinge und/oder alle Muslime unter Generalverdacht gestellt?

Ich spüre große Ratlosigkeit, weil ich nicht sicher bin, ob diese Fragen mit einem klaren Nein beantwortet werden können – jetzt und auch in Zukunft. Die teuflische Logik der Terroristen zielt präzise darauf, Europa die Freiheit zu nehmen, den Frieden und die Hilfsbereitschaft gegenüber Notleidenden.

Lassen Sie uns bitte hier entschlossen Widerstand leisten: mit unserer Anteilnahme, mit unseren Gebeten, mit unserer Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen.

Lassen Sie uns beten für alle Verantwortlichen in der Politik, bei der Polizei, bei den Sicherheitsdiensten: um Entschlossenheit bei der Verbrechensbekämpfung genauso wie um die Besonnenheit, sich nicht die Logik der Terroristen aufzwingen zu lassen.

Christus hat am Kreuz die Psalmen gebetet: für seine Feinde – nicht gegen sie (vgl. Lukas 23,34). Entsetzen und Ratlosigkeit überwältigten seine Seele: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Psalm 22,2 und Markus 15,34). Er hat sich am Kreuz ganz dem Gott des Lebens anvertraut: »Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!« (Psalm 31,6 und Lukas 23,46). Er hat mit diesem Tod am Kreuz die terroristische Logik des Todes überwunden. Dieser Gekreuzigte lebt; Lebende und Tote sind in ihm geborgen, auch die Menschen in Paris!

Ilse Junkermann

Die Autorin ist Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Gottlosigkeit

9. Januar 2015 von redaktionguh  
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Ja, ich habe Verständnis für viele Anliegen von Pegida. Ja, es stimmt: Zu lange wurden die Probleme mit islamischen Parallelgesellschaften unter den Teppich gekehrt. Zu lange wurde die ausgemachte Bildungsferne mancher Zuwandererschichten negiert. Zu oft wurde der Vorwurf des Faschismus, des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit in unserem Land erhoben gegen jeden, der auf Probleme aufmerksam machte oder sein Unbehagen über Entwicklungen artikulierte.

Auch ich finde es unerträglich, dass sich in Deutschland Scharia-Gerichte etabliert haben, dass jüdische Mitbürger von arabischstämmigen Menschen auf offener Straße beschimpft, bedroht und geschlagen werden. Auch ich sehe mit Unbehagen, dass sich in Deutschland eine islamische Terroristenszene entwickelt. Ich glaube, dass der Islam ein innewohnendes Gewaltproblem hat und sehe die Finanzpolitik in unserem Land, in Europa und der Welt auf einem selbstmörderischen Kurs. Ja, ja, ja!

Und dennoch: Nein! Ich kann mich den Menschen auf den Straßen Dresdens und anderer Städte nicht anschließen. Zu dumpf, zu nationalistisch, zu pauschal verurteilend, statt endlich differenziert zu argumentieren, kommen mir die Parolen daher. Zu sehr wird mir hier die Angst vor dem Fremden geschürt. Vor allem: Zu unglaubwürdig ist mir die christliche Verbrämung des Protestes mit Kreuzen in Nationalfarben! Und, so muss man die selbsternannten »Retter des christlichen Abendlandes« fragen, wo wart ihr denn bisher, wo doch das christliche Abendland mit seinen Werten seit Jahren und Jahrzehnten einem immer hemmungsloseren Konsumdenken, einem immer hemmungsloser agierenden Kapitalismus mit seinem Diktat von Zins- und Zinseszins ausgeliefert wurde?

Wahrlich, unser Land braucht Veränderung. Aber nicht der Islam, nicht die Asylbewerber, nicht die Politik und nicht die so viel gescholtenen Medien sind das größte Problem. Unser größtes Problem ist unsere Gottlosigkeit.

Harald Krille