Was 2017 gefeiert wird

7. Mai 2017 von redaktionguh  
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Pünktlich zur Halbzeit des Reformationsjubiläums will die EKD mit einer Broschüre für Kirchengemeinden, Presbyterien und engagierte Christen noch einmal an dessen Grundlagen erinnern. »Uns geht es darum, zu zeigen, was eine protestantische Lebenshaltung eigentlich heute heißen kann: Innere Freiheit und Hinwendung zum Nächsten, aus Gottvertrauen leben und Orientierung aus der Bibel schöpfen – demütig und wo nötig, auch kämpferisch«, sagte die stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus bei der Vorstellung. Das Büchlein ist in die Abschnitte »Erinnern«, »Vergewissern« und »Verantworten« gegliedert. Passend zu den binnenkirchlichen Reformprozessen der EKD spricht es stets von einer »reformatorisch geprägten Lebenshaltung« und von »protestantischer Theologie«.

Martin Luther kommt im Text nur im Zusammenhang mit Johannes Calvin vor. Stattdessen heißt es im Text: »Lebendige Gottesdienste und engagierte Bibellektüre, regelmäßige Gebete und Meditationen, Zeiten der Stille und des Rückzugs sind Quellen einer evangelischen Freiheit, die sich im Alltag bewährt.« Immer wieder betont der Text ferner die gesellschaftliche Bedeutung des Protestantismus. »Wir sind überzeugt: Reformatorisch geprägte Stimmen können der (Welt-)gesellschaft guttun«, heißt es darin etwa.
Die praktischen Wirkungen dieses Textes allerdings dürften wohl begrenzt bleiben. Denn das bekanntlich am 31. Oktober 2016 eröffnete Festjahr zum 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag ist schon in vollem Gange. Und eine Druckauflage von lediglich 15 000 Exemplaren führt dazu, dass – rein statistisch – für jede der rund 14 000 Kirchengemeinden in Deutschland gerade einmal ein Exemplar zur Verfügung steht.

Benjamin Lassiwe

Luther nicht verwässern

2. April 2017 von redaktionguh  
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Das Reformationsjubiläum in diesem Jahr soll ein Christusfest werden; die Erinnerung an Martin Luthers legendären Thesenanschlag vor 500 Jahren soll ein Zeichen der Ökumene sein. Mit diesen Zielen sind die Organisatoren aus der evangelischen Kirche angetreten. Und die Katholiken ziehen mit. Ein ökumenischer Versöhnungsgottesdienst mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und dem katholischen Bischof Ulrich Neymeyr am Sonntag im Kloster Volkenroda zeugte davon.

Aber passen Luther und Ökumene zusammen? Eigentlich ja, denn Luther wollte die christliche Kirche nicht spalten. Andererseits nein, denn seine Erkenntnisse von Gottes Gnade, der Freiheit eines Christenmenschen, dem Sakramentsverständnis sowie der Fehlbarkeit des Papstes müssen unverwässert bewahrt bleiben – solange wir uns noch evangelisch-lutherische Kirche nennen wollen.

Wenn nun namhafte Theologen ihre Kritik an der EKD äußern, das Reformationsjubiläum im Zeichen der Ökumene zu verwässern, dann lässt das aufhorchen. Wir dürfen in diesem Jahr die Vielfalt christlicher Kirchen feiern, die Luther ermöglicht hat. Wir dürfen feiern, dass wir trotzdem eine Familie sind, auf Christus bezogen.

Diesen Familiengedanken leben gerade auch viele Kirchengemeinden. Denn Lutheraner nutzen dieses Jahr für vertiefte Beziehungen zu ihren katholischen Nachbarn, laden sie zu Themen in die Gemeinde ein oder diskutieren im Kirchenvorstand mit ihnen. Das ist gelebte Ökumene, Miteinander statt Nebeneinander, das uns gut tut – auch im 500. Jahr der Reformation. Aber vergessen wir dabei nicht, was der Anlass für dieses Jubiläum ist!

Uwe Naumann

Der Autor ist Redakteur bei »Der Sonntag«, der Kirchenzeitung in Sachsen.

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von redaktionguh  
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Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

Baustelle Reformation

20. Januar 2016 von redaktionguh  
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Luther 2017: Das kleine Wittenberg ist der zentrale Ort für das nationale Kulturereignis des Jahrzehnts – noch bestimmen Bagger und Kräne die Szenerie


Mit dem Thesenanschlag Martin Luthers beginnt vor 500 Jahren die Reformation. Das Erbe Luthers und der Reformation zu bewahren und zu vermitteln ist Aufgabe der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Mit Vorstand Stefan Rhein sprach Willi Wild.

Luther und das Reformationsjahr sind von vielen Zeitungen im Verlauf der Reformationsdekade heruntergeschrieben worden. Haben Sie noch Lust auf 2017 oder sollte das Großereignis abgesagt werden?
Rhein: (lacht) Nein, im Gegenteil, die Betriebstemperatur steigt. Staat und Kirche haben sich geeinigt, dass Wittenberg der zentrale Ort für 2017 ist: Weltausstellung, Kirchentag, große nationale Ausstellung. Wir haben wirklich Lust darauf. Es ist das nationale Kulturereignis dieses Jahrzehnts. Wir haben uns aus den Olympiaden verabschiedet. Wir machen, wenn überhaupt, nur noch Fußball und dann eben Reformationsjubiläum. Die Lutherstädte sind alle kleine Orte und deswegen ist der große Rummel schon eine enorme He­rausforderung. Ich bin erstaunt, was in der Lutherdekade bislang schon geschafft und geschaffen worden ist. Wittenberg ist heute eine andere Stadt als 2008: Augusteum fast fertig, Stadtkirche nahezu fertig, Stadtmuseum fertig. Das macht Freude, aber ich verhehle nicht: Manchmal muss auch ich tief durchatmen angesichts der großen Aufgabe.

Ein fröhlicher Katholik in Wittenberg, wie einst Martin Luther: Direktor Stefan Rhein, Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Foto: Willi Wild

Ein fröhlicher Katholik in Wittenberg, wie einst Martin Luther: Direktor Stefan Rhein, Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Foto: Willi Wild

Was wird denn eigentlich begangen? Worum geht es: um Luther, die Reformation, den Protestantismus oder den Jahrestag des Thesenanschlags?
Rhein: Das wurde von Anfang an kontro­vers diskutiert, bis man sich dann auf »Luther 2017 – 500 Jahre Reformation« geeinigt hat. Marketing und Touristiker sagen: Bitte nur Luther! Kirchenpolitisch und seitens der Forschung hieß es: Bloß nicht Luther, nur Reformation. Der ökumenische Anspruch ist natürlich ein biblischer. Damit feiern wir dann nicht 500 Jahre Reformation, sondern 2000 Jahre Christentum. Christentum, das durch die Etappe Reformation gegangen ist. Also, Sie merken, es ist schwierig, den präzisen Festanlass zu definieren.

Sie sprachen gerade den Luthertourismus an. Die Erwartungen waren von Anfang an sehr hoch, was die internationale Resonanz anbelangt. Halten Sie die Prognosen für realistisch?
Rhein: Es gibt schon erstaunlich hohe Buchungszahlen an vielen Orten in Mitteldeutschland, die mit der Reformation verknüpft sind. Das kleine Hotel gegenüber der Schlosskirche ist bereits seit langem schon für 2017 ausgebucht. Die Erwartungen erfüllen sich bereits für die Reformationsorte, weil viel investiert worden ist. Das wäre alles ohne das Reformationsjubiläum nicht passiert. Die reformatorische Infrastruktur ist komplett neu. Allein dafür war die Dekade wichtig.

Kommt das Reformationsgedenken überhaupt bei den Menschen in den Stammländern der Reformation an?
Rhein: Ich finde, da ist Erstaunliches passiert. Die Denkwege zu Luther von den Evangelischen Akademien in Thüringen und Sachsen-Anhalt haben viel bewirkt. Ich denke an Geschichtswettbewerbe oder das Dekaden-Thema Musik. Wie viel Schulbands haben sich mit eigenen Kompositionen oder Fassungen zu Luther-Chorälen beworben? Reformation als Bildungsbewegung in die Luther-Dekade einzupflanzen, kulturelles Wissen weiterzugeben, das ist mir ganz wichtig. Da wurden Materialien angeboten, Spiele entwickelt. Sie finden heute im Netz eine Fülle an Internet-Seiten. Für mich stand von Anfang an die Frage im Vordergrund, wie kann ich die Zivilgesellschaft für dieses Jubiläum begeistern? Als ich nach Wittenberg kam, gab es hauptsächlich Stadtbilderklärer. Heute haben wir leidenschaftliche Reformationsbotschafter auch in Eisleben oder in Mansfeld. Ich glaube, dieses Reformationsjubiläum ist eine Graswurzelbewegung geworden. Nicht immer spektakulär. Doch andererseits haben wir wöchentlich einen Pressespiegel mit bis zu 300 Zeitungsartikeln über Reformation, allein in Deutschland.

Worin unterscheidet sich dieses Reformationsjubiläum von vorangegangenen?
Rhein: Es wird viel mehr als früher ein Kulturereignis werden. Das zeichnet sich schon jetzt ab. Und, nicht nur Luther rückt in den Fokus. Diesmal soll ein Blick auf die Reformationsbewegung gerichtet werden. Als wir 2008 begonnen haben, formulierten wir es so: Es soll international sein, es soll ökumenisch sein und es soll nicht nur retrospektiv, sondern prospektiv sein. Wir wollten aber auch den Versuch unternehmen, Luther von den Wurzeln zu begreifen. Wir stellen ihn heute vielfach als den Held des Fortschritts dar und Teil unserer Geschichte. Aber es ist wichtig, ihn auch, wie das der Jenaer Theologieprofessor Volker Leppin tut, aus der spätmittelalterlichen Frömmigkeit heraus zu verstehen.

2017 geht es um 500 Jahre Thesenanschlag. Seit Jahren wird die Frage diskutiert: Hat er nun oder hat er nicht.
Rhein: Ich bin sogar sicher, dass es den Thesenanschlag gegeben hat. Das Zitat von Georg Rörer, Privatsekretär zu Lebzeiten Luthers, ist für mich ein starkes Argument. Er schreibt, dass die 95 Thesen an die Türen der Wittenberger Kirchen angeheftet worden sind. Letztlich kommt es natürlich auf den Inhalt der Thesen an. Der Glaube an den Thesenanschlag ist im Übrigen keine Einstellungsvoraussetzung bei uns (lacht). Ein Argument dafür ist die Tatsache, dass er erst sehr viel später inszeniert und monumentalisiert wurde. Ich will jedenfalls dafür werben, 2017 an den Thesenanschlag zu glauben. Egal, ob das Thesenpapier mit einem Nagel oder mit Wachs an der Schlosskirche angebracht worden ist.

Das offizielle Reformationsjahr beginnt in knapp 10 Monaten. Wie weit sind die inhaltlichen und realen Baustellen fortgeschritten?
Rhein: Da hat jeder sein Päckchen zu tragen. Wir als Stiftung Luthergedenkstätten müssen erst mal das Augusteum fertig bauen, den Ort für die nationale Sonderausstellung. Wir werden in diesem Jahr in den USA präsent sein. Mit »Here I stand!« wollen wir in New York, Minneapolis und Atlanta für Luthers Land in Mitteldeutschland werben. Zum ersten Mal werden dabei wertvolle Exponate der Reformationszeit ins Ausland gehen.

Die Vorbereitungen hier müssen natürlich auch weiter gehen. Wir wollen zum einen den jungen Luther darstellen, wie er existenziell um die reformatorische Botschaft gerungen hat. Und wir machen ja noch einen zweiten Teil, in dem wir 95 Menschen vorstellen, die auch in ihrer eigenen Existenz davon angesprochen worden sind. Wir zeigen Menschen, die sich vom 16. bis ins 21. Jahrhundert von Luther inspirieren ließen. Thomas Mann oder Wilhelm der II. und andere. Damit sind wir im Moment befasst.

Darüber hinaus müssen in Wittenberg ganz praktische Fragen geklärt werden: Parkplätze, Ausschilderungen, wie können Mitarbeiter von Gastronomie und Hotellerie geschult werden? Diese kleine Stadt bereitet sich immerhin auf die Welt­ausstellung der Reformation vor. Ich habe gestern einen Anruf aus Südkorea bekommen. Der Bischof will mit allen Pastoren nach Wittenberg kommen. 20 Prozent der Südkoreaner gehören einer protestantischen Kirche an.

Es ist auf jeden Fall ein kirchliches Ereignis. Aber es wird auch ein stark kulturelles Ereignis werden. Darauf kann man sich, glaube ich, auch freuen.

Besucher im Überblick
Insgesamt konnte die Stiftung 154417 Gäste in ihren fünf Museen begrüßen, eine Steigerung zum Vorjahr:
Luthers Geburtshaus, Eisleben 24505; Luthers Sterbehaus, Eisleben 18021; Luthers Elternhaus, Mansfeld 6545; Lutherhaus, Wittenberg 85670; Melanchthonhaus, Wittenberg 19676.
Die Landesausstellung »Cranach der Jüngere 2015« lockte über 150000 Besucher nach Wittenberg, Dessau und Wörlitz.

www.martinluther.de

»Wir haben alle den einen Gott«

5. Juni 2013 von redaktionguh  
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Ökumene: Evangelische und katholische Christen in Schleusingen

In Schleusingen gelingt Ökumene hervorragend.

Ihr größter Wunsch wäre es, gemeinsam das Abendmahl gestalten zu können. Aber so weit geht die Toleranz Roms noch nicht. Leider, wie die katholische Schwester Gudula Bonell und Pfarrerin Dorothea Söllig aus Schleusingen (Kirchenkreis Henneberger Land) finden. In Papst Franziskus, das noch neue Oberhaupt der katholischen Kirche, setzen beide – nicht nur die Katholikin, sondern auch die Protestantin – in diesem Zusammenhang einige Hoffnung.

Gemeinsam mit ihren Mitschwestern Christa Huber und Gundhilde Mayerhöfer lebt Schwester Gudula im »Haus der Begegnungen«, das zum in Suhl beheimateten katholischen Gemeindeverbund gehört. Alle drei Schwestern gehören der Ordensgemeinschaft »Congregatio Jesu« an.

Dorothea Söllig ist Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde St. Johannis. Die ökumenische Zusammen­arbeit in Schleusingen funktioniert geradezu fantastisch. Da werden Gottesdienste gemeinsam gestaltet – zur ökumenischen Bibelwoche im Februar, zum Weltgebetstag der Frauen oder zur Passionsandacht. Es werden Feste gemeinsam organisiert und wird sich gegenseitig bei der täglichen Gemeindearbeit unterstützt. Kaum dass die Pfarrerin und die Ordensschwester an diesem Nachmittag für das ­Zeitungsgespräch zusammensitzen, stecken sie nach kurzer Zeit wieder in regem Austausch über die Planung des ­gemeinsamen Gottesdienstes zum Schleusinger Stadtfest am 30. Juni. Und es entsteht sofort der Eindruck, dass der Ausbau ihres ökumenischen Zusammenwirkens ihnen eine wahre Herzensangelegenheit ist.

Reges Kirchenleben

Die Kleinstadt Schleusingen im Thüringer Wald zählt keine 5400 Einwohner. Zur evangelischen Kirchengemeinde gehören 1742 Gemeindeglieder, zur katholischen um die 300. Als Dorothea Söllig 2001 hier als ­Pfarrerin anfing, fand sie bereits »eine sehr schöne ökumenische Zusammenarbeit« vor. Neben der wunderschönen Kirche, deren Schiff um 1725 angebaut worden war, deren Turm auf das ausgehende 15. Jahrhundert datiert wird, wurde 2003 das Evangelische Gemeindezentrum St. Johannis in den Dienst gestellt. »Haben wir es nicht schön hier?«, fragt die Pfarrerin mit einem Lächeln im Gesicht. Und meint auch das aktive Leben in ihrer Gemeinde, das ohne ihr Team nicht möglich wäre. Neben den Mitarbeitern im Verkündigungsdienst, Kantor Matthias Neumeister und Gemeindepädagogin Ines Schrader, gilt ihr Dank allen Hauptamtlichen und natürlich auch den ehrenamtlich Tätigen. Sie alle seien unentbehrlich.

Schwester Gudula Bonell (l.) und Pfarrerin Dorothea Söllig vor dem »Haus der Begegnungen« Foto: Constanze Alt

Schwester Gudula Bonell (l.) und Pfarrerin Dorothea Söllig vor dem »Haus der Begegnungen« Foto: Constanze Alt

Eine der wichtigsten Säulen ihrer Gemeinde ist der Kirchenchor, dessen Gesang – allein oder in Zusammenarbeit mit anderen Chören – zu den Festen im Kirchenjahr, zur Konfirmation oder zum Stadtfest einfach dazugehört. »Eine zweite stellen Kinder- und Jugendarbeit dar«, so Söllig. Es gibt eine Krabbelgruppe, den »Regenbogenkreis« für Kindergartenkinder, die »Kirchenmäuse« der Unterstufenkinder bis Klasse drei, danach die »Kirchenkatzen«, die Konfirmanden, die Junge Gemeinde und die Konfirmandentage des Kirchenkreises Henneberger Land. Der Schwerpunkt der ­Arbeit mit Senioren ruht auf dem zur Diakonie Mitteldeutschland gehörenden Wilhelm-Augusta-Stift. Dorothea Söllig, die zum Vorstand gehört, ist dort verantwortlich für Seelsorge und Gottesdienste. Unterstützung erhält die Pfarrerin nicht nur von zwei Diakonen, sondern auch – ganz im Zeichen der Ökumene – von den katho­lischen Ordensschwestern. Altenseelsorge in der ganzen Region, das ist insbesondere das Spezialgebiet Schwester Gunhildes.

Jede von ihnen nämlich hätte ihr eigenes Spezialgebiet, erklärt Schwester Gudula. So liegt deren Schwerpunkt in der Klinikseelsorge. Exerzitien, Meditation und Kontemplation wiederum sind Schwester Christas Anliegen. »Bei uns in der Gemeinde bietet Elke Voigtsberger, Pfarrerin im Ruhestand, einen Kurs zur Einführung in die christliche Meditation an«, erläutert Dorothea Söllig. Zum letzten Treffen dann käme Schwester Christa hinzu und lade ins katholische »Haus der Begegnungen«.

Glauben nach außen tragen

Katholiken hatte es in der protestantisch geprägten Region um Schleusingen bis zu den Vertreibungen von Deutschen aus den Gebieten des ­heutigen Polens oder Tschechiens kaum gegeben. Zunächst hatte sich die kleine katholische Vertriebenen-Gemeinde in Schleusingen in einem Gasthaus getroffen, später wurde die Villa gekauft, die heute das »Haus der Begegnungen« ist.

Beim Stichwort Ökumene haben die Katholiken übrigens nicht im Sinn, die Zeit zurückzudrehen vor Luthers Thesenanschlag. Jedoch: »Jesus Christus ist für uns alle ein Hirte. Da können die Herden der christlichen Gemeinschaft doch ruhig neben­einander weiden«, meint Schwester Gudula. »Wir haben alle den einen Gott und Herren, an den wir glauben«, pflichtet Pfarrerin Söllig bei. Dem Auftrag, diesen Glauben nach außen zu bezeugen, würde eine Christenheit nicht gerecht, von der der Eindruck entsteht, sie wäre sich im Laufe der Zeit immer uneiniger geworden.

Constanze Alt