Immer in Rufweite

5. November 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Comments Off

Nun, Herr, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.
Psalm 39, Vers 8

Thomas A. Seidel, Luther-Beauftragter der Thüringer Landesregierung

Thomas A. Seidel, Luther-Beauftragter der Thüringer Landesregierung

Selig der Mensch, der so fragt. Denn: diejenigen, die sich solch einer Frage aussetzen, gehören nicht zur Mehrheit – auch nicht im »Kernland der Reformation«.

»Wessen soll ich mich trösten?«
Was hilft mir in meiner Unruhe, in meiner Not, meiner Trauer?

Solche Fragen – leise oder laut – zu stellen, heißt, die darunterliegende Trostlosigkeit zunächst erst einmal anzunehmen, zu fühlen.

Die Zahl derer, die so fragen und die als Adressaten Gott nennen und anrufen, ist noch mal geringer. Viele von uns wissen, dass dazu eine gewisse Portion mutige Demut gehört; nach Martin Luther: die einzig angemessene Haltung eines Christenmenschen gegenüber dem Herrn des Himmels und der Erde.

Zwischen der Frage und der Antwort können Bruchteile von Sekunden, aber auch Wochen, ­Monate oder Jahre liegen. Als junger Vikar habe ich ein Ehepaar über eine lange Zeit seelsorgerlich ­begleitet, deren Kind auf tragische Weise zu Tode gekommen war. Bei ihnen und mit ihnen konnte ich erleben, wie hilfreich und tröstlich jenes demütig-mutige Fragen ist. Dieses gemeinsame Beten: schweigend, seufzend, stammelnd, zornig klagend, hart und deutlich. Auch und gerade dann, wenn das Bild Gottes verdunkelt erscheint.

Bei den beiden hat es Jahre gedauert, bis die Gottesnebel sich gelichtet haben. Sie haben das Fragen nicht aufgegeben, sind nicht abgestumpft, sondern in ihrem Leben und Arbeiten in Rufweite geblieben.

In der Rufweite der Freunde, der Gemeinde, in der Rufweite Gottes. Stück um Stück konnten sie ihre Trostlosigkeit ablegen. Und eines endlos kurzen Tages, im Nu eines ewigen Augenblickes, wurde es ihnen geschenkt: Das Fragen verschwand und die Antwort wurde groß. Zunächst mit Schmerzen in der Brust und Tränen in den Augen, doch dann immer klarer. Bis sie getrost und mit freiem Mut sagen konnten: »Ich hoffe auf dich.«

Selig der Mensch, der so antworten kann.

Thomas A. Seidel

Melanchthons Werk ist bis heute »topaktuell«

18. Februar 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen

Comments Off

Thomas A. Seidel, Beauftragter der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Thüringens, zum Melanchthontag

Thomas A. Seidel, Quelle: Internationale Martin Luther Stiftung

Thomas A. Seidel, Quelle: Internationale Martin Luther Stiftung

Herr Seidel, der Thüringer Landtag, die Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte, die Internationale Martin Luther Stiftung, das Melanchtonhaus-Bretten und die Universität Jena laden am 19. und 20. Februar zu einem Melanchthontag ein. Warum?
Seidel:
Um im Rahmen der deutschlandweiten »Reformationsdekade Luther 2017« an den »Praeceptor Gemaniae«, an den schon zu seiner Zeit und völlig zu Recht hoch gerühmten »Lehrer Deutschlands« zu erinnern. Am 19. April 2010 jährt sich zum 450. Mal der Todestag Philipp Melanchthons, dieses kongenialen Weggefährten Martin Luthers. Für die Evangelische Kirche in Deutschland  und die staatlichen Partner im Bund und in den Ländern war das der Anlass,  dieses Jahr unter das Motto »Reformation und Bildung« zu stellen.
Die in Ihrer Frage genannten Institutionen greifen diesen thematischen Anstoß gern auf und stellen den  2. Thüringer Melanchthontag unter die Überschrift »Staat, Religion, Bildung – reformatorisches Erbe vor der Herausforderung der säkularen Gesellschaft.«

Was hat uns Melanchthon heute noch zu sagen?
Seidel:
Sehr viel. Beispielsweise, dass gute, immer wieder geübte Theologie und verständliche, zu Herzen gehende Verkündigung zusammen gehören, ebenso wie Kult(us) und Kultur. Als ein in europäischer Tradition stehender Theologe und Philosoph macht er auf die anthropologischen Grundbedingungen und Ziele von Bildung aufmerksam. Für ihn steht außer Frage, dass Wissensvermittlung und Persönlichkeitsbildung zusammengehören. Das ist bis heute topaktuell.

»Es gibt viel zu tun, um Bildungsgerechtigkeit zu gestalten«

Ist das reformatorische Erbe wirklich noch eine Herausforderung für die säkulare Gesellschaft?
Seidel:
Das reformatorische Erbe ist keine museale Angelegenheit. Es ist eine energische und kenntnisreiche Einladung zur Auseinandersetzung mit zentralen Texten und Bildern europäischer Kultur. Ohne den literarischen und spirituellen Kosmos der Bibel und ohne seine sozialethischen Konsequenzen sind Deutschland und Europa ebenso wie viele Wirkweisen der sogenannten »westlichen Welt« weder zu denken noch zu gestalten. Ohne diese Herausforderung, die sich an Kirche und Welt gleichermaßen richtet, droht der Gesellschaft und der Politik entweder der Hitzetot des Aktionismus oder der Kältetot der Gleichgültigkeit. Wie man beides vermeidet, kann man unter anderem bei Philipp Melanchthon lernen.

Und wie steht es um die Bildungsgerechtigkeit heute?
Seidel:
20 Jahre nach friedlicher Revolution und Wende 1989/90 können wir man Freude auf eine plurale und lebendige Schul- und Bildungslandschaft in Thüringen schauen. Dennoch gibt es viel zu tun, um Bildungsgerechtigkeit als eine zentrale Aufgabe sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe zu gestalten. Auch hier kann Melanchthon sehr anregend sein: Als Pädagoge und Bildungspolitiker verweist er auf den notwendigen Zusammenhang von Bürgersinn und Schulbildung für die Vitalität einer rechtsförmigen, couragierten Zivilgesellschaft.

Mit seiner »Lobrede auf die neue Schule« hebt er uns dieses heute auf die sozial- und kultuspolitische Agenda: »Wer keine Mühe darauf verwendet, dass seine Kinder so gut wie möglich unterrichtet werden, handelt nicht nur Pflichtvergessen gegenüber Gott, sondern verbirgt hinter einem menschlichen Aussehen seine tierische Gesinnung. (…) Daher besteht gerade in einer wohlgeordneten Bürgerschaft ein Bedarf an Schulen, in denen die Jugend, die Pflanzstätte der Bürgerschaft, ausgebildet wird.«

Es fragte Martin Hanusch.