Damit der Himmel offen bleibt

9. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Begegnungsort: Von der Ruine zur Sonnenkirche, die Peter-und-Paul-Kirche in Neunheilingen

Gospel-Konzert, Astrid-Lindgren-Lesenachmittage für Kinder, Adventsmärkte und die über den Ort hinaus bekannt-berüchtigte Blechmusik mit dem Paukenschlag – vielfältig und bisweilen unkonventionell sind die Veranstaltungen, die mit schöner Regelmäßigkeit für »volles Haus« in der »Peter-und-Paul-Kirche« in Neunheilingen (Kirchenkreis Mühlhausen) sorgen – wobei der Begriff »Gotteshaus« in diesem Falle nicht ganz treffend ist, fehlt doch dafür ein wichtiger Bestandteil: das Dach.

Anziehungspunkt: Die Sonnenkirche ist ein Magnet für die Neunheilinger Bürger. Nicht nur – wie hier – zum »Luther­sommer«. Foto: Anke Pfannstiel

Anziehungspunkt: Die Sonnenkirche ist ein Magnet für die Neunheilinger Bürger. Nicht nur – wie hier – zum »Luther­sommer«. Foto: Anke Pfannstiel

Seit vier Jahrzehnten schon ist »Peter und Paul« eine Ruine. Zwar mangelte es nicht am Willen der Bewohner, den Verfall der Kirche zu stoppen. Doch widrige Umstände der Zeit und nicht zuletzt die Tatsache, dass es mit der kleinen Friedhofskapelle noch einen anderen nutzbaren Raum gibt, besiegelten – vorläufig – ihr Schicksal: 1976 musste die Gemeinde das Dach abnehmen lassen und einen Teil des Inventars, unter anderem den Altar, verkaufen.

Doch weil die Neunheilinger »Peter und Paul« dennoch nie ganz aufgaben, sollte der letzte Gottesdienst unterm Kirchendach zur Konfirmation im Jahr 1968 nicht der letzte gewesen sein:

30 Jahre später, am 31. Mai 1998, um 14 Uhr, feierte die Gemeinde hier erstmals wieder Pfingstgottesdienst. Statt über steinernen Fußboden liefen die Menschen nun über frisch gemähtes Gras, das Jugendliche ein Jahr zuvor ausgesät hatten. Und der Blick nach oben endet nicht am Deckengewölbe, sondern geht unversperrt gen Himmel.

Es ist dieses besondere Ambiente, das neben dem Engagement der Neunheilinger dafür sorgt, dass »Peter und Paul« eine Wiederbelebung als »Sonnenkirche« erfährt. Doch das, was die Sonnenkirche so besonders macht, ist zugleich ihre größte Bedrohung: Wind und Wetter nagen ungehindert an ihrer verbliebenen Substanz. Das Mauerwerk, das seit dem Deckenabriss freiliegt, nimmt zusehends Schaden.

Doch dieses Mal wollen die Neunheilinger den weiteren Verfall verhindern, gründeten deshalb im Jahr 2014 den Verein »Sonnenkirche«. Über 30 Mitglieder fanden sich rasch zusammen; von Anfang 30 bis 80 sind alle Altersklassen vertreten, verschiedenste Berufsgruppen und Einstellungen zum christlichen Glauben ebenso. Was sie eint, ist der Wunsch, »Peter und Paul« zu bewahren, weil die Kirche zum Dorf und dessen Geschichte gehört.

Die Idee, die sie für die »Sonnenkirche« entwickelten, soll zwei Aspekte verbinden: Der Charakter der Offenheit, die Durchlässigkeit nach oben, soll trotz schützender Elemente erhalten bleiben, zugleich die Energie der Sonne genutzt werden. Eine Überdachung mit Sonnenkollektoren schwebt ihnen vor.

Die Möglichkeit, die Ideen als Projekt der »Internationalen Bauausstellung Thüringen« (IBA) zu konkretisieren und voranzubringen, ergibt sich nicht, weil andere Vorhaben den Zuschlag erhalten haben. Arbeiten von Architektur-Studenten der Fachhochschule Erfurt, die mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) erstellt wurden, lieferten interessante Anregungen. Einen Durchbruch können auch sie nicht bringen. »Uns als Verein hat all das nicht entmutigt, sondern eher noch mehr zusammengeschweißt«, sagt der Sonnenkirchen-Vorsitzende Raimund Schmidt.

So sind sie weiterhin frohen Mutes, ihre Sonnenkirche voranzubringen und für die Nachwelt zu bewahren – und für den Weg dahin haben sie noch reichlich Ideen und Tatendrang im Gepäck, um »Peter und Paul« das zu geben, was sie verdient: Ein vielfältiges Gemeindeleben, geteiltes Leid und vor allem frohe gemeinsame Stunden mit Blick in den Himmel.

Anke Pfannstiel

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Landwirte wünschen sich mehr Anerkennung

2. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Bilanz: Landwirtschaftsministerin und Bauernverband beklagen durchwachsene Ernte

Ich wünsche mir, dass mehr Menschen die harte Arbeit der Landwirte zu schätzen wissen. Gleiches gilt auch für den Wert der Waren: Lebensmittel dürfen nicht verramscht werden.« Das erklärte Thüringens Landwirtschaftsministerin Birgit Keller bei der diesjährigen Erntepressekonferenz in der Agrargesellschaft Pfiffelbach (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt).

Gemeinsam mit dem Vizepräsidenten des Thüringer Bauernverbandes, Lars Fliege, stellte Keller die Ergebnisse des Ernteertrages 2017 vor.

Diese sind eher durchwachsen. Starker und langer Frost im Frühjahr und viel Regen im Spätsommer hatten die Erwartungen auf die Ernte schon im Vorfeld stark gedämpft. Nun steht fest, dass die Erträge für Winter- und Sommergerste durchaus gut sind, der Winterraps sich jedoch schlecht entwickelt hat.

Thüringens Landwirte hatten bereits Anfang Juli begonnen, auf einer Fläche von etwa 350000 Hektar Getreide und auf 120 000 Hektar Winterraps zu ernten. Zuerst wurde die Wintergerste eingebracht, die vor allem als Futter für Schweine und Rinder dient. Der Winterweizen, die dominierende Fruchtart auf den Feldern, folgte Ende Juli.

Geliebte Paradiesfrucht: Der Apfel ist die Nummer eins der in Thüringen angebauten Obstsorten. Foto: epd-bild

Geliebte Paradiesfrucht: Der Apfel ist die Nummer eins der in Thüringen angebauten Obstsorten. Foto: epd-bild

Nun ist die Obsternte im Gange: Die Obstbauern hatten es in diesem Jahr besonders schwer. Dem Frost im Frühjahr fielen viele Blüten zum Opfer; es kam zu zahlreichen Ausfällen beim Obstbau. In Nordthüringen hat zudem Hagel die Erträge geschmälert.

Äpfel sind mit mehr als 1 000 Hektar die Hauptkultur im Obstbau im Freistaat. Hier belaufen sich laut Landwirtschaftsministerin Birgit Keller die Verluste auf rund 40 Prozent. Noch deutlicher sind die Einbußen bei der Süßkirschenernte. Deren Ertrag liegt sogar 60 Prozent unter dem des Vorjahres. Thüringen steht mit diesen Ergebnissen nicht allein. Auch die Landwirte in anderen Gebieten der Bundesrepublik beklagen Ernterückgänge, wenn nicht sogar -ausfälle. Ein Anstieg der Preise für die beliebten Paradiesfrüchte und viele andere Obstsorten ist daher wohl zu befürchten.

Die Landwirtschaft ist in Thüringen ein wichtiger Wirtschaftszweig. Laut dem Thüringer Landesamt für Statistik gab es im Jahr 2015 3 500 landwirtschaftliche Betriebe im Freistaat.

Neben dem Anbau von Getreide und Obst ist auch die Forstwirtschaft von großer Bedeutung.

Die EKM ist einer der größten Landbesitzer in Deutschland und verpachtet einen Großteil ihrer Flächen an Landwirte. Im Oktober soll ein neues Pachtvergabeverfahren in Kraft treten.

(G+H)

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Allein Gott die Ehre

1. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Das Festival »Güldener Herbst« präsentiert protestantische und katholische alte Musik

Von Bad Liebenstein im Westen bis Eisenberg im Osten, von Sondershausen im Norden bis Rudolstadt im Süden: Das Festival Alter Musik »Güldener Herbst« zieht bereits zum 19. Mal weite Kreise in Thüringen. Das Spektrum der Veranstaltungen reicht von Kantatengottesdiensten und Messen bis zur Kammermusik, vom Tanzspiel bis zum Orgelkonzert; auch Konzerteinführungen, Stadtführungen und eine Ausstellung ergänzen das Programm.

Anlässlich des Reformationsjubiläums widmet sich das Festival in diesem Jahr einem Thema, das in erster Linie Johann Sebastian Bach zugeschrieben wird. Doch »Soli Deo Gloria – Allein Gott die Ehre« galt Protestanten wie auch Katholiken bis hin zur Aufklärung als Lebensmotto. »Auch alles weltliche Schaffen stand unter dem Motto«, sagt Helen Geyer, Professorin für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar und Mitbegründerin der Academia Musicalis Thuringiae, die das Festival organisiert.

Das stehe im Gegensatz zu heute, wo wir andere Maßstäbe haben, so Geyer weiter. Das Motto wurde auch als Motor für maximale künstlerische Leistung verstanden, da »Soli Deo Gloria« implizierte, dass nur das Beste gut genug für Gott sein könne.

Die Trennung der Werke nach katholisch und protestantisch sei nur selten musikalisch nachvollziehbar, sagt Helen Geyer.

Stilistisch gäbe es minimale Unterschiede. Vielmehr handelt es sich in der Regel um eine politische, religiös begründete Trennung und so liegt es nahe, beides miteinander zu präsentieren. Beispielsweise in Rudolstadt, wenn das renommierte Basler Barockensemble Musica Fiorita den Zuhörern neben katholischer Kirchenmusik von Niccolò Jommelli und Johann Adolf Hasse auch den Thüringer Zeitgenossen Johann Melchior Molter – alles aus den Rudolstädter Beständen – zu Gehör bringt. Aber auch Veranstaltungen, die nur eine der beiden Strömungen betonen, sind im Festivalprogramm zu finden. Etwa Christian Fürchtegott Gellerts »Geistliche Oden und Lieder«, vertont von Carl Philipp Emanuel Bach in Eisfeld (14. Oktober, 19.30 Uhr, Rathaussaal) oder zum Abschlusskonzert in Auerstedt, wenn eher der katholische Akzent zum Tragen kommt (15. Oktober, 15 Uhr, Maloca im Schlosspark). Es gehört zum Charakter des Festivals, dass die aufgeführten Stücke auch einen Bezug zu dem Ort haben, an dem sie erklingen. So werden beispielsweise in der Barockkirche im Bad Liebensteiner Ortsteil Steinbach (7. Oktober, 19.30 Uhr) barocke Motetten von Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach zu hören sein, die im Pfarrarchiv des Ortes lagern.

Über die wissenschaftliche Betrachtung des »Soli Deo Gloria«-Anspruchs wird Helen Geyer in Wandersleben auch einen Vortrag halten (1. Oktober, 14 Uhr, Menantes-Literaturgedenkstätte). Sie betrachtet dabei auch, was es im 18. Jahrhundert bedeutete, eine Messe oder einen Gottesdienst zu besuchen. »Es war der Moment, in dem jeder Gläubige den Alltag verlassen hat und in die aufbauende Umgebung der Kirche getreten ist, mit Musik, die sonst nicht zu hören war«, sagt sie. Die Gesellschaft dadurch aufzubauen, war ihrer Ansicht nach die große Leistung der Kirchen jener Zeit.

Mirjam Petermann

www.gueldener-herbst.de

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Jesus im Hinterhof

22. September 2017 von redaktionguh  
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Offene Arbeit: Ein Synonym für Freiheit, politische Diskussionen, unangepassten Lebensstil inmitten der DDR und im Schoß der evangelischen Kirche. Hat die kirchliche Jugendarbeit den Herbst 1989 erst möglich gemacht?

Es gibt keine direkte Linie von der Offenen Arbeit zur friedlichen Revolution. Aber es gibt Protagonisten der Friedensbewegung und Opposition, die in der Offenen Arbeit lernten, Themen zu diskutieren und sich auf Augenhöhe mit anderen und ihren Meinungen auseinanderzusetzen. Junge Menschen, die nicht ins DDR-Raster passen wollten.

Die Jugendpolitik im DDR-Sozialismus zielte seit den 1960er-Jahren sehr stark auf Formierung und Homogenisierung. »Jugendlichen, die lange Haare hatten, in Jeans rumliefen und andere Musik hören wollten, wurden zunehmend die Räume verschlossen«, erklärt die Historikerin Katharina Lenski. Sie kennt die Zeit aus eigenem Erleben. Lenski hatte Medizin studiert, wurde aus politischen Gründen exmatrikuliert. Anschließend war sie in der Berliner Opposition aktiv.

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Diesen Jugendlichen öffneten Seelsorger der evangelischen Kirche Räume. »Hier konnten die Konflikte zur Sprache kommen und wurden zu faszinierenden Bildungsprozessen. Politische Gestaltungsräume gab es ja kaum«, sagt Christian Dietrich, Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung des SED-Unrechts. Karl-Marx-Stadt, Saalfeld, Jena, Bad Blankenburg, Halle-Neustadt und Erfurt waren einige der Standorte für Offene Arbeit. Pfarrer Walter Schilling war eine wichtige Symbolfigur der Offenen Arbeit in der DDR. Ein charismatischer Seelsorger, der das Rüstzeitheim in Braunsdorf bei Rudolstadt aufbaute, das von vielen jungen Menschen besucht wurde. Schilling praktizierte mit seiner Offenen Arbeit die »Konzeption der Konzeptlosigkeit«, ein Gegenmodell zur sozialistischen Erziehung. Er öffnete im Sommer 1978 die Rudolstädter Stadtkirche für Jugendliche und gab ihnen mit »June 78« ein Gefühl von Freiheit. In gewisser Weise entstand mit der Offenen Arbeit eine Insel im DDR-Alltag, meint Katharina Lenski. »Man hat versucht, sich dort mit konkreten Problemen auseinanderzusetzen.« Das bedeutete auch, dass man in diesem Rahmen Kritik äußern konnte. »Da war die Offene Arbeit doch förderlich, um doch einfach mal auch zu experimentieren, so unbeholfen das gewesen ist.«

Dass Offene Arbeit gelang, hing vor allem von den handelnden Personen ab. Walter Schilling oder Lothar Rochau riskierten mit ihrem Engagement viel – staatlich wie kirchlich. Rochau, Jugendwart der Offenen Arbeit in Halle-Neustadt wurde entlassen und sogar inhaftiert. »Im kirchlichen Selbstverständnis war diese Arbeit immer grenzwertig. Der Thüringer Bischof Werner Leich brachte dies auf die Formel, Kirche sei offen für alle, aber nicht für alles, so Dietrich. Im Fall von Rudolstadt hatte der dortige Superintendent die Veranstaltungen für Jugendliche und damit den Jugendpfarrer und seine Aktivitäten unterstützt. »Aber die höheren Hierarchien, die Oberkirchenräte, die haben das alle bekämpft. Und gleichzeitig mit der Staatssicherheit kooperiert«, weiß Historikerin Lenksi. Unangepasste Themen, Lebensweise, Äußeres – das beunruhigte Staat und Kirchenleitung.

Verantwortliche unterbanden mitunter die Arbeit der Jugendpfarrer. Somit brachen die Gruppen der Offenen Arbeit vielerorts immer wieder auseinander. Eine große Enttäuschung für die nach Vertrauen und Halt suchenden Jugendlichen. »Der Druck auf die jungen Menschen wurde stärker und ebenso die verdeckten Zersetzungsmechanismen, die dann auch soziale Erosionen hervorgerufen haben. Da haben sich Partnerschaften getrennt, Freundschaften sind zerbrochen«, so Lenski. Dass die Offene Arbeit nicht nur ein Jugendmodell war, betont Christhard Wagner vom Evangelischen Büro Thüringen. Alle Menschen seien willkommen gewesen, egal woher und in welchem Alter. Gelebtes Evangelium, unter sozialistischen Außenbedingungen. Der frühere Jugendpfarrer ist sich sicher: »Wenn Jesus wiederkommt, dann sitzt er zuerst im Hinterhof der Offenen Arbeit.«

Diana Steinbauer

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Wenn Musik den Glauben trägt

18. September 2017 von redaktionguh  
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Jubiläum: Saalfelder Vocalisten feiern 30-jähriges Bestehen

Ein sommerlich-lauer Sonntagnachmittag. In einer kleinen Dorfkirche im Saaletal singen die Saalfelder Vocalisten geistliche Lieder. Es ist andächtig still. Dann kommt der Applaus – und die Ansage: Teil zwei des Konzertes gibt es im Nachbardorf. Es ist nicht ganz üblich, bei Nachbars in die Kirche zu gehen, wenn man doch selber eine hat. Aber jetzt, wo die Gemeinden zusammengelegt werden, da muss man wohl. Nach Kaffee und Kuchen wandert die ganze Gemeinde weiter zur nächsten Kirche. Die Vocalisten gehen voran, sie locken ihre Konzertgemeinde von einem Dorf ins nächste und von einer Kirche in die andere. Ach guck, die ist auch schön. Die Vocalisten sind ein gutes Zugpferd für die Gemeindearbeit, weiß die Pastorin. Und die acht Männer lassen sich gerne einspannen. Kleine Konzerte in kleinen Dorfkirchen – das ist völlig in Ordnung und hat auch etwas mit Heimat zu tun und mit ihrem Selbstverständnis. Sie sind – obwohl kein Kirchenchor – aktive Christen. Das wiederum kommt auch von der Musik. »Wenn es nicht so schöne Kirchenmusik gäbe – ich weiß nicht, ob ich an das Evangelium glauben könnte«, sagt Arnulf Heyn, der Blumenhändler. »Ich werde durch die Musik im Glauben getragen.«

Die Saalfelder Vocalisten: Im Repertoire haben sie hauptsächlich geistliche Lieder. Foto: Saalfelder Vocalisten

Die Saalfelder Vocalisten: Im Repertoire haben sie hauptsächlich geistliche Lieder. Foto: Saalfelder Vocalisten

Begonnen haben die Vocalisten bei den Thüringer Sängerknaben. Die strenge Schule von Walter Schönheit hat sie geprägt, später von Michael Schönheit. Mit Matrosenkrägelchen standen sie als Achtjährige schon auf der Empore der Johanniskirche in Saalfeld und sangen Motetten und Oratorien und in unzähligen Gottesdiensten. »Da gehen einem die gottesdienstlichen Abläufe in Fleisch und Blut über.«

Konzerte, Chorreisen – die Kirchen wurden eine zweite Heimat. »Und wenn dann die Morgensonne durch die Bleiglasfenster hereinscheint, geht mir das Herz auf«, erinnert sich Stefan Matz. »Da spüre ich die Religion.« Er ist Diplomkaufmann und bewertet Immobilien. Es sei der größte Lohn, die Zuhörenden mitzunehmen, sodass sie am Ende still und berührt aus der Kirche gehen.

Begonnen haben die acht Männer mit Trinkliedern in Kneipen und für Freibier. Dann wurden die Bühnen größer – vom Kulturhaus Rudolstadt-Schwarza bis ins ZDF und von Thüringen aus ging es bis in die USA, nach Japan und Südafrika. Hauptsächlich geistliches Liedgut von Bach bis Biller ist in ihrem Repertoire, aber auch Stücke von den Comedian Harmonists. Drei CDs haben sie eingespielt, eine DVD dokumentiert ihre Japanreise.

Nun sind sie seit 30 Jahren ein Team. »Wenn einer denken würde, er könne seinen Schädel durchsetzen, wären wir nicht mehr zusammen.«

Einmal saß der Kloß im Hals. Das war bei der Beerdigung ihres Chorbruders Bertram. Trotzdem haben sie gestanden und gesungen und sich hinterher in den Armen gelegen. Jesum bleibet meine Freude.

Singen wollen sie noch lange, sagt Henrik Pfeiffer, der Schornsteinfegermeister. Nur die Qualitätslatte bleibt hoch. »Wenn wir schlechter werden, ist irgendwann Schluss. Hoffentlich noch lange nicht.«

Ulrike Greim

Jubiläumskonzert am 23. September um 17 Uhr im ehem. Franziskanerkloster Saalfeld (Stadtmuseum)

www.saalfelder–vocalisten.de

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Um Schimmels willen! – Mysteriöser Pilzbefall an Orgeln

11. September 2017 von redaktionguh  
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Vor zwei Jahren ist in der EKM eine Online-Umfrage zum Schimmelbefall an historischen und neuen Orgeln gestartet worden. Bei der Befragung ging es zum einen um die Gefährdung der Instrumente, aber auch um gesundheitliche Risiken. Über das Ergebnis sprach Michael von Hintzenstern mit Christoph Zimmermann, dem Orgelreferenten im Landeskirchenamt.

Ungefährlich: Was wie Staub aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schimmelpilz, von dem aber keine Gefahr ausgehen soll.  Foto: Christoph Zimmermann

Ungefährlich: Was wie Staub aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schimmelpilz, von dem aber keine Gefahr ausgehen soll. Foto: Christoph Zimmermann

Wie viele Gemeinden haben sich beteilig und welche Ergebnisse konnten ermittelt werden?
Zimmermann:
Unser Online-Fragebogen wurde für ca. 400 Instrumente aus den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ausgefüllt. Das hat unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen und freut uns sehr. Es handelt sich dabei um Instrumente mit und ohne Schimmelbefall. Die Umfrage war Teil eines durch die EKM initiierten Forschungsprojektes zu den Ursachen des zugenommenen Schimmelbefalls an Orgeln. Im Ergebnis dieser Befragung wurden etwa 50 Orgeln besichtigt und untersucht. Daraus wurden noch einmal 20 Instrumente für eine vertiefte Untersuchung ausgewählt. Ziel des Forschungsprojektes ist zunächst die Untersuchung der Ursachen für diesen Befall.

Welche Ursachen gibt es?
Zimmermann:
Klar ist, dass die Klimaverhältnisse in der Kirche und speziell in der Orgel eine große Rolle spielen. Wieweit auch die Beschichtungen auf den Oberflächen eine Rolle spielen, ist noch nicht abschließend geklärt.

Was sollen Kirchengemeinden unternehmen, deren Orgeln von Pilzen befallen sind?
Zimmermann:
Grundsätzlich sind die zuständigen Orgelsachverständigen erste Ansprechpartner zu den Fragen der Orgel. Unser Forschungsprojekt ist noch nicht abgeschlossen. Wir empfehlen zunächst, möglichst keine Eingriffe (Reinigung nur wegen Pilzbefall, Behandlung mit Fungiziden o.ä.) vorzunehmen, sondern die Projektergebnisse abzuwarten. Sinnvoll ist aber, geeichte Messgeräte (Datenlogger) in den betroffenen Instrumenten und Kirchenräumen auszulegen. Die Temperatur- und Feuchtedaten von wenigstens einem Jahr sind für eine Bewertung der örtlichen Klimasituation sehr hilfreich.

Kann man nach dem jetzigen Forschungsstand gesundheitliche Gefährdungen ausschließen?
Zimmermann:
Es hat sich bei unseren untersuchten Instrumenten herausgestellt, dass fast ausschließlich Pilze der Aspergillus-glaucus-Gruppe anzutreffen sind. Von diesen geht im Normalfall keine Gesundheitsgefahr aus. Auch wirken sie nicht holzzerstörend. Bei einer anstehenden Reinigung durch Fachleute sollten diese sich trotzdem mit entsprechendem Schutz ausrüsten, um im Einzelfall eine mögliche allergische Reaktion auszuschließen.

Wie soll in Zukunft – auch bei Baumaßnahmen – mit drohendem Pilzbefall umgegangen werden?
Zimmermann:
Im November findet im Rahmen des Forschungsprojektes ein Kolloquium in Erfurt statt. Dabei werden die bis dahin ausgewerteten Ergebnisse Orgelsachverständigen, Orgelbauern und Kirchenbaureferenten vorgestellt und diskutiert. Dies wird uns hoffentlich in einigen Punkten Klarheit bringen und die Grundlage sein, auf der wir in einem Folgeprojekt auf konkrete Handlungsmuster hoffen.

Heilige Schrift im Bild

14. August 2017 von redaktionguh  
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Weimarer Kinderbibel eine Woche in Wittenberg

Mitteldeutsch-2-32-2017Unter dem Motto »Bild und Bibel« steht die 13. Themenwoche der Weltausstellung Reformation vom 16. bis 21. August in Wittenberg. Besucher können alte Ikonen und neue Icons entziffern, mit Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch kommen, über Bilderverbote diskutieren und vieles mehr.

Mit dabei ist im Bugenhagenhaus die Weimarer Kinderbibel, geschrieben und gestaltet von Kindern.

Mit inzwischen sechs Staffeln kann das Projekt der Kinderbibel einen Erfolg vorweisen, der beim Start im Jahr 2012 nicht abzusehen war. Im Lauf der Jahre haben sich über 500 Kinder aus Weimar und anderen Orten in Thüringen beteiligt.

Kinder des ersten Jahrganges der Weimarer Kinderbibel blättern im fertigen Exemplar. Foto: Maik Schuck

Kinder des ersten Jahrganges der Weimarer Kinderbibel blättern im fertigen Exemplar. Foto: Maik Schuck

Bei der Themenwoche in Wittenberg anwesend ist auch die Ideengeberin, die promovierte Sprachwissenschaftlerin Annette Seemann. Die von Frank Nolde kuratierte Ausstellung im Bugenhagenhaus zeigt ausgewählte Geschichten und Gestaltungen aus den sechs Jahren Projektarbeit mit Kindern der Klassenstufen vier bis sieben. Hinzu kommen Fotos vom Entstehungsprozess der Kinderbibeln und natürlich die Bibeln selber.

Ebenfalls im Bugenhagenhaus präsentiert sich unter dem Thema »Kirchliche Kunst im ganzen Land« die 1999 gegründete Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut.

(G+H)

Literarische Gesellschaft Thüringen (Hrsg.): Weimarer Kinderbibel. Geschrieben und gestaltet von Kindern: Erlesene Geschichten und Bilder, Wartburg Verlag, 168 S., ISBN 978-3-86160-278-1, 14,90 Euro

https://r2017.org/nc/weltausstellung/programm/kalender

Rast an der Radwegekirche

7. August 2017 von redaktionguh  
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Elberadweg: Teilstück in der Altmark wieder befahrbar

Mehr als 4 000 evangelische Kirchen und Kapellen stehen in Mitteldeutschland. Das sind rund 18 Prozent aller evangelischen Kirchen Deutschlands. Derzeit laden 64 davon, sogenannte Radwegekirchen, zu einer besonderen Rast ein. Die Gotteshäuser liegen unmittelbar an Radwegen in Thüringen, Sachsen-Anhalt sowie in Sachsen und sind auf Hinweisschildern am Weg und an den Kirchen als Radwegekirchen gekennzeichnet. Die Kirchen bieten noch bis zum Reformationstag am 31. Oktober an mindestens fünf Tagen in der Woche tagsüber einen Ort der Ruhe und Besinnung. An manchen Orten gilt diese Regelung auch für das Winterhalbjahr.

Foto: Screenshot G+H

Foto: Screenshot G+H

In einigen Kirchengemeinden gibt es zudem Kirchenführungen und Seelsorgegespräche. Zertifizierte Radwegekirchen sollten neben Informationen möglichst auch einen Rastplatz oder Bänke im Garten sowie Zugang zu Toi­letten und Trinkwasser bereitstellen.

Ein Teilstück des Elberadweges in der Altmark zwischen Billberge und Arneburg im Kirchenkreis Stendal ist jetzt wieder ohne Einschränkungen befahrbar, so das Wirtschaftsministerium in Magdeburg.

Eine Karte mit allen Radwegen und Radwegekirchen findet sich auf einer Internetseite (Foto).

Dort gibt es detaillierte Informationen zu Öffnungszeiten oder der Geschichte der Kirche. Ein grünes Signet mit Kirche und Radfahrer kennzeichnet vor Ort die Kirchen.
(G+H/epd)

www.radwegekirchen.de

Mein Sehnsuchtsort ist das Meer

7. August 2017 von redaktionguh  
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Volkskirche: Viele Menschen bekennen sich in der Region um Meiningen und Suhl zur evangelischen Kirche. Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt ist dort Regionalbischöfin. Mit ihr sprach Diana Steinbauer.

Im Juli hat das größte Rechtsrock-Konzert deutschlandweit im thüringischen Themar für großes Aufsehen gesorgt. Wie sehen Sie die Funktion der Kirchengemeinden vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal hat mich beeindruckt, wie sich die Zivilgesellschaft in Themar über Wochen und Monate klar und eindeutig gegen dieses Konzert positioniert hat. Dass es nach diversen Gerichtsverfahren schließlich als politische Versammlung genehmigt wurde, war zu akzeptieren und zu respektieren. Gedanklich nachvollziehen konnten das viele Menschen in der Region nicht – auch ich nicht.

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Die Kirchengemeinde in Themar und der Kirchenkreis Hildburghausen haben sich im Vorfeld und während des Konzertes absolut klar und gewaltfrei gegen den Hass und die Hetze, die von dieser Veranstaltung ausgingen, gewandt. Wie richtig und notwendig das war, haben die Berichte zu dem Konzert bestätigt.

Die Einladung der Kirchengemeinde zu einem ökumenischen Friedensgebet am Vorabend des Konzertes hat auch den Menschen, die sich am Veranstaltungstag selbst vielleicht nicht nach Themar gewagt haben, ermöglicht, ihrem Protest und ihrer Bitte um Frieden Ausdruck zu verleihen.

Ich habe großen Respekt vor dem entschiedenen, klaren und selbstverständlichem Engagement der Kirchengemeinde und ihrer Pfarrerin Frau Polster. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis sind sie für Demokratie, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe eingetreten und haben einen Auftrag der Kirche, sich für Frieden einzusetzen, eindrücklich wahrgenommen.

Wie verleben Sie diese Sommertage in Meiningen?
Kühnbaum-Schmidt:
Im vergangenen Jahr haben wir den Sommerurlaub zu Hause in Meiningen verbracht. Das habe ich sehr genossen. Die Stadt bietet viele kulturelle Möglichkeiten, vom Parkgeflüster über das Sommerfestival, Konzertmöglichkeiten oder den Meininger Orgelsommer.

An der Werra spazieren zu gehen oder die schönen Grünanlagen zu genießen, dazu nehme ich mir auch sonst manchmal Zeit. In diesem Jahr allerdings nicht so viel. Das hat auch mit der Zahl 2017 zu tun.

Apropos Reformationsjubiläum: Die Kirchentage auf dem Weg und andere Veranstaltungen zu 500 Jahren Reformation haben viele Menschen bewegt. Auch Nichtchristen?
Kühnbaum-Schmidt:
Die vielen Veranstaltungen – regional und überregio­nal –, in denen wir dieses besondere Ereignis feiern, waren und sind eine Möglichkeit, wie Kirche und Glaube auch für Nichtchristen überhaupt einmal wieder in den Bereich des Möglichen kommen. Ansonsten sind es oft ethische Fragen, aber auch persönliche Begegnungen, die die Frage nach Gott und christlichem Glauben aufwerfen.

Bei den Kirchentagen auf dem Weg war das ja schön zu sehen. Die Veranstaltungen, die draußen angeboten wurden und niedrigschwellig waren, wo es persönliche Begegnungen gab, wo Menschen gemeinsam gegessen haben, feiern und erzählen konnten, Musik erlebt haben, die hatten großen Zulauf. Offensichtlich wurden sie wahrgenommen als willkommene Gemeinschaftserlebnisse ohne große Schwelle.

Wie können die Schwellen und Barrieren abgebaut werden?
Kühnbaum-Schmidt:
Offen zu sein für andere ist wichtig. Ich denke, wir sollten aber auch die Frage klären, wie wir uns als Gemeinschaft zu denen verhalten, die uns, warum auch immer, fernstehen.Wir werden uns in den nächsten Jahren also intensiver mit der Frage nach der Kirchenmitgliedschaft beschäftigen müssen. Gibt es nur die Alternative des Ja oder Nein? Viele Menschen engagieren sich in christlichen Verbänden oder bei Vereinen und diakonischen Einrichtungen, in der Flüchtlingshilfe, einem Kirchbauverein oder Kirchenchor. Nicht immer gehören sie auch formell zur Kirchengemeinde.

Wie können wir ihnen das Gefühl geben, wirklich dazuzugehören? Also nicht sagen, ihr dürft gerne mittun, aber es gibt für euch keine Möglichkeit, auch Rechte wahrzunehmen.

Das würde aber die Kirchenlandschaft wie wir sie kennen, wesentlich verändern. Eine Art neue »Reformation«?
Kühnbaum-Schmidt:
Jedenfalls gehört es für mich ganz klar zum Thema »Die Reformation geht weiter«. Aber das ist kein leichtes Feld. Denn ich verstehe auch, dass Menschen, die zur Kirche gehören, getauft sind und Kirchensteuer bezahlen, fragen: Ist das für die Frage der Kirchenmitgliedschaft denn bedeutungslos? Wenn alle gleich sind, welchen Sinn hat dann die Kirchenmitgliedschaft?

Wir werden also diskutieren müssen: Welche Unterschiede sind nötig und welche sind vielleicht auch nicht nötig? Wie weit können und wollen wir gehen? Gemeinschaft heißt ja nicht, jeder macht sein Ding und dann gucken wir mal, ob und wie das zusammenpasst. Sondern Gemeinschaft – auch in der Kirche – braucht Verbindlichkeit in der Verantwortung füreinander.

Welche Themen beschäftigen Sie darüber hinaus hier vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Wir stellen uns im Propstsprengel den gleichen Herausforderungen wie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)insgesamt. Dennoch muss ich sagen, dass es im Vergleich in unserem Propstsprengel einen relativ hohen prozentualen Anteil von Kirchenmitgliedern an der Gesamtbevölkerung gibt. Das lässt uns in manchen Bereichen ein bisschen entspannter sein.

Das heißt aber auch, dass es an die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst eine hohe Erwartungshaltung gibt. Eine kirchliche Beerdigung, eine Hochzeit, eine Aussegnung im Sterbefall, die Präsenz – beispielsweise bei der Kirmes und anderen öffentlichen Anlässen – gehört hier selbstverständlicher zum Gemeindeleben dazu als in manch anderen Bereichen der EKM. Dass sie gebraucht werden, bekommen die Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch alle anderen Mitarbeitenden, hier ganz deutlich zu spüren.

Veränderungen, wie zum Beispiel größere Pfarrbereiche oder andere Zusammenlegungen, sind deshalb eine besondere Herausforderung für alle, die das zu schultern haben.

Wie fangen Sie das auf?
Kühnbaum-Schmidt:
Mein Eindruck ist, dass nicht unbedingt die Arbeitsbelastungen allein als anstrengend erlebt werden. Bedrückend ist für viele, dass sie ihre Selbstbestimmung als immer kleiner werdend erleben. Die Freiheit des Dienstes macht zum Beispiel im Pfarramt einen großen Teil der Arbeitszufriedenheit aus.

Genau diese Freiheit ist ja auch Zeichen der Professionalität. Also die Freude und Herausforderung, den Dienst in hoher Eigenverantwortung strukturieren zu können, Schwerpunkte zu setzen und dabei auf die jeweilige Situation vor Ort einzugehen.

Wenn der Eindruck entsteht, dass man in diesen Kernbereichen der eigenen Professionalität zunehmend fremdbestimmt ist, dann ist die Gefahr der Demotivation, der Überforderung oder auch des Burn-outs größer.

Wie können Sie helfen, damit es nicht so weit kommt?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal bin ich persönlich ansprechbar und aufmerksam. Ich bin regelmäßig in den Konventen, mindestens einmal im Jahr in jedem Hauptkonvent. Wenn es möglich ist, fahre ich auch mit zu Klausurtagungen. Da habe ich einen sehr intensiven Kontakt zu den einzelnen Personen, ihren Fragen und Sorgen.

Natürlich stehe ich auch sonst für Gespräche, Beratung und Besuche zur Verfügung. Ich denke aber auch, dass wir über die sich hier stellenden Fragen nicht nur als sich individuell stellende Fragen nachdenken müssen, sondern auch strukturell. Also beispielsweise dazu, was Pfarramt heute bedeutet. Und ich bin deshalb sehr froh, dass das Personaldezernat an dieser Thematik ganz dicht und konzentriert arbeitet.

Wo kommen Sie zur Ruhe?
Kühnbaum-Schmidt:
Sehnsuchtsort für mich persönlich ist immer das Meer. Sei es Nord- oder Ostsee. In diesem Jahr fahren wir wieder an die Ostsee. Schon der Weg dorthin – dieses Mal zum Mönchgut auf Rügen – bringt für mich den ersten Abstand.

Und was genießen Sie im Ostseeurlaub besonders?
Kühnbaum-Schmidt:
Strandspaziergänge, im Meer baden, Fahrradfahren, Lesen. Und ich genieße es sehr, wenn ich mit meinem Mann ganz klassisch und auch ein bisschen kitschig den Sonnenuntergang am Strand erleben kann. Wenn wir dort an einem lauen Sommerabend noch ein Glas Wein zusammen trinken, dann ist das ein perfekter Tag. Da bin ich furchtbar romantisch.

Bleibt denn das Handy auch zu Hause?
Kühnbaum-Schmidt:
Das Handy kommt mit. Aber ich vertraue darauf, dass es genug Gegenden gibt, wo man kaum Empfang hat.

Kristina Kühnbaum-Schmidt stammt aus Sickte bei Braunschweig. Nach ihrem Theologiestudium hat sie als Vikarin und Pfarrerin in Braunschweig gearbeitet. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte sie im November 2012 zur Regional­bischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.
Seit Mai 2013 ist sie Pröpstin der sieben Südthüringer Kirchenkreise der EKM und damit die einzige Frau in dieser Position. Außerdem ist sie Mitglied der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Sprecherin beim Wort zum Tag »Augenblick mal« im MDR.
Kristina Kühnbaum-Schmidt ist verheiratet und hat eine Tochter.

Auf der falschen Spur

21. Juli 2017 von redaktionguh  
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Zwischenbilanz des Reformationsjubiläums: In Thüringen läuft es besser als erwartet. »Im Gegensatz zu Wittenberg, wo vor allem die religiöse Botschaft Luthers vermittelt werde, visiere man eine breitere Zielgruppe an«, ließ sich Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Linke) zitieren.

Es ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich im Reformationsjubiläum ihres Glaubens wegen engagieren. Für die, die Luthers Ansichten verbreiten, diskutieren und ins Hier und Jetzt übertragen wollen. Die Oberbürgermeisterin aus Luthers »lieber Stadt« dagegen feiert die geistliche Inhaltslosigkeit, weil die Zahlen dafürsprechen.

Und so passt es auch perfekt ins Konzept, dass hier über 30 000! Besucher auf Luthers Spuren wandern werden. Dass die Wanderer rein physisch zwischen Georgenkirche, seiner damaligen Lateinschule und dem Haus seiner Verwandten, Frau Cotta, auch mal genau da langlaufen, wo Luther einst als 15-Jähriger langlief, ist höchst wahrscheinlich. Doch auf Luthers geistige und geistliche Spuren werden die Wanderer nur am Rande geführt. Dass es städtisches Kalkül ist, wissen wir nun, aber warum hat die Kirche dem wenig entgegenzusetzen? Es sind Ferien und es gab in diesem Jahr schon genug zu tun, lauten mögliche Erklärungsversuche.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitierte in ihrer Bilanz zum Reformationsjubiläum den Münchner Theologen Friedrich Wilhelm Graf mit den Worten: »Ich kann nicht erkennen, was die Kirche mit dem Reformationsjubiläum eigentlich will.« Wenn über 30 000 Menschen zum Wandern auf Luthers Spuren nach Eisenach kommen, sollte die Kirche mehr Spuren seiner reformatorischen Botschaften gelegt haben als zwei ökumenische Gottesdienste, Konzerte und offene Kirchen.

Mirjam Petermann

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