Vom »Extremismus der Mitte«

19. Dezember 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Erfurter Diskussionsrunde suchte nach den Hintergründen des rechtsextremen Untergrunds.

Man spricht von Rechtsextremismus – und unterstellt damit zugleich, die Mitte sei normal. Dass dem bei Weitem nicht so ist, wurde am vergangenen Mittwoch in Erfurt deutlich. Der frühere Professor für politische Erwachsenenbildung an den Universitäten Marburg und Duisburg-Essen, Klaus Ahlheim, referierte und diskutierte auf Einladung der Evangelischen Erwachsenenbildung.

© DVA Sachbuch (München)

© DVA Sachbuch (München)


»Sarrazin und der Extremismus der Mitte – Hintergründe für den Untergrund« war die Veranstaltung überschrieben. Ahlheim redet nicht nur – wie so viele – über Sarrazin, er hat das Buch des früheren Berliner SPD-Senators und Bundesbankvorstandes auch gründlich gelesen. Und kommt zu vernichtenden Urteilen:

Sarrazins Thesen von der genetischen Unterschiedlichkeit der Menschen, Rassen und Völker führe unweigerlich zur Ausgrenzung und zur Eugenik im Sinne völkischer und nationalsozialistischer Rassenhygiene. Hinzu komme, dass Sarrazin sich bei seiner Argumentation zwar durchaus der Fakten empirischer Forschung bediene und damit seinen Gedanken den Anschein des Seriösen gebe. Zugleich aber nehme er eine äußerst selektive Wertung dieser Fakten vor, um seine Thesen zu stützen.

Dass der umtriebige »Aufreger« aber in so weiten Bevölkerungskreisen als einer wahrgenommen wird, der sich endlich getraue, die Wahrheit zu sagen, verweist für Ahlhelm auf ein grundlegendes Problem: In der sogenannten Mitte der Gesellschaft sind inzwischen Thesen und Meinungen populär geworden, die eindeutig aus dem rechten Milieu stammen. So sehr, dass inzwischen vom »Extremismus der Mitte« gesprochen werden müsse.

Die Mitdisputanten Rüdiger Bender (Universität Erfurt) und Aribert Rothe (Thüringer Erwachsenenbildung) verwiesen dazu etwa auf die ­Ergebnisse des Thüringen-Monitors, der seit zehn Jahren rechtsextreme Einstellungen kontinuierlich und repräsentativ untersucht.

Zwar befürworteten im Jahr 2011 nur 14 Prozent der Bevölkerung eine Diktatur als die bessere Staatsform. Zugleich aber empfinden rund zwei Drittel, dass zu viel Pluralismus schädlich für die Demokratie sei. Und obwohl es in Thüringen vergleichsweise wenig Ausländer gibt, sind 56 Prozent der Überzeugung, dass die Bundesrepublik »durch die vielen Ausländer in ­einem gefährlichen Maße überfremdet« ist.

»Die Leute distanzieren sich von rechten Gruppen, aber sie nehmen deren Argumente auf und stimmen ihren Aussagen zu«, wie Klaus Ahlheim konstatiert. So wie einst auch die judenfeindliche und nationalistische Propaganda der Nazis weithin die grundsätzliche Zustimmung der sogenannten »Mitte der Gesellschaft« und damit der gesellschaftlichen Mehrheit fand.

Schade, dass es an dem Abend kaum zu einem wirklichen Gespräch zwischen den anwesenden, zaghaften Sympathisanten Sarrazins und der sich mehrheitlich »links« gebenden Mehrheit der Besucher kam, dass manche Kritik arg schulmeisterlich abgebügelt wurde. So richtig und wichtig klare Aussagen und Argumente sind – der Kampf um die »Herzen der Mitte« ist nicht mit »linker« Rechthaberei und vorschnellen Unterstellungen zu gewinnen.

Harald Krille

Es ist vollbracht!

19. Dezember 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen

Kirchengemeinde und Stadt feierten Abschluss der Außensanierung an der Jenaer Stadtkirche St. Michael.
 

Mit Spannung wurde in der Jenaer Bevölkerung die Enthüllung des Brautportals an der Stadtkirche St. Michael erwartet, das nun wieder in seiner mittelalterlichen Farbfassung erstrahlt. Foto: Jürgen Scheere

Mit Spannung wurde in der Jenaer Bevölkerung die Enthüllung des Brautportals an der Stadtkirche St. Michael erwartet, das nun wieder in seiner mittelalterlichen Farbfassung erstrahlt. Foto: Jürgen Scheere


Schätzungsweise 1.000 Jenaer kamen am Nachmittag des 3. Advents, um das Aufsetzen der Wetterfahne und die Enthüllung des Brautportals an ihrer Stadtkirche St. Michael miterleben zu können. Die nun abgeschlossene Außensanierung des Gotteshauses kostete insgesamt 11,3 Millionen Euro, die in den zurückliegenden 13 Jahren aufzubringen waren. Der Kirchbauverein sammelte hierfür allein 600.000 Euro. Für den letzten der drei Bauabschnitte, die ­Sanierung des Brautportals, waren 1,6 Millionen vonnöten, die zu 92 Prozent aus EU-Mitteln und zu 8 Prozent aus städtischen Zuschüssen kamen.
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Franz von Falkenhausen, der Vorsitzende des Kirchbauvereins Jena, dankte all denen in Land und Stadt, die den Bau finanziell sowie in ­Bauplanung und Bauausführung unterstützten. Staatssekretärin Marion Eich-Born vom Thüringer Bauministerium überbrachte Grüße von Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht.

Mit einem Autodrehkran wurde ­danach die über 1,5 Meter hohe Wetterfahne auf das Dach des Chores ­gehoben. Vom Chefarchitekten der Sanierungsarbeiten Wolfgang Deurer entworfen, stellt sie den Erzengel Michael, den Schutzpatron von Stadtkirche und Universitätsstadt, dar.

Oberbürgermeister Albrecht Schröter brachte seine Freude zum Ausdruck, dass mit der Fertigstellung des Brautportals das Gotteshaus sein »schönstes Außenstück« wieder hat und nun für jedermann einladend ist. Bevor die Plane weggeschwenkt wurde, gab Hendrik Romstedt, der Verantwortliche für die Restaurierung des Portals, Einblicke in seine Arbeit.

So sei unter einer bis zu 25 Millimeter dicken Umweltschmutzschicht viel originale Bausubstanz zutage gekommen. Dabei sei man auf mittelalter­liche Farbfassungen in Eisenoxit-Rot und ein darunter liegendes Blei-Weiß gestoßen. Diese monochrome Farblasur konnte am gesamten Brautportal wiederhergestellt werden.
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Es war ein bewegender Moment, als der Blick darauf freigegeben wurde und die Besucher sich von dessen Schönheit überzeugen konnten. Mit einem gemeinsamem Vaterunser und Segen endete das Treffen. Die meisten Besucher ließen sich noch zum anschließenden Empfang in die ­Stadtkirche einladen, die sie nun durch die weit geöffneten Türen des Brautportals betraten.

Traugott Keßler

Flüchtlinge oder Global Player?

4. November 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Foto: Wolfgang Swietek

Foto: Wolfgang Swietek


 
Erinnert: Jüdisches Leben im mittelalterlichen Thüringen

Die einzigartige Bedeutung des Schatzfundes, der in der Erfurter Alten Synagoge zu besichtigen ist, liegt darin, dass die Silberbecher, Broschen, Ringe und Gewandschließen uns zu zeigen vermögen, wie Jüdinnen und Juden der Oberschicht in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelebt haben. Modische Vorlieben und der Stil einer Zeit werden anschaulich. Denn vom jüdischen Leben im Thüringen des Mittelalters wissen wir sonst vorwiegend aus schriftlichen Quellen.

Namensnennungen in Urkunden sind sogar Anhaltspunkte für die ­früheste Ansiedlung von Juden. Für Gotha etwa ist erst durch das Zeugnis eines Judenpogroms 1303 belegt, dass es eine jüdische Gemeinde in der Stadt gab. Doch bereits 1235 wird in Köln ein Jakobus aus Gotha und seine Ehefrau Jutta nachgewiesen. Auch aus Weimar stammende Juden lassen sich zu Beginn des 14. Jahrhunderts nur an anderen Orten nachweisen, so 1327 in Würzburg ein Abraham von Weimar.

Einige der mittelalterlichen jüdischen Familien sind also vielleicht recht »mobil« gewesen. Für Erfurt, wo die über den Thüringer Wald von Nürnberg, Bamberg oder Würzburg kommenden Passwege auf die Via Regia trafen, jene mittelalterliche West-Ost-Magistrale, die Paris und andere Zentren im Westen mit den wichtigsten osteuropäischen Handelsplätzen bis hin nach Kiew verband, ist deutlich, dass Juden in der Durchführung oder Finanzierung von Handelsgeschäften aktiv waren. So waren sie wesentlicher wirtschaftlicher und geistig-kultureller Faktor der Stadt.

Jene Blütezeit fand am 21. März 1349 ein jähes Ende. Die Juden Erfurts wurden ermordet, die Stadt eignete sich die Grundstücke und Besitztümer ihrer ehemaligen jüdischen Bürger an, die Synagoge wurde verkauft. Da die Schwarze Pest, die zu verbreiten man den Juden vorwarf, erst ein Jahr später ausbrach, liegt der Verdacht nahe, dass die Stadtverwaltung und Kaufleute im Rat ihre Schulden durch das Pogrom tilgen wollten.

Interessant ist, dass der Erzbischof von Mainz als Schutzherr der Erfurter Juden sich nun seinerseits um Einkünfte aus den Schutzgeldern an ihn geprellt sah. So siedelten sich auf seine Veranlassung bereits 1354 wieder jüdische Familien, vor allem aus Schlesien und Böhmen, an. Die zweite Gemeinde entwickelte sich sogar zu noch größerer, überregionaler Bedeutung.

Die Erfurter Historikerin Dr. Maike Lämmerhirt hat in einer umfassenden Studie über die Juden in den wettinischen Herrschaftsgebieten beispielhaft die Geschichte der Großfamilie der Golda von Braunau verfolgt, die von Breslau kommend sich in Weißenfels und Erfurt niederließ. Auch sie kam als Kreditgeber an den Adel und den Landesherrn zu Wohlstand. Pikant ist, dass ein Großteil dieser Kredite nur deshalb überliefert ist, weil sie zunächst nicht zurückgezahlt wurden. Deutlich zeigt sich die Abhängigkeit der Juden von ihren Kreditnehmern. Solche wirtschaftlichen Zusammenhänge führten letztlich nur 100 Jahre später zur endgültigen Vertreibung der Juden aus Thüringen – für lange Zeit.

Ricklef Münnich

Im Rahmen der 19. Tage der jüdisch-israelischen Kultur in Thüringen, die noch bis zum 13. November andauern, hält Maike Lämmerhirt den Vortrag »Jüdisches Leben im mittelalterlichen Thüringen« bei jeweils freiem Eintritt und um 19 Uhr am
• 7. November in den Rosensälen der Universität Jena, Fürstengraben 27,
• 9. November im Literaturmuseum Baumbachhaus, Burggasse 22, in Meiningen,
• 10. November im Stadtmuseum Gera, Museumsplatz 1.

Transparenz gefordert

8. Oktober 2010 von redaktionguh  
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Diskussion um Thüringer Schulgesetz geht weiter.

Der Sprecher des Arbeitskreises freier Schulträger in Thüringen, Winfried Weinrich, formulierte klar: »Wir erwarten eine Gleichbehandlung von freien und öffentlichen Schulen.« Das derzeitige Soll-Kosten-Modell des Bildungsministeriums sei nicht transparent, kritisierten die Schulträger auf einer Pressekonferenz am 4. Oktober in Erfurt.

Planungssicherheit, wie Staatssekretär Roland Merten vergangene Woche versicherte, sehen die freien Schulträger nicht. So kenne man zwar die Von-Hundert-Sätze, jedoch nicht, was das in Euro bedeute.

Die Finanzierung pro Schüler soll von 85 auf 80 Prozent gegenüber staatlichen Schulen gekürzt werden. Aber, so der Vorsitzende der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland, Marco Eberl, dieser Prozentsatz müsse im Gesetz verankert sein. Nach jetzigem Stand könne das Land je nach Kassenlage über die Zuschüsse jährlich verhandeln. Die freien Schulen erhalten diese für Personal- und Sachkosten. Für die Erhaltung ihrer Gebäude sind die Träger allein verantwortlich, anders als öffentliche.

Einige Schärfen, so Weinrich, seien im Zuge des Anhörungsverfahrens jedoch inzwischen gemildert. So gäbe es für freie Schulen nun doch keine »Landeskinderklausel«, nach der nur Thüringer Kinder an freien Schulen hätten aufgenommen werden können. Das hätte die Existenz von Einrichtungen an den Ländergrenzen bedroht. Zu klären sei die Förderung von Neugründungen. Bisher wurden Schulen von anerkannten Trägern von Anfang an gefördert. Nun sollten sie erst drei Jahre ihre Förderfähigkeit unter Beweis stellen. Das könne nicht akzeptiert werden. Ein nächster Gesprächstermin im Ministerium sei jedoch zugesagt.

Im Interview mit der Kirchenzeitung hatte Minister Christoph Matschie Einsparungen angemahnt. »Eine Aufforderung, bei den Kosten zu sparen, ist auch eine Aufforderung, die Lehrergehälter zu kürzen«, betonte dagegen Marco Eberl. »Das kommt für uns nicht infrage.« Andere Bundesländer zahlen keine Tariflöhne. Deshalb sei ein Vergleich hier nicht möglich. Es müsse ein nachvollziehbarer Rechnungsweg vorgelegt werden, damit das ab 2011 gültige Gesetz kein »Schulverhinderungsgesetz« wird. Denn – so Eberl: »Ein freies Land braucht freie Schulen.«

Dietlind Steinhöfel

Entsetzen über Kürzungspläne

13. August 2010 von redaktionguh  
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Thüringer Bildungsministerium will weniger für freie Schulen zahlen.

Die Novelle des Gesetzes über Schulen in freier Trägerschaft hat das Thüringer Kabinett im ­ersten Durchgang passiert, informierte das Bildungsministerium am späten Dienstagnachmittag. Minister Christoph Matschie (SPD) bekräftigte noch einmal: »Für den Landeshaushalt 2011 muss alles auf den Prüfstand. Dazu 821180_shearsgehören auch die Ausgaben für die Schulen in freier Trägerschaft.« Nach Angaben seines Ministeriums würden pro Schüler Fördersätze gezahlt, die über dem Bundesdurchschnitt liegen. »Mit 5.178 Euro pro Schüler nimmt Thüringen bei Regelschulen einen Spitzenplatz ein.«

Dass die Kosten in den einzelnen Bundesländern nicht vergleichbar sind, hatte der Bildungsdezernent der EKM, Christhard Wagner, bereits vor einigen Wochen bei einem Hintergrundgespräch in Erfurt geäußert. Die Parameter, die der Berechnung zugrunde liegen, seien zu unterschiedlich. Auf Nachfrage der Kirchenzeitung im Ministerium, wie denn der Vergleich zwischen freien Trägern und staatlichen Schulen innerhalb des Freistaates sei, informierte Pressesprecher Gerd Schwinger: Im Durchschnitt erhielten die Schulen in freier Trägerschaft pro Schüler 85 Prozent des Zuschusses.

Die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland reagierte entsetzt auf die Kürzungspläne. »Bildungsgerechtigkeit zeigt sich auch daran, dass Kinder an freien Schulen die gleichen Bedingungen haben wie an staatlichen«, sagte Marco Eberl, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Schulstiftung. Als Trägerin von 17 Schulen mit 2.900 Schülern will die Stiftung Kürzungen zu Lasten der Schulqualität vermeiden, zumal gerade im evangelischen Bereich auf integrative Bildung Wert gelegt wird. Da ist eine intensive Betreuung notwendig. Eine Anhebung des Schulgeldes leiste einer sozialen Entmischung Vorschub.

»Ich erwarte, dass es jetzt ein Gespräch gibt«, betonte Eberl. »Wir haben noch keine Informationen über konkrete Zahlen und von den Kürzungsabsichten aus der Zeitung erfahren. Außerdem habe ich vor, den Bildungsminister einzuladen, damit er sich unsere Schulen und ihre Konzepte mal ansieht. Ich erwarte, dass aus dem aktuellen Prozess der Zeitdruck rausgenommen wird, damit wir in Ruhe mit den Schulen schauen können, welche Konsequenzen wir ziehen müssen. Zeitdruck kann für alle Beteiligten nicht gut sein. Immerhin stehen 20  Jahre erfolgreiche Schulentwicklung auf dem Spiel.«

Dietlind Steinhöfel

Glockenton in Schullandschaft

30. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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So wie für Pia beginnt für viele Kinder nun die Schule. Einige werden sogar die ersten Lernenden in einer neu ­gegründeten Einrichtung sein. Foto: BilderBox.com

So wie für Pia beginnt für viele Kinder nun die Schule. Einige werden sogar die ersten Lernenden in einer neu ­gegründeten Einrichtung sein. Foto: BilderBox.com


Bildung: Im neuen Schuljahr gehen in Thüringen drei weitere evangelische Schulen an den Start

Die Schule direkt neben der Kirche und der Kantor zugleich Lehrer – so eng, wie sich historische Bildungspolitik hier dokumentiert, wird die Verbindung nie mehr werden. Doch schaut man auf die Schulneugründungen, hat christliche Werteerziehung wieder Konjunktur.

Das hätte ich mir nie träumen lassen«, gesteht die Apoldaer Superintendentin Bärbel Hertel, »dass ich mal eine Schule gründe!« Wahrhaftig: Am ersten Sonnabend im August werden die Glocken in Apolda ein neues Stück Schulgeschichte einläuten. Dann feiern Bärbel Hertel, die 29-jährige Schulleiterin Heike Pilz, immens viele engagierte Eltern und natürlich die Kinder in der Lutherkirche Gottesdienst, weil die erste evangelische Grundschule in ihrem Kirchenkreis den Betrieb aufnimmt.

»Vor etwa zwei Jahren gab es erste Überlegungen«, erinnert sich Superintendentin Hertel, in deren Büro viele ­Fäden zusammenliefen. »Bei der Veranstaltung im Stadthaus dann im Frühjahr 2009 herrschte regelrechter Trubel.« Flugs gründete sich ein Förderverein, Konzepte wurden geschrieben. »Die Eltern waren hoch motiviert und dabei keineswegs unbedingt Mitglieder der Kirchengemeinde. Aber plötzlich stand die Internetseite, jemand entwarf ein Logo, dieser kannte noch jenen …«

Und so beziehen Lisann, Clara, Bernhard und die anderen 16 Kinder aus der 1. Klasse am 7. August ihren Klassenraum in der Apoldaer Bergschu­le, in der sie Tür an Tür mit den Apoldaer Gymnasiasten lernen werden. Freilich ein wenig anders: »Gebundene Ganztagsschule« nennt das kleine Team sein Konzept. Drei Mal in der Woche erstrecken sich Schulangebote über den ganzen Tag, der übliche 45-Minuten-Takt des Unterrichts wird aufgehoben zugunsten sogenannter Blöcke, in denen die Kinder später auch altersgemischt in Lerngruppen und an Projekten arbeiten, Exkursionen unternehmen, ihrem eigenen Rhythmus und Tempo folgen dürfen und ihre Schule nicht nur als Lern-, sondern als Lebensort wahrnehmen.

Ein Konzept, wie es sich ganz ähnlich in Sömmerda liest. Auch hier ergriffen Eltern im Gemeindezentrum die Initiative, aus der heraus die Evangelische Grundschule Sömmerda gegründet wurde. 14 kleine Sömmerdaer und Kinder aus der Umgebung sind mit dem Schuljahresstart Schulleiterin Cornelia Schäfer und ihrem Team anvertraut, das neben dem reformpädagogischen auch seinen integrativen Ansatz hervorhebt – fünf der Kinder werden voraussichtlich einer besonderen Förderung bedürfen. Was beide Schulen mit »christlicher Verantwortung und Erziehung« meinen, erfahren die Schulanfänger gleich am ersten Schultag: Nicht mit dem Klingelzeichen und vielleicht Stramm-in-der-Bank-Stehen beginnt er, sondern mit dem täglichen Morgensingen.

»Viele Eltern wollen vorrangig eine christliche Werteerziehung«, beobachtet Marco Eberl, Vorsitzender der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland, die die beiden neuen Grundschulen trägt. Umso bemerkenswerter sei das, da in Thüringen etwa die Hälfte der Kinder an evangelischen Schulen aus atheistischen Elternhäusern stamme. Dass gerade die Grundschulen so im Kommen sind, hat für Marco Eberl mit einem enormen Nachholebedarf zu tun: »Im Bereich der Freien Schulen ist Deutschland ein Entwicklungsland.« Knapp 9,5 Prozent der Schüler lernen in Thüringen an Freien Schulen, bundesweit sind es sogar nur 7,8 Prozent.

Zum Vergleich: In den Niederlanden gehen 76 Prozent und selbst in Großbritannien 40 Prozent der Schüler an nichtstaatliche Schulen. Umso erfreulicher ist für den  Stiftungsvorsitzenden, dass sich zu den beiden Thüringer Neugründungen mit diesem Schuljahr noch eine dritte gesellt: das Evangelische Gymnasium in Meiningen.

Zehn Grund-, zwei Regelschulen und fünf Gymnasien trägt damit allein in Thüringen die Schulstiftung. Grenzen einer solchen Entwicklung allerdings setzt der Freistaat per Finanzierung. »Und da gibt es teils immer noch die typisch deutsche Perspektive: Schule muss der Staat machen.« Schwierig sei es oft, geeignete Gebäude zu finden.

»Dennoch ist diese Bewegung für mich eine Art kulturelle Rekonstruktion«, erklärt Marco Eberl, »ein Stück Wiederbelebung von Christentum im Alltag, von dem wir einen Teil hier verloren hatten.«

Eine wunderbare Bestätigung seiner Worte nennt Superintendentin Bärbel Hertel: »Schon drei Kinder aus unserer neuen ersten Klasse in Apolda sind jetzt zur Taufe angemeldet!«

Kathrin Schanze

Musik, Tanz und Besinnung

1. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Die Musiker suchen Ruhe vor dem Auftritt, die Festival-Gäste eher am Abend nach Musik und Tanz. Da sind Taizé-Gebete um Mitternacht ein guter Ausgleich. Foto: Andreas Abendroth

Die Musiker suchen Ruhe vor dem Auftritt, die Festival-Gäste eher am Abend nach Musik und Tanz. Da sind Taizé-Gebete um Mitternacht ein guter Ausgleich. Foto: Andreas Abendroth


Kirche beteiligt sich mit eigenen Angeboten am Rudolstädter Tanz- und Folkfestival.

Wenn sich ab Freitag (2. Juli) Tausende Musikbegeisterte zum 20. Tanz- und Folkfestival in Rudolstadt (TFF) treffen, öffnet wie alle Jahre auch die evangelische Stadtkirche St. Andreas ihre Pforten. Mit elf Konzerten, Gottesdienst und Kirchencafé beteiligt sich die Kirchengemeinde am größten Folk-Roots-Weltmusik-Festival in Deutschland.

»Die Kirche ist von Anfang an mit eigenen Beträgen dabei«, sagt Pfarrer Johannes-Martin Weiss. Die Festival-Bewegung komme aus der bürgerbewegten Zeit 1989/90. Die offene Jugendarbeit der Kirche habe daran großen Anteil gehabt, war doch damals die Kirche einer der wenigen öffent­lichen Räume, wo auch »subversive« Musik gespielt wurde. In Ermangelung eigener Bühnen standen ihre Räume für das Folkfestival offen.

In den letzten Jahren ist das TFF ­expandiert. Über 80 Gruppen aus 30 Ländern werden in den drei Juli-Tagen auftreten.
»Insgesamt haben wir in diesem Jahr über 1.000 Künstler vor Ort«, informiert Petra Rottschalk, Fachdienstleiterin für Kultur in der Stadt und Mitorganisatorin des Festivals. Auch für die evangelische Kirchengemeinde wird es wieder ein Kraftakt. Es sei ein Ausnahmezustand wie Heiligabend, Osternacht oder Pfingsten mit vielen Taufen, meint Pfarrer Weiss. »Da gibt’s für alle Pfarrer Urlaubssperre.«

Der Schwerpunkt des Folkfestivals in Rudolstadt liegt in diesem Jahr bei Äthiopien, der Instrumentenschwerpunkt bei Trompete, und bei den Tänzen wird dem Stepptanz besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Hier gibt es nicht nur zahlreiche Vorführungen sondern auch Workshops, wo die Besucher selbst den Stepptanz lernen können.
Auch die Kirche passt sich diesen Schwerpunkten an. Im traditionellen Kirchenkonzert zur Eröffnung am Freitag wird diesmal Trompete erklingen. Im Tanzfestgottesdienst am Sonntag, 10 Uhr, tritt die Gruppe »Kralytsia« aus der Ukraine auf, die auch geistliche Lieder spielt.

Die Andreaskirche liegt außerhalb des Festivalgeländes, sodass die Besucher auch ohne Eintrittskarte alle Angebote wahrnehmen können. Den ganzen Tag über ist Programm – drei Konzerte am Freitag, fünf am Sonnabend und vier am Sonntag. 200 bis 300 Zuhörer wurden in den vergangenen Jahren gezählt. Bei schlechtem Wetter seien es auch bis 800, sagt Weiss.

Für Freitag- und Sonnabendnacht bereitet die evangelische Jugend zudem Taizé-Gebete vor. Hier kämen bis zu 70 Menschen, die Ruhe und Entspannung suchen. Die Pfarrer sind während des Festes Ansprechpartner für Menschen, die seelsorgerlichen Beistand brauchen. Das würde durchaus genutzt. Die kirchlichen Angebote, so Pfarrer Weiss, hätten einen festen Platz beim Festival und die Kirche sei ein wichtiger Raum im großen Trubel.

Andreas Abendroth

Lebendiges Wasser verbindet

17. Juni 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Werratal-Tag: Breitungen war Gastgeber für eine ganze Region.

Sie entspringt in rund 800 Metern Höhe im Thüringer Schiefergebirge, schlängelt sich in vielen Bögen durch zauberhafte Landschaft in nordwestlicher Richtung, um nach etwa 300 Kilometern und knapp 700 Meter tiefer zusammen mit der Fulda zur Weser zu werden – die Werra, Grenzfluss und ­Lebensader zugleich.

Als Vertreter der Kirchengemeinde Barchfeld war Lucas Weitz mit der gefüllten Taufkanne seiner Heimatgemeinde zum Gottesdienst gekommen. Jörg Bräuning präsentierte nicht nur die Wernshäuser Taufkanne. Mit seiner Flößertracht erinnerte der Kirchenälteste auch an die Flößertradition auf der Werra. Foto: Wolfgang Swietek

Als Vertreter der Kirchengemeinde Barchfeld war Lucas Weitz mit der gefüllten Taufkanne seiner Heimatgemeinde zum Gottesdienst gekommen. Jörg Bräuning präsentierte nicht nur die Wernshäuser Taufkanne. Mit seiner Flößertracht erinnerte der Kirchenälteste auch an die Flößertradition auf der Werra. Foto: Wolfgang Swietek

Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich still und leise. Und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise.« Das beliebte Kirchenlied singen die Besucher während des Gottesdienstes im großen Festzelt an der Salzunger Straße in Breitungen. Mit dieser Begegnung fügten sich die Christen der Werragemeinde nicht nur in das umfangreiche Programm des Werratal-Tages ein, der am vergangenen Wochenende viele Besucher nach Breitungen lockte, auch thematisch nahm der Gottesdienst das Anliegen dieses Treffens auf. »20 Jahre grenzenloses Werratal – Ein Fluss verbindet …« hatten sich die Fluss-Anlieger als Thema gewählt, die aus Thüringen und auch die von »jenseits« der innerdeutschen Grenze.

Berührungsängste kennt man in Breitungen ohnehin nicht und praktischer Sinn kennzeichnet das Zusammenleben. Aus den Ortsteilen Herrenbreitungen, Frauenbreitungen und Altenbreitungen bestehend und auf beiden Flussseiten liegend, gibt es hier beispielsweise seit Jahrhunderten zwei evangelische Kirchengemeinden. Die eine davon in Herrenbreitungen mit Pfarrer Wolfgang Schulte ist Teil der Kirchenprovinz Kurhessen-Waldeck, während die evangelischen Christen von Altenbreitungen und Frauenbreitungen mit Pfarrer Stephan Koch zur einstigen thüringischen Landeskirche, jetzt EKM, gehören. Beim Festgottesdienst feierten sie selbstverständlich gemeinsam.

»Beeindruckend, wie wichtig dieser Fluss für uns Menschen ist. Sein lebendiges Wasser verbindet uns, die wir an den Ufern leben. Gemeinsam feiern wir, aber auch das gleiche Schicksal müssen wir teilen, wenn der Fluss bei Hochwasser über die Ufer tritt«, so Pfarrer Stephan Koch in seiner Predigt. Wasser sei das wichtigste Lebensmittel. »Gott sei Dank leben wir in einem Land«, so Stephan Koch, »in dem wir nur den Hahn aufdrehen müssen, und das Wasser sprudelt.« In vielen Regionen der Welt sei dies jedoch nicht so.

Zugleich erinnerte er an die Geschichte, aus der überliefert sei, wie heftig die eigenen Brunnen als Grundlage allen Lebens verteidigt wurden. Und er spannte den Bogen hin zur liturgischen Bedeutung des Wassers bei der Taufe. »Im Zeichen des Wassers wäscht Gott die Sünde ab«, sagte Pfarrer Stephan Koch.

Mit Taufkannen hatten Vertreter von fünf Kirchengemeinden »lebendiges Werrawasser« mitgebracht, das sie dann symbolhaft in einem Gefäß vereinten, um ihre Gemeinsamkeit zu demonstrieren. Jörg Bräuning (Wernshausen), Dorothea Raatz (Mila), Traude Pfaff (Alten- und Frauenbreitungen), Dieter Leyh (Herrenbreitungen) und Lucas Weitz (Barchfeld) hatten diese Aufgabe im Auftrag ihrer Kirchengemeinden übernommen.

Auch am Sonntagnachmittag waren die Breitunger Christen beim Werratal-Tag präsent und beteiligten sich mit je einem selbstgebauten Gefährt an der Gaudifloßfahrt auf der Werra, setzten sozusagen das Kirchenlied »Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt« ins Bild. Die beiden Pfarrer Wolfgang Schulte und Stephan Koch gingen dabei selbst mit aufs Wasser, hatten als Kapitäne das Steuer fest in der Hand.

Leider listet der Flyer zum Werratal-Tag, der schon Wochen zuvor überall entlang des Flusses in öffentlichen Gebäuden und Touristinformationen auslag, die Aktivitäten der Kirchengemeinden nicht auf. Das Programm am Sonntag beginnt erst um 10 Uhr mit dem Spiel des Puppentheaters Meiningen. Der beeindruckende Festgottesdienst bleibt unerwähnt. Um so erfreulicher, dass trotzdem viele Besucher am Sonntagmorgen den Weg ins Festzelt fanden, um den ganz auf diesen Tag zugeschnittenen Gottesdienst miteinander zu feiern.

Wolfgang Swietek

Päckchen und viel mehr

15. Januar 2010 von redaktionguh  
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Jeden Monat bekommt die Thüringer ­Pfarrerin Rosl Kurzke aus Pleidelsheim das »Mauritius-Blättle« ­geschickt.  So weiß sie, was die Württemberger ­Gemeinde ­gerade ­beschäftigt. (Foto: Maik Schuck)

Jeden Monat bekommt die Thüringer ­Pfarrerin Rosl Kurzke aus Pleidelsheim das »Mauritius-Blättle« ­geschickt. So weiß sie, was die Württemberger ­Gemeinde ­gerade ­beschäftigt. (Foto: Maik Schuck)

Partnerschaft: Seit 60 Jahren gibt es zwischen Württemberg und Thüringen viele Verbindungen

Rund 40 Jahre im geteilten Deutschland und bald 20 Jahre im vereinten Land. Auch eine Partnerschaft wie die zwischen Württemberg und Thüringen kann in die Jahre kommen. Wird sie eine ­Zukunft haben, und können ­Erkenntnisse daraus für andere Verbindungen genutzt werden?

Zwei Pfarrerinnen beschreiben ihre Sicht auf diese kirchliche  Partnerschaft. Rosl Kurzke aus ­Rittersdorf in Thüringen kann auf ­einen großen Schatz persönlicher Erfahrungen zurückgreifen. Die junge ­Stuttgarterin Karoline Rittberger-Klas promovierte über diese besondere ­Beziehung zweier ­Landeskirchen. Im Interview mit M. Ernst Wahl gibt sie Auskunft:

Haben Sie eine Übersicht, wie viele einzelne Partnerschaften es zwischen der württembergischen und der thüringischen Landeskirche, den Gemeinden und Mitgliedern dieser beiden Kirchen gab?

Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas lebt in Stuttgart-Rot. (Foto: Archiv)

Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas lebt in Stuttgart-Rot. (Foto: Archiv)

Rittberger-Klas: Zunächst hatte jede Kirchengemeinde eine Partnergemeinde – zumindest auf dem Papier. Manchmal hatten auch zwei württembergische eine in Thüringen, weil es in Württemberg mehr Gemeinden gab. Auch ein Großteil der diakonischen Einrichtungen und Verbände hatte eine Partnerorganisation. Und dazu gab es unzählbar viele ­Partnerschaften zwischen einzelnen Personen. Auch Angehörige kirchlicher ­Berufsgruppen waren miteinander verbunden. Das System der Partnerschaften war fast flächendeckend durchorga­nisiert. Ab 1949 waren die Landeskirchen einander zugeteilt worden.

Waren das wirklich Partnerschaften oder waren es organisierte Lieferungen von Paketen und Päckchen?
Rittberger-Klas:
Pakete und Päcken waren wichtig. Damit hat es angefangen. Im Westen hat man nach der Gründung der Bundesrepublik und der Währungsreform gesehen, dass die Lage in der sich bildenden DDR länger schlecht sein würde. Man hat im Westen die Verpflichtung gefühlt, die erhaltenen Hilfen nach Kriegsende aus dem Ausland auch anderen zukommen zu lassen. Man sah die sowjetische Besatzungszone als Ziel für die Hilfe.

Gibt es markante Daten, an denen die Entwicklung dieser Partnerschaft ablesbar ist?
Rittberger-Klas:
In den fünfziger Jahren fühlten sich die Menschen im ­Osten und im Westen noch sehr verbunden. Schon damals wurde durch Besuche aus der materiellen Einbahnstraße, die es zunächst war, ein Austausch. Einen Einschnitt bildete die Verordnung der DDR 1954, wonach nur noch Pakete von Privatpersonen an Privatpersonen zum persönlichen Gebrauch erlaubt waren. Das zwang dazu, die Partnerschaften zu personalisieren, denn die Diakonie als ­Organisation durfte nichts mehr verschicken. Mit dem Mauerbau allerdings kam es zu einer Krise wegen der sehr eingeschränkten Reisemöglichkeit. Da sind viele Partnerschaften fast eingeschlafen. Erst mit dem Grundlagenvertrag 1972 gab es wieder einen Aufschwung. Man konnte sich sehen, und auch der inhaltliche Austausch wurde inten­siver. Man wollte etwas über den ­anderen, fremden Teil Deutschlands erfahren.

Lässt sich aus den Erfahrungen dieser Jahrzehnte etwas ableiten, was auch für andere Partnerschaften nützlich ist?
Rittberger-Klas:
Für jede Partnerschaft ist Sensibilität nötig. Es ist ­immer schwierig einseitig materielle Hilfe zu leisten und andererseits geistig oder geistlich auf gleicher Ebene miteinander Austausch zu pflegen. Damit das gelingt, braucht es sehr viel Einfühlungsvermögen und auch Toleranz. Man muss Enttäuschungen hinnehmen können, ohne bitter zu werden. Und man braucht Durchhaltevermögen. Dass es das in den württembergisch-thüringischen Partnerschaften reichlich gab, fasziniert mich.


Gelungene und misslungene Beziehungen – haben sie auf das Verhältnis der beiden deutschen Staaten gewirkt?

Rittberger-Klas: Zunächst einmal glaube ich, dass die vielen Kontakte bei den Beteiligten ein Verständnis für die Situation der anderen Seite gefördert haben. Und das ist etwas, das bis heute wichtig ist. Denn Vorurteile zwischen Ost und West gibt es ja heute auch noch viele. Natürlich gab es zu DDR-Zeiten auch ein Interesse des Staates daran, die Beziehungen zu kanalisieren und – wenn man sie schon nicht unterbinden konnte – dann wenigstens im eigenen Sinne zu nutzen. So konnte ein Besuch ja auch das Bild der DDR positiv verändern. Wer mit der Vorstellung von Hunger und Not in den 1980er Jahren die DDR besuchte, kam mit andern Ansichten zurück. Das Ministerium für Staatssicherheit wusste ziemlich genau, wer mit wem verbunden ist, wer wen trifft und wie die Beziehungen laufen. Die Stasi hat sich verstärkt ab den 1980er Jahren mit den Partnerschaften beschäftigt, als klar wurde, dass in den Kirchen Dinge passieren, die nicht im Sinne des Staates sind.

Lange Tradition gewürdigt

24. Dezember 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Beauftragter für Menschen mit Behinderungen besuchte das Arnstädter Marienstift

Paul Brockhausen umringt von fröhlichen Krippenspielkindern. (Foto: Berit Richter)

Paul Brockhausen umringt von fröhlichen Krippenspielkindern. (Foto: Berit Richter)

Der Thüringer Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Paul Brockhausen, hat am 16. Dezember das Arnstädter Marienstift ­besucht. Nach Gesprächen mit den Leitern verschiedener Arbeitsbereiche besichtigte er die Werkstatt am Kesselbrunn und schaute sich das Krippenspiel in der Himmelfahrtskirche an. Zwei Tage zuvor war mit der Eröffnung des Ersatzneubaus für den Förderbereich der Behindertenwerkstatt das bislang letzte große Bauvorhaben der diakonischen Einrichtung abgeschlossen worden. Damit wurden ideale Voraussetzungen für das Leben von zwölf schwerstbehinderten Menschen geschaffen. Die Investition hierfür betrug eine halbe Million Euro.

Zu den neuen Errungenschaften gehören großzügig gestaltete Arbeitsbereiche, behindertengerechte Sanitäranlagen inklusive einer großen ­Dusche, angepasste Erholungsinseln zum Entspannen und ein Computerraum. Bisher in einem landwirtschaftlichen Gebäude mit niedrigen Decken untergebracht, bieten die neuen Räume bestmögliche Bedingungen. Zum Wohlfühlen werden zukünftig eine große Terrasse und die grüne Umgebung beitragen.

Paul Brockhausen, welcher selbst im Rollstuhl sitzt, bezeichnete die ­Arbeit der Behindertenwerkstätten als eine »Erfolgsgeschichte«. Im Anschluss an die Aufführung des Krippenspiels durch die Bewohner des Heimes im Jonastal brachte er seine Begeisterung zum Ausdruck, »dass Menschen mit Behinderung und Nichtbehinderte so etwas auf die Beine stellen und alle so gut miteinander arbeiten können«.

Das Amt des Thüringer Beauftragten für Menschen mit Behinderungen ist noch jung. Es wurde im August 2004 mit der Absicht geschaffen, Menschen mit Behinderungen einen Ansprechpartner und einen Anwalt ihrer Interessen zur Seite zu stellen. Paul Brockhausen bezeichnete es als seine Aufgabe, »die Anliegen Behinderter innerhalb der Thüringer Landesregierung, aber auch in der Öffentlichkeit zur Geltung zu bringen und konkrete Verbesserungen zu erreichen«. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg sei 2005 das Landesgleichstellungsgesetz gewesen, das die Behörden in Thüringen umfassend zum Abbau von Benachteiligungen und zu Verbesserung der alltäglichen Situation Behinderter verpflichtet.

Gemeinsam mit den Betroffenen gelte es, positive Veränderungen im Leben zu erreichen. Jeder Behinderte müsse lernen, seine Behinderung anzunehmen und mit ihr umzugehen. »Aber auch seine Familie, die Menschen seiner Umgebung« seien dabei in gleicher Weise gefordert.

Sein erster Besuch im vor 105 Jahren gegründeten Marienstift habe dem Ziel gedient, die Bewohner und Mitarbeiter kennenzulernen, »die in einer solch langen Tradition stehen und sich so ihrer Mitmenschen annehmen«.

Michael von Hintzenstern

Kontakt: Dr. Paul Brockhausen, Beauftragter für Menschen mit Behinderungen, W.-Seelenbinder-Straße 6, 99096 Erfurt, Telefon (0361) 37-98761

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