Die blühende Ökumene

19. Februar 2018 von redaktionguh  
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Bundesgartenschau 2021 Kirchen in Erfurt dabei

Der Land- und Gartenbau hat in Thüringens Landeshauptstadt eine lange Tradition. Vor über 150 Jahren gab es dort bereits eine erste Internationale Gartenbauausstellung. Die Kirchen planen jetzt eine Teilnahme bei der Buga2021. Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Leiter des Gemeindedezernats im Landeskirchenamt der EKM gibt Auskunft:

Christian Fuhrmann. Foto: EKM

Christian Fuhrmann. Foto: EKM

Wie will sich die EKM bei der Buga in Erfurt präsentieren?
Fuhrmann:
Die Kirchenpräsenz auf der Buga2021 wird ökumenisch sein. Auf dem Petersberg ist ein Pavillon der Kirchen geplant. Ob es uns gelingen wird, einen Ort der geistlichen Besinnung in direkter Nähe des Ega-Geländes anzubieten, ist noch offen.

Wie ist der aktuelle Stand?
Fuhrmann:
Bunt wie die Blumen ist unsere ökumenische Gemeinschaft. Wir hoffen, dass von dieser manches aufblühen wird. Vertreter aus dem Bistum Erfurt, dem Kirchenkreis Erfurt und der EKM bilden eine Steuerungsgruppe. Im März wird die Stelle der Projektkoordinierung im Augustinerkloster besetz werden.

Welche Bedeutung hat die Gartenschau für die Landeskirche?
Fuhrmann:
Als Christen unterschiedlicher Konfessionen erzählen wir von unserem Glauben. Gott hat uns die Welt zur verantwortlichen Gestaltung anvertraut. Natur begegnet uns heute in Europa fast ausschließlich als »Kulturlandschaft«. Was heißt es, dass wir als Menschen gemeinsam in einer Verantwortungsgemeinschaft für unseren Planeten stehen? Wir wollen alle Gäste der Buga2021 einladen, bei uns etwas zu entdecken. Wir freuen uns aber genauso auf Anregungen und neue Impulse durch unsere Gäste.

Mitteldeutsch-2-07-2018Was versprechen Sie sich vom Engagement und der Dauerpräsenz?
Fuhrmann:
Mit unserer ökumenischen Präsenz sind wir Kirchen auf dem Markt. Eine tolle Chance. Wir sind ein Marktstand unter anderen. Ich glaube, dass die bewusste Gestaltung dieser Situation für uns als Gemeinden im 21. Jahrhundert neue Erfahrungen mit sich bringt.

Wie teuer soll und darf es werden?
Fuhrmann:
Wir gehen von bis zu 450 000 Euro Gesamtkosten aus. Das Geld kommt aus unterschiedlichen Quellen. Als EKM sparen wir unseren Anteil über Jahre an. Für die Reformationsdekade mit dem Festjahr 2017 war es uns gelungen, unseren Anteil realistisch zu planen und zu steuern. Es war kein zusätzlicher Griff in Rücklagen nötig. Das wird uns hoffentlich wieder gelingen.

Die Fragen stellte Willi Wild.

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Gegen das Vergessen

13. Februar 2018 von redaktionguh  
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Was sich aus dem Gedächtnis verliert, existiert nicht mehr im Bewusstsein. Genau da setzt der »Arbeitskreis gegen das Vergessen« an, der im süd-thüringischen Bibra seinen Sitz hat und kürzlich den Werner-Sylten-Preis erhielt.

Als die Bibraer für den Sommer 1992 die 500-Jahrfeier der Grundsteinlegung ihrer Sankt-Leo-Kirche vorbereiteten, war sehr schnell klar, dass der Fokus nicht allein auf den drei berühmten Schnitzaltären von Tillmann Riemenschneider liegen kann. Schließlich sind Kirchen- und Ortsgeschichte eng miteinander verbunden. »Etwa 300 Jahre haben jüdische Menschen ganz selbstverständlich zu Bibra gehört«, sagt Michael Schlauraff, seit 2016 Pfarrer in Bibra.

In sein Amtszimmer sind an diesem Nachmittag Dagmar Winkel, Lehrerin für Deutsch und Religion an der Gesamtschule Grabfeld, und das Ehepaar Floßmann gekommen. Sie gehören zum harten Kern des »Arbeitskreises gegen das Vergessen«, der sich 2005 bildete und dessen ehrenamtliche Arbeit von etwa 50 Freunden aus nah und fern unterstützt wird. »Hier in diesem Raum spielte der evangelische Pfarrer Baumann mit dem jüdischen Lehrer Höxter Schach und gemeinsam lasen sie das Alte Testament in Deutsch und Hebräisch, bis Pfarrer Baumann zwangsversetzt wurde und der im Dorf so beliebte Lehrer 1934 Berufsverbot erhielt. Über viele Stationen kamen schließlich Aaron Höxter und seine Frau Paula im KZ Stutthof bei Danzig ums Leben, Sohn Günter wurde in Auschwitz ermordet«, schildert Hartwig Floßmann nur eines der vielen Schicksale, die er und seine Frau Dimitrana sorgfältig und mit Einfühlungsvermögen recherchierten.

Seit Mai 2007 erinnert ein Gedenkstein vor der Bibraer Burg an die ermordeten Bibraer Juden. Foto: Thomas Schäfer

Seit Mai 2007 erinnert ein Gedenkstein vor der Bibraer Burg an die ermordeten Bibraer Juden. Foto: Thomas Schäfer

Ein Blick zurück in die Geschichte: Die Freiherren von Bibra, seit über 900 Jahren hier ansässig, nutzten nach dem Dreißigjährigen Krieg die Möglichkeit, Juden in ihrem Herrschaftsbereich anzusiedeln. Diese »Schutzjuden« durften an zugewiesenen Orten leben und arbeiten, mussten dafür aber Abgaben leisten. Dies war der Beginn eines regen, sich gut entwickelnden jüdischen Lebens in Südthüringen, von dem einige steinerne Zeugen erhalten blieben. Verteilt im Dorf gab es eine Synagoge samt Schulstube und Lehrerwohnung, eine Mikwe sowie jüdische Metzgereien. Die Verstorbenen brachte man auf den jüdischen Friedhof ins nahe Bauerbach. Die Israelitische Kultusgemeinde Bibra sei schließlich am 2. März 1943 mit der Verschleppung von Oskar Meyer endgültig vernichtet worden. Auch wenn es manche Hilfeleistung gab, verhinderten letztlich Angst und Ausweglosigkeit den offenen Widerstand gegen die Tyrannen, beschreibt er die Situation während des Nationalsozialismus im Buch »Juden in Bibra unvergessen«.

Doch nicht nur aus der dunklen Vergangenheit wird hier berichtet. Mit vielen Fotos, Grußworten und Dokumenten hält es die bewegenden Tage im Mai 2007 fest, als die wenigen noch lebenden Bibraer Juden und ihre Nachfahren in die alte Heimat kamen, mit der sie neben all dem Schrecklichen auch die Erinnerung an glückliche Jahre verbanden. Sie reisten aus Argentinien, Großbritannien, Israel und den USA an.

Die Liste der Aktivitäten des Arbeitskreises ist lang: Der Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog, den die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland erstmalig vergab, freut die ehrenamtlich Engagierten sehr. Ist er doch neben der öffentlichen Anerkennung auch mit einer kleinen finanziellen Unterstützung verbunden.

Uta Schäfer

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»Damit sich Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen«

12. Februar 2018 von redaktionguh  
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Der jüdische Professor und die Rechtsextremen: Reinhard Schramm spricht seit vielen Jahren mit Straftätern in der Jugendstrafanstalt.

Der Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr 2000 war der Impuls für den »Thüringen Monitor«: Jenaer Wissenschaftler untersuchen seitdem regelmäßig die politische Kultur im Land. Der These »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns« schloss sich 2017 jeder siebte befragte Thüringer an.

Manche setzen ihre antisemitische Einstellung in Taten um, einige landen letztlich im Gefängnis. Dann sind sie ein Fall für Reinhard Schramm.

Der frühere Professor der Technischen Universität Ilmenau und heutige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen kommt einmal im Monat in die Jugendstrafanstalt des Landes in Arnstadt. Er trifft sich mit Gefangenen, um mit ihnen über seine Familiengeschichte zu sprechen. Darunter sind junge Männer, die auch ihre rechtsextreme Gesinnung hinter Gitter brachte. Die verurteilt wurden, weil sie schlugen oder zündelten.

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Das erste Mal kam Schramm nach dem Anschlag auf die Synagoge. Einer der drei Täter bereute seine Tat. Der Professor traf sich mit ihm, redete mit ihm. Eine Aktion, die nicht allen in der Jüdischen Gemeinde gefiel. Im Gegenteil, manche zweifelten offen am Sinn derartiger Bemühungen.

In diesem Fall zu Unrecht: Schramm bekam später einen Brief des jungen Mannes. Er habe mit dem rechten Zeugs nichts mehr gemein, habe darin gestanden. Ein Zeichen? Ein Ansporn allemal. Seitdem geht der 73-Jährige regelmäßig in den Knast. Monat für Monat, »außer im Sommer«, sagt er und lacht.

Reinhard Schramm lacht gern. Er ist von ansteckender Fröhlichkeit, seine blauen Augen blitzen, wenn er einen Scherz macht. Doch sie werden sehr ernst, wenn er seine Lebensgeschichte erzählt.

Die jüdische Mutter überlebt, weil sich ihr nichtjüdischer Mann nicht scheiden lässt. Er selbst wird 1944 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Die ersten Monate seines Lebens verbringt er bis zum Kriegsende mit seiner Mutter im Versteck. Außer den beiden werden alle jüdischen Familienmitglieder umgebracht.

Seine Mutter will nach dem Krieg nur noch weg, in den neuen Staat der Juden. Doch Reinhard bekommt Keuchhusten. Im Krankenhaus sorgen sich die Ärzte mit Hingabe um ihn. Er wird wieder gesund. Später erfährt er, die gleichen Ärzte haben in der Nazizeit einem anderen jüdischen Kind die Behandlung verweigert: Bernd Wolfson starb an einer vereiterten Mittelohrentzündung.

Es sind Geschichten wie diese, die seine Zuhörer schlucken lassen. Er setzt sie bewusst ein. Es sind wahre Geschichten, seine Erlebnisse. Sie erzählen davon, wie im NS-Deutschland Nachbarn zu Fremden wurden, der Wert der Juden in den Augen vieler Deutscher von Tag zu Tag sank. »Bis wir nur noch Ungeziefer waren, das man zertreten kann«, setzt Schramm den Schlusspunkt. Dies soll sich nie wiederholen. Deshalb geht er regelmäßig in den Knast.

Schramm ist Ingenieur, kein Träumer. Doch er hofft, dass er mit der Geschichte seines Lebens und seiner Familie bei den jungen Leuten mehr erreichen kann als tumbe Sprücheklopfer. Meist seien seine Zuhörer interessiert, sagt er, fragten gezielt nach. Für fast zwei Stunden können sie seiner Wahrheit nicht entfliehen.

»Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen.« Das ist einer der Sätze, die er gern benutzt. Doch es geht ihm nicht nur um Historie, um die große Welt. Reinhard Schramm kommt auch als Vater. Denn sein Sohn saß selbst im Gefängnis. Zum Ende der DDR machte er aus seiner Meinung über den Arbeiter-und-Bauern-Staat keinen Hehl. Offen sprach er davon, das Land bei der erstbesten Gelegenheit zu verlassen, arbeitete wohl auch aktiv an einem Plan dazu. Der SED-Obrigkeit wurde das zu viel. Sie sperrte ihn kurzerhand ein. Reinhard Schramm hat die Monate seines Kindes im Gefängnis nicht vergessen. Wie die Zeit in der Zelle seinen Jungen veränderte, ihm mit jedem Tag mehr den Lebensmut nahm. Wie der Sohn begann nachzudenken, ob das alles noch Sinn für ihn habe. »Eine schlimme Zeit«, erinnert sich der Vater. Auch deswegen geht er jeden Monat aufs Neue in das Jugendgefängnis. Das bringt ihm immer noch Skepsis, aber auch Anerkennung ein.

»Ich kenne seine Initiative seit dem Brandanschlag und bewundere seine Ruhe und Konsequenz, mit der er sich diesen Gesprächen stellt«, sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Er sei beeindruckt davon, wie Schramm immer wieder auf Menschen zugehe, bei denen er unterstellen müsse, dass diese bei einer nächtlichen Begegnung eher Angst auslösen würden. »So baut er Ängste auf beiden Seiten ab«, meint der Regierungschef. Und fügt noch an: »Mehr davon wäre wünschenswert.«

Dirk Löhr  (epd)

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Großer Andrang bei der Schaustellergemeinde

29. Januar 2018 von redaktionguh  
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Foto: Ute Otto

Foto: Ute Otto

Der EKM-Schaustellerpfarrer Conrad Herold taufte am 13. Januar in Elster, einem Ortsteil der Stadt Zahna-Elster in der Nähe der Lutherstadt Wittenberg, 23 Kinder von Schaustellern. Die Mädchen und Jungen waren zwischen sechs Monaten bis zu 14 Jahren alt. »Vier der älteren Kinder habe ich auch konfirmiert«, so Herold. Zu dem Gottesdienst kamen rund 300 Besucher.

Wie oft Herold, der seit dem Jahr 2010 Circus- und Schaustellerseelsorger der EKM ist, mit seiner weit verstreut lebenden Gemeinde Gottesdienste mit Kasualien feiert, hängt von der Nachfrage ab. »Für dieses Jahr sind schon drei Silberhochzeiten angemeldet«, sagt er. Im vorigen Jahr traute er drei Paare, taufte 13 Kinder und konfirmierte elf Jugendliche. Neben dieser Aufgabe hält Herold, der in Erfurt lebt, Gottesdienste in Kirchengemeinden in der Thüringer Landeshauptstadt oder übernimmt Vertretungen.

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Bildung und Versöhnung

29. Januar 2018 von redaktionguh  
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Gera: Startschuss für Ökumenische Akademie

Ein neues ökumenisches Projekt geht in diesen Tagen in Gera an den Start: An diesem Sonntag, 28. Januar, wird in der Kirche St. Marien um 17 Uhr Pfarrer Frank Hiddemann als Leiter der »Ökumenischen Akademie Gera« eingeführt. Beginn für die praktische Arbeit des neuen Bildungsprojekts ist Anfang Februar. Zu seiner Realisierung haben sich insgesamt fünf Träger zusammengeschlossen: Die Diako Thüringen gGmbH, die Evangelische Erwachsenenbildung Thüringen, die evangelischen Kirchenkreise Altenburger Land und Gera sowie das katholische Dekanat Gera tragen gemeinsam die halbe Stelle für Hiddemann, der daneben als Gemeindepfarrer in Gera tätig bleibt.

Ebenso ambitioniert wie die Trägerschaft ist das Programm der neuen Akademie. So will Hiddemann ab April in einer siebenteiligen Reihe unter dem Titel »Deutschland zuerst?« Fachleute und Politiker, darunter auch Vertreter der AfD, zu drängenden gesellschaftlichen Problemen befragen. »Wir können nicht auf Dauer rund ein Drittel der Bevölkerung ausgrenzen, wir müssen miteinander ins Gespräch kommen«, betont Hiddemann gegenüber der Kirchenzeitung. Dazu sei es auch notwendig, sich in Grauzonen zu begeben. Wichtig sei, dass diese Gespräche im kirchlichen Raum stattfinden und Argumente dabei einem Faktencheck unterzogen werden. »Versöhnung braucht zur Zeit riskante politische Debatten«, schreibt Hiddemann im Veranstaltungsprogramm.

Ein ganz anderes Format soll sich dem Thema »Christen in Nahost« widmen. Im Rahmen von »kulinarisch-liturgischen Nachmittagen« sind dabei Begegnungen mit Christinnen und Christen aus dem Orient geplant. Und in einer »Akademie am Vormittag« stehen Rentnerinnen und Rentner und ihre Erfahrungen mit dem Ruhestand im Mittelpunkt. Im ersten Vortrag im Februar geht es beispielsweise um die Frage »How to survive the Ruhestand? (Wie überlebe ich den Ruhestand – d. Red.) Vom Chefarzt zum Kulturmanager«.

Glaubenskurse und Angebote zu geführten Radtouren und Wanderungen gehören ebenso zum Programm der Akademie.

(G+H)

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Luther in 360 Grad

18. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Thüringer Tourismus setzt auf Geschichte und virtuelle Realität

Roboterarm Kuka nimmt auf eine virtuelle Reise durch Thüringen mit. Über die ausgewählten Orte werden Filme gezeigt. Im Hintergrund Martin Luther als Pappkamerad, der auf die Smartphone-App »Luther to go« verweist. Fotos: Willi Wild

Roboterarm Kuka nimmt auf eine virtuelle Reise durch Thüringen mit. Über die ausgewählten Orte werden Filme gezeigt. Im Hintergrund Martin Luther als Pappkamerad, der auf die Smartphone-App »Luther to go« verweist. Fotos: Willi Wild

In Erfurt ist die virtuelle Erlebniswelt »360 Grad – Thüringen Digital Entdecken« gestartet. Besucher erwartet in den Räumlichkeiten der Touristinformation direkt am Hauptbahnhof ein Thüringen-Erlebnis aus Klang, Raum und Bild, so die Geschäftsführerin der landeseigenen Tourismusgesellschaft TTG Bärbel Grönegres. Ein interaktives Thüringen-Modell unter anderem mit Roboter-Guide und Thementouren präsentiert Natur, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Leben im Freistaat. Dabei spielen auch die vielen Kirchen, sowie die Kirchengeschichte eine Rolle. Reformator Martin Luther kann man sich beispielsweise über die App »Luther to go« nähern. »Mit der virtuellen Erlebniswelt wollen wir dieses Konzept für Thüringen nutzen und so auch in der Vermarktung neue Wege gehen«, erklärte Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD). Ziel sei es, die touristischen Angebote stärker an den Wünschen »des heute anspruchsvolleren Publikums auszurichten und Reisemotive zu schaffen«, fügte er hinzu. Für die Einrichtung der Erlebniswelt inklusive des Umbaus der alten Touristinformation habe sein Haus etwa eine Million Euro zur Verfügung gestellt.

Kopfkino: Mit Videobrille und Kopfhörer können Besucher im Erlebnisraum am Erfurter Hauptbahnhof auch Luther und die Wartburg räumlich entdecken.

Kopfkino: Mit Videobrille und Kopfhörer können Besucher im Erlebnisraum am Erfurter Hauptbahnhof auch Luther und die Wartburg räumlich entdecken.

Drei thematische Räume bilden die digitale Erlebniswelt. Herzstück ist der wie eine Waldlichtung gestaltete Raum »die Lichtung«. Hier führt ein Roboter mit den Thementouren »Orte mit Aura«, »Thüringer blau«, »Mit allen Sinnen« und »Leben und Arbeiten in Thüringen« durch den Freistaat. Im Raum »Weitblick« können Besucher in bequemen Sesseln Platz nehmen und Thüringen virtuell »360 Grad« entdecken. Der offene Raum »Der gute Rat« bietet zudem traditionelle Beratung und Information durch Broschüren und Karten sowie einen Multi-Touch-Tisch mit Informationen zu Ausflugs­zielen, Gastronomie und Übernachtungsmöglichkeiten.

(epd/G+H)

www.thueringen-entdecken.de

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Immer erreichbar

10. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Telefonseelsorge in Ostthüringen jetzt in Trägerschaft der Diakonie

Für viele ist Weihnachten ein Fest der Freude, für einen zunehmenden Kreis von Menschen ein Fest, das Angst macht – Angst, vor dem Alleinsein, vor dem Gefühl der Verlassenheit. Einsamkeit ist ein großes Thema in der Telefonseelsorge, das größte überhaupt. In unserer hoch entwickelten Gesellschaft gerät eine zunehmende Zahl von Mitbürgern durch fordernde Berufe, Partnerlosigkeit und den Verlust des Arbeitsplatzes in die Isolation. Vor allem an freien Tagen wird die ganze Tragweite emotional spürbar. Dann ist es gut, wenn jemand da ist, der zuhört und versteht.

Einsamkeit ist lebensbedrohend

»In der Telefonseelsorge können Menschen aussprechen, was sie sonst nicht sagen können«, erzählt Sophie Voss, Leiterin der Einrichtung. Neben Einsamkeit lösen vor allem körperliche und psychische Krankheiten, familiäre Konflikte und Pensionierung Ängste aus, dass die Betroffenen froh sind, die kostenlose Beratung anrufen zu können. »Das Suizidrisiko bei den Alleinlebenden ist viermal so hoch wie bei Menschen in Beziehung«, erklärt Voss die Situation. Nicht nur einmal konnten die Berater bei einem Telefonat so weit helfen und das Selbstvertrauen stärken, dass die Anrufer den Weg zurück ins Leben
fanden.

Foto: bluedesign – stock.adobe.com

Foto: bluedesign – stock.adobe.com

In der Telefonseelsorge, die in Trägerschaft der Diakonie agiert, beraten 40 Ehrenamtliche rund um die Uhr Anrufer, die in Not geraten sind. Oft hilft ihnen schon die Kontaktaufnahme, dass sich von der Seele reden der unterschiedlichsten Probleme. Am Telefon wird ihnen Aufmerksamkeit entgegengebracht, sie erfahren Beistand und können von einem anderen Standpunkt über die Frage nachdenken, wie sie aus der Situation herauskommen. Der Blick wird nach vorn gerichtet auf die Zukunft. Das ist oft mehr, als die Betroffenen erwarten.

Die Seelsorger am Telefon müssen emotional stabil sein, sich auf unterschiedlichste Menschen einlassen können und dürfen an ihrer Aufgabe nicht zerbrechen. Vorher werden sie für die Aufgabe geschult und durch regelmäßige Supervision geschützt. Die Telefonseelsorge verfügt über ein jahrelang gewachsenes Netz mit Fachleuten, die die Arbeit schätzen.

Sorgen kann man teilen

Für Sophie Voss ist die Einrichtung Herzenssache. Seit die Diakonie die Trägerschaft zum 1. Juli übernommen hat, leitet sie die Telefonseelsorge Ostthüringen mit Standorten in Jena und Gera. Während ihres Studiums in Rostock hat die diplomierte Theologin  sowohl eine kleine Mediatoren- als auch eine Notfallseelsorgerausbildung absolviert und behinderte Kinder und Jugendliche betreut. Nach ihrer Ankunft in Jena vor acht Jahren kam noch eine Hospizbegleiterausbildung dazu. Schließlich engagierte sie sich für soziale Belange als Grünen-Stadträtin im Jenaer Parlament, war Sozialausschussvorsitzende. Von diesen Funktionen ist sie zurückgetreten, hat sich ganz und gar auf das Seelsorgerische konzentriert. »Ich wollte schon immer in diese Richtung. Hier wird Beistand geleistet aus christlicher Nächstenliebe. Ich bin davon ausgegangen, der Nestbereiter für Seelsorger zu sein«, antwortet Voss auf die Frage, warum sie sich für die Stelle beworben hat. Unterstützt von einer Mitarbeiterin organisiert sie die Weiterbildung für die Ehrenamtlichen, sorgt sich um deren Wohlbefinden, um die Raumausstattung und Finanzen. Um beide Standorte optimal zu betreuen, ist sie immer unterwegs, ihr Büro trägt sie auf dem Rücken. Neben der Hotline kümmert sich die Telefonseelsorge um tabuisierte Themen wie Suizid.

Text und Foto: Doris Weilandt

Telefonseelsorge (0 800) 111 0 111

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Gemeinsam neue Wege gehen

27. November 2017 von redaktionguh  
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Jüdisch-Israelische Kulturtage werden 2018 gemeinsam mit »Achava« ausgerichtet

Mit einem Paukenschlag endeten die 25. Tage der Jüdisch-Israelischen Kultur in Thüringen: Das Festival wird im kommenden Jahr neu ausgerichtet und bekommt einen Mitveranstalter. Der Förderverein für jüdisch-israelische Kultur unter Vorsitz von Pfarrer i. R. Ricklef Münnich wird 2018 erstmals mit den Achava-Festspielen unter Leitung von Martin Kranz zusammenarbeiten.

Hintergrund ist das Zerwürfnis zwischen dem Förderverein und der von ihm angestellten Projektmanagerin Caroline Fischer. »Sie hat sehr gute Arbeit geleistet. Wir hätten das gerne fortgesetzt«, betont Vereinsvorstand Ricklef Münnich und ergänzt: »Aber nach unseren Vorgaben.« Zwischen Verein und Projektmanagerin hatte es Auseinandersetzungen um Ausrichtung und Gestalt des Festivals gegeben.

Caroline Fischer wollte das Festival größer machen, mit mehr Veranstaltungen als den jetzigen 162 in 17 Thüringer Städten. Sie hält das Konzept eines Trägervereins für überholt, lieber wollte sie das »Netzwerk für jüdisches Leben« stärker einbeziehen.

Selbstkritisch merkt der Verein an, dass das Programm bislang auch einem Veranstaltungskalender glich, in den Lesungen oder Theaterproduktionen aufgenommen werden, ohne dass diese tatsächlich für die Kulturtage konzipiert worden sind. Der Verein ist unsicher, ob er mehr eigene Veranstaltungen überhaupt schultern kann und will. Und er hält an der bisherigen Struktur fest.

Mehrere Angebote, auch 2018 als Projektmanagerin zu arbeiten, hat Caroline Fischer abgelehnt, schildert Ricklef Münnich. »Am 8. November sagte sie endgültig ab«, bedauert der Vereinsvorsitzende. Und er erfährt, dass die Angestellte bereits Fördergelder für die Kulturtage 2018 beantragt hat, im Namen des Netzwerks für jüdisches Leben. »Frau Fischer hat unser Vertrauen missbraucht«, sagt Ricklef Münnich. Caroline Fischer entgegnet: Der Antrag sei keine Geheimaktion, sie habe seit Februar um Gespräche zur konzeptionellen Neuausrichtung gebeten.

Seit einiger Zeit stand seitens des Vereins eine Zusammenarbeit mit den Achava-Festspielen zur Debatte. Vereinsvorstand Münnich wollte im neuen Jahr dazu erste Schritte gehen. Nachdem nun das Tischtuch mit Fischer zerschnitten ist, kommt alles schneller: Achava-Mitbegründer und Intendant Martin Kranz schloss mit dem Förderverein für jüdisch-israelische Kultur vor wenigen Tagen einen Kooperationsvertrag. »Achava übernimmt Verantwortung, auch finanziell«, sagt Kranz.

Vielfalt jüdischen Lebens: Theaterstücke, Lesungen, Musik und Führungen wie etwa durch die Alte Synagoge Erfurts (Foto) gehörten zum umfangreichen Programm der 25. Tage der Jüdisch-Israelischen Kultur. Foto: epd-bild

Vielfalt jüdischen Lebens: Theaterstücke, Lesungen, Musik und Führungen wie etwa durch die Alte Synagoge Erfurts (Foto) gehörten zum umfangreichen Programm der 25. Tage der Jüdisch-Israelischen Kultur. Foto: epd-bild

Beide Festivals bleiben bestehen und schärfen ihre Profile. Achava (hebräisch für Brüderlichkeit) ist interkulturell und interreligiös geprägt, es ist eine Einladung, gemeinsam über Fragen der Gegenwart nachzudenken. Den roten Faden der Jüdisch-Israelischen Kulturtage 2018 geben indes drei Jahrestage vor: 70 Jahre Staatsgründung Israels, 75 Jahre Aufstand im Warschauer Ghetto und 80 Jahre Pogromnacht. Achava-Intendant Martin Kranz verspricht, dass die Kulturtage weiterhin mit ihrer Veranstaltungsbreite und Regionalität punkten. »Gleichzeitig wollen wir die Kernidee und die Qualität garantieren«, so Kranz. Statt viele Programmpunkte anderer Vereine, Initiativen und Häuser einfach zu übernehmen, setze man selbst Schwerpunkte. So sind eigenkonzipierte Veranstaltungsreihen geplant, die durch den Freistaat touren. Auch deshalb soll das Netzwerk für jüdisches Leben ausgebaut und vor allem strukturiert werden, sagt Vereinschef Münnich.

Die Jüdische Landesgemeinde Thüringen mit ihren rund 800 Mitgliedern begrüßt die Zusammenarbeit zwischen Jüdisch-Israelischen Kulturtagen und Achava. »Die Festivals sind ganz wesentlich, nicht nur um die Lücke zu schließen, die der Nationalsozialismus gerissen hat, sondern vor allem als Beitrag zu einer lebendigen jüdischen Kultur in Thüringen«, sagt Vorsitzender Reinhard Schramm.

Katja Schmidtke

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Denkwege zu Luther

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Jugendbildungsprojekt der Reformationsdekade beendet


Sie sollten eine Verbindung schaffen zwischen den Problemstellungen der Reformationszeit und dem, was junge Menschen heute umtreibt. Die »Denkwege zu Luther« waren das einzige Jugendbildungsprojekt der Lutherdekade in ganz Deutschland. Am vergangenen Freitag fand die letzte Präsentation in der Eisenacher Nikolaikirche statt.

Dafür kamen Gymnasiasten aus Bayern und Thüringen in den Tagen zuvor in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg zusammen, um sich gemeinsam dem Motto »Entscheide dich! Die Qual der Wahl – Schwierigkeiten mit der Freiheit« zu stellen. Ihnen wurde Zeit und Raum gegeben um über ihre Lebenserfahrungen zu reden, die der anderen zu verstehen und eigene Texte zu verfassen.

Philosophische Fragerunde: Ehrliche Antworten von Unterstützern ihres Projektes erhielten die Schüler aus Gotha und Coburg. Foto: Mirjam Petermann

Philosophische Fragerunde: Ehrliche Antworten von Unterstützern ihres Projektes erhielten die Schüler aus Gotha und Coburg. Foto: Mirjam Petermann

Die Resultate ihrer Gedankengänge präsentierten die Schülerinnen und Schüler vor einem kleinem Publikum – ihren Mitschülern und ausgewählten Gästen, die allesamt Unterstützer und Verbündete des Projekts waren. »Wer bin ich?«, »Wer will ich sein?«, »Bin ich frei?«; das waren Einstiegsfragen einer Gruppe von Elf- und Zwölf-Klässlern, die sie zu Martin Luthers Zitat »Nur wer sich entscheidet, existiert« führte. Weiter gingen ihre philosophischen Betrachtungen mit der Frage, was unsere Entscheidungen prägt, wie es um Luthers Entscheidungen stand und wie sie persönlich überhaupt sinnvoll Entscheidungen treffen können – beispielsweise die Berufswahl – ohne überhaupt alle Folgen erahnen zu können. Die Quintessenz ihres gedanklichen Diskurses lautete schließlich: »Wir sind frei in Entscheidungen, aber gezwungen sie zu treffen.«

Bereits seit drei Jahren kooperieren das Ernestinum Gotha und das Casimirianum Coburg im Rahmen der Denkwege als »Ost-West-Tandem-Projekt«, um gemeinsam voneinander zu lernen. Dreimal trafen sich dabei, zumeist wechselnde, Schülerinnen und Schüler zu einer Projektwoche. Das bundesweite Jugendbildungsprojekt »Denkwege zu Luther« wurde von den Evangelischen Akademien Sachsen-Anhalt und Thüringen zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums in der Lutherdekade 2009 gestartet. In philosophischen und theologischen Gesprächen, durch kulturell-künstlerische Themenzugänge, beim thematischen Geocaching oder in Musik- und Schreibwerkstätten erschlossen sich Jugendliche Grundfragen der religiösen Dimension menschlichen Daseins und erarbeiten sich ein Grundverständnis für den bis heute wirkungsvollen historischen Aufbruch der Reformationszeit. Seit dem Projektbeginn wurden 430 Seminartage mit insgesamt 3 400 Jugendlichen und 2 100 Multi­plikatoren realisiert. Ab 2011 konnte das Projekt in größeren Dimensionen umgesetzt werden, da es seitdem von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wurde.

»Es war ein Leuchtturmprojekt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), mit dem wir uns oft geschmückt haben«, sagte die Projektleiterin der Lutherdekade Christiane Schulz nach den Projektvorstellungen der Schüler am Freitag in Eisenach. Da die Förderung im Dezember 2017 endet, wird das Projekt seine Arbeit einstellen. Ähnliche Jugendbildungsprojekte soll es dennoch auch in Zukunft in der EKM geben.

Mirjam Petermann

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Damit der Himmel offen bleibt

9. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Begegnungsort: Von der Ruine zur Sonnenkirche, die Peter-und-Paul-Kirche in Neunheilingen

Gospel-Konzert, Astrid-Lindgren-Lesenachmittage für Kinder, Adventsmärkte und die über den Ort hinaus bekannt-berüchtigte Blechmusik mit dem Paukenschlag – vielfältig und bisweilen unkonventionell sind die Veranstaltungen, die mit schöner Regelmäßigkeit für »volles Haus« in der »Peter-und-Paul-Kirche« in Neunheilingen (Kirchenkreis Mühlhausen) sorgen – wobei der Begriff »Gotteshaus« in diesem Falle nicht ganz treffend ist, fehlt doch dafür ein wichtiger Bestandteil: das Dach.

Anziehungspunkt: Die Sonnenkirche ist ein Magnet für die Neunheilinger Bürger. Nicht nur – wie hier – zum »Luther­sommer«. Foto: Anke Pfannstiel

Anziehungspunkt: Die Sonnenkirche ist ein Magnet für die Neunheilinger Bürger. Nicht nur – wie hier – zum »Luther­sommer«. Foto: Anke Pfannstiel

Seit vier Jahrzehnten schon ist »Peter und Paul« eine Ruine. Zwar mangelte es nicht am Willen der Bewohner, den Verfall der Kirche zu stoppen. Doch widrige Umstände der Zeit und nicht zuletzt die Tatsache, dass es mit der kleinen Friedhofskapelle noch einen anderen nutzbaren Raum gibt, besiegelten – vorläufig – ihr Schicksal: 1976 musste die Gemeinde das Dach abnehmen lassen und einen Teil des Inventars, unter anderem den Altar, verkaufen.

Doch weil die Neunheilinger »Peter und Paul« dennoch nie ganz aufgaben, sollte der letzte Gottesdienst unterm Kirchendach zur Konfirmation im Jahr 1968 nicht der letzte gewesen sein:

30 Jahre später, am 31. Mai 1998, um 14 Uhr, feierte die Gemeinde hier erstmals wieder Pfingstgottesdienst. Statt über steinernen Fußboden liefen die Menschen nun über frisch gemähtes Gras, das Jugendliche ein Jahr zuvor ausgesät hatten. Und der Blick nach oben endet nicht am Deckengewölbe, sondern geht unversperrt gen Himmel.

Es ist dieses besondere Ambiente, das neben dem Engagement der Neunheilinger dafür sorgt, dass »Peter und Paul« eine Wiederbelebung als »Sonnenkirche« erfährt. Doch das, was die Sonnenkirche so besonders macht, ist zugleich ihre größte Bedrohung: Wind und Wetter nagen ungehindert an ihrer verbliebenen Substanz. Das Mauerwerk, das seit dem Deckenabriss freiliegt, nimmt zusehends Schaden.

Doch dieses Mal wollen die Neunheilinger den weiteren Verfall verhindern, gründeten deshalb im Jahr 2014 den Verein »Sonnenkirche«. Über 30 Mitglieder fanden sich rasch zusammen; von Anfang 30 bis 80 sind alle Altersklassen vertreten, verschiedenste Berufsgruppen und Einstellungen zum christlichen Glauben ebenso. Was sie eint, ist der Wunsch, »Peter und Paul« zu bewahren, weil die Kirche zum Dorf und dessen Geschichte gehört.

Die Idee, die sie für die »Sonnenkirche« entwickelten, soll zwei Aspekte verbinden: Der Charakter der Offenheit, die Durchlässigkeit nach oben, soll trotz schützender Elemente erhalten bleiben, zugleich die Energie der Sonne genutzt werden. Eine Überdachung mit Sonnenkollektoren schwebt ihnen vor.

Die Möglichkeit, die Ideen als Projekt der »Internationalen Bauausstellung Thüringen« (IBA) zu konkretisieren und voranzubringen, ergibt sich nicht, weil andere Vorhaben den Zuschlag erhalten haben. Arbeiten von Architektur-Studenten der Fachhochschule Erfurt, die mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) erstellt wurden, lieferten interessante Anregungen. Einen Durchbruch können auch sie nicht bringen. »Uns als Verein hat all das nicht entmutigt, sondern eher noch mehr zusammengeschweißt«, sagt der Sonnenkirchen-Vorsitzende Raimund Schmidt.

So sind sie weiterhin frohen Mutes, ihre Sonnenkirche voranzubringen und für die Nachwelt zu bewahren – und für den Weg dahin haben sie noch reichlich Ideen und Tatendrang im Gepäck, um »Peter und Paul« das zu geben, was sie verdient: Ein vielfältiges Gemeindeleben, geteiltes Leid und vor allem frohe gemeinsame Stunden mit Blick in den Himmel.

Anke Pfannstiel

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