Paradies im Sperrgebiet

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Bad Colberg: Vor der Wende nur mit einer Sondererlaubnis erreichbar, zieht der Kurort im südlichen Thüringen heute zahlreiche Gäste an. Mit der restaurierten Kirche St. Katharina ist er nun um ein Glanzstück reicher.

Bad Colberg dürfte der unbekannteste Kurort Thüringens sein. Wer den ausgewiesenen Weg von der A 73 nimmt, kommt zunächst im Freistaat Bayern an und greift irritiert zur Landkarte. Der malerische Ort ist Coburg viel näher als Hildburghausen. Diese Halbinsellage im äußersten Süden prägte und ließ während der Zeit der innerdeutschen Teilung das Leben anders gehen und hinterließ Narben. Unmittelbar hinter einigen Häusern verlief die Selbstschussanlage der Grenze.

Wunderschön ist hier die Landschaft. Kurbetrieb gibt es seit 1910. Die moderne Terrassentherme der Median-Klinik mit ihren warmen Mineralquellen bietet Badefreude für jedermann. Einige der schmucken Fachwerkhäuser haben Ferienwohnungen, und das Deutsche Burgenmuseum auf der Veste Heldburg (2016 eröffnet) sorgt für überregionale Aufmerksamkeit.

Ein »Paradies von sieben mal neun Metern«: So nannte Superintendent Johannes Haak die Bad Colberger Kirche in seiner Festpredigt zur Wiedereinweihung. Foto: Thomas Schäfer

Ein »Paradies von sieben mal neun Metern«: So nannte Superintendent Johannes Haak die Bad Colberger Kirche in seiner Festpredigt zur Wiedereinweihung. Foto: Thomas Schäfer

Seit dem vergangenen Wochenende hat sich nun ganz offiziell ein weiteres lohnendes Ziel hinzugesellt: die St. Katharina Kirche in Bad Colberg. Superintendent Johannes Haak nannte sie in seiner Festpredigt am 29. September zum Abschluss der Restaurierungsarbeiten ein »Paradies von sieben mal neun Metern«. Aus der Wegkapelle, erstmalig 1528 erwähnt, wird im 17. und 18. Jahrhundert eine kleine Kirche, mal zu den Hennebergern gehörend, mal zu den Wettinern, aber immer wertgeschätztes Gotteshaus einer lebendigen Gemeinde.

Uwe Voit, Kirchenältester seit 2007, fasst es so zusammen: »Unsere Eigenständigkeit ist uns wichtig, damit wir über unser Gemeindeleben auch selbst bestimmen können.« 80 der 127 Einwohner gehören zur evangelischen Kirchengemeinde, Ort und Kirche sind eng verbunden und ehrenamtliche Arbeit ist selbstverständlich. Die permanente Mobilität erschwere jede Organisation, doch die Heimatverbundenheit bleibe. Die Kirmes wird beispielsweise mit allem Drum und Dran gefeiert, es gibt immer ein Krippenspiel, meist auch ein Osterspiel und Feiertage ohne Gottesdienst sind undenkbar.

Seit Pfarrerin Sylvia Graf von Heldburg her sieben Gemeinden zu versorgen hat, ist nur noch aller vier Wochen regulärer Gottesdienst. Dass die Kirche an den Wochenenden geöffnet und mit frischen Blumen geschmückt wird, ist Herzensangelegenheit von Marga Müller und Rosa Ameiß-Becker. »Wo Gottes Wort gepredigt wird, muss der Anblick auch würdig und passend sein«, so ihre Meinung.

Das Engagement der Gemeinde für ihre Kirche schätzt auch Ingo Kronacher vom Kirchenkreis Hildburghausen-Eisfeld. Er half bei der Vorbereitung und Organisation der Kirchenrestaurierung. »Wenn Gemeinden sich kümmern, bin ich gern dabei und unterstütze.« Die ersten restauratorischen Untersuchungen liefen 2007 an, 2014 folgte die Fertigstellung der Bauhülle und zwei Jahre später die Innenrestaurierung, für die gut 27 000 Euro zusammengetragen werden mussten. Geholfen haben neben kirchlichen und staatlichen Stellen auch viele Einzelspender. Zu ihnen gehört jetzt auch Lothar Hoffmann. Der Tierarzt aus Heldburg überraschte die Gemeinde am Einweihungstag spontan mit 700 Euro. Er wolle damit als Jagdpächter den Colbergern für ihr Vertrauen danken und helfen, Kirchen als »Zeichen unseres Glaubens und unserer Lebensart« zu erhalten.

Uta Schäfer

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Ein Weg, der sich lohnt

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Pilgerroute auf den Spuren Luthers in Sachsen-Anhalt besteht seit zehn Jahren

Als sich der Landwirt Wolf von Bila aus Wohlsdorf bei Köthen am 25. August 2006 mit einer Idee an die Landeskirche Anhalts wandte, war nicht abzusehen, was daraus werden würde. Sein Vorschlag lautete, die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg durch einen Pilgerweg zu verbinden. Einen Monat später gab es das erste Planungstreffen in seinem Haus. Vertreter von Kirchen, Kommunen und Tourismusverbänden ließen sich von der Idee anstecken. Zwei Jahre später wurde der Lutherweg durch Sachsen-Anhalt eingeweiht. Er war der erste auf den Spuren des Reformators überhaupt. Heute ist er ein Wegenetz, das sich durch sechs Bundesländer zieht.

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Zum zehnjährigen Bestehen des Lutherweges Sachsen-Anhalt würdigte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ihn als touristisches und spirituelles Projekt. »Die Idee, Luthers zahlreiche Wege nachzuzeichnen und Pilger ebenso wie Wanderer zu bedeutenden Orten der Reformation in Sachsen-Anhalt zu führen, ist aufgegangen«, sagte er einem Festakt am 4. Oktober in Kemberg bei Wittenberg. »Ich bin froh, dass der Lutherweg auch nach dem Reformationsjubiläum 2017 weiter besteht und bestehen wird. Vor diesem Hintergrund ist das zehnjährige Jubiläum ein wichtiger Zwischenschritt«, so Haseloff, der auch Schirmherr des Lutherweges in Sachsen-Anhalt ist.

Der Lutherweg Sachsen-Anhalt war am 28. März 2008 in Höhnstedt nahe der Lutherstadt Eisleben von Vertretern aus Kirche, Tourismus, Politik und von Verbänden eingeweiht worden. Er verbindet im Sinne seines Erfinders auf dem Rundkurs die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg. Im Norden verläuft er durch Anhalt, im Süden durch Halle an der Saale. 2017 wurde eine zusätzliche Strecke von Zerbst nach Magdeburg aufgenommen.

Hinter Eisleben führt der Weg, der insgesamt rund 460 Kilometer lang ist, nach Mansfeld-Lutherstadt und weiter in Richtung Thüringen. Nach und nach kamen weitere Lutherwege in Thüringen, Sachsen, Bayern, Hessen und zuletzt in Brandenburg dazu. Als Dachorganisation sichert die Deutsche Lutherweg-Gesellschaft die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Lutherwegen. Zugleich ist sie Trägerin der Koordinationsstelle für den Lutherweg Sachsen-Anhalt, die von Grit Gröbel geleitet wird.

Bei der Jubiläumsfeier erinnerte der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Pfarrer Ekkehard Steinhäuser, an einige Initiatoren des Lutherweges: an den oben genannten, 2012 verstorbenen Wolf von Bila oder den katholischen Pfarrer Willi Kraning. In einem Referat wies Steinhäuser darauf hin, dass Luther das Pilgern mit dem Ziel, dadurch Gottes Gnade zu erreichen, abgelehnt habe. Zugleich gebe es heute aber zahlreiche Gründe für ein »evangelisches Pilgern«, etwa das Erlebnis des gemeinschaftlichen Christseins. »Außerdem kann man beim Pilgern seinen Problemen nicht weglaufen, man ist sich selbst näher und kann auch Gott besser zuhören.«

Steinhäuser würdigte in einem Gespräch mit der Kirchenzeitung auch die Arbeit der ehrenamtlichen Weg-Pfleger, von denen bei der Feier in Kemberg einige ausgezeichnet wurden. Für die Zukunft des Weges wünscht er, dass es immer wieder und immer mehr Menschen gibt, die nach dem Pilgern mit dem Gefühl innerer Zufriedenheit nach Hause zurückkehren und sagen: Ja, das Pilgern tut gut.

(G+H)

www.lutherweg.de

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Ein Retter seiner Heimatkirche

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Porträt: Er hat in vielen Kirchen als Künstler und Restaurator seine Spuren hinterlassen. Dafür wurde am 2. Oktober der Maler und Grafiker Gert Weber mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Unter dem Motto »Kultur verbindet!« überreichte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Vorabend des »Tages der Deutschen Einheit« im Schloss Bellevue die hohe Ehrung des Verdienstordens an 13 Frauen und 16 Männer aus Deutschland, Frankreich, Israel, der Schweiz und den Vereinigten Staaten von Amerika. Er betonte ihre Verdienste und ihr kulturpolitisches Engagement.

Zu den Ausgezeichneten gehören der Komiker Otto Waalkes, der Fotograf Jim Rakete, der Maler Neo Rauch, der Sprecher Christian Brückner und der Filmkomponist Hans Zimmer (»König der Löwen«) ebenso wie die Regisseurin Caroline Link, die Sängerin und Musikproduzentin Annette Humpe, die Schauspielerin Julia Jentsch (»Hannah Arendt«) und die Bratschistin Tabea Zimmermann. Dass er einmal in einer Reihe mit all diesen Prominenten stehen würde, hätte er sich zu DDR-Zeiten nicht vorstellen können. Damals geriet er immer wieder in Konflikt mit dem »real existierenden Sozialismus« und wurde in seiner künstlerischen Entwicklung eingeschränkt. Er freut sich aber auch, dass unter den früheren Preisträgern Erich Loest und Reiner Kunze zu finden sind, denen er sich besonders verbunden fühlt.

Arbeit in luftiger Höhe: Mehr als zwei Jahrhunderte musste die barocke St.-Crucis-Kirche in Wölfis (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ohne ein Deckenbild auskommen. 2007 verhalf ihr Gert Weber mit dem »Kreuzweg« zu einem zum Patronat passenden Gemälde. Foto: privat

Arbeit in luftiger Höhe: Mehr als zwei Jahrhunderte musste die barocke St.-Crucis-Kirche in Wölfis (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ohne ein Deckenbild auskommen. 2007 verhalf ihr Gert Weber mit dem »Kreuzweg« zu einem zum Patronat passenden Gemälde. Foto: privat

Mit der Verleihung des Verdienstordens an Gert Weber (67) wird die von ihm initiierte und von 1986 bis 1991 durchgeführte Restaurierung der Dreifaltigkeitskirche in seinem Geburtsort Gräfenhain (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) gewürdigt. »Seit den 1980er-Jahren engagiert er sich für dieses sakrale Kleinod, das heute eine der am besten erhaltenen barocken Dorfkirchen Thüringens ist«, heißt es in der Begründung.

Nachdem die Kirche 1991 wieder eingeweiht worden war, habe der engagierte Künstler damit begonnen, sich auch um die Instandsetzung der Orgel zu kümmern. »Sie ist fast 300 Jahre alt und eines der letzten und klangvollsten Originalinstrumente der Bachzeit.« Besonders verdient gemacht habe sich Gert Weber auch durch seine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust: »Das Kunstmuseum der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat eine Dokumentation seiner Arbeiten in ihr internationales Archiv aufgenommen. Gerd Weber hält mit seiner Kunst die Erinnerung wach – an Licht- und Schattenseiten deutscher Vergangenheit«, führte der Bundespräsident weiter aus.

Ich kann mich noch an den jungen Künstler erinnern, der Mitte der 1970er-Jahre im Evangelischen Gemeindezentrum von Herrenhof ein Wandbild mit dem Fischzug des Petrus gestaltet hatte. Das war in jener Zeit, in der er besonders von dem in Friedrichroda lebenden Maler Werner Schubert-Deister (1921–1991) gefördert wurde, der ihm von 1974 bis 1976 das Rüstzeug für das externe Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig vermittelte. Die Mitarbeit im Atelier des Malers, der 1986 in die Bundesrepublik auswanderte, prägte sein künstlerisches Werk nachhaltig. Er war sein großer Lehrmeister!

Seine erste Ausstellung hatte Weber 1980 im Schloss Ehrenstein in Ohrdruf. Zu den frühen Arbeiten gehört ein Wandbild (Stahlrelief) im Anna-Luisen-Stift Bad Blankenburg (1980). Von 1982 bis 1984 arbeitete er am Bauernkriegs-Panoramagemälde von Werner Tübke in Bad Frankenhausen mit. 1984 erfolgte der Ausschluss aus dem Verband Bildender Künstler der DDR mit Ausstellungsverbot, welches 1986 durch den Einsatz namhafter Kollegen aufgehoben wurde. Erst mit der Wende fanden seine Werke ein größeres Publikum.

Neben zahlreichen Ölbildern, Grafiken und Zeichnungen schuf Weber auch die Deckenbilder in den Kirchen zu Reichensachsen (Hessen) und Wölfis (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf). Im letztgenannten Gotteshaus St. Crucis stellte er 2007 den Kreuzweg dar. Für zahlreiche neu gegossene Bronzeglocken gestaltete er Reliefs.

Webers Werke finden sich heute unter anderem im Deutschen Historischen Museum Berlin, im Dommuseum Fulda, in der Universität Leipzig, im Stadtmuseum Düsseldorf sowie in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen. Im Thüringer Landtag gestaltete er 2002 den »Raum der Stille« und in der Evangelischen Grundschule Gotha den Andachtsraum (2003).

Michael von Hintzenstern

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Das letzte Tabu

12. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Auch Sterben ist Lebenszeit. Wie gehen wir um mit Abschied, Tod und Trauer? Von der Notwendigkeit über das Unsagbare zu sprechen.

Es war Februar, als mein Urgroßvater starb. Winterwochen, kalt und dunkel. Warm war nur der Schein der Nachttischlampe in dem sonst sonnenhellen Schlafzimmer. Das kleine Licht brannte bei Tag und in der Nacht. Es brach durch den Türspalt, wenn sie einander abwechselten, die Uroma, meine Großeltern und Eltern. Sie wachten an seinem Bett, hielten seine Hand, bis er die Augen schloss. Ich war neun Jahre alt. Es ist meine erste Erinnerung an den Tod. Und es ist das friedlichste Bild vom Sterben, das ich mir denken kann.

Dennoch: es ist ein idealisiertes, wie Christine Vonderlind weiß. Die Fachärztin für Anästhesie ist Vorsitzende des Thüringer Hospiz- und Palliativverbandes (THPV) und betreut Sterbende auf ihrem letzten Weg. »Die Mehrheit meiner Patienten wünscht sich, zu Hause im Kreise der Angehörigen einzuschlafen. Die Regel ist das aber nicht.« Nach Angaben des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV) sind es tatsächlich etwa 25 Prozent. Gut die Hälfte der Menschen in Deutschland stirbt im Krankenhaus, rund 30 Prozent in einer stationären Pflegeeinrichtung.

Zahlen und Fakten, die den Tod schnell zum statistischen Detail werden lassen. Vom Sterben ganz zu schweigen. Über die letzte Phase, die ein Mensch durchlebt, wenn die Tage zu Ende gehen, wird kaum gesprochen. Woran liegt das? »Nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Gedanken an die eigene Endlichkeit, auch das Sterben selbst braucht Zeit«, erklärt Christine Vonderlind. Und Zeit sei nicht nur im Gesundheitswesen, sondern allgemein eine knappe Ressource.

Wie also Anspruch und Wirklichkeit in Einklang bringen? Und was bedeutet »gutes Sterben« überhaupt? Die Schweizer Theologin und Psychologin Monika Renz ist eine willkommene Fachreferentin, wenn es um die Beantwortung dieser Fragen geht. Erst kürzlich sprach die Leiterin der Psychoonkologie am Schweizer Kantonsspital St. Gallen auf einer Tagung des THPV. Renz geht davon aus, dass Sterbende eine Bewusstseinsveränderung durchlaufen – ein Prozess, der im Sinne eines »guten Sterbens« möglichst ganzheitlich erlebbar werden soll. Als therapeutische Hilfen dienen Renz dabei Traumdeutungen nach C. G. Jung oder sogenannte »Klangreisen«.

»Weil du wichtig bist!«: Das Motto des Welthospiztags am 13. Oktober ist eine Reminiszenz an das Credo der Begründerin der Hospizbewegung, Cicely Saunders, die in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Foto: pexels.com/tookapic

»Weil du wichtig bist!«: Das Motto des Welthospiztags am 13. Oktober ist eine Reminiszenz an das Credo der Begründerin der Hospizbewegung, Cicely Saunders, die in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Foto: pexels.com/tookapic

Christine Vonderlind sieht eine konzeptorientierte Sterbebegleitung, die dem Prozess eine werthaltige Prägung aufdrückt, kritisch. »Mit Absolutismen, die den Sterbeprozess in »gut« und »schlecht« unterteilen, wird man dem Einzelnen nicht gerecht. Für mich ist ein friedliches Sterben eines, das Beziehung zu- und vielleicht sogar wachsen lässt.« Die grundsätzliche Frage sei, so die Medizinerin, wie man menschliche Zuwendung organisieren kann. »Sterbende brauchen Menschen an ihrer Seite, die sie berühren, die greifbar sind. Was zählt, ist echtes Interesse. Zum Ende hin entwickelt der Mensch ein starkes Bewusstsein für Authentizität.«

Das Interesse an ehrenamtlichem Engagement in diesem Bereich ist groß: Laut Anagaben des DHPV unterstützen mehr als 100 000 Menschen deutschlandweit die Arbeit für Schwerstkranke und Sterbende. »Das zeigt doch, dass die Hoffnung besteht, dass Sterben ein Tabu ist, das aufgeweicht werden kann«, so die Ärztin.

2015 trat das Hospiz- und Palliativgesetz für eine verbesserte Versorgung von Menschen in der letzten Lebensphase in Kraft. Heute gibt es in Deutschland rund 1 500 ambulante Hospizdienste, etwa 240 stationäre Hospize sowie mehr als 300 Palliativstationen in Krankenhäusern. Vielerorts bieten Hospizvereine Kurse für ehrenamtliche Sterbebegleitung an. Seit 2014 müssen Medizinstudenten, die ihr Zweites Staatsexamen ablegen, Leistungsnachweise im Fach Schmerz- und Palliativmedizin erbringen.

Gerade aber in der Sterbebegleitung gäbe es immer wieder Situationen, die im besten Wissen nicht so verliefen, wie gewünscht, erzählt Vonderlind. Wie gehen Ärzte, die per Eid geschworen haben, Leben zu retten und Leid zu lindern, damit um, wenn Krankheitsverläufe komplexer werden und die Belastung steigt? »Für mich ist es wichtig zu wissen, dass ich nicht den Part der letzten Instanz annehmen muss«, sagt Christine Vonderlind. »Mein Glaube gibt mir die Gewissheit dazu.«

Beatrix Heinrichs

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Neue Sichtweisen in alten Mauern

20. September 2018 von redaktionguh  
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Pilgerprojekt: Kunst in vier Dorfkirchen um Gera

Auf einer Terrasse über der Flussaue der Weißen Elster liegt die um 1200 errichtete Kirche St. Margareta im Geraer Ortsteil Tinz. Aus der Erbauungszeit ist heute noch das Turmuntergeschoß vorhanden. Es gehört zu den ältesten Bauwerken im Stadtgebiet. Bis 1540 wurden am 13. Juli, dem Margaretentag, Wallfahrten mit Jahrmarkt nach Tinz durchgeführt. Dies endete mit Einführung der Reformation und der Annahme des evangelischen Glaubens durch die reußischen Landesherren.

Nach der Wende ab 1990 vor dem Verfall bewahrt und mit großem Aufwand restauriert, erweist sich das Gotteshaus heute wieder als Wallfahrtsort.

Motiv aus dem Altartriptychon »Gnadenwege« von Sebastian Weise, das in Dorna zu sehen ist. Ohne den Menschen im direkten Abbild zu zeigen, verweisen die Tafeln des Künstlers auf sein Wirken und Verwirken. Foto: Veranstalter

Motiv aus dem Altartriptychon »Gnadenwege« von Sebastian Weise, das in Dorna zu sehen ist. Ohne den Menschen im direkten Abbild zu zeigen, verweisen die Tafeln des Künstlers auf sein Wirken und Verwirken. Foto: Veranstalter

»Nimbus – Pilgern in Gera – Kunst in Kirchen« ist der Titel eines Projektes, das zum zehnten Mal von dem Maler Erik Buchholz in Zusammenarbeit mit dem Kirchenkreis Gera organisiert wird. Für ihn bedeutet Nimbus »Ausschweifen und Einkehren«. Das lateinische Wort steht für Wolke und Heiligenschein.

»Einem Strahlenkranz gleich umgeben die Dorfkichen Gera, ihre über Generationen gewachsenen Räume laden zum Innehalten ein«, heißt es werbend im Flyer. Der Weg 2018 führt von Pohlitz über Aga und Dorna nach Tinz.

Aktuelle Kunst trifft auf Zeugnisse einer reichhaltigen Geschichte und tritt mit ihnen in einen Dialog.

Zwischen den Dörfern und ihren Kirchen sei eine anmutige Landschaft zu erwandern, wobei es »äußere und innere Entdeckungen beim Pilgern gibt«, schwärmt Buchholz, der auch Ortsteilbürgermeister von Gera-Frankenthal ist.

In Tinz sind Arbeiten der »Schwarzweißwerkstatt« zu sehen, die sich der analogen Fotografie verschrieben hat.

Sigrid Pommer, Ulrike Schmidtke, Ines Freundel, Ines Müller und Ulrike Hauschild haben sich unter der künstlerischen Leitung von Ulrich Fischer der Pflege des traditionellen fotografischen Handwerks verschrieben. Seit neun Jahren gelangen vorgefundene Strukturen, Formen und Stimmungen durch sinnfällige Benutzung des Werkzeugs – der Kamera – in andere Dimensionen. »Wir arbeiten über ein oder mehrere Jahre an einem Thema, welches unser Interesse weckt«, erläutert der Kursleiter und Foto-Designer die Herangehensweise.

Bildkünstlerische Reflexionen des Publizisten Sebastian Weise, die beim Begehen der Lutherwege in Thüringen und Sachsen entstanden sind, werden in Dorna gezeigt.

An den Wochenenden 22./23. September sowie 29./30. September sind in den genannten Kirchen jeweils von 11 bis 17 Uhr (Dorna 13 bis 17 Uhr) die Ausstellungen mit unterschiedlichen Positionen zu besichtigen.

Michael von Hintzenstern

www.facebook.com/Nimbus-Kunst-in-Kirchen-Pilgern-um-Gera

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Visionen für den Petersberg

18. September 2018 von redaktionguh  
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Achava heißt Brüderlichkeit. Mit über 30 Konzerten, Workshops, Ausstellungen, Schülerprogrammen und einem Straßenfest bauen die Achava Festspiele Thüringen bereits zum vierten Mal vom 20. bis 30. September Brücken zwischen den Kulturen. Im Gespräch mit »Glaube + Heimat« erläutert Intendant Martin Kranz inhaltliche Schwerpunkte des Festivals.

Im Fokus der Achava Festspiele Thüringen steht der interkulturelle und interreligiöse Dialog. Die Besucherzahlen sind von 8 000 auf 16 000 angestiegen. Was erwartet die Besucher diesmal?
Kranz:
Zum einen geht es um 70 Jahre Staat Israel und die Situation im Nahen Osten und zum anderen soll diesmal die Geschichte Erfurts im 13. und 14. Jahrhundert beleuchtet werden. Unter dem Titel »Das Erfurter Blau« wird der Waidhandel im Mittelalter beschrieben. In diesem Zusammenhang beschäftigten sich Wissenschaftler in einem Forschungsauftrag mit der Frage, was der Waidhandel mit den Erfurter Juden zu tun hatte. Ein Ergebnis war, so viel kann ich schon verraten, dass die Waidhändler die Juden aus diesem ertragreichen Geschäft weitgehend herausgehalten haben.

Hatte das etwas mit Antisemitismus zu tun?
Kranz:
Ich würde es nicht als Antisemitismus bezeichnen. Man hat im Grunde die Felder abgesteckt. Man hatte sich zwar jüdisches Geld geliehen, aber in den Handel durften Juden nicht mit einsteigen. Der Rückblick ist lohnend, weil man in der Entwicklung erkennen kann, wie später Antisemitismus und die Pogrome folgten. Das kam nicht von ungefähr. Die jüdische Gemeinde war im 12. und 13. Jahrhundert in Erfurt sehr stark. Die Idee, die hinter Achava steckt, ist natürlich auch, Zusammenhänge aufzuzeigen und darüber zu reden, was das mit uns heute noch zu tun hat.

Stichwort Chemnitz: Was ist derzeit los in unserer Gesellschaft?
Kranz:
Ich bin erst mal erschüttert. Wir müssen in einer breiten gesellschaftlichen Debatte gemeinsam überlegen: Wie gehen wir damit um? Auch dafür steht Achava, dass wir über religiöse Grenzen hinweg gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen diskutieren. Wir müssen dahin kommen, dass wir miteinander diskutieren und nicht gegeneinander kämpfen. Man sollte jetzt nicht Chemnitz und Sachsen stigmatisieren. Es geht vielmehr um eine Analyse, warum Pegida in Teilen Sachsens so stark ist.

Populismus, Antisemitismus und Menschenverachtung werden bei Achava in einem anderen Zusammenhang eine Rolle spielen. Was verbirgt sich hinter der Überschrift »Revolution der Seele«?
Kranz:
In Thüringen gab es in den 1920er-Jahren einen charismatischen »Guru« aus der Reihe der sogenannten Inflationsheiligen, den Kunsthandwerker Friedrich Muck-Lamberty, der die »Neue Schar« gegründet hat. Eine Bewegung, die frei sein wollte. Das drückte sich unter anderem in der Nacktheit, der Freikörperkultur, aus. Zurück zur Natur. Die Befreiung aus dem Wilhelminismus, den bürgerlichen Schranken. Er sammelte sehr schnell die Massen um sich. Die Kirchen öffneten ihm die Türen. Er predigte beispielsweise in der Weimarer Stadtkirche vor 1 000 Menschen. Auf den Erfurter Domplatz kamen 15 000 zu »Erweckungsfeiern«.

Redaktionsgespräch: Der Intendant der Festspiele, Martin Kranz, will über religiöse Grenzen hinweg auf gesellschaft- liche Ereignisse reagieren. Foto: Willi Wild

Redaktionsgespräch: Der Intendant der Festspiele, Martin Kranz, will über religiöse Grenzen hinweg auf gesellschaft- liche Ereignisse reagieren. Foto: Willi Wild

Die Volkslieder aus dem Liederbuch der Neuen Schar sind heute noch erhältlich. Muck-Lamberty war ein Volksverführer und zeit seines Lebens Antisemit. Es ging ihm um das Thema: Der neue Mensch. Wie formen wir uns neu? Die Nazis haben übrigens später diese Ansätze und einige Elemente aus der Neuen Schar übernommen. Bei einer Veranstaltung wird der Enkel anwesend sein, Schauspieler Thomas Thieme liest Texte. Der Regisseur und Dramaturg Michael Dissmeier hat an diesem Programm ein Jahr lang gearbeitet und recherchiert. Er hat bislang unveröffentlichtes Material zusammengetragen. Darin wird deutlich, was wir heute auch wieder erleben: Das Verantwortlichmachen von Minderheiten für Fehler und Fehlentwicklungen.

Die Festspiele stehen auch für neue Veranstaltungsformate. Welche werden diesmal angeboten?
Kranz:
Wir haben Angebote für Schüler entwickelt. Ein spontanes, musikalisches Frage- und Antwortspiel wird es in mehreren Thüringer Städten geben. Eine Gruppe Musiker spielt mit Schülern Gypsy Music, also Musik der Sinti und Roma. Die Schüler müssen ein Instrument spielen oder singen können. Wir musizieren aber nicht nach vorgegebenen Noten! Es geht um Improvisation.

Außerdem laden wir 300 Schüler in den Thüringer Landtag ein. Im Plenum sollen sie Demokratie erfahren. Am Ende wird gemeinsam im Innenhof des Landtags gefeiert und getanzt. Zudem werden wir, nach den positiven Erfahrungen des vergangenen Jahres, auf der Erfurter Krämerbrücke wieder ein Straßenfest feiern.

Die Peterskirche auf dem Erfurter Petersberg soll nun zur dauerhaften Hauptspielstätte werden. Welche Idee steckt dahinter?
Kranz:
Die Peterskirche, die einst zu einem Benediktinerkloster gehörte, thront über der Stadt. Die Idee ist, daraus einen interkulturellen Begegnungsort zu machen. Bezugspunkte dafür gibt es ausreichend. Der Eigentümer, die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, stellt in dieser Woche einen Plan zum Umbau des Gebäudes vor. Die Peterskirche soll wieder einen sakralen Charakter erhalten. Der Freistaat Thüringen hat dafür fünf Millionen Euro bereitgestellt. Denkbar ist, dass das Gelände um die Peterskirche herum zur Landesgartenschau 2021 eine inhaltliche Komponente zur Gebäudekonzeption erfährt. Ich finde, dass es an der Zeit ist, den Petersberg in diesem Zusammenhang mit der Stadt und den Menschen zu verbinden. Das wäre ein nachhaltiges Vorhaben, eng verbunden mit der Intention von Achava.

Die Fragen stellte Michael von Hintzenstern.

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»Nicht warten, bis man betroffen ist«

17. September 2018 von redaktionguh  
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Ein neuer Rabbiner steht der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen seit Anfang September vor. Alexander Nachama ist für die Gläubigen kein Unbekannter.

Es war für beide Seiten eine Premiere. Am vergangenen Sonntag feierte Alexander Nachama, der neue Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, mit den Gläubigen das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana. Damit beginnt er seine Laufbahn in Erfurt mit einem wichtigen Fest im jüdischen Kalender. Die Gemeinde, die Synagoge, die verschiedenen Örtlichkeiten in Erfurt, Jena und Nordhausen, all das wird Nachama in den nächsten Tagen und Wochen näher kennenlernen. »In Thüringen gibt es ähnliche Strukturen, wie ich sie aus Dresden kenne«, erzählt Nachama, der seit 2012 die Dresdener Gemeinde leitete. »Hier wie dort kommt ein Großteil der Gemeindemitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion.« Und in beiden Gemeinden gibt es vor allem viele ältere Gläubige. Um sie will sich der neue Rabbiner besonders kümmern. Aber er hat auch die Kinder- und Jugendarbeit im Blick. »Um die Familien möchte ich mich intensiv bemühen, denn sie sind die Zukunft der Gemeinde. Die wenigen, die es gibt, möchte ich einbeziehen ins Gemeindeleben und hoffe natürlich, dass sich ihre Zahl vergrößert.« Nachama weiß, dass es viele junge Juden gibt, die aber nicht Teil der Gemeinde sind. So seien gerade in Jena viele Studenten jüdischen Glaubens. »Viele von ihnen fahren an den Feiertagen nach Hause und nehmen darum nicht an den Gottesdiensten in unseren Synagogen teil.« Nachama möchte diese jungen Menschen ansprechen, Kontakte knüpfen und ähnlich wie die Studentenpfarrer der beiden Kirchen in den Hochschulstandorten in Mitteldeutschland Ansprechpartner und Seelsorger sein.

Vorbereitung: Mit dem Studieren der Gebetstexte bereitete sich der neue Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Alexander Nachama, auf das Fest Rosch ha-Schana vor. Foto: Diana Steinbauer

Vorbereitung: Mit dem Studieren der Gebetstexte bereitete sich der neue Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Alexander Nachama, auf das Fest Rosch ha-Schana vor. Foto: Diana Steinbauer

Alexander Nachama wurde 1983 in Frankfurt am Main geboren und ist der Sohn des Historikers und Rabbiners Andreas Nachama. Sein Großvater Estrongo Nachama wurde als Berliner Oberkantor berühmt. In Berlin wuchs auch der Enkel auf. »Der Wunsch Rabbiner zu werden war eigentlich immer schon da«, erinnert sich Nachama. Bereits als Jugendlicher leitete er Gottesdienste. Zunächst absolvierte er aber eine Kantorenausbildung. Daran schloss sich ein Bachelorstudium der Judaistik an der Freien Universität Berlin (FU) an. »Der Schritt hin zu einer Ausbildung zum Rabbiner war für mich eine natürliche Entwicklung.« Nachama wurde neben dem Studium an der FU am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam ausgebildet. Ab dem zweiten Studienjahr wurde er in verschiedene Gemeinden geschickt, um die Praxis kennen zu lernen. Eines dieser Praktika absolvierte Nachama in Dresden, wo er wenig später die jüdische Gemeinde übernahm. Ordiniert wurde Nachama aber 2013 in Erfurt.

Und nun also wieder Thüringen. Neben dem Kennenlernen des neuen Aufgabenbereichs muss sich auch die Familie des 34-Jährigen neu einrichten. Eine Wohnung hat die Familie bereits, Kindergartenplätze für die Kinder müssen noch gefunden werden.

Die Leitung des Gottesdienstes gehört nicht zu den vorrangigen Aufgaben eines Rabbiners, erklärt Nachama beim Besuch der Erfurter Synagoge am Juri-Gagarin-Ring. Er habe vielmehr seelsorgerische Aufgaben, besuche Alte und Kranke, begleite die Gläubigen in Zeiten der Trauer und gebe Religionsunterricht. Der jüdische Religionsunterricht wird in Thüringen wegen der wenigen Schüler nicht in den Schulen, sondern am Nachmittag in Gemeinderäumen erteilt. Neben diesen Aufgaben möchte sich Nachama auch in Erfurt für den interreligiösen Dialog stark machen. Als Pegida sich 2015 in Dresden zu einer immer größeren Bewegung entwickelte, nahm Nachama mit Vertretern des Islam und des Christentum am interreligiösen Trialog teil. »Die Notwendigkeit war da und es war wichtig, dass es ein Forum gab, wo die Menschen ihre Fragen offen stellen konnten. Dort hatten viele die Möglichkeit, ein Urteil, das eigentlich ein Vorurteil war, zu erkennen und im Gespräch herauszufinden, dass sich vieles ganz anders darstellt als angenommen.« Nachama tritt für den Dialog ein. Und für ein konsequentes Vorgehen gegen Antisemitismus. »Man sollte nicht warten bis man selbst betroffen ist«, sagt der 34-Jährige. »Es gibt eine Entwicklung zu antisemitischen Tendenzen. Diese sind in Berlin, aber auch in anderen Städten spürbar und viele jüdische Gemeinden sind deshalb besorgt«, so Nachama. Wissen und Begegnung beuge Antisemitismus vor. Darum befürwortet Nachama auch Festivals wie Achava. Ein solches Kulturfestival sei ein positives Erlebnis für alle und trage zum Abbau von Ängsten und Vorurteilen bei.

Diana Steinbauer

Juden in Thüringen
Die jüdische Landesgemeinde in Thüringen, mit Sitz in Erfurt, hat gegenwärtig 800 Mitglieder. Zudem betreut der Rabbiner auch Gläubige in und um die Städte Jena und Nordhausen.

Jüdisches Leben gab es in Thüringen seit dem 12. Jahrhundert. Zeugen dieser Geschichte sind die alte Synagoge in der Erfurter Innenstadt, die Mikwe und der 1998 entdeckte »Erfurter Schatz«. Die wertvollen Goldschmiede­arbeiten waren wahrscheindlich während des Progroms gegen Juden 1349 vergraben worden.
In der Progromnacht 1938 wurde auch die Erfurter Synagoge zerstört. Nach  dem Kriegsende 1945 kehrten nur wenige Überlebende des Holocaust nach Thüringen zurück. 1946 wurde der Landesverband Thüringen gegründet und 1952 ein Synagogenneubau eingeweiht.

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Wissen hilft

16. September 2018 von redaktionguh  
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Antijudaistische Klischees, nationalsozialistisches Gedankengut und Import des Nahost-Konflikts sind die Basis neuen Hasses und neuer Gewalt gegen Juden. Jüdische Friedhöfe geschändet, Jude wird als Schimpfwort geduldet, unser Rabbiner wird auf der Straße verbal angegriffen, Juden werden aufgefordert, ihr Judentum zu verschweigen, Drohbriefe werden böser, jüdische Schüler werden im Stich gelassen.

Außerhalb Thüringens werden Symbole des Judentums ungehindert verbrannt, jüdische Kinder aus der Schule gemobbt, Kippa-Träger körperlich angegriffen und Anti-Israel-Demonstrationen enden in primitivstem Antisemitismus. Die Mitte der Gesellschaft bleibt weitgehend gleichgültig. Demokraten in den Kirchen, Organisationen, Parteien und Bürgerbündnissen engagieren sich. Ihnen gilt unser Dank, aber sie sind zu wenige. Was tun?

Beharrliche Wissensvermittlung von Kindergarten über Schule bis zur Berufs- und Hochschulausbildung ist vonnöten. Ob Stammtisch-Aktivisten, Pegida- und AfD-Mitläufer oder rechtsextreme junge Straftäter: wir müssen ihnen mit Argumenten begegnen. Meine Gefängnisgespräche empfinden ich und auch die Häftlinge hilfreich. Wissen, nicht Hass ist die Antwort auf Hass.

Wissen über jüdische Geschichte schließt die jüdische Tragödie ein. Aber vor allem muss an den Beitrag der Juden an deutscher Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft sowie an die Perioden erfolgreicher christlich-jüdischer Zusammenarbeit erinnert werden. Wer die Leistungen der jüdischen Minderheit kennt, deren Anteil an der deutschen Bevölkerung stets weniger als ein Prozent betrug, wird sich jenen entgegenstellen, die heute das Wort Jude als Schimpfwort verwenden. Die Zeit drängt.

Reinhard Schramm

Der Autor ist Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

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Er ist wieder da

14. September 2018 von redaktionguh  
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Antisemitismus: Oder war er vielleicht nie wirklich weg? Seit etwa 2 500 Jahren gibt es Judenfeindlichkeit. Schon fast überwunden geglaubt, tritt der Judenhass heute wieder offen zutage.

Vor wenigen Wochen sorgte eine Veranstaltungsrezension in den Thüringer Tageszeitungen für große Aufregung. Offensichtlich ohne Prüfung und Korrektur konnte ein Text erscheinen, in dem die Autorin behauptete, das Festival »Yiddish Summer Weimar« könne froh sein, von Stadt, Land und privaten Förderern am Leben erhalten zu werden. Der künstlerische Leiter würde nur noch in Deutschland, und nicht seiner Heimat USA, tätig sein, weil »alle Welt glaubt, dass wir Deutschen immer noch humanitäre Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten« und »hier das Geld für allseits begründbare Projekte noch sehr locker fließt.« Kunstkritik hin oder her, die Wortwahl der Autorin entspricht eindeutig Formulierungen und Vorstellungen nationalistischer Gruppierungen. Die uralte Annahme, Juden besäßen unverdient mehr als ihnen zustünde, wird hier ganz selbstverständlich in die moderne Zeit, in den kulturellen Kontext übertragen.

Jüdisches Leben: In Magdeburg soll wieder eine Synagoge entstehen. Ein Förderverein engagiert sich für den Neubau. Das Banner steht am zukünftigen Bauplatz. Es wurde mehrfach mutwillig beschädigt. Foto: Angela Stoye

Jüdisches Leben: In Magdeburg soll wieder eine Synagoge entstehen. Ein Förderverein engagiert sich für den Neubau. Das Banner steht am zukünftigen Bauplatz. Es wurde mehrfach mutwillig beschädigt. Foto: Angela Stoye

Antisemitismus ist in Deutschland auch 85 Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wieder ein Thema. Oder immer noch. Wer nicht unmittelbar betroffen ist, nimmt ihn jedoch als gegenwärtiges Problem im Alltag kaum wahr. Ereignisse der jüngeren Vergangenheit wie die Echo-Preisverleihung oder der Angriff auf einen Kippa-Träger in Berlin zeugen jedoch von der Aktualität.

Für den israelischen Schriftsteller Amos Oz ist »die Geschichte von Judas in den Evangelien gleichsam das Tschernobyl des christlichen Antisemitismus.« Juden stünden seitdem synonym für Judas: »Verräter, Gottesmörder, habgierige Betrüger«. Die Ablehnung gegenüber Juden hat in der Vergangenheit immer wieder neue Formen angenommen. Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich in Deutschland und in Europa der Antisemitismus, der während der Zeit des Nationalsozialismus und dem damit verbundenen Genozid an den europäischen Juden seinen Höhepunkt erreichte.

Trotz aller Aufklärungsarbeit nach dem Holocaust werden heute immer noch antijüdische Sprach- und Argumentationsmuster reproduziert – und zwar gesamtgesellschaftlich in allen sozialen Schichten und politischen Gruppierungen der Bevölkerung. Eine aktuelle Studie des Londoner Pears Institute for the Study of Antisemitism vom Juli dieses Jahres untersuchte den Zusammenhang zwischen der Entwicklung aller erfassten antisemitischen Vorfälle und der verstärkten Zuwanderung von Migranten aus Nordafrika und Nahost. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass in keinem der untersuchten Länder, zu denen Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Belgien und die Niederlande gehörten, ein direkter Zusammenhang besteht. Antisemitismus sei ein Problem, das der Mehrheitsbevölkerung entspringe und nicht ausschließlich oder sogar überwiegend von Minderheiten herrühre.

Dass das so ist und warum, darüber muss man reden: sich mit der Problematik beschäftigen und miteinander ins Gespräch kommen. Dabei ist es wichtig zu wissen, worüber gesprochen und auch gestritten wird. Entrüstet in einen Kanon der Mehrheit einzustimmen ist einfach. Der Grundstein für eine differenzierte Betrachtung, für das Wissen um die Juden, das Judentum und ihre Geschichte muss indes frühzeit gelegt werden: in Kindergärten und Schulen. Nur so können Vorurteile gar nicht erst an kommende Generationen ungehindert weitergegeben werden.

Das ist wichtiger denn je, auch angesichts der zunehmenden Zahl von Migrantenkindern. Denn die Londoner Studie zeigte auch, dass die antisemitische Einstellung in allen fünf Ländern bei den Angehörigen muslimischer Minderheiten weiter verbreitet ist als in der Allgemeinbevölkerung. Auch in der Haltung zum Staat Israel würden Jugendliche mit muslimischem Hintergrund ein höheres Maß an israelbezogenem Antisemitismus aufweisen als die deutsche Bevölkerung, hieß es.

Mirjam Petermann

Die Co-Autoren, Axel Große und Jan Grooten, bieten vom 9. bis 11. November den Workshop »Antisemitismus heute« in Eisenach an.

www.ev-akademie-thueringen.de

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Seelsorger braucht das Land

10. September 2018 von redaktionguh  
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Der demografische Wandel trifft die ganze Breite der Gesellschaft und damit auch den Pfarrberuf. Plagen auch die EKM Nachwuchssorgen?

Am 1. September startet traditionell nicht nur das Ausbildungsjahr im Handwerk, sondern auch der Vorbereitungsdienst für angehende Pfarrer. Vor wenigen Tagen also haben die jungen Vikare dieses Jahrgangs begonnen. Es ist nur eine kleine Schar, elf an der Zahl. »Wir haben mit weitaus mehr Bewerbern gerechnet«, sagt Michael Lehmann, Leiter des Dezernats Personal im Landeskirchenamt der EKM in Erfurt. Dennoch ist er nicht beunruhigt, was den Pfarrnachwuchs in der Landeskirche angeht. »Wir haben in den vergangenen drei Jahrgängen so viele Bewerber gehabt, dass wir mit unseren Partnerkirchen, der Landeskirche Sachsen, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und der Landeskirche Anhalts, mit denen wir das Predigerseminar in Wittenberg betreiben, überlegen mussten, wie wir das Platzangebot ausweiten«, erzählt Lehmann. Das dritte Jahr in Folge habe es doppelte Jahrgänge gegeben. Das letzte Mal wird 2019 einer dieser großen Jahrgänge in den Dienst kommen. »Das ist wichtig, weil auch bei uns massive Ruhestands­eintritte bevorstehen«, so Lehmann. Dennoch seien die Zahlen insgesamt noch nicht beunruhigend. Die Aufregung um einen Beitrag bei MDR Kultur, der meldete, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland könne nicht alle ihre Stellen besetzen, kann Lehmann darum nicht verstehen.

Bei einem Pressegespräch Anfang des Jahres hatte die EKM Zahlen zur Personalsituation von Pfarrerinnen und Pfarrern sowie zu den Theologiestudierenden und Vikaren veröffentlicht und eine frohe Botschaft gesendet: Die Zahlen seien stabil, es gäbe genügend Personen für den landeskirchlichen Dienst. Außerdem vermeldete man, dass immer mehr Frauen sich zum Pfarrdienst berufen fühlten. An dieser Situation habe sich auch nichts geändert, betont Michael Lehmann. »In den vergangenen Jahren waren die Zahlen konstant«, erklärt der Oberkirchenrat. Derzeit gibt es 884 Stellen in der EKM. Die Vakanzquote liegt bei 3,4 Prozent, das heißt 30 Stellen können derzeit nicht besetzt werden. »Das hat verschiedene Gründe«, weiß Personaldezernent Lehmann.

Foto: epd-bild/Collage G+H

Foto: epd-bild/Collage G+H

Die Regel ist ein ganz normaler Stellenwechsel. Pfarrer A wechselt von X nach Y. Die Stelle wird frei und die Gemeindekirchenräte beantragen die Wiederbesetzung der Stelle. Der Kreiskirchenrat überlegt, ob angesichts des verabschiedeten Stellenplans die Stelle wieder ausgeschrieben werden kann. Dann wird die Stelle ausgeschrieben und es bewerben sich Pfarrerinnen und Pfarrer. Diese stellen sich in Gottesdiensten vor und werden durch Gemeindekirchenräte gewählt. Drei Monate später treten sie die Stelle an. Das bedeutet: Es gilt bei einem normalen Stellenwechsel eine Zeit von 9 bis 12 Monaten zu überbrücken, in denen diese Stelle frei bleibt.

Um aber neue Pfarrer für die Gemeinden der EKM zu gewinnen, müssen junge Menschen für ein Theologiestudium begeistert werden. »Wenn wir unsere Studenten fragen, warum sie Theologie studieren, dann sagen sie in der Regel, sie seien angeregt worden durch eine gute Gemeindearbeit. Sie haben eine kirchliche Jugendarbeit erlebt, die sie attraktiv fanden, und sie waren auch in Ehrenamtsstrukturen eingebunden«, berichtet Michael Lehmann. Es gibt aber auch eine Gruppe von Studierenden, die nicht aus kirchlichen Strukturen stammen und bei denen der Religionsunterricht das Interesse an Fragen der Theologie geweckt hat.

Der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer beschreibt seine Intention zum Theologiestudium so: »Weil ich genauer wissen wollte, was an der politisch so bescholtenen Kirche und ihrer Botschaft dran ist, und weil ich eine Möglichkeit suchte, mich meines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen – auch öffentlich – zu bedienen. Dabei wollte ich die Tradition immer als ein Sprungbrett verstehen, gebrauchen, verändern. Seither sinne ich einem Gedanken Luthers nach: ›Was Gott nicht hält, hält nicht‹.«

Schorlemmer hat damals einen klassischen Weg beschritten. Er wurde 1944 als Sohn eines Pfarrers in Wittenberge in der Prignitz (Brandenburg) geboren. Wie er wurden damals viele Pfarrerskinder wieder Pfarrer. Dafür gab es besondere Umstände, gerade in der DDR, die Pfarrerskindern oftmals kein Studium ermöglichte. Wenn ja, dann nur Theologie. »Heute können Pfarrerskinder studieren, was sie wollen, und sie tun es auch«, weiß Michael Lehmann. Das sieht er als großen Vorteil, aber damit sei auch eine Selbstverständlichkeit – wenn auch eine erzwungene – verloren gegangen.

Deshalb macht die EKM Werbung für das Theologiestudium. So beteiligt sich die Kirche an einer Zeitschrift, die Schülerinnen und Schüler in Thüringen erhalten und die bei der Berufswahl helfen soll. Zudem bieten Studienhäuser in evangelischer Trägerschaft attraktive Wohnangebote für Studenten an und die kirchliche Studierendenberatung in Halle und Jena hilft jungen Menschen, Unterstützungsangebote der Kirche, Stipendien, Büchergeld und vieles mehr nutzen zu können.

Diana Steinbauer

Hintergrund
In der EKM gibt es 884 Pfarrstellen, von denen sich 20 in der Ausschreibung befinden. Weitere Stellen werden für 23 Personen vorbereitet, die im April 2019 mit ihrem Entsendungsdienst beginnen wollen. Laut Studierendenliste der Hochschulen auf dem Gebiet der EKM haben sich 2017/18 für den Studiengang Theologie 122 Studierende eingeschrieben. Die tatsächliche Anzahl derer, die in ein Vikariat, also den Vorbereitungsdienst gehen, zeigt sich erst am Ende des Haupt­studiums. Am 1. September haben elf Vikarinnen und Vikare mit dem Vorbereitungsdienst begonnen.


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