Wie sich die EKM entwickelt hat

13. August 2018 von redaktionguh  
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Nach dem Rückblick auf den Brief aus Halle zur Kirchenfusion (Nr. 27, S. 5) wollte Leserin Christiane Paul wissen, wie sich die Vereinigung der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Thüringen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in den vergangenen 15 Jahren entwickelt hat. Brigitte Andrae, Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKM, und der Leiter des Finanzdezernates, Oberkirchenrat Stefan Große, antworten.

Hat sich das Zusammenlegen von zwei Kirchen auch innerhalb der EKD ausgewirkt?
Andrae:
Der Prozess des Zusammenschlusses der Kirchenprovinz Sachsen und der Thüringer Landeskirche ist innerhalb der EKD mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Das hing sicher auch damit zusammen, dass eine Vereinigung von Landeskirchen ein eher seltener Vorgang ist.

Außerdem schlossen sich zwei Kirchen zusammen, die nach Gemeindegliederzahlen annähernd gleich groß waren sowie unterschiedlichen Konfessionen und damit unterschiedlichen konfessionellen Zusammenschlüssen (UEK und VELKD) angehörten. Die EKM ist die einzige Landeskirche innerhalb der EKD, die Mitglied beider konfessioneller Zusammenschlüsse ist. Innerhalb dieser, wie auch innerhalb der EKD, hat die EKM eine wichtige Stimme.

Wie zeigt sich das?
Andrae:
Ich nenne einige Beispiele: Unsere Kirchenverfassung gilt als eine der modernsten innerhalb der EKD und war Vorbild für andere Kirchenverfassungen wie die der Nordkirche 2012. Unsere Erfahrungen im praktischen Umgang mit verschiedenen Bekenntnisgrundlagen werden immer wieder nachgefragt.

Wir haben eine Vereinheitlichung wichtiger rechtlicher Regelungen innerhalb der EKD angeregt. So ging der Anstoß, ein EKD-weit einheitliches Pfarrdienstgesetz zu schaffen, von der damaligen, aus beiden Vorgängerkirchen bestehenden Föderation aus.

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Zu nennen sind auch unsere innovativen Vorhaben und Projekte wie die Erprobungsräume, das Pachtvergabeverfahren, für das die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit erhielt, oder das erst kürzlich preisgekrönte Projekt »Vereinheitlichung und Optimierung des Personalmanagements nach dem Zusammenschluss der evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland«. Diese Beispiele wären ohne die mit dem Zusammenschluss gewonnenen Ressourcen so nicht möglich gewesen. Nachgefragt werden auch unsere praktischen Erfahrungen als Kirche in einem stark säkularisierten Umfeld von anderen Landeskirchen. Die Ausgestaltung und weitere Entwicklung der EKM wird daher nach wie vor mit Interesse verfolgt. Gelegentlich machen wir dabei die Erfahrung, dass unsere Stimme, wie die anderer östlicher Landeskirchen auch, nicht ausreichend gehört wird. Es bleibt also eine wichtige Aufgabe, auf unsere spezielle kirchliche und gesellschaftliche Situation immer wieder hinzuweisen.

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Konnte die vereinigte Kirche stärker ausstrahlen?
Andrae:
Das gerade Gesagte möchte ich mit dem Hinweis ergänzen, dass die EKM ein wichtiger Player im Dialog mit staatlichen Stellen auf Landes- und kommunaler Ebene und mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft ist. Auch dafür einige Beispiele:

So nehmen Landesbischöfin Ilse Junkermann und andere Leitungsverantwortliche auf allen Ebenen unserer Landeskirche regelmäßig zu wichtigen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens Stellung. Die EKM, ihre Kirchenkreise und Gemeinden öffnen mit ihren Veranstaltungen Räume für den öffentlichen Diskurs. Das gilt beispielsweise auch für das Landeskirchenamt in Erfurt, das seit 2011 zusammen mit zwei Kooperationspartnern zu der Reihe »Collegium maius Abende« einlädt. Und mit der Übernahme der Trägerschaft für die Opferberatung »ezra« (für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt) 2012 hat die EKM ein wichtiges Signal gesetzt.

Wurden die Hoffnungen auf Einsparungen erfüllt? Oder wurden diese durch Mehrausgaben an anderer Stelle nicht erreicht?
Große:
Der Zusammenschluss der beiden ehemaligen Teilkirchen zur EKM hatte einen wichtigen Kernprozess: die Strukturanpassung im übergemeindlichen Bereich. Ziel war es, die Explosion der Ausgaben oberhalb der Gemeinden zu vermeiden, Einsparungen nachzuweisen, Doppelstrukturen zu überprüfen sowie innovative Ansätze und eine qualitätsvolle Arbeit im Landeskirchenamt sowie den unselbstständigen Werken und Einrichtungen zu ermöglichen.

Stefan Große. Foto: EKM

Stefan Große. Foto: EKM

Mit Beschluss der Landessynode vom 10. November 2010 wurde dieser flächendeckende Prozess abgeschlossen. Die Ziele wurden erreicht. Die Kostendisziplin im Landeskirchenamt und den unselbstständigen Werken und Einrichtungen wurde befördert. Das gilt insbesondere für den anschließenden Prozess der Organisationsentwicklung im Landeskirchenamt.

Welche Veränderungen gibt es?
Große:
Mit dem Haushalt 2014 haben wir Finanzbudgets eingeführt, die sich an der Organisationsstruktur des Landeskirchenamtes orientieren. Damit steht den Dezernaten und der Landesbischöfin für ihre Bereiche ein Gesamtbetrag (Budget) zur Verfügung, mit dem alle anfallenden Ausgaben zu decken sind. Damit wird die Eigenverantwortung der Dezernate gestärkt, sie werden zu einer sparsamen Haushaltsführung motiviert und die laufende Bewirtschaftung wird durch die Deckungsfähigkeit der Personal- und Sachkosten auf der Ebene des jeweiligen Budgets erleichtert.

Was bedeuten die Veränderungen für die Kirchenkreise und -gemeinden?
Große:
Mit der Neufassung des Finanzgesetzes konnten wir eine bessere Umsetzung der Vorgaben aus der Verfassung erreichen. Es gewährleistet den solidarischen, sparsamen, wirtschaftlichen und transparenten Einsatz aller kirchlichen Mittel und setzt auf das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Kirchengemeinden gemäß der jeweils eigenen spezifischen Situation.

Besonders hervorzuheben ist, dass verbindlich geregelt ist, dass der Löwenanteil der kirchlichen Mittel zur Finanzierung der Aufgaben der Kirchengemeinden und Kirchenkreise einzusetzen ist. Das passiert in den jährlichen Haushaltsplänen, mit denen in den vergangenen Jahren stets der Nachweis geführt wurde, dass diese Regelung mit durchschnittlich 77 Prozent der Plansumme strikt eingehalten wird. Ganz besonders erwähnenswert ist auch, dass die EKM im Finanzgesetz die Finanzierung des Verkündigungsdienstes der Kirchengemeinden und Kirchenkreise in den Mittelpunkt rückt. Veränderungen dort bedeuten automatisch die gleichen Veränderungen im Bereich der Landeskirche. Das ist auch der Grund dafür, dass im Etat 2019 die Kürzungen im Verkündigungsdienst im gleichen Verhältnis den landeskirchlichen Anteil an der Plansumme betreffen.

Ich betone: Ohne die Kirchenfusion wären derartige Regelungen zugunsten der Kirchengemeinden und Kirchenkreise nicht gelungen, ganz abgesehen davon, dass die jeweilige Teilkirche für sich drastischer hätte einsparen müssen und die Qualität ihrer Werke und Dienste wie auch der landeskirchlichen Verwaltung nicht hätte halten oder gar ausbauen können.

Benötigt die EKM weiterhin drei Leitungsebenen, wo doch die Gemeinden zum Fusionieren aufgefordert werden, um Personal zu sparen? Käme die Landeskirche nicht mit Bischof oder Bischöfin und Superintendenten aus?
Andrae:
Was ist das für ein merkwürdiges Kirchenbild? Als Juristin verweise ich auf unsere Kirchenverfassung. Die Grundbestimmungen heben hervor, dass die EKM in den vielfältigen Formen von Gemeinden und Diensten lebt und die verschiedenen Rechtsformen (Ebenen) als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft eine innere und äußere Einheit bilden. Innerhalb dieser Einheit nehmen die verschiedenen Ebenen ihre jeweiligen Aufgaben eigenverantwortlich wahr.

Oder ist gemeint, dass es keine Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe mehr in der EKM geben soll? Dem würde ich widersprechen. Das regionalbischöfliche Amt hat eine wichtige Scharnierfunktion zwischen der landeskirchlichen Ebene und den Kirchenkreisen und Gemeinden. Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe haben Anteil an der geistlichen Leitung der EKM, sie begleiten die Mitarbeitenden in ihrem Dienst, repräsentieren Kirche auch gegenüber staatlichen Stellen und der Gesellschaft.

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Kirche macht Schule

10. August 2018 von redaktionguh  
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Finnland liegt in Mitteldeutschland – betrachtet man die pädagogische Arbeit und die Evangelischen Schulen in Mitteldeutschland.

Es gibt die Orte, an denen Kirche wächst. Sichtbar ist das im Besonderen bei der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland und der Evangelischen Johannes-Schulstiftung. Zahlen machen das ganz nüchtern deutlich. 5 300 Schülerinnen und Schüler lernen im neuen Schuljahr an den Einrichtungen der Evangelischen Schulstiftung, 1 250 sind es bei der Evangelischen Johannes Schulstiftung.

»Wir wachsen weiter und das passiert vor allem durch neue Klassen«, erklärt Marco Eberl, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Schulstiftung. »Wir haben einige Schulen, die noch größer werden, so zum Beispiel die 2014 gegründete Grundschule in Halle oder auch die Gemeinschaftsschule in Erfurt.« Vor dem quantitativen Wachstum ist Eberl aber vor allem die Qualität der evangelischen Schulen wichtig. In den Einrichtungen der Schulstiftungen in Sachsen-Anhalt und Thüringen setzt man auf eine gute Lernatmosphäre, christliche Werteerziehung, gut ausgebildete Lehrer und eine hochwertige Ausstattung. »Wir wollen zuallererst gute Schule machen«, betont Eberl.

In Vergleichsarbeiten mit staatlichen Schulen auch in anderen Bundesländern schneiden die evangelischen Schulen sehr gut ab. Auch die Ergebnisse bei der PISA-Erhebung, die beispielsweise am evangelischen Gymnasium in Jena gemessen wurden, waren überdurchschnittlich. Die Schule erreichte damals ähnliche Werte wie die, die im Bildungsmusterland Finnland erreicht wurden.

Der Lehrer Deutschlands: Philipp Melanchthon (eigentlich Philipp Schwartzerdt) kam vor 500 Jahren, am 25. August 1518, um 10 Uhr in Wittenberg an. Heute verkörpert Michael Schicketanz bei seinen Stadtführungen in der Lutherstadt den leidenschaftlichen Professor. Mehr dazu auf Seite 13. Foto: Thomas Klitzsch

Der Lehrer Deutschlands: Philipp Melanchthon (eigentlich Philipp Schwartzerdt) kam vor 500 Jahren, am 25. August 1518, um 10 Uhr in Wittenberg an. Heute verkörpert Michael Schicketanz bei seinen Stadtführungen in der Lutherstadt den leidenschaftlichen Professor. Mehr dazu auf Seite 13. Foto: Thomas Klitzsch

Möglich wird das aber nur durch gut ausgebildete und motivierte Lehrkräfte. Dafür ist eine ausgeprägte Personalakquise nötig. Die Personalgewinnung sieht Michael Bartsch, Vorstand der Evangelischen Schulstiftung und der Evangelischen Johannes Schulstiftung, darum als die große Herausforderung im neuen Schuljahr und darüber hinaus. »Die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen locken mit Verbeamtung, darum wird die Personalgewinnung für uns nicht einfacher«, erklärt Bartsch. Deshalb müsse man in Sachen Personal am Ball bleiben und Anreize schaffen.

Im vergangenen Schuljahr ging die Evangelische Schulstiftung mit der Kampagne »Mein Montagsgefühl« an die Öffentlichkeit. Darin beschrieben Lehrer ihren Arbeitsalltag, die Lehr- und Lernatmosphäre, um junge Pädagogen für die Arbeit dort zu begeistern. Kampagnen wie diese, aber auch der Kontakt zu Universitäten und damit zu Lehramtsanwärtern soll laut Marco Eberl weiter ausgebaut werden.

Für das neue Schuljahr haben sich in Sachsen-Anhalt durch das geänderte Schulgesetz die finanziellen Rahmenbedingungen für die Sekundarstufen verbessert. »Bei den Grundschulen ist das leider nicht der Fall«, erklärt Bartsch. Dennoch geht er mit Freude und Dankbarkeit in das neue Schuljahr.

»Am 1. August haben wir die Trägerschaft für die Evangelische Grundschule in Wittenberg und die Evangelische Grundschule in Holzdorf übernommen. Das ist eine große Freude. Vor allem auch, weil wir mit Holzdorf gegen den Trend arbeiten und zeigen können, dass auch eine kleine Schule mit nur 52 Schülern Potential hat und erfolgreich arbeiten kann.« An dieser inklusiven Schule lernen nicht nur Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam. Hier erlernt jeder das Geige- und Cellospielen. Auch die Eltern machen dabei mit.

Bei der Evangelischen Sekundarschule Magdeburg freut sich Bartsch, dass hier die Theaterpädagogik in diesem Schuljahr weiter ausgebaut werden kann und Schauspieler gewonnen werden konnten, die die Schüler unterrichten. In Magdeburg stehen auch bauliche Veränderungen an. So werden Schüler und Lehrer zum Halbjahr ein Übergangsquartier in Magdeburg-Buckau beziehen, während die Bauarbeiten am derzeitigen Gebäude beginnen.

Große Investitionen stehen bei der Evangelischen Schulstiftung ebenfalls an. Sie will mit Fördermitteln von Kirche und Ländern, laut Eberl, an die 20 Millionen Euro investieren und damit beispielsweise den Schulstandort Gotha ausbauen sowie die Grundschule in Hettstedt sanieren. Auch am Gymnasium in Meiningen soll noch einmal gebaut werden. Und natürlich soll es an der Grundschule in Halle weitergehen.

Diana Steinbauer

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Simsons Kraft kehrt zurück

5. August 2018 von redaktionguh  
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Das älteste Dienstfahrzeug der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland steht bei Pfarrer Gunter Barthel in Heyerode im Kirchenkreis Mühlhausen.

Dass es für zwei Oldtimer des Suhler Simson Werkes im Eichsfeld eine unverhofftes Wiedererstarken und somit ein zweites Leben auf den Landstraßen geben konnte, haben diese sinnigerweise einem Geistlichen zu verdanken. Und dies durch wahrhaft himmlische Fügungen und in ökumenischer Eintracht. Dem inzwischen in den Ruhestand gegangenen evangelischen Pfarrer Gunter Barthel aus Heyerode hatte über viele Jahre ein Moped SR 1 zu Diensten gestanden, bis es eines Tages jedoch den Geist aufgegeben hatte und dem Verschrotten nahe war.

Zweiradfreunde: Falls eine der beiden Mopeds des pensionierten Pfarrers Gunter Barthel (l.) einmal streiken sollte, steht ihm der Schlosser Ronny Döring zu Diensten. Foto: Reiner Schmalzl

Zweiradfreunde: Falls eine der beiden Mopeds des pensionierten Pfarrers Gunter Barthel (l.) einmal streiken sollte, steht ihm der Schlosser Ronny Döring zu Diensten. Foto: Reiner Schmalzl

Vor etwa zehn Jahren begegnete dem Pfarrer dann ein Engel, ein sachkundiger Oldtimerfan und Experte des SR 1 aus Falken, der ihm das Moped vom Baujahr 1956 wieder aufgebaut und ihm frisches Leben eingehaucht hatte. Für Gunter Barthel ein Geschenk und Glück zugleich. »Mit meiner ersten Dienststelle in Frankenroda und Ebenshausen habe ich 1988 auch das Dienstmoped meines Amtsvorgängers übernommen«, erinnert sich der 66-Jährige an die Anfänge seines Wirkens im benachbarten Wartburgkreis. Damit verbunden ist die Liebe zu dem ans Herz gewachsenen alten Zweirad.

So kann Gunter Barthel nun behaupten, dass es sich bei dem einst von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen angeschafften Moped mit jetzt 62 Jahren vermutlich um das älteste Dienstfahrzeug der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland handelt. Denn ab und an wird der Heyeröder Pfarrer zu einem Gottesdienst oder einer Hochzeit gerufen. »Das Schöne an dem SR 1 ist das Motorgeknatter«, schwärmt er von seinem Zweirad in Originalpatina und mit Zweitakt-Duft.

Falls das Moped einmal nicht fahrbereit sein sollte, steht ihm mit einem »Spatz« noch ein weiterer Simson-Oldtimer bereit. Dieser wurde der Familie einst durch einen katholischen Priester überlassen. Nachdem jenes Moped jahrelang in der Garage gestanden hatte, konnte Gunter Barthel »den Schrotthaufen nicht mehr sehen«. Da kam ihm schließlich ein Fachmann wie gerufen. Nämlich der Kfz-Handwerksmeister Georg Mühr aus Faulungen, der sich auf die Reparatur und Restaurierung der legendären Simson-Zweiräder aus Suhl spezialisiert hat. Er hat den »Spatz« grundhaft restauriert und in diesem Frühjahr in einstiger Schönheit erstrahlen lassen.

Und sollte es plötzlich einmal gravierende Probleme mit einem seiner beiden Zweirad-Oldtimer geben, kann Pfarrer Barthel auf einen weiteren »Schrauber« zählen. Denn als gelernter Landmaschinenschlosser und Tischler steht ihm quasi als Nothelfer Ronny Döring zur Seite. Auch für ihn gilt das verlässliche Handwerkermotto »Geht nicht, gibt’s nicht!«.

Das SR 1 war das erste Moped der DDR. Das S stand für Suhl und das R für Rheinmetall.

Reiner Schmalzl

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Eine schwere Disziplin

5. August 2018 von redaktionguh  
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Ich sage oft Entschuldigung. Das Wort kommt mir meist dann über die Lippen, wenn ich eine Person etwas fragen will. Entschuldigen Sie bitte, ist dieser Platz noch frei? Aber um Entschuldigung bitten meint natürlich etwas viel Größeres. Zunächst: Ich kann mich gar nicht entschuldigen. Ich kann nur darum ersuchen.

Manchmal besteht auch jemand auf eine Entschuldigung für einen Dritten. Aber so wenig, wie ich meine Bitte um Entschuldigung übertragen kann, ist das in der Gegenrichtung ausreichend. Wer für einen Fehler einstehen muss, ist gut beraten, mehr als nur auf die Schnelle »Entschuldigung« zu sagen. Eine Erklärung, keine faule Ausrede natürlich, macht das Verzeihen womöglich leichter, nicht einfacher. Verzeihen ist eine schwere Disziplin. Wer es ernst meint, steht vor einer schwierigeren Herausforderung als jener, der nur die Bitte äußert, von der Last des Fehlers befreit zu werden.

Es gibt Situationen, die lassen sich nicht durch Worte klären. Wenn etwas richtig schiefläuft, ist Wiedergutmachung nötig. Und es muss sicht- und erlebbar werden, dass etwas wohl nicht wieder passiert, dass mehr Sorgfalt an den Tag gelegt wird und jene, die verstört wurden und die in Zweifel geraten sind, wieder Vertrauen fassen können. Eben dies beschäftigt und bewegt mich seit Tagen, nachdem in unserer Zeitung ein Text erschienen war, der die Grenze der freien Meinungsäußerung hin zur Menschenfeindlichkeit überschritten hatte. Das darf, das kann nicht sein. Wir baten und wir bitten um Entschuldigung. Wir haben den Fall aufgeklärt. Und wir nehmen dies zum Anlass, noch mehr Vorsicht walten zu lassen, damit nicht unter dem Deckmantel der Kritik Hass verbreitet wird.

Gerlinde Sommer

Die Autorin ist stellv. Chefredakteurin der Thüringischen Landeszeitung.

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Radeln und Rasten

30. Juli 2018 von redaktionguh  
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Radwegekirchen in Mitteldeutschland

Die mitteldeutschen Radwegekirchen erleben aktuell ihren Saisonhöhepunkt. Insgesamt laden auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) 59 und in der Landeskirche Anhalts 7 Radwegekirchen zur Einkehr ein. Die Gotteshäuser liegen unmittelbar an den zahlreichen Radwegen in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen und sind an entsprechenden Hinweisschildern als Radwegekirchen erkennbar. Geboten werden meistens ein Rastplatz oder Garten mit Tischen und Bänken sowie ein Zugang zu Toiletten und Trinkwasser.

Am Mulderadweg zwischen Eilenburg und Bad Düben liegt in dem kleinen Ort Gruna (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Radwegekirche. Foto: epd-bild

Am Mulderadweg zwischen Eilenburg und Bad Düben liegt in dem kleinen Ort Gruna (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Radwegekirche. Foto: epd-bild

Thüringen zählt bei den Radfahrern zu Deutschlands beliebtesten Gegenden. Unter den 171 Regionen der Rad­reiseanalyse 2018 des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) habe es das Land mit Platz sieben in die Top 10 geschafft, teilte die Thüringer Tourismus Gesellschaft (TTG) mit. Der 403 Kilometer lange Saale-Radweg von Sparnberg bis Kaatschen sei laut ADFC besonders populär. Insgesamt verfüge Thüringen über 1 500 Kilometer an Radfernwegen.

Die Radwegekirchen in der EKM und der Evangelischen Landeskirche Anhalts stehen Besuchern von Ostern bis zum Reformationstag am 31. Oktober zum Ausruhen und Innehalten offen. Viele Gemeinden bieten zusätzlich Kirchenführungen und Seelsorgegespräche an. In einigen Radwegekirchen finden während des Sommers auch Konzerte und Festivals statt. Vom Elbe-Radweg aus lohnt sich auch ein Abstecher zur Landesgartenschau in Burg in Sachsen-Anhalt. In Anhalt bekam 2008 die Kirche in Steckby bei Zerbst am Elberadweg den Titel Radwegekirche. Weitere Beispiele sind die Kirche in Dessau-Großkühnau und Klieken (Elbe), St. Georg und Pankratius in Hecklingen (Bode) oder die Kirche im Ballenstedter Stadtteil Opperode im Harz.

Mit 76 Prozent fahren drei von vier Deutschen Rad, 51 Prozent davon nutzten es für Ausflüge und Reisen, ermittelte der ADFC in seiner Analyse. Besonders der Bereich der Tagesausflüge nehme weiter zu. Mehr als jeder Zweite radele ins Grüne, was rund 167 Millionen Tagesausflügen entspreche. Auch in den Ferien würden sich die Deutschen gerne aufs Rad schwingen. Statistisch kämen so 99 Millionen Ausflüge im Urlaub zusammen, errechnete der Fahrradclub.

In Mitteldeutschland stehen etwa 4 000 evangelische Kirchen und Kapellen. Das sind rund 18 Prozent aller evangelischen Kirchen Deutschlands. Eine Karte mit allen Radwegen und Radwegekirchen deutschlandweit sowie Informationen zu den Öffnungszeiten der Kirchen und ihrer Geschichte gibt es im Internet. Auch die Geodaten der Radtouren stehen zum Download bereit. Das Signet »Radwegekirche« wird von der Landeskirche nach Prüfung der Kriterien verliehen.

(epd/G+H)

www.radwegekirchen.de

Veranstaltungen an und in Radwegekirchen:

• Für einen Besuch der Landes­gartenschau Burg lohnt sich ein Abstecher vom Elbe-Radweg: Der Kirchen-Pavillon ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Er befindet sich in den Ihlegärten und ist auch ohne Eintrittskarte zugänglich. Neben anderen Programmpunkten gibt es tägliche Mittagsandachten (12 Uhr) und jeden Sonntag einen Gottesdienst (12 Uhr).

www.kirchen-landesgartenschau-burg.de

• Orla-Radweg-Festival: 8. bis 23. September in den Kirchen Krölpa (Eröffnungskonzert mit »Saitenverkehrt«, Cello und Klavier), Lausnitz (Orgelkonzert), Ranis (Kindertheater THEATERTA), Jüdewein (Konzert mit dem Pößnecker Posaunenchor), Oppurg (Saxophonkonzert mit der Gruppe »Taktlos«), Birkigt (Gospelkonzert mit »Voices of life«) und im Schützenhaus Pößneck (Chorsinfonisches Konzert mit der Pößnecker Kantorei). Weitere Informationen: Helmut Krauß, (01 57) 52 42 72 09
• St.-Concordia-Kirche Ruhla (Rennsteig-Radwanderweg): Sommerkonzert Gahabka & Grüger (18. August, 17 Uhr) mit Werken von Beethoven, Bernstein, Strauß u. a.

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Kirche unter Strom

20. Juli 2018 von redaktionguh  
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Ökostrom: Windräder der mitteldeutschen Landeskirche sollen Gemeinden und Diakonie mit Energie versorgen.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat ein ehrgeiziges Ziel: Sie will den Strom, den sie in ihren Gemeinden und diakonischen Einrichtungen verbraucht, selbst erzeugen und dabei das Klima schützen. Ein eigenes Stromlabel ist in Planung. Kann das ein Vorbild auch für andere Landeskirchen sein?

Thomas Wicks Finger kreist suchend über der Landkarte, dann findet er sein Ziel, zwischen dem thüringischen Sömmerda und der Grenze zu Sachsen-Anhalt. Wick, Sachbereichsleiter Landwirtschaft bei der EKM, zeigt auf das Städtchen Olbersleben: »Hier wird es stehen.« Das siebte Windrad der Landeskirche soll in diesen Tagen in Betrieb gehen.

Knapp 5,5 Millionen Euro dürfte es am Ende gekostet haben, 80 Prozent davon kommen als Kredit von einer der evangelischen Banken, der Rest von der Landeskirche. Doch nach zehn bis fünfzehn Jahren werden diese Kosten eingespielt sein. Und auch über diesen Zeitraum hinaus, nämlich zwanzig Jahre lang, garantiert das Erneuerbare Energiengesetz (EEG) feste Vergütungen, zu denen der Strom aus diesem Windrad in das Netz gespeist wird. »Das Geld aus den kirchlichen Eigenmitteln wird mit jährlichen Ausschüttungen von mindestens vier Prozent gut verzinst und wird bis zum Ende der Laufzeit vollständig zurückerstattet sein«, sagt Wick.

Windenergie: »Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes« (Apg 2,2). Blick auf den Kirchturm von St. Mauritius und die Windkraftanlage von Arnstedt (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda). Foto: epd-bild

Windenergie: »Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes« (Apg 2,2). Blick auf den Kirchturm von St. Mauritius und die Windkraftanlage von Arnstedt (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda). Foto: epd-bild

Doch es geht der Landeskirche nicht vorrangig um Renditen, sondern um ein klimapolitisches Ziel: Der jährliche Energieverbrauch der Kirchengemeinden und kirchlichen Verwaltungen soll durch selbst produzierten Windstrom gedeckt, also ins Netz eingespeist werden. 33 Millionen Kilowattstunden sind das im Jahr, dazu braucht man sieben Windräder.

Dieses Ziel wäre also erreicht. Denn es stehen ja bereits sechs evangelische Strommühlen im EKM-Gebiet auf kirchlichen oder gepachteten Flächen in Windparks in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Nimmt man aber die diakonischen Einrichtungen im Bereich der Landeskirche noch hinzu, wächst der Strombedarf auf 57 Millionen Kilowattstunden. Das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch von rund 14 000 Vier-Personenhaushalten hierzulande. Um den zu decken, müssen noch weitere Räder gebaut oder erworben werden, 13 bis 16 Windkraftanlagen sollen es am Ende sein.

Die Landeskirche geht davon aus, dass dieses Ziel bis Ende 2018 erreicht ist. Insgesamt investiert der für das gesamte Projekt gegründete EKM-Stromverbund, eine Tochter der Landeskirche mit drei Mitarbeitern, etwa 55 Millionen Euro. Technisch gewartet und betrieben werden die Windräder allerdings nicht aus dem Landeskirchenamt, sondern von externen Dienstleistern in den Windparks vor Ort.

Dass die Landeskirche überhaupt in die Produktion von Strom einsteigt, ist eine Folge der Kampagne »Klimawandel – Lebenswandel«, mit der die EKM 2011 in vielen Veranstaltungen Fragen des Klimaschutzes nachging. »Auch die Landessynode hat sich mit dem Thema beschäftigt und gefragt, was wir als Kirche im größeren Stil für den Klimaschutz tun könnten«, sagt EKM-Sprecher Friedemann Kahl.
In der Synode sei dann die Idee entstanden, den selbstverbrauchten Strom durch Windräder zu produzieren. Denn die Kirche in Mitteldeutschland besitzt viele Flächen, die sie auch schon vor 2011 an Betreiber von Windparks verpachtet hatte. Rund 130 Mühlen von anderen Investoren drehen sich auf kirchlichen Feldern der EKM.

Da lag es nahe, selber als Betreiber in das Geschäft einzusteigen, auch wenn Windparks schon lange nicht mehr unumstritten sind. Während die einen vor allem ästhetische Argumente gegen die »Verspargelung der Landschaft« ins Feld führen, verweisen die anderen auf mögliche Gefahren für Mensch und Tier: Vögel sterben durch den Rotorenschlag, Menschen fühlen sich durch Schall- und Lichtemissionen sowie Verschattungen beeinträchtigt. Deshalb sei es wichtig, dass die Standorte genau geprüft werden, so Wick.

Stephan Kosch

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Kann man mit den Ohren essen?

20. Juli 2018 von redaktionguh  
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Klingende Leckerbissen: Stadt- und Dorfkirchenmusiken im Weimarer Land

Die Stadt- und Dorfkirchenmusiken im Kreis Weimarer Land stehen vom 21. Juli bis 19. August unter dem Motto »Auditive Leckerbissen zwischen Luther- und Bauhausjahr«. Die 27. Ausgabe der Veranstaltungsreihe kredenzt dabei eine reichhaltige Menükarte für jeden Geschmack. Von Oper bis Jazz, von Blues bis zum barocken Konzert ist alles dabei!

Gitarrenduo Katrin und Reinhard Jungrichter. Foto: Veranstalter

Gitarrenduo Katrin und Reinhard Jungrichter. Foto: Veranstalter

»Musik«, schreibt ein britischer Psychologe, »beeinflusst, wie Essen schmeckt!« Viola-Bianca Kießling, die Referentin für Musik und Heimatpflege im Landratsamt Apolda, ist deshalb überzeugt: »Auch Ohren sind in der Lage zu essen.« Und fordert die Besucher deshalb auf: »Lassen Sie sich die Musik unserer Konzerte schmecken!« Im Eröffnungskonzert laden Edwin Ilg, Verena Küllmer und das Ensemble »arcum tendere lipsiense« mit scharfen Konturen, gewürzt mit Blätterrauschen, Donner, Sturm und Jagdgeschehen, zu Antonio Vivaldis »Le Quattro stagioni« (Die vier Jahreszeiten) ein. Damit der Bogen zum Bauhausjahr schon einmal anklingt, ließ sich der Klangkörper die Fuge II für Orgel von Lyonel Feininger instrumentieren (21. Juli, 19 Uhr, Apolda-Oberroßla). Mit spanischen Spezialitäten für Gitarre bringen Katrin und Reinhard Jungrichter (Weimar) musikalische Tapas der Extraklasse zu Gehör (22. Juli, 17 Uhr, Kirche Rettwitz). Weitere Termine werden auf Seite 10 an den jeweiligen Wochenenden angekündigt.

Bisher waren 93 Städte und Gemeinden Gastgeber der Konzerte. In 118 Kirchen erklangen 66 Orgeln. Diese kostbaren Instrumente aus der Bachzeit und vor allem aus dem 19. Jahrhundert sind das Herzstück der Konzertreihe. Sie zeugen auf eindrucksvolle Weise vom Reichtum der thüringischen Orgeln. Ebenso reich ist die Tradition des Thüringer Glockengusses. Als wichtiger Bestandteil der Konzerte sind diese teilweise sehr alten Glocken in die Eröffnung der Konzerte integriert.

Auf ähnliche Weise wie die Maler und Grafiker Lyonel Feininger oder Alfred Ahner kann man sich beim Hören der Musik von der besonderen Architektur der Gotteshäuser inspirieren lassen.

(G+H)

www.weimarerland.de/kultur/dorfkirchenmusiken_2018_programm.pdf

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Ein Jahr mit dem Stern

8. Juli 2018 von redaktionguh  
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ACHAVA Festspiele: Kunsthalle Erfurt zeigt Fotografien von Elena Kaufmann

Seit 2012 lebt und arbeitet die in St. Petersburg aufgewachsene Fotografin Elena Kaufmann in Erfurt. Hier hat sie über einen längeren Zeitraum Menschen der jüdischen Gemeinde mit der Kamera begleitet, um sie zu porträtieren und Momente zwischen Heiligkeit und Alltäglichem einzufangen. Neben stimmungsvollen Situationsaufnahmen, deren menschliche Wärme und Nähe oftmals zeitlos wirkt, wandte sie sich den Menschen auch im Porträt zu und überzeugt hier mit ihrer feinsinnigen Beobachtungsgabe. Entstanden aus einer gemeinsamen Idee, fördern die ACHAVA Festspiele Thüringen eine Ausstellung, die ab 19. Juli in der Erfurter Kunsthalle gezeigt wird, sowie ein dazugehöriges Buch.
Kultur-vor-Ort-2-27-2018Fragt man, was den besonderen Wert dieser über Wochen und Monate kontinuierlich gewachsenen Serie ausmacht, dann finden sich Antworten in der Geschichte der Fotografie und in der Intention der Fotografin, stets das Konkret-Menschliche im Fokus ihrer Arbeit zu halten, den persönlichen Ausdruck, die individuelle Erscheinung. Es geht ihr nicht vordergründig um visuelle Reize und gelungene Kompositionen. Sie spielen als Mittel zur Erreichung ihres zentralen Anliegens natürlich auch eine Rolle.

Titelmotiv der Ausstellung: Tallit. Gebetsschal. Foto: Elena Kaufmann/Achava

Titelmotiv der Ausstellung: Tallit. Gebetsschal. Foto: Elena Kaufmann/Achava

Vor allem geht es aber darum, das Menschliche und damit Verbindende in all den Szenen zu zeigen, die jüdisches Leben heute in einer kleinen Gemeinde und einer Stadt wie Erfurt charakterisieren. Hier wird nicht einfach illustriert und auf die Allgemeinverständlichkeit des Gezeigten abgezielt, wie man es von einer üblichen fotografischen Reportage erwarten könnte. Nein, weit darüber hinaus gelingt Elena Kaufmann das Sichtbarmachen fragiler zwischenmenschlicher Geflechte, subjektiver Gesten und Befindlichkeiten. Im Zentrum steht immer wieder der menschlich berührende Moment, der dem einen oder anderen Augenzeugen vielleicht entgangen ist, nicht jedoch der feinen Wahrnehmung der Fotografin, die sich dabei als eine Künstlerin ihres Fachs erweist. Im Verlauf der Arbeiten wuchs der Wunsch, die Mitglieder der Gemeinde nicht nur fotografisch zu begleiten, sondern auch direkt zu porträtieren. Dabei vertraute Elena Kaufmann ihrer Intuition, dass vor allem Sprache und Sprechen während der Porträtsitzung zu einer Situation führt, in der Anspannungen und Projektionen gelöst werden, die Porträtierten ihre Posen verlieren und gleichsam »vergessen«, dass sie fotografiert werden.

Das beobachtende Fotografieren mündet so in eine Emphase des Menschlichen und Verbindenden.

In der Erfurter Journalistin Antje-Maria Lochthofen fand Elena Kaufmann schließlich eine Autorin, die ihre fotografischen Eindrücke in Worte fassen konnte. Sie traf die Porträtierten entweder im Studio der Fotografin oder in deren Wohnungen, sprach stundenlang mit ihnen und formte aus ihren Gesprächsaufzeichnungen jene Texte, die nun im Buch und in der Ausstellung die Bildnisse begleiten – als Einladung und Schlüssel zum tieferen Verständnis der Persönlichkeiten.

Das Buch wird unter dem Titel »Ein Jahr mit dem Stern« zur Vernissage präsentiert (112 Seiten, Preis: 39 Euro).
(G+H)

20. Juli bis 30. September, Kunsthalle Erfurt, Fischmarkt 1. Vernissage: 19. Juli, 19 Uhr

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Mit der Moto Guzzi ins Baltikum

2. Juli 2018 von redaktionguh  
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Von Jena nach Riga: Biker-Pfarrer Matthias Zierold tritt im August eine Auslandspfarrstelle in Lettland an. Für sechs Jahre wird er die Gemeinden der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Riga betreuen. Die Koffer sind noch nicht gepackt, das Motorrad aber ist schon vollgetankt.


Bevor Sie nach Jena kamen waren Sie Pfarrer in St. Petersburg in Rußland und in Baku in Aserbaidschan. Sie hält es nie lange an einem Ort?
Zierold:
Ja und nein. Es ist ja in vielen Berufen so, dass Wechsel auf der Tagesordnung stehen. Auch das Berufsbild des Pfarrers hat sich gravierend geändert. Die Vorstellung von einem Pfarrer, der lange an einem Ort ist, immer die gleichen Aufgaben hat, wandelt sich. Man arbeitet und lebt heute in Projekten und zeitlich befristeten Tätigkeiten. Entsprechend ist auch die Verweildauer eine andere.

Auch andere Länder haben schöne Pfarrstellen. Was zieht Sie mit Vorliebe gen Osten?
Zierold:
Mich würde es auch in andere Regionen ziehen, aber Aufgabe und Qualifikation müssen passen. Mit meiner Erfahrung, meinen Beziehungen bin ich für Lettland besser geeignet als für Lissabon. Außerdem lebe ich gern in einer Welt, in der nicht alles so perfekt ist, wo Spontanität noch eine Möglichkeit ist. Es macht einfach mehr Freude, wenn es Raum für Improvisation und Kreativität gibt.

Apropos Kreativität: Als begeisterter Motorradfahrer haben Sie 1998 das erste christliche Biker-Treffen in Friesau organisiert. Die Biker-Gottesdienste sind inzwischen eine Institution. Werden Sie denn jetzt das Bike gegen ein Boot an der Ostsee eintauschen müssen?
Zierold:
Nein, erstmal nicht (lacht).

Wieviele Zweiräder haben Sie denn?
Zierold:
Da müsste ich mal zählen. Zehn vielleicht. Aber ich fahre ja nicht nur, sondern sammle, baue auf. Das älteste Motorrad, das ich habe, ist eine Excelsior von 1930 – das neuste eine Moto Guzzi von 2005.

Was fasziniert Sie an diesem Hobby?
Zierold:
Ich bin ein großer Fan von klassischen Motoren, vor allem von Maschinen mit V- oder Ein-Zylinder-Motoren. Dieser Klang! Mich begeistern längs liegende Kurbelwellen. Da sind die Vibrationen besonders zu spüren. Ein Motorrad, das ist für mich Technik, die man sieht und hört, die man verstehen kann. Für mich ist das mehr, als das bisschen Blech, auf das man draufsteigt und losfährt.

Augen auf bei der Berufswahl – hätten Sie auch als Mechaniker oder Ingenieur Karriere machen können?
Zierold:
Letztlich geht es mir schon um die Arbeit mit Menschen. Und um die großen Fragen, die uns bewegen: Was bedeutet Glück? Warum gibt es Leid? Woher komme ich und wo gehe ich hin? Was gibt mir Halt im Leben? Den Berufswunsch, Pfarrer zu werden, hatte ich recht früh. Ich habe mich entschieden, ins Vikariat zu gehen und ordiniert zu werden. Aber ich habe mich natürlich an jeder Weiche, vor jeder nächsten Entscheidung gefragt: Will ich das – oder doch etwas ganz anderes? Die Arbeit eines Pfarrers orientiert sich am Jahreskreis, da gibt es feste Pläne und Veranstaltungen, die sich irgendwann immer wiederholen. Da ist ein Wechsel ganz gut. Damit will ich die Bedeutung von Kontinuität nicht schmälern.

Wandel nehmen Sie als etwas Positives wahr. Angesichts der strukturellen Veränderungen, setzen viele Kirchengemeinden derzeit auf neue, kreative Formate. Braucht es das, um Menschen für den Glauben zu begeistern?
Zierold:
Die Motorradfahrerarbeit ist ein gutes Beispiel. Dieses Format gelingt deshalb, weil es Menschen mit einem gemeinschaftsstiftenden Thema zusammenführt, mit dem sich eine ganz bestimmte Zielgruppe identifizieren kann. Mit diesem Konzept geht Kirche raus zu den Menschen. Die Motorradtreffen können überall stattfinden: bei Motorradmessen, bei den Sternfahrten vom TÜV Thüringen, am Domplatz in Erfurt. Aber es gibt eben auch mit dem zentralen Biker-Gottesdienst einen festen Ort, an dem die Motorradfahrer zusammenkommen können. Das braucht es. Nur so kann Gemeinde überhaupt erst wachsen. Die persönliche Gegenwart ist entscheidend. Wenn die nicht gegeben ist, bleibt der Verbindlichkeitsgrad niedrig.

Vor welchen Herausforderungen stehen die evangelischen Gemeinden in Lettland?
Zierold:
Es gibt in Lettland vier lutherische Kirchen – mit großen theologischen Unterschieden. Die lettisch-lutherische Kirche hat sich in den letzten Jahren mit dem Votum gegen gleichgeschlechtliche Ehen und ihrer Entscheidung, die Frauenordination abzuschaffen, etwas ins Abseits gedrängt. Erstaunlich war, dass die Basis dahinter stand. Aber es gibt im Land ja noch andere lutherische Kirchen. Wer anders denkt, wechselt einfach die Kirche. Einige Gemeinden sind komplett ausgetreten. Das ist etwas, was man sich in Deutschland nicht vorstellen kann, weil unsere Kirche anders organisiert ist. Dort ist das möglich aufgrund der juristischen Grundlage nach lettischem Recht.

Startklar: Matthias Zierold und seine Moto Guzzi. Foto: Beatrix Heinrichs

Startklar: Matthias Zierold und seine Moto Guzzi. Foto: Beatrix Heinrichs

Das besondere an der Situation der lutherischen Christen ist, dass sie seit der Zeit der Sowjetunion, und zum Teil noch heute, in einem Gefühl der Diaspora leben. Vor der Oktoberrevolution waren sie die zweitstärkste Konfession im Russischen Zarenreich, weil es sehr viele Deutsche gab. Heute verstehen sich die Lutherischen als eine Konfession unter anderen. Das fordert heraus, sich konkret zu fragen: Warum bin ich eigentlich evangelisch-lutherisch? Gerade in einer Stadt wie Riga, wo es noch fünf, sechs Kirchen neben der eigenen gibt, muss man klarer bekennen, warum man gerade dieser Gemeinde angehört, in eben diese Kirche geht.

Wie beantworten die Christen Ihrer künftigen Gemeinde diese Frage?
Zierold:
Mit Tradition und Sprache. Die Menschen bekennen sich unter anderem zur evangelisch-lutherischen Kirche, weil es die Familie seit Generationen tut oder ganz einfach weil man deutsch spricht. Die Gemeinden sind, was die Mitgliederzahl betrifft, oft sehr klein. Aber sie stellen sich diese Frage nach der Zugehörigkeit mit einer größeren Intensität.

Riga wurde im zwölften Jahrhundert von Deutschen gegründet. Die Stadt ist religös sehr vielfältig. Neben der Evangelisch-Lutherischen, der Katholischen und der Russisch- bzw. Lettisch-orthodoxen Kirche gibt es auch eine Armenisch-apostolische Gemeinde. Wie gestaltet sich Ökumene in Riga?
Zierold:
Genau kann ich das noch nicht sagen. Aber aus meiner Erfahrung in Petersburg weiß ich: Es besteht die Gefahr, dass jeder bei sich bleibt. Das hat dort auch mit der Stärke der orthodoxen Kirche zu tun, die sehr auf sich selbst bezogen ist. Was den Kirchen im Allgemeinen zu schaffen macht, ist der Verlust der Deutungshoheit in Glaubensfragen.Die Menschen entscheiden heute selbst, was richtig und falsch ist. Gerade für die Orthodoxen ist das ein großes Problem. Da ist man gefordert, sich für Ökumene zu öffnen. Und natürlich gilt auch hier, dass, dort wo eine persönliche Beziehung entsteht, auch Ökumene funktioniert.

Welche Erfahrungen aus Jena packen Sie in Ihren Reisekoffer? Was werden Sie vermissen?
Zierold:
Vermissen werde ich einiges. Vor allem aber auch die Junge Gemeinde, die ich hier wieder mit aufgebaut habe. Die Jugendlichen entwickeln zur Zeit eine Flügelaktivität, das ist schön zu sehen. Dass ich in Zukunft nicht mehr da sein werde, hat ihnen einen Verantwortungsschub gegeben, ihnen zu mehr Selbstständigkeit verholfen.

In der Gemeinde in Zwätzen gibt es überhaupt ein großes ehrenamtliches Engagement. Ich hätte in den Jahren hier bestimmte Verantwortungspositionen und Kontrollfunktionen stärker ausüben können. Aber ich habe mich bewusst ein Stück zurückgezogen und vieles verteilt. Und es funktioniert. Die Gemeinde schaut sehr gelassen auf die Vakanz. Möglich, dass es etwas, was es vorher gab, vielleicht nicht mehr geben wird, aber nur so kann Neues entstehen. Es muss auch nicht immer alles gleich bleiben.

Das Gespräch führte Beatrix Heinrichs.

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»Versagensgeschichte der Kirche«

9. Juni 2018 von redaktionguh  
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Industrialisierung und Kirche: Harald Krille sprach mit dem Hallenser Kirchengeschichtler Professor Axel Noack über Ursachen und Folgen.

Der Freistaat Thüringen stellt in seinem Themenjahr die Industrialisierung und die sozialen Bewegungen in den Mittelpunkt. Woran denkt ein Kirchengeschichtler zuerst, wenn er das Wort Industrialisierung hört?
Noack:
Bei Thüringen fallen einem sofort ganz besondere Dinge ein, etwa die Aufbruchbewegungen in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Man nennt die Zeit auch die Zeit der wilden Propheten, die begleitet von weißgewandeten Jungfrauen durch das Land zogen und ihre Heilslehren verkündeten.

Zum anderen denkt der Kirchengeschichtler natürlich an die Arbeiterbewegung und die damit verbundene Entkirchlichung. Schon 1919 bei den Wahlen zur Nationalversammlung fällt auf, dass sowohl in Thüringen wie auch in der Provinz Sachsen sehr viele Menschen die Sozialdemokraten oder sogar die Unabhängigen Sozialdemokraten wählten. Und das, obwohl die Kirchen relativ lautstark vor der Wahl dieser Parteien warnten. Das wurde und wird von vielen als Zeichen dafür gesehen, dass die Kirche besonders von den Industriearbeitern schon sehr weit entfremdet war. Die Kirche muss deshalb die Geschichte der aufkommenden Industrialisierung auch als ein Stück Versagensgeschichte sehen.

Industrialisierung in Mitteldeutschland: »August-Bebel-Hütte/Mansfelderlandschaft 1962« lautet der Titel des monumentalen Ölgemäldes des Sangerhäuser Malers Wilhelm Schmied (1910–1984). – Reproduktion/Bildrechte: Wilhelm-Schmied-Verein/06536 Südharz OT Wickerode

Industrialisierung in Mitteldeutschland: »August-Bebel-Hütte/Mansfelderlandschaft 1962« lautet der Titel des monumentalen Ölgemäldes des Sangerhäuser Malers Wilhelm Schmied (1910–1984). – Reproduktion/Bildrechte: Wilhelm-Schmied-Verein/06536 Südharz OT Wickerode

Von August Bebel ist der Ausspruch überliefert, Christentum und Sozialismus stünden sich wie Feuer und Wasser gegenüber.
Noack:
Dieser Zug ist von Anfang an in der Arbeiterbewegung zu finden. Gerade die Sozialistische Bewegung ging ja zum Teil auch aus Abspaltungen von der Kirche hervor. Gerade in Thüringen und dem heutigen Sachsen-Anhalt muss man da die sogenannten Lichtfreunde und Vertreter der rationalistischen Theologie erwähnen. Nicht umsonst erfolgte die Gründung der ersten Arbeiterpartei und dann auch der SPD in Thüringen. Und: Gerade auch in Thüringen gab es engagierte »religiöse Sozialisten« auch unter der Pfarrerschaft.

Nun spricht man ja auch gern von den sozialen Bewegungen der Kirche, von Diakonie und Caritas, als den Lichtbringern in dunkler Zeit. Aber im Blick auf die sozialen Herausforderungen der Industrialisierung spielten sie offensichtlich keine Rolle?
Noack:
Der sogenannte soziale Protestantismus spielt schon eine wichtige Rolle, vielleicht stärker noch im damaligen Preußen als in Thüringen. Aber das Problem ist, dass dieser soziale Protestantismus, ich nenne nur den Namen Adolf Stoecker, sich von Anfang an eben auch gegen die Sozialdemokratie wandte. Sozialarbeit wurde damit als Gegenbewegung zur SPD verstanden. Letztlich ist die Kirche genötigt worden, sich sozial zu engagieren. Sie tat es nicht von allein. Und sie hat die ganze Härte der sozialen Frage nicht ausreichend wahrgenommen.

Hat diese Entfremdung Auswirkungen bis heute?
Noack:
Die Auswirkungen spüren wir heute noch. Die Entfremdung ist im Grunde geblieben. Übrigens waren deshalb auch so viele Pfarrer in Thüringen so empfänglich für den Nationalsozialismus, weil sie zumindest anfänglich dachten, mit Unterstützung der NSDAP kommen jetzt die Massen wieder zur Kirche.

Die Industrielle Revolution ist Geschichte, heute spricht man von der digitalen Revolution. Was bedeutet das für die Kirche?
Noack:
Wir sollten bei solchen Schlagworten schon genauer hinschauen. Es stimmt doch einfach nicht, dass man in Zukunft nur noch mit Informatikstudium durchs Leben kommt. Auch in Zukunft gibt es beispielsweise handwerkliche Aufgaben. Aber wir stehen als Kirche in der Gefahr, auch dem Akademisierungswahn unserer Gesellschaft zu erliegen. Selbst unter Pfarrern empfindet man es als sozialen Abstieg, wenn die eigenen Kinder nicht studieren. Menschen, die nur schlichte Aufgaben ausführen können, sind auch bei uns nicht hoch im Kurs. Mal ganz konkret: Wir versuchen überall elektrische oder sogar digital gesteuerte Läuteanlagen zu installieren. Und nehmen damit jedem, der vielleicht nie Lektor sein aber durchaus die Glocken läuten könnte, die Möglichkeit der Beteiligung.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

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